Fromme Lieder reichen nicht

Ein Berufsschüler mit afghanischem Pass wird in Nürnberg von der Polizei aus dem Klassenzimmer geholt, weil er abgeschoben werden soll. Mitschüler*innen solidarisieren sich und versuchen, den Abtransport durch eine Sitzblockade zu verhindern. Die Polizei greift durch, ein Video belegt üble körperliche Attacken. Viele Menschen zeigen sich schockiert. Aber, hart gefragt: Ist das nicht ein bisschen weltfremd?

Die Phase, in der wir für Geflüchtete die Arme geöffnet haben, war außerordentlich kurz. Fast alle Parteien haben das Thema Innere Sicherheit in ihre Wahlprogramme geschrieben. Es gibt breites Einvernehmen darüber, dass die Asylgesetze scharf anzuwenden sind. Vor allem CSU, CDU, AfD und braune Gruppierungen fordern, dass jeder, der kein Asyl bekommt, umgehend in sein sicheres Herkunftsland zu schicken ist.

Ob dieser Mensch integriert ist, lernt und/oder arbeitet, spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle. Nur die Herkunft zählt.

Diese herrschende politische und somit gesetzliche Logik führt in der Praxis dazu, dass moralisches Unrecht zu vollstrecken ist. Der mit Nasenbluten auf dem Boden fixierte Demonstrant ist von der Mehrheit des Wahlvolkes gewünscht. Die Polizei vollstreckt Befehle. Findest Du das hart, bist du zu schwach.

Einzige Alternative hierzu ist ein Wandel im Denken. Wenn es um geflüchtete Menschen geht, reicht es eben nicht, auf Kirchentagen oder im Pfingstgottesdienst fromme Lieder zu singen. Wir müssen uns schon trauen, unsere ansonsten so sehr gefeierte christlich-humanistische Leitkultur zu leben.

Im Wahllokal geht das demnächst. Kein Kreuz für jene, die uns seelenlose Politik predigen und die uns gegen alles Fremde aufhetzen. Das wäre immerhin ein Anfang.

Und die renitenten Schüler von Nürnberg? Sie sind ihrem Herzen gefolgt. Das ist doch ganz gut so.

 

 

 

 

 

 

 

Wahlkampf gefährdet Menschenleben

Handlungsfähigkeit beweisen: In der Flüchtlingspolitik kommt es darauf offenbar besonders an. Unter dem Druck der Populisten versuchen etablierte Parteien wenigstens den Eindruck vermitteln,  dass sie alles im Griff haben. Und ganz wie die Konkurrenz verkünden sie einfache Rezepte. Solche wie „massenhafte Abschiebungen“ nach Afghanistan.

Akut hat sich Markus Söder des Thema angenommen. Als Finanzminister Bayerns eigentlich der oberste Gärtner im Vorhof zum Paradies, hat er den Blick auf das Böse gerichtet. Damit meint er aber nicht die Autobomben und anderen Mordanschläge, die es in Afghanstan neuerdings wieder häufiger gibt. Sondern jene Menschen, die vor diesem Schlamassel davongelaufen sind.

„Sammelabschiebun­gen mit gerade mal 20 Leuten sind ein Witz. Es müssten Tausende sein, die abgeschoben werden“, schimpfte Söder in einem Zeitungs-Interview. Man fragt sich: Darf dies als Auftrag an die Flugzeugbauer verstanden werden, größere Maschinen zu bauen? Im Airbus nach Kabul ist der Platz eben begrenzt. Zumal es ziemlich viele Polizisten bräuchte, um „Tausende“ außer Landes zu bringen.

Weiter sprach der Minister: Für „die Men­schen“ sei es unverständlich, „warum junge Deutsche Militärdienst in Afghanistan leisten, afghanische Män­ner aber bei uns bleiben können.“ Mögliche Anworten: Weil, wie wir alle wissen, Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird. Weil es der Demokratie wenig hilft, wenn unbewaffnete Männer blutrünstigen Fanatikern gegenüberstehen.

Verstörend ist, dass „die Menschen“ solche Aussagen widerspruchslos hinnehmen. Man könnte ja auch fragen was es für unser Land bringen soll, wenn man einige ausgewählte Flüchtlinge in ihre unsichere Heimat zurückschückt. Wir waren schon mal auf Integration gepolt, aber im Strom der allgemeinen Stimmung ist Gleichgültigkeit gegenüber Flüchtlingen inzwischen die freundliche Variante. Nur wenn Medien Einzelfälle schildern, bekommen wir Zweifel.

Das ist nicht schön. Aber schlimmer noch: Wahlkampf gefährdet Menschenleben. Und das ist fürchterlich.

