Lieber Gott, rette das Establishment!

Wie geht es weiter mit dieser Welt? Genau weiß das keiner, aber der 8. November wird uns schlauer machen. Sollte dieser Donald Trump nämlich Präsident werden, ist zumindest eines klar: Der Niedergang der Institutionen oder des „Essdäblischmends“, wie der US-Amerikaner sagt, wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Unser vulgärer Schreihals verstärkt aber nur einen längst vorhandenen Trend. Bei einer Studie zur Lebenswelt der 18- bis 34-Jährigen gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sie der Politik nicht vertrauen. 50 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen in religiöse Institutionen zu haben. Die Medien kommen mit einer Misstrauensquote von 25 Prozent noch relativ gut weg.

Diese Stimmung bereitet den Nährboden für seltsame Gestalten. So stellen wir erstaunt fest, dass so genannte „Reichsbürger“ oder „Germaniten“ deutlich zahlreicher sind als weiße Einhörner. Menschen, die ihr Haus und Grundstück zu einem eigenen Hoheitsgebiet erklären und die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als Staat leugnen. Deshalb zahlen sie keine Steuern und drohen Gerichtsvollziehern Schläge an.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Leute sind nicht aufrichtig. Wären sie es, müssten sie in ihrem Fernsehsessel verhungern. Sie dürften ja auch keine indirekten Abgaben, also etwa Mehrwert- oder Mineralölsteuern zahlen. Aktionen nach dem Motto „Wir schenken Ihnen 19 Prozent!“ veranstalten nur Möbelhäuser und Elektrogroßmärkte. Die Erwartung, dass der Metzger Schnitzel und Leberwurst an einer Duty-Free-Theke verkauft, ist abseitig. Der Hungertod müsste von Reichsbürgern billigend in Kauf genommen werden.

Zerstört werden Institutionen aber auch aus dem herrschenden System heraus. Nehmen wir die Wahl des neuen Bundespräsidenten: Honorige Persönlichkeiten zeigen zwar Bereitschaft, aber nur, wenn vor der Abstimmung sicher ist, dass sie es auch werden. Da fragt man sich doch, ob es wirklich so ein unattraktiver Job ist, zwischen zwei richtungsweisenden Ansprachen mit dem Staatschef von Burundi Antilopenbraten zu essen. Müsste um dieses Amt nicht mit Leidenschaft gerungen werden?

Und dann noch die Clowns. Gerade ist der große Oleg Popov gestorben. Ein Spaßmacher der leisen Töne und im richtigen Leben ein herzensguter Mensch. Doch gute Institutionen bröckeln. Neuzeitliche Grusel-Clowns springen aus dunklen Ecken und ihr amerikanischer Kollege braucht nicht mal eine Maske, um uns zu erschrecken.

Wir schauen zum Himmel und flehen: Lieber Gott, lass‘ wenigstens diesen Kelch an uns vorübergehen. Darum bitten wir. Auch wenn Du zum Establishment gehörst.

 

 

 

US-Wahlkampf: Fremdschämen hilft auch nicht

Irre und fies. So läuft der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. Wir erfahren viel über miesen Charakter, Geldgier, kriminelles Handeln, frauenfeindliches Gerede oder echte Vergewaltigung. Man könnte jetzt sagen: Na ja, die Amis halt. Waren ja schon immer durchgeknallt. Leider ist es nicht so einfach. Diese Schlammschlacht schadet uns allen.

Hillary Clinton und Donald Trump attackieren sich auf übelste Art und Weise. Vor allem das Wühlen unterhalb der Gürtellinie ist in dieser Nicht-Qualität unter demokratischen Politikern neu. Beim jüngsten Fernsehduell konnte man den Eindruck haben, hier würden sich zwei Ekel-Pakete vor einem Millionenpublikum duellieren.

Aber wechseln wir die Blickrichtung. Die USA und „der Westen“, also auch wir, beanspruchen für sich, Bewahrer der edelsten Werte dieser Welt zu sein. Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – all das gebe es im christlichen Kulturkreis so ehrlich und umfassend wie nirgends sonst. Die Bewahrer dieser Werte wiederum sind die Regierungen, in den Vereinigten Staaten vor allem der oder die Präsident*in.

Wie soll nun ein Araber oder Afrikaner, dem das hässliche Gebell oder das falsche Lächeln dieser Kandidaten per Satellit ins Wohnzimmer übermittelt wird, glauben können, dass es gut sein soll, solchen Menschen die Verantwortung für Atomwaffen zu übergeben? Wer soll glauben, dass ihnen Clinton oder Trump eine bessere Zukunft garantieren könnten als ihre eigenen zweifelhaften Anführer? Es kann eigentlich nicht sein.

