"Waldi" und die Qualität der Medien

Wir sind erschüttert. Alles, woran wir geglaubt haben, siecht dahin. Es gibt immer weniger Gewissheit. Was ist passiert? Waldemar Hartmann, Reporter-Legende des ARD-Sports hat als Telefonjoker bei “Wer wird Millionär?” nicht gewusst, dass Deutschland im eigenen Land Fußball-Weltmeister geworden ist. Ein Experte, der nichts weiß! Die Medien quillen über von diesem Skandal.

Jetzt aber mal langsam. Jeder Mensch haut mal daneben, erlebt mal einen brutalen Blackout. Mein persönlicher Klassiker ist es, dass mir bei Menschen, die ich schon 20 Mal gesehen habe, bei einer spontanen Begegnung der Name nicht mehr einfällt. Der lustige “Waldi” hat zudem geltend gemacht, dass ihn die schöne Kandidatin Lene Gehrcke verwirrt habe.

Nun hält man den Hartmann gemeinhin eher für weißbier- denn hormongesteuert. Aber das Phänomen, dass hinter dem Wohlklang einer   Frauenstimme der speicherfähige Inhalt verblasst, das kennen, nun ja, auch andere.

Die “größte TV-Blamage aller Zeiten” aber lenkt den Blick auf ein anderes Themenfeld: die Qualität des Journalismus. Niemand darf erwarten, dass sich journalistische Experten stets auf Augenhöhe mit Wissenschaftlern oder ausgewiesenen Helden des sinnlosen Spezialwissens befinden. Ein schöner Lehrsatz über das Wesen des Journalismus lautet denn auch so: “Nichts wissen und das gekonnt ausdrücken.” Was wiederum bedeuten soll, dass gute Journalisten/-innen vor allem wissen müssen, wie und wo sie sich interessante Fakten besorgen können.

Am Bedeutungsverlust der professionellen Medienmacher/-innen ändert das nichts. Denken wir etwa an den früheren Bundeskanzler Willy Brandt, der in diesen Tagen 100 Jahre alt würde. Er selbst war Journalist, seine engsten Vertrauten übten diesen Beruf aus. Das Ergebnis war eine Politik mit wirklichen Reformen. Die Meinung von Publizisten zählte etwas.

Heute wird vor allem jungen Journalistinnen und Journalisten von interessierter Seite eingebläut, dass sie in erster Linie Kostenfaktoren sind. Sie lernen, dass es immer jemand gibt, der ihren Job billiger macht. Man sagt ihnen, dass sie dankbar sein dürfen, wenn ihre Gedanken überhaupt veröffentlicht werden. Und sei es gratis.

Die von der Umsatzrendite beseelten Verlagsgeschäftsführer fordern inzwischen sogar eine Gehaltstarifgruppe für nicht-akademische Billig-Journalisten. Haben sie damit Erfolg, wir unser Lehrsatz alsbald wie folgt lauten: “Nichts wissen und das auch noch schlecht ausdrücken.” Schöne neue Zeiten.

 

 

 

 

Zu Hilfe, wir werden immer müder

Es passiert selten, aber es passiert: Eine Nachricht wird in die Welt gesetzt – und plötzlich sind Dir die Augen geöffnet. Du liest, hörst und verstehst. So geschehen mit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis: “Schlaf reinigt das Gehirn.”

Demnach dürfen wir sicher davon ausgehen, dass wir alle dümmer oder grantiger werden. Woran das Fernsehen schuld ist. Zwingt es uns doch dazu, lange wach zu bleiben. Es ist doch so, dass es bis tief in die Nacht dauert, ehe der quotenträchtige Sendeschrott abgearbeitet ist. Wen nicht interessiert, wer eine nette Schwiegermutter bekommt oder welcher Prominente das größte Wissen über australische Beuteltiere hat, braucht Geduld. Interessante Reportagen laufen bevorzugt kurz vor Mitternacht.

Um diese Uhrzeit enden die sensationellen Shows der privaten Kanäle. Was nicht anders sein kann, weil es jeweils 30 Minuten braucht, die Hotline-Nummern und den Hauptgewinn des Abends vorzustellen. Von der Stunde weiterer Werbung ganz zu schweigen.

