Vom alkoholfreien Bahnhof zum Badekappenzwang

Also machte er sich auf. Edmund, der weiße Ritter von Wolfratshausen, wild entschlossen, der bösen Bürokratie Einhalt zu gebieten. Das Leben in Europa sollte einfacher werden. Zuerst in Brüssel – und dann auf allen Ebenen des Zusammenlebens bis in die kleinste Gasse. Doch so läuft das nicht. Das Leben wird schwieriger.

Einen Komplikationsschub hat uns das Rauchverbot gebracht. Ob in geselliger Runde oder am Arbeitsplatz – immer wieder erlebt man, wie Menschen wortlos aufstehen und sich in böser Absicht ins Freie zu schleichen. Nur dort, an der so genannten frischen Luft, ist das Rauchen noch erlaubt. Und auf Bahnsteigen lernen wir, dass  belastbarer Himmel mit gelben Vierecken zu markieren ist.

Gut, das Rauchverbot hat überraschend gut funktioniert. Amokläufe durch zwangsentwöhnte Qualmern sind ausgeblieben.  Die CSU schnuppert wieder an der absoluten Mehrheit. Wer mutwillig Tabak verschwelt, gilt nicht mehr als kreativ, auch nicht mehr als sexy, sondern nur noch als zu schwach.

Jetzt aber kommt die nächste Säuberungswelle: Die Deutsche Bahn hat für ihren Nürnberger Hauptbahnhof ein Alkoholverbot.  An „sensiblen Tagen“, also am Freitag- und Samstagabend, darf man zwar betrunken durch den Bahnhof laufen. Trinken oder das sichtbare Mitführen von Promillehaltigem wird mit Platzverweis bestraft. Mindestens. Wer saufen möchte oder die Nähe zu Saufenden sucht, geht gefälligste ins Freie.

Für mich ist das Verbot zwiespältig. Niemand möchte zwischen Yormaz und Müller in den handfesten Streit einer Horde besoffener Jugendlicher hineingeraten. Pluspunkt. Es dienst der Gesellschaft, wenn auch einmal deutlich gezeigt wird, dass ein Rausch unerotisch und unwillkommen ist. Pluspunkt. Aber hilft es der Müllabfuhr wirklich, wenn sie noch mehr als bisher Sonntagfrüh verstopfte Mülleimer ausleeren und zerbrochene Flaschen zusammenkehren muss? Minuspunkt. Bedroht ist zudem die Volksgesundheit. Der Hauptbahnhof ist Teil einer Partymeile – und in den entsprechenden Clubs sind die Stoffe sehr dünn und die Röcke sehr kurz. Das führt bei Kälte zu gefährlichen Krankheiten. Klarer Minuspunkt.

Es stellt sich die Frage, ob das alles sein muss. Und ob es besser ist, im Freien angepöbelt zu werden. Als böse Vision habe ich als nächsten Schritt die Rückkehr zum Badekappenzwang für öffentliche Schwimmbäder aus den 70-er Jahren vor Augen. Und dabei, Edmund, hatte ich doch so an Dich geglaubt.

Neue Heimat für die Kaufhof-Zecher

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Als bekannt wurde, dass der Kaufhof in der Nürnberger Südstadt schließen wird, war ich wirklich traurig. (siehe hier) Nun soll der große Betonklotz am Aufseßplatz abgerissen und durch etwas Neues ersetzt werden. Irgendwann. Aber wohin hat es das Stammpublikum des alten Kaufhauses verschlagen? Eine Stück neue Heimat gibt es: Das Gasthaus “Silberne Kanne” in der Breitscheidstraße.

An der Fassade prangt noch immer der stolze Schriftzug „Speisehaus“. Doch das ist Vergangenheit. Die “Silberne Kanne“ nennt sich jetzt “Sportsbar” und ist seit ihrer Wiedereröffnung vor vier Wochen ganz auf den „Glubb“ eingestellt. Und sie ist ein Asyl für besondere Heimatvertriebene.

Wirtin Sandy Schmalfuß (32) hatte zuletzt im “Dinea”-Restaurant im 200 Meter Luftlinie entfernten Kaufhof am Aufseßplatz gearbeitet. Sie kannte auch die Stammkunden der dortigen “Franeknstube”. Diese war Treffpunkt von Clubfans und hatte daneben immer auch die Funktion und das Flair einer Wärmestube. Auch wer sonst keine recht Heimat hatte, war dort willkommen.

