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Rösler und die ungewisse Anschlussverwendung
Das hatte sich die FDP fein ausgedacht. Nachdem sie erkannt hatte, dass Philipp Rösler als Parteivorsitzender ein geradezu spätrömisch-dekadenter Fehlgriff war, hatte man sich darauf verlagert, den Vizekanzler in die dritte oder vierte Reihe zu stellen. Falls er in der Öffentlichkeit nur noch bei wirklich unvermeidbaren Gelegenheiten hergezeigt würde, müsste es doch wieder aufwärts gehen. Und tatsächlich: Die Liberalen sind in den Wahlumfragen von zwei auf vier Prozent gestiegen. Das rettende Ufer ist in Sicht.
Zumal eine weitere kluge Entscheidung Wirkung zeigt. Es war gut, den führenden FDP-Kabarettisten Rainer Brüderle als Maskottchen an die “heute-show” abzugeben. Und Spaßvogel Nummerzwei, der Schleswig-Holsteiner Querkopf Wolfgang Kubicki, hat dank seiner lässigen Art gerade bei Stefan Raabs Politshow “Absolute Mehrheit” ziemlich abgeräumt. Über 40 Prozent, hauptsächlich in der Gruppe der werberelevanten jungen Leute – was soll den Liberalen noch passieren.
So lief das. Bis heute. Denn nun werden die Scheinwerfer wieder auf Philipp Rösler gerichtet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat bekanntgegeben, dass der von ihm verwendete Begriff “Anschlussverwendung” das Zeug zum “Unwort des Jahres” hat.
“Anschlussverwendung”, wir erinnern uns, ist in Zusammenhang mit der Schlecker-Pleite gefallen. Rösler benutzte ihn, als er über die nunmehr zahlreichen arbeitslosen Frauen philosophierte. Er sprach darüber, wo sie neue Arbeit finden könnten. Nun ist dieser Begriff für Soldaten ganz normal. Aber passt ein Begriff, bei dem raue Kämpfer gehorsamst salutieren, auch für ein Heer von Frauen, die zuvor Geschirrspülmittel und Badesalz verkauft haben?
Seinerzeit war die Empörung über des Ministers Sprache groß. Und nun holt sie Philipp Rösler wieder ein. Er wird wieder ins Rampenlicht gerückt, und das wieder nur in einem unerfreulichen Zusammenhang. So wie einst Guido Westerwelle.
Das kostet in der Wählergunst nicht nur ein paar Promille. Weshalb die Delegierten beim FDP-Bundesparteitag im kommenden Jahr wissen, wie sie ihren Chef zu behandeln haben: Anschlussverwendung ungewiss. Sehr ungewiss…
Müde Politiker in dünner Luft
Gipfel und Abgrund sind eins. Das sagte der große Denker Friedrich Nietzsche, wie stets ein wenig rätselhaft. Wenn man die Beschlüsse der Berliner Koalition anschaut, beginnt man diesen großen Satz zu verstehen. Der Gipfel ist nicht zwangsläufig der Ort der Erleuchtung.
Gipfel, das Wort signalisiert uns Großes. Es ist der Ort, nach dem der mühselige Mensch heftig strebt. Dort angekommen, fällt die Last dieser Welt von ihm ab. Er ist befreit, ist Gott nahe, er schaut von oben auf die Probleme der Welt, die auf einmal ganz klein erscheinen. Ja, beim Erreichen des höchsten Punktes ist etwas ganz Besonderes passiert. Wer hier steht, hat es geschafft und macht keine Fehler mehr.
Schön, bloß: Wer so denkt, kennt die reale Politik nicht. Wahrscheinlich auch keine tatsächlichen Gipfelstürme. Denn nach einem langen, langen Aufstieg sind die Helden übermüdet. Hinzu kommt die Höhenluft, die die Sinne ein Stück weit vernebelt. Und dann stehen da mehrere Leute oben, die sich untereinander eigentlich nicht ausstehen können. Irgendwie müssen sie sich einigen. Oder wenigstens so tun.
Aus solchen Situationen nährt sich der faule Kompromiss. Jeder hat einen nutzlosenWunsch frei – bekommt ihn aber sicher erfüllt.
Das hilft für den Moment. Ganz klar. Nie vergessen sollte man allerdings: Vom Gipfel nach unten kann es viel schneller gehen als umgekehrt.
Nicht aufhören: Gebt uns die Nerdprämie!