Zweites Drama: Unser geliebter Fußball. Früher haben Spiele um 19 Uhr begonnen, die Interviews dauerten maximal drei Minuten. Heute ziehen sich Länderspiel- oder Champions-League-Berichte gerne mal bis kurz vor Mitternacht. Wenn, wie diese Woche, Armenien und Russland erst um 23.30 Uhr gezeigt und hinterher noch “Pelzig hält sich” läuft – wer soll da mit sauberem Gehirn in den neuen Tag starten? Bald kaum jemand mehr, denn: Wir sind übermüdet, wir werden immer müder. Wir werden denkfaul und grantig. Unsere Gehirne verstauben, es knirscht im Kopf.

Und einen Ausweg gibt es nicht. Für Politik, Kultur und sonstiges Niveau gibt es nur die späten Sendeplätze. Und so bleibt uns, wie so oft im Leben, nur der flehende Blick nach oben. Wir beten also “Herr, lass’ Hirn vom Himmel regnen” und hoffen auf frisches Material. Denn wacher werden wir nicht.

Was macht die Gsell, wie geht's der Pauli?

Zu den allseits beliebten journalistischen Produkten zählt die Rubrik “Was macht eigentlich…..?”. Man erinnert damit an berühmte Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Man schreibt zum Beispiel darüber, dass der große Kriegstreiber Georg W. Bush heute Bilder von Hundebabys malt. Aber bleiben wir in Franken, und fragen: Was machen zwei große Heldinnen dieses Blogs, nämlich Tatjana Gsell und Gabriele Pauli?

Als ich kürzlich an Tatjana Gsell gedacht habe, war das vermutlich eine Vorahnung. Denn tatsächlich: Sie ist wieder da. Die einstmals teuerste Frau der Welt hat eine Hauptrolle in der quotenstarken RTL2-Serie “Promi-Frauentausch” bekommen. Sie präsentiert sich dort, wie es heißt, dank einer konsequenten Champagner-Botox-Diät völlig faltenfrei und mit einer Oberweite, die nach den Gesetzen der Schwerkraft den aufrechten Gang unmöglich macht. Aber gut, auch Hummeln können fliegen. Wie das Fernsehpublikum mittlerweile erfahren hat, lebt die berühmte Witwe heute mit zwei Männern in London. Wobei einer von beiden deutlich jünger ist und in der Wohnung Waschbären und Leguane hält. Das alles klingt nach ganz großem Drama.

Bei Gabriele Pauli ist die Sache anders gelagert. Sie hat, erstens, gerade den Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, erfolgreich auf eine persönliche Wahlkampfkostenerstattung von 4600 € verklagt. Sie hat, zweitens, ein Buch geschrieben. Es soll im Sommer 2013 erscheinen und neben autobiographischen Inhalten auch Vorschläge für eine moderne Politik enthalten.

Wir sollten es lesen. Klar, es stimmt, dass Gabriele Pauli nach ihrer nahezu im Alleingang betriebenen Demontage des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zeitweise allzu stark in die Welt der Modestrecken und der spirituellen Grenzerfahrungen abgedriftet ist. Die vormals schöne Landrätin wurde deshalb irgendwann als absurde Politikerin wahrgenommen.

Aber kann man es ihr verdenken? Sie hat sich ja mit dem am besten funktionierenden politischen Beziehungssystem überhaupt angelegt. Wenn man bloß überlegt, wie erfolglos sich die komplette Opposition in Bayern an der CSU abarbeitet, war doch klar, dass die Rache der Staatspartei fürchterlich sein würde. Zumal sich die feigeren (oder klügeren?) Mitstreiter nach dem Putsch eiligst in die Büsche geschlagen hatten. Der alte Edmund Stoiber wurde parteiintern rehablitiert. Er ist sogar als künftiger Präsident des FC Bayern München im Gespräch. Eine Funktion, die im Lederhosen-und-Laptop-System als papstgleich gelten darf.

Fassen wir zusammen, kommen wir zum Fazit. Wie in der “Zeit” zu lesen war, ist in unserer Gesellschaft der Platz von Uli Hoeneß für eine frühere Heldin frei geworden. Klare Wahl: Vergeben wir ihn an Gabriele Pauli. Vielleicht hilft es irgendwann doch noch was.

CSU-Affäre, oder: Die Macht der Problembären

Wie können die bloß so blöd sein? Angesichts der Drohanruf-Affäre der CSU schießt einem diese Frage ganz zwangsläufig durch den Kopf. Spätestens seit Christian Wulffs Absturz hätte eigentlich klar sein sollen, dass derartige Aktionen gegen die Pressefreiheit äußerst gefährlich sein können. Warum ist es trotzdem passiert?