Noch vor der Schließung des Kaufhofs entschloss sich Schmalfuß, ihrem Stammpublikum ein neues Nest zu bauen. Sie wurde sich mit den Eigentümern der seit zirka eineinhalb Jahren geschlossenen Lokals einig. Ihre Mutter Annette Basse kündigte ihren ungeliebten Job an der Kasse eines Discounters – fertig war die Wirtschafts-Gründung.

Montags bis samstags ist von 11 bis 22 Uhr geöffnet. Das rustikale Mobiliar des ehemaligen Speiselokals ist mit Devotionalien des ruhmreichsten aller fränkischen Fußballvereine geschmückt. Alle Spiele des 1. FC Nürnberg werden live zu sehen sein. Dazu gibt es Faß- und Flaschenbiere zu Preisen zwischen zwei und 2,60 Euro. Die Hauptgerichte sind Schnitzel mit Beilage oder drei Bratwürste mit Kraut für jeweils 5,90 Euro.

Eine Attraktion für sich ist der Biergarten. Gäste sitzen dort unter sechs mächtigen Kastanien. Ein unerwartetes Ambiente an dieser Stelle der Südstadt. Die Nachbarschaft wird dessen Existenz spätestens am Samstag, 4. August, registrieren: Dann ist Sommerfest mit Live-Musik.Das gab’s nicht mal im Kaufhof.

 

Das Unverhoffte kann so schön sein

Überraschung! Der Bahnhof kommt.

Überraschung! Der Bahnhof kommt.

Gibt es etwas Schöneres als das Unerwartete? Wenn es anders kommt als gedacht? Wenn alle Prognosen über den Haufen geworfen werden? Ja, das kann schön sein. Aber die Betonung liegt auf „kann“. Sicher ist nur, dass der große Wilhelm Busch richtig gelegen hat, als er dereinst dieses reimte: “Stets findet Überraschung statt. Da, wo man’s nicht erwartet hat.”

Nehmen wir das vergangene Wochenende: Bei der Volksabstimmung für „Stuttgart 21“ war eine klare Mehrheit für den unterirdischen Bahnhof. Das hatten sich viele anders ausgemalt. Andererseits: Durch den Weiterbau wird in Stuttgart zwar elend viel Geld vergraben. Aber vielleicht ist die Wirkung genauso wie bei einem anständigen Begräbnis: Danach herrscht Ruhe im Karton. Dann wäre es nicht so schlimm gewesen.

Unverhofft ist es auch gekommen, dass Florian Silbereisen mit seinem „Adventsfest der 1000 Lichter“ mehr Zuschauer in die ARD lockte als Dieter Bohlen und Konsortinnen mit ihrem „Supertalent“ in RTL. Es sei ihm vergönnt. Intellektuell schädlich ist jede dieser Sendungen – aber der nette Volksmusikant richtet keinen größeren Schaden an.

Völlig konfus und letztendlich glückselig hinterlässt es uns Nürnberger schließlich, dass an einem Spieltag der Fußball-Bundesliga der Club und Augsburg gewonnen und die Bayern verloren haben.

Ja, unglaubliche Überraschungen, die uns zeigen, dass die Dinge vielleicht doch besser sind, soll es noch viele geben. Die nächste Gelegenheit sehe ich bei der Klimakonferenz in Durban. Mal sehen.

Meine kleine (Anti-)Helden-Wochenschau

Wer ist ein Held, wer ist keiner? Oft ist das schwer zu sagen. Neben objektiven Kriterien kommt es auch auf die Einstellung des Betrachters an. Wichtig ist auch die Gegend, in der jemand bewertet wird.

Wir Franken lieben das Widersprüchliche. Unsere Helden mögen geniale Erfinder oder irgendwelche Weltmarktführer sein. So richtig sympathisch werden sie uns aber erst, wenn sie nicht zu glatt sind und auch Fehler oder Irrtümer begangen haben. Ein bisschen erkennbare Tragik darf gerne sein. Siehe Lothar Matthäus.

Der Oberfranke Karl Theodor zu Guttenberg hingegen ist endgültig aus unserem Heldenraster gefallen. Weiter lesen

Schicksal ist mehr als eine Landtagswahl

Na toll, wir haben wieder Schicksalswochen. Weil uns Entscheidungen ins Haus stehen, die scheinbar von Hergott, Tod und Teufel gesteuert sind. Und doch ganz und gar irdisch sind.

