Der Kunde ist Opfer. Teil 3: Die Stehlampe

Du sitzt also da, schaust irgendeine Fernsehshow und denkst an nichts. Wohnzimmer-Prärie vom Feinsten. Plötzlich aber: Ein lauter Knall, das Licht geht aus, Sicherung futsch. Es ist etwas passiert. Außerplanmäßig.

Aber kein Problem. Einfach zum Sicherungskasten, Hebelchen hoch, Glühbirne suchen und finden. Reinschrauben und – fertig? Schön wär’s, denn es die Schnur zum Ein- und Ausschalten unserer wunderbaren Jugendstillampe löst keinen Klick mehr aus. Und schon gar kein Licht. Mit mäßigem Talent suche ich nach dem Fehler. Ich ringe mit der (Birnen-)Fassung. Und scheitere doch. Ein Experte muss her. 30 Euro hat die Lampe gekostet, teurer sollte es nicht werden.

Den Fachmann meiner Wahl habe ich schnell ausgemacht. Bei uns um Eck hat ein Elektromeister ein Geschäft aufgemacht. Die Urkunde an der Wand verheißt Sachkunde, die wirre Dekoration und die gut bestückten Stahlregale passen zur schwierigen Aufgabe: Finde ein Ersatzteil für eine 90 Jahre alte Stehlampe.

Da stehe ich also und beschreibe dem Herren über Gleich- und Wechselstrom mein Problem. „Ja, ja, su a Kurzschluss gäihd schnell“, sagt er und gluckst grinsend. Habe ich etwas falsch gemacht, frage ich verunsichert. Der Elektromann beruhigt: „Na, obber suwos, su a Fassung, hobb iiech zuledsd in meiner Lehrzeid gsehgn. 1971, wiss’n?“ Nein, weiß ich nicht, denn 1971 gehörte der Kauf von Lampen-Ersatzteilen noch nicht zu meinen Kernkompetenzen. Und? Gibt’s Hoffnung? „Naaa, bei mir ned. Su a Deil gibbds wohrscheinlich nimma.“ Aha, aber Mokkatassen aus Nymphenburger Porzellan kannst du noch nach 600 Jahren nachbestellen, „Des is wos anders, Schauers, den Fernseher. Der is drei Johr ald, obba wenn där kabudd is, isser hie. Dass es kanne Ersadsdeile gibbd, is voll Absichd vo die Herschdeller. Verstängers?“

Gut, ich habe in meinem Leben schon so viel verstanden. Warum nicht auch dieses? Aber mitten hinein  in meine aufkeimende Fastenzeit-Depression kommt der gute Rat. „Gängers zum Lambnhändler. Där könnd suwos nu hohm.“

20 Minuten bis Geschäftsschluss bleiben noch. Wohlan, Geselle. Ich komme tatsächlich rechtzeitig an, will in die Einfahrt zum Kundenparkplatz einbiegen. Aber nix geht, eine Frau blockiert sie mit ihrem lindgrünen  Auto. Sie telefoniert. Also Wendemanöver und Kamikaze-Rückwartseinparkung.

Der Mann hinter dem Tresen empfängt mich freundlichst. „A scheene Lambn hamms do. Nenndmer Bänggerlampn, wissen’s des?“ Es folgt die Problemschilderung und die Frage nach dem Ersatzteil. „Ja, suwas häddmer im Haus.“ Ich lächle zufrieden. „Oba billich werd des ned.“

Wie? Wegen einer läppischen Birnenfassung mit Schnur? Nun folgt der desillusionierende Wortschwall des Experten: „Des fängd scho middm Schdegger oh. Wos Sie da hamm, is goor nimmer erlaubd. Dann hamm Sie a zweiboliches Kabel und die Medallbladdn is ned geerded. Mir braugn do unbedingd a dreiboliches Kabel. Im Momend is däi Lambn griminell.“

Und was kostet es? „Naja, die Arbeidssschdund lichd bei 43,58 Euro. Ohne Schdeuer. Und däi Lambn is ned einfach zu rebarieren.“ Ich kalkuliere selbst und frage, ob 160 Euro herauskommen könnten. „Es könnd billicher werrn, denk iiech. Oder mehr kossdn. Je nachdem.“

Ich resigniere und sage, dass ich mir die Reparatur überlegen werde. Ich drehe mich zum Gehen – und höre die Stimme des Experten: „Wos iiech Sie nu frogn wolld: Is des Ihr Audo, do draussn in der Einfahrd?“ Ich atme tief durch. Und denke an ein Fachbuch, das ich gestern beim Buchhändler gesehen habe. „Jeder kann zum Mörder werden“. Manchmal steht die Wahrheit ganz einfach im Regal.