Keine Herzens-Demo zum Opernball

Einmal im Jahr, irgendwann zwischen Volksfest und Christkindlesmarkt, gibt sich Nürnberg glamourös. Beim Opernball, der nach dem berühmtesten Maler und dem möglichen künftigen Flughafen-Namenspatron Albrecht Dürer benannt ist, werden die teuersten Abendkleider der Stadt vorgeführt. Sogar echte Stars wurden hier schon gesichtet, wenngleich es im Laufe der letzten Jahre zusehends weniger geworden sind.

Gleichwohl: Der Opernball ist das Allerheiligste der besseren Nürnberger Gesellschaft. Kann es sein, dass in diesem Umfeld demonstriert wird, wenn es einem wichtigen Gast missfallen könnte. Nein, es geht nicht.

Akut bedroht ist die Nürnberger Abendzeitung. Das „8-Uhr-Blatt“ wurde 1919 gegründet und ist somit Deutschlands älteste Boulevardzeitung. Ihr derzeitiger Verleger ist der heimische Medienunternehmer Gunther Oschmann. Er hat jedoch die Freude an diesem Blatt verloren, da es laufend hohe Verluste schreibt. Noch im September soll die AZ an einen mutmaßlich interessierten Investor verkauft werden. Ansonsten droht das Aus.

Die beiden Journalisten-Gewerkschaften, die Deutsche Journalistinnen- und -Journalisten-Union (dju) sowie der Bayerische Journalistenverband (BJV) wollten verhindern, dass diese Zeitung geräuschlos verschwindet. Sie wollten Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „Ein Herz für die AZ“ verteilen.

Gepasst hätte es. Der Opernball ist der wichtigste Treffpunkt der Schönen und/oder Reichen der Region und somit auch die Zielgruppe des Boulevards. Zudem sitzt Gunther Oschmann – als unbestritten großzügiger Mäzen des Hauses – im Stiftungsrat des Staatstheaters.

Doch die Veranstalter sagten Nein, und auch das städtische Liegenschaftsamt soll sich gegen eine Herzensdemo gewehrt haben. Schade drum. Die AZ-Lebkuchen werden ihre Abnehmer finden. Wie es mit der Zeitung weitergeht, wird man in Kürze wissen.

Sollte sie sterben, dürfte sich nicht einmal die anderen Zeitungen freuen. Entsprechende Untersuchungen beweisen, dass die Zahl der Zeitungskäufer dort am größten ist, wo journalistische Vielfalt am größten ist. So etwa in München. Konkurrenz belebt das Geschäft – und ein Farbtupfer im örtlichen Pressemarkt ist auch eine in Auflage und Bedeutung geschrumpfte Abendzeitung allemal.