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CSU-Affäre, oder: Die Macht der Problembären
Wie können die bloß so blöd sein? Angesichts der Drohanruf-Affäre der CSU schießt einem diese Frage ganz zwangsläufig durch den Kopf. Spätestens seit Christian Wulffs Absturz hätte eigentlich klar sein sollen, dass derartige Aktionen gegen die Pressefreiheit äußerst gefährlich sein können. Warum ist es trotzdem passiert?
An Übereifer beim bisherigen CSU-Sprecher Hans Michael Strepp glaube ich nicht. Trotz aller Dementis. Denn der Versuch, durch “gut gemeinte Hinweise” Einfluss auf Medien zu nehmen, ist seiner Partei keineswegs fremd. So hat Markus Söders Ex-Sprecherin Ulrike Strauß beim Bayerischen Rundfunk erfolgreich gegen einen Beitrag interveniert. Vor allem aber lokale Medien werden das bestätigen.
Dazu muss man wissen, dass die CSU ihrem Wesen nach keine Großstadtpartei ist. Typische Themen oder Probleme der Zentren – Ablehnung von Institutionen, Vereinzelung, hoher Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit, Straßenkriminalität, unkontrollierte Kreativität – sind ihr zuwider. Toleranz steht im Wertesystem der CSU nicht ganz weit oben. Sie ist mehr die Partei des “gesunden Menschenverstandes”, der mit Geranien geschmückten Eigenheime, der eifrig genutzten Beichtstühle und der Feuerwehrfeste. Laptop ja, aber bitte mit mentaler Lederhose. Dort, wo erfolgreiche Milchviehhalter Vip-Status haben, atmet der Geist der Christsozialen besonders frei. Ihr Generalsekretär Alexander Dobrindt stammt aus Peißenberg. 12.500 Einwohner hat diese Marktgemeinde. Das passt perfekt.
In solchen Umgebungen ist es normal, dass einer Partei wie der CSU nicht nur der verfassungsgemäße Beitrag zur politischen Meinungsbildung zukommt. Vor allem dort, wo sie unangefochten regiert, bestimmt sie auch gerne mit, was in der Zeitung steht. Die Ermahnung an Journalisten, dass man doch das Wohl der Stadt sehen möge, ist wohlbekannt.
Wir haben es also mit einem Problem der Mentalität und dem Verhältnis zur Macht zu tun. Die CSU war nach ihrer Wahlpleite von 2008 bescheidener geworden. Wenn aber, wie jüngst, die Umfragewerte nachoben gehen, werden die alten Denkmuster neu stimuliert. Und dann wird es gefährlich.
Das können Menschen treffend beschreiben, die das Innenleben der CSU bestens kennen. Wie etwa die allgemein kaum mehr ernstgenommene frühere “schöne Landrätin” Gabriele Pauli. Sie hat zum aktuellen Geschehen Pressemitteilungen verschickt. Ich leiste mir den Luxus, daraus zu zitieren:
“‘Wenn Horst Seehofer die CSU als ‘bärenstark’ bezeichnet, fallen mir sofort die Probleme mit dem ‘Schadbären’ Bruno aus dem Jahr 2006 wieder ein. Man weiß ja, wie die Sache damals ausging, selbst der starke Bär wurde erlegt. Die Partei lullt sich derzeit mit bestellten honigsüßen Umfragen selbst ein. Die Partei hat nach wie vor ein grosses Frauenproblem und viele männliche ‘Problembären’. Erst maulen sie über Monate hinweg lauthals gegen Merkels Europapolitik und fordern das Zudrehen des Geldhahns für Griechenland. Aber wenn die Kanzlerin beim Parteitag im Saal spricht, wirken Seehofer, Dobrindt und Söder wie kuschelige Teddybären und tanzen nach Merkels Taktstöckchen.”
