Schröpfer-Alex und die fremden Autos

Politiker, wie auch Gewerkschafter, Pfarrer, Sozialarbeiter und andere Beseelte, kämpfen in diesem Leben vor allem für eines: Gerechtigkeit! Man könnte auch sagen, dass es das Ziel der Arbeit der Angehörigen dieser und verwandter Berufsgruppen ist, den Himmel auf Erden zu schaffen. Aber das ginge beim Thema Pkw-Maut dann doch zu weit. Grenzenlose Freiheit verspricht dieses Projekt ja nicht.

Oder doch? Über die Vignette erwirbt der inländische Autofahrer eine Flatrate für alle Straßen. Unbegrenzt darf er von der Spielstraße bis zu achtspurigen Autobahn alle Fahrbahnen benutzen – und sich zudem daran freuen, dass die holländischen Wohnwagenbesitzer den Verkehr nicht mehr kostenfrei behindern dürfen. Wir sparen schließlich bei der der Kfz-Steuer. Unsere Straßen gehören uns. Und wer drauf will, zahlt gefälligst. Sagenhafte 71 Prozent der Bundesbürger finden dies gut. Dies besagt eine Umfrage des Institus dimap (die die CSU bezahlt hat, aber das ist selbstverständlich nebensächlich – sagen die Meinungsforscher).

Also alles in Butter? Das leider nicht. Denn das Konzept der Pkw-Maut trägt die schlimmen Aspekte des deutschen Steuerrechts in sich. Auch dieses folgt dem Prinzip “Himmel auf Erden”, was bedeutet, dass es einerseits Gerechtigkeit für Alle schaffen, aber andererseits jedem Einzelfall gerecht werden will. Am Ende wird es derart kompliziert, dass es, wie beim Steuerrecht, einer blutigen Revolution bedürfte, um Nachhaltiges zu ändern. Wenn wirklich alle Öko-Aspekte für die Zuweisung der Vignettenfarbe beachtet werden sollen, dürfte es bunt werden auf den Autoscheiben. Und warum für Elektroautos nichts bezahlt werden soll, ist schwer nachvollziehbar. Kann man doch seriös nur Luftkissenfahrzeugen bescheinigen, dass sie den Straßenbelag nicht abnutzen.

So bleibt diese Maut ein rätselhaftes Ding. Und warum einer, der zum Schröpfer-Alex mutiert, beim Vorstellen seiner Idee so selbstzufrieden grinst, fragt man sich auch. Er ist eben beseelt, unser Minister Dobrindt.

 

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es “Savoir vivre”. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass “kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist”. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!

 

 

 

Kein Spiel dauert 90 Minuten

Fußball ist, wie auch die Religion, ein Spiel der großen, ewigen Wahrheiten. Niemand käme etwa auf die Idee, die Herberger’schen Dogmen “Der Ball ist rund” oder “Vor dem Spiel ist nach dem Spiel” anzuzweifeln. In einer Hinsicht jedoch wird der Weltmeister-Trainer von 1954 gerade das Irrtums überführt. Sagte er doch auch: “Ein Spiel dauert 90 Minuten.”

Eben nicht. Bei der derzeitigen Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien haben die jüngsten Begegnungen schwerwiegende Indizien dafür geliefert, dass eineinhalb Stunden in der Regel nicht reichen, um eine Begegnung zu entscheiden. Trotz 120 Prozent Luftfeuchtigkeit, trotz massiven Dauerregens, trotz Wadenkrampf und Lungenkollaps bringen es die Mannschaften nicht fertig, sich auf Sieger und Besiegten zu verständigen. Und das, obwohl Fußballspiele dank Nachspielzeiten sowieso 100 Minuten dauern. Nur Teams, die, wie die Niederlande, leicht fallende Stürmer in ihren Reihen wissen, kommen fahrplangemäß ans Ziel.

