Du bist (oft nicht), was Du isst

„Du bist, was Du isst.“ Mit dieser Botschaft wird uns eingebleut, dass wir gefälligst darauf schauen sollen, dass mehr Qualität auf unsere Teller und in unsere Mägen kommt. Gute Botschaft, denn wer will schon BigMäc, Döner oder Bratwurst sein? Wahrhaftig ist das aber nicht immer.

Rein theoretisch sind wir ein Volk von Köchinnen und Köchen. Die schlichte Suchanfrage „Kochbuch“ führt beim Online-Buchhändler amazon zu 82.588 Treffern. Alle Lebenslagen sind erfasst. Es gibt 3374 Kochbücher für Kinder, die vermeintliche Herd-Randgruppe Männer bekommt 655 Anleitungen für Essenszubereitung geboten. 334 Bücher präsentieren Rezepte für Singles.

122 liebevoll gestaltete Druckwerke bieten Köstlichkeiten für Haustiere. Die Zahl der Kochbücher für Senioren liegt nur bei 34. Angeblich ist Essen der Sex des Alters. Aber wahrscheinlich kennt man bis dahin schon alles.

Stetig steigend ist die Zahl der Design-Küchen mit selbstreinigenden Herden und twitterfähigen Kühlschränken. Das spricht für Kochlust, ist aber wohl bloß vorgetäuscht. Denn bei der schon erwähnten Online-Suche kommt als erster Treffer die Rezeptsammlung „20 Minuten sind genug“.

Man mag das enttäuschend finden, doch Tarnen und Täuschen gehört zur menschlichen Existenz. Was sich auch im Balzverhalten spiegelt. Forscher haben festgestellt, dass sich Männer und Frauen bei ihren ersten Verabredungen viel besser ernähren, als sie es üblicherweise tun. Männer bestellen edlen Wein statt Bier, Frauen wählen mutmaßlich gesunde Gerichte mit viel Salat.

Aber es stimmt ja. Zu einem Heidi-Klum-Model mit Kleidergröße 32 kann man sich kein Schäufele mit Kloß denken. Obwohl ein voller Magen auch für solche junge Frauen kein Schaden wäre. Aber das ist jetzt wirklich ein anderes Thema.

 

 

Lieber dick und dünn als bloß normal

Manchmal steckt Trost in der vermeintlich schlechten Nachricht. Gerade hat das Internationale Institut für Ernährungspolitik besorgt festgestellt, dass enorm viele Menschen weltweit entweder zu dünn oder zu dick sind. Seine für gesunde Essensgewohnheiten zuständigen Forscher zeigten ihr Unverständnis über die auch hier erlebbare Unvernunft unserer Spezies. Allerdings: Wenn Anderssein normal ist – dann ist das doch wunderbar.

44 Prozent aller Länder wichen, so das Institut, demnach in einem „sehr ernsten Maß“ von der Norm ab. Es gebe entweder starkes Untergewicht in den Mangelgebieten Asiens oder Afrikas. Oder aber dramatische Fettleibigkeit in reichen Gebieten wie den USA. Auch in Mitteleuropa sei eher mit Gicht und Diabetes denn mit Hunger zu rechnen. Es werde jedenfalls zu früh gestorben. Und auch die globale Wirtschaftsleistung könnte deutlich höher sein, wenn sich Menschen mit gutem Essen schlank hielten.

An dieser Stelle dürfen wir festhalten: Wenn es darum geht, ob uns ein Schnitzel oder ein gemischter Salat besser schmeckt, dürfen uns die famosen Weltkonzerne getrost im Mondschein besuchen. Jedenfalls sollte es uns nicht interessieren, ob Volkswagen das Design seiner Autositze ertragstechnisch optimieren könnte, wenn alle Menschen gleich gebaut wären.

Auch ist ein hohes Alters für sich betrachtet kein absolutes Ziel für alle Menschen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und wer sich dafür entscheidet, dass das ein bisschen unvernünftiger, dafür aber intensiver verläuft, sollte dies tun dürfen. Wer seine Zeitung auch als Hundertjähriger noch täglich lesen möchte, soll darauf genauso hinarbeiten können.

Jedenfalls sollten wir festhalten, dass ein Abweichen von der Norm keine Bedrohung ist. Es ist unsere Freiheit – und manchmal sogar eine Verheißung. In diesem Sinne: Ran ans Müsli. Oder an den Speck.

