Posts Tagged ‘FDP’

Februar 23rd, 2014

Nicht nur Diäten – auch Löhne überprüfen

In diesen kräftezehrenden, globalisierten Zeiten tun wir gut daran, uns gelegentlich selbst etwas Gutes zu tun. Frei nach dem Motto “Man gönnt sich ja sonst nichts”. Genau so haben es jetzt die meisten Bundestag-Abgeordneten gesehen und eine kräftige Erhöhung ihrer Diäten, beschlossen. Es gibt bis 2015 zehn Prozent mehr, auf dann 9082 Euro.

Längerfristig betrachtet ist der Zuwachs noch beachtlicher. 6878 Euro haben die Abgeordneten im Jahr 2002 bekommen. Der jetzt beschlossene Satz bedeutet also eine Anhebung um ein knappes Drittel.

Das riecht stark nach Selbstbedienung. Aber wundern müssen wir uns nicht. Schließlich ist der Verdienstausgleich für Volksvertreter von einem Griechen (!) namens Perikles erfunden worden. Die ominöse Expertenkommission wiederum wurde von einem gewissen Edzard Schmidt-Jortzig geleitet, einem im Rentenalter befindlichen FDP (!)-Politiker.

Empörung ist also angebracht. Schließlich predigt Vizekanzler Sigmar Gabriel (von der SPD!) zeitgleich Lohnzurückhaltung. Deutschland hat auf dem Weg zum Billiglohnland bereits beachtliche Fortschritte gemacht. Doch der Wirtschaftsminister versucht uns klarzumachen, dass nur weitere Bescheidenheit unsere Position auf dem Weltmarkt sichern hilft. Kleiner Nachteil: Wenn es beim Marktführer billiger wird, zieht es auch den Rest Europas nach unten.

Aber bleiben wir im Land. Ich zum Beispiel arbeite in einer Branche, in der es in diesem Jahrtausend noch in keinem einzigen Jahr einen Inflationsausgleich oder mehr gegeben hat. Da fragt man sich doch, ob journalistische Arbeit heute weniger Anforderungen stellt als im Jahr 1999. In den Redaktionen wird das dementiert. In den Druckereien ebenso. Und es gibt bestimmt ein paar Branchen mehr, in denen höhere Arbeitsverdichtung und niedriger Reallohn zusammengefallen sind.

Ich fordere Wiedergutmachung! Unsere Expertenkommission hat jetzt wieder Zeit. Wie also wäre es, wenn sie sich mit abhängig Beschäftigten auseinandersetzen würde? Wenn sie überprüfen würde, ob die Löhne und Gehälter leistungsgerecht sind und dem Wert des Einzelnen gerecht werden?

Jede Wette: Ein paar Millionen Menschen würden profitieren. Gut, es würde ziemlich teuer. Aber man gönnt uns ja sonst nichts.

 

 

September 27th, 2013

Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

September 23rd, 2013

Aliens sind unsere Hoffnung

Weltsensation! Die Bild-Zeitung, die gerade mit einer Sonderausgabe zur Bundestagswahl 41 Millionen Haushalten die Altpapiertonnen verstopft hat, meldet also außerirdisches Leben in unserer Stratosphäre. Es handle sich um Einzeller, deren DNA-Struktur einer irdischen Algenart gleiche. Liebe Leute, warum wundert uns das? Es muss extraterristrisches Spezies geben. Alles andere wäre ein dramatisches Versagen der Evolution.

Stellen wir uns doch bloß mal vor, es wäre der Endpunkt der Schöpfung, dass Bild, RTL 2 und Bunte nebeneinander existieren können. Stellen wir uns vor, Gott würde mit Wohlgefallen auf den Euro-Rettungsschirm und auf das deutsche Steuerrecht in seiner Gesamtheit schauen. Er würde sagen, dass beides so blendend aufgebaut sei, als wäre es direkt vom Baum der Erkenntnis gepflückt.

Stellen wir uns weiter vor, dass es galaxieweit keine Spezies gäbe, die erkannt hätte, dass Telefon-Flatrates mit angegliedertem Schrottservice zu überwinden sind. Und dass es so genannte Führungs-Nationen gäbe, in denen eine Angela Merkel an der absoluten Mehrheit kratzt.

