Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

Die lustigen Rentner sind unser Ruin

Ach, diese Rentner. Sie werden uns ruinieren. Sie sind unser Verderben. Wollen bezahltes Nichtstun schon mit 63. Obwohl der Zusammenbruch der Ökonomie droht. Widerliche Egoisten!

Erstmal: Die Debatte ist aufgeblasen. Wer mit 63 ohne Abschläge gehen will, muss ja 45 Jahre als Beitragszahler/-in gearbeitet haben. Daran dürfte der schnelle Abgang öfters scheitern. Aber das ist eine Randbemerkung.

Erstaunlicher ist die Verlogenheit unserer Wirtschaftsbosse. Vor ein paar Jahren wurde das Thema noch ganz anders gehandhabt. Ältere Beschäftigte wurden als Problem gesehen. Sie seien unflexibel, könnten dem technologischen Fortschritt nicht mehr folgen. Außerdem seien sie ständig wochenlang krank oder auf Reha. Und teurer seien die Alten sowieso.

„Jung und dynamisch“ war angesagt. Also wurde in vielen Firmen aufgeräumt. Die Generation Ü50 wurde weggschickt, bevorzugt mit hoch subventionierten Altersteilzeitverträgen.

Inzwischen fehlen die jungen Kräfte – und schon entdeckt unsere Wirtschaft neue Werte. Ältere Beschäftigte verfügten über unersetzliche Erfahrungswerte. Sie seien genauso lernwillig wie ihre jungen Kollegen. Und meldeten sich auch nicht häufiger krank. Was übrigens stimmt.

Vielleicht sind die Alten aber auch selber schuld daran, dass sie neu entdeckt werden. Würden sie sich, wie es sich für Rentner gehört, auf eine Parkbank setzen und mit ihrem Altersgenossen über ihre neuesten Wehwehchen reden, würde man voll des Mitleids an ihnen vorbeigehen. Stattdessen sitzen sie zur besten Arbeitszeit beim Latte Macchiato im Café, schwimmen, fahren Rad, klettern und kleben sich für’s Rockfestival eine Rolling-Stones-Zunge an den Rollator.

Diejenigen, die von den Controllern in computergestützte Vollstress-Jobs gepresst worden sind, können so viel gute Laune natürlich nicht ertragen. Also, liebe Rentner, zeigt endlich Demut! Dann lassen wir euch gerne gehen. Wenn’s sein muss, auch schon mit 63.

 

GroKo und die weiß-blauen Bettvorleger

Als Löwen gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dieses Schicksal hat gerade die CSU ereilt. In der neuen Großen Koalition ist sie die neue FDP, also weitgehend überflüssig.

Vor einigen Wochen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Absolute Mehrheit in Bayern zurückerobert, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem blendenden Wahlergebnis zwischen Main und Zugspitze in die Nähe derselben gebracht. Horst Seehofer und die Seinen schwelgten im Glück, sie konnten vor Kraft nicht laufen.

Und nun? Der neue Verkehrsminister heißt Alexander Dobrindt. Der Experte für überflüssiges Getöse und schiefe Sprachbilder darf also beweisen, dass er sowohl Pkw-Maut als auch Berliner Flughafen hinbekommt. Sein Kollege Gerd Müller führt das Entwicklungshilfeministerium, dessen Existenzberechtigung ja durchaus umstritten ist.Den großartigsten Abstieg aber hat Hans-Peter  Friedrich hingelegt. Der ehemalige Innenminister, der dem Großen Verbündeten USA so mutig die Stirn geboten hat, darf in Zukunft gemeinsam mit den Imkern gegen die Verbreitung der Varroa-Milbe kämpfen und sich an der Seite des EU-Bürokratenschrecks Edmund Stoiber für den freien Verkauf krummer Salatgurken einsetzen. Da Verbraucherschutz nicht mehr zu seinem Ressort gehört, wird er sich mit seinem Staatssekretär heftig um den Posteingang balgen.