An Übereifer beim bisherigen CSU-Sprecher Hans Michael Strepp glaube ich nicht. Trotz aller Dementis. Denn der Versuch, durch “gut gemeinte Hinweise” Einfluss auf Medien zu nehmen, ist seiner Partei keineswegs fremd. So hat Markus Söders Ex-Sprecherin Ulrike Strauß beim Bayerischen Rundfunk erfolgreich gegen einen Beitrag interveniert. Vor allem aber lokale Medien werden das bestätigen.

Dazu muss man wissen, dass die CSU ihrem Wesen nach keine Großstadtpartei ist. Typische Themen oder Probleme der Zentren – Ablehnung von Institutionen, Vereinzelung, hoher Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit, Straßenkriminalität, unkontrollierte Kreativität – sind ihr zuwider. Toleranz steht im Wertesystem der CSU nicht ganz weit oben. Sie ist mehr die Partei des “gesunden Menschenverstandes”, der mit Geranien geschmückten Eigenheime, der eifrig genutzten Beichtstühle und der Feuerwehrfeste. Laptop ja, aber bitte mit mentaler Lederhose. Dort, wo erfolgreiche Milchviehhalter Vip-Status haben, atmet der Geist der Christsozialen besonders frei. Ihr Generalsekretär Alexander Dobrindt stammt aus Peißenberg. 12.500 Einwohner hat diese Marktgemeinde. Das passt perfekt.

In solchen Umgebungen ist es normal, dass einer Partei wie der CSU nicht nur der verfassungsgemäße Beitrag zur politischen Meinungsbildung zukommt. Vor allem dort, wo sie unangefochten regiert, bestimmt sie auch gerne mit, was in der Zeitung steht. Die Ermahnung an Journalisten, dass man doch das Wohl der Stadt sehen möge, ist wohlbekannt.

Wir haben es also mit einem Problem der Mentalität und dem Verhältnis zur Macht zu tun. Die CSU war nach ihrer Wahlpleite von 2008 bescheidener geworden. Wenn aber, wie jüngst, die Umfragewerte nachoben gehen, werden die alten Denkmuster neu stimuliert. Und dann wird es gefährlich.

Das können Menschen treffend beschreiben, die das Innenleben der CSU bestens kennen. Wie etwa die allgemein kaum mehr ernstgenommene frühere “schöne Landrätin” Gabriele Pauli. Sie hat zum aktuellen Geschehen Pressemitteilungen verschickt. Ich leiste mir den Luxus, daraus zu zitieren:

“‘Wenn Horst Seehofer die CSU als ‘bärenstark’ bezeichnet, fallen mir sofort die Probleme mit dem ‘Schadbären’ Bruno aus dem Jahr 2006 wieder ein. Man weiß ja, wie die Sache damals ausging, selbst der starke Bär wurde erlegt. Die Partei lullt sich derzeit mit bestellten honigsüßen Umfragen selbst ein. Die Partei hat nach wie vor ein grosses Frauenproblem und viele männliche ‘Problembären’. Erst maulen sie über Monate hinweg lauthals gegen Merkels Europapolitik und fordern das Zudrehen des Geldhahns für Griechenland. Aber wenn die Kanzlerin beim Parteitag im Saal spricht, wirken Seehofer, Dobrindt und Söder wie kuschelige Teddybären und tanzen nach Merkels Taktstöckchen.”

Und zur Anrufaffäre lässt Pauli verbreiten: “Die CSU von 2012 unterscheidet sie in ihrer Skrupellosigkeit nicht von der CSU unter Edmund Stoiber. Sie ist machtvergessen und machtversessen. Die DDR wurde nicht aufgelöst, in Bayern lebt sie noch.” Paulis Fazit zum missratenen Telefonat: “Das ist der Anfang vom Ende der CSU bei der Landtagswahl 2013.”

Interessante Analyse, verwegene Prognose. Würde beides stimmen, wär’s ein Wunder.



Am Lagerfeuer mit Herrn Jauch

Ist es nicht phantastisch? Wir leben im Land der unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten. Selbst in unserer “staden Zeit”, den Sommerferien, haben wir tagtäglich die Auswahl unter mindestens zwei Dutzend Angeboten. Wir können ins Museum gehen, ein Konzert anhören, mit dem Volksfest-Riesenrad fahren oder uns mit Freunden im Biergarten treffen. Aber was tun wir wirklich? Wir sitzen vor der Glotze.

