Danke, Pofalla! Du gibst uns Hoffnung!

Ist ja wieder mal typisch für diese moderne Gesellschaft: Da wird ein Bösewicht ausgemacht, an den medialen Pranger genagelt – und wird prompt zum Opfer für den Rest der Welt. Das hatten wir beim Limburger Bischof Teebürzel oder so. Jetzt hat es den ehemaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwischt. Er gilt uns als neuester Prototyp für raffgierige Politiker. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn dieser Mann macht Hoffnung!

Betrachten wir das Alter. Da ist es einem 54-Jährigen gelungen, seine Anschlussverwendung so zu regeln, dass er hinterher weniger Arbeit, aber mehr Geld hat. Das beweist uns doch, dass das Leben für Menschen dieser Altersgruppe selbst nach einer grandiosen Fehlleistung – vorzeitige Beendigung der NSA-Affäre – nicht vorüber sein muss. Dieser Mann steht auf, er zeigt seinen Kritikern die lange Nase. Zumal er weiß, wie sehr ihn seine Feinde um den neuen Job beneiden.

Außerdem hat Ronald Pofalla zu Protokoll gegeben, dass er sich nach seiner Zeit als Angela Merkels Wachhund verstärkt um seine junge Frau kümmern und eine Familie gründen wolle. Als Vorstand der Deutschen Bahn sollte er eine Schlafwagen-Netzkarte besitzen. Na, ist bei unserem Zorn vielleicht auch Neid im Spiel?

Aber dieser Mann macht auch Hoffnung für viele junge Menschen. Nicht nur, dass er als Sohn einer Putzfrau und eines Feldarbeiters sowieso weit gebracht hat. Nein, wegen seiner Ausbildung. Viele Eltern flehen ihren Nachwuchs an, doch bitteschön etwas Solides zu lernen und nicht irgendeiner brotlosen Kunst zu verfallen. Also nicht Geisteswissenschaftler zu werden, um schließlich Pils zu zapfen oder mit schwarzer Hornbrille “irgendwas mit Medien” zu machen.

Oder – fast noch schlimmer – Sozialpädagoge zu werden, um sich für 35.000 Euro Jahresbrutto alles Leid dieser Welt aufzuladen. Nicht so Ronald Pofalla:  Er hat sich zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Aber bringt es voraussichtlich auf 1,3 Millionen. Auch pro Jahr.

Dieser Mann zeigt uns: In diesem Leben ist nichts zementiert. Es gibt großartige Karrieren, auch wenn sie nicht leicht zu begreifen sind. Diese Botschaft brauchen wir alle. Deshalb sprühen wir’s an jede Wand: Danke, Pofi! Dich braucht das Land!

 

 

Frau Ursula, wir warten auf die Sturmfrisur

Die Große Koalition ist perfekt! Und allen Grund zum Jubeln haben die Haar-Stylisten. Mit Ursula von der Leyen gibt es eine Frau mit allem Potential zum Trendsetting. Es lebe die Sturmfrisur.

Das Dasein der Friseurinnen und Friseure ist nicht das Leichteste. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kundschaft so aussieht, wie sie sich selbst am liebsten sieht. Sie müssen aber auch fähig sein, die seltene Situation zu meistern, dass jemand einen ganz neuen Schnitt haben möchte. Gerade Frauen in Trennungs- beziehungsweise Veränderungssituationen neigen zu neuen Farben oder Föhnwellen. Dafür braucht es Vorbilder, bevorzugt Prominente. Beispiel: Auf Victoria Beckham und ihre professionellen Stilwechsel blickten die Figaros mit Hingabe.

Und jetzt Ursula von der Leyen. Es hat etwas Absurdes, dass ausgerechnet eine Mutter von sieben Kindern dafür verantwortlich sein soll, junge Menschen in Kriege zu schicken. Sollte sie es besonders überlegt tun, wäre das nur gut. Sicher darf man sein, dass die Betrachtungen der neuen Ministerin zur Sicherheitslage gut klingen werden. Diese Frau hat kein Problem, rhetorisch von der Frühförderung in der Krabbelstube zum Training für Scharfschützen zu wechseln. Sie kann zu jedem Thema ohne Punkt und Komma referieren,

Aber sie wird auch stylingtechnisch hinterfragt werden. Die ihrerseits journalistisch stilbildende “Bild am Sonntag” zeigte sie bereits mit lustiger Tarnschminke und Kampfhelm. Und was steckt drunter? Die bisherige saubere Blondfrisur ist für Berlin oder Hannover blendend geeignet. Im zugigen Sand- und Geröllstaat Afghanistan hält sie wohl nicht einmal mit Armee-Drei-Wetter-Taft. Da bleibt nur: Toupieren, wild und grell, so dass selbst der übelste Taliban den Fluchtreflex verspürt.