Und noch etwas: Nehmen wir an, Donald Trump hieße Erdogan oder wäre der selbst ernannte Kalif von Bagdad. Eine Empörungswelle rollte durch das Land. Viele würden vor dem Irrsinn der frauenfeindlichen Muslime warnen und schärfere Anti-Terror-Gesetze fordern. Nur die Satiriker hätten ihre Freude.

Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Das Duo Clinton/Trump allerdings ist objektiv widerlich. Hülfe Fremdschämen, wir würden gerne rot. Aber leider wird das nicht so sein.

 

 

Glamour in Großburgwedel

Es ist so furchtbar: Abschied, Trennung, Niedergang, Phantomschmerz, wohin das Auge blickt. Barbie van der Vaart trennt sich von ihrem Fußballer, die FDP in Kürze von Philipp Rösler und Bettina Wulff vom früheren Bundes-Christian. Das Weibliche verstößt das Männliche.

Gerade bei letzterer Trennung frage ich mich, warum das überhaupt jemand interessiert. Angeblich – so wurde es zumindest über die Medien transportiert – handelt es sich bei den beiden um ein „Glamour-Paar“. Was bitte? Christian Wulff, der Mann mit der Kermit-Stimme, verstrahlt so viel Glanz wie eine Milchglasscheibe im sanften Gegenlicht. Manches wäre mir zu ihm eingefallen. Aber Glamour?

Hierbei handelt es sich laut Wikipedia um eine spezielle Attraktivität beziehungsweise ein Faszinosum. Zum Beispiel also ein besonders prunkvolles oder elegantes Auftreten in der Öffentlichkeit, welches sich von Alltag und Durchschnitt abhebt.

Nun mag seine verflossene Bettina, je nach Geschmack des Betrachters, eine hübsche Frau sein. Mehr aber doch nicht. Die glamourösesten Aspekte an ihr sind die Gerüchte über ihr Vorleben oder ihre Tätowierung.  Aber eigentlich würde sie nicht mal auf einem fränkischen Opernball  sonderlich auffallen.

Dieses Paar wird trotzdem glamourös genannt. Weil die interessierte Guckloch-Presse eine Bezeichnung braucht, die nach etwas Besonderem klingt. Ich bleibe lieber sachlich, und stelle im Einvernehmen mit mir selbst fest: Die Wulffs waren das glamouröseste Paar von Großburgwedel. Mehr Faszinosum war aber nicht.

 

 

 

"Bild" rettet die Seele der Bettina W.

Nein, ich habe nichts gegen Bettina Wulff. Gar nichts. Aber so allmählich weiß ich nicht mehr, was ich an ihrer Affäre nervtötender finden soll. Die Rotlicht-Gerüchte oder die machtvolle Verteidigungs-Inszenierung samt Buchverkaufs-Werbung.

Die „taz“ hat es am 10. September hervorragend auf den Punkt gebracht. Auf ihrer Titelseite zeigte sie den jungen Ex-Bundespräsidenten an der Seite von Altkanzler Helmut Kohl. Die Überschrift lautete „Wulffs peinliches Vorleben enthüllt“. Im erklärenden Text hieß es: „Ein neu aufgetauchtes Bilddokument belegt, wie Bettina Wulffs Gattte als junger Mann lebte – angepasst, devot, karrieregeil und in engem Kontakt zu äußerst dubiosen Gestalten.“

Danke für diesen Wink. Er zeigt uns, dass wir schief gewickelt sind. Wir erregen uns hechelnd an einem mutmaßlichen Sex-Skandal. Und übersehen dabei nur allzu gerne die wahren Schweinereien, wie sie im Umfeld mächtiger und machtversessener Menschen immer wieder passieren. Dabei zeigen wir unsere verklemmte Doppelmoral. Denn nur mal so gefragt: Wenn die junge Bettina Wulff gegen Geld zahlungskräftige Männer durch die Nacht begleitet hätte – wäre es überhaupt der Rede wert? Man mag die Arbeit einer Bardame oder einer Escort-Lady unappetitlich finden. Aber es handelt sich um  Dienstleistungen, die normalerweise keinen Schaden anrichten.