Fernsehen ist nach einer Studie der BAT-Stiftung die liebste beziehungsweise häufigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Wobei uns das Programm oft gar nicht fesselt. Wir sitzen vielmehr da, machen irgendetwas nebenbei und konzentrieren uns frühestens ab der 125.000-Euro-Frage. Klingt nach purer Zeitverschwendung. Ist es auch. Und es ist verständlich.

Dann auch wir haben unsere Geschichte. Wir haben als Homo sapiens  nicht im Paradies, sondern in der afrikanischen Savanne begonnen. Wir haben nach Wurzeln gegraben, Beeren gepflückt und bei Bedarf ein Tier erlegt. Kühlschränke hatten wir nicht, also mussten wir es auch nicht übertreiben. Ein Zwei- bis Vier-Stunden-Arbeitstag hat gereicht.

Der Rest war Freizeit. Und abends haben sich die Jäger und Sammler vor dem Lagefeuer versammelt. Sie haben sich wilde Geschichten erzählt oder stumm in die dunkle Wildnis geblickt, ehe sie der Fortpflanzung ihrer famosen Spezies dienten. Auch dafür war Zeit. Man konnte ja locker verschlafen. Dann kam ein heftiger Klimawandel, weshalb man sich aufmachte, den Rest der Welt zu erobern. Was ja überzeugend gelungen ist.

Das war vor hunderttausend Jahren. Unsere heutige städtische Lebensweise dagegen ist noch nicht einmal 200 Jahre alt. Dementsprechend  stresst sie uns. Denn so sehr wir auch durch die Gegend rennen, steckt die Sehnsucht nach dem Lagerfeuer tief in unserem Hirn. Womit wir bei den Talkshows wären. Auch da sitzen Menschen herum und erzählen seltsames Zeug, von dem uns schon am nächsten Tag nichts mehr in Erinnerung ist.

Eigentlich fatal. Aber sehen wir es doch gelassen. Er gefällt uns eben, der Abend am Lagerfeuer mit Herrn Jauch. Nehmen wir das doch einfach hin. Denn die Suche nach der perfekten sinnvollen Freizeit ist wieder auch eines: Neuer Stress, den wir eigentlich nicht brauchen können.

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Erst die Titanic, jetzt Gottschalk

Dank der zahlreichen Castingshows haben wir uns daran gewöhnt, dass Super- und Megastars heute kommen und spätestens übermorgen gehen. Moderne Stars sind wie U-Bahnen. Es kommt immer gleich eine andere.

Wie anders erschien uns da Thomas Gottschalk. Als bis vor kurzem größter Showmaster des Landes, als Luxusliner der TV-Unterhaltung, wagte er sich an eine neue Herausforderung. Mit einer Live-Wohnzimmer-Show wollte er dem öden Vorabendprogramm der ARD frisches Leben einhauchen.

Unsinkbar sollte er unter vollem Dampf durch die Todeszone des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kreuzen. Mit spontanen Späßen und richtig berühmten Gästen. Ganz anders als die Privatsender mit ihren blutjungen Plaudertaschen oder seichten Daily Soaps.

Kein Eisberg sollte sich ihm in den Weg stellen. Und das tat auch keiner. Es kam noch ärger: Das schlimmste Eis für einen Moderator ist die kalte Schulter des Publikums. Sie lauert knapp unter dem Wasser und schlägt bei sinkendem Quotenpegel erbarmungslos zu.

Titanic ist überall. Am 7. Juni ist für Gottschalk in der ARD Schluss. Und wenn er sich nicht zum anderen Luxusdampfer MS Harald Schmidt auf die Altenheimterrasse setzen will, bleibt ihm nur noch eine Hoffnung: Dass sein Nachfolger Markus Lanz bei “Wetten, dass…?” versagt. Denn dort könnten sie den alten Chaoten immer brauchen. Ganz bestimmt.

Gottschalk Abschied: Es war wie Winnetou IV

Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist: Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch. Wir haben, wie man in unseren Breiten sagt, “a scheene Leich” erlebt.

So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? ist derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef.

Wobei sich dieser ungewöhnlich nachdenklich gab. Er habe eigentlich nichts anderes als Seifenblasen produziert, sagte er. Und anders als bei seinem ersten Abschied von “Wetten, dass…?”, als “Show must go on” von Queen dröhnte, setzte er diesmal auf sanfte Orchestermusik. Als Gottschalk seinem Publikum zum Abschied den Rücken kehrte, klang es wie Winnetou IV.