Dann ist das Versprechen erfüllt: Das deutsche Kabinett hat einen neuen Star. Blond, immer lächelnd, eher leise als laut – aber bei Bedarf ultra-hart. Wenn Panzer und Drohne gemeinsam inkarnieren…

 

 

 

 

 

WIR ist nett – aber SIE gewinnt

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Wahlkampf wird’s. Also beginnt wieder das große Leiden der Parteien. Sie müssen plakattaugliche Sprüche erfinden, die zu ihrer Identität und zum Wahlprogramm passen. Slogans, mit denen eine massentaugliche Balance zwischen klug, blöd und nichtssagend gelingt. Die SPD probiert es mit “Das WIR entscheidet!”.

Es ist das Schicksal der großen sozialen Volkspartei, dass sie immerzu Gemeinschaft muss gebären. Nun wird gesagt, dass der neue Spruch bereits von einer bayerischen Zeitarbeitsfirma verwendet werde. Dumm gelaufen. Andererseits gelingt den Sozialdemokraten mit diesen Worten wieder eine engere Verbindung zu den Gewerkschaften. Ver.di zum Beispiel ehrt erfolgreiche Mitgliederwerber unter dem Motto “Mehr wir. Dank dir”. Der neue Slogan folgt zudem einer langen Tradition. 1949 warb die SPD mit “In der Eintracht liegt die Macht”, 1961 mit “Hand in Hand – gemeinsam geht es besser”. Peer Steinbrück und seine Helfer folgen also dem üblichen Repertoire.

Dabei schlummern in den Parteien ungeahnt kreative Kräfte. Vor allem an der Basis. So feuert die Junge Union Nürnberg gerade mit folgenden Worten auf den dortigen SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly: “Genug von MiniMalystischer Politik”. Das ist famose Sprachkunst, die freilich nur der Name des Rathauschefs möglich macht. Ein Name, der seinen Gegnern auch Ausbrüche von Pazifismus ermöglicht: “Keine Bratwürste für Maly-Einsatz”. Es ginge auch “SPD? MalyFitz” oder “Für eine Stadt ohne KaMalytäten”.

Doch die SPD könnte kontern. Der CSU-Kandidat heißt Sebastian Brehm und somit wie der Namenspatron von Nürnbergs traditionsreichstem Altenheim, dem Sebastiansspital. Warum also nicht den Slogan wagen: “Unser Rathaus ist kein Wastl”? Oder man holt zum Schlag gegen Finanzminister Markus Söder aus, welcher ja gerade dabei ist, den Wöhrder See in ein Bade- und Surfparadies verwandeln zu lassen. Man nehme ein Foto der dortigen grün-schleimigen Algenpest und verkünde: “Brehms Tierleben. Nicht mit uns!”. Und wenn es ganz hart kommt, zeigt man auf die Zukunft. “Wir lassen uns den Fortschritt nicht brehmsen. SPD”. Das haut rein.

Wozu diese Qualen, fragt man vielleicht bei den kleineren Parteien. Sie dürfen, was Peer Steinbrück nicht darf. Frech sein. Von den Grünen darf man durchaus einen neuen witzigen Slogan wie “Brüder durch Sonne zur Arbeit” erwarten. Und bei der FDP sind, seitdem sich Guido Westerwelle sein Wunschwahlergebnis an die Schuhsohlen genagelt hat, die Spaßvögel sowieso von der Leine. Die Linken dagegen stecken bei aller Suche nach Originalität ebenfalls in der linken Solidaritätsfalle.

Was aber macht die CDU im Bund? Sie, die Partei der unantastbaren, unschlagbaren, unverzichtbaren, unübertrefflichen Eurobewahrerin Angela Merkel? Sie wird Plakate weglassen, sie wird auf Sprüche und Versprechen ganz verzichten. Denn es gibt SIE. Und SIE weiß, dass jede klare Aussage ein falsches Wort zuviel sein kann. Deshalb wird man am Brandenburger Tor eine der Tschenstochauer Papststatue nachempfundene Merkel-Plexiglasskulptur aufstellen. Mit zirka 15 Metern Höhe.