Dagegen gibt es in zahlreichen Firmen, zum Beispiel im mittleren Management, meist männliche Huren ihrer Chefs, die als willige Vollstrecker sinnloser Anweisungen viele andere Menschen ins Unglück stürzen. Da gibt es genügend Skandale, die man anprangern könnte.

Aber wir betrachten lieber die schönen Bilder einer seelisch verletzten Frau, welche die Bild-Zeitung in diesen Tagen verbreitet. Wer anständig ist, bedauert sie. Aber wir könnten auch überlegen, wie es um den Charakter einer Person bestellt sein muss, die sich ausgerechnet von jenem Blatt hofieren lässt, das ihr vorheriges Leben zerstört hat. Wahrscheinlich weiß Bettina Wulff, dass das nutzlose Projekt einer Biographie einer 38-jährigen Frau nur durch Deutschlands beste Vermarktungsmaschine für Unsinn aller Art zum Erfolg werden kann. Wir gönnen ihr das Geld.

 

 

Die Freiheit gehört zu Deutschland!

Er sei weder Heilsbringer, noch Heiliger und auch kein Engel. Das sagt der neue Bundespräsident Joachim Gauck über sich selbst. Wenn man die ersten Reaktionen auf seine Wahl so anschaut, fragt man sich allerdings: Wissen das auch die
anderen? Die Verehrung des neuen Mieters von Schloss Bellevue hat etwas leicht Hysterisches.

Am ehesten stemmen sich noch die Fernseh-Talkshows gegen den sich anbahnenden Personenkult. Deren Macher bekämpfen ihren Phantomschmerz nach Christian Wullfs ruhmlosem Abgang damit, dass sie tagtäglich analysieren, ob dieser Gauck denn tatsächlich der Richtige sei und wie es aussähe, wenn alles ganz anders gekommen wäre. Die Suche nach dem zweiten diskussionsfähigen Thema  neben alten und neuen Präsidenten ist in den Redaktionen bislang erfolglos geblieben.

Aber zurück zu Joachimg Gauck. Wirklich günstig ist seine Lage nicht. Denn das Ausmaß der Verehrung bestimmt die Fallhöhe. Die ist erheblich. Bei Gaucks Vorgänger Christian Wulff waren die Erwartungen von vorneherein niedrig. Er scheiterte allerdings auch daran, dass sein reales Verhalten nicht zu seinem Image gepasst hat. Man hatte ihn als farblosen
Saubermann eingeschätzt – tatsächlich war er ein Freund gewinnbringender Netzwerke.

Öffentliche Einschätzung und tatsächliches Auftreten und Handeln müssen zusammenpassen. Dissonanzen werden vom Volk nicht verziehen. Und so steht der neue Bundespräsident vor der Aufgabe, fünf Jahre lang der klügste, wachsamste, kritiscthe und mitfühlendste Präsident aller Zeiten zu sein. Einer zu sein, der zu jeder Zeit und in jeder Situation ein Stückchen besser ist als der Rest der politischen Kaste.

Als Zyniker möchte man da von Herzen „Viel Vergnügen“ wünschen. Und übrigens: Von Christian Wullff ist als positivie Leistung eigentlich nur der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland!“ in Erinnerung geblieben. Einen zentralen Satz von Joachim Gauck haben wir bereits begriffen, ohne dass er ihn genau so gesagt hätte: „Die Freiheit gehört zu Deutschland!“. Weitere Ideen sind willkommen…

 

 

Wenn Wulff die Gabriele Pauli wäre…

Christian Wulff kriegt also sein Geld. Und wir alle fragen uns, ob das irgendetwas mit Gerechtigkeit zu tun hat.  Schließlich kann kein/e Arbeitnehmer/in jemals in diese Pensionsregionen vordringen. Aber auch innerhalb der politischen Kaste gibt es Ungleichheit. Wie wäre es gewesen, wenn unser Ex-Bundespräsident Gabriele Pauli wäre?

Gabriele Pauli war jene „schöne Landrätin“, die den großen CSU-Zampano Edmund Stoiber quasi im Alleingang demontiert hat. Weitere massive politische „Vergehen“ ihrerseits sind nicht überliefert. Die von ihr vorgeschlagene befristete Ehe war ja nur eine Idee. Für Bestechlichkeit ist sie nicht bekannt. Sie hat sich allerdings Latex-Handschuhe angezogen für Fotos, welche sexuell deutlich aufgeladener waren, als sämtliche „Bunte“-Bilderstrecken von Bettina Wulff.