Nein, es wäre eine Tragik des universalen Lebens, wenn es keine klügere Lebewesen als uns Menschen gäbe. Wenn Wahlkämpfe der SPD und der Grünen den Standard für andere Planenten setzen würden. Wenn die die AfD auf dem Mars die Abschaffung des Sonnendollars fordern könnte.

Nein, Aliens sind keine Bedrohung. Sie sind unsere Hoffnung. Aber wer weiß, vielleicht hat das Aufräumen schon begonnen. Die FDP wurde am Wahlsonntag eindrucksvoll eliminiert. Wie? Sie meinen, das kann nicht das Werk von Aliens sein, weil die doch bestenfalls in der Stratosphäre sitzen? Tja, aber war da nicht dieser Irre, der aus größter Höhe abgesprungen ist? Ja, er hat sie mitgebracht. Red Bull verleiht der Evolution Flügel. Sie sind da. Herzlich willkommen!

September 18th, 2013

Freie Leute und altgriechische Schnorrer

In der Selbstwahrnehmung ist die FDP die Heimat der wenigen wahren Aktivposten dieser Gesellschaft. Bei ihr lohnt sich Leistung, Eigenverantwortung zählt. Der Markt, die Nachfrage, regelt am Ende alles. Und gekauft wird nur das Beste. Oder wie es im Wahlprogramm heißt: “Die Freiheit des Einzelnen ist Grund und Grenze liberaler Politik. Deshalb schaffen wir Liberalen die Voraussetzungen dafür, dass sich jeder Mensch in unserem Land frei entfalten, Hindernisse überwinden und nach seinen Vorstellungen glücklich werden kann.”

“Sei Deines Glückes Schmied”, lautet also die Philosophie dieser Partei. Dies gilt aber nur so lange, bis es um die eigene Existenz geht.

Dann wandelt sich das Bild schlagartig, und die Liberalen nähern sich ruckzuck ihrem Feindbild an. Sie verhalten sich wie Null-Bock-Punks, die in der Bahnhofsunterführung die Hand aufhalten. Wie betrügerische Bettler, die sich auf dem Pflaster sitzend ein Bein nach hinten klemmen, um amputiert zu wirken. Wie spätrömisch Dekadente, die schmarotzend von den Leistungen anderer leben.

Aber natürlich geht es nicht ums Arbeitslosengeld 2. Vielmehr schreit die Leistungspartei gierig: “Gib’ die erste, die Premiumstimme, ruhig den anderen. Aber schieb’ uns die läppische Zusatzvotum rüber. Nur dann kriegst du das, was der andere verspricht.”

Das ist Desinformation, gepaart mit Dreistigkeit. “Ein schamhafter Bettler ist elend”, meinte einst der große Dichter Homer. Man sieht es wieder: In der Antike kennt die FDP sich aus.

August 10th, 2013

Söders Salat und der Arsch der Republikaner

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Ganz ehrlich, ich langweile mich. Nur zu gerne würde ich über die großen Dramen und Tragödien anlässlich der bevorstehenden Wahlen schreiben. Es drängt mich danach, leidenschaftlich für die einen zu werben und vor den anderen zu warnen. Ich möchte der Demokratie dienen. Allein, es geht nicht.

Es gibt ein klares Indiz dafür, dass Politik und Wahlvolk diesmal gleich träge sind. Keine/r der Matadore/-innen droht bisher mit einer “Schicksalswahl”. Die Bundeskanzlerin schweigt, ihr Herausforderer Peer Steinbrück sagt immer etwas, was irgend jemand aufregt. CSU-Chef Horst Seehofer sagt immer das, was nach den jeweils aktuellen Umfragen den meisten Menschen gefällt.