Diese wird dann unter dem Motto “Macht Angie” von den örtlichen Laubsäge-Arbeitsgemeinschaften der Jungen Union in kaum geringerer Größe nachgebaut und sodann durch Städte und Dörfer gerollt. Und die Bild-Zeitung, allzeit treu auf der Schleimspur der Unbeschreiblichen, wird in großen Buchstaben vermelden: “Deutschland liegt Merkel zu Füßen”. So wird es sein. SIE gewinnt. WIR ist wurscht.

Ein schwarzer Sheriff für Til Schweiger

In seinem ersten “Tatort” hat sich Til Schweiger als ziemlicher Superheld präsentiert. In der Schlussszene wurde Kommissar Tschiller zwar nicht von stolzen Astronauten, sondern von geschändeten Zwangsprostituierten flankiert, aber es hatte was von “Armageddon” und Bruce Willis. Doch auch Helden brauchen Hilfe.

Da hat doch eine Gruppe namens “Tatortverunreiniger_innen” Farbflaschen gegen das Hamburger Wohnhaus Schweigers geworfen und den Kleinwagen dessen Freundin Svenja Holtmann in Brand gesetzt.

Eine hirnlose Sachbeschädigung? Könnte man meinen. Doch in diesem Fall geht es um mehr. Das meint zumindest der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Der 71-Jährige sieht die Freiheit der Kunst in Gefahr, weshalb er folgende Erklärung abgesetzt hat: “Die CDU-/CSU-Bundestagsfraktion verurteilt den Anschlag auf das Haus von Til Schweiger mit Entschiedenheit. Wir verstehen ihn als Anschlag auf die Freiheit der Künstler und damit auf die Freiheit der Kunst in unserem Lande. Dies können wir, nicht zuletzt mit Blick auf die Geschichte unseres Landes, unter keinen Umständen dulden. Mit dieser feigen Tat soll ein Klima der Angst und Einschüchterung bei Kreativen und Künstlern erzeugt werden.”

Nun ist Wolfgang Börnsen bislang nicht so oft durch Originalität aufgefallen. Immerhin: Als der Ego-Shooter “Crysis 2″ beim Deutschen Computerspielpreis 2012 als bestes deutsches Produkt ausgezeichnet wurde, sprang er empört in die Bresche. Killerspiele dürften keinesfalls prämiert werden, tobte der CDU-Mann, musste sich aber sogar von eigenen Leuten sagen lassen, dass dieses Spiel neben vorzüglicher Technik auch inhaltliche Qualität böte.

Im konkreten Fall ist das aber sowieso ein Nebenkriegsschauplatz. Denn grundsätzlich ist jede Sachbeschädigung ein Angriff auf die Freiheit eines anderen. Man hat ja als Opfer mindestens Scherereien, im schlechten Fall zahlt man drauf. Die wahre Bedeutung der Tat ergibt sich aber offenbar daraus, was einer sonst im Leben macht. sollte also irgendein Wicht “ACAB” an unsere Hauswand sprühen, betrachte ich das als Journalist fürderhin als Anschlag auf die Pressefreiheit. Und sollte mir jemand einen Autoreifen zerstechen, werde ich das als aktiver Gewerkschafter als unerhörten Anschlag auf die Tarifautonomie und damit auf die Grundfesten unserer Demokratie anprangern.

Somit bleibt fürs Erste nur eine Frage offen: Würde sich ein Bruce Willis von einem wie Wolfgang Börnsen helfen lassen? Von einem leicht verwirrten Schwarzen? Niemals nicht, sagt unser erster Denkreflex. Aber wer hat denn wirklich an ihn geglaubt, damals bei “Stirb langsam”? War das nicht ein lustiger Schw…. ? Ich glaub’, ich fang’ hier nochmal an.

Keine Homo-Ehe in Oberpimpfhausen!

