217 Jahre Arbeit für Gerechtigkeit

Was ist gerecht? Weil gerade 1. Mai war und weil ein paar Wahlen  vor der Tür stehen, wird diese Frage gerade wieder leidenschaftlich diskutiert. Haben alle die gleichen Chancen? Ist der Wohlstand gerecht verteilt? Lohnt sich Leistung immer? Ja, so möchten wir unsere Gesellschaft gerne haben. Doch das ehrliche Fazit lautet: Nette Idee. Aber träumt weiter!

Nehmen wir doch diese Zahl: In Deutschland werden pro Jahr rund 300 Milliarden Euro vererbt. Das Aufkommen an Erbschaftssteuer lag zuletzt bei 6,4 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass sich dieses Land den Luxus gönnt, einen leistungsfrei erworbenen Wohlstand mit 2,1 Prozent zu besteuern. Man erinnert sich an Guido Westerwelles Wort von der „spätrömischen Dekadenz“. Der frühere FDP-Vorsitzende wollte damit die ruinöse Ausbeutung des Staates durch Sozial-Schmarotzer anprangern. Bezogen auf die Erben passt der Begriff besser.

Nun blinken bei den besonderen Gerechten,  zum Beispiel in der CSU, die Warnleuchten. Wer Kapital erbe, lebe nicht automatisch in Saus und Braus.  Er sichere vielmehr als fürsorgerlicher Unternehmen viele Arbeitsplätze. Eine hohe Erbschaftssteuer schade bloß dem Standort. Also Finger weg vom hart Erarbeiteten der Eltern und Großeltern. Keiner wird wollen, dass die Startphase junger Unternehmer mit einer Bruchlandung endet. Aber unsere heutige Staatsräson lautet doch so: Wer reich ist, soll das bleiben.

Nehmen wir Vorstände von DAX-Unternehmen. Ihr durchschnittliches Jahreseinkommen beträgt fünf Millionen Euro. Nun kann jeder kalkulieren, wie lange er bräuchte, diesen Betrag zu erarbeiten. Das Vollzeit-Jahreseinkommen einer Verkäuferin liegt bei 23.000 Euro. Sie bräuchte demnach 217 Jahre, um mit dem Ein-Jahres-Vorstand mithalten zu können.

Ist das gerecht? Die Frage ist allenfalls rhetorisch. Aber sie muss gestellt werden. Ungleichheit zerstört die Gesellschaft. Wer Umverteilung fordert, dient dem Staat. Alsdenn: Trauen wir uns. Bloß keine falsche Scheu.

Tatsächlich, es ist Zeit für Mut

„Lasst uns mutig sein!“ Zum Start ins Amt des Bundespräsidenten hat Frank-Walter Steinmeier diese schöne Botschaft in die Welt gesetzt. Denn Mut ist zeitgemäß. Die Welt um uns herum ist derart voller verrückter Zeitgenossen und Ereignisse, dass diese menschliche Regung alternativlos erscheint. Oder wie William Shakespeare dichtete: „Es steigt der Mut mit der Gelegenheit.“

Aber ist Steinmeiers Aufruf ein kluger Rat für alle Lebenslagen? Nehmen wir also an, es gäbe da einen Arbeitnehmer, der sich entschlösse, fortan nur noch mutig zu sein. Er würde keine unbezahlten Überstunden mehr leisten und eine angemessene Bezahlung fordern. Er würde auf Missstände oder Mängel am Arbeitsplatz mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen regieren. Er würde seinem Chef immer offen und ehrlich seine Meinung sagen – auch wenn diese unangenehm oder lästig ist.

Würde dieser Mensch alsbald als „Mitarbeiter des Monats“ im Foyer präsentiert? Oder würde seine Karriere weniger glatt laufen oder gar scheitern?