Wie aber konnte das passieren? Wer, bitteschön, hat unsere CSU geschrumpft? Antwort: Es war der Horst. Man darf davon ausgehen, dass Parteichef Seehofer die Bundespolitik egal ist. Sinnstiftend für die CSU ist die absolute Mehrheit im schönen Bayern. Und dann ist es gut, wenn man mit den wirklich kontroversen oder schmerzhaften Themen nichts zu tun hat. Eurorettung? Macht der Mann im Rollstuhl. Energiewende? Schaut Leute, der irre Gabriel schröpft die Bürger. Pflegenotstand? Den regelt der Gröhe mit der lustigen Frisur. Gäbe es ein Bundesministerium für Bedeutungslosigkeit – die CSU hätte es genommen.

Denn was immer auch in Berlin passiert: Schuld sind die anderen. Man kann das als taktisch versiert ansehen. Tatsächlich zeigt es eine feige Gesinnung. Manche Bettvorleger haben ihr Schicksal verdient…

Frau Ursula, wir warten auf die Sturmfrisur

Die Große Koalition ist perfekt! Und allen Grund zum Jubeln haben die Haar-Stylisten. Mit Ursula von der Leyen gibt es eine Frau mit allem Potential zum Trendsetting. Es lebe die Sturmfrisur.

Das Dasein der Friseurinnen und Friseure ist nicht das Leichteste. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kundschaft so aussieht, wie sie sich selbst am liebsten sieht. Sie müssen aber auch fähig sein, die seltene Situation zu meistern, dass jemand einen ganz neuen Schnitt haben möchte. Gerade Frauen in Trennungs- beziehungsweise Veränderungssituationen neigen zu neuen Farben oder Föhnwellen. Dafür braucht es Vorbilder, bevorzugt Prominente. Beispiel: Auf Victoria Beckham und ihre professionellen Stilwechsel blickten die Figaros mit Hingabe.

Und jetzt Ursula von der Leyen. Es hat etwas Absurdes, dass ausgerechnet eine Mutter von sieben Kindern dafür verantwortlich sein soll, junge Menschen in Kriege zu schicken. Sollte sie es besonders überlegt tun, wäre das nur gut. Sicher darf man sein, dass die Betrachtungen der neuen Ministerin zur Sicherheitslage gut klingen werden. Diese Frau hat kein Problem, rhetorisch von der Frühförderung in der Krabbelstube zum Training für Scharfschützen zu wechseln. Sie kann zu jedem Thema ohne Punkt und Komma referieren,

Aber sie wird auch stylingtechnisch hinterfragt werden. Die ihrerseits journalistisch stilbildende “Bild am Sonntag” zeigte sie bereits mit lustiger Tarnschminke und Kampfhelm. Und was steckt drunter? Die bisherige saubere Blondfrisur ist für Berlin oder Hannover blendend geeignet. Im zugigen Sand- und Geröllstaat Afghanistan hält sie wohl nicht einmal mit Armee-Drei-Wetter-Taft. Da bleibt nur: Toupieren, wild und grell, so dass selbst der übelste Taliban den Fluchtreflex verspürt.

Dann ist das Versprechen erfüllt: Das deutsche Kabinett hat einen neuen Star. Blond, immer lächelnd, eher leise als laut – aber bei Bedarf ultra-hart. Wenn Panzer und Drohne gemeinsam inkarnieren…

 

 

 

 

 

Große Koalition? Lasst es Liebe sein!

Mit Liebesheiraten ist es so eine Sache. Paare streifen sich die Ringe über, während sie hoch oben in der Gefühls-Stratosphäre schweben. Alles ist gut. Doch dann kommt der raue Alltag und das junge Glück landet beim Scheidungsanwalt. Ist es demnach vielleicht sogar gut, wenn sich Menschen aneinander binden, die sich gar nicht leiden können? Ist die Zweckehe überlegen? Ist die Große Koalition, anders als die als Traumehe gestartete schwarz-gelbe Beziehung, das Beste für dieses Land?