Das Leid dieser Wahlen zeigt sich auch an den Plakaten. Hierzu nur Beispiele: Für die CSU kandidiert bei der bayerischen Landtagswahl im Stimmkreis Nürnberg-Nord der Landwirt Michael Brückner. Auf dem Plakat steht unter seinem Namen der Slogan “Frisches aus dem Knoblauchsland”. Was bedeutet das politisch? Wurde gentechnisch ein Zwirbelsalat gezüchtet, der sich beim Wachstum genauso oft um die eigene Achse dreht wie Horst Seehofer bei der Anwendung seiner Prinzipien? Soll konservativen Müttern eine kostenlose Tüte Karotten als Dreingabe zum Betreuungsgeld versprochen werden? Oder können Panini-Sammelbilder mit dem Porträt von Finanzminister Markus Söder ab sofort mit der Gemüsekiste bestellt werden?

Die SPD wiederum offeriert ihren bayerischen Spitzenkandidaten Christian Ude als den Ministerpräsidenten, “der Wort hält”. Optisch wird das so umgesetzt, dass Ude einen vermutlich aus Styropor geschnitzten Schriftzug “Wort” in der Hand hält. Das ist jene Kategorie Kalauer, für die Comedians selbst bei der Bambi-Verleihung von der Bühne gepfiffen werden. Die Sozialdemokratie war nie das Biotop des Humors. Aber warum hat man, wenn schon, das Ganze nicht weiterentwickelt? Warum nicht Vegetarier mit dem Satz ansprechen “Ude, der Mann, der beim Schlachten bummelt”? Und Sportfans mit dem Slogan “Der Politiker, der den Fuß ballt”?

Die Plakate der Grünen sind mit ihren mehreren Köpfen so kompliziert, dass man sie schon beim Vorbeifahren auf dem E-Bike nicht erfassen kann. Auch die Linke bietet so viel Botschaft, dass Autofahrer allenfalls das Wort “sozial” erfassen werden. Bei der FDP reicht eigentlich der Hinweis, dass ein lokaler Kandidat Facharzt ist. Man kennt dann das Programm.

Die Piraten zeigen eine Oma mit zwei Enkelkindern und schreiben dazu “Nicht käuflich, nur wählbar”. Gibt es also die Forderung nach kostenlosen Tagesmüttern? Schließlich sind die Republikaner am Start. Sie zeigen vier Mal einen Hintern, wobei dieser mit den Farben der Konkurrenz unterlegt ist und fragen, welches A……… man diesmal zu wählen gedenke. Andy Warhol hat gestalterisch Marilyn Monroe auf diese Weise bearbeitet, die Rockgruppe Queen hat so ein missratenes Plattencover gestaltet. Man fragt sich nur: Warum fehlt hier der braune Arsch?

Trotz alledem: Ich will dieser Demokratie dienen. Meine Heimatstadt hat mich als Wahlvorsteher eingeteilt. Da werde ich ganz korrekt sein. Ich halte Wort.

 

Januar 21st, 2013

Wir haben die Stimmen nur geliehen…

Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.

Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?

Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist.  Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen  buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.

Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.

 

November 19th, 2012

Rösler und die ungewisse Anschlussverwendung

Das hatte sich die FDP fein ausgedacht. Nachdem sie erkannt hatte, dass Philipp Rösler als Parteivorsitzender ein geradezu spätrömisch-dekadenter Fehlgriff war, hatte man sich darauf verlagert, den Vizekanzler in die dritte oder vierte Reihe zu stellen. Falls er in der Öffentlichkeit nur noch bei wirklich unvermeidbaren Gelegenheiten hergezeigt würde, müsste es doch wieder aufwärts gehen. Und tatsächlich: Die Liberalen sind in den Wahlumfragen von zwei auf vier Prozent gestiegen. Das rettende Ufer ist in Sicht.

Zumal eine weitere kluge Entscheidung Wirkung zeigt. Es war gut, den führenden FDP-Kabarettisten Rainer Brüderle als Maskottchen an die “heute-show” abzugeben. Und Spaßvogel Nummerzwei, der Schleswig-Holsteiner Querkopf Wolfgang Kubicki, hat dank seiner lässigen Art gerade bei Stefan Raabs Politshow “Absolute Mehrheit” ziemlich abgeräumt. Über 40 Prozent, hauptsächlich in der Gruppe der werberelevanten jungen Leute – was soll den Liberalen noch passieren.