Fast möchte man meinen, dass hinter den ständigen Verlängerungen und Elfmeterschießen ein teuflischer Plan steckt. Dass sich nämlich Sepp Blatter aufgemacht hat, endgültig die alleinge Herrschaft über unsere Herzen und Hirne zu erlangen. Denn klar ist doch, dass niemand, der täglich erst weit nach Mitternacht ins Bett kommt, weil er zum Beispiel bis 2 Uhr im Autokorso festgesteckt ist, morgens freudig das Bruttosozialprodukt steigern kann. Uns bleibt viel zu wenig Zeit, um all die finalen Tragödien samt all der klugen Analysen mental zu verarbeiten. Auch das vierte Landbier nach Mitternacht ist früh um 7 noch nicht absorbiert.

Nein, diese WM ist Gift für diese, unsere Dienstleistungsgesellschaft. Bleiche, verschlafene Verkäufer oder grantige Hotline-Mitarbeiter richten langfristig wirkende Schäden an. Von individuellen Folgen wie depressivenVerstimmungen, Herzinfarkt oder der Schlaganfall ganz zu schweigen.

Ein bisschen Trost bleibt uns, immerhin. Jede WM geht vorbei – und manche Weisheit wird in Brasilien untermauert.Man denke nur an Berti Vogts’ Erkenntnis “Es gibt keine Kleinen mehr”. Bleiben wir also gelassen, und hoffen wir darauf, dass verrückte Regeländerungen nicht überhand nehmen. Die Fifa muss den Ball rund lassen. Dann wird alles gut.

 

 

 

 

 

Nach dem Biss des wilden Stürmers

Nach den Grundregeln der journalistischen Kunst ist die Schlagzeile “Hund beißt Mann” wertlos, die Schlagzeile “Mann beißt Hund” hingegen sensationell. Jetzt lernen wir, dass auch “Mann beißt Mann” enorme Aufregung zu generieren vermag. Zumal dann, wenn berühmte Fußballer beteiligt sind.

Da hat also Luis Suarez, Nationalspieler Uruguays mit knapp 7,5 Millionen Facebook-Verehrern, bei der WM den Italiener Chiellini an der Schulter attackiert. Und weil er das alte Sprichwort “Man soll den Bissen nicht größer nehmen als der Mund ist” nicht beachtet hat, plagten ihn hinterher ziemliche Zahnschmerzen. Eine brutale Sperre durch die Fifa gab’s obendrauf.

Wirklich wundern musste man sich nicht. Suarez verfügt über auffällige Schneidezähne, weshalb man ihn schon bisher wahlweise als Mörderkaninchen oder als geheimen Sohn von Queen-Sänger Freddie Mercury wahrnehmen konnte. Er ist zudem Wiederholungstäter. Schließlich: Uruguay gilt seit jeher als Land der ungesunden Härte. Auch das übelste aller Fouls, die Blutgrätsche, soll gängigen Fußball-Legenden zufolge dort erfunden worden sein.

Warum aber regt uns gerade ein Biss so auf? Weil er das Böse signalisiert. In seiner schlimmsten Inkarnation ist der Beißende ein Vampir. Ein Untoter, der die Tagschicht im Sarg verschläft, um nächtens das Blut schönster Frauen zu saufen. Das ist nicht nur hinterlistig, sondern extrem dekadent. Als ehrlich, aber trotzfdem bissig gelten Wolf, Bär, Hund, Hai, Kreuzotter und Schnappschildkröte.

Die Gefahr, völlig überraschend in ein empfindliches Körperteil gezwickt zu werden, droht also immer und überall. Und deshalb lehrt ein Suarez auch uns das Schauern.

Was aber tun? Die Antwort ist nicht leicht, denn man steckt in keinem Lebewesen drin.  Der große Mark Twain hat die Lösung schon vor über 100 Jahren formuliert: “Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen.” Probieren könnte man es aber mit Knoblauch-Deo, was ja wenigstens Vampire abhalten soll. Ermutigende Erfahrungen mit dem Einsatz von Spray hat die Fifa ja bereits gesammelt.

