SPD und ESC: Am Ende fehlen die Punkte

„Martin, lass‘ das Jodeln sein!“ Haben Parteistrategen der SPD vor ein paar Wochen diese Devise ausgegeben? Es scheint – im übertragenen Sinne – so zu sein. Denn wenn man die bei großen Verlierer des Wochenendes hernimmt, nämlich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die junge ESC-Sängerin Levina, so zeigen sich überraschende Parallelen. Es fehlt am Mut.

Beim selbstverständlich völlig unwichtigen Euro-Gesangswettbewerb kennen wir in den letzten Jahren diesen Ablauf: Es wird eine bis dahin unbekannte Kandidatin aus dem Hut gezaubert, die dann mit einem Lied der Kategorie „ordentliches Handwerk“ losgeschickt wird, um den Kontinent samt asiatischer Randgebiete zu erobern. Sie treffen zuverlässig die Töne und stehen gemäß Show-Handbuch ordentlich auf der Bühne – um schließlich von den seltsamsten Gestalten überholt zu werden.

Dieses Mal sind dem deutschen Beitrag unter anderem meilenweit vorausgeeilt: Eine rumänische Jodlerin, ein kroatischer Jung-Moshammer, ein italienischer Tanz-Gorilla und ein auf einer Haushaltsleiter stehender Mann mit Pferdekopf. Gewonnen hat ein verpeilt wirkender Portugiese, der einfach nur ein ganz anderes, nämlich leises Lied gesungen hat.

Das war nicht alles schön, aber es war durchwegs gewagt. Womit wir bei der SPD sind. Auch sie hat einen Neuen gekürt, welcher zunächst eine gewaltige Euphorie entfacht hat. Es schien möglich, dass die deutsche Politik neu erfunden würde. Mit gerechten Themen, mutigem Denken und überraschenden Bündnissen. Doch dann hat sich die Partei offenbar darauf besonnen, so zu sein, wie man sie immer gekannt hat. Ordentlich, zuverlässig, lösungsorientiert  – eine Regierungspartei im besten Sinne.

Anders gesagt: Es wirkt, als würde die SPD versuchen, die Union zu überflügeln, indem sie wie die Konkurrenz auftritt. Ein staatstragender Martin Schulz gegen Angela Merkel? Da nehmen die Menschen offenbar lieber das Original.

Aber dieser Armin Laschet war doch auch bloß langweilig. Eigentlich gar kein Kandidat, von dem man ein Ideen-Feuerwerk erwarten würde. Eben. Beim ESC hat der leise Sänger so völlig gegen den Strom gewonnen. Für’s Jodeln hat die Union die CSU. Der SPD bleibt erstmal Melancholie im Portugal-Format.

 

 

Fast null ESC-Punkte. Es hätte schlimmer kommen können

Unsere Erwartungen haben eine große Macht über unser Empfinden und über das, was letztlich passiert. Diese These wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Universität Würzburg untermauert. Womit wir beim Eurovision Song Contest wären.

Den fränkischen Forschern haben belegt, dass wir Schmerzen besser aushalten, wenn man uns vorher verspricht, dass wir nicht viel spüren werden. So ist das auch mit dem großen Liederwettbewerb. Wir gehen, ganz egal wer da singt, fest davon aus, dass sich Deutschland vor 200 Millionen Zuschauern einmal mehr blamieren wird. Anders als bei Ballsportarten reden wir nicht vom Sieg, sondern davon, ob es diesmal vielleicht nicht der letzte Platz sein müsste. Diese Bescheidenheit hilft. Die große Niederlage lässt Volk und Regierung ziemlich kalt.

Richtig so, denn Deutschland gilt, trotz Beethoven, Wagner und Bohlen, der Welt als Land der Dichter und Denker, nicht aber als Nation der Komponisten. Wir bauen wunderbare Autos mit ungewissen Abgaswerten, haben die besten Kettensägen konstruiert und sind bei zahllosen Produkten Marktführer.

Besoffene Geselligkeit ist eines unserer weiteren Haupt-Kompetenzfelder. Weshalb der aktuelle Beitrag wohl auch verwirrend war. Das Kleid der Sängerin Jamie Lee würde bei  Trinkfesten und Trachtenpartys als Polyester-Designer-Dirndl durchgehen. Aber ein Titel wie „Ghost“ und der abgedrehte Kopfschmuck hätten besser zu Island gepasst. Oder zu anderen mystischen Gegenden. Was den einzigen Jury-Punkt aus Georgien erklären kann.