So lief das. Bis heute. Denn nun werden die Scheinwerfer wieder auf Philipp Rösler gerichtet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat bekanntgegeben, dass der von ihm verwendete Begriff “Anschlussverwendung” das Zeug zum “Unwort des Jahres” hat.

“Anschlussverwendung”, wir erinnern uns, ist in Zusammenhang mit der Schlecker-Pleite gefallen. Rösler benutzte ihn, als er über die nunmehr zahlreichen arbeitslosen Frauen philosophierte. Er sprach darüber, wo sie neue Arbeit finden könnten. Nun ist dieser Begriff für Soldaten ganz normal. Aber passt ein Begriff, bei dem raue Kämpfer gehorsamst salutieren, auch für ein Heer von Frauen, die zuvor Geschirrspülmittel und Badesalz verkauft haben?

Seinerzeit war die Empörung über des Ministers Sprache groß. Und nun holt sie Philipp Rösler wieder ein. Er wird wieder ins Rampenlicht gerückt, und das wieder nur in einem unerfreulichen Zusammenhang. So wie einst Guido Westerwelle.

Das kostet in der Wählergunst nicht nur ein paar Promille. Weshalb die Delegierten beim FDP-Bundesparteitag im kommenden Jahr wissen, wie sie ihren Chef zu behandeln haben: Anschlussverwendung ungewiss. Sehr ungewiss…

November 5th, 2012

Müde Politiker in dünner Luft

Gipfel und Abgrund sind eins. Das sagte der große Denker Friedrich Nietzsche, wie stets ein wenig rätselhaft. Wenn man die Beschlüsse der Berliner Koalition anschaut, beginnt man diesen großen Satz zu verstehen. Der Gipfel ist nicht zwangsläufig der Ort der Erleuchtung.

Gipfel, das Wort signalisiert uns Großes. Es ist der Ort, nach dem der mühselige Mensch heftig strebt. Dort angekommen, fällt die Last dieser Welt von ihm ab. Er ist befreit, ist Gott nahe, er schaut von oben auf die Probleme der Welt, die auf einmal ganz klein erscheinen.  Ja, beim Erreichen des höchsten Punktes ist etwas ganz Besonderes passiert. Wer hier steht, hat es geschafft und  macht keine Fehler mehr.

Schön, bloß: Wer so denkt, kennt die reale Politik nicht. Wahrscheinlich auch keine tatsächlichen Gipfelstürme. Denn nach einem langen, langen Aufstieg sind die Helden übermüdet. Hinzu kommt die Höhenluft, die die Sinne ein Stück weit vernebelt. Und dann stehen da mehrere Leute oben, die sich untereinander eigentlich nicht ausstehen können. Irgendwie müssen sie sich einigen. Oder wenigstens so tun.

Aus solchen Situationen nährt sich der faule Kompromiss. Jeder hat einen nutzlosenWunsch frei – bekommt ihn aber sicher erfüllt.

Das hilft für den Moment. Ganz klar. Nie vergessen sollte man allerdings: Vom Gipfel nach unten kann es viel schneller gehen als umgekehrt.

 

 

November 4th, 2012

Nicht aufhören: Gebt uns die Nerdprämie!

Müsst Ihr denn immer schimpfen? Da schlug die Schicksalsstunde für das CSU-Betreuungsgeld. Es kommt. Viel wird gelästert. Doch es wird übersehen, dass die so genannte Herdprämie eine famose Idee ist. Eine Idee, an der allerdings noch gefeilt werden muss.

Aufhören sollten wir mit dem unbedachten Hausfrauen-Bashing. Gut, es begabte menschliche Wesen kaum ausfüllen, sich in Vollzeit um ein Einzelkind, dessen Meerschweinchen und um einen gelegentlich anwesenden Ehemann zu kümmern. Das reicht nicht zur geistig-moralischen Erfüllung. Zumal dann nicht, wenn nur eine einzige warme Mahlzeit zuzubereiten ist. Uroma musste tagtäglich zwei Menüs für ihre 20-köpfige Großfamilie hinbekommen. Die Wohnküchen der Vergangenheit funktionierten wie kleine Restaurants. Es war notwendig, dass darin die tüchtige Hausfrau waltete.