Jedenfalls hat sie im Jahr 2008 ihr Büro im Landkreis Fürth aus freien Stücken geräumt. Im Alter von 50 Jahren. Nach 18-jähriger Amtszeit hat sie einen Anspruch auf eine monatliche Pension von 4000 Euro erworben. Also nicht einmal ein Viertel Ehrensold. Doch ihr Kreistag legte hinter verschlossenen Türen fest, dass die Auszahlung dieser Pension erst im Alter von 62 Jahren beginnen wird. Das war Auslegungssache – und wahrscheinlich auch ein Stück weit Rache.

Auf den Punkt gebracht hat die Angelegenheit der damalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) mit folgendem Satz: „Es kriegt niemand eine Rente mit 50 und wir sehen das auch für uns nicht vor.“ Mit Blick auf die Wulff’sche Sofortrente drängt sich die Assoziation zu dem berühtem Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, irgendwie auf.

Aber egal. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn Christian Wulff Gabriele Pauli wäre, gibt es eine klare Antwort: In Großburgwedel würde bald ein Möbelwagen vorfahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Glückwunsch an "unsere" First Lady

Daniela Schadt ist die neue First Lady.

Daniela Schadt ist die neue First Lady.

Achtung, hier kommt Nürnberg! Jetzt, wo es so gut wie sicher ist, dass Joachim Gauck neuer Bundespräsident wird, steht es wohl auch fest, dass die neue First Lady aus unserer Stadt kommt. Ich gratuliere meiner Kollegin Daniela Schadt und wünsche ihr für die kommenden fünf Jahre viel Glück und vor allem gute Nerven.

Joachim Gauck ist seit zirka zwölf Jahren mit Daniela Schadt liiert. Bei der „Nürnberger Zeitung“ leitet sie das Ressort  Innenpolitik. Zwar verfügt die 51-jährige einen hessischen Migrationshintergrund, hat aber längst bedeutende fränkische Eigenschaften angenommen.

Als da wären ein großer Fleiß sowie die Fähigkeit, widrige äußere Umstände bei Bedarf zu ignorieren. Vor allem aber auch ein feiner, hintersinniger Humor. Ich selber habe Daniela Schadt als offen, interessiert, schlau und richtig nett erlebt. Ihre unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen loben ihre Fähigkeit, herzlich zu lachen und heben ansonsten ihre Freude an klassischer Musik sowie ihren enormen Hunger auf Bücher hervor.

Sollte Joachim Gauck gewählt werden, wäre sie die erste „Präsidentengattin“ ohne Trauschein. Auch ansonsten dürfte sie lockerer auftreten als ihre Vorgängerin. Edle Kostümchen oder Fototermine mit Glamour-Bekanntschaften sind nicht so ihr Ding. Die Gesellschaftsreporter werden es bei ihr nicht so ganz leicht haben.

Schade ist aus hiesiger Sicht, dass Daniela Schadt ihren Job vermutlich aufgeben muss. Es ist ja schwer vorstellbar, dass die First Lady die deutsche Innenpolitik kommentiert. Sollte sie ihre Beziehung zum künftigen Präsidenten unkonventionell fortsetzen wollen, bliebe wohl bloß der Wechsel ins weitestgehend politikfreie Sportressort.

Vielleicht hieße es dann der Fußball-EM nicht mehr „Was sagt der Kaiser?“, sondern „Was denkt die First Lady?“. Eigentlich ist das gar kein dummer Plan…

Da geht der Wulff – und keiner weint

Mit Heiligenschein hätte es vielleicht geklappt.

Mit Heiligenschein hätte es vielleicht geklappt.

Da geht er hin. Und keiner, außer ein paar loyalen Amtssitz-Mitarbeitern, findet es zum Weinen.  Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat einen Abgang dritter Klasse bekommen. Weil er zu spät kapiert hat, dass er keine Chance hatte. Ein paar Wochen früher, man hätte ihm den Rücktritt als Zeichen eines starken Charakters ausgelegt.  Jetzt aber heißt es, frei nach einem französischen Sprichwort: „Wenn der Wulff erlegt ist, beißen ihn alle Hunde.“

Der Präsident beugte sich dem Unvermeidlichen. Wobei seine  Amtszeit wird auf lange Sicht nur eine kleine Randnotiz  sein wird. Wulffs berühmtester Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ dürfte gelegentlich zitiert werden. Aber ansonsten wird er als jenes Staatsoberhaupt in Erinnerung bleiben, das die Bild-Zeitung zum Opfer gemacht und der trotz anerkannter Farblosigkeit die meisten Talkshows beschäftigt hat. Jauch, Plasberg, Illner und Co. haben nun natürlich das Problem, dass sie auf die Schnelle ein zweites Thema brauchen.

