Radfahren ist das neue Abnehmen

Na, wenn das kein hoffnungsvolles Zeichen ist: 71 Prozent der Deutschen sind bereit, in Zukunft häufiger mit dem Fahrrad zu fahren. Massenhafte Fortbewegung ohne Kohlendioxid und Feinstaub also. Unser Planet kann gerettet werden.

Die Wirkungen des Radelns sind uns wohlbekannt. Es stärkt die Waden und pumpt Sauerstoff ins Gehirn. Andererseits verwandeln sich auch brävste Autofahrer in Verkehrsrowdys, die die Existenz roter Ampeln negieren und alte Leute oder Hunde erschrecken.

Jedenfalls darf diese Fortbewegungsart als abgasfrei gelten. Was uns zur Frage bringt, was sich im Zuge unserer famosen, atomfreien Energiewende verändert hat.

Die Antwort: Wenig bis nichts. Wir produzieren weniger Atommüll, verbrennen aber eifrig Kohle. Wir rauchen weniger, fahren aber dickere Autos. Unser Fleisch kommt aus der Massentierhaltung, wir fliegen weiter in den Urlaub.

Und deshalb ist da zumindest der Verdacht,  dass es sich bei unserer neuen Bewegungsfreude um eine Absichtserklärung aus dem Reich der guten Vorsätze handelt.  Würden diese eingehalten, die Deutschen wären 500 Millionen Kilogramm leichter.

Sind sie aber nicht. Radfahren ist das neue Abnehmen. Es wird viel darüber geredet, aber dem Planeten hilft es nicht. Manchmal sehen wir eben die falschen roten Ampeln.

Supermärkte: Die Quengelzonen unserer Fettzellen

„Denk‘ ich ans Wiegen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.“ Vielleicht, nein wahrscheinlich würde der große Heinrich Heine so dichten, wenn er in diesen Zeiten einer von uns wäre. Denn tatsächlich: Deutschland ansich interessiert uns weniger stark als unsere falsch positionierten Pölsterchen oder Polster. Jedoch, gibt es ein Entrinnen? Theoretisch unbedingt, in der Praxis kaum. Denn wer kauft nie im Supermarkt?

Unser Glaube an die Theorie des Schlankwerdens spiegelt sich in der Vielzahl von mehr oder weniger qualvollen Diäten. Die Liste reicht von A wie Atkins- und Ayurveda-Diät über G wie Gylx-Diät und M wie Mittelmeer-Diät bis hin zu W wie Weight-Watchers- und X wie xx-well-Diät. All diesen Konzepten ist gemeinsam, dass man auf etwas Falsches verzichten soll. Das gelingt in Einzelfällen durchaus. Allzu oft jedoch ist der Jo-Jo-Effekt treuer  Begleiter von Abschmelz-Aktionen.

Vielleicht haben wir die ultimative Strategie bloß noch nicht erkannt: die Tante-Emma-Diät. Was sich aber ändern könnte. Forscher der Göttinger Georg-August-Universität wollen nämlich herausgefunden haben, dass das Einkaufen im Supermarkt dick macht. Die Wissenschaftler haben sich bei ihrer Studie in Kenia umgeschaut. Dort, wie auch in Schwellenländern Asiens, sind traditionelle kleine Lebensmittelläden auf dem Rückzug. Sie werden – wir haben das auch erlebt – durch Supermärkte ersetzt. Und es zeigte sich: In Städten mit einer vergleichsweise großen Zahl von Einkaufszentren gibt es nachweislich mehr dicke Menschen.

„Kalorien sind im Supermarkt billiger als in traditionellen Geschäften“,  lautet eine Begründung der Göttinger Ernährungsforscher. Und wenn wir ehrlich sind, stimmt es doch.

Löst unsere Fleischereifachverkäuferin mit der Frage „Darf’s a bissl mehr sein?“ einen sanften Völlerei-Alarm aus, so hauchen uns die Produkte in den Auslagen der Einkaufszentren ein vielstimmiges „Nimm mich!“ zu.  Während innere Stimmen gleichzeitig „Greif zu!“ rufen.