Hausfrau heute ist im Vergleich dazu ein geradezu anarchistisches Lebensmodell. Denn da zeigt jemand seinem Umfeld frech die lange Nase. Jemand widersetzt sich dem Zwang, dass ein mit Gesamtnote 1,8 abgeschlossenes Bachelorstudium zu nachhaltigem Erfolg in abhängiger Beschäftigung führen muss. Es geht auch anders. Drinbleiben in der Wohnung, während draußen das Chaos tobt. Das bedingungslose Grundeinkommen lässt grüßen.

Aber wo bleibt da die Gleichberechtigung? Keine Sorge, das kommt noch. Die Politik wird nacharbeiten. Denn es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen, denen die Integration in die Gesellschaft völlig egal ist. Junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die am liebsten daheim herumsitzen. Bügeln, putzen, abwaschen lassen sie Mama. Ansonsten sitzen sie vor ihrem Flachbildschirm und interessieren sie sich für die Thema Sport, Computer und Sex. Diesen Menschen ist egal, was sonst in der Welt passiert. Und wenn sie erst einmal mit der Tastatur verwachsen sind, ist es auch besser, wenn man sie nicht mehr unter die Leute gehen. Egoshooter, die täglich Boxen und Pornos gucken, haben besondere Werte.

Alsdenn: Wer diesen Jungs Geld dafür gibt, dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen, tut ein richtig gutes Werk. Gebt uns die Nerdprämie! Und alles wird gut.

 

 

 

 

 

 

Juni 5th, 2012

Unsere Regierung: Nix Großes, aber kleiner Mist

Nun lasst es doch mal gut sein. Diese Bundesregierung ist gar nicht so schlecht, wie alle sagen. Sie ist vielmehr ganz nah dran am Volk. Wie viele von uns, bekommt sie nichts hin. Und der dazugehörige Satz lautet: “Morgen fange ich an.”

Wir kennen das, insbesondere von unserem persönlichen Gesundheitsmanagement. Wir haben uns entschlossen, unsere Rente langfristig auszukosten. Dazu müssen wir – logisch – unseren Körper in Schuss halten. Wir müssen Sport treiben, Fett abbauen. Dazu fassen wir Pläne.

Bloß: Der Einstieg ins Zukunftsprogramm mag uns nicht so recht gelingen. Also vertagen wir den Raketenstart auf morgen oder übermorgen. Und fangen mit kleinen Dingen an. Zum Beispiel mit temporärem Gummibärchen-Verzicht.

Und so macht es auch die schwarz-gelbe Koalition. Gestartet ist sie einst mit der machtvollen Parole vom “Durchregieren”. Zwischendrin gab es einen ziemlich folgenlosen “Herbst der Entscheidungen”. Nunmehr folgten Koalitionsgipfel und Kabinettssitzung. Mit einer enormen Tagesordnung, aber minimalen Ergebnissen.

Wichtiges wurde verschoben, das Betreuungsgeld hingegen wurde beschlossen. Dafür dankt die CSU. Außerdem gibt’s fünf Euro für die Pflegeversicherung. Dafür danken die FDP und die ihr treu verbundene Versicherungswirtschaft.

Politik also frei nach der Devise: Wachsen uns die Aufgaben über den Kopf, schaffen wir wenigstens noch kleinen Mist. Da brummt er zufrieden, der bayerische Problem-, äh Koalitionsbär.