Realisten werden Letzteres vermuten. Zumindest dann, wenn sie die Bosse kennen. Das Wochenblatt Die Zeit hat jetzt den 30 Chefs der im Dax notierten Unternehmen gefragt, welches Gehalt sie für angemessen haltenund ob sie Verständnis hätten, falls der Staat die Spitzengehälter deckeln würde. Das Ergebnis: Unsere geballte Wirtschaftselite verstummte auf der Stelle. Ob Joe Kaeser von Siemens (6,3 Millionen € Jahresgehalt), Bill McDermott von SAP (9,3 Mio. €) oder Daimler-Chef Dieter Zetsche (9,8 Mio. €) – fast alle wollten sich nicht äußern.

Andere, wie Kurt Bock von BASF (5,0 Mio. €), ließen anklingen, dass sie von den Aufsichtsräten beglückt würden, deren Gehalts-Entscheidung sie selbstverständlich respektierten. Von den Höchstverdienern traf immerhin Bernd Scheifele von Heidelberger Cement (7,3 Mio. €) die Aussage, dass es in seinem Unternehmen „angemessene Vorstandsvergütungen“ gebe. Nikolaus von Bomhard von der Münchener Rück bezeichnete seine 4,3 Mio. € als „moderat“.

Das hätten, Steinmeier’scher Mut vorausgesetzt, alle Konzernlenker so erklären können. Aber vielleicht ist es ihnen selbst peinlich, wenn der Boss  von Daimler das 300.000-Euro-Jahresgehalt der Bundeskanzlerin bereits nach zwei Wochen erreicht. Oder die Tatsache, dass Topmanager vor 25 Jahren das 25-Fache eines Durchschnitts-Arbeitnehmers verdient haben, während es heute das 83-Fache ist.

Uns macht das wütend? Und wir finden, dass dieser Abstand auf gar keinen Fall noch größer werden darf?

Dann seien wir mutig. Tun wir uns zusammen und starten unsere Aufholjagd. Bloß keine Scham, der Präsident hat es schließlich so gewollt.

 

 

 

Die große Freiheit kann ungesund sein

Ist das nicht wunderbar? Unsere Arbeitsministerin Andrea Nahles schwingt die Fackel der Freiheit. Die Menschen sollen sich aus den Fesseln der geregelten Arbeit lösen können Das Leben in digitalen Zeiten wird schön sein.

Sollen wir das wirklich glauben? Zumindest fällt das schwer, wenn man einen Ursprung der Initiative der SPD-Ministerin kennt. Nämlich ein Positionspapier des Bundesverbandes der Arbeitgeber. Darin wird mit Blick auf die Digitalisierung und die Zukunftschancen der deutschen Wirtschaft das Hohelied der Deregulierung gesungen. Acht-Stunden-Tag? Muss weg. Fünf-Tage-Woche? Ist von vorgestern. Denn merke: Schutzgesetze stören bei der bedarfsgerechten Ausbeutung des Humankapitals.

Also lädt man die Menschen zum Mitmachen ein. Und das gefällt den 30-Jährigen, die ihr Büro als Smartphone oder Tablet mit sich herumtragen. Arbeiten wo man will, wan man will, so oft man will – bis das aktuelle Projekt fertig ist.

Bloß: Nur wenige merken, dass clevere Arbeitgeber nur darauf warten, dass sich das flexible Arbeiten eingespielt hat. Dann werden Zielvorgaben Stüclchen für Stückchen weiter nach oben gesetzt. Was den jungen digitalen Helden der Arbeit erst dann bewusst wird, wenn sie mit 45 zum Burnout-Patienten geworden sind. Ob sie danach noch dabei sind, ist fraglich. Kranke oder Leistungsschwache sind in der Cloud nicht gerne gesehen.

Aber Flexibilität hilft uns doch, unser Leben zu organisieren. Sicher, und wer Freiheit geschickt nutzt, wird damit glücklich werden. Wer aber sicher ist, dass abhängig Beschäftigte ihren Chefs ganz selbstbewusst regelmäßig einen Korb geben werden, ist sehr optimistisch. Wahrscheinlicher ist: Wenn die Fackel der Freiheit richtig brennt, wird sie unter unseren Bürostuhl gestellt. Und das bringt uns – jede Garantie – so richtig auf Trab.