Müsst Ihr denn immer schimpfen? Da schlug die Schicksalsstunde für das CSU-Betreuungsgeld. Es kommt. Viel wird gelästert. Doch es wird übersehen, dass die so genannte Herdprämie eine famose Idee ist. Eine Idee, an der allerdings noch gefeilt werden muss.
Aufhören sollten wir mit dem unbedachten Hausfrauen-Bashing. Gut, es begabte menschliche Wesen kaum ausfüllen, sich in Vollzeit um ein Einzelkind, dessen Meerschweinchen und um einen gelegentlich anwesenden Ehemann zu kümmern. Das reicht nicht zur geistig-moralischen Erfüllung. Zumal dann nicht, wenn nur eine einzige warme Mahlzeit zuzubereiten ist. Uroma musste tagtäglich zwei Menüs für ihre 20-köpfige Großfamilie hinbekommen. Die Wohnküchen der Vergangenheit funktionierten wie kleine Restaurants. Es war notwendig, dass darin die tüchtige Hausfrau waltete.
Hausfrau heute ist im Vergleich dazu ein geradezu anarchistisches Lebensmodell. Denn da zeigt jemand seinem Umfeld frech die lange Nase. Jemand widersetzt sich dem Zwang, dass ein mit Gesamtnote 1,8 abgeschlossenes Bachelorstudium zu nachhaltigem Erfolg in abhängiger Beschäftigung führen muss. Es geht auch anders. Drinbleiben in der Wohnung, während draußen das Chaos tobt. Das bedingungslose Grundeinkommen lässt grüßen.
Aber wo bleibt da die Gleichberechtigung? Keine Sorge, das kommt noch. Die Politik wird nacharbeiten. Denn es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen, denen die Integration in die Gesellschaft völlig egal ist. Junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die am liebsten daheim herumsitzen. Bügeln, putzen, abwaschen lassen sie Mama. Ansonsten sitzen sie vor ihrem Flachbildschirm und interessieren sie sich für die Thema Sport, Computer und Sex. Diesen Menschen ist egal, was sonst in der Welt passiert. Und wenn sie erst einmal mit der Tastatur verwachsen sind, ist es auch besser, wenn man sie nicht mehr unter die Leute gehen. Egoshooter, die täglich Boxen und Pornos gucken, haben besondere Werte.
Alsdenn: Wer diesen Jungs Geld dafür gibt, dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen, tut ein richtig gutes Werk. Gebt uns die Nerdprämie! Und alles wird gut.
Unsere Regierung: Nix Großes, aber kleiner Mist
Nun lasst es doch mal gut sein. Diese Bundesregierung ist gar nicht so schlecht, wie alle sagen. Sie ist vielmehr ganz nah dran am Volk. Wie viele von uns, bekommt sie nichts hin. Und der dazugehörige Satz lautet: “Morgen fange ich an.”
Wir kennen das, insbesondere von unserem persönlichen Gesundheitsmanagement. Wir haben uns entschlossen, unsere Rente langfristig auszukosten. Dazu müssen wir – logisch – unseren Körper in Schuss halten. Wir müssen Sport treiben, Fett abbauen. Dazu fassen wir Pläne.
Bloß: Der Einstieg ins Zukunftsprogramm mag uns nicht so recht gelingen. Also vertagen wir den Raketenstart auf morgen oder übermorgen. Und fangen mit kleinen Dingen an. Zum Beispiel mit temporärem Gummibärchen-Verzicht.
Und so macht es auch die schwarz-gelbe Koalition. Gestartet ist sie einst mit der machtvollen Parole vom “Durchregieren”. Zwischendrin gab es einen ziemlich folgenlosen “Herbst der Entscheidungen”. Nunmehr folgten Koalitionsgipfel und Kabinettssitzung. Mit einer enormen Tagesordnung, aber minimalen Ergebnissen.
Wichtiges wurde verschoben, das Betreuungsgeld hingegen wurde beschlossen. Dafür dankt die CSU. Außerdem gibt’s fünf Euro für die Pflegeversicherung. Dafür danken die FDP und die ihr treu verbundene Versicherungswirtschaft.
Politik also frei nach der Devise: Wachsen uns die Aufgaben über den Kopf, schaffen wir wenigstens noch kleinen Mist. Da brummt er zufrieden, der bayerische Problem-, äh Koalitionsbär.