Und zur Anrufaffäre lässt Pauli verbreiten: “Die CSU von 2012 unterscheidet sie in ihrer Skrupellosigkeit nicht von der CSU unter Edmund Stoiber. Sie ist machtvergessen und machtversessen. Die DDR wurde nicht aufgelöst, in Bayern lebt sie noch.” Paulis Fazit zum missratenen Telefonat: “Das ist der Anfang vom Ende der CSU bei der Landtagswahl 2013.”
Interessante Analyse, verwegene Prognose. Würde beides stimmen, wär’s ein Wunder.
Am Lagerfeuer mit Herrn Jauch
Ist es nicht phantastisch? Wir leben im Land der unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten. Selbst in unserer “staden Zeit”, den Sommerferien, haben wir tagtäglich die Auswahl unter mindestens zwei Dutzend Angeboten. Wir können ins Museum gehen, ein Konzert anhören, mit dem Volksfest-Riesenrad fahren oder uns mit Freunden im Biergarten treffen. Aber was tun wir wirklich? Wir sitzen vor der Glotze.
Fernsehen ist nach einer Studie der BAT-Stiftung die liebste beziehungsweise häufigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Wobei uns das Programm oft gar nicht fesselt. Wir sitzen vielmehr da, machen irgendetwas nebenbei und konzentrieren uns frühestens ab der 125.000-Euro-Frage. Klingt nach purer Zeitverschwendung. Ist es auch. Und es ist verständlich.
Dann auch wir haben unsere Geschichte. Wir haben als Homo sapiens nicht im Paradies, sondern in der afrikanischen Savanne begonnen. Wir haben nach Wurzeln gegraben, Beeren gepflückt und bei Bedarf ein Tier erlegt. Kühlschränke hatten wir nicht, also mussten wir es auch nicht übertreiben. Ein Zwei- bis Vier-Stunden-Arbeitstag hat gereicht.
Der Rest war Freizeit. Und abends haben sich die Jäger und Sammler vor dem Lagefeuer versammelt. Sie haben sich wilde Geschichten erzählt oder stumm in die dunkle Wildnis geblickt, ehe sie der Fortpflanzung ihrer famosen Spezies dienten. Auch dafür war Zeit. Man konnte ja locker verschlafen. Dann kam ein heftiger Klimawandel, weshalb man sich aufmachte, den Rest der Welt zu erobern. Was ja überzeugend gelungen ist.
Das war vor hunderttausend Jahren. Unsere heutige städtische Lebensweise dagegen ist noch nicht einmal 200 Jahre alt. Dementsprechend stresst sie uns. Denn so sehr wir auch durch die Gegend rennen, steckt die Sehnsucht nach dem Lagerfeuer tief in unserem Hirn. Womit wir bei den Talkshows wären. Auch da sitzen Menschen herum und erzählen seltsames Zeug, von dem uns schon am nächsten Tag nichts mehr in Erinnerung ist.
Eigentlich fatal. Aber sehen wir es doch gelassen. Er gefällt uns eben, der Abend am Lagerfeuer mit Herrn Jauch. Nehmen wir das doch einfach hin. Denn die Suche nach der perfekten sinnvollen Freizeit ist wieder auch eines: Neuer Stress, den wir eigentlich nicht brauchen können.
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Erst die Titanic, jetzt Gottschalk
Dank der zahlreichen Castingshows haben wir uns daran gewöhnt, dass Super- und Megastars heute kommen und spätestens übermorgen gehen. Moderne Stars sind wie U-Bahnen. Es kommt immer gleich eine andere.
Wie anders erschien uns da Thomas Gottschalk. Als bis vor kurzem größter Showmaster des Landes, als Luxusliner der TV-Unterhaltung, wagte er sich an eine neue Herausforderung. Mit einer Live-Wohnzimmer-Show wollte er dem öden Vorabendprogramm der ARD frisches Leben einhauchen.