 

 

 

 

Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

100.000 neue Jobs – ich habe drei davon

Wer braucht heute noch Rituale? Wir sind freie Menschen, die am liebsten machen, was sie wollen. Das merken die Kirchen. Das merken auch die Gewerkschaften am 1. Mai. Auf den Kundgebungen sind weniger Menschen zu sehen als in früheren Zeiten. Weil es uns so gut geht?

Es ist falsch, den Kapitalismus rundum zu verteufeln. Die Marktwirtschaft hat mehr Wohlstand für den Einzelnen geschaffen als andere Wirtschaftssysteme. Und in Staaten, in denen es ums Geld geht, lebt es sich in der Regel besser als in solchen, in denen das Paradies auf Erden zum Ziel erklärt wird. Oder sehnt sich jemand von uns ernsthaft nach einer Gesellschaft, die nach religiösen Regeln organisiert ist?

Aber es ist eine Lüge, dass alle Menschen vom Gewinnstreben profitieren. Diese Lüge wiederum wird seit einigen Jahren wieder größer. Wo Preise für Produkte und Dienstleistungen sinken und gleichzeitig die Gewinne hoch bleiben sein sollen, wächst Ausbeutung zwingend.

So ist es bei uns. Sofern die Aussagen der Gewerkschaften stimmen, gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Was ja bedeutet, dass diesen Menschen vor der Einführung des angeblichen „Bürokratiemonsters“ weniger als 8,50 Euro in der Stunde gezahlt wurde. Wer das hört oder liest, zweifelt schnell am deutschen „Jobwunder“. Wir haben laut Statistik so viele Beschäftigungsverhältnisse wie noch nie. Aber für viele Geringverdiener lautet die Formel: „Es gibt 100.000 neue Jobs. Ich habe drei davon.“

Wir fragen uns: Schämen sich solche Unternehmer nicht? Nein, tun sie nicht. Denn zugleich werden von den Kommunen Millionenbeträge bezahlt, um die Löhne auf das Existenzminimum aufzustocken. Steuergelder werden also verwendet, um Ausbeutung abzusichern. Wie absurd ist das? Glauben wir wirklich, dass Verbraucher kein Geld für den angeblich monsterhaften Mindestlohn übrig haben?

Nein, Geiz ist eben nicht geil. Alleine schon, um dieses klarzustellen, haben sich die Mai-Spektakel gelohnt. Unternehmen haben auch der Gesellschaft zu dienen.  Punktsieg für’s Ritual…

 

 

Seien wir faul. Zeit verschwenden wir sowieso

Wer kennt nicht dieses Gefühl? Man hat von seinem Grundrecht auf Faulheit Gebrauch gemacht – und plagt sich nun mit seinem schlechten Gewissen herum. Hätte man nicht in der Zeit des Nichtstuns etwas tun müssen? Darf Stillstand sein? Gerne würde man aus vollem Herzen „Ja“ sagen. Aber ein bisschen Magengrummeln bleibt eben doch.

Dabei kommt es oft noch schlimmer: Unser Dasein ist prallvoll mit erzwungenen Pausen. Das hat gerade der ADAC ermittelt. Nach seiner Darstellung gab es auf Deutschlands Autobahnen im vergangenen Jahr 475.00o Staus mit einer Gesamtlänge von 960.000 Kilometern. Dies sei, so der Automobilclub, ein neuer Rekord. Das Volk sei in Staus ziemlich gealtert. Die Autobahn-Stillstände hätten nämlich 285.000 Stunden gedauert. Dies seien umgerechnet mehr als 32 Jahre.