Natürlich werden wir schwach. Die Supermärkte sind die Quengelzonen unserer Fettzellen. Woanders kaufen wäre ein Weg. Alsdenn: Denk ich an Lidl in der Nacht…

Wir werden angefüttert – analog und digital

Es soll immer noch Leute geben, die an das Gute im Kapitalismus glauben. Die meinen, dass unsere versammelten Weltmarktführer und sonstigen Großunternehmen vor allem das Wohl der Menschen im Auge haben. Welch ein Irrtum!

Jüngster Beweis: Aldi hat die Preise für Pommes frites, Kroketten und Zucker dramatisch gesenkt. Der Discounter setzt damit einen Trend, dem sich, nach allem was wir wissen, die anderen Händler anschließen werden.

Ausgerechnet Pommes! Ausgerechnet Zucker! Diese Preissenkungen bedeuten doch nichts anderes, als dass die Lebensmittelhändler die Zeit des Abnehmens für beendet erklären. Man will uns anfüttern für die beginnende Vorweihnachtszeit. Wir sollen uns mit billigen Kohlehydraten zudröhnen, wir sollen Lust auf Süßes bekommen, sollen bereit sein für Kroketten, Nuss  und Mandelkern.

Derart auf Kalorienzufuhr konditioniert werden wir an Gewicht zulegen – um dann nach den Festtagen wieder in eine der zahllosen Diät-Programme einzusteigen.

Jede Wette: Aldi und Co. werden uns ab Februar mit stark verbilligten Sportklamotten überraschen. Vielleicht stellen sie selbst Fatburner in Dosen ins Regal. Oder sie bekommen Erfolgsprämien von Apotheken und halbseidenen Eiweiß-Versendern.

Womit wir bei Jaron Lanier wären. Der Web-Pionier und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels prangert die Auswüchse in der digitalen Welt an. Insbesondere kritisiert er, dass die großen Internetkonzerne schamlos Geld mit Daten verdienen, die ihnen eigentlich nicht gehören. Indem sie unsere Bedürfnisse ausforschen und dieses Wissen an Verkäufer aller Art weitergeben.

Ja, empören wir uns ruhig über die üblen Machenschaften der Googles und Facebooks. Denken wir aber auch daran: Verarsche funktioniert nicht nur über Algorithmen. Sondern auch über Essbares, das in Pappkartons in Blechregale gestellt ist.

Was bleibt, ist eine ewige Wahrheit. Die Händler dieser Welt, ob analog oder digital, wollen immer unser Bestes: unser Geld.

Man isst nur mit den Augen gut

Wir wissen es doch. Uns ist klar, dass es mit uns ein böses Ende nehmen wird. Weil wir nicht aufhören, uns ungesund und dabei auch noch  maßlos zu ernähren. Warum ändern wir uns nicht? Die Antwort: Erstens, weil wir es nicht können.  Zweitens, weil das Abspecken uns gar nicht gut tut.

‚Diät bedeutet meistens Zwang. Wir sollen nach „Low-Carb“ oder „Low-Fat“ streben. Wir sollen lernen, rechtzeitig vor dem ersten Biss den glykämischen Index unseres Essens zu ermitteln. Entscheidend ist ja die  Wirkung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel auf unseren Blutzuckerspiegel. Wir denken beim Einkaufen daran, dass unsere Blutgruppe darüber entscheidet, wie gut wir unsere Nahrung verarbeiten. Wir betreiben Dinner-Cancelling und sitzen unerotisch gelaunt bei Kerzenlicht vor leeren Tellern.