Unsinkbar sollte er unter vollem Dampf durch die Todeszone des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kreuzen. Mit spontanen Späßen und richtig berühmten Gästen. Ganz anders als die Privatsender mit ihren blutjungen Plaudertaschen oder seichten Daily Soaps.
Kein Eisberg sollte sich ihm in den Weg stellen. Und das tat auch keiner. Es kam noch ärger: Das schlimmste Eis für einen Moderator ist die kalte Schulter des Publikums. Sie lauert knapp unter dem Wasser und schlägt bei sinkendem Quotenpegel erbarmungslos zu.
Titanic ist überall. Am 7. Juni ist für Gottschalk in der ARD Schluss. Und wenn er sich nicht zum anderen Luxusdampfer MS Harald Schmidt auf die Altenheimterrasse setzen will, bleibt ihm nur noch eine Hoffnung: Dass sein Nachfolger Markus Lanz bei “Wetten, dass…?” versagt. Denn dort könnten sie den alten Chaoten immer brauchen. Ganz bestimmt.
Nordkorea trauert um Christian Wulff
Gottschalk Abschied: Es war wie Winnetou IV
Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist: Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.
Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch. Wir haben, wie man in unseren Breiten sagt, “a scheene Leich” erlebt.
So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? ist derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef.
Wobei sich dieser ungewöhnlich nachdenklich gab. Er habe eigentlich nichts anderes als Seifenblasen produziert, sagte er. Und anders als bei seinem ersten Abschied von “Wetten, dass…?”, als “Show must go on” von Queen dröhnte, setzte er diesmal auf sanfte Orchestermusik. Als Gottschalk seinem Publikum zum Abschied den Rücken kehrte, klang es wie Winnetou IV.
Letztlich gilt auch für ihn: Der Tod ist der lebendige Beweis, dass kein Mensch unentbehrlich ist. Oder doch? Gottschalks letzte Worte waren: “Ich komme bald wieder”. Wir sind gespannt, Messias!
“Bauer sucht Frau” und der rosa Traktor
Ach ja, im Fernsehen ist es doch immer dasselbe: Sobald die Quote zu bröckeln drohen, beginnt die Suche nach jener Provokation, die uns wieder neugierig machen könnte. Sogar bei der beliebten, treudoofen Agrar-Kuppelshow “Bauer sucht Frau” läuft das so: Zum ersten Mal ist ein schwuler Landwirt am Start.
Es stimmt doch. Wir hatten uns immer gedacht, dass sich draußen in der Pampa manchmal nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Sodom und Gomorrha “Gute Nacht” sagen würden. Uns war auch aufgefallen, dass in entlegenen Dörfern überraschend viele Menschen überraschend oft die gleichen Namen tragen. Aber Schwulsein? Davor sollte doch die psychosoziale Zwangsmitgliedschaft in Feuerwehr und Schützenverein schützen. Dachten wir.
Doch jede Show braucht neue Reize. Also reicht es nicht, dass unsere Franken-Transe Valencia Vintage alias Florian Stöhr einige Zeit lang durchs Big-Brother-Haus gehüpft ist. Bald also sucht der schwule “attraktive Biobauer” Jan-Oliver Seit’ an Seit’ mit dem “sanften Schweinebauern” Uwe , dem “liebevollen Lausitzer” Dirk und dem “gutmütigen Kuhbauern” Horst nach dem großen Glück.
Und die Menschen freuen sich auf TV-Bildern von Fahrten mit dem rosa Traktor und auf die Abenteuer rund ums Jauchefass von Alessi.
Ich aber bitte die Zuschauer inständig: Lasst Euch verarschen, schaltet zahlreich ein und schaut die neue Staffel bis zur letzten Folge. Nur dann bleibt die nächste Steigerung des Nervenkitzels aus. Nur dann heißt es auch in Zukunft: Nein, Schäfer Heinrich, wir wollen nicht wissen, was Du abends machst.