CDU-Idee: Auch Touristen müssen draußen bleiben

Drei Landtagswahlen stehen vor der Tür. Und zumindest zwei von drei Kandidaten wollen bis dahin vor allem Folgendes beweisen: Wir sind härter als Merkel. Wir beschützen Euch vor dem Fremden. Wählt uns – und fürchtet Euch nicht.

Die Qualität steigt jedoch nicht zwingend mit der Zahl der Vorschläge. So hat der CDU-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, Guido Wolf, gemeinsam mit seiner rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin in spe, Julia Klöckner, folgende Idee plakatieren lassen: „Ohne Asylgrund oder Schutzstatus sollte niemand mehr in unser La

nd einreisen dürfen.“ Klingt alltäglich. Aber denken wir es doch einmal zu Ende.

Wären wir AfD-Anhänger, könnten wir feststellen, dass die Flüchtlingsfreunde in der Politik selbst ihre Maske vom Gesicht gerissen haben. Politisch Verfolgte sollen also einreisen dürfen, während lustige Japaner mit Ziel Rothenburg ob der Tauber und trinklustige Italiener, die zum Münchner Oktoberfest wollen, an den Flughäfen oder an der Grenze bei Kiefersfelden abgewiesen werden. Sie haben ja weder Asylgrund noch Schutzstatus.

Wird unsere Tourismusbranche diesen brutalen Hieb überleben? Was wird aus Daimler und Porsche, wenn reiche Scheichs ihre Autos nicht mehr abholen dürfen? Was wird ohne ausländische Gäste aus den rheinland-pfälzischen Weinfesten, welche doch die Keimzelle des politischen Wirkens von Frau Klöckner sind?

Ja, hier werden gravierende Fragen aufgeworfen. Und es kommt noch schlimmer: Denn auch deutsche Touristen müssten abgewiesen werden, wenn sie mit ihrer Schmuggelw

are, aber ohne Schutzgrund heimkehren wollen. Wenn man sieht, wie viele Deutsche im Ausland Ferien machen, wäre unser Land ziemlich rasch ziemlich menschenleer.

Platz für Flüchtlinge wäre dann reichlich da. Angela Merkels betreibt über ihre Partei eine ganz große Vorschwörung. Und: Insgeheim haben wir das längst gewusst.

 

 

 

Petry Heil vor Lesbos

Empörung über AfD-Größen teile ich in den allermeisten Fällen. Nun hat Parteichefin Frauke Petry erklärt, dass man zum Schutz der Grenzen in letzter Konsequenz auf Flüchtlinge schießen müsse. Der Aufschrei ist groß und kommt von allen Seiten. In diesem Fall ist die Heuchelei allerdings groß.

Ganz leise sein sollte jene, die nach  Turbo-Abschiebungen, Obergrenzen für Asyl und gesicherte Außengrenzen rufen oder darüber schwadronieren , dass Griechenland „seine Hausaufgaben“ machen müsse. Würden ihre Vorschläge zu realem Handeln, würde brutale Gewalt gegen Menschen zwangsläufig. Denn wie anders wollte man Zuwanderung eindämmen, wenn Flüchtlinge zahlreicher kommen als vom Parlament beschlossen? Es müsste Gegenmaßnahmen geben.

Wie zum Beispiel bei Melilla. Drei, bis zu sieben Meter hohe Zäune schotten diese spanische EU-Exklave in Nordafrika gegen den Nachbarn Marokko ab. Zwischen den Zäunen gibt es Stolperfallen, das Drahtgeflecht ist so dicht, dass sich ein Mensch beim Hochklettern kaum festhalten kann. Es wird berichtet, dass gescheiterte Flüchtlinge verprügelt und schließlich von der Polizei in irgendeiner menschenleeren Gegend ausgesetzt werden. Wollen wir Vergleichbares auch auf Lesbos und an anderen bisher schönen Stränden des Mittelmeeres?

Zyniker würden einer Frauke Petry in diesem Fall höchste Kompetenz zuschreiben. Sie ist selbst hinter dem Zaun aufgewachsen. Die Grenzanlagen der DDR waren Meisterwerke deutscher Bürokraten-Gründlichkeit. Es war kaum möglich, gesund von Ost nach West zu kommen. Wer sich erwischen ließ, bezahlte gegebenenfalls mit dem Leben. Man hat sogar Maschinen erfunden, um Menschen zu erschießen. Auch dieser unerträgliche Zustand hat zu einer friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung beigetragen.

Im Westen hat man sich stets über den Schießbefehl empört. Man hat ihn als für Demokraten undenkbaren Staatsterrorismus bezeichnet. Droht nun die erneute Einführung der Todesstrafe? Oder wollen wir es allen Ernstes so sehen, dass sich der Staat angesichts von Zuwanderung in einer Notwehrsituation befindet, die alles erlaubt, was eigentlich undenkbar ist?