Willkommen zum Benzinwucher-Livestream
Der Pranger war im Mittelalter eine beliebte Erziehungsmaßnahme. Diebe, Ehebrecher und andere Bösewichte wurden auf den Markplatz geschraubt und durften dort begafft, beschimpft und bespuckt werden. Das auf diese Weise geläuterte Opfer war hinterher ein guter Mensch. Wenn es nach dem Bundeskabinett geht, werden demnächst die Mineralölkonzerne als Kleinkriminelle bloßgestellt.
Es gibt es ja drei Dinge, die vom Volk unbedingt gebraucht und deshalb zu Wucherpreisen verkauft werden: Benzin, Diesel und das Sortiment von Apple. Aggressionen löst allerdings nur die Ausbeutung der Autofahrer aus. Weil es sich um stinkendes Zeug handelt, das von hässlichen Widerlingen verkauft wird, die mit ihrer Kundschaft weder Gnade noch Erbarmen kennen.
Das kann die Politik nicht ruhen lassen. Also müssen die Betreiber der 14700 Tankstellen in Deutschland künftig bei einer “Markttransparenzstelle” detailliert melden geben, wann und in welchem Umfang sie die Preise erhöhen oder senken. Die Kundschaft kann im Internet in Echtzeit zuschauen.
Eine famose Idee! Die Preise werden weiter steigen. Weil es auf dieser Welt immer eine Krise gibt. Sei es nun das Auftauchen eines politischen Halbirren in Arabien, sei es die steigende Nachfrage in China oder die sinkende Nachfrage in Portugal. Sei es der Bau einer teuren Pipeline, sei es der Umstand, dass diese Pipeline zwecks Schutz des kaukasischen Wanderhamsters nicht gebaut werden kann. Schließlich wegen der Fünf-Euro-Kräfte, die die neuen Tarife eintippen.
Aber die ganze Welt schaut zu, wenn die Preisschilder ausgetauscht werden. Weshalb sich die Manager der Ölkonzerne in Zukunft richtig schlecht fühlen werden, wenn sie ihren Aktionären Rekorddividenden verkünden. Und weshalb sie die Abrechnungen mit ihrem Millionengehalt nur noch mit allergrößter Verachtung entgegennehmen werden.
“Denen haben wir es aber gezeigt”, werden wir uns freuen. Und vielleicht erreicht die Meldebehörde sogar ihr eigentliches Ziel: Dass Philipp Rösler und seine FDP als Groß-Verbraucherschützer ans rettende Fünf-Prozent-Ufer hüpfen können. Oder mit seinen Worten gesagt: Pack den Laubfrosch in den Tank.
Herr Rösler und der Weg der Mitte
Die Frage lautet: Was ist das Ziel der meisten Parteipolitiker? Die Antwort liefert Wikipedia: “Bei einer Strecke, einem Kreis, einer Kugel oder allgemein bei einer n-dimensionalen Sphäre ist der Mittelpunkt der Punkt, der von allen Punkten dieser Sphäre den gleichen (minimalen) Abstand besitzt.” Jawohl, es ist die Mitte.
Viele Jahrzehnte lang war die politische Mitte etwas, zu dem das Wort “minimal” auf gar keinen Fall passte. Fast jeder wollte dorthin und fühlte sich auch dort daheim: CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, die Grauen, die Bayernpartei, und, und, und… Die Mitte in der Politik, das war wie der Saturn. Ein riesiges Gebilde, das auf einer Ringstraße von ein paar unmaßgeblichen Halbirren umkreist wurde. Nur wer auf dem “Planeten Mitte” war, schien Chancen auf Wahlerfolge zu haben.
Inzwischen haben sich die Dinge verschoben. Es ist wieder schick geworden, sich “links” zu nennen. Auch die Rechten werden immer frecher. Aber ein solides Eigelb in einem Spiegelei ist die Mitte mindestens noch. Schließlich wird hier der ruhende Pol der Gesellschaft vermutet. Oder wie es der chinesische Philisoph Mo Ti vor 1600 Jahren darstellte: “Der edle Mensch verkörpert den Weg der Mitte, der gemeine Mann handelt dem Weg der Mitte zuwider. Der edle Mensch scheut keine Mühe, um das Leben anderer zu erleichtern.”
Gerade hier will sich nun Philipp Rösler festsetzen. Auf dem Bundesparteitag der Liberalen hat er erklärt, dass die “Bürgerliche Mitte” ausschließlich seiner stark geschrumpften FDP gehöre. Die Konkurrenz sei ja kollektiv auf dem Pfad nach links.