Der Engländer in uns ist aerosexuell

Wir in Nürnberg haben die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 noch gut in Erinnerung. Wir denken an die Mexikaner mit ihren witzigen Hüten und an die lustigen Holländer in ihren verrückten orangefarbenen Kostümen. Aber auch an die Engländer. Deren äußeres Erkennungszeichen waren – wie in vielen Urlaubs-Orten auch – die nackten Oberkörper. Wir sahen Fans. Bar jeder Kleidung, aber sehr oft auch bar jeder Ästhetik. Was wir damals nicht wissen konnten: Eben dieses ist zum Trend geworden.

Die Wissenschaft hat die passende Bezeichnung für die wachsende Gruppe der Oben-ohne-Männer gefunden: Sie nennt sie die Aerosexuellen. Männer also, die beschlosen haben, in jeglicher Lebenslage so viel Luft wie nur irgend möglich an ihren Körper zu lassen. Die Entblößung wird zum persönlichen Genuss. Was andere denken, interessiert nicht so.

Das wäre auch schwierig, denn die Geschmäcker sind verschieden. Es mag ja sein, dass der Coca-Cola-Light-Körper mit straffer Brustmuskulatur samt angegliederten Sixpack das Schönheitsideal schlechthin darstellt. Aber es soll auch nicht so aussehen, als hätte der Muskelträger täglich drei Kübel Eiweißpulver zu sich genommen. Ein maßvoller Hühnerbrustfaktor ist erlaubt. Und Brustbehaarung? Ist unmodern, eigentlich. Andererseits ist der Gesichts-Vollbart gerade in.

Wir können uns die Debatte aber auch sparen. Denn wer sich zu sehr mit dem Oberkörper befasst, übersieht die eigentliche Problemzone, den Bauch. Laut einer aktuellen Umfrage finden 55 Prozent der Deutschen, dass ihre Körpermitte unvorteilhaft aussieht. Dabei haben 44,2 Prozent der Männer erklärt, dass sie ihren Bauch am Strand nur ungern zeigen.

Was für sich betrachtet ein schlimme Entwicklung ist. Hieß es doch einst aus gutem Grund, dass ein Mann ohne Bauch ein Krüppel sei. Übrigens: Die Zahl der Männer, die ihre Beine ungern herzeigen, liegt nur bei 10,6 Prozent. Leider, möchte man sagen. Denn diese Beine stecken allzuoft in Socken und Sandalen.

Bei Frauen ist der Anteil der sich Schämenden um den Faktor drei bis vier höher. Egal, ob es um Bauch, Narben oder Po geht. Die endgültige Emanzipation in Sachen Selbsthass ist also noch nicht geschafft.

Trotzdem: Das allgemeine Leiden ist groß. Es könnte kleiner werden, wenn sich zum Beispiel Männer zusammenfinden würden, um wenigstens alle 14 Tagen die superschnelle zweite Halbzeit von Deutschland gegen Ghana nachzuspielen. Das würde die Brust stählen und den Bauch schrumpfen lassen. Aber wie ist es wirklich? 65 Prozent der Bundesbürger verfolgen die WM-Spiele am liebsten auf ihrem Sofa – und belassen es auch dabei. Die Eigensportquote ist gering.

Somit könnte es passieren, dass die nackten Oberkörper der nicht mehr WM-interessierten Fans der Engländer bald besser aussehen. Also: Lassen wir die Hemden an. Es wird zu kompliziert.