Doch was mit der Politik? Damit, dass sich Europa und sogar Australien gegen Russland verschworen haben? Traf uns nicht ein viel schlimmeres Komplott? Sagen wir so: Wir müssten uns nicht wundern. Wir exportieren neben famosen Produkten auch Arbeitslosigkeit, indem wir uns durch jahrelange Mini-Lohnerhöhungen und Hartz-IV-Gesetze mit weitaus ärmeren Ländern konkurrenzfähig gemacht haben.

Ja, die Rache ist gelungen. Wenn auch nicht perfekt. Der ESC muss in Europa ausgetragen werden. Hätte nun Australien gewonnen, hätten die anderen gewiss auf uns brave Gebührenzahler gezeigt. Dem Vernehmen nach war München als Austragungsort schon ausgehandelt. Dann aber wäre der Song-Wettbewerb mit der 27. Meisterfeier des FC Bayern zusammengefallen.

Sicherheitstechnisch ein unlösbares Problem. Wir hatten somit Glück im Unglück. Ein Hoch auf die Krim-Tartaren.

 

 

Null ist gut. Es kann nur aufwärts gehen

Diese Schande! Null Punkte für Deutschland! Wo, bitteschön, kann und darf es so etwas geben? Ebendort, wo die Menschen darüber befinden, ob dieses Land in der Lage ist, neben schnellen Autos auch gute Unterhaltung zu produzieren. Nix war’s, der Eurovision Song Contest war ein Debakel.

So groß und heftig die Drama-Schlagzeilen auch sind, so darf man die Sache doch nicht zu eng sehen. Andorra zum Beispiel hat bei sechs ESC-Teilnahmen insgesamt null Punkte erreicht und die meisten letzten Plätze hat es für Norwegen gegeben. Es geht auch nur um eine Show. Zudem um eine, für die wir mit unseren Fernsehgebühren kräftig bezahlt haben. Wer großzügig zur Party einlädt, lässt bei der Tombola den anderen den Vortritt. Das Geld hat sowieso etwas Gutes: Deutschland war im Finale. Der ewige Rächer des Schlagers hingegen, Ralph Siegel, ist mit seinem Lied für San Marino im Halbfinale ausgeschieden. Platz 27 hätte er wahrscheinlich gerne gehabt.

Schlimm ist die Pleite für Franken. In vielen Belangen sind wir ein Landstrich der unerkannten Supertalente. Jetzt hat einer von uns, dieser Schrat Andreas K. aus Unterfranken, die Nation im Stich gelassen und auch noch die hoffnungsvolle Karriere einer netten jungen Frau beendet. Das gehört sich nicht.

Zu kritisieren ist zudem die planlose Arroganz, mit der wir in einen solchen Wettbewerb hineingehen. Wenn man schon weiß, dass uns die Liebe unserer Nachbarn fehlt, sollte man vorausschauend handeln. Warum hat man nicht einen Bus voller Rentner bezahlt, dessen Passagiere zum richtigen Zeitpunkt von einer Telefonzelle in San Marino aus ins Geschehen eingegriffen hätten? Für zehn Punkte hätten 50 Anrufer allemal gereicht. Und wo war Angel Merkel? Von ihr der Satz „Null Punkte unter Freunden. Das geht gar nicht“ hätte bestimmt gewirkt.

Doch in jeder Krise liegt eine Chance.  Weniger geht nicht – also steht schon jetzt fest, dass es 2016 besser werden müsste. Schon ein Punkt würde, mathematisch gerechnet, eine Steigerung um den Faktor unendlich bedeuten. Der deutsche Adler wird zum Phönix. Ja Europa, so wird es  geschehen!

PS.: Wie bekannt geworden ist, sind die Stimmen in Montenegro und Mazedonien nicht sauber gezählt worden und werden im Endergebnis nicht berücksichtigt. Unser Abstand auf Schweden verringert so somit um zehn Punkte. Wie schön, ein Anfang ist gemacht.

Der Franke und sein Herz aus Sandstein

Der Franke gilt als „Gewürfelter“. „Sich wenden, sich drehen, im Leben bestehen“, sehen Heimatforscher als seine typischen Eigenschaften. Der Franke mag langweilig erscheinen. Aber er überrascht immer wieder mit Wendigkeit, Witz und Widersprüchlichkeit. Selbst dann, wenn er singt.

Einem großen Millionenpublikum war die fränkische Neigung zu extremen Hochs und Tiefs bisher aus dem Fußball bekannt. Der 1. FC Nürnberg, auch bekannt als „Der Club“, wurde Deutscher Meister – und stieg bei nächster Gelegenheit ab. Er wurde Pokalsieger – und war ein Jahr später weg vom Fenster. Der Fahrstuhl des Lebens ist des Frankens Stammplatz.