Und somit sind Saturn oder Eigelb zum Zehner auf einer Zielscheibe geschrumpft. Wenn Rösler zuletzt so viel daneben ging, müssen wir uns zumindest nicht mehr wundern.
Wer denkt an die Schlecker-Männer?
Arme Schlecker-Frauen. Mit Euch hatten die FDP-Politiker kein Mitleid. Hilfe vom Staat gibt’s nicht. Geht doch zum Arbeitsamt, wenn Ihr Kohle braucht.
Aber wieso klagen alle immer nur über das Schicksal der Schlecker-Frauen? Denkt keiner an die Schlecker-Männer? An die Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter? Jedes Ausbeutersystem funktioniert erst durch willige Vollstrecker.
Es war doch nicht Schlecker senior persönlich, der seine Frauen im Sozialraum und auf der Toilette ausspioniert und der für jede Kleinigkeit Abmahnungen oder Kündigungen geschrieben hat. Nein, das waren jene Männer, die sauber ihren Job erledigt haben.
Das Prinzip funktioniert überall: Wenn der Mächtige dem Ohnmächtigen die Chance gibt, auf andere Menschen Macht auszuüben, ist dieser gnadenloser als der wirklich Mächtige selbst. Das gibt es im Kleinen, wenn der Abteilungsleiter seinen Mitarbeitern klarmacht, warum man leider, leider nur Minilöhne zahlen kann.
Es klappt auch im Großen. Ein Diktator Assad jagt ja nicht persönlich Stromstöße durch die Körper von Gefangenen oder schneidet Gliedmaßen mit dem eigenen Küchenmesser ab. Er hat seine Helfer. Die erledigen das, weil es für das Vaterland notwendig ist.
Schauen wir also dankbar auf das Werk der Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter. Hätten wir sie ungestört machen lassen, wären Shampoo und Klopapier bei Schlecker am billigsten. Die Firma wäre niemals pleite gegangen. Die wahren Liberalen wissen: Auch der Ausbeuter ist ein Erfolgsfaktor in einer freien Marktwirtschaft. Aber wer fragt demnächst schon noch die FDP?
Das Saarland wird abgeschafft
Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.
800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.
Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.
Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.
Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.
Rösler und Merkel: Da wird der Prinz zum Frosch
Im harten Alltagsgeschäft gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass Angela Merkel eine Frau ist. Auch ihr Vizekanzler Philipp Rösler hat das gerade verdrängt. Er hat seine politische Lebensabschnittsgefährtin mit einem Frosch verglichen. Das ist heftig. So heftig, dass alles unterhalb der ewigen Feindschaft eine Überraschung wäre.
Sicher, man könnte abwinken, “Ach ja, der Rösler” sagen und einfach weitermachen. Ist doch der FDP-Chef für seine Witze berühmt-berüchtigt. Seine Ironie geht oft haarscharf am Ziel vorbei, so dass hinterher jemand beleidigt ist.
Und Verniedlichungen oder gar Kosenamen sind ohnehin so eine Sache. Man kommt sich ziemlich nahe. Nicht jede möchte sich ungefragt Hasi, Engel, Sahneschnitte, Erdbeerpfötchen oder Puddingbrumsel nennen lassen.
Unbedingt vermeiden sollte man aber Vergleiche, welche der oder die andere garantiert nicht mag. Wie das beim Frosch der Fall ist. Dieses Tier ist bestenfalls lustig (in der Inkarnationsform Kermit), sitzt aber ansonsten dumm, aufgeblasen und dick auf einem Seerosenblatt oder auf einem Stein herum, quakt und wartet darauf, dass Beute vorbeifliegt. Frösche gelten zwar als schöner als Kröten. Trotzdem haftet ihnen etwas Glitschiges an.
Selbst als Märchenfigur ist der Frosch nur zweite Wahl. Wir alle haben als Kind gelernt, dass etwas ganz Schönes herauskommt, wenn man ihn ganz lieb küsst. Was also will Philipp Rösler? Merkel küssen und Nahles bekommen? Oder Sigmar Gabriel? Oder Claudia Roth?
Wahrscheinlicher ist da schon dieser Fall: Merkel küsst Rösler und verwandelt ihn in einen Frosch. Und dann wird sie ihn kochen. Ganz langsam. Mit Genuss. Ganz bestimmt.
Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen
Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.
Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen.
