100.000 neue Jobs – ich habe drei davon

Wer braucht heute noch Rituale? Wir sind freie Menschen, die am liebsten machen, was sie wollen. Das merken die Kirchen. Das merken auch die Gewerkschaften am 1. Mai. Auf den Kundgebungen sind weniger Menschen zu sehen als in früheren Zeiten. Weil es uns so gut geht?

Es ist falsch, den Kapitalismus rundum zu verteufeln. Die Marktwirtschaft hat mehr Wohlstand für den Einzelnen geschaffen als andere Wirtschaftssysteme. Und in Staaten, in denen es ums Geld geht, lebt es sich in der Regel besser als in solchen, in denen das Paradies auf Erden zum Ziel erklärt wird. Oder sehnt sich jemand von uns ernsthaft nach einer Gesellschaft, die nach religiösen Regeln organisiert ist?

Aber es ist eine Lüge, dass alle Menschen vom Gewinnstreben profitieren. Diese Lüge wiederum wird seit einigen Jahren wieder größer. Wo Preise für Produkte und Dienstleistungen sinken und gleichzeitig die Gewinne hoch bleiben sein sollen, wächst Ausbeutung zwingend.

So ist es bei uns. Sofern die Aussagen der Gewerkschaften stimmen, gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Was ja bedeutet, dass diesen Menschen vor der Einführung des angeblichen „Bürokratiemonsters“ weniger als 8,50 Euro in der Stunde gezahlt wurde. Wer das hört oder liest, zweifelt schnell am deutschen „Jobwunder“. Wir haben laut Statistik so viele Beschäftigungsverhältnisse wie noch nie. Aber für viele Geringverdiener lautet die Formel: „Es gibt 100.000 neue Jobs. Ich habe drei davon.“

Wir fragen uns: Schämen sich solche Unternehmer nicht? Nein, tun sie nicht. Denn zugleich werden von den Kommunen Millionenbeträge bezahlt, um die Löhne auf das Existenzminimum aufzustocken. Steuergelder werden also verwendet, um Ausbeutung abzusichern. Wie absurd ist das? Glauben wir wirklich, dass Verbraucher kein Geld für den angeblich monsterhaften Mindestlohn übrig haben?

Nein, Geiz ist eben nicht geil. Alleine schon, um dieses klarzustellen, haben sich die Mai-Spektakel gelohnt. Unternehmen haben auch der Gesellschaft zu dienen.  Punktsieg für’s Ritual…