Die Ursuppe der Casting-Stars
Ja, ich gebe es zu: In meiner jüngsten Helden-Umschau habe ich Deutschlands neuen Superstar Pietro Lombardi ausgespart. Das war ein Fehler, denn Casting-Stars wie der schnoddrige Italiener sind sozusagen das Gebot der Stunde. Wie aber kommt es, dass es immer mehr Berühmtheiten dieser Kategorie gibt?
Ich meine, dass das der Europäische Menschenrechtsgerichtshof zu verantworten hat. Dieser hat in seiner Rechtsprechung zu den Paparazzi-Attacken auf Caroline von Monaco (von Hannover) der Berichterstattung über Promis relativ enge Fesseln angelegt. Medien müssen sich sich zurückhalten. Sie müssen Juristen fragen, bevor sie fotografieren oder schreiben lassen. Weil es sonst teuer werden kann.
Also erschaffen sich die Medien ihre eigenen harmlosen Helden. Wer sich in die Fänge von DSDS, Dschungelcamp oder Supertalent begibt, unterschreibt auch, dass er seine Privatsphäre mitvermarkten oder sich vom Produktionsteam einen neuen Lebenslauf zuteilen lässt. Nun mag schwer sein, eine 18-jährige Nachwuchssängerin zur spannenden Persönlichkeit zu stylisieren. Aber wo ein Wille ist…
Castingstars sind für die TV-Sender und ihr Haupt-Vermarktungsorgan “Bild” auch deshalb interessant, weil sie schnell wieder verschwinden. Die DSDS-Gewinner der letzten Jahre kennt noch kaum jemand, die alten Let’s-Dance-Götter eh nicht. Und am kommenden Samstagabend wird zu erleben sein, wie ein Popsternchen namens Lena nach einem guten Jahr seiner Existenz verglüht.
In der Politik hat dieses Verfahren – nachhaltige Spannung durch mediale Todesfälle – bislang erst bei Karl Theodor zu Guttenberg überzeugend funktioniert. Weshalb es zunächst hierbei bleibt: Erst wenn das letzte Talent super ist, der letzte König seinen Dschungel verlässt, erst wenn die letzte Frau getauscht ist und der letzte Bauer seine Frau gefunden hat, werdet Ihr feststellen, dass Fernsehen manchmal ganz schön scheiße ist.
Das Fernsehen macht uns sooo müüüde…
Sehen wir den Dingen ins Auge: Wir sind ein Volk der müden, nervösen und traurigen Menschen geworden. Aufstehen und Bäume ausreißen war gestern. Heute fühlen wir uns ausgebrannt, bevor auch nur das kleinste Feuer gelodert hat. Und wer ist schuld? Ich sage, das Fernsehen.
Der Beruf mag eine Rolle spielen. Die Arbeitsverdichtung nimmt ebenso zu wie der Druck, mit elektronischer Unterstützung mit wachsendem Zeitaufwand sinnlose Dinge zu tun. Und diese für wichtig zu halten. So wie und das weiß behemdete Bahnfahrer mit Laptop vorführen.
Aber die Ursache unserer Müdigkeit haben wir schnell gefunden, wenn wir an frühere Zeiten zurückdenken. Ja, es war tatsächlich so, dass es drei Fernsehprogramme gab, von denen 80 Prozent eine wichtige Sendung (Edgar Wallce, Raumschiff Orion etc.) angeschaut haben. Arbeitsbeginn war gegen 7 Uhr. Und aus Rücksicht auf die werktätigen Massen kamen die bedeutenden Sachen früh genug, damit man ausschlafen konnte. Nach 23 Uhr wurde ein buntes Testbild gesendet.
