Macht ist hässlich. Aber sie gehört zum Leben

Macht ist uns zuwider. Als gute Demokraten möchten wir Andersdenkende ausschließlich mit Argumenten von unserer Meinung überzeugen. Die Idee, uns mit mehr oder weniger sanfter Gewalt durchzusetzen, gefällt uns nicht. Jedenfalls würden wir das von uns behaupten. Das Problem: Macht gehört zum Leben.

Das erleben wir gerade aus einer Richtung, die wir bis vor kurzem nicht gekannt haben. Die Türkei hat erreicht, dass sich die Bundesregierung von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hat. Jedenfalls hat diese festgestellt, dass dieser Beschluss keine rechtlichen Folgen hätte. Das passt uns gar nicht. Dieses in unseren Augen immer noch rückständige Land mit seinen Macho-Politikern, will uns vorschreiben, was Meinungsfreiheit ist? Unsere Angela Merkel kuscht vor dem Wüterich vom Bosporus? Wenn hier jemand die moralische Kraft hat, andere zu belehren – dann doch wir.

Falsch gedacht. Da die Türkei bis auf Weiteres die faktische EU-Außengrenze zu Kriegsgebieten ist, hat sie hierzu die Macht. Präsident Erdogan braucht für eigene Propaganda-Zwecke ein paar nette Worte? Dann wird das gemacht.

Nehmen wir Apple. Dieser Konzern hat sich bleibende Verdienste um die Welt erworben, weil er zur rasanten Verbreitung der größtmöglichen Ablenkungs-Spielzeuge erworben hat. Dieses Unternehmen ist also schwer in Mode, weshalb es Länder gerne auf ihrem Territorium ansiedeln möchten. Apple residiert mit seiner Europa-Zentrale in Irland, seine Deutschland-Filiale hat ihren Sitz in München.

Nun hat die EU-Kommission den Konzern zu einer Nachzahlung von 13 Milliarden Euro an den irischen Staat verdonnert. Und siehe da: Irland will das Geld gar nicht, der bayerische Finanzminister Markus Söder winkt schon mal ab. Apple hat die Macht, den Standort zu wechseln. Es soll bitte bleiben, wo es ist. Wofür hat ein Gemeinwesen die arbeitende Bevölkerung?

Auch da ist sie wieder, die böse, böse Macht von oben. Wir wenden uns mit Grausen ab – und liegen falsch. Schließlich sind solche Fragen auch unser Alltag. Etwa dann, wenn wir mit einem Vorschulkind in die Quengelzone der Supermarktkasse vordringen. Auch dann geht es darum, wer sich durchsetzt.

Am Ende ist es die alte Leier. Man kann mit uns alles machen, wenn wir es uns gefallen lassen. Das Sofa ist bequem. Aber Macht entsteht dort nicht.

Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…

 

 

 

 

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort „Baiern“ wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das „i“ kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das „y“ sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der „GrEnter“, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen „Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: „Wir brauchen die Rente mit 70.“

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema „Der beste Senf zur Rostbratwurst“ durch „Glücklich mit veganen Nudeln“ zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  „Mord im Spielsalon“ oder „Abmursken Second Hand“ hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz „Sie kennen mich“ – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

"Fuck EU"? Was sind wir doch sensibel…

Ach, wie sind wir doch sensibel. Da rutscht einer US-amerikanischen Diplomatin mit dem internet-verdächtigen Namen „Nuland“ der Satz „Fuck the EU!“ heraus. Und wir hadern, schimpfen, sind empört. Unsere ansonsten schweigsame Kanzlerin Angela Merkel bewertet die Aussage als „völlig inakzeptabel“. Was soll denn das?

Die Zeiten haben sich doch geändert. Es ist kein Skandal mehr, ein Wort wie „Fuck“ auszusprechen. Auch der Mittelfinger sitzt heutzutage locker. Worte wie „geil“ oder „schwul“, die man noch in den frühen 80-er Jahren schamesrot geflüstert hätte, sind alltäglich geworden. Man darf derb sein, denn Emotionen sind gefragt.

