Macht ist hässlich. Aber sie gehört zum Leben

Macht ist uns zuwider. Als gute Demokraten möchten wir Andersdenkende ausschließlich mit Argumenten von unserer Meinung überzeugen. Die Idee, uns mit mehr oder weniger sanfter Gewalt durchzusetzen, gefällt uns nicht. Jedenfalls würden wir das von uns behaupten. Das Problem: Macht gehört zum Leben.

Das erleben wir gerade aus einer Richtung, die wir bis vor kurzem nicht gekannt haben. Die Türkei hat erreicht, dass sich die Bundesregierung von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hat. Jedenfalls hat diese festgestellt, dass dieser Beschluss keine rechtlichen Folgen hätte. Das passt uns gar nicht. Dieses in unseren Augen immer noch rückständige Land mit seinen Macho-Politikern, will uns vorschreiben, was Meinungsfreiheit ist? Unsere Angela Merkel kuscht vor dem Wüterich vom Bosporus? Wenn hier jemand die moralische Kraft hat, andere zu belehren – dann doch wir.

Falsch gedacht. Da die Türkei bis auf Weiteres die faktische EU-Außengrenze zu Kriegsgebieten ist, hat sie hierzu die Macht. Präsident Erdogan braucht für eigene Propaganda-Zwecke ein paar nette Worte? Dann wird das gemacht.

Nehmen wir Apple. Dieser Konzern hat sich bleibende Verdienste um die Welt erworben, weil er zur rasanten Verbreitung der größtmöglichen Ablenkungs-Spielzeuge erworben hat. Dieses Unternehmen ist also schwer in Mode, weshalb es Länder gerne auf ihrem Territorium ansiedeln möchten. Apple residiert mit seiner Europa-Zentrale in Irland, seine Deutschland-Filiale hat ihren Sitz in München.

Nun hat die EU-Kommission den Konzern zu einer Nachzahlung von 13 Milliarden Euro an den irischen Staat verdonnert. Und siehe da: Irland will das Geld gar nicht, der bayerische Finanzminister Markus Söder winkt schon mal ab. Apple hat die Macht, den Standort zu wechseln. Es soll bitte bleiben, wo es ist. Wofür hat ein Gemeinwesen die arbeitende Bevölkerung?

Auch da ist sie wieder, die böse, böse Macht von oben. Wir wenden uns mit Grausen ab – und liegen falsch. Schließlich sind solche Fragen auch unser Alltag. Etwa dann, wenn wir mit einem Vorschulkind in die Quengelzone der Supermarktkasse vordringen. Auch dann geht es darum, wer sich durchsetzt.

Am Ende ist es die alte Leier. Man kann mit uns alles machen, wenn wir es uns gefallen lassen. Das Sofa ist bequem. Aber Macht entsteht dort nicht.