 

 

Fußball macht Chinesen krank

Würde uns jemand fragen, welches Volk überragend pflichtbewusst und gehorsam ist – wir würden wohl die Chinesen nennen. Eine strebsamere Nation ist für uns kaum vorstellbar. Lauter Menschen, die Tag und Nacht ihr Bruttosozialprodukt steigern, die längst Exportweltmeister sind, leider aber auch mit ihrer inzwischen sagenhaften Zahl von Autos die Atmosphäre auf Rekordniveau verpesten. Aber das täuscht. Auch Chinesen machen blau. Und schuld ist – was sonst – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Mit dem Turnier in Brasilien haben die Ostasiaten in der Tat die Arschkarte gezogen. Wenn bei uns um 18 Uhr das erste Abendspiel beginnt, ist es in Peking Mitternacht. Anpfiff für die weiteren Spiele ist um 3 Uhr beziehungsweise um 6 Uhr früh. Selbst die Chinesen, die ja, wie wir wissen, allesamt dünn und zäh sind, sind da körperlich überfordert. Fußball interessiert sie trotzdem.

Und da greift eine andere Eigenschaft des Chinesen: Er erfindet stündlich erfolgreiche Produkte – im konkreten Fall gefälschte Krankschreibungen. Eine Recherche mit den Stichworten “Peking” und “Krankschreibung” hat in der Internet-Suchmaschine Baidu rund 50.000 Treffer gebracht. Angeboten werden Bescheinigungen von Krankenhäusern samt Stempeln und Unterschriften von Ärzten. Der marktübliche Preis liegt umgerechnet bei 2,35 Euro. Bei den Krankheiten haben die Kunden die freie Auswahl. Manchem genügt Fieber für ein Spiel. Hardcore-Fußballfans werden sich den Knochenbruch bescheinigen lassen. Das reicht dann bis zum Finale.

Wo bleibt dieses Angebot bei uns? Auch wir leiden darunter, dass wir nicht mehr vor 3 Uhr früh ins Bett kommen. Das Spiel dauert ja bis kurz vor 2, dann folgt die Nachbereitung durch die Experten. Schließlich braucht man einige Zeit, um nach einem 0:0 zwischen Japan und Griechenland wieder einen einschlaffähigen Blutdruck erreicht zu haben.

Aber das Erfinden halbseidener Produkte ist eben nicht so unser Ding. Wie wenig unsere Firmen mitdenken, zeigt ein anderes Beispiel. Aus Rücksicht auf die Fußball-Lust ihrer Beschäftigten öffnet eine VW-Filiale in Yangzhou im Osten Chinas während der WM erst um 14 Uhr. Und obendrauf bekommt jede/r Mitarbeiter/in für jedes Tor der deutschen Elf für jede/n Mitarbeiter/in 12 Euro geschenkt. Gäbe es das bei uns, wir würden schuften und die Wirtschaft ankurbeln auf Teufel komm raus.

Wir wären, wie es Franz Beckenbauer sagen würde, “Chinesen, wie es keine Chinesen mehr geben wird”. Tja, Chance verpasst. Also: Bleiben wir gesund.

 

 

 

 

Der Sims-Daumen schreibt nicht gut

In jeder Schulkarriere hat es Hass-Fächer gegeben. Mancher kämpfte mit Deutsch oder war zu faul für Latein. Mancher hatte größte Probleme mit Algebra oder Schlagball-Weitwurf. Und es gab auch noch die Note für’s Schönschreiben. Was für ein furchtbarer Drill!

Nach strengen Vorlagen mussten die einzelnen Buchstaben nachgezeichnet werden. Bögen und Kringel mussten passen. Und wer die Ungnade der zu frühen Geburt hatte, musste auch noch Sütterlin, die altdeutsche Schrift, lernen. So konnte man die Einkaufszettel von Oma und Opa lesen. Immerhin. Grundsätzlich aber war das sinnloses Schulwissen vom Feinsten.