Wir kosten Steinzeiternährung mit Fisch und Nüssen, testen an die KFZ-Diät, bei der Fette und Kohlehydrate getrennt werden. Weil wir Fett mögen, freut uns die Existenz der österreichischen Lutz-Diät, die genau diesen Nahrungsbestandteil erlaubt. Wir geben „Kohlsuppe“ bei Google ein, um uns schließlich per Fernhypnose eintrichtern zu lassen, dass Kartoffelchips und Salzstangen wie Hundescheiße aussehen.

Womit wir beim Kern des Problems angelangt sind. Liebe geht durch den Magen, Appetit geht durch die Augen. Wie Wissenschaftler des  Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin gerade festgestellt haben, machen wir es uns am liebsten möglichst einfach. Wir wollen uns die ganzen Spezialfragen eben nicht stellen. Sondern wir entscheiden, wie eine Studie unter Kantinenbesuchern ergeben hat, ganz einfach mit den Augen.

Was gut aussieht oder uns vertraut vorkommt, wird mit Genuss verzehrt. Ein paniertes Schnitzel schmeckt uns also auch dann, wenn es unter der goldbraunen Kruste aus Dachpappe besteht. Forscher nennen dieses Vertrauen in das Bekannte „Adaptive Rationalität“.

Und das ist auch in Ordnung. Denn Hungern macht nicht nur nicht glücklich, sondern krank. „Dicke Menschen leben länger“, versichert etwa  der Lübecker Forscher und Adipositas-Spezialist Achim Peters anlässlich des Anti-Diät-Tages am 6. Mai. Stress sei viel schlimmer als Übergewicht. Wer ständig mit seinem Dasein oder auch mit seinem Gewicht hadere, leide unter einem ständig erhöhten Pegel des Stresshormons Cortisol. Andere Menschen kompensierten die Mühen des Lebens mit vermehrtem Essen. Und seien glücklich, weshalb der Forscher sein Buch „Mythos Übergewicht – Warum dicke Menschen länger leben“ genannt hat.

Was für ein schöner Titel!  Achim Peters und der 6. Mai – sie leben hoch!

 

Nicht nur Diäten – auch Löhne überprüfen

In diesen kräftezehrenden, globalisierten Zeiten tun wir gut daran, uns gelegentlich selbst etwas Gutes zu tun. Frei nach dem Motto „Man gönnt sich ja sonst nichts“. Genau so haben es jetzt die meisten Bundestag-Abgeordneten gesehen und eine kräftige Erhöhung ihrer Diäten, beschlossen. Es gibt bis 2015 zehn Prozent mehr, auf dann 9082 Euro.

Längerfristig betrachtet ist der Zuwachs noch beachtlicher. 6878 Euro haben die Abgeordneten im Jahr 2002 bekommen. Der jetzt beschlossene Satz bedeutet also eine Anhebung um ein knappes Drittel.

Das riecht stark nach Selbstbedienung. Aber wundern müssen wir uns nicht. Schließlich ist der Verdienstausgleich für Volksvertreter von einem Griechen (!) namens Perikles erfunden worden. Die ominöse Expertenkommission wiederum wurde von einem gewissen Edzard Schmidt-Jortzig geleitet, einem im Rentenalter befindlichen FDP (!)-Politiker.

Empörung ist also angebracht. Schließlich predigt Vizekanzler Sigmar Gabriel (von der SPD!) zeitgleich Lohnzurückhaltung. Deutschland hat auf dem Weg zum Billiglohnland bereits beachtliche Fortschritte gemacht. Doch der Wirtschaftsminister versucht uns klarzumachen, dass nur weitere Bescheidenheit unsere Position auf dem Weltmarkt sichern hilft. Kleiner Nachteil: Wenn es beim Marktführer billiger wird, zieht es auch den Rest Europas nach unten.

Aber bleiben wir im Land. Ich zum Beispiel arbeite in einer Branche, in der es in diesem Jahrtausend noch in keinem einzigen Jahr einen Inflationsausgleich oder mehr gegeben hat. Da fragt man sich doch, ob journalistische Arbeit heute weniger Anforderungen stellt als im Jahr 1999. In den Redaktionen wird das dementiert. In den Druckereien ebenso. Und es gibt bestimmt ein paar Branchen mehr, in denen höhere Arbeitsverdichtung und niedriger Reallohn zusammengefallen sind.