Wir haben also wieder Lust auf den Opa, der uns im Lehnstuhl sitzend die Welt erklärt. US-Präsident Barack Obama, der mit 64 Prozent den vierten Umfrage-Platz erreicht, ist in diesem Sinne ein echter Ausreißer. Während der Fünfplatzierte, Günther Jauch, mit 55 Jahren unverschämt jung ist, aber eben auch Unmengen sinnlosen Wissens unter die Menschen streut.
Der Trend zur Erfahrung zeigt sich auch beim ersten Fußball-Star unter den Vorbildern. Nicht Gomez oder Götze liegen vorne, sondern Bundestrainer Joachim Löw. Mit 54 Prozent rangiert er drei Punkte vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Papst Benedikt XVI., der in seinem schonungslosen Kampf gegen die Überbevölkerung die Homosexuellen zur Bedrohung für die Welt erklärt hat, rangiert mit 32 Prozent schon deutlich dahinter. Und erst dann folgt unser eigentliches hauptamtliches Vorbild, Christian Wulff. Nur jede/r Fünfte erklärt ihn um Idol.
Das ist dramatisch schlecht, aber wir wollen gerne annehmen, dass Guido Westerwelle und Herr Achmedinedschad aus Teheran noch schlechter dastehen. In unserer schnelllebigen Zeit wird man eben leicht mal unpopulär.
Eine Frage aber bleibt: Wo sind unsere vorbildlichen Frauen? gut, Inge Meysel und Heidi Kabel sind tot. Aber was ist mit unserer Familienministerin? Ach so, Kristina Schröder ist zu jung. Stimmt, doch Hoffnung ist da. 93 wird sie im Jahr 2070. Bis dahin, ganz sicher, ist sie eine richtig gute Politikerin.
Röslers Mitte hilft uns gar nicht
Also sprach Philipp Rösler: “Wir brauchen Wachstum in der Mitte.” So also stellt sich der FDP-Chef den Weg zur Rettung des Landes, seiner Partei und seiner eigenen Jobs vor. Warum das alles so gut sein soll, sagt er aber nicht.
Wir alle wissen, dass sich außer der Linken alle Bundestagsparteien in “der Mitte” daheim fühlen. Das liegt wohl daran, dass man dort die große Masse an Menschen und somit das größte Wählerpotenzial vermutet. Wahrscheinlich denkt man auch, dass dort Eigenschaften wie Vernunft, Politikverstand und Duldsamkeit verortet sind.
Das Zentrum hat aber einen großen Nachteil: Es ist nur bedingt zukunftsfähig. Die Masse der Vernünftigen strebt vor allem danach, gut zu funktionieren. Kreativität, die Lust auf Veränderung, kommt hingegen meistens von den Rändern. Das Wort “Mittelstand”, das jeder FDP-Chef permanent vorbeten muss muss, signalisiert keinesfalls die Lust auf Bewegung.
Und wenn man sich einen normal proportionierten Menschen anschaut, so sitzt die Mitte irgendwo in der Nähe des Bauchnabels. Dort wächst also in erster Linie das Bauchfett.
Wachstum in der Mitte führt also letztlich zur Figur von Helmut Kohl. Und einen solchen Politiker wollen wir so schnell nicht wieder haben. Nicht mal als FDP-Chef. Schlechtes Motto, Herr Rösler!
Schnäppchenjagd beim StressStresstest
Es ist erstaunlich, dass “Stresstest” erst 2011 zum “Wort des Jahres” geworden ist. Dabei kennen wir alle dieses Verfahren, die Grenzen unserer physischen und mentalen Belastbarkeit in einer besonderen Versuchsanordnung zu erproben, die meiste Zeit unseres Lebens. Einfacher gestrickte Menschen nennen es Weihnachtseinkauf.
Unser Jesuskind-Stresstest wird immer schwieriger. Reichte es früher, kurz vor dem Fest loszuziehen, so macht uns die Werbung der Einzelhändler längst klar, dass wir spätestens Ende September ans Schenken denken müssen. Weil danach die besten Stücke weg sind.
Und jetzt flattern vor dem vierten Advent die “Sale”-Fahnen im Wind. Was bedeutet, dass wir uns mitten im allgemeinen Getümmel auch noch darum kümmern müssen, bloß kein Schnäppchen zu verpassen. Man macht das wahrscheinlich, weil auch die Fernseh-Jahresrückblicke schon Anfang Dezember laufen. Aber das steigert die potentielle Belastung, bei Sat1 würden sie vom StressStresstest reden.