Wir könnten nun Heidi Klum und ihre Topmodels in Augenschein nehmen, drängender ist freilich die Situation im  Profifußball. Seit Wochen reiht sich da ein “Schicksalsspiel” ans andere. Die Funktionäre, die unseren Sprachgebrauch um das Wort “Relegation” bereichert haben, bescheren uns in Nürnberg zwei weitere solcher Erlebnisse. Jedoch: Würde der x-te Abstieg in die Zweite Liga auch als tödliche Schmach gelten, ist doch gerade im Sport eine Auferstehung immer möglich.

Oder die heutige NRW-Wahl. Die deutsche Nachkriegszeit ist gespickt mit so genannten “Schicksalswahlen”. Aber was wäre denn, wenn der bei bestimmten Gelegenheiten käufliche Jürgen Rüttgers samt seiner Regierung einpacken müsste? Wenn daraufhin Angela Merkel stürzen würde?

Klare Antwort: Das Leben würde weitergehen. Vielleicht mit anderen Menschen an der Spitze. aber ansonsten nur unwesentlich anders.

Seien wir also doch ein bisschen sparsamer mit dem Begriff “Schicksal”. Dieser passt doch egentlich nur für ganz schlimmer Ereignisse, für ganz schwere Stunden im Leben eines Menschen. Aber nicht für die Folgen eines verschossenen Elfmeters oder einer Wahl.

Werden wir gelassener. Ansonsten gilt ein Satz des Philosophen Freiherr von Humboldt, nach dem in Nürnberg eine sehr schöne Straße benannt ist:  “Wie ein Mensch sein Schicksal meistert, ist wichtiger, als was sein Schicksal ist.”

Der Papst schweigt. Was soll ein ratloser Mensch auch sagen?

Der von Mail zu Mail oder Tweet zu Tweet hüpfenden Generation Internet sei eines mal gesagt. Man kann vier Tage lang wegfahren, ohne dass sich die Aufregerthemen grundsätzlich ändern. Gut, beim 1. FC Nürnberg riecht es wieder stärker nach Klassenerhalt. Aber sonst: Wir ärgern uns über Guido Westerwelle und den Papst.

Beide gehen uns zurzeit mächtig auf die Nerven, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Der Mann von der FDP, weil er zu oft zu laut zu abseitig daherredet. Der Stellvertreter Christi, weil er zum Problem von Kindsmissbrauch hinter Kirchenmauern erstmal gar nichts sagt. Laut Volksmund soll Reden Silber und Schweigen Gold sein. Hier schaffen es zwei berühmte Persönlichkeiten, dass beides Schrott ist. Aber bleiben wir beim Papst.

Ansich ist Aussitzen spätestens seit Helmut Kohl ein integraler Bestandteil nachhaltiger Regierungskunst. Auch seine Nachfolgerin Angela Merkel versucht sich daran. Um so zu handeln, fehlt dem Papst allerdings nicht nur das breite Gesäß der Politiker. Er geht auch keiner Wahl entgegen. Und er ist, mutmaßlich, unfehlbar. Also im Besitz der Wahrheit. Warum rückt er dann nicht raus damit?

Vielleicht, weil er an Plato denkt. Von dem griechischen Philosophen stammt der Satz: “Man soll schweigen oder Dinge sagen, die noch besser sind als das Schweigen.” Und was soll er denn sagen? Dass es ihm leid tut? Dass ihm die Opfer leid tun? Dass er alles dafür tun will, damit so etwas nicht mehr oder wenigstens viel seltener passiert? Wahrscheinlich wird er das in seinem angekündigten Hirtenbrief an die irischen Bischöfe tun.

Dieser wird dann herumgereicht und verlesen  – und darf als Lehrschreiben wohl auch für Deutschland angewendet werden. Die Persönlichkeitsstruktur des irischen Kinderschänders sollte sich von jener des deutschen Täters ja nicht grundlegend unterscheiden.

Tja, warten wir mal ab, was Benedikt so schreibt. Wesentlich besser wird die Lage durch seinen Brief nicht werden.  Die Strukturen von Priestertum, Glaube und Macht über andere sind so angelegt, dass es immer wieder zu Übergriffen kommen wird. Deshalb ist das Schweigen des Papstes wohl ein ratloses Schweigen.

Ein Satz eines anderen klugen Menschen lautet: “Ändere die Welt, sie braucht es!” Aber das war Bertold Brecht. Einem wie ihm wird die ach so mächtige katholische Kirche bestimmt nicht folgen.

Wie ist Lothar Matthäus? Genauso, wie man denkt

Wurde in Nürnberg fürsorglich belagert: Fußballgott Lothar Matthäus. Foto: LinkeWenn man Promis trifft, ist immer auch diese Frage dabei: Sind sie so, wie man denkt, dass sie sind? Im Fall von Lothar Matthäus sage ich mal: Jawoll.

