Der welke Held und sein Finale

Wenn Helden verwelken, wird es gerne mal dramatisch. Gerhard Schröder hat nach seiner Abwahl herumgemotzt, Lothar Matthäus suchte nach immer jüngeren Frauen. Ein Dieter Bohlen ist (noch) anders. Er kämpft um seinen Ruhm. Notfalls gegen ein ganzes Land.

“Das klang wirklich wie ein offenes Raucherbein.” Wer so über andere herzieht, sollte ein bisschen Spott aushalten. Zum Beispiel eine ironische Zigarettenwerbung. Aber es läuft nicht mehr für den Dieter. Mit ihm als Oberjuror wäre früher jeder noch so sinnlose Wettbewerb zum Publikumserfolg geworden. Und was hat dieser Mann nicht alles gecastet? Sänger, biegsame Akrobaten, Schwertschlucker, besoffene Frauen, Panflötenspieler, tanzende Hunde und vieles mehr.

Jetzt aber schafft die neunte Staffel seiner Show mit den Superbubis nicht einmal mehr fünf Millionen Zuschauer. Weil offenbar der letzte Träumer bemerkt hat, dass hier niemals eine echte Karriere beginnen wird.

Die Spannung ist raus. Doch das Finale steht an. Was also tun? Logisch: Es braucht einen großen, aufsehenerregenden Skandal. Denn ein Titan macht keine Scherzchen.

Also zieht er gegen Deutschland vor den Europäischen Menschengerichtshof. Weil der Bundesgerichtshof die Spott-Werbung erlaubt hat. Die Beschwerden liegen schon seit 2009 beim Gericht. Aber es ist eben das wenig gefragte Finale. Welch Zufall, dass “Bild” gerade jetzt ganz groß berichtet.

Vielleicht bringt das nochmal eine Million Zuschauer, aber auf langer Sicht wird es nicht helfen. Dieter Bohlen wird, wie vor ihm Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt, in den Ruhestand verschwinden. Und wenn er dann in einer Oldie-Show auftreten darf, wird ein Jung-Juror mit Dieters Worten vielleicht dieses sagen: “Wenn ich Auto fahre, und dich im Radio höre, da würde ich doch sofort bremsen und gucken, ob ich ‘ne Katze überfahrn habe.” Wie treffend.

Dieter Bohlen, Retter der Sangesknaben

Sucht man nach Beweisen für die Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft, müssen wir in Bayern nicht weit schauen. Es sind unsere Schulen. Nirgends in der Republik bleiben so viele Kinder sitzen wie im Freistaat. Und nur ein Mann kann den Opfern dieses Systems Hoffnung machen: Dieter Bohlen, von Beruf Pop-Titan.

Das Ergebnis einer Bildungsstudie im Auftrag der einflussreichen Bertelsmann-Stiftung sieht für Bayern so aus: In keinem anderen Bundesland schaf­fen weniger Schüler das Abitur. Und nirgends sonst entscheidet die Herkunft stärker über die Schulkarriere als im Freistaat uns. Das sei schlecht, sagen die Bildungsforscher.

Leute, warum so wehleidig?  Nach der festen Überzeugung der einflussreichsten CSU-Politiker(innen) wird das bayerische Abitur in mindestens 178 Staaten der Welt als wahrhaftige Krone des deutschen Bildungswesens bewundert und respektiert. Unser Rohstoff ist wahrhaftiger weiß-blauer Geist. Wer dagegen nur Stroh im Kopf hat, taugt eben nur als Knecht. Das ist eine Wahrheit.

Die andere Wahrheit ist, dass Mädchen in ganz Deutschland fleißiger und klüger sind. Sie räumen in den Schulen ab. Sie hängen die Jungs ab, so dass diese im Vergleich immer blasser wirken. Aufzuhalten ist diese Entwicklung nicht mehr.