Fragen wir nach, was uns Paarbeziehungsexperten raten. Lehrsatz 1: “Was auch kommen mag. Ziehen Sie immer an einem Strang.” Vordergründig betrachtet, könnte man an dieser Stelle einen Schlussstrich ziehen. Denn wie sollte Schwarzen und Roten diese Übung gelingen? Jedoch, es ist möglich. Die Großkoalitionäre werden bestimmt an einem Strang ziehen. Wenn auch nur selten am selben Ende. Erfolgschance also 50:50

Beziehungs-Hinweis Nummer 2: “Sich ab und an zu streiten, gehört zum Lieben dazu. Aber vergessen Sie nie, dabei fair zu bleiben.” Die Prognose fällt leicht, dass unsere Spitzenpolitiker/-innen das mit dem gelegentlichen Zank sicher hinbekommen werden. Fair wird es nicht immer zugehen. Erfolgschance 50:50.

Dritter Tipp: “Verlernen Sie nicht, auch mal allein zu sein.” Dafür gibt es Parteitage, Regionalkonferenzen und Ortsvereinssitzungen. Klappt also zu 100:0 Prozent.

Vierter Tipp: “Die richtigen Worte, eine kleine Geste und Leidenschaft. Verlernen Sie nicht, sich zu überraschen.” Überraschungen wird es geben, manchmal sogar mit den richtigen Worten. Aber Angela Merkel und Leidenschaft? Sagen wir 30:70.

Fünfter Tipp: “Macken, Hobby, Eigenschaften: Tolerieren Sie weiterhin, was sie zu Beginn entzückend fanden.” Macken gibt es, wie die soziale Gerechtigkeit bei der SPD oder die Pkw-Maut bei der CSU. Allerdings hat noch niemand von der Gegenseite diese Geschichten als entzückend empfunden. Und: Alexander Dobrindt am Kabinettstisch ist für niemand tolerierbar. Erfolgschance 10:90.

Hinweis Nummer 6: “Zusammen lachen, Spaß haben, Blödsinn machen. Seien Sie manchmal unvernünftig.” Für gemeinsame Späße scheinen die Groß-Koalitionäre nicht geschaffen. Den Witz, den Andrea Nahles Horst Seehofer erzählen würde, gibt es nicht. Das gemeinsame Produzieren von Blödsinn auf der Basis unvernünftiger Beschlüsse sollte allerdings problemlos gelingen. 80:20 für die Große Koalition.

Und die siebte Kostbarkeit der Liebe: “Verlernen Sie nicht, den anderen jeden Tag aufs Neue für etwas zu bewundern.” Sicher ist, dass  erfolgreiche Politiker/-innen zuallererst und ausschließlich sich selbst bewundern. Es mag auch vorkommen, dass man am Todfeind reizvollere Eigenschaften erkennt als am Parteifreund. Aber bewundern geht kaum bis gar nicht. Erfolgschance 10:90.

Die Prognose für eine gelingende Partnerschaft liegt somit bei 330:370. Also bitte, quält uns nicht und verzichtet. Lasst es Liebe sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Große Koalition ist großer Krampf

Hollerplotz, sie haben es gemerkt! Kurz vor Toresschluss ist bis an die SPD-Spitze durchgedrungen, dass es eine Alternative zur Großen Koalition gibt. Und zwar gemeinsam mit den Bösen, den Linken. Aber werden sie sich trauen?

“Opposition ist Mist”, meinte einst der Meister des Verbal-Twitterns, Franz Müntefering. Stimmt zwar, aber Große Koalition ist es auch. Wenn die Diskussion unter den großen demokratischen Parteien zwecks gemeinsamen Regierens entfällt, hilft das vor allem seltsamen Gestalten an den Rändern. Eine AfD etwa wird für ihre europafeindlichen Thesen noch mehr Gehör finden.

Die Große Koalition ist zudem die ideale Plattform für Merkel’sche Alternativlosigkeit. Über noch weniger Themen als bisher wird diskutiert oder gar gestritten werden. Man braucht sich schließlich, im Bund und in den Ländern. Schon die Koalitionsverhandlungen zeigen doch, was uns erwartet. Weitgehend ergebnisloses Gerede mit einer Chefin, die sich fein diskret im Hintergrund hält, so dass am Ende nur diejenigen dumm aussehen, die überhaupt etwas gesagt oder versprochen haben. Es gilt die Mikado-Politik: Wer sich bewegt, hat verloren.