Ich fordere Wiedergutmachung! Unsere Expertenkommission hat jetzt wieder Zeit. Wie also wäre es, wenn sie sich mit abhängig Beschäftigten auseinandersetzen würde? Wenn sie überprüfen würde, ob die Löhne und Gehälter leistungsgerecht sind und dem Wert des Einzelnen gerecht werden?

Jede Wette: Ein paar Millionen Menschen würden profitieren. Gut, es würde ziemlich teuer. Aber man gönnt uns ja sonst nichts.

 

 

Gute Vorsätze? Nö, die CSU macht Angst

Gute Vorsätze für das neue Jahr? Nein, das lasse ich diesmal besser bleiben. Zu schwer wiegt die aktuelle Drohung der CSU, „Wer betrügt, der fliegt“. Und, ja, ich habe mich und andere an Silvester schon zu oft selbst betrogen. Ich habe mir heilige Versprechen gegeben und sie nach spätestens drei Tagen gebrochen. Das würde ich wieder tun, der Rauswurf aus dem Freistaat Bayern wäre denkbar. Also gibt’s für 2014 keine offiziellen Pläne.

Dabei bin ich keineswegs völlig gescheitert. Seit zirka 20 Jahren bin ich mir mit mir einig, dass ich im jeweils neuen Jahr abnehmen sollte. Stattdessen bin ich schwerer geworden. Unter Anwendung der hellenischen Prinzipen der EU-Troika war ich gleichwohl erfolgreich. Denn meine regelmäßigen Mahnungen an mich selbst haben ein Abflachen meiner Zunahme-Kurve bewirkt. Ohne gute Vorsätze wäre ich längst so weit, dass mich das Rote Kreuz im Falle einer Krankheit mit einem Kranwagen abholen müsste. Bewältigt ist die Krise nicht, jedoch in ihrem möglichen Ausmaß begrenzt worden.

Eine ganz andere Frage ist, ob ich mich und andere überhaupt betrogen habe. Wäre ich eine Partei, dann eher nicht. Schließlich gehört es zum Wesen der Politik, mehr zu versprechen, als erreicht werden kann. Man nennt das Wahlprogramm oder (in besonders freigeistigen Talk-Shows) Vision. Sobald gewisse Pläne aufgeschrieben oder verkündet sind, ist allerdings auch den Wählern klar, dass diese scheitern werden. Es gibt ja so viele Gründe dafür. Mal sind es die äußeren Umstände im Allgemeinen, mal eine plötzliche Krise, die Sorge um den Industriestandort oder einfach ein böswilliger Koalitionspartner.

Das Gute für Parteien ist allerdings, dass ihre guten Vorsätze gerne vergessen werden. Nur selten kommt es vor, dass, wer betrügt, auch fliegt. Das passiert vor allem nicht, wenn eine Partei als unverzichtbar angesehen wird. Wie die CSU in Bayern. Deshalb glaubt sie, dass sie Rumänen und Bulgaren generell unter Betrugsverdacht stellen, ihr nahe stehende entlarvte Betrüger aber verteidigen kann. Sie darf das. Das Volk erlaubt das.

Für mich wiederum gilt eine andere Wahrheit, nämlich „Jeder Mensch ist ersetzbar“. Also halte ich mich zurück. Bis das Rauswurf-Versprechen der CSU vergessen ist. Ich rechne damit etwa sechs Wochen nach der Europawahl. Bis dann!

 

 

 

Wie lange wollen wir leben?

Zum Wesen unseres Daseins gehört das Dilemma. Wir stehen vor Entscheidungen, die uns zuwider und dabei nicht mal mit Gewissheit richtig sind.

