Die Briten sind weg. Die EU hat Veitshöchheim

„Die sind doch alle verrückt!“ Leicht geht uns dieser Satz von den Lippen, wenn wir über den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union reden. Der Brexit wirkt wie ein dummes Versehen, das aber, weil es nun mal stattgefunden hat, nicht geändert werden kann.

Und es gibt ein weiteres Indiz dafür, dass da ein närrischer Plan vorliegt. Mit dem endgültigen Ausscheiden der Briten bekommt die EU einen neuen geographischen Mittelpunkt. Der Ort heißt Gadheim, liegt in Unterfranken und gehört – jawohl – zu unseren Faschingshochburg Veitshöchheim. Man darf davon ausgehen, dass die Närinnen und Narren diese hervorgehobene Stellung ihres fränkischen Olymps in ihre Texte einarbeiten werden.

Nun ist der organisierte Frohsinn nicht für jeden lustig. Mancher würde ihn sogar als heimtückische  Attacke aufs eigene mentale Wohlbefinden einstufen. Aber es wäre doch gut, wenn große Führer*innen wie Le Pen, Orban, Höcke oder Wilders bloß schlechte Büttenredner wären.

Und nehmen wir an, der türkische Präsident Erdogan könnte über sich selbst lachen und würde sich im Staatsfernsehen von Komikern den Kopf waschen lassen. Die Zahl der eingesperrten Richter, Journalisten, Professoren und Lehrer wäre vermutlich kleiner.

Auch unsere veralberten Politiker lachen manchmal bloß, weil es zum Spiel gehört. Trotzdem: Veitshöchheim als Mitte der EU könnte ein gutes Signal sein. Auf unseren Brexit, ein dreifach donnerndes Helau.

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?