Wir werden gefastet. Aber wir sind erleuchtet

Gerade sagt man uns wieder, wir sollten doch fasten. Wenn uns alltägliche Freuden eine gewisse Zeit lang fehlten, lernten wir sie wieder als Geschenk zu schätzen. Erleuchtung durch Verzicht – das sei der gute Weg.

Stimmt schon, wir könnten was tun. Smartphonefasten gäbe uns den aufrechten Gang zurück. Kaffeefasten würde unseren Blutdruck senken.

Autofahren hält selbst der ADAC für eine hervorragende Idee. Und Fußballfasten würde manchen Männern die überraschende Erkenntnis vermitteln,  dass da auf dem Sofa noch jemand sitzt.

Dumm bloß, dass wir gerade in ein vielfältiges Zwangsfasten verwickelt werden. Ein Toleranz- und Demokratiefasten greift um sich. Das Zinsfasten kennt jeder, der bloß ein paar Euros angelegt hat. Und der neueste Armutsbericht lehrt uns, das immer mehr Menschen zum endlosen Geldfasten verdammt sind.

Wir fasten zu wenig und werden zu viel gefastet. Nur Dummheit fastet nie. Das stört uns. Aber es hilft uns auch, wenn es durchschaut haben und es ändern können.

Alsdenn, nicht verzagen. Gönnen wir uns ab und zu ein bisschen Sorgenfasten. Und: Bleiben wir erleuchtet!

Das neue Fastengebet: „Mein Freund ist Lokführer“

Ja, es ist wahr: Ich habe den vierten erfolgreichen Tag des neuen protestantischen Fastens hinter mir. Die evangelische Kirche hat ja empfohlen, bis Ostern bewusst auf jedweden Zorn zu verzichten. Man solle versuchen, so die Aufforderung, andere Menschen bewusst positiv zu sehen. Nun denn.

Die Fastenzeit hat in letzter Konsequenz den Sinn, uns unsere natürliche Neigung zur Sünde bewusst zu machen. Bisher haben wir uns an der Völlerei abgearbeitet. Mit einem, wie wir wissen, zweifelhaften Erfolg. Die Menschen werden im Durchschnitt immer dicker. Es ist wahrscheinlich dieser Diät-Effekt. Wer unter Qualen auf Genuss verzichtet, neigt dazu, besonders heftig zuzuschlagen, wenn er wieder darf.

Vermeidbare Todsünden gibt es noch ein paar andere. Man könnte sich fastend an Hochmut, Geiz, Wollust, Neid und Faulheit abarbeiten. Doch auch der Zorn ist beim Herrn nicht wohlgelitten. Er mag gute Gründe haben und grundehrlich sein. Aber ein Wut-Tornado  hinterlässt immer eine Schneise der Verwüstung. Böse Worte holt man nicht zurück.

Gewollte Sanftmut wirkt zunächst weniger schwer, als der Verzicht auf Fleisch und Alkohol. Aber das Zwischenmenschliche ist auch nicht so einfach zu regeln. Beziehungen, ob privat oder im Beruf, sind stets ein verletzliches System von Zuneigung, Gleichgültigkeit und Ablehnung. Niemand kann jeden mögen. Andererseits wissen Kriminologen: Je heißer die Leidenschaft, desto gefährlicher kann es werden, wenn sie sich in Hass wandelt.

Ich habe seit Aschermittwoch nicht gestritten, auch wenn gelegentliches Unterdrückungskribbeln spürbar war. Doch die große Prüfung kann noch kommen. Ich werde in diesen Tagen einen Zug brauchen. Wie rette ich mein Seelenheil, wenn GdL-Chef Claus Weselsky wieder zuschlagen sollte? Mein Plan: Ich werde die Hände falten und zehn Mal „Mein Freund ist Lokführer“ murmeln. Wenn das genügen sollte, habe ich es wohl geschafft. Darauf einen Fastenschnaps!