 

 

Die Welt wird fett. Und wo ist das Problem?

Zu Hilfe: Die Welt wird fett. Wie eine aktuelle Studie ergeben hat, tragen 13 Prozent der erwachsenen Menschen deutlich zu viel Fett mit sich herum. Und dieser Anteil werde weiter steigen. Bis 2025 auf 20 Prozent. Fragt sich bloß: Ist das so ein großes Problem?

Die von internationalen Forscher mittels Daten von 19 Millionen Menschen aus 186 Ländern getroffenen Erkenntnisse haben schließlich eine sehr erfreuliche Kehrseite. Trotz eines stetigen Bevölkerungswachstum ist der Hunger in der Welt zurückgegangen. Vor 40 Jahren gab es noch zwei Mal so viele Untergewichtige wie Fettleibige. Die Not damals war, so darf man annehmen, insgesamt größer.

Natürlich: Es geht auch um Ausbeutung und um die Macht der Konzerne. Industriell erzeugte Lebens- und Genussmittel können in größeren Mengen zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. So landet reichlich geschmackloser Schrott auf den Tellern. Die westliche Industrie verfügt jedoch über ein großes Repertoire an Zusatzstoffen, die zumindest den Schein des Besonderen zu vermitteln mögen. Und die im Idealfall ein bisschen süchtig machen. Zudem darf davon ausgegangen werden, dass sich das Wissen um die Sinnlosigkeit des Rauchens weltweit verbreiten wird. Gut, wenn dann Ersatz-Genüsse da sind.

Zumal dicke Menschen viele Vorteile haben. Wer die Humorlosigkeit von Menschen an Fitnessgeräten die üblichen Atmosphäre bei Wein- oder Landbierverkostungen gegenüberstellt, wird seine bessere Wahl leicht treffen. Fettleibige Menschen schaffen mehr Werte. Vom Verkauf von Laufschuhen kann unsere Wirtschaft nicht leben. Frauenzeitschriften sind ohne Übergewicht schlicht undenkbar. Schließlich: Dicke sind friedlicher. Wer nicht durch die Luke passt, fährt keinen Panzer.

Aber die Lebenserwartung! Hier nähert sich unsere Betrachtung endgültig der Philosophie. Muss es zwingendes Ziel eines sterblichen Wesens sein, so alt wie möglich zu werden? Sterben wahre Helden nicht immer früher? So trauen wir der früh gestorbenen Rock-Legende Lenny Kilmister von Motörhead ohne Weiteres zu, dass er islamistischen Selbstmordattentätern sämtliche paradiesischen Jungfrauen wegschnappt. Welchen himmlischen Job stellen wir uns für Johannes Heesters vor?

Aus alldem ergibt sich ein Punktsieg für die Fettleibigkeit. Bei dem nur die Sorge einer apokalyptischen Katastrophe bleibt, bei der die vielen Milliarden Menschen so schwer geworden sind, dass die Erde so weit aus ihrer Umlaufbahn gedrückt wird, so dass uns ein ewiger Winter kollektiv erfrieren lässt. Aber solche Theorien existieren nur im unmittelbaren Umfeld vegan-marathonischer Sekten. Muss man nicht ernster nehmen als Weisheiten von Donald Trump. Alsdenn: Guten Appetit.

 

Currywurst, Du bist entlarvt

Oh Currywurst, wie habe ich Dich geliebt! Wie Du vor mir lagst und mir an der Seite goldgelber Pommes immer nur eines zuriefst: „Nimm mich! Jetzt!“ Doch nun erfahre ich, dass Du mir Böses willst. Du bist eine auf den Teller gelegte Mörderin. Denn Du hilfst meinem fiesesten Feind, dem Krebs.

So sagt es die Weltgesundheitsorganisation WHO. Seit Tagen ist deren  Warnung vor krebserregenden Wurst- und Fleischprodukten das zweite große Thema neben der Flüchtlingsfrage. Doch auch hier gilt: Bloß keine Panik.