Heute ist das anders. Da schauen 4,4 Millionen Menschen das spanische Fußball-Pokalfinale, welches mit Verlängerung bis kurz vor Mitternacht dauert. Sie haben erlebt, wie “Der Checker” bei “Let’s Dance” den alten Samba-Mimen Bernd Herzsprung hinausgeworfen hat und liegen lange wach, um zu ergründen, wie das geschehen konnte. Sie haben Jutta Ditfurth bei “Hart, aber fair” diskutieren sehen und sind aufgewühlt bis unter die Milz. Von den heißen Tränen, die nach Beckmanns nächtlichen Psycho-Seancen vergossen werden, ganz zu schweigen.
Das Problem unserer Zeit ist dieses: Unser Arbeitsbeginn ist so früh, wie er immer war. Aber das Fernsehen lässt uns immer später ins Bett.
Wohl dem, der am Arbeitsplatz dösen kann. Noch wohler dem, der im Wortsinn abschalten.
Nur echte Doktoren werden verehrt
Wen mögen, wen lieben, wen verehren wir? Diese Frage zieht sich durch unser gesamtes Leben. Die damit verbundenden Konsequenzen sind allerdings unterschiedlich. Je weiter jemand weg ist, umso leichter legen wir uns fest. Das klappt beim so genannten Politiker-Ranking, fällt uns aber noch leichter, wenn es um Berufe geht. Und Sieger ist der, der Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr ist: der Doktor.
Das Grauen im Fernsehdschungel
Jeder kennt den Spruch “Das Grauen hat viele Gesichter”. Seit 14. Januar hat es genau elf Gesichter. Dann startet die neue Staffel des RTL-Dschungelcamps. Der australische Dauerregen der letzten Zeit hat nichts genutzt. Diese Sendung läuft. Marcel Reich-Ranicki wurde nicht gehört.
Wenngleich man Machwerke wie das Dschungelcamp mit Missachtung strafen möchte, kommt man daran nicht ganz vorbei. Denn es sagt viel über diese Gesellschaft aus.
Italien war auch schon mal schöner…
Ach, wie schön war doch Italien! Das Land an der Adria war unser Traumziel, hier konnten wir Deutschen mal ganz anders sein. Das stimmt nicht mehr so ganz. So völlig glücklich wirken die Italiener auch nicht.
Blicken wir aber zurück. Der Stiefel war das Land, in dem die Zitronen blühen. In dem sich große Geister wie Albrecht Dürer oder Johann Wolfgang von Goethe bei einer täglichen Überdosis edlen Weines besonders hochfliegenden Gedanken hingeben konnten. Wo jeder Mann ein Herzensbrecher war, wo man vier Stunden Mittagspause und 52 Feiertage hatte und mit 40 Jahren in die Rente ging. Und in dem selbst Regierungswechsel im Acht-Wochen-Turnus kein Chaos anzurichten vermochten.
Dann kam Berlusconi. Er brachte Kontinuität in die Politik und das Privatfernsehen in die Wohnzimmer Italiens. Politisch schaffte er zum Teil mehr als ein Annäherung an die angeblich fleißigen Nachbarn wie uns. Heute gibt es seinem Land kaum noch einen Tag, an dem alle Geschäfte geschlossen sind. Einkaufsbummel am Karfreitag ist kein Problem – ein Ostermontag wird gar nicht mehr gefeiert.
Dafür hat Silvio Berlusconi das mutmaßlich dümmste und zugleich widersprüchlichste Fernsehprogramm der Welt geschaffen. Einerseits schöpft man bis heute in 60 Jahren Nachkriegs-Unterhaltung. Auf jung geliftete und gespritzte Altstars erklären in mehrstündigen Nachmittagsshows dem Publikum auf immer gleiche Art das Leben und die Liebe. Zur Belohnung dürfen sie ein Lied von anno dunnemals singen. Mittendrin ist jeweils mindestens eine junge Frau mit Cindy-Crawford-Frisur. Sie hat ein sehr kurzes Kleid und Schuhe mit sehr hohen Absätzen an, redet viel und laut und ist notorisch gut gelaunt. Ihr Name tut nicht unbedingt etwas zur Sache.
