Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…

 

 

 

Jede Geschichte kann auch anders sein

Wir sind zurecht geschockt. Ein 17-jähriger Flüchtling hat andere Menschen mit einer Axt und einem Messer übel zugerichtet. Er soll Isis-Anhänger gewesen sein. Die Polizei hat ihn gestellt und schließlich erschossen. Schlimmeres verhindert, Islamist tot. Alles gut?

Nein, das ist es nicht. Zu viele Kommentare nach diesem Amoklauf waren zu abstoßend. Der Tod des zum Terroristen erklärten Jugendlichen wurde geradezu gefeiert. Abknallen, liquidieren, wegräumen – so schwirrte es durch die sozialen Netzwerke. Komplett vergessen wurden dabei Worte des Bedauerns in Richtung der beiden Beamten, die die tödlichen Schüsse abgegeben haben. Als ob es ein lockerer Job wäre, jemand zu töten. Ist es nicht. Es ist – auch bei einem Amokläufer – das allerletzte Mittel.

Aber gehen wir davon aus, es habe sich um einen fanatischen Islamisten gehandelt, der losgezogen sei, um zum Ruhme des Kalifen Ungläubige zu töten. Er habe sich in einen Blutrausch hineingesteigert, dabei „Gott ist groß“ gerufen und sei schließlich brüllend auf die Polizisten losgestürmt. Er sei ihnen gefährlich nahe gekommen, habe ausgeholt, um seine Axt nach ihnen zu werfen. Ganz klar, es wäre Notwehr. Die Welt hätte einen Terroristen weniger.

Doch vielleicht lässt sich die Geschichte anders erzählen. Nehmen wir an, dieser 17-Jährige sei von seiner Familie ausgewählt worden, um nach Europa zu gehen, um den Lebensunterhalt für Eltern und Geschwister zu verdienen. Nehmen wird an, der junge Mann sei auf der Bootsfahrt nach Griechenland beinahe ertrunken, er sei auf der Balkanroute gejagt und misshandelt worden.

Nehmen wir an, dass er sich im neuen Lebensumfeld nicht zurechtgefunden hat, dass ihm klar geworden ist, dass er die Erwartungen seiner Familie vielleicht nie wird erfüllen können. Nehmen wir an, er habe, was 17-Jährige durchaus tun, mit der Isis-Fahne und seinem Dschihad-Video provozieren wollen. Er habe dann aber beschlossen, dass er nun doch eine Sache wie ein richtiger Mann zu Ende bringen möchte.

Es wäre eine Tat, weniger aus Hass, denn aus Verzweiflung. Wenn es so stimmte, würde man diesem jungen Menschen nicht gönnen, dass er seinen Amoklauf überlebt hätte?

Es geht nicht darum, ein nicht entschuldbares Verbrechen zu rechtfertigen. Aber wir sollten, auch dann wenn sich eine Schilderung gerade aufdrängt und uns schlüssig erscheint, nachdenklich bleiben. Die eigentliche Geschichte kann immer eine andere sein.

 

 

 

Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Die USA: Eine seltsam freie Nation

Verstehe einer die USA! Diese große Nation, von der wir in romantischen Stunden denken, dass sie der Welt viel geschenkt hat. Doch gerade wird uns durch mordende und ermordete Polizisten das Bild einer kranken Gesellschaft vermittelt. Was ist bloß los?

Wer informationssüchtig auf seinem iPhone herumwischt, wird den US-Erfindergeist in höchsten Tönen loben. Doch eigentlich sollten wir grantig sein. Nicht nur, dass Ex-Präsident George W. Bush samt seiner willfährigen Königspudel einen anscheinend unendlichen Krieg vom Zaun gebrochen hat.

Die USA hat uns unter Präsident Nixon in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den neoliberalen Kapitalismus beschert. Dieser folgte dem Vorschlag seiner Berater, den Wert des Dollars und damit die Finanzwirtschaft von der realen Wirtschaft abzukoppeln. Funktioniert hat das Ganze, wie wir inzwischen wissen, nicht wirklich. Wir erleben, dass die Reichen im globalen Finanzkasino ihr Geld vermehren, während ansonsten Löhne sinken und das Rentenalter immer weiter nach hinten verschoben wird.

Auch das ist Weisheit á la USA. Vollends unverständlich ist aber diese Lust vieler Menschen auf Waffen. Es mag sein, dass die Botschaft aus den Western noch lebendig ist, wonach ein Mann tut, was er tun muss. Und dass jeder Bösewicht, der ihm zu nahe kommt, mit einer Revolverkugel weggeräumt wird.