Zwar hat sich der ADAC zuletzt nicht durch ein seriöses Auswerten von Daten hervorgetan. Aber in diesem Fall glauben wir gerne, dass es immer schlimmer wird. Mehr Staus sind logisch in einer Zeit, in der schon die einfachsten Produkte im Onlinehandel bestellt und wieder zurückgeschickt werden. Irgendeiner muss die ganzen Sachen ja fahren.

Zwangspausen gehören dazu. Wenn wir davon ausgehen, dass der durchschnittliche Mensch etwa ein Fünftel seines Arbeitslebens mit dem Warten auf den Feierabend verbringt, gehen auf dem Weg bis zur Rente zirka sieben Jahre. Eltern pubertierender Mädchen vergeuden viel Lebenszeit damit, auf den Einlass ins Bad zu warten.

Aber tun wir nicht so, als würden wir mit unserer Zeit streng haushalten. So haben in den guten Zeiten von „Wetten, dass…?“ zirka zehn Millionen Fernsehzuschauer pro Jahr rund 250 Millionen Stunden Lebenszeit vergeudet. Das sind 10,4 Millionen Tage und 28.520 Jahre. Und wenn wir an die Fußballfans denken, die dank Bezahlsender an sieben Tagen pro Woche im Schnitt um die drei Stunden ihres Lieblingssports sehen, wird uns endgültig schwummrig. Die öffentlich-rechtlich ausgestrahlten Spiele kommen schließlich noch dazu. Würden Männer diese Zeit zum Arbeiten verwenden, die Rente mit 42 wäre möglich.

Doch das ist nicht der Punkt. Vielmehr lernen wir gerade, dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen. Zeit verschwenden wir sowieso. Seien wir also faul – und fühlen wir uns richtig gut dabei. (Der Verfasser wechselt hiermit auf’s Sofa.)

 

Nach dem Triumph wartet die Arbeit

 

Jedem Triumph wohnt das Tragische inne. Insofern nämlich, als es nach dem Gipfelsturm unweigerlich abwärts geht. So stehen wir nach gewonnener Fußball-Weltmeisterschaft gerade da.

Natürlich war es in Ordnung, das famose Tor gegen „die Gauchos“ ausgiebig zu bejubeln. Nicht mal bei der Silvesterfeier zur Jahrtausendwende war so viel nach-mitternächtliches Geschrei in diesem Land. Im Ausland dürfte man gestaunt haben, wie enthemmt die Deutschen feiern können. Ihre Jubelorgie war nicht so schön anzuschauen wie der Karneval in Rio, dafür aber lauter.

Doch wie ist das Leben schöner? Wenn du einmal so richtig weit unten angekommen bist, bleibt dir zumindest die Perspektive, dass es Zug um Zug nach oben gehen könnte. Aufstiegszuversicht war einmal eine Grundstimmung in Deutschland. Unglücklich hat sie die Menschen nicht gemacht.

Jetzt aber sehen wir mit wieder ausgeschlafenen Augen, dass eine Kanzlerin nicht nur junge Männer küsst. Jetzt geht es um Spione, um den massenhaften Tod in Nahost, um eine seltsames Handelsabkommen, aber auch um schier unlösbare Probleme, wie etwa die Frage, wie die Millionen alter Menschen in 20 Jahren human behandelt werden können. Oder wollen wir darüber reden, ob es normal ist, dass tausende Menschen elendig im Mittelmeer ersaufen, weil sie in ihrem Leben ein Stückchen aufsteigen wollen?

Zu gern würden wir diese Tage mit Goethe besingen: „Verweile doch! Du bist so schön!“ Fatal ist bloß, dass das Zitat einen zweiten Teil hat: „Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!“ Gar so schlimm muss es nicht kommen, aber die Höhenluft ist weg, die Wolken sind wieder über uns. Machen wir uns an die Arbeit – bis zum Start der Bundesliga ist noch ein paar Tage Zeit.