Alles vorbei: Schönschreiben muss nicht mehr gelehrt werden, denn Kinder können es ohnehin nicht mehr. Wie die Bildungsforscherein Stephanie Müller herausgefunden haben will, bringen etwa 70 Prozent der Schüler nach dem Kindergarten nicht mehr die nötigen motorischen Voraussetzungen für das sogenannte Kritzel-Alphabet mit. Und warum ist das so? Es fehlen Bewegung und Fingerfertigkeit und schreibende Eltern als Vorbilder. Vor allem aber: Es ist der Fluch von Smartphones, Tablets und Computern.

Den Kindern geht es wie uns Erwachsenen. Wir haben dank Taschenrechnern das Kopfrechnen verloren, dank Navis im Auto ist unser Orientierungssinn verschwunden. Wer auf Klettverschlüsse oder Druckknöpfe schwört. kann keine Schleifen mehr binden und kein Nähgarn für abgerissene Knöpfe mehr einfädeln. Dafür bildet die Evolution, vor allem bei Mädchen, mehr und mehr den Sims-Daumen aus.

Welche schöne Erfahrung aber fehlt den jungen Menschen? Es ist der Liebesbrief. Handgeschrieben, auf rosa Papier, parfümiert, mit 20 Kussmündern verziert. Nichts gegen <3, :-X oder :’-). Aber den besonderen Reiz eines Briefes kann das nicht ersetzen. Alsdenn: Schreibt mal wieder.

Wenn Messi und Ronaldo sterben

Es ist diese Zeit der müden Augen. Du sitzt weit nach Mitternacht vor dem Fernseher und schaust Fußballern in Brasilien bei der Arbeit zu. Um nicht einzuschlafen, liest du nebenbei die Twitter-Meldungen zur Weltmeisterschaft. Die meisten sind lustig – aber plötzlich ist alles ganz anders.

Mit einem Tweet, der dich irgendwie erreicht hat, wurden Bilder verschickt. Du siehst junge Männer in Fußballtrikots. Ronaldo ist zu lesen, Ibrahimovic, Messi, Müller…

Aber diese jungen Männer jubeln nicht. Sie liegen neben vielen anderen mit dem Kopf nach unten im Staub. Und warten darauf, erschossen zu werden. Über ihnen stehen Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien, die Gewehre im Anschlag. Weitere Bilder zeigen das Mündungsfeuer.

Es ist so traurig und so absurd. Du siehst Menschen, die während dieser WM-Tage die gleichen Interessen haben wie du, die vielleicht diesselben Stars gut finden. Die, wie du auch, ohne große Sorgen ein gutes Leben führen wollen. Aber die eben zur falschen Zeit am völlig falschen Platz gewesen und deshalb Mördern in die Hände gefallen sind.

Sicher, es gibt die Hoffnung, dass diese Massenexekution so nicht stattgefunden hat, dass es nur eine Propaganda-Aktion der Islamisten war, mit der Angst und Schrecken verbreitet werden sollen. Trotzdem: Wenn ich nach diesem Tweet den Fußballern zugeschaut habe, schossen mir diese Bilder immer wieder durch den Kopf.

 

 

 

Ob Mick Jagger oder Frosch: Die Kraft liegt in der Zunge

Woher nur nehmen sie die Kraft? Wenn es um die Rolling Stones geht, taucht diese Frage unweigerlich auf. Jenseits der 70 sind diese Männer, haben Frauen und andere Drogen in enormen Mengen genossen – und springen trotzdem vergnügt und agil über die Bühne. Wie geht das?

Vielleicht ist es ja das provozierende Symbol dieser Band, die herausgestreckte, knallrote Zunge. Unser Geschmacksorgan wird gemeinhin unterschätzt. Sicher, es entscheidet maßgeblich darüber, ob uns ein Essen schmeckt oder nicht. In der Inkarnation Pressack bereitet sie Nahrungs-Traditionalisten sowieso größte Freuden. Sie macht unser Leben aber manchmal auch schwerer. Etwa dann, wenn sie Raucher/-innen für Nichtraucher unküssbar macht.