In keiner anderen westlichen Demokratie gibt es eine vergleichbare Liebe zum Schießeisen, sondern eher in Ländern, in denen an jeder Ecke eine Stammesfehde ausbrechen kann. Der Jemen ist so ein Beispiel. Auch dort wird ein Mann erst durch seine Kalaschnikov wahrhaft potent.

Und dann ist es eben so: Die Polizei agiert brutaler als anderswo, weil sie bei jeder kleinen Verkehrskontrolle befürchten muss, dass ein Killer im Auto sitzt. Wenn dieser Mensch schwarz ist, gilt er grundsätzlich als gefährlich. Der Finger am Abzug ist noch nervöser. Wenn schließlich gegen Rassismus und sinnlose Gewalt protestiert wird, nutzt das ein Wahnsinniger, der im unendlichen Krieg gelernt hat, dass ein paar Menschenleben nichts zählen.

Warum stoppt keine US-Regierung diese Spirale der Gewalt? Warum belässt man eine Gesellschaft in einem Klima der ständigen Angst? Weil bedeutende Persönlichkeiten die Fackel der Freiheit hochhalten. Du bist dein eigener Herr. Und wenn dir einer blöd kommt, mach‘ ihn platt.

Freiheit, die tötet. Absurder kann es eigentlich nicht sein.

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Müller trifft nicht. Seien wir froh

Die Fußball-Nation jubelt – und ist doch in Sorge: Thomas Müller trifft nicht mehr. Warum, fragen sich viele, haut der Raumdeuter mit den Storchenbeinen zurzeit dauernd daneben? Die Antwort: Es ist egal. Fürchtet Euch nicht.

Null Tore sind Müller bei der Europameisterschaft bisher gelungen. Auch im Viertelfinale gegen Italien schoss er zu schwach oder am Tor vorbei. Die Folge: „Die Mannschaft“, die sich sonst auf seine genialen Momente verlassen konnte, musste sich dem finalen Drama stellen.

Das Elfmeterschießen ist eine Lotterie. Das Können am Ball alleine entscheidet nicht, sonst hätten nicht ausgerechnet Müller, Özil und Schweinsteiger ihre Strafstöße versemmelt. Doch dieser Modus hat Vorteile: Er ist hoch spannend und er lässt dem Unterlegenen seinen Stolz. Dieser kann sagen, dass er erst ganz am Ende niedergerungen wurde. Und dass es genauso gut anders hätte kommen können. Die Ungerechtigkeit des Zufalls kann trösten.

So war es nach diesem EM-Viertelfinale. Und es war gut so. Italien war an diesem Abend gebeutelt vom Schock über den Tod mehrerer Landleute bei einem Terrorangriff in Bangladesch gebeutelt. Es war die große Nachricht neben dem Fußball-Spiel gegen den ewigen Rivalen Deutschland.

Hätte Thomas Müller das bei wichtigen Turnieren Übliche getan, Italien wäre wohl schon nach 90 Minuten vom Platz gegangen. So aber war die Niederlage keine Katastrophe. Der Dank an die eigene, große Mannschaft beherrschte alle Stellungnahmen italienischer Experten nach dem Spiel.

Auf dem Fußballplatz hätte es also gar nicht besser laufen können. Deutschland im Halbfinale, Italien ein aufrechter Verlierer. Manchmal ist es ohne Müllern besser.

Der Bienenfreund lässt sauber stechen

Er rettet Bienen und lässt nun auch sauber stechen. CSU-Bundesminister Christian Schmidt hat eigentlich eine schöne Aufgabe: Er schlägt Brücken zwischen den Produzenten von Nahrungsmitteln und den Konsumenten. Er hilft Verbrauchern gegen allerlei Ungemach. Er könnte glücklich sein.  Wenn nicht die Krisen dieser Welt wären.

Früher war Landwirtschaftsminister ein Traumjob. Die Amtsinhaber waren echte Mannsbilder, sie trugen knorrige Namen wie Hermann Höcherl, Josef Ertl oder Ignaz Kiechle. Im Idealfall hatten sie selber ein paar Stück Schwarzbunte im Kuhstall und wurden – trotz Butterbergen und anderen Problemen – von ihren traktorfahrenden Untertanen verehrt und von den Landfrauen geliebt.

Aber die Zeiten ändern sich. Spätestens mit der  feministischen Landwirtschaftsministerin Renate Künast ab 2001 wurde klar, dass Ackerbau und Viehzucht nicht mehr der alleinige Arbeitsschwerpunkt sein würden. Auch die Stadtbevölkerung wollte politisch beglückt werden.