“Liebe Freunde, liebe Mitglieder des Bläservereins Oberpimpfhausen. Seid’s gewiss: Mit mir, mit unserer CSU, wird auf unseren Bergen niemals ein Schwuler in unser geliebtes Alphorn stoßen. Und keine Lesbe ein Dirndl tragen. Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder! Unsere Almen bleiben sauber! Mia samma mia!” – Wer mit gleichgeschlechtlich orientierten Extrem-Trötern kein Problem hat, sollte die schwarzen Abgeordneten und die Talkshowgäste quatschen lassen und einfach ein bisschen Geduld haben. Die völlige Gleichstellung homosexueller Partnerschaften kommt spätestens kurz nach der Bundestagswahl 2013. Selbst dann, wenn Angela Merkel und Horst Seehofer regieren sollten.

Es ist ein Drama, wie dieses Thema in den Wahlkampf hineingeschwafelt wird. Kein normal denkender Mensch regt sich noch darüber auf, dass Mann und Mann oder Frau und Frau oder Wer-mit-Wem-auch-immer zusammenlebt. Man darf sogar vermuten, dass es ein Kind bei zwei vorhandenen Vätern besser hat, als bei einem davongelaufenen Erzeuger und somit einer alleinerziehenden Mutter.

Wobei es immer konkret auf die Menschen ankommt. Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe allein macht noch keinen besseren Menschen. Denn wie wir gerade aus Südafrika erfahren haben, können selbst beinamputierte Menschen Idioten sein.

Gut und Böse hängen jedenfalls nicht an der sexuellen Orientierung. Weshalb das auch nicht per Gesetz so festgestellt werden kann.

Aber es ist ja Wahlkampf. Und vor allem für CSU und CDU gilt es, jene konservative Klientel zu bedienen, der das für sie Fremde ein Dorn im Auge ist. Menschen, denen die Halsschlagader schwillt, weil der Nachbar seine Hecke zu schlampig schneidet. Menschen, die Falschparker aufschreiben, denen bekennende Linkshänder der strukturellen Abartigkeit verdächtig sind, Menschen die um Mitternacht bei null Verkehr an einer roten Ampel stehen bleiben.

Es sind auch Menschen, die den Verdacht nicht loswerden, dass Lesben und Schwule nur ein Ziel haben: Kinder und Jugendliche von einer ordentlichen Fortpflanzungs-Sexualität abzubringen und sie an ein anderes Ufer zu locken, an dem am Ende der Tod dieser Gesellschaft durch Aussterben mangels Nachwuchs steht. Menschen, die glauben, dass diese Homo-, Trans- und Dingssexuellen von einem ansteckenden Menschen-Umdreh-Virus befallen sind.

Sie alle brauchen Politiker(innen), die sie vor dem Anderen warnen und beschützen wollen. Die alle möglichen Werte bewahren wollen, außer Toleranz und Menschlichkeit. Und die CSU hat ihre Wahlkämpfe schon immer gegen das vermeintlich Böse geführt. Mal war es der Sozialismus, mal waren es die Asylanten. Und hier, nur hier, liegt die Chance, dass die Gleichstellung homosexueller Ehen doch vor den Wahlen kommt. In ersten Talkshows wird eifrig über die Bedrohung durch Bulgaren, Rumänen, Sinti und Roma schwadroniert.

Hoffnungsvolles Wahlkampfthema. Denn es ist doch klar: Wenn das Boot voll ist, ist ein rosa Alphorn das kleinere Übel. Döööööhhhhhh!!!!

Wir haben die Stimmen nur geliehen…

Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.

Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?

Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist.  Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen  buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.

Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.

 

Müde Politiker in dünner Luft

Gipfel und Abgrund sind eins. Das sagte der große Denker Friedrich Nietzsche, wie stets ein wenig rätselhaft. Wenn man die Beschlüsse der Berliner Koalition anschaut, beginnt man diesen großen Satz zu verstehen. Der Gipfel ist nicht zwangsläufig der Ort der Erleuchtung.

Gipfel, das Wort signalisiert uns Großes. Es ist der Ort, nach dem der mühselige Mensch heftig strebt. Dort angekommen, fällt die Last dieser Welt von ihm ab. Er ist befreit, ist Gott nahe, er schaut von oben auf die Probleme der Welt, die auf einmal ganz klein erscheinen.  Ja, beim Erreichen des höchsten Punktes ist etwas ganz Besonderes passiert. Wer hier steht, hat es geschafft und  macht keine Fehler mehr.