Der einstige Fußball-Held war Gast bei einer Veranstaltung der Sparkasse. Dabei bewies er wieder einmal, dass man den fränkischen Dialekt auch so benutzen kann, dass es nicht schön klingt. So bezeichnete er sich auf die Frage nach seinen Wintersport-Favoriten definitiv als „Albin-Fan“.

Nett von ihm eine Aussage zum 1. FC Nürnberg, die er im Gespräch mit mir getroffen hat: „Es gibt bestimmt drei schlechtere Mannschaften in der Bundesliga.“ Allerdings werde der Klassenerhalt nicht so leicht zu erreichen sein. Dass er von Magazin á la „Bunte“ oder „Gala“ immer wieder durchgenudelt wird, nimmt Matthäus als unabänderlich hin. Zu mancher Negativnachricht habe er ja auch beigetragen.

Allerdings stört ihn der Neid in Deutschland. Wenn er in seiner Zeit in Italien mit einem großen Auto herumgefahren sei, seien die dortigen Fans darauf stolz gewesen. „Im Ausland hat man mehr Respekt vor Leuten, die in ihrem Leben etwas geleistet haben“, sagte er. Ein Lieblingsland habe er nicht, sehr schön sei sein Jahr in Israel gewesen. Die deutsche Geschichte habe dabei überhaupt keine Rolle gespielt, er sei dort richtig gut behandelt worden.

Und nun einige Matthäus-Zitate vom Abend:

“Ich bin froh, dass ich meinen Körper immer noch so bewegen kann, wie ich es möchte.”

“Alle vier Jahre findet eine Fußball-WM statt. Aber es ist nicht gesagt, dass immer Deutschland gewinnt.”

Was ist Skicross? “Irgendwas, was keine gerade Linie hat, oder?”

„Wir Sportler sind in der Breite interessiert für alle Sportarten.”

Zum Wesen des Fußballs: “Man will nicht nur aufs Tor schießen, sondern auch ein Tor schießen.”

Hans Meyer, ein lädierter Held kehrt heim

Weil der 1. FC Nürnberg am heutigen Sonntag aufsteigen wird (ich schreib`s vorab, allem Aberglauben zum Trotz), darf man an einen Helden von einst erinnern: Hans Meyer, Trainer beim Pokalsieg vor zwei Jahren, kehrt als Vollzeit-Bürger kehrt nach Nürnberg zurück. Und ist doch heute am späten Nachmittag endgültig Vergangenheit.

Vor genau zwei Jahren hätte man ihm ein Denkmal gebaut – wenn es denn jemand ernsthaft bei der Stadt beantragt hätte. Es erschien undenkbar, dass in Nürnberg ohne ihn jemals wieder Profi-Fußball gespielt werden könnte. Dann ging`s bergab, der Putz bröckelte schneller als gedacht. Meyer prozessierte mit dem Club ums Geld, ging schließlich nach Mönchengladbach – und wurde nicht mehr richtig froh. Jetzt gab er zu Protokoll, dass er sich mit 67 Jahren zu alt fühle, um eine neue Mannschaft aufzubauen.

Der Trainerriese ist ein Vorzeige-Beispiel dafür, wie schnell auch hellster Heldenglanz verblassen kann. 2007 war er im “kicker” beinahe zum “Trainer des Jahres” ernannt worden. Die Leser fanden ihn super-sympathisch. Was damals schon falsch war, weil es immer zu Meyers Geschäftsgebaren gehörte, Journalisten wie Trottel zu behandeln. Das kam gut, wenn der Erfolg da war. Im absteigenden Trend hatte sein Zynismus keinen Charme.

Bei der neuesten Trainer-Umschau wurde er in die Riege der Branchen-Absteiger eingereiht. Was auch richtig war, weil es kein großer Erfolg war, mit einer teuer eingekauften Mannschaft gerade mal so den Klassenerhalt zu schaffen.

Jetzt also kommt der lädierte Held Hans Meyer als Rentner nach Nürnberg zurück. Mit dem neuerlichen Aufstieg ist er, was Fußball angeht, endgültig Geschichte. Also schlüpft er vielleicht in die angemessene Rolle des netten Opas. Auf dem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne soll er – falls nichts dazwischenkommt – demnächst als Gesprächspartner für Kinder und Teenager zu Gast sein. Dann kann man seine Sprüche wieder lieben.