So geht es den SPD-Mitgliedern, die gerade entscheiden müssen, ob sie Angela Merkel als Bundeskanzlerin ertragen wollen. Es geht noch schlimmer: Würde man, wenn man in einem überfüllten Boot sitzt, zehn Menschen ins Wasser stoßen, um 70 andere zu retten? Grundsätzlich lautet die Frage so: Wie lebe ich am wenigsten verkehrt?

Gerade hat die Regierung von Großbritannien ihre neuesten Pläne für die Sozialversicherung bekannt gegeben. Das Renteneintrittsalter soll demnach anhand der durchschnittlichen Lebenserwartung ermittelt werden. Werden die Leute älter, bleiben sie auch länger im Job. Auf der Insel würde die aktuellste Berechnung dazu führen, das heute 20-Jährige mit 70 Jahren in den Ruhestand gehen könnten.

Das schockt uns. Schließlich vermuten wir (ohne statistische Absicherung), dass die Briten eine geringe Lebenserwartung haben. Das Essen ist schlecht, der Bierkonsum ist hoch, der Linksverkehr ist eine Gefahr an sich. Wenn dort schon das Rentenalter 70 gelten soll – was blüht dann uns?

Und schon sind wir mittendrin im Dilemma. Wir haben ja schon viel getan. Unseren Lungen zuliebe mit dem Rauchen aufgehört, dem Übergewicht trotzend mit dem Joggen begonnen. Wir schieben schon das zweite Bier zur Seite und trinken missmutig linksdrehendes Vogesen-Wasser oder schlabberigen Holundersprudel. Wir achten auf ausreichend Schlaf, unterbrechen unsere Büroarbeit alle drei Stunden für dreiminütige Dehnübungen. Statt Bratwurst gibt es Tofu. Auch weitere Gefahren des Alltags vermeiden wir, so gut es irgendwie geht.

So werden wir es schaffen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in diesem Land auf 90Jahre und mehr steigen wird. Zum 115. Geburtstag wird man über uns berichten: „Er liest noch jeden Tag seine Zeitung.“

Es fragt sich: Ist es gut, ein gesundes, aber langweiliges Dasein auszudehnen? Oder würde es sich mehr lohnen, wenn wir alle immer wieder mal die Sau rauslassen und dafür ein paar Jahre früher sterben würden? Früherer Renteneintritt inklusive?

Wie man es macht, ist es verkehrt. Auch dieser Satz hat seinen Charme. Das Dilemma, es bleibt uns!

Brigitte und die "Teutsche Frau"

„Sie trägt ihr glattes Haar nach hinten gekämmt, die Wangenknochen sind mit Rouge betont, die Fingernägel braun lackiert. Das Sommerkleid hat sie mit olivgrünen Gummistiefeln kombiniert. Wir sehen die Angeklagte und fragen uns: Sieht so eine Mörderin aus? Alle im Gerichtssaal sind verstört über diese Frau. Hat sie deshalb so viel Böses getan, weil ihr Schrei nach Liebe nie gehört wurde?“

So könnte sie zu lesen sein, die Berichterstattung vom Prozess gegen die Nazi-Braut Beate Zschäpe. Denn unter den Medien, denen das Los einen Platz im NSU-Prozess beschert hat, ist die Frauenzeitschrift „Brigitte“. Klar, auch dieses Blatt bringt gute Texte, aber Mord und Terror ist dort nicht gerade nahe liegend. Wir sind also gespannt, wie das Geschehen verarbeitet wird. Wir rechnen mit psychologischem Tiefgang und mit einem Sonderheft, in dem das Thema „Frauen, Vorurteile und Gewalt“ von verschiedenen Seiten beleuchtet werden wird.