Mai 4th, 2012

Willkommen zum Benzinwucher-Livestream

Der Pranger war im Mittelalter eine beliebte Erziehungsmaßnahme. Diebe, Ehebrecher und andere Bösewichte wurden auf den Markplatz geschraubt und durften dort begafft, beschimpft und bespuckt werden. Das auf diese Weise geläuterte Opfer war hinterher ein guter Mensch. Wenn es nach dem Bundeskabinett geht, werden demnächst die Mineralölkonzerne als Kleinkriminelle bloßgestellt.
Es gibt es ja drei Dinge, die vom Volk unbedingt gebraucht und deshalb zu Wucherpreisen verkauft werden: Benzin, Diesel und das Sortiment von Apple. Aggressionen löst allerdings nur die Ausbeutung der Autofahrer aus. Weil es sich um stinkendes Zeug handelt, das von hässlichen Widerlingen verkauft wird, die mit ihrer Kundschaft weder Gnade noch Erbarmen kennen.
Das kann die Politik nicht ruhen lassen. Also müssen die Betreiber der 14700 Tankstellen in Deutsch­land künftig bei einer “Markttransparenzstelle” detailliert melden geben, wann und in welchem Umfang sie die Preise erhöhen oder senken. Die Kundschaft kann im Internet in Echtzeit zuschauen.
Eine famose Idee! Die Preise werden weiter steigen. Weil es auf dieser Welt immer eine Krise gibt. Sei es nun das Auftauchen eines politischen Halbirren in Arabien, sei es die steigende Nachfrage in China oder die sinkende Nachfrage in Portugal. Sei es der Bau einer teuren Pipeline, sei es der Umstand, dass diese Pipeline zwecks Schutz des kaukasischen Wanderhamsters nicht gebaut werden kann. Schließlich wegen der Fünf-Euro-Kräfte, die die neuen Tarife eintippen.
Aber die ganze Welt schaut zu, wenn die Preisschilder ausgetauscht werden. Weshalb sich die Manager der Ölkonzerne in Zukunft richtig schlecht fühlen werden, wenn sie ihren Aktionären Rekorddividenden verkünden. Und weshalb sie die Abrechnungen mit ihrem Millionengehalt nur noch mit allergrößter Verachtung entgegennehmen werden.
“Denen haben wir es aber gezeigt”, werden wir uns freuen. Und vielleicht erreicht die Meldebehörde sogar ihr eigentliches Ziel: Dass Philipp Rösler und seine FDP als Groß-Verbraucherschützer ans rettende Fünf-Prozent-Ufer hüpfen können. Oder mit seinen Worten gesagt: Pack den Laubfrosch in den Tank.

April 22nd, 2012

Herr Rösler und der Weg der Mitte

Die Frage lautet: Was ist das Ziel der meisten Parteipolitiker? Die Antwort liefert Wikipedia: “Bei einer Strecke, einem Kreis, einer Kugel oder allgemein bei einer n-dimensionalen Sphäre ist der Mittelpunkt der Punkt, der von allen Punkten dieser Sphäre den gleichen (minimalen) Abstand besitzt.” Jawohl, es ist die Mitte.

Viele Jahrzehnte lang war die politische Mitte etwas, zu dem das Wort “minimal” auf gar keinen Fall passte. Fast jeder wollte dorthin und fühlte sich auch dort daheim: CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, die Grauen, die Bayernpartei, und, und, und… Die Mitte in der Politik, das war wie der Saturn. Ein riesiges Gebilde, das auf einer Ringstraße von ein paar unmaßgeblichen Halbirren umkreist wurde. Nur wer auf dem “Planeten Mitte” war, schien Chancen auf Wahlerfolge zu haben.

Inzwischen haben sich die Dinge verschoben. Es ist wieder schick geworden, sich “links” zu nennen. Auch die Rechten werden immer frecher. Aber ein solides Eigelb in einem Spiegelei ist die Mitte mindestens noch. Schließlich wird hier der ruhende Pol der Gesellschaft vermutet. Oder wie es der chinesische Philisoph Mo Ti vor 1600 Jahren darstellte: “Der edle Mensch verkörpert den Weg der Mitte, der gemeine Mann handelt dem Weg der Mitte zuwider. Der edle Mensch scheut keine Mühe, um das Leben anderer zu erleichtern.”

Gerade hier will sich nun Philipp Rösler festsetzen. Auf dem Bundesparteitag der Liberalen hat er erklärt, dass die “Bürgerliche Mitte” ausschließlich seiner stark geschrumpften FDP gehöre. Die Konkurrenz sei ja kollektiv auf dem Pfad nach links.

Und somit sind Saturn oder Eigelb zum Zehner auf einer Zielscheibe geschrumpft. Wenn Rösler zuletzt so viel daneben ging, müssen wir uns zumindest nicht mehr wundern.

April 1st, 2012

Wer denkt an die Schlecker-Männer?