 

 

 

Fußball macht Chinesen krank

Würde uns jemand fragen, welches Volk überragend pflichtbewusst und gehorsam ist – wir würden wohl die Chinesen nennen. Eine strebsamere Nation ist für uns kaum vorstellbar. Lauter Menschen, die Tag und Nacht ihr Bruttosozialprodukt steigern, die längst Exportweltmeister sind, leider aber auch mit ihrer inzwischen sagenhaften Zahl von Autos die Atmosphäre auf Rekordniveau verpesten. Aber das täuscht. Auch Chinesen machen blau. Und schuld ist – was sonst – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Mit dem Turnier in Brasilien haben die Ostasiaten in der Tat die Arschkarte gezogen. Wenn bei uns um 18 Uhr das erste Abendspiel beginnt, ist es in Peking Mitternacht. Anpfiff für die weiteren Spiele ist um 3 Uhr beziehungsweise um 6 Uhr früh. Selbst die Chinesen, die ja, wie wir wissen, allesamt dünn und zäh sind, sind da körperlich überfordert. Fußball interessiert sie trotzdem.

Und da greift eine andere Eigenschaft des Chinesen: Er erfindet stündlich erfolgreiche Produkte – im konkreten Fall gefälschte Krankschreibungen. Eine Recherche mit den Stichworten „Peking“ und „Krankschreibung“ hat in der Internet-Suchmaschine Baidu rund 50.000 Treffer gebracht. Angeboten werden Bescheinigungen von Krankenhäusern samt Stempeln und Unterschriften von Ärzten. Der marktübliche Preis liegt umgerechnet bei 2,35 Euro. Bei den Krankheiten haben die Kunden die freie Auswahl. Manchem genügt Fieber für ein Spiel. Hardcore-Fußballfans werden sich den Knochenbruch bescheinigen lassen. Das reicht dann bis zum Finale.

Wo bleibt dieses Angebot bei uns? Auch wir leiden darunter, dass wir nicht mehr vor 3 Uhr früh ins Bett kommen. Das Spiel dauert ja bis kurz vor 2, dann folgt die Nachbereitung durch die Experten. Schließlich braucht man einige Zeit, um nach einem 0:0 zwischen Japan und Griechenland wieder einen einschlaffähigen Blutdruck erreicht zu haben.

Aber das Erfinden halbseidener Produkte ist eben nicht so unser Ding. Wie wenig unsere Firmen mitdenken, zeigt ein anderes Beispiel. Aus Rücksicht auf die Fußball-Lust ihrer Beschäftigten öffnet eine VW-Filiale in Yangzhou im Osten Chinas während der WM erst um 14 Uhr. Und obendrauf bekommt jede/r Mitarbeiter/in für jedes Tor der deutschen Elf für jede/n Mitarbeiter/in 12 Euro geschenkt. Gäbe es das bei uns, wir würden schuften und die Wirtschaft ankurbeln auf Teufel komm raus.

Wir wären, wie es Franz Beckenbauer sagen würde, „Chinesen, wie es keine Chinesen mehr geben wird“. Tja, Chance verpasst. Also: Bleiben wir gesund.

 

 

 

 

Kehren für Bier – Der Lohn der Sucht

„Was Krupp in Essen sind wir in Saufen“. Der alte Spontispruch bekommt gerade eine neue Bedeutung. Denn die Ruhrgebietsstadt lässt mit einem Sensations-Modellprojekt aufhorchen. Arbeitslose Alkoholiker/-innen sollen die Straßen reinigen. Ihr Lohn: Fünf Dosen Bier am Ende der Schicht. Ist das nun genial? Oder gaga?

Alkoholkranke zu heilen,ist keine leichte Aufgabe. Nehmen wir bloß das Arbeitsleben: Vorgesetzte wollen sich ein solches Problem nicht aufhalsen und schauen weg. Kolleginnen und Kollegen wollen niemand anschwärzen. Und überhaupt, so lautet eine beliebte Beschwichtigungsparole, arbeiteten Trinker/-innen mit einem gewissen Promillepegel besser. Für Suchtkranke ist somit der Absturz wahrscheinlicher als eine erfolgreiche Therapie.

Wer den Kampf gegen den Alkohol verloren hat, könnte also, so das Kalkül im Essener Rathaus, durch den Spezialjob zumindest einen strukturierten Tag bekommen. Er/sie würde während der Arbeit weniger trinken als auf der Parkbank. Und fünf Bier zum Feierabend seien eine angemessene Dosis.

Clever, dieser Ansatz. Aber gefährlich. Auch andere Suchtkranke könnten ihren Lohn fordern. Tablettenabhängige würden sich nicht mehr mit vielen bunten Smarties zufrieden geben. Ecastasy-Fans würden steuerfinanzierte Steigerungsformen von Red Bull einfordern. In den Tarifverhandlungen für spielsüchtige Straßenkehrer würde die Casino-Flatrate ins Spiel gebracht werden. Und, und, und…

Nein, lassen wir das. In Essen und anderswo. Wer Arbeit mit Sucht belohnt, lässt die kranken Menschen fallen. Setzen wir lieber auf Therapie. Weiten wir den Kampf gegen Abhängigkeiten aus und sorgen wir für eine bessere Welt.

Gehen wir zum Beispiel die in den Chefetagen verbreitete Yacht-, Villen-, Geld- und Golf-Sucht an. Wenn das gelingt, würden auch niedrigere Gehälter die Lebenshaltungskosten unserer Manager  decken. Und vielleicht erkennt der eine oder andere Macher sogar dieses: Sekt mag fein sein. Aber Sodbrennen durch Dosenbier ist eher unbekannt.

122 Millionen Mal Glück ist nicht genug

Wer heutzutage das Glück sucht, dem stehen viele, viele Helferlein zur Seite. Der Suchbegriff „Glück“ führt bei Google zu 122 Millionen Treffern. Beim Internet-Händler Amazon meldet die gleiche Anfrage 44.744 Produkte, für die dieser Begriff verwendet wird. Tipps für die Suche nach seliger Zufriedenheit fehlen also nicht. Warum sind dann viele Menschen so furchtbar unzufrieden?

Ein Grund ist sicher, dass das, woran wir gerade denken, immer woanders ist. Eine neuere wissenschaftliche Studie hat ergeben, dass die meisten Männer beim Aufstehen die Arbeit im Kopf haben. Dort angekommen, denken sie an Sex. Und wenn sie wieder daheim sind, denken sie an Sport, vorzugsweise Fußball. Tatsächlich aber werden sie, falls sie verheiratet sind, mit der Frage konfrontiert: „Wie war Dein Tag?“. Die ehrliche Antwort – prallvoll mit Sexphantasien – verbietet sich. Die sonstige Ratlosigkeit jedoch wird als Kommunikationsverweigerung aufgefasst. Also müssen die Männer erklären, warum während bedeutender sportlicher Begegnungen Gespräche nicht erwünscht sind.

Diese Unterredung endet erst, wenn die spannendsten Momente des Sportereignisses vorbei sind. Unser Mann trinkt einen Absacker, schläft zornig ein – und träumt vermutlich von der Arbeit.

Ja, aber wo ist da die Liebe? Wo ist die Erotik? Braucht es nicht, denn nach einer anderen Studie würden 57,6 Prozent der Frauen lieber ein Jahr lang auf Sex verzichten als auf Fernsehen. Dieser ist zuverlässig vorhanden. Sport läuft ja nicht immer.

Bei Männern soll es übrigens ganz anderes sein: Für 61,6 Prozent ist TV eher verzichtbar als Erotik. Sagen die Männer über sich selbst. Gelegenheiten, den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu untersuchen gibt es in Kürze während der Olympischen Spiele.  Der Test für Frauen geht so: Bestehen Sie auf der Übertragung vom Dressurreite, während zeitgleich Beach-Volleyball der Damen läuft.

Es wird sich – meine Prognose – der große Wahrheitsgehalt einer anderen Studie erweisen: Es gibt einen starken Trend zum Zweitfernseher.