Das Land braucht auf die Schnelle eine/n neue/n Präsidenten/-in. So schwierig wie bei „Wetten. dass…? wird die Suche nicht werden. Claudia Roth von den Grünen hat klargestellt, dass es kein Präsidenten-Casting geben wird. Wie zu hören ist trifft sich morgen eine Koalitions-Kungelrunde in der Besetzung Merkel, Seehofer, Rösler, Kauder, Hasselfeldt und Brüderle. Sie wird klären, was die Regierung denkt, was sie in Sachen Nachfolger denken könnte.

Ich rechne mit einem klaren Gegenentwurf zu Wulff. Also mit einer älteren Persönlichkeit mit reichlich Lebenserfahrung. Sollte Joachim Gauck noch mögen, hätte er gute Chancen. Auch Klaus Töpfer wäre nur schwer zu verhindern. Der verwegenere Plan wäre es,  Margot Käßmann zu berufen. Von ihr weiß man, dass sie gegebenenfalls schnell und konsequent zurücktritt. Zudem ist das dunkelste Kapitel ihrer Lebensgeschichte schon so gut bekannt, dass sich das Recherchieren auch für „Bild“ nicht mehr lohnt.

Die besoffenste Idee kam übrigens von der Jungen Union Bayern. Sie hat Edmund Stoiber vorgeschlagen. Da sage ich: Vielen Dank, dann schon lieber Hape Kerkeling.

Der dumme Mann von Schloss Bellevue

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.

Wie sich die Dinge doch manchmal entwickeln. Als die ersten Skandal-Meldungen über Christian Wulff zu lesen waren, war mein erster Gedanke, dass seine Affären genauso langweilig sind wie er selbst. Nun aber wackelt der Bundespräsident bedenklich. Und man muss sagen: Da droht einer an seiner eigenen Dummheit zu scheitern.

Die Aufregung um den Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann halte ich für übertrieben. Jede Aktion, die sich – von wem auch immer – gegen die Pressefreiheit richtet, ist Mist. Aber diese Welle der Solidarität, die nun über das fieseste Blatt der Republik schwappt, wirkt kurios. Die überleben das schon, keine Sorge.

Man darf auch nicht so tun, als wäre da etwas ganz und gar Ungeheuerliches passiert. Versuche, die Medien einzuschüchtern oder wenigstens zu beeinflussen, gibt es immer und überall. Anrufe bei Chefredakteuren sind sogar recht beliebt.

Allerdings: Sie sind das bevorzugte Druckmittel der mentalen Dorfbürgermeister. Der Könner zeigt sich kooperativ, verabreicht dem Journalisten ein Informationshäppchen, verbunden mit dem Satz „Ist doch alles nicht so schlimm, oder?“. Gerne wird auch auf noch laufende Untersuchungen („Schwebendes Verfahren“) verwiesen. Der wahre Profi schließlich bietet im Gegenzug für Stillschweigen einen viel größeren Skandal an, in den eine andere Person verwickelt ist.

Erschreckend ist somit Wulffs Hirnlosigkeit, Drohungen auf einem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Dumm ist seine Meinung, dass er sich ernsthaft mit Bild und dem Springer-Verlag anlegen könnte. Wo man ihn doch gerade von dieser Seite lange Zeit so überaus freundlich gehätschelt hat.

Man könnte sich damit trösten, dass ein dummer Bundespräsident keinen großen Schaden anrichten kann. Bei Christian Wulff allerdings kommt der Verdacht auf weitere massive Schwächen hinzu. Im April dieses Jahres war er umschwärmter Mittelpunkt bei der 200-Jahr-Feier der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung „Neue Westfälische“. In der Ankündigung des Besuches hieß es: „Bundespräsident Wulff liegen die Themen ,Tageszeitungen‘ und ,Lesen und Leseförderung‘ besonders am Herzen. Er hat die Schirmherrschaft über die Stiftung Lesen übernommen.“ Er zeigte sich damals als aufgeschlossener Gesprächspartner streikender Redakteure/-innen und schwärmte in seiner Festrede vom überragenden Wert der Arbeit von guten und unabhängigen Journalisten.

„Aufgabe der Zeitungen ist es, den Dingen auf den Grund zu gehen“, sagte Christian Wulff damals. Vergesslich ist er also auch noch…