Nicht so bewusst ist uns, dass es sich bei Zungen von Fall zu Fall um hoch wirksame Präzisionwerkzeuge zum Zwecke der Jagd handelt. Anders als 99 Prozent der zurzeit in Brasilien eingesetzten Fußballer gelingt es Tieren, auch das kleinste Beutetier exakt zu treffen.

Und zwar mit enormer Kraft. Forscher der Universität Kiel haben gerade ermittelt, dass der südamerikanische Schmuckhornfrosch mit seiner Zunge das bis zu 3,4-fache seines Körpergewichts zu sich heranziehen kann. Was ungefähr so wäre, als würde Manuel Neuer einen 300 Kilogramm schweren Ball aus der Luft pflücken. Im Schnitt meisterten die Frösche das 1,45-fache ihres Körpergewichts.

Überraschend für die Wissenschaftler war, dass die beim Angriff eingesetzte Menge an Schleim nicht entscheidend für den Jagderfolg war. Das allerdings unterscheidet den Schmuckhorn-Frosch von einem beachtlichen Teil der Menschheit.

Wir lernen daraus: Wer weniger schleimt, hat am Ende mehr Kraft. Halten wir es also mit Mick Jagger und leben nach der Devise: Zunge raus! Auch wenn du älter wirst.

Wie der Frosch seinen Job erledigt, sieht man hier: YouTube Preview Image

 

FDP-Büste auf der Resterampe

Es ist so im Leben: Auch Bedeutendes siecht irgendwann dahin. Bei Bayern München mag es noch ein bisschen dauern. Doch selbst das weltbeherrschende römische Reich ging letztlich zugrunde. Ursache hierfür war die spätrömische Dekadenz. Womit wir bei der FDP wären. Deutschlands Partei mit der längsten Nachkriegs-Regierungszeit scheint zu verschwinden.

Wenn das Ende einer Beziehung naht, wird abgerechnet, wird das Tafelsilber verscherbelt. Beim Ende einer Beziehung von Volk und Partei ist es nicht anders. Und so hat die abgewählte liberale Bundestagsfraktion eine besondere Devotionalie meistbietend zum Verkauf ausgeschrieben: Bis zum 17. Juni kann ein Angebot für eine Bronze-Büste ihres ersten Parteivorsitzenden Theodor Heuss abgegeben werden.

Wenn man die Klientel der FDP berücksichtigt, sollte sich ein Zahnarzt oder Steuerberater finden, der ein ordentliches Sümmchen locker macht. Aber ideell ist es ein Frevel. Ganz so, als würde die CSU ein Bildnis von Franz-Josef-Strauß verscherbeln. Zumal Theodor Heuss in der Tat ein Vorzeige-Liberaler war, der Staatsgewalt immer wieder ironisch kommentierte. Als die Bundeswehr nach der Wiederbewaffnung zu seinen Ehren des Bundespräsidenten Heuss angetreten war, verabschiedete dieser die Soldaten mit dem Satz “Nun siegt mal schön”.

Aber die FDP braucht das Geld. Sie muss sich aber auf der Versteigerungsplattform Vebeg großer Konkurrenz erwehren. Denn das Verwertungsunternehmen des Bundes hat ein ganz ungewöhnliches Angebot. Es gibt dort auch gebrauchte Feuerwehrautos, Kaffeeautomaten, Feldküchen, Turnmatten und Schleppboote Marke “Schottelwerft”. Und wer lieber Klamotten shoppen geht, kann auf 8,65 Tonnen Feld- und Bordhosen oder auf  5,25 Tonnen Oberhemden bieten.

Auch das liest sich, als wäre eine Abwicklung im Gange. Vielleicht waren die Hemden ja von Dirk Niebel bestellt worden. Als Teil seiner marktwirtschaftlich orientierten Entwicklungspolitik. Doch das ist Spekulation. Sicher ist, dass die FDP auