Mut zur Offenheit statt Leichenfledderei

Der Begriff Leichenfledderei bezeichnet laut Online-Lexikon Wikipedia das „Ausrauben“ beziehungsweise „Ausplündern“ von Toten. Das kann man sich als schlichte Grabräuberei vorstellen. Aber auch als Versuch, aus Mord und Totschlag persönlichen Profit zu schlagen. Der Terror-Anschlag von Berlin hat gezeigt, dass es Politiker gibt, denen es in dieser Hinsicht vor gar nichts graust.

Das zurzeit übelste Beispiel hierfür ist der nordrhein-westfälische AfD-Politiker Marcus Pretzell, dem Klatsch-Publikum gut bekannt als Lebensgefährte von Parteichefin Frauke Petry. Die allgemeine Schockstarre hatte sich kaum gelegt, niemand wusste sicher, ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall gehandelt hatte, da verbreitete er über Twitter: „Es sind Merkels Tote!“. Was wohl heißen soll, dass das alles nie hätten passieren können, wenn man Reisepässe besser kontrolliert hätte. Hirnkranke Mörder haben ja keine Papiere, sondern tragen ein IS-Logo auf der Stirn.

Es wäre eine Gelegenheit, sinnschwaches AfD-Gebrabbel zu entlarven. Aber so einfach ist das nicht. Diese Partei ist paradox beliebt. Viele glauben, dass sie den „deutschen Michel“ (ein Begriff aus der Ära, in der Ausländer noch lustige Gastarbeiter waren) vertritt. Obwohl ein bisschen Blättern in ihrem Wahlprogramm genügen würde, um das Gegenteil zu beweisen.

Die AfD will die finanzielle Unterstützung Alleinerziehender abschaffen, alle Frauenquoten und Gleichstellungsbeauftragten streichen, will nur noch die Familie „aus Vater, Mutter und Kindern“ steuerlich fördern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – bisher mit reichlich Gratis-Fußball – soll privatisiert werden. Schon Zwölfjährige sollen als Straftäter verurteilt werden können. Waffenbesitz soll erleichtert, die Erinnerungskultur an die NS-Zeit soll aufgegeben werden.

Ebenso möchte die AfD die so genannte „Klimalüge“ stoppen und die für die Reichen lästige Erbschaftssteuer sowie die Vermögenssteuer abschaffen. Mietpreisgrenzen soll nicht mehr gelten. Die Lebensarbeitszeit soll parallel zu Lebenserwartung verlängert werden.

Ein Horrorkatalog für „kleine Leute“, sollte man meinen. Vielleicht bemerken sie es rechtzeitig vor der nächsten Wahl.

Ganz akut sind zwei Thesen aber wichtiger: Wer jetzt nicht die starke Hand fordert, hat mehr Mut als der, der nur nach Rache ruft. Und: Freie und offene Gesellschaften sind für ihre Bürger*innen auf jeden Fall am sichersten. Glauben Sie nicht? Dann denken wir doch mal an die Türkei…