Es muss doch inzwischen selbst dem ministeramts-strebsamsten Sozialdemokraten klar geworden sein, dass es die Kanzlerin blendend versteht, nichts zu sagen oder zu tun, aber den Verdruss darüber an sich vorbeirauschen zu lassen.

Alsdenn, liebe SPD: Macht den Krampf nicht mit. Wenn Euch Rot-Rot-Grün zu heikel ist, dann lasst die Union regieren und stimmt von Fall zu Fall zu. Oder eben nicht. Ansonsten wird es in Zukunft heißen: Herzlichen Glückwunsch, zu etwas mehr als zwanzig Prozent.

 

 

Gipfel-Mutti Merkel besiegt die Flut

Ganz oben stehen, den Blick bis zum fernen Horizont schweifen lassen, gütig hinabsehen ins Tal der Tränen mit all seinen kleinen und großen Problemen. Welcher Mensch möchte das nicht genießen? Ja, der Gipfel ist der Platz der großen Lenker(innen) dieses unseres Daseins. Und wir Deutschen sind gebenedeit unter den Völkern. Denn für uns sorgt die treue Gipfel-Mutti.

Es ist eines der großen Erfolgsrezepte der Angela Merkel, dass sie weitgehenden Politikverzicht durch eine vermeintliche Höhe ihres Denkens und Handelns kaschiert. In ihrer Regierungszeit ist unsere Demokratie zu einem mittleren Hochgebirge herangewachsen. Wohin das Auge blickt, gibt es Gipfel. Integrationsgipfel, Bildungsgipfel, Elektromobilitätsgipfel, Eurokrisenbankenrettungsgipfel, und, und, und…

Nun plant sie den nächsten Coup, den Flutgipfel. Es ist also angedacht, dass sich wichtige Menschen ganz oben treffen, ein wenig miteinander plaudern, ehe Angela Merkel sowie vermutlich der einzig wahrhaftige Nettozahler Markus Söder den Hahn aufdrehen, so dass sich ein Strom von Geld heilend ins versunkene Land ergießt. Spontan wirkt dieses Bild beängstigend. Die Flut durch eine Flut zu bekämpfen, ist schon verwegen. Doch andererseits: Es gibt ja noch Wolfgang Schäuble. Und der wird schon dafür sorgen, dass der Strom der Rettung ein Rinnsal bleiben wird.

Andererseits: Gelingt die Übung, ist der Weg endgültig frei für Politik aus der Höhenluft. Wir freuen uns auf den Mietpreisbremsengipfel, den Gammelfleischvernichtungsgipfel, den Windkraftgipfel und den Wetten, dass…?-Moderatorensuchegipfel. Die Näherinnen in Bangladesh werden glücklich sein, wenn sie einen Großauftrag mit schwarz-rot-goldenen Gipfelmützen nähen dürfen. Mit 20 Prozent Neoprenanteil, so dass eine ganze Nation an den Rockgipfel der Kik-Ikone Verona Pooth hängt.

Es wird schön werden, wenn Philipp Rösler ein Gamsbart wächst. Während seine Chefin endgültig in die Daseinsform der unabwählbaren Regentin hinübergleitet. Nie mehr Hektik im Bundeskanzleramt, sondern nur noch Goethe: “Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du, kaum einen Hauch. Die Opposition schweigt im Walde. Warte nur, balde
ruhest du auch.” Amen.

Ein schwarzer Sheriff für Til Schweiger

In seinem ersten “Tatort” hat sich Til Schweiger als ziemlicher Superheld präsentiert. In der Schlussszene wurde Kommissar Tschiller zwar nicht von stolzen Astronauten, sondern von geschändeten Zwangsprostituierten flankiert, aber es hatte was von “Armageddon” und Bruce Willis. Doch auch Helden brauchen Hilfe.

Da hat doch eine Gruppe namens “Tatortverunreiniger_innen” Farbflaschen gegen das Hamburger Wohnhaus Schweigers geworfen und den Kleinwagen dessen Freundin Svenja Holtmann in Brand gesetzt.