Letztlich gilt auch für ihn: Der Tod ist der lebendige Beweis, dass kein Mensch unentbehrlich ist. Oder doch? Gottschalks letzte Worte waren: “Ich komme bald wieder”. Wir sind gespannt, Messias!

"Bauer sucht Frau" und der rosa Traktor

Ach ja, im Fernsehen ist es doch immer dasselbe: Sobald die Quote zu bröckeln drohen, beginnt die Suche nach jener  Provokation, die uns wieder neugierig machen könnte. Sogar bei der beliebten, treudoofen Agrar-Kuppelshow “Bauer sucht Frau” läuft das so: Zum ersten Mal ist ein schwuler Landwirt am Start.

Es stimmt doch. Wir hatten uns immer gedacht, dass sich draußen in der Pampa manchmal nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Sodom und Gomorrha “Gute Nacht” sagen würden. Uns war auch aufgefallen, dass in entlegenen Dörfern überraschend viele Menschen überraschend oft die gleichen Namen tragen. Aber Schwulsein? Davor sollte doch die psychosoziale Zwangsmitgliedschaft in Feuerwehr und Schützenverein schützen. Dachten wir.

Doch  jede Show braucht neue Reize. Also reicht es nicht, dass unsere Franken-Transe Valencia Vintage alias Florian Stöhr einige Zeit lang durchs Big-Brother-Haus gehüpft ist. Bald also sucht der schwule “attraktive Biobauer”  Jan-Oliver Seit’ an Seit’ mit dem “sanften Schweinebauern” Uwe , dem “liebevollen Lausitzer” Dirk und dem “gutmütigen Kuhbauern” Horst nach dem großen Glück.

Und die Menschen freuen sich auf TV-Bildern von Fahrten mit dem rosa Traktor und auf die Abenteuer rund ums Jauchefass von Alessi.

Ich aber bitte die Zuschauer inständig: Lasst Euch verarschen, schaltet zahlreich ein und schaut die neue Staffel bis zur letzten Folge. Nur dann bleibt die nächste Steigerung des Nervenkitzels aus. Nur dann heißt es auch in Zukunft: Nein, Schäfer Heinrich, wir wollen nicht wissen, was Du abends machst.

Die Ursuppe der Casting-Stars

Ja, ich gebe es zu: In meiner jüngsten Helden-Umschau habe ich Deutschlands neuen Superstar Pietro Lombardi ausgespart. Das war ein Fehler, denn Casting-Stars wie der schnoddrige Italiener sind sozusagen das Gebot der Stunde. Wie aber kommt es, dass es immer mehr Berühmtheiten dieser Kategorie gibt?

Ich meine, dass das der Europäische Menschenrechtsgerichtshof zu verantworten hat. Dieser hat in seiner Rechtsprechung zu den Paparazzi-Attacken auf Caroline von Monaco (von Hannover) der Berichterstattung über Promis relativ enge Fesseln angelegt. Medien müssen sich sich zurückhalten. Sie müssen Juristen fragen, bevor sie fotografieren oder schreiben lassen. Weil es sonst teuer werden kann.

Also erschaffen sich die Medien ihre eigenen harmlosen Helden. Wer sich in die Fänge von DSDS, Dschungelcamp oder Supertalent begibt, unterschreibt auch, dass er seine Privatsphäre mitvermarkten oder sich vom Produktionsteam einen neuen Lebenslauf zuteilen lässt. Nun mag schwer sein, eine 18-jährige Nachwuchssängerin zur spannenden Persönlichkeit zu stylisieren. Aber wo ein Wille ist…

Castingstars sind für die TV-Sender und ihr Haupt-Vermarktungsorgan “Bild” auch deshalb interessant, weil sie schnell wieder verschwinden. Die DSDS-Gewinner der letzten Jahre kennt noch kaum jemand, die alten Let’s-Dance-Götter eh nicht. Und am kommenden Samstagabend wird zu erleben sein, wie ein Popsternchen namens Lena nach einem guten Jahr seiner Existenz verglüht.

In der Politik hat dieses Verfahren – nachhaltige Spannung durch mediale Todesfälle – bislang erst bei Karl Theodor zu Guttenberg überzeugend funktioniert. Weshalb es zunächst hierbei bleibt: Erst wenn das letzte Talent super ist, der letzte König seinen Dschungel verlässt, erst wenn die letzte Frau getauscht ist und der letzte Bauer seine Frau gefunden hat, werdet Ihr feststellen, dass Fernsehen manchmal ganz schön scheiße ist.