Gut gemeinte Hinweise auf falsches oder ungesundes Essen gehören zum Standardrepertoire der globalen Bewusstseins- und Ermahnungsindustrie. Völlerei wird seitens der katholischen Kirche unter den sieben Todsünden gelistet. Wobei eine unserer wichtigsten Schwächen schon im 16. Jahrhundert vom französischen Satiriker Francois Rabelais auf den Punkt gebracht wurde: „Der Appetit kommt beim Essen.“ Wie dem Esel fehlt dem Menschen die genetische Fresshemmung. Er spürt nicht, wann es genug ist. Er muss bewusst Maß halten.

Aber was ist jetzt mit unserem Schnitzel? Hier begegnen wir einem anderen Phänomen. Auch als Erwachsene sind wir bei Bedarf zu kindlicher Naivität fähig. Denn warum sollten Großschlächtereien zwar zu den größten Menschenschindern unserer Arbeitswelt gehören, aber mit ihren Produkten ausschließlich dem Wohlbefinden ihrer Kunden dienen? Im Mittelpunkt des Strebens steht der wirschaftliche Erfolg des Chef-Fleischers und dessen Teilhabern. Qualität gibt es so viel, dass kein Skandal entstehen kann.

Bleibt uns demnach nur veganes Leben? Vor naivem Denken sei auch hier gewarnt. Manche Menschen glauben daran, dass Essen lebensverlängernd wirkt, sobald es außerhalb der Todeszonen der Schlachthöfe gepflückt wurde. Nun pflanzen unsere fleißigen Bohnenerzeuger bestimmt keine Antiobiotika oder Hormonpillen. Aber es gibt Pestizide, weshalb keineswegs sicher ist, dass ein Tofuwürfel mit weniger Dreck in Berührung gekommen ist als eine Scheibe Bierschinken.

Wir sollten also essen, was uns schmeckt. Wir sollten aber nie vergessen, dass in uns ein Esel steckt.

Überwinden wir auch noch unsere Ungerechtigkeit: Liebe Waage, wie habe ich Dich gehasst! Ich war sicher, dass Du böse bist, weil Du tagtäglich gegen meine besten Freunde intrigierst. Doch nun ist die Currywurst entlarvt. Und ich sage: Danke für Alles! Auf Bald! Man wiegt sich!

 

 

Auch am Herd lauert die Depression

Die Widersprüchlichkeit ist fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie zeigt sich in vielfältigen Schatteriungen und Erscheinungsformen. Sogar am heimischen Herd. Man sieht uns dort seltener als man denken sollte. Wir sind annähernd Anti-Weltmeister.

Gibt es nichts Wichtigeres als das Kochen? Sicher, in diesen Tagen könnte man sich auch anders über unser Thema auslassen. Zum Beispiel mit Blick auf diejenigen Menschen, die stolz von ihrem Burn-Out als Beleg ihrer besonderen Leistungsbereitschaft erzählen. Die aber zugleich sicher sind, dass Depression unheilbar ist, weshalb ein solches Leiden zur Verbannung aus dem Berufsleben führen müsste.

Aber lassen wir das. Das Nürnberger Meinungsforschungsinstitut GfK will herausgefunden haben, dass durchschnittliche Deutsche nur knapp fünfeinhalb Stunden am Herd stehen. Pro Woche! Dabei seien notorische Nichtkocher schon herausgerechnet.

Das wundert uns. Denn im Fernsehen laufen jede Menge Kochshows. Nicht, dass es diese anderswo nicht auch gäbe. Im arabischen Raum etwa genießt der TV-Koch von Dubai einen vorzüglichen Ruf. Doch wenn man sich denkt, auf wie vielen Kanälen es bei uns gart, brutzelt oder zischt, müsste mehr passieren. Schließlich darf das Verbreiten von Wissen als Sinn kulinarischer Telekollege gelten. Und es werden Monat für Monat so viele Rezepte verbreitet, dass es jeweils für ein halbes Menschenleben reichen würde.

Mit Hingabe gekocht wird anderswo. Ukrainer und Inder arbeiten laut Studie 13 Stunden pro Woche am Essen gearbeitet. Die größte Leidenschaft für’s Kochen äußern Italiener und Südafrikaner. 43 und 42 Prozent der in diesen Ländern haben daven geredet, bei uns waren es nur 26 Prozent. Am ödesten sieht es in Sachen frische Kost in Südkorea aus. In ostasiatischen Tigerstaaten ist das Leben eben komplett dem Bruttosozialprodukt gewidmet.

Was aber sagen uns unsere mäßigen Zahlen? Vielleicht hätte bei der Auswertung über die Kochdauer die Statistik über die Verbreitung von Induktions-Kochfeldern berücksichtigt werden sollen. Unsere Autos sind die Schnellsten, die Küchentechnik ist bestimmt besser als in Indien.

Wahrscheinlicher ist aber, dass wir Kochshows zuschauen, aber eigentlich nicht wissen, wovon die Leute reden. Wir haben eben keine Ahnung von der Sache. Was es, wenn man es genau betrachtet, bei ernsteren Themen auch geben soll…

Man isst nur mit den Augen gut

Wir wissen es doch. Uns ist klar, dass es mit uns ein böses Ende nehmen wird. Weil wir nicht aufhören, uns ungesund und dabei auch noch  maßlos zu ernähren. Warum ändern wir uns nicht? Die Antwort: Erstens, weil wir es nicht können.  Zweitens, weil das Abspecken uns gar nicht gut tut.

‚Diät bedeutet meistens Zwang. Wir sollen nach „Low-Carb“ oder „Low-Fat“ streben. Wir sollen lernen, rechtzeitig vor dem ersten Biss den glykämischen Index unseres Essens zu ermitteln. Entscheidend ist ja die  Wirkung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel auf unseren Blutzuckerspiegel. Wir denken beim Einkaufen daran, dass unsere Blutgruppe darüber entscheidet, wie gut wir unsere Nahrung verarbeiten. Wir betreiben Dinner-Cancelling und sitzen unerotisch gelaunt bei Kerzenlicht vor leeren Tellern.

Wir kosten Steinzeiternährung mit Fisch und Nüssen, testen an die KFZ-Diät, bei der Fette und Kohlehydrate getrennt werden. Weil wir Fett mögen, freut uns die Existenz der österreichischen Lutz-Diät, die genau diesen Nahrungsbestandteil erlaubt. Wir geben „Kohlsuppe“ bei Google ein, um uns schließlich per Fernhypnose eintrichtern zu lassen, dass Kartoffelchips und Salzstangen wie Hundescheiße aussehen.

Womit wir beim Kern des Problems angelangt sind. Liebe geht durch den Magen, Appetit geht durch die Augen. Wie Wissenschaftler des  Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin gerade festgestellt haben, machen wir es uns am liebsten möglichst einfach. Wir wollen uns die ganzen Spezialfragen eben nicht stellen. Sondern wir entscheiden, wie eine Studie unter Kantinenbesuchern ergeben hat, ganz einfach mit den Augen.

Was gut aussieht oder uns vertraut vorkommt, wird mit Genuss verzehrt. Ein paniertes Schnitzel schmeckt uns also auch dann, wenn es unter der goldbraunen Kruste aus Dachpappe besteht. Forscher nennen dieses Vertrauen in das Bekannte „Adaptive Rationalität“.

Und das ist auch in Ordnung. Denn Hungern macht nicht nur nicht glücklich, sondern krank. „Dicke Menschen leben länger“, versichert etwa  der Lübecker Forscher und Adipositas-Spezialist Achim Peters anlässlich des Anti-Diät-Tages am 6. Mai. Stress sei viel schlimmer als Übergewicht. Wer ständig mit seinem Dasein oder auch mit seinem Gewicht hadere, leide unter einem ständig erhöhten Pegel des Stresshormons Cortisol. Andere Menschen kompensierten die Mühen des Lebens mit vermehrtem Essen. Und seien glücklich, weshalb der Forscher sein Buch „Mythos Übergewicht – Warum dicke Menschen länger leben“ genannt hat.

Was für ein schöner Titel!  Achim Peters und der 6. Mai – sie leben hoch!

 

Lebenskraft muss billig sein

Wieder ist es da, das ultimative Sonderangebot: Drei Rinder-Minutensteaks für 3,49 Euro, drei Schweine-Riesenschnitzel für 4,49. Nein, in diesem Land muss niemand hungern. Irgendein fettiges Brett kriegt jeder zwischen die Zähne.