Gar das, was die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch ergänzend zu den Aussagen ihrer Chefin zu Protokoll gegeben hat? Polizisten müssten auch auf Kinder schießen, wenn diese nach Deutschland eindringen wollten. „Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, lautet ihre Logik.

Eine derzeitige Zehn-Prozent-Partei in diesem Land hat also Anführer/-innen, die keinen Skrupel hätten, Polizisten zu Mördern in Uniform zu machen. Menschenverächter sehen sich im Krieg – und sie sind auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, aufzuwachen und umzukehren. Gerade für die, die sich ganz bieder „besorgte Bürger“ nennen.

 

 

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Edel, hilfreich – Gutmensch

Diese Zeiten sind durchgeknallt. Da gibt es überall reichlich Bomben und Geschrei. Und dann werden diejenigen, die bedrängten Menschen helfen, auch noch beschimpft. „Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres.  Trost ist selten – aber es gibt ihn.

Die Sprach-Jury hat zutreffend gewählt. Denn eigentlich dürfter unser Begriff keine Häme vermitteln. Er ist aus zwei positiven Worten zusammengesetzt (sofern man das beim Homo Sapiens so sehen mag) und beinhaltet erstrebenswerte Eigenschaften. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, ließ schon Goethe verlauten. Der große Dichter ging sogar so weit,  Texte unter dem Pseudonym „Gutmann“ zu veröffentlichen.

Woher also der Hass? Letztlich dürfte es ein psychologisches Phänomen sein. Die selbst ernannten Retter des Abendlandes wissen nur zu gut, dass dessen Leitreligion das Christentum ist. Dieses wiederum gibt seinen Gläubigen ein Mindestmaß an Barmherzigkeit vor. Auf Erden wird entschieden, wo man seine Ewigkeit verbringt. Auf der Wolke oder im Feuer.

Nun möchten auch Pegida-Leute in den Himmel. Daran arbeiten sie, indem sie sich den satanischen Botschaften der Lügenpresse mutig entgegenwerfen. Das mit der Nächstenliebe kriegen sie aber nicht so gut hin, weil ihnen dazu das Herz fehlt. Scheitern jedoch macht mürrisch und grantig auf jene, die zumindest neutestamentarisch betrachtet als Vorbilder gelten würden.

Also sagt man, dass es sich um naive, depperte Romantiker handelt, die für Dunkeldeutschland sorgen, da sie dauerhaft den Halbmond ins Land holen. Solche Leute gehören weggebrüllt.

Was ist der Trost? Die Schreihälse sind nicht die Mehrheit, sie sind bloß lauter. Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg gab es für die Rede des Oberbürgermeister immer dann spontanen Beifall, wenn er die Flüchtlingshelfer und alle anderen Menschen lobte, die ehren- oder hauptamtlich daran mitwirken, dass das Ankommen der Fremden in einer menschlichen Atmosphäre geschieht.

Man sieht, die guten Reflexe funktionieren noch. Und seien wir ehrlich: Ein Schlechtmensch zu sein – das kann niemand wirklich wollen.

 

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…

 

 

 

 

München liegt (nicht) in Nordkorea

Autarkie ist eigentlich ein Begriff von früher. Er beschreibt das Streben von Nationen nach weitestgehender Selbstversorgung. Frei nach dem Motto: Wenn wir keine Importe brauchen, müssen wir auch keine Rücksicht auf andere Länder nehmen. Die Sowjetunion hatte dieses Ziel, das faschistische Italien oder auch Indien. Heute ist Autarkie erklärtes Staatsziel nur noch in Nordkorea. Vielleicht aber auch bald in Bayern.

So jedenfalls hören sich manche Debattenbeiträge von CSU-Politikern zur Flüchtlingsthematik an. Wo sich Ministerpräsident Horst Seehofer bislang damit begnügt, Signale der Kanzlerin zu fordern, setzen jüngere Kräfte wie Finanzminister Markus Söder und Generalsekretär Andreas Scheuer, erstaunliche Gedanken in die Welt. Offenbar beseelt von der Begegnung mit dem rabiaten Ungarn Viktor Orbàn schwadronieren sie über Grenzzäune oder gar über das Schließen der Grenze zu Österreich.

Alles frei nach dem Motto: Mia san mia. Die CSU passt auf. Die böse Welt bleibt draußen.

