Die Not hilft nur den "höheren Wesen"

„It’s the economy, stupid“. Mit diesem Satz hat Bill Clinton vor 20 Jahren die US-Präsidentenwahl gewonnen. Es kommt auf die Wirtschaft an. Zwar sträubt sich bei mir innerlich etwas gegen diese Erkenntnis. Weil ich das Leben lieber idealistisch betrachten möchte. Aber ich muss zugeben: Der Mann hatte recht.

Außerdem: Seit einiger Zeit sind mir bestimmte Textzeilen aus der „Internationalen“ ins Hirn gedübelt. In diesem Arbeiter-Kampflied heißt es:  „Es rettet uns kein höh’res Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, noch  Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun.“ Über 100 Jahre ist dieser Text alt. Und trotzdem hoch aktuell. Denn er sagt auch: Wenn die Wirtschaft nicht richtig funktioniert, wenn Wohlstand nicht gerecht verteilt ist, wächst die Sehnsucht nach höheren Wesen.

Ein Beispiel dafür ist für mich Ägypten. Dort hat das Volk einen Diktator aus dem Amt gejagt. Es gab die Hoffnung, dass dort die Demokratie ausbrechen würde. Aber die Wirtschaft ist am Ende, auch deshalb, weil die Touristen, aus Angst vor unkontrollierten freiheitlichen Umtrieben, weggeblieben sind. Kein Geld, keine Perspektive – also hilft vielleicht der liebe Gott. Man baut auf die Religion und auf jene, die sie für Machterwerb und -erhalt nutzen. Solche Kräfte haben zudem die reichsten Sponsoren. Wahrscheinlich wird eine Diktatur durch eine andere ersetzt.

In Europa sieht es nicht besser aus.  Je mehr Menschen in EU-Staaten in die Armut getrieben werden, desto voller werden die Kirchen. Umso größer werden aber auch die Chancen für politisch extreme Rattenfänger. Man sieht das in Ungarn, wo im Parlament unverblümt gegen Juden gehetzt wurde. In Italien, wo die Demokratie von einer vermeintlichen Lichtgestalt so ziemlich erledigt wurde, sind rassistische Ausfälle gegen afrikanische Bootsflüchtlinge oder gegen Rumänen gesellschaftsfähig. Und auch in Griechenland wächst die Zustimmung für „höhere Wesen“ vom rechten Rand. In Spanien herrscht eine enorm hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Leuten.  Unter Hinweis auf die Krise wurden Rechte von Arbeitnehmern beschnitten.

Während Deutschland dank niedriger Zinsen bisher stark von der Krise profitiert, wird anderswo die Demokratie kaputtgespart. Dass das nicht mehr lange gut geht, ist schwer zu befürchten. Wenn aber die „höheren Wesen“ eingreifen, wird es ganz bestimmt so sein.