Jetzt ist ein gewisser Andreas Kümmert grandios in die Fußstapfen der ruhmreichen Kicker vertreten. Mit Pilsbar-Outfit, Zauselbart, aber toller Stimme siegte der Unterfranke beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest. Hashtag #USFÖ“ (Unser Song für Österreich). So sicherte er sich die Chance, vor noch mehr Zuschauern aufzutreten, als es der Glubb jemals geschafft hat. Sogar Australien schaut diesmal zu. Doch im entscheidenden Moment wurde sein „Heart of Stone“ weich wie Sandstein und rutschte ihm tief in die ausgebeulte Jeans.

„Ich bin nur ein kleiner Sänger“, seufzte er nach seinem Sieg ins Mikrofon und gab den Fahrschein nach Wien an eine Kollegin ab, die ein Lied über schwarzen Rauch schreit. Warum – darüber darf gerätselt werden. Vielleicht hat ihn zwecks hohem Fieber die fränkische Bescheidenheit übermannt. Es gab da aber auch das Gerücht, er habe bei einem Konzert Frauen als Schlampen beschimpft und sie zum Oralverkehr aufgefordert.

Einem Rockstar, das wissen wir, könnte das nicht schaden. Beim durchgeknallten Glitzer-Contest gehört sich das natürlich nicht. Wien sagt: „Was kümmert uns Andreas?“. Und nach diesem überragenden Absturz gilt. Wer sich so schnell in die vierte Liga schießt, kommt nur ganz, ganz schwer nach oben.

 

 

Eurovision Song Contest: Der Zeitgeist ist barfuß

Ist es denn die Möglichkeit? Der deutsche Beitrag belegt beim „Eurovision Song Contest“ wieder mal einen richtig schlechten Platz. Und schon heißt es wieder „Bääääähhh, keiner mag uns.“ Oder es wird gemutmaßt, die Sängerin von „Cascada“ sei als Angela Merkels Stellvertreterin auf Showbühnen bewertet und mit „zero points“ von fast überall abgestraft worden. Ach bitte: Jetzt tut das doch nicht hochsterilisieren, wie ein großer Fußballer mal gesagt hat.

Man muss Folgendes anerkennen: Das Lied „Glorious“ war Mist. Es wurde letztlich ausgewählt von einer öffentlich-rechtlich bestellten Fachjury, wie sie schon manches Desaster bewirkt hat. Hinzu kommt, dass das Thema „Blondinen in superkurzen Kleidchen“ bei Weißrussland erheblich besser aufgehoben war. Zumal es rätselhaft bleibt, warum sich eine Frau für einen Auftritt vor einem hundertfachen Millionenpublikum ein Stück vom Küchenvorhang an den Po tackert. Sah nicht gut aus, wirklich nicht.

Der früher gerne beschworene Ostblockeffekt war es aber nicht. Zwar schnitt ein Schnulzensänger aus einer Diktatur mit Platz zwei ab, obwohl er sich singend auf ein Gefängnis aus Plexiglas stellte. Aber Dänemark ist nicht Aserbaidschan. Sein Sieg zeigt vielmehr, dass der Zeitgeist nicht glitzert, sondern barfuß und ungekämmt daherkommt. Das zeigte sich auch beim Lied der Niederlande. Da fielen im Text Vögel von den Dächern. Was man sich normalerweise nur wünscht, wenn Tauben mit Dünnpfiff am eigenen Haus nisten. Das zweite große Thema war, der Krise die Stirn zu bieten. Wenn Griechen in Hockeydamen-Röcken „Alkohol ist kostenlos“ singen, dann ist das genial trotzig. Seht her, uns geht’s beschissen. Aber wir haben mehr Spaß als Ihr mit Eurer Mutti Merkel.

Warum ein rumänischer Dracula mit Kastratenstimme vier Mal so viele Punkte wie „Cascada“ bekommen hat, muss man nicht verstehen. Vielleicht wegen der indirekten, marktwirtschaftlichen Botschaft: Zubeißen ist besser als jaulen. Und dieser seltsame Kinderarzt aus Malta…

Was soll’s: Nehmen wir den 21. Platz doch als gutes Signal für den gesamten Kontinent. Deutschland ist doch nicht unbesiegbar, es kann auch mal richtig eine aufs Dach kriegen. Lassen wir den anderen doch die Freude. Und wem dazu die innere Größe fehlt, weiß immerhin noch eines: Die Wahrheit ist auf’m Platz. Demnächst in Wembley.