Es hätte schlimmer kommen können. Nehmen wir bloß einmal an, dass das Los auf das Magazin „Die Teutsche Frau“ gefallen wäre. Diese böte uns eine wunderbare Liebesgeschichte mit dem Titel „Die Glatze in meinem Bett“. Mit dem Psychotest „Finden mich Nazis sexy?“. Mit Kochrezepten zum Thema „Deutsches Essen für jede Gelegenheit“, mit der verzweifelten Schilderung einer Bulimiekranken „Wenn ich Weißkraut sehe, muss ich kotzen“ und mit dem Diätplan „Rank und schlank mit Königsberger Klopsen“. Zur Abrundung gibt es die Tiergeschichte „Der Hunde-Führer: Bei mir macht Dackel Adolf Männchen“, die Fotostrecke „Stil-Ikone Eva Braun“ und die Reisereportage „In Uniform auf dem Reichsparteitagsgelände“.

Dieser Kelch geht an uns vorüber. Gottseidank. Vielfältiger Ärger aber bleibt. Auch deshalb, weil man sich fragt, warum ausgerechnet die Bild-Zeitung Glück haben musste. Und nicht Zeit, Süddeutsche oder taz. Wie das bloß wieder geklappt hat. Zufall? Echt?

Wirklich glauben mögen wir das nicht. Also bitten wir: Das Oberlandesgericht möge gnädig sein und eine Simultan-Übertragung des Prozesses in einen Extra-Raum zulassen. Nur dann wird der Ärger vorbei sein. Dann ist uns sogar die Landlust willkommen.

Wir wollen alle anders sein

„Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst.“ In der Rangliste der verlogensten Werbeversprechen stünde dieser Vorschlag für mich ganz oben. Ich kenne nämlich nur ganz wenige Menschen, die das überhaupt wollen. Die große Mehrheit verwendet eine ungeheuere Energie darauf, anders zu sein oder zu werden.

Wir leben in Zeiten der Castings und des Benchmarkings, also der vergleichenden Forschung. Und so finden wir uns fast alle zu dick. Das ist angesichts der fortschreitenden Fettleibigkeit unserer Gesellschaft nicht verwunderlich. Aber hilft dieses Problem letztlich nicht vor allem den Verfassern von Abnehm-Ratgebern und den Herstellern von Diät-Kost? Es mag ja sein, dass wir mal unter Schmerzen zehn oder zwanzig Kilo abspecken. Das Problem ist bloß, dass wir nach einem halben mindestens genauso viel wiegen wie vor unserer Kur. Anstatt Bücher und neue Regale zu kaufen, könnten wir also gleich ein paar Flaschen Wein aufmachen.

Das mit den Haaren ist auch so ein Problem. Wir möchten sie auf dem Kopf sehr zahlreich und dicht haben, auf dem Körper aber weniger. Leider ist das vor allem bei Männern im fortgeschrittenen Alter meistens umgekehrt. Da wachsen neue Haare im Kopfbereich nur noch aus den Ohren. Also wird transplantiert, rasiert und epiliert was das Zeug hält.

Wer aber glaubt, das schöne dünne Menschen keine Probleme hätten, sieht sich auch getäuscht. Das zarte Frauenwesen gilt erst dann als wirklich sexy, wenn es die Brüste einer sizilianischen Pastaköchin hat. Und schon klingeln bei den Silikonschnipplern im Arztkittel die Kassen gar wunderbar.

Wir wären zufriedener und reicher, wenn wir einsehen würden, dass nicht einmal wir in jeder Hinsicht perfekt sein können. Aber das werden wir nicht schaffen, zumal das Erreichen jeden Zieles den Hunger auf ein neues Ziel weckt. Unter den gegenwärtigen Anforderungen unserer Gesellschaft wird am Ende der brasilianische Arzt und Nobelpreisträger Dr. Drauzio Varella richtig liegen.

Er hat so in die Zukunft geschaut: „In der heutigen Welt wird fünfmal mehr in Medikamente für die männliche Potenz und Silikon für Frauen investiert als für die Heilung von Alzheimerpatienten. Daraus folgernd haben wir in ein paar Jahren alte Frauen mit grossen Titten und alte Männer mit hartem Penis, aber keiner von denen kann sich daran erinnern wozu das gut ist.“