Es handelt sich um Blödsinn für das politische Schaufenster. Was einem spätestens dann klar wird, wenn man sich vorstellt, wie ein solcher Grenzzaun aussehen müsste. Eine CSU, die noch zum G7-Gipfel für die Augen der Weltöffentlichkeit ein lustiges Elmauer Bauerntheater inszeniert hat, wird kaum fiesen Stacheldraht über Gipfel, Täler und Auen ausrollen lassen. Die Absperrung müsste schon etwas aus rustikalem heimischem Holz sein – was wiederum einen massiven Vernichtungsangriff auf die alpinen Schutzwälder bedeuten würde

Und es gibt die Bayerische Verfassung. Diese ist von einem freiheitlichen, friedliebenden Geist getragen. Wie es schon deren Präambel ausdrückt: „Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes dauernd zu sichern, gibt sich das Bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung.“

In ihr stehen nicht nur klassische Verfassungs-Sätze wie „Die Freiheit der Person ist unverletzlich“ oder „Ausländer, die unter Nichtbeachtung der in dieser Verfassung niedergelegten Grundrechte im Ausland verfolgt werden und nach Bayern geflüchtet sind, dürfen nicht ausgeliefert und ausgewiesen werden“. Sondern auch folgender Artikel: „Rassen- und Völkerhaß zu entfachen ist verboten und strafbar.“  Oder eben auch: „Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet.“

Spätestens hier müsste das Denken an Zäune oder Mauern enden. Autarkie geht nicht, die Welt kommt rein. München liegt nicht in Nordkorea. Anderslautende Erklärungen sind durch Verfassungs-Artikel 110, Absatz 2, zu sanktionieren: „Die Bekämpfung von Schmutz und Schund ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden.“

Wenn Merkel zu Mutti Teresa wird…

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diese Sätze aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ vermitteln uns,  dass Menschlichkeit besser ist als kalter Egoismus. Die vergangenen Tage haben uns gezeigt: Es geht. Es kann mühsam sein. Aber es kann sich lohnen.

Angela Merkel hat es probiert. Getragen von der Offenheit vieler Menschen, die vor allem in München Flüchtlinge einfach als Menschen begrüßt haben, verhielt sie sich gegen ihre Gewohnheiten. Überraschend unbürokratisch hat sie Deutschland für einige Tage geöffnet. Sie wurde zu „Mutti Teresa“, wie es die „heute-show“ karikiert hat.

Die CSU hat das deutlich kritisiert. Das war zu erwarten. Was aber treibt diese Partei dazu, sich mit Viktor Orbán, dem widerlichsten Regierungschef der EU, an einen Tisch zu setzen. Macht man es, weil der Mann das sagt und vertritt, was man selbst aus Gründen der politischen Korrektheit nicht selber darf? Geht es, wie früher in der Ostpolitik um „Wandel durch Annäherung“? Will man ihn gar zum Christlichen und zum Sozialen bekehren?

Wäre das Thema Flüchtlinge nicht so bitter, könnte man Parteitaktik vermuten. Kanzlerin Merkel verhält sich entsprechend der Stimmung im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung. Die CSU wiederum glänzt in ihrer Paraderolle, nämlich als Opposition in der Regierung. Gemeinsam decken die Schwesterparteien das breitest mögliche Meinungsspektrum ab. Ein Wahlergebnis 40 Plus Prozent wird auf diese Weise abgesichert.

Doch lassen wir solche Überlegungen beiseite. Dann erkennen wir, dass das Herz zwar anders sieht, aber keineswegs doof ist. Nehmen wir an, in Syrien und anderen Krisenstaaten würden irgendwann vernünftige Menschen an die Macht kommen. Könnte es sein, dass sich diese an das Deutschland des Jahres 2015 erinnern und sich dankbar zeigen? Ist ein Land im Wiederaufbau kein lohnendes Thema für eine Exportnation? Ist nicht davon die Rede, dass Afrika der nächste große Markt wird?

Mutige Großzügigkeit hat das Risiko, dass es schiefgeht. Aber sie kann sich lohnen. Träumen darf man.

 

Flucht und Asyl – worum geht es da?

Viel wird über Flüchtlinge und Asyl gesehen, gelesen, gehört und diskutiert. Aber worum geht es da? Schauen wir auf die einschlägigen Stichworte:

Es geht um Massenmigration, Verteilungsschlüssel, Erstaufnahmeeinrichtung, Aufenthaltsstatus, Nichtbleiberechtsperspektive, Willkommensklassen, sichere Drittstaaten, Anerkennungsquoten, zielstaatsbezoge Abschiebungsverbote, Niederlassungserlaubnis, Asylbewerberleistungsgesetz, Qualifikationsrichtlinien, selbstgeschaffene Nachfluchtgründe, Härtefallkommission, Dublin-Verfahren, Wanderkirchenasyl, subsidiären Schutz und Residenzpflicht.

Es geht um Vertreibung, Krieg, Tod, Verzweiflung, Zukunftsangst, Dolche, Gewehrkugeln, Fassbomben, Verletzungen, Hunger, zerstörte Häuser, folternde Fanatiker, kriminelle Geschäftsmacher.

Fassen wir zusammen: Es geht um Menschen. So oder so.