In der Hitze zeigt sich der Geschmack

Diese Hitze! Bei mehr als 30 Grad möchte man sich unbedingt Erleichterung verschaffen. Doch wo Textil ist, ist Schweiß. Also mögen wir es im Sommer luftig und auf’s Wesentlichste reduziert. Jedoch: Wie halten wir es mit der Moral? Oder mit der Ästhetik?

Jüngst hat die Rektorin eine Realschule in Baden-Württemberg ein bundesweit beachtetes Signal gesetzt. Wer bei seiner Bekleidung zu stark auf Stoff verzichtet, muss am jeweiligen Unterrichtstag ein übergroßes T-Shirt überstreifen. So soll erreicht werden, dass Schüler nicht auf nackte Haut starren, während an der Tafel Algebra-Aufgaben auf eine Lösung warten. Wissen statt Erotik – das ist das Ziel.

Aber sind junge Menschen wirklich exhibitionitisch veranlagt? Wollen sie unbedingt zu viel und zudem das Falsche zeigen? Hier sollte man nie vergessen, dass sie in einer Welt der schlechten Beispiele leben. Wer sieht, zu welchen optischen Verbrechen Erwachsene im Hochsommer fähig sind, wird mangelnden Stil bei der Jugend milde beurteilen.

Zumal sich viele Ältere in einer fortlaufenden Wachstumsphase befinden. Wer etwa ein T-Shirt drei Jahre nach der letzten großen Hitzewelle wieder einmal überstreift, sieht unter Umständen aus wie eine zugeschnürte Leberwurst. Speziell Männer in kurzen Hosen können schlimm aussehen, erst recht, wenn Sandalen mit Socken kombiniert werden.

Wir haben also gelernt: Hitze ist in jeder Lebensphase eine Prüfung für den guten Geschmack. Die heftige Diskussion über die blutjungen Hot-Pants-Lolitas wird eher von Erwachsenen geführt. Sie gab es in den 70-er Jahren in 13 Folgen „Schulmädchen-Report“, welche weltweit rund 100 Millionen besorgte Bürger voller Abscheu betrachteten.

Und unvergessen ist der alte Grieche Sokrates: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Manches ändert sich eben nie.