Eine hirnlose Sachbeschädigung? Könnte man meinen. Doch in diesem Fall geht es um mehr. Das meint zumindest der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Der 71-Jährige sieht die Freiheit der Kunst in Gefahr, weshalb er folgende Erklärung abgesetzt hat: “Die CDU-/CSU-Bundestagsfraktion verurteilt den Anschlag auf das Haus von Til Schweiger mit Entschiedenheit. Wir verstehen ihn als Anschlag auf die Freiheit der Künstler und damit auf die Freiheit der Kunst in unserem Lande. Dies können wir, nicht zuletzt mit Blick auf die Geschichte unseres Landes, unter keinen Umständen dulden. Mit dieser feigen Tat soll ein Klima der Angst und Einschüchterung bei Kreativen und Künstlern erzeugt werden.”

Nun ist Wolfgang Börnsen bislang nicht so oft durch Originalität aufgefallen. Immerhin: Als der Ego-Shooter “Crysis 2″ beim Deutschen Computerspielpreis 2012 als bestes deutsches Produkt ausgezeichnet wurde, sprang er empört in die Bresche. Killerspiele dürften keinesfalls prämiert werden, tobte der CDU-Mann, musste sich aber sogar von eigenen Leuten sagen lassen, dass dieses Spiel neben vorzüglicher Technik auch inhaltliche Qualität böte.

Im konkreten Fall ist das aber sowieso ein Nebenkriegsschauplatz. Denn grundsätzlich ist jede Sachbeschädigung ein Angriff auf die Freiheit eines anderen. Man hat ja als Opfer mindestens Scherereien, im schlechten Fall zahlt man drauf. Die wahre Bedeutung der Tat ergibt sich aber offenbar daraus, was einer sonst im Leben macht. sollte also irgendein Wicht “ACAB” an unsere Hauswand sprühen, betrachte ich das als Journalist fürderhin als Anschlag auf die Pressefreiheit. Und sollte mir jemand einen Autoreifen zerstechen, werde ich das als aktiver Gewerkschafter als unerhörten Anschlag auf die Tarifautonomie und damit auf die Grundfesten unserer Demokratie anprangern.

Somit bleibt fürs Erste nur eine Frage offen: Würde sich ein Bruce Willis von einem wie Wolfgang Börnsen helfen lassen? Von einem leicht verwirrten Schwarzen? Niemals nicht, sagt unser erster Denkreflex. Aber wer hat denn wirklich an ihn geglaubt, damals bei “Stirb langsam”? War das nicht ein lustiger Schw…. ? Ich glaub’, ich fang’ hier nochmal an.

Alte Männer fliegen nicht so hoch

Beim Berliner Flughafen können sie machen, was sie wollen: Sie sind immer hinterher, sie verpassen jeden Trend. So auch jetzt, als ausgerechnet Hartmut Mehdorn zum Retter des Projektes auserkoren wurde. Ein alter Mann soll es also richten.

Ganz bestimmt ist es eine interessante Frage, wie der multifunktionale Manager mit seinen 70 Jahren diese völlig verkorkste Angelegenheit angehen wird. Drängt er zur Eile, weil er sich, anders als seine jungen Kollegen, seiner eigenen Endlichkeit bewusst ist? Geht er den Flughafenbau mit altersmilder Gelassenheit an? Oder hat man Mehdorn geholt, weil man von ihm weiß, dass er gegen alle Widerstände das sagt, was er für richtig hält? In der Hoffnung, dass sich nur einer wie er das einzig Schlaue zu fordern traut, nämlich das ganze Zeug wegzureißen und neu zu bauen?

All das ist möglich. Zu befürchten ist aber, dass die Flughafen-Aufsichtsräte einem längst überwundenen gesellschaftlichen Trend der jüngeren Vergangenheit hinterherhecheln: Dem Vertrauen in den alten Mann.