Außerdem: Wer sagt uns denn, dass der Preisboxer Vitali Klitschko die Ukraine einen kann? Wir in Deutschland haben ihn als einen der Unseren einverleibt. Wahrscheinlich, weil er weder Rumäne noch Bulgare ist. Klitschko ist sowieso der erste Revolutionär mit einer eigenen Kolumne in der Bild-Zeitung. Macht ihn das glaubwürdiger?

Doch lassen wir das. Die Ukrainer werden schon wissen, wem sie vertrauen. Der ominöse Fuck-Satz wiederum wird wohl kaum nur von einer US-Diplomatin ausgesprochen worden sein. Man wird ihn in den jeweiligen Landessprachen auch schon auf Straßen und Plätzen in Griechenland, Spanien und Portugal gehört haben. Also Schwamm drüber. Den Ukrainern wünschen wir gute Entscheidungen, Was „Fuck Klitschko“ auf Russisch heißt, wollen wir  gar nicht wissen…

 

Europa ist Absurdistan

Europa ist Absurdistan, sein Zentrum ist Italien. Der Kontinent sieht ratlos oder desinteressiert zu, wie im Mittelmeer massenhaft Menschen ertrinken. Zeitgleich wird in Rom versucht, eine würdevolle Bestattung für die Leiche des Nazi-Kriegsverbrechers Erich Priebke zu inszenieren. Wo fasst man sich eigentlich hin, wenn der Kopf nicht mehr reicht?

Zumal man bei den Tragödien vor Lampedusa auch an den Friedensnobelpreis denken muss. Diese Auszeichnung ist immer ein Risiko, denn es geht nicht nur um tatsächliche Leistungen, sondern immer auch um die mit einer Person oder Organisation verbundenen Hoffnungen. Mit der Preisträgerin dieses Jahres, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, hat das Vergabekomitee bestimmt keinen Fehler gemacht. Wer wollte ihrem Ziel widersprechen? Und wenn das Teufelszeug trotz aller Anstrengungen weiterhin eingesetzt wird, ist man immerhin redlich gewesen.

Aber die Europäische Union? Sie steht für die famose Idee, einstmals verfeindete Staaten durch gemeinsames Recht und eine gemeinsame Währung zu versöhnen und auf diese Weise neue Kriege zu verhindern. Das ist über viele Jahrzehnte hinweg gelungen. Doch stehen wir nicht angeblich auf einem abendländisch-christlichen Fundament? Die EU-Flagge steht mit ihren nur zwölf Sternen symbolisch für Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit. Sie erinnert aber auch an den Strahlenkranz beziehungsweise Heiligenschein der Jungfrau Maria.

Wenn Boote aus Afrika ankommen, ist es mit dem Glauben vorbei. Der christliche Wert im Umgang mit Flüchtlingen ist Barmherzigkeit. Aber diese wollen wir uns nicht leisten. Würden wir diese Menschen nämlich freundlich empfangen, so unsere Überlegung, würden immer mehr kommen. Also lässt man die Angelegenheit von Grenzschützern regeln. Deren Bezeichnung „Frontex“ klingt wie eine Mischung aus Mauer, Schädlingsbekämpfungsmittel und Exitus. Und so ist es auch. Frieden in Lampedusa übersetzt die EU mit „Ruhe sanft“.

Während im Mittelmeer gestorben wird, wird für einen Menschen, der am Mord an über 300 Menschen beteiligt war, eine Totenmesse in lateinischer Sprache gehalten. Die widerlichen Piusbrüder schwelgen in Barmherzigkeit für ihren „treuen Soldaten“.

Man kratzt sich, wo auch immer, und fragt sich, ob es nicht gerecht wäre, den toten Priebke irgendwo bei Lampedusa ins Meer zu schmeißen. Die Antwort ist Nein. Es wäre eine Beleidigung für die Flüchtlinge. Die preisgekrönte Friedensorganisation EU, sie ruhe unsanft.