Fleisch ist eben ein Stück Lebenskraft. Daran glauben wir seit der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Hungern nach dem großen Krieg war vorbei. In jeder Küche durfte nun täglich gebrutzelt werden. Und wenn nicht, gab es ja immer noch Wurst für das Abendbrot. Sicher, viele Menschen haben dieses Muster überwunden. Auf unseren Italienreisen lernten wir, dass man Nudeln nicht nur für die Buchstabensuppe brauchen kann. Wir mögen auch das Besondere. Wir rollen unser Sushi selbst und kratzen kleine Köstlichkeiten aus Tapas-Schüsselchen.

Essen und Trinken in Deutschland haben sich gewandelt. Davon kündet gerade auch eine große Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Curry- und Bratwurst sind unsere Favoriten geblieben, aber den Toast Hawaii mit Ananas-Ring und Deko-Kirsche bestellt kaum noch jemand. Pizza geht immer, vietnamesische Gerichte sollen unbedingt gesund sein.

Man könnte also sogar auf vegetarische Gedanken. Doch davor bewahren uns die Discounter. Bei ihnen herrscht immer Preiskampf. Und gerade geht es nicht um Duschgel, Zahnpasta oder Pferdeabschwitzdecken, sondern um Fleisch. Aldi hat jüngst entdeckt, dass es seine Lieferanten noch ein bisschen mehr melken kann. Die Konkurrenz heult kurz auf, zieht aber nach. Ob die Viecher vor der Fahrt zum Schlachthof Müll gefressen haben, interessiert keinen mehr.

Es gibt richtig leckere Fleischgerichte, die sich immer lohnen. Aber zu viele Menschen belegen ihre Teller nach dem Motto „Billiges muss nicht gut sein“. Und tragischerweise stimmt auch dieses: Viereckiges Essen macht kugelrunde Menschen. Erst recht als Sonderangebot.

Kehren für Bier – Der Lohn der Sucht

„Was Krupp in Essen sind wir in Saufen“. Der alte Spontispruch bekommt gerade eine neue Bedeutung. Denn die Ruhrgebietsstadt lässt mit einem Sensations-Modellprojekt aufhorchen. Arbeitslose Alkoholiker/-innen sollen die Straßen reinigen. Ihr Lohn: Fünf Dosen Bier am Ende der Schicht. Ist das nun genial? Oder gaga?

Alkoholkranke zu heilen,ist keine leichte Aufgabe. Nehmen wir bloß das Arbeitsleben: Vorgesetzte wollen sich ein solches Problem nicht aufhalsen und schauen weg. Kolleginnen und Kollegen wollen niemand anschwärzen. Und überhaupt, so lautet eine beliebte Beschwichtigungsparole, arbeiteten Trinker/-innen mit einem gewissen Promillepegel besser. Für Suchtkranke ist somit der Absturz wahrscheinlicher als eine erfolgreiche Therapie.

Wer den Kampf gegen den Alkohol verloren hat, könnte also, so das Kalkül im Essener Rathaus, durch den Spezialjob zumindest einen strukturierten Tag bekommen. Er/sie würde während der Arbeit weniger trinken als auf der Parkbank. Und fünf Bier zum Feierabend seien eine angemessene Dosis.

Clever, dieser Ansatz. Aber gefährlich. Auch andere Suchtkranke könnten ihren Lohn fordern. Tablettenabhängige würden sich nicht mehr mit vielen bunten Smarties zufrieden geben. Ecastasy-Fans würden steuerfinanzierte Steigerungsformen von Red Bull einfordern. In den Tarifverhandlungen für spielsüchtige Straßenkehrer würde die Casino-Flatrate ins Spiel gebracht werden. Und, und, und…

Nein, lassen wir das. In Essen und anderswo. Wer Arbeit mit Sucht belohnt, lässt die kranken Menschen fallen. Setzen wir lieber auf Therapie. Weiten wir den Kampf gegen Abhängigkeiten aus und sorgen wir für eine bessere Welt.

Gehen wir zum Beispiel die in den Chefetagen verbreitete Yacht-, Villen-, Geld- und Golf-Sucht an. Wenn das gelingt, würden auch niedrigere Gehälter die Lebenshaltungskosten unserer Manager  decken. Und vielleicht erkennt der eine oder andere Macher sogar dieses: Sekt mag fein sein. Aber Sodbrennen durch Dosenbier ist eher unbekannt.

Die Revolution im Gemüse-Staat

Ganz sicher: Ein lachendes Hacksteak will keiner.

Ganz sicher: Ein lachendes Hacksteak will keiner.

