Fromme Lieder reichen nicht

Ein Berufsschüler mit afghanischem Pass wird in Nürnberg von der Polizei aus dem Klassenzimmer geholt, weil er abgeschoben werden soll. Mitschüler*innen solidarisieren sich und versuchen, den Abtransport durch eine Sitzblockade zu verhindern. Die Polizei greift durch, ein Video belegt üble körperliche Attacken. Viele Menschen zeigen sich schockiert. Aber, hart gefragt: Ist das nicht ein bisschen weltfremd?

Die Phase, in der wir für Geflüchtete die Arme geöffnet haben, war außerordentlich kurz. Fast alle Parteien haben das Thema Innere Sicherheit in ihre Wahlprogramme geschrieben. Es gibt breites Einvernehmen darüber, dass die Asylgesetze scharf anzuwenden sind. Vor allem CSU, CDU, AfD und braune Gruppierungen fordern, dass jeder, der kein Asyl bekommt, umgehend in sein sicheres Herkunftsland zu schicken ist.

Ob dieser Mensch integriert ist, lernt und/oder arbeitet, spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle. Nur die Herkunft zählt.

Diese herrschende politische und somit gesetzliche Logik führt in der Praxis dazu, dass moralisches Unrecht zu vollstrecken ist. Der mit Nasenbluten auf dem Boden fixierte Demonstrant ist von der Mehrheit des Wahlvolkes gewünscht. Die Polizei vollstreckt Befehle. Findest Du das hart, bist du zu schwach.

Einzige Alternative hierzu ist ein Wandel im Denken. Wenn es um geflüchtete Menschen geht, reicht es eben nicht, auf Kirchentagen oder im Pfingstgottesdienst fromme Lieder zu singen. Wir müssen uns schon trauen, unsere ansonsten so sehr gefeierte christlich-humanistische Leitkultur zu leben.

Im Wahllokal geht das demnächst. Kein Kreuz für jene, die uns seelenlose Politik predigen und die uns gegen alles Fremde aufhetzen. Das wäre immerhin ein Anfang.

Und die renitenten Schüler von Nürnberg? Sie sind ihrem Herzen gefolgt. Das ist doch ganz gut so.