Die so beglückten Zuschauer bekommen aber auch die gegensätzliche Medizin verabreicht. Fernsehnachrichten in Italien sind nämlich so aufgebaut, dass jede Gewalttat und jeder schwere Autounfall in diesem ja nicht so kleinen Land ausführlichst breit getreten werden. Wer guckt, lernt also, dass es in Italien die tollsten Frauen der Welt gibt, dass aber das Böse hinter jeder Ecke lauert.
Und da die Wahrscheinlichkeit, einer der Schönen von Canale 5 im realen Leben zu begegnen, sehr begrenzt ist, sind die Sorgen nach jedem Fernsehtag ein bisschen größer. Also, früher war Italien schöner. Da wollte auch ich – wenigstens zwischendrin – ein Italiener sein. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Jörg Kachelmann: Verschwindet unser lustiger Held?
In vielen Partner- und Freundschaften kommt es irgendwann zu diesem Satz: “Ach, wie habe ich mich doch in diesem Menschen getäuscht!” In unserem Fall gilt er einem gewissen Jörg Kachelmann, von Beruf Wetterfrosch. Ihm wird vorgeworfen, seine Freundin vergewaltigt zu haben. Er selbst nennt sich unschuldig. Was sein gutes Recht ist.
Die aktuelle Affäre macht uns aber schlagartig klar, dass wir bei ihm einem Irrtum unterlegen waren: Wir haben ihn für nett und lustig gehalten. Das lag sicher an seiner Schweizer Sprachfärbung, die bei mir als Deutschem als gemütlich, selbstironisch und etwas schrullig auskommt. Außerdem wirkte es sympathisch, mit welcher Selbstverständlichkeit er mit einer schlampigem Frisur und einem gelegentlichen Zauselbart ins Rampenlicht ging. Und schließlich stammt sein Vater aus Bamberg. Er ist demnach halber Franke – so halbwegs einer von uns.
In erster Linie ist Jörg Kachelmann aber ein cleverer Geschäftsmann. Er hat zwar keine Ausbildung zum Meteorologen, weshalb man ihn den Udo Walz der Stratosphäre nennen könnte (der legendäre Star-Figaro hat auch keinen Meisterbrief). Er hat aber frühzeitig entdeckt, dass sich aus dem Wetterbericht, der ja praktisch jeden Menschen interessiert, eine Show machen lässt. Also lässt er die bevorstehenden Temperaturen von der schicken Blondine Claudia Kleinert und ihrem latent froschartigen Kollegen Sven Plöger aufsagen. Und wenn der Sturm über Deutschland tobt, stellt er jemand mit einem Mikrofon mitten in die schlimmsten Böen auf der Zugspitze.
Tendenziell lustig, das. So, wie wir uns Kachelmann immer vorgestellt haben. Obwohl seine Rolle als Botschafter für die neoliberale Initiative Soziale Marktwirtschaft Punktabzüge in der B-Note bringt.
Sollten allerdings die Vorwürfe seiner Ex-Freundin stimmen, hätte sich Kachelmann, der mutige Erneuerer eines Genres, äußerst rückständig verhalten. Man möchte hoffen, dass sich die Affäre irgendwie in Wohlgefallen auflöst. Denn der Verlust eines Helden tut uns allen immer weh. Leider gilt auch dies: Die Erkenntnis, dass man am sichersten Menschenfreund bleiben kann, wenn man auf Menschenkenntnis verzichtet, ist kaum zu widerlegen. Man wird sehen, wie es ausgeht.
