Ägypten: Die zwangsläufige Gegenrevolution

Wir schauen nach Ägypten,wir sind beeindruckt und fassungslos. Das hatten wir schon mal vor knapp zweieinhalb Jahren. Damals wurde Präsident Hosni Mubarak von seinem Volk verjagt. Doch der Neustart ist schief gegangen. Es hat sich nichts Wesentliches verbessert. Weshalb der aktuelle Militärputsch nicht überraschend kommt.

Ich zitiere mich einfach mal selbst. Am 28. Januar 2011 lautete mein Statement so: „Über Jahre hinweg hatten uns vor allem die Fernsehbilder westlicher Sender ein sehr einseitiges Bild der Araber(innen) eingetrichtet. Nämlich eines von dumpfen religiösen Fanatikern, die irgendwelche Mullahs anbeten und laut schreiend dänische oder andere Fahnen verbrennen. Und denen durch Geistesgrößen wie Georg W. Bush erst einmal die Demokratie beigebracht werden muss.

Nun zeigt sich urplötzlich dieses: Anscheinend haben Menschen überall auf der Welt die gleichen Träume. Sie wollen möglichst frei über ihr Leben entscheiden, gleiche Chancen haben und gerecht behandelt werden. Auch in Ländern wie Tunesien oder Ägypten. Es sind, so gesehen, Menschen wie Du und ich. Warum eigentlich ist das für uns erstaunlich?“.

Mitte Juli 2011 hatte sich gezeigt, dass wir mit der Revolution in Ägypten nicht so recht umgehen konnten. Ich habe es so formuliert: „Als Touristen sind wir eine seltsame Spezies. Fragt jemand nach dem Demokratie-Index an unserem Traumstrand? Nehmen wir Kuba. Eine tolle Insel, tolle Leute, tolle Musik, tolle Zigarren. Aber auch – zum Beispiel – der größte Journalistenknast der Welt. Schöne, heiße Gegenden wie der Oman oder das künftige Fußball-WM-Gastgeberland Katar sind keine freien Länder.

Aber gerade beim Blick nach Arabien wird es absurd. Ein Land wie Ägypten war wegen seiner reichen Kultur, der günstigen Preise und wegen der gastfreundlichen Menschen immer ein beliebtes Reiseziel. Auch in Tunesien ließen sich deutsche Touristen gerne in der Sonne grillen.

Bis, ja bis in beiden Ländern die Demokratie ausgebrochen ist. Seitdem gehen die Gästezahlen nach unten, in Tunesien stärker als im Land der Pyramiden. Das wirkt, als wären uns von verlässlichen Diktatoren kontrollierte Urlaubsgebiete  lieber, als Regionen, in denen freie Menschen leben. Als fänden wir es schöner, wenn uns billige Sklaven bedienen als Gastgeber, die uns auf Augenhöhe begegnen.

Warum helfen wir den jungen Demokratien nicht, indem wir gerade jetzt hinfahren? Warum bestrafen wir Diktaturen nicht durch Urlaubsboykott? Wenn es nicht reine Ignoranz ist, muss es wohl eine Angst vor der Freiheit geben. In diesem Sinne: Bloß gut, dass Weißrussland nicht am Meer liegt“.

Am 6. Dezember 2012 habe ich geschrieben:  „Seit einiger Zeit sind mir bestimmte Textzeilen aus der “Internationalen” ins Hirn gedübelt. In diesem Arbeiter-Kampflied heißt es:  “Es rettet uns kein höh’res Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, noch  Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun.” Über 100 Jahre ist dieser Text alt. Und trotzdem hoch aktuell. Denn er sagt auch: Wenn die Wirtschaft nicht richtig funktioniert, wenn Wohlstand nicht gerecht verteilt ist, wächst die Sehnsucht nach höheren Wesen.

Ein Beispiel dafür ist für mich Ägypten. Dort hat das Volk einen Diktator aus dem Amt gejagt. Es gab die Hoffnung, dass dort die Demokratie ausbrechen würde. Aber die Wirtschaft ist am Ende, auch deshalb, weil die Touristen, aus Angst vor unkontrollierten freiheitlichen Umtrieben, weggeblieben sind. Kein Geld, keine Perspektive – also hilft vielleicht der liebe Gott. Man baut auf die Religion und auf jene, die sie für Machterwerb und -erhalt nutzen. Solche Kräfte haben zudem die reichsten Sponsoren. Wahrscheinlich wird eine Diktatur durch eine andere ersetzt.“.

Es ist traurig, dass die Menschen in Ägypten so wenig von ihrer Revolution profitiert haben. Wünschen wir, dass der neue Anlauf besser gelingt. Und:Irgendwann ist der große Stress vorbei. Dann fahren wir mal wieder hin.