Nur eine Institution stemmt sich seit Jahren erfolgreich gegen diesen Trend: Die RTL-Castingshow “Deutschland sucht den Superstar”. Hier werden alle Erkenntnisse der Bildungsforschung auf den Kopf gestellt. Mädchen, und seien sie noch so talentiert, will das Publikum nicht sehen. Das Herz des Publikums gehört Sangesbuben in lustigen Gewändern.

Die rettende Botschaft für männliche Schulversager lautet also: “Singt, wenn Ihr sonst nichts könnt”. Das hilft vielleicht sogar im gnadenlosen Freistaat Bayern.

 

 

Die Ursuppe der Casting-Stars

Ja, ich gebe es zu: In meiner jüngsten Helden-Umschau habe ich Deutschlands neuen Superstar Pietro Lombardi ausgespart. Das war ein Fehler, denn Casting-Stars wie der schnoddrige Italiener sind sozusagen das Gebot der Stunde. Wie aber kommt es, dass es immer mehr Berühmtheiten dieser Kategorie gibt?

Ich meine, dass das der Europäische Menschenrechtsgerichtshof zu verantworten hat. Dieser hat in seiner Rechtsprechung zu den Paparazzi-Attacken auf Caroline von Monaco (von Hannover) der Berichterstattung über Promis relativ enge Fesseln angelegt. Medien müssen sich sich zurückhalten. Sie müssen Juristen fragen, bevor sie fotografieren oder schreiben lassen. Weil es sonst teuer werden kann.

Also erschaffen sich die Medien ihre eigenen harmlosen Helden. Wer sich in die Fänge von DSDS, Dschungelcamp oder Supertalent begibt, unterschreibt auch, dass er seine Privatsphäre mitvermarkten oder sich vom Produktionsteam einen neuen Lebenslauf zuteilen lässt. Nun mag schwer sein, eine 18-jährige Nachwuchssängerin zur spannenden Persönlichkeit zu stylisieren. Aber wo ein Wille ist…

Castingstars sind für die TV-Sender und ihr Haupt-Vermarktungsorgan “Bild” auch deshalb interessant, weil sie schnell wieder verschwinden. Die DSDS-Gewinner der letzten Jahre kennt noch kaum jemand, die alten Let’s-Dance-Götter eh nicht. Und am kommenden Samstagabend wird zu erleben sein, wie ein Popsternchen namens Lena nach einem guten Jahr seiner Existenz verglüht.

In der Politik hat dieses Verfahren – nachhaltige Spannung durch mediale Todesfälle – bislang erst bei Karl Theodor zu Guttenberg überzeugend funktioniert. Weshalb es zunächst hierbei bleibt: Erst wenn das letzte Talent super ist, der letzte König seinen Dschungel verlässt, erst wenn die letzte Frau getauscht ist und der letzte Bauer seine Frau gefunden hat, werdet Ihr feststellen, dass Fernsehen manchmal ganz schön scheiße ist.

Einfach mal abschalten – auch auf dem Sofa

“Wer lächelt statt zu toben, ist immer der Stärkere.” Sicher, es ist nicht leicht in diesen Tagen, nicht aufgeregt oder nicht empört zu sein. Aber niemand wird einen Zustand der chronischen Wut schadlos überstehen. Also sollte man mal Gas wegnehmen und sich entspannen.

Glaubt man den Psycho-Experten der Frauenzeitschriften, so ist dieser Zustand ohnehin dem wahren Glück am nächsten. Aber wie kommt man hin? Im Auftrag der “Apotheken Umschau” wurde dies in einer Umfrage untersucht. Und siehe da: Knapp  drei Viertel, nämlich 73,3 Prozent nanntzen Fernsehen als Mittel zur Entspannung.

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Japan zeigt: Unsere Probleme hätten andere gern

Die wahnsinnigen Ereignisse nach dem Erdbeben im Japan machen es wieder einmal deutlich: Alles in allem gesehen geht es uns gut. Sehr gut sogar.

Nehmen wir doch mal drängende Fragen dieser Tage: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Ist eine klitzekleine Steuersenkung vielleicht doch möglich? Dürfen, was CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär heftig kritisiert, Germany`s Next Top Models in einer Kirche Brautkleider vorführen? Und kann es gutgehen, dass bei DSDS Nina Richel durch Sarah Engels ersetzt wird?

Unsere Richter-Skala der überflüssigen und belanglosen Themen ist nach unten offen, während es in Japan viele Erdbeben- und Tsunamiopfer gibt und sogar eine atomare Katastrophe droht. Und während der irre libysche Diktator nahezu ungestört seine Gegner beschießen lässt. Was er die nächsten Tage sogar wieder besser kann, weil es seit heute ein anderes großes Thema gibt.

Logisch. Es überfordert uns, für das komplette Weltgeschehen Interesse oder echte Gefühle für Opfer von Katastrophen zu entwickeln. Kein Mensch will und kann Tag und Nacht nur die ganz großen Probleme lösen. Wir brauchen auch das Einfache, das Triviale, um uns gut zu fühlen.

Also mag es unglaubwürdig sein, heute von Trauer oder “tiefer Betroffenheit” zu reden. Aber wir könnten innehalten und unsere eigenen Probleme gelassener betrachten. Der Sarkasmusgenerator in meinem Gehirn jedenfalls hat gerade Sendepause. Und das ist auch gut so.

Babynamen 2010: Stillstand statt Pfefferminza

Alarm, Alarm! Diese Republik stagniert. Ablesen lässt sich das aktuell an der von der  Gesellschaft für deutsche Sprache herausgegebenen Rangliste der beliebtesten Vornamen für Neugeborene. Die Favoriten sind schon seit Jahren die gleichen. Was ist bloß los? Wo bleibt die Innovationskraft in diesem Land der Dichter, Denker und Weltmarktführer?

So hat ein Standesamt den Wunschnamen Pfefferminza abgelehnt. Gut, die dazugehörigen Eltern haben einen Sprung in der Schüssel. Aber: Es ist ein Name aus der Weltliteratur, nämlich einer der fünf Vornamen von Pippi Langstrumpf. Nicht genehmigt wurden auch Gihanna und Menez. Obwohl das verdächtig nach DSDS-Kandidaten klingt. Weiter lesen

DSDS: Das Volk will keine "Superstarin"

Es gibt wahrlich gute Gründe, die alljährliche Suche nach Deutschlands neuem Superstar doof, schlecht, abschaltungs- oder gar verabscheuungswürdig zu finden. Aber diese Sendung erzählt uns viel etwas über unsere Gesellschaft. Nämlich dieses: Der Sozialismus mag irgendwann zurückkehren. Doch der Feminismus siegt nie.

So zeigte die erste RTL-”Mottoshow”, dass eine seit langem bekannte Grundregel der Politik unverändert gilt: Frauen wählen keine Frauen. Weiter lesen

Das Grauen im Fernsehdschungel

Jeder kennt den Spruch “Das Grauen hat viele Gesichter”. Seit 14. Januar hat es genau elf Gesichter. Dann startet die neue Staffel des RTL-Dschungelcamps. Der australische Dauerregen der letzten Zeit  hat nichts genutzt. Diese Sendung läuft. Marcel Reich-Ranicki wurde nicht gehört.

Wenngleich man Machwerke wie das Dschungelcamp mit Missachtung strafen möchte, kommt man daran nicht ganz vorbei. Denn es sagt viel über diese Gesellschaft aus. Weiter lesen

Lifestyle: Abschieds-SMS mit Tränen in den Augen

Die ehemalige Bohlen-Freundin Nadja Abdel Farrag, allgemein besser bekannt als “Naddel”, hat vor neun Jahren einen Trend gesetzt: Sie hat sich von Schlagerproduzent Ralph Siegel per SMS getrennt. Die Öffentlichkeit war schockiert.