Arme Schlecker-Frauen. Mit Euch hatten die FDP-Politiker kein Mitleid. Hilfe vom Staat gibt’s nicht. Geht doch zum Arbeitsamt, wenn Ihr Kohle braucht.
Aber wieso klagen alle immer nur über das Schicksal der Schlecker-Frauen? Denkt keiner an die Schlecker-Männer? An die Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter? Jedes Ausbeutersystem funktioniert erst durch willige Vollstrecker.
Es war doch nicht Schlecker senior persönlich, der seine Frauen im Sozialraum und auf der Toilette ausspioniert und der für jede Kleinigkeit Abmahnungen oder Kündigungen geschrieben hat. Nein, das waren jene Männer, die sauber ihren Job erledigt haben.
Das Prinzip funktioniert überall: Wenn der Mächtige dem Ohnmächtigen die Chance gibt, auf andere Menschen Macht auszuüben, ist dieser gnadenloser als der wirklich Mächtige selbst. Das gibt es im Kleinen, wenn der Abteilungsleiter seinen Mitarbeitern klarmacht, warum man leider, leider nur Minilöhne zahlen kann.
Es klappt auch im Großen. Ein Diktator Assad jagt ja nicht persönlich Stromstöße durch die Körper von Gefangenen oder schneidet Gliedmaßen mit dem eigenen Küchenmesser ab. Er hat seine Helfer. Die erledigen das, weil es für das Vaterland notwendig ist.
Schauen wir also dankbar auf das Werk der Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter. Hätten wir sie ungestört machen lassen, wären Shampoo und Klopapier bei Schlecker am billigsten. Die Firma wäre niemals pleite gegangen. Die wahren Liberalen wissen: Auch der Ausbeuter ist ein Erfolgsfaktor in einer freien Marktwirtschaft. Aber wer fragt demnächst schon noch die FDP?

März 26th, 2012

Das Saarland wird abgeschafft

Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.

800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.

Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.

Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.

Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.

Februar 27th, 2012

Rösler und Merkel: Da wird der Prinz zum Frosch

Im harten Alltagsgeschäft gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass Angela Merkel eine Frau ist. Auch ihr Vizekanzler Philipp Rösler hat das gerade verdrängt. Er hat seine politische Lebensabschnittsgefährtin mit einem Frosch verglichen.  Das ist heftig. So heftig, dass alles unterhalb der ewigen Feindschaft eine Überraschung wäre.

Sicher, man könnte abwinken, “Ach ja, der Rösler” sagen und einfach weitermachen. Ist doch der FDP-Chef für seine Witze berühmt-berüchtigt. Seine Ironie geht oft haarscharf am Ziel vorbei, so dass hinterher jemand beleidigt ist.

Und Verniedlichungen oder gar Kosenamen sind ohnehin so eine Sache. Man kommt sich ziemlich nahe. Nicht jede möchte sich ungefragt Hasi, Engel, Sahneschnitte, Erdbeerpfötchen oder Puddingbrumsel nennen lassen.

Unbedingt vermeiden sollte man aber Vergleiche, welche  der oder die andere garantiert nicht mag. Wie das beim Frosch der Fall ist. Dieses Tier ist bestenfalls lustig (in der Inkarnationsform Kermit), sitzt aber ansonsten dumm, aufgeblasen und dick auf einem Seerosenblatt oder auf einem Stein herum, quakt und wartet darauf, dass Beute vorbeifliegt. Frösche gelten zwar als schöner als Kröten. Trotzdem haftet ihnen etwas Glitschiges an.

Selbst als Märchenfigur ist der Frosch nur zweite Wahl. Wir alle haben als Kind gelernt, dass etwas ganz Schönes herauskommt, wenn man ihn ganz lieb küsst. Was also will Philipp Rösler? Merkel küssen und Nahles bekommen? Oder Sigmar Gabriel? Oder Claudia Roth?

Wahrscheinlicher ist da schon dieser Fall: Merkel küsst Rösler und verwandelt ihn in einen Frosch. Und dann wird sie ihn kochen. Ganz langsam. Mit Genuss. Ganz bestimmt.