Fleisch ist ein Stück Lebenskraft. Dieser Spruch gehört nicht nur zu den absoluten Klassikern der deutschen Werbeslogans. In ihm steckt auch für die meisten von uns eine tiefe Wahrheit. Ohne Essen vom Tier, so unsere Überzeugung, werden wir dünn, schwach und schrullig. Somit ist unser Feind, wer uns diesen Genuss wegnehmen will.

Das erfahren gerade die Grünen. Sie hatten im Wahlkampf erklärt, dass es gut wäre, wenn es in Kantinen ein Mal pro Woche einen Tag mit ausschließlich vegetarischem Essen gäbe. Die Bild-Zeitung, die ihrer Lieblingskanzlerin zuliebe jeden vermeintlichen oder tatsächlichen Fehltritt der Opposition mit großen Buchstaben anprangert, hatte ihr Fressen gefunden. „Die Grünen wollen uns unser Fleisch wegnehmen“, lautete der Aufschrei.

So groß ist die Empörung, dass man sicher davon ausgehen kann, dass einzig eine von oben verordnete Zwangs-Vegetarisierung in diesem Land für eine blutige Revolution sorgen könnte. Das schafft nicht einmal das Steuerrecht.

Unser Fleisch, unser Genuss: Was für ein Quatsch. Es zeigt sich ja, dass wir tierische Nahrung zwar für wichtig halten, dass wir aber streng darauf achten, dass dieses Essen nicht nach Tier aussieht. Ein Hamburger hat mit einem Rind ungefähr so viel gemein wie eine Diskusscheibe mit einem Hubschrauber. Ein Schweineschnitzel ist von einem panierten Putzlappen optisch kaum zu unterscheiden.

Wir wollen Steak oder Muskeln. Ein Menü, das Nase oder Ohren hat, ist undenkbar. Frischen Fisch mit offenen Augen lassen wir stehen, während uns das viereckige Fischstäbchen suggeriert, dass das mit dem Leerfischen der Ozeane vielleicht doch nicht so schlimm ist.

Das ist verkehrt, und Vegetarier leben sogar länger. Aber falls wir uns umstellen – was wird aus unserer geliebten Currywurst? Mein Vorschlag: Nehmen wir eine Extraportion Pommes dazu. Das kompensiert.

 

 

 

 

 

 

 

Currywurst? Unvernunft wird zum Genuss

Schon mehrfach habe ich mich hier an dem Problem abgearbeitet, dass die Menschheit einfach nicht vernünftig werden will. Nun gibt es einen neuerlichen Belg für die Richtigkeit dieser Vermutung: Die Currywurst bleibt das beliebteste Kantinen-Essen in Deutschland.

Ist dieses Essen politisch korrekt? Zumindest so korrekt wie das Verspeisen anderer Tiere. Und das ist in er Evolution für den Menschen angelegt. Ideologisch belastet ist die Currywurst nicht. Sie wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden. Die Berliner Imbissstand-Betreiberin Herta Heuwers nahm sie erstmals 1949 ins Sortiment. Die erste urkundliche Erwähnung als Kantinenkost stammt aus dem Jahr 1974. Damals integrierte Volkswagen die pikante Brühwurst in sein firmeneigenes Ernährungsprogramm.

Aber das ist 38 Jahre her. Seitdem hat es Dutzende von Lebensmittelskandalen gegeben. Wir müssten endlich begriffen haben, dass Salat-Esser einen großartigen Beitrag zum Klimaschutz erbringen. Die Currywurst ist als Mittel zur Rettung des Planeten nur mäßig geeignet. Wenngleich ihr Verzehr der Überfischung der Weltmeere entgegenwirkt.

Aber: Diese Wurst schmeckt, mit scharfer Soße und Pommes Frites, einfach großartig. Es geht eben beim Essen nicht nur um Vernunft, sondern auch um die ganz banale Lust auf ein Lieblingsgericht.

Ein Phänomen bleibt für mich allerdings rätselhaft: In den Kantinen geht am besten, was man sich daheim nicht kocht. Wer macht sich schon eine Currywurst mit Pommes? Wer brutzelt Pfannengyros mit Zaziki? Zeigt sich da ein Drang zur kulinarischen Anarchie? Oder braucht der Mensch bloß Gründe, warum er gerne in die Arbeit geht? Es wäre zu untersuchen…