Nicht, dass man die arabische Party-Tussi nicht verstanden hätte. So konnte sich TV-Fiesling Harald Schmidt die Beziehung der damals noch jungen Frau zum älteren Herren nur so erklären, “dass da doch der Ekel über die Gier gesiegt hat.” Irritiert hat damals die stillose Art, Schluss zu machen.

Aber während Naddel inzwischen derart durchgeknallt ist, dass sie trotz einer eher bulimischen Figur Fettabsaugungen plant, ist die finale elektronische Mitteilung längst zur Normalität. Angeblich haben drei Millionen Deutsche schon einmal per E-Mail oder SMS Schluss gemacht. Gemäß einer Forsa-Umfrage, über die die Nürnberger Nachrichten heute berichtet haben, be­enden meist jüngere Menschen eine Beziehung mit einer elektronischen Mitteilung. Jeder Siebte zwischen 14 und 19 Jahren hat sich demnach schon einmal auf diese Weise von seinem Partner getrennt.

Ist doch auch klar. Wir leben in einer Zeit, in der es schnell gehen muss. Und: Wir kennen alle unsere Probleme aus den Doku-Soaps dieser Welt. Eine Scheidung ist dort nach maximal drei Folgen erledigt. Das ist die Vorgabe – warum also irgendwelches Palaver.

Es reicht doch “(-.-) ´’`_(ò_Ó)_/´’` (^_^)/” (q_q)” – was in etwa “finde Dich doof, alter Zombie. Winke mit Tränen in den Augen” heißen dürfte.

So genau weiß ich es aber nicht. Ich gehöre noch einer Generation an, die Beziehungen – wenn schon – mit einem persönlichen Gespräch beendet. Ob das wegen etwaiger explosiver Emotionen gesünder ist, sei dahingestellt. Aber vielleicht halten Partnerschaften mit Reden am Ende länger, als man selbst gedacht hat.

DSDS-Mehrzad: Der Feminismus lebt doch noch

Merzad (li.) und Menowin mit Papa Bohlen.

Mehrzad (li.) und Menowin mit Papa Bohlen.

DSDS 2010 sei eine Pleite für den Feminismus hatte ich kürzlich in diesem Beitrag

geschrieben. Es gab daran Zweifel, und nach dem Sieg von Mehrzad Marashi sieht es so aus,als seien diese berechtigt gewesen. Das Schlimmste wurde vermieden.

Schließlich sind es junge Frauen, die mit ihren superschnellen SMS-Daumen für die Entscheidung gesorgt haben. Sie hatten die Wahl zwischen einem soften Typen, dem Frau und Familie viel bedeuten. Und der als dunklen Fleck in seiner Biographie nur einen verlorenen Führerschein herzeigen kann.

Auf der anderen Seite einer, den manche Medien bei anderer Gelegenheit als jugendlichen Intensiv-Straftäter führen würden. Einer, der selbst nach einer sanften Nummer wie ein hochexplosives Aggressionsbündel auf der Bühne steht. Dessen Blick nach der Entscheidung schlichtweg furchterregend war. Das also soll er sein, der Mann, den junge Frauen wünschen. Kann das wirklich sein?

Selbst die “Bild”-Zeitung flehte gestern geradezu, den “mächtigen Sieger” (so die Übersetzung des althochdeutschen Wortes Menowin) nicht zu wählen. Und wurde erhört. Vielleicht könnte Mehrzad zu den Lesern meines Blogs gehört. Die haben nämlich via Abstimmung

entschieden, dass “Erdbeerpfötchen” ein sinnlicher Kosename ist. 44 Prozent waren dieser Meinung. “Abendstern” kam auf 28 Prozent, “Sinuskürvchen” auf  18 Prozent. Es ist vorstellbar, dass der neue Superstar in seiner Beziehung einen dieser Namen verwendet. Wäre es Menowin geworden, hätte ich neu über die die Liebkosung “Schlampe” abstimmen lassen müssen.

Wie gesagt: Das Schlimmste wurde vermieden.