Schön, bloß: Wer so denkt, kennt die reale Politik nicht. Wahrscheinlich auch keine tatsächlichen Gipfelstürme. Denn nach einem langen, langen Aufstieg sind die Helden übermüdet. Hinzu kommt die Höhenluft, die die Sinne ein Stück weit vernebelt. Und dann stehen da mehrere Leute oben, die sich untereinander eigentlich nicht ausstehen können. Irgendwie müssen sie sich einigen. Oder wenigstens so tun.

Aus solchen Situationen nährt sich der faule Kompromiss. Jeder hat einen nutzlosenWunsch frei – bekommt ihn aber sicher erfüllt.

Das hilft für den Moment. Ganz klar. Nie vergessen sollte man allerdings: Vom Gipfel nach unten kann es viel schneller gehen als umgekehrt.

 

 

Die Rente ist sicher – ein Wahlkampfthema

Die Szene gilt uns als die Rentenlüge schlechthin: Im Jahr 1986 beklebte der damalige Sozialminister Norbert Blüm eine Litfaßsäule mit einem Plakat und rezitierte in seinem hessischen Dialekt mit feierlicher Stimme den darauf gedruckten Slogan: „Denn oins ist sischää: die Räntä!“ Die Zweifel daran sind nie ausgeräumt worden. Heute weiß man: Die Rente ist sicher. Es fragt sich nur, in welcher Höhe.

Die von Ursula von der Leyen in die Diskussion gebrachte Zuschussrente wirft ein Schlaglicht auf unsere Eigenschaft, dass wir das Bekannte gerne übersehen, wenn es unangenehm ist. So geben wir uns noch immer schockiert, wenn die neuesten Schreckensnachrichten von der Polareis-Schmelze auftauchen. Bei der Rente ist Überraschung noch erstaunlicher.

Denn was Frau von der Leyen angeblich so spontan schockiert hat, die langfristige Absenkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent, wurde 2001 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossen. Schon damals war klar, dass ein solidarisches System nur so lange aus sich heraus funktionieren kann, so lange die Zahl und Leistungsfähigkeit der Geber und Nehmer im Lot ist. Das kann bei uns in 20 Jahren nicht mehr so sein. Die Alten werden immer älter – die Jungen immer weniger. Und Rentenbeiträge von Maschinen in durchrationalisierten Betrieben sind (noch) kein Thema. Hinzu kommt, dass die angeblich so clevere private Versicherungswirtschaft keine höheren Renditen hinbekommt als die staatliche Rentenkasse. Provisionen und Dividenden wollen ja auch bezahlt sein.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden die heute konsumfreudigen Rentner wieder zu zwangsweise bescheidenen Omas und Opas oder es gibt Zusatzgeld aus Steuermitteln.

Letzteres ist sinvoll, aber da ist ja noch die ideologische Hürde. Da lehnt die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer derartige Geschenke mit dem Hinweis ab, dass die Höhe der Rente immer auch ein Spiegel der Lebensleistung sein müsse. Leistung erbringen demnach also nur Besserverdiener.  Und Philipp Missfelder, der unumstrittene erprobter Unionsschnösel des Sozialwesens, rät armen Menschen dazu, doch etwas für das Alter auf die Seite zu legen. So habe man das früher auch gemacht.

Das sagt einer, der nie einen normalen Beruf ausgeübt hat, dafür aber regelmäßig durch dumme Sprüche zu Lasten Bedürftiger aufgefallen ist. Man hört und liest es, und verspürt einen grausamen Drang, solche Leute mit nicht unter sechs Wochen Spargelstechen zu bestrafen. Aber selbst das wird kaum helfen, denn wo Zukunftssorgen sind, sind die Schwätzer nicht weit.

Anders gesagt: Die Rente ist sicher – ein Thema für den nächsten Wahlkampf.

 

 

 

Rösler und Merkel: Da wird der Prinz zum Frosch

Im harten Alltagsgeschäft gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass Angela Merkel eine Frau ist. Auch ihr Vizekanzler Philipp Rösler hat das gerade verdrängt. Er hat seine politische Lebensabschnittsgefährtin mit einem Frosch verglichen.  Das ist heftig. So heftig, dass alles unterhalb der ewigen Feindschaft eine Überraschung wäre.

Sicher, man könnte abwinken, “Ach ja, der Rösler” sagen und einfach weitermachen. Ist doch der FDP-Chef für seine Witze berühmt-berüchtigt. Seine Ironie geht oft haarscharf am Ziel vorbei, so dass hinterher jemand beleidigt ist.