Die Klimaschutz-Glotze und die Folgen
Seehofer, Glos, Williams und der Papst – es gibt zum Glück noch anderes im Leben. Wichtigeres. Unseren Fernseher zum Beispiel. Wir könnten doch auf sehr vieles verzichten. Aber auf die Glotze? Wenn da nicht die Sache mit dem Klimaschutz wäre…
Das Problem ist doch dieses: Die Qualität/Attraktivität der Sendungen steigt tendenziell mit der Uhrzeit. Das hat zur Folge, dass die vom oft hirnrissigen Nachmittagsprogramm erschöpften Menschen wegdösen, wenn ein Mord kurz vor der Aufklärung steht oder wenn auf “Arte” eine wirklich gute Sendung beginnt. Das Beste wird verschlafen – Stromverschwendung. Die Pole schmelzen, nur weil keiner zuschaut.
Der japanische Sony-Konzern hat nun reagiert. Sein neuer Fernseher Typ ”Bravia V5″ ist mit speziellen Detektoren ausgestattet, die registrieren, ob sich ein Mensch vor dem Gerät befindet oder nicht. Eine mit den Detektoren gekoppelte Zeitschaltuhr schaltet das Gerät automatisch aus, wenn niemand davorsitzt. Schläft ein Zuschauer vor dem Fernseher ein und bewegt sich also nicht mehr, versetzt sich das Gerät automatisch in den Standby-Betrieb und spart damit Strom.
Sind die verrückt geworden? Es droht Ärger ohne Ende. Einmal kennt es jeder Mann, dass seine Partnerin kurz nach Krimibeginn dahinschlummert. Er interessiert sich nicht, liest irgendetwas, ehe sie gleich nach dem Abspann hochschreckt und die Frage “Was ist passiert?” stellt. Er kann nicht einmal den Mörder benennnen, weil der Fernseher längst ausgeschaltet ist. Beziehungskrise.
Und außerdem: Seit wann muss man sich vor der Glotze überhaupt bewegen? Nein, es gibt Chaos, weil eine sitzfeste Drei-Zentner-Sofakartoffel ausrastet, nachdem sich der Kasten zum vierten Mal selbsttätig verabschiedet hat. Es gibt einen Schrei, er schmeißt den neuen Sony aus dem Fenster. Dieser trifft zunächst einen Fußgänger tödlich am Kopf, rollt über ein Autodach auf die Straße, wo der Fahrer eines Tanklastzuges vor Schreck das Steuer verreißt…
Liebe Sony-Leute, bringt was Neues auf den Markt. Aber bitte nicht das…
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“Loddar” bleibt einfach unbesiegbar
Es gehört zum Wesen von uns Franken, dass wir uns gelegentlich selber peinlich sind. Weil wir zum Beispiel beim Reden auf die harten Buchstaben “P” und “T” verzichten oder sie – falls doch – garantiert verkehrt einsetzen. Also gruselt es uns, wenn wir im Fernsehen Menschen sehen, die genauso reden wie wir. Was die Sache erschwert: Unserem Landstrich sind tatsächlich immer wieder wahrhaft peinliche Persönlichkeiten entwachsen. Dazu zählen Tatjana Gsell, Gabriele Pauli in ihrer Endphase als CSU-Landrätin, der 1. FC Nürnberg als solcher immer wieder mal – und eben Lothar “Loddar” Matthäus. Er hat zum vierten Mal geheiratet.
Dem Franken wohnt angeblich das Widersprüchliche inne. Beim Rekord-Nationalspieler ist das nicht anders. In einer düsteren Stunde meinte er einst: “Die biologische Uhr tickt und geht auch an mir nicht vorbei.” Jetzt aber scheint er dieser, seiner Erkenntnis zu folgen: “Ein Lothar Matthäus läßt sich nicht von seinem Körper besiegen, ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal.”
Jedenfalls gehört einiger Optimismus dazu, als 47-Jähriger eine 21-jährige zu heiraten. Klar, Geld ist da, aber ob Loddar die Gymnasiastin Liliana wirklich gut unterhalten kann, ist doch ungewiss. Zur erfolgreichen Nachhilfe in Atomphysik wird es bei ihm definitiv nicht reichen.