Aber wir werden es aushalten, wissen wir doch aus Ländern wie Bangladesch, Indien oder China, dass sich auch extremste Überbevölkerung alles in allem ertragen lässt. Der Mensch ist wohl doch ein Kuschelwesen. Bis an den Rand des rabattgehebelten Sale-Burnouts.
Übrigens: Ich finde, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache die Kategorie “Verschwindende Begriffe” einführen sollte. Mein Favorit für 2011 ist “FDP”. Aber bestimmt gäb’s da ja noch mehr.
Reiche in Not – Arme früh tot
Ich schreib jetzt einfach mal, was ziemlich viele denken: Eure Armut kotzt mich an! Seit dem Abschied von Sabine Christiansen sind die Reichen aus den Talkshows verschwunden. Nur einige viel zu junge FDP-”Politiker” halten das Fähnchen unserer Leistungselite hoch. Ansonsten gibt es nur noch ein bisschen Rettungsschirm, tonnenweise Ungerechtigkeit sowie Not, Not, Not und nochmals Not.
Leute, begrift doch: Reiche Menschen haben es schwer. Sie haben etwas zu verlieren. Sie werden vom Staat geschröpft. Brutalstmöglich, nachdem sie ihr Luxusauto und die selbstverständlich für das Büro angeschafften teuren Skulpturen von der Steuer abgesetzt haben. Nachdem sie nachweisen konnten, dass sie beim Restaurantbesuch mit der hübschen Sekretärin auch einen Geschäftsfreund getroffen und im Rotlichtviertel von Rio de Janeiro eine umfangreiche Markterkundung vorgenommen haben.
Das alles kommt erst mal weg – aber was dann zu zahlen ist, ist immer noch viel zu viel. Man sagt nicht umsonst, das man Steuern “abführt”. Diese Gesetze sind doch fürs Klo.
Dagegen die Armen. Schon Jesus hat sie als die eigentlich Glückseligen beschrieben. Leben von Luft und Liebe. Gut, sie rauchen mehr als unsereins. Was bedeutet, dass sie die asozialste Steuer dieser Republik berappen, die Tabaksteuer. 4,90 € kostet die Schachtel. 3,58 € kriegt der Staat. Macht zusammen 13,5 Milliarden.
Aber dafür sterben die Armen auch früher. Sagt eine neue Statistik. Ihnen bleibt es also erspart, in einem sündhaft teuren Wohnstift dement dem Ende entgegen zu dämmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, weil sie ihr Rentenwegfallalter (veritabler Fachbegriff) viel zu spät erreichen.
Ja, wir sollten den kapitalschwachen Menschen für alles danken, was sie für diese Gesellschaft leisten. Dazugehören will ich aber nicht. Sag ich mal, sozial schwach wie ich bin.
Rösler und die Taschentücher: Wir winken zum Abschied
“Schluss mit der Trauer, Schluss mit den Tränen: Es ist Zeit, die Taschentücher wegzustecken”. Ach, wie ist er doch knuffig, der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler. Er hat genug davon, dass seine Partei unter ständigen Wahlniederlagen ächzt. Also erklärt er das Problem für beendet. Kann das gehen?
Rösler erinnert an einen Menschen, der sich krankhaft vor Dunkelheit fürchtet, aber unbedingt in den Keller muss. Also steigt er – scheinbar – vergnügt pfeifend oder singend die Treppen hinunter, an deren Ende irgendein Grauen lauern könnte. Der FDP-Chef, der in seinem früheren Leben als Arzt seine jüngsten Patienten als Bauchredner aufgemuntert hat, probiert es also mit Humor. Oder was er dafür hält.
In seiner Parteitagsrede philosophierte er darüber, dass sich SPD-Chef Sigmar Gabriel zuletzt deshalb von den Grünen distanziert habe, weil diese eine Sondersteuer für dicke Menschen planten. Und die Meldung, dass Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht ein Paar seien, kommentiert er so: “Sie hat ganz kleine Augen. Ich kenn mich damit aus.” Wahrhaft ein Hammer-Gag!
Würde Philipp Rösler einsehen, dass sein Kollege Rainer Brüderle der begabtere Humorist ist, würde das ihm und seiner Partei sehr helfen. So aber gibt es keinen Grund, die Taschtücher wegzustecken. Ganz im Gegenteil: Wir werden sie brauchen – um der FDP zum Abschied zuzuwinken.
Wir haben die Stimmen nur geliehen…
Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.
Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?
Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist. Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.
Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.