Dieser stammt nachweislich aus dem Jahr 2011. Damals hatte eine Umfrage im Auftrag des Magazins “stern” ergeben, dass das Volk den greisen Weisen am ehesten zutraut, die Probleme der Welt zu lösen. Auf Rang eins der Vertrauens-Rangliste landete damals Nelson Mandela, gefolgt von Helmut Schmidt und dem Dalai Lama. Mit Barack Obama folgte der erste U-70-Mensch auf Platz vier.

Bloß, was ist seitdem passiert? Ein Heiner Geißler vermochte es zwar, mediengestützte Demokratie neu zu erfinden. Stuttgart 21 ist aber ein irrwitzig teures Projekt mit ungewissem Ausgang geblieben. Helmut Schmidt hat seiner SPD Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat eingeredet. Was die Partei nicht gerade glücklich macht. Schließlich – und das sei für unsere Berliner Sportsfreunde angemerkt – ist der große Retter Otto Rehhagel 2012 mit Hertha BSC abgestiegen.

Woher der Wind inzwischen wieder weht, zeigt dagegen der FDP-Parteitag. Philipp Rösler ist als Parteichef wiedergewählt worden. Was vor ein paar Monaten noch undenkbar gewesen wäre. Übervater Brüderle bleibt nur, weil man ihn so schnell nicht wegbringt.

Aus all diesen Beobachtungen folgere ich: Das Chaos am Berliner Großflughafen wird bleiben. Die Berufung des alten Mannes Mehdorn wird nichts bringen. In die Geschichte eingehen wird sie als Planungsfehler Nummer 745. Oder 1234? Oder 9711????

In Stadion oder Ballsaal: Der Alkohol lenkt alles

Unsere Gesellschaft könnte so friedlich und ausgeglichen sein. Wenn da nicht der Teufel Alkohol wäre. Er wirft selbst hoffnungsvollste Menschen aus der Bahn, ist der Grund für sinnlose Aggression, für ungebremste Ausschweifungen.

Es sind ja auch immer die selben Leute. Schwitzende Fußballfans, die auf dem Weg zum Stadion kästenweise Bier zum Vorglühen mitschleppen. Junge Männer, die sich erst ab 1,5 Promille an junge Frauen heranwagen. Und Schulmädchen, die sich die Handtäschchen mit Wodka-Flachmännern vollstopfen, um sich in einer langen Freitagnacht in sexhungrige Schnapsdrosseln zu verwandeln. Wir sehen wieder einmal: Die Jugend und die Unterschicht – an diesen beiden Gruppen wird diese Gesellschaft irgendwann zugrunde gehen.

Aber dann lesen wir die Berichte vom Bundespresseball. In Berlin haben demnach 2500 Gäste “ausgelassen gefeiert”.  Wobei die trockenen Kehlen mit 3000 Litern Bier sowie mit dem Inhalt von 3000 Flaschen Weiß- und Rotwein und 600 Magnum-Flaschen Champagner benetzt wurden.

Und jetzt rechnen wir doch mal. Diese Zahlen bedeuten, dass jeder Gast, ob männlich oder weiblich, ob jung oder alt, 1,2 Liter Bier, einen knappen Liter Wein und 0,36 Liter Champagner gepichelt hat. Im Durchschnitt! Würde ein vergleichbarer Konsum von einem Hauptschüler bekannt, wäre der Weg zur nächsten Kampagne wider das Komasaufen nicht weit.

In der besseren Gesellschaft heißt dasselbe “ausgelassen feiern”. Wir lernen daraus, dass ein erheblicher Teil unserer Politik besoffen oder mit reichlich Restalkohol im Blut gemacht wird. Ja, aber war es nicht der Presseball? Wird auch in einem solchen Zustand berichtet?

Dazu ist zu sagen: Falsche Fragen sind selten hilfreich. Allerdings wissen wir aus der Kommunikationswissenschaft, dass man anderen Menschen dann besonders nahe kommt, wenn man ihre Verhaltensweisen und ihre Art sich mitzuteilen, irgendwie kopiert.

Wie fast alle meine Kolleginnen und Kollegen verachte ich Alkohol zutiefst. Aber ohne kommst du in dieser Gesellschaft offenbar nicht wirklich weit. Also: Auf Ihr Wohl, Herr Minister!