Und Verniedlichungen oder gar Kosenamen sind ohnehin so eine Sache. Man kommt sich ziemlich nahe. Nicht jede möchte sich ungefragt Hasi, Engel, Sahneschnitte, Erdbeerpfötchen oder Puddingbrumsel nennen lassen.

Unbedingt vermeiden sollte man aber Vergleiche, welche  der oder die andere garantiert nicht mag. Wie das beim Frosch der Fall ist. Dieses Tier ist bestenfalls lustig (in der Inkarnationsform Kermit), sitzt aber ansonsten dumm, aufgeblasen und dick auf einem Seerosenblatt oder auf einem Stein herum, quakt und wartet darauf, dass Beute vorbeifliegt. Frösche gelten zwar als schöner als Kröten. Trotzdem haftet ihnen etwas Glitschiges an.

Selbst als Märchenfigur ist der Frosch nur zweite Wahl. Wir alle haben als Kind gelernt, dass etwas ganz Schönes herauskommt, wenn man ihn ganz lieb küsst. Was also will Philipp Rösler? Merkel küssen und Nahles bekommen? Oder Sigmar Gabriel? Oder Claudia Roth?

Wahrscheinlicher ist da schon dieser Fall: Merkel küsst Rösler und verwandelt ihn in einen Frosch. Und dann wird sie ihn kochen. Ganz langsam. Mit Genuss. Ganz bestimmt.

Jetzt mehrt Euch! Oder es wird teuer

 "Seid fruchtbar", sagt Herr Wanderwitz.

Da ist er aber wieder mal in den Fettnapf getreten, der Bundestagsabgeordnete Wanderwitz, Marco. Für seine Idee, Kinderlose oder Einzelkinderzeuger zwecks Sicherung der Renten mit einer Demografie-Abgabe zu belegen, hat der CDU-Mann aus Chemnitz  fast ausschließlich böse Kommentare geerntet. Angela Merkel hat das Projekt offiziell beerdigt. Endgültig muss das nicht sein.

Denn es gehört zu den Spielregeln der Politik, dass man ein Thema austestet. Da die Kanzlerin sowie ihre Kabinettskollegen – Ausnahme: Kristina Schröder –  aus Respektsgründen auf allzu absurde öffentliche Vorschläge verzichten, werden Hinterbänkler nach vorne geschickt. Diese bringen  als realpolitische Trüffelschweine revolutionäre Gedanken in die Diskussion. Und falls die öffentliche Reaktion nicht zu hundert Prozent vernichtend ausfällt, wird die Geschichte irgendwann erneut aus der Schublade geholt. Nach dem vierten Sturm der Entrüstung ist die Gesetzesreife  erreicht.

In Sachen Demografie-Rücklage war Wanderwitz (drei Kinder) als Freund verrückter Ideen die Idealbesetzung. Von ihm stammte auch der Vorschlag, dass Griechenland seine Inseln verkaufen könnte, wenn es seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen könne. Ein weiterer Treppenwitz aus Chemnitz war die Idee, dicke oder fettleibige Menschen stärker zur Finanzierung der Krankenkassen heranzuziehen. Das gilt als erledigt, dürfte aber irgendwann wieder hochkommen.

Genauso wie die Kinderlosen-Steuer. Denn eigentlich ist es doch eine Ungeheuerlichkeit, wie sehr sich die junge Generation auf einen Gebärstreik verständigt hat. Milliardenbeträge sind in den vergangenen Jahren  in die Finanzierung der Elternzeit gepumpt worden. Doch gereicht hat das nur für einen Geburtenanstieg von 0,05 pro Frau. Ungefähr.

Tja, und wenn das Zuckerbrot nichts bringt, greift man zur Peitsche. Dann gibt es eben keine Geschenke mehr, sondern gezielte Wohlstandsverringerung.

Aber wirklich motivieren wird das niemand. Beim Kinderkriegen geht es ja letztlich nicht ums Materielle, sondern um die Sehnsucht. Marco Wanderwitz sollte daran denken, dass in seiner Geburtsurkunde “Karl-Marx-Stadt” steht.  Und da liegt die Lösung. Würde die Regierung ein Gesetz erlassen, wonach der Marx’sche Leitspruch “Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!” über allen Betten hängen muss – die Sorgen um unsere Zukunft wären schon nach wenigen Jahren nur noch ganz, ganz klein.