Die Frage ist halt, wann ein Mann bei der Wahl seiner Frau als Held oder als alter Depp dasteht. Lother Matthäus steht hart an der Schwelle zu Letzterem, wäre er erst 40 wären die 26 Jahre Altersunterschied garantiert rufschädigend, Andererseits regt sich keiner darüber auf, dass die Frau von Operetten-Ururopa Johannes Heesters noch lange keine 79 ist.
Der Mann braucht endlich einen passenden Job, ansonsten wird er immer wieder für peinliche Schlagzeilen sorgen. Für sein neue Ehe wünschen wir ihm aber alles Gute. Ganz in seinem Stil: “We hope, you’ll have a little bit lucky.”


Was macht die Gsell, wie geht’s der Pauli?
Zu den allseits beliebten journalistischen Produkten zählt die Rubrik “Was macht eigentlich…..?”. Man erinnert damit an berühmte Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Man schreibt zum Beispiel darüber, dass der große Kriegstreiber Georg W. Bush heute Bilder von Hundebabys malt. Aber bleiben wir in Franken, und fragen: Was machen zwei große Heldinnen dieses Blogs, nämlich Tatjana Gsell und Gabriele Pauli?
Als ich kürzlich an Tatjana Gsell gedacht habe, war das vermutlich eine Vorahnung. Denn tatsächlich: Sie ist wieder da. Die einstmals teuerste Frau der Welt hat eine Hauptrolle in der quotenstarken RTL2-Serie “Promi-Frauentausch” bekommen. Sie präsentiert sich dort, wie es heißt, dank einer konsequenten Champagner-Botox-Diät völlig faltenfrei und mit einer Oberweite, die nach den Gesetzen der Schwerkraft den aufrechten Gang unmöglich macht. Aber gut, auch Hummeln können fliegen. Wie das Fernsehpublikum mittlerweile erfahren hat, lebt die berühmte Witwe heute mit zwei Männern in London. Wobei einer von beiden deutlich jünger ist und in der Wohnung Waschbären und Leguane hält. Das alles klingt nach ganz großem Drama.
Bei Gabriele Pauli ist die Sache anders gelagert. Sie hat, erstens, gerade den Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, erfolgreich auf eine persönliche Wahlkampfkostenerstattung von 4600 € verklagt. Sie hat, zweitens, ein Buch geschrieben. Es soll im Sommer 2013 erscheinen und neben autobiographischen Inhalten auch Vorschläge für eine moderne Politik enthalten.
Wir sollten es lesen. Klar, es stimmt, dass Gabriele Pauli nach ihrer nahezu im Alleingang betriebenen Demontage des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zeitweise allzu stark in die Welt der Modestrecken und der spirituellen Grenzerfahrungen abgedriftet ist. Die vormals schöne Landrätin wurde deshalb irgendwann als absurde Politikerin wahrgenommen.
Aber kann man es ihr verdenken? Sie hat sich ja mit dem am besten funktionierenden politischen Beziehungssystem überhaupt angelegt. Wenn man bloß überlegt, wie erfolglos sich die komplette Opposition in Bayern an der CSU abarbeitet, war doch klar, dass die Rache der Staatspartei fürchterlich sein würde. Zumal sich die feigeren (oder klügeren?) Mitstreiter nach dem Putsch eiligst in die Büsche geschlagen hatten. Der alte Edmund Stoiber wurde parteiintern rehablitiert. Er ist sogar als künftiger Präsident des FC Bayern München im Gespräch. Eine Funktion, die im Lederhosen-und-Laptop-System als papstgleich gelten darf.
Fassen wir zusammen, kommen wir zum Fazit. Wie in der “Zeit” zu lesen war, ist in unserer Gesellschaft der Platz von Uli Hoeneß für eine frühere Heldin frei geworden. Klare Wahl: Vergeben wir ihn an Gabriele Pauli. Vielleicht hilft es irgendwann doch noch was.