Tja, und seit über zwei Jahren mäandert Christian Schmidt mit oft seltsamen Kurven durch sein Amt. Nach Einschätzung aller Experten ist er ein kluger Außenpolitiker, muss aber durch öffentliches Zubeißen deutlich machen, dass der regelmäßige Genuss deutscher Äpfel den Ukraine-Eroberer Putin in die Enge treiben kann. Er unterhält sich mit Schulkindern über das Leben und Wirken von Bienen, unterstützt die grenzübergreifende Tierseuchenbekämpfung in Israel und setzt Wegmarken gegen die betäubungslose Ferkelkastration.

Doch nun hat Schmidt ein Hardcore-Thema gefunden: Er sorgt sich um die Sicherheit von Tattoos. Diese dürften kein Alptraum werden, sagt der Minister und warnt deshalb davor, sich ein solches Kunstwerk als Urlaubssouvenir in irgendeiner windschiefen Strandbude stechen zu lassen.

Kritische Geister werden nun sagen, dass es den Staat überhaupt nichts angeht, wie und womit jemand seinen Körper verunstalten lässt. Schnitzel aus Massentierhaltung und Bier aus Industrieproduktion sind ja auch erlaubt.

Stimmt, doch dieser Mann ist endlich in der Spur. Er schlägt die Brücke und weiß: Milch von tätowierten Kühen wird in der Szene das Produkt des Jahres. Die Preise werden steigen, die Absatzmengen werden größer, die Krise wird kleiner. Und wenn nicht? Dann stechen wenigstens die Bienen. Auf sie kann man sich verlassen.

Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?

Das Ladekabel, unsere Nabelschnur zur Welt

Die Biologie hat vorgesehen, dass wir uns mit der Geburt von unserer Mutter abnabeln. Wir werden hineingeworfen in ein Leben, in dem wir fortan zusehen müssen, dass wir das Beste daraus machen. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Es gibt eine für unser Überleben notwendige Schnur:  das Ladekabel.

Es hat Zeiten gegeben, in denen uns Steckdosen egal waren. Sie waren da, wurden in unserer rebellischen Jutetaschen-Phase aber als hässliches Symbol für die Macht der Atomkonzerne angesehen. Ob unser Ausflugsziel, das alte Landgasthaus im Wald, über Stromanschluss verfügt hat, hat uns nicht interessiert. Hauptsache, die Bratwürste waren knusprig und das Bier hat geschäumt.

Wer heute ein Wirtshaus betritt, scannt zunächst den Raum, blickt um sich und schaut unter die Tische. Gilt es doch, jenen Platz zu finden, der einer Steckdose am nächsten ist. Wir brauchen den Strom, da wir auf alle Fragen, die sich am Biertisch ergeben, schnellstmöglich die richtigen Antworten liefern wollen. Wenn wir uns während eines Einkaufsbummels vom Barista einen kunstvoll sahnegekrönten Cappucino zubereiten lassen, tun wir das vielleicht nur, weil wir unser Smartphone nachladen wollen. Schließlich müssen wir checken, ob es das karierte Kaufhaus-Hemd beim Onlineversand nicht doch günstiger gibt.

Das Ladekabel ist also segensreich. Es verbindet uns mit anderen, gibt unserer Kommunikation Sinn und Verstand und legt Wucherern im Einzelhandel das Handwerk.

Aber das Ladekabel kann auch ein Fluch sein. Wenn wir es verlegt oder irgendwo vergessen haben, ist der Stress riesengroß. Wir hadern mit der Welt, die nicht mehr mit uns sein will. Das macht uns zornig.

Zwei Prozesse vor dem Nürnberger Landgericht haben dies in den letzten Wochen bewiesen. In beiden Fällen hatten Menschen eine Nacht lang miteinander gesoffen. Am nächsten Tag stellten die jeweiligen Gäste fest, dass sie ihre Ladekabel vergessen hatten. Sie kehrten zurück zum Ort der Partys und erkannten, inzwischen im nüchternen Zustand, dass die trinkfesten Kumpels der letzten Nacht in Wirklichkeit Deppen sind, die eine Abreibung verdient haben Es kam zu eigentlich grundlosen Tätlichkeiten, ein Beteiligter wurde fast totgeprügelt.

Was lernen wir daraus? Moderne Menschen brauchen ihr Ladekabel. Aber manchmal sollten wir darauf verzichten. Die Welt dreht sich auch ohne unsere Nabelschnur – und manchmal ist das sehr schön so. Ein Picknick am See könnte ein guter Versuch sein…