Kleine Lügen tun uns gut

Man sagt das so schön: „Ehrlich währt am längsten“. Aber was ist dran an diesem Spruch? Nicht so viel. Denn wer stets die Wahrheit sagt, wird deshalb noch lange nicht glücklich. Ein bisschen darf, ja sollte man lügen.

Und das nicht, weil es so spannend ist, ob man andere überlisten kann, sondern weil es sympathisch macht. Nehmen wir nur mal diese Situation: Jemand kommt auf dich zu und fragt: „Wie geht’s?“ Antwortest du – wahrheitsgemäß – „beschissen“, steht der andere verstört da und weiß nicht, wie er reagieren soll. Also sagst du „gut“, ihr beide lacht kurz – und das Gespräch hat ein gutes Ende genommen.

Es kann auch passieren, dass eine Kollegin freudestrahlend ins Büro kommt. Tags zuvor hat sie sich eine ultimative Modefrisur verpassen lassen. Der Schnitt erinnert an die Glanzzeiten von Pumuckl, das Haar erstrahlt in allen Farben des Regenbogens. „Na, wie findest du das?“, kommt die Frage. Wird man da „echt übel“ oder „wirklich flott“ sagen?

Jeder will auch selber belogen werden. Etwa wenn man sich als Hobbykoch vier Stunden lang mäßig erfolgreich an einem Feiertagsmahl abgearbeitet hast. Will man dann hören, dass es ungenießbar ist? Auch wenn man es selber schmeckt? Und passt nicht auf die berühmte Frage „War ich gut?“ nur eine einzige Antwort? Zwei Buchstaben, waagrecht oder senkrecht.

Alsdenn, Lügen, die keinen Schaden anrichten, sollte man sich durchaus leisten. Man darf es nur nicht übertreiben. Denn ein enttarnter Schleimer ist am Ende auch nicht beliebter als der aufrechte Unsympath.

Ein anderes Sprichwort lautet „Lügen haben kurze Beine“. Da fragt man sich, wieso so viele großartige Präsidenten – Italien, Frankreich, Russland, Fifa – kleingewachsen sind. Aber das ist die Politik. Die Welt, in der Parteifreund die Steigerung von Todfeind ist. Das Thema „Lügen als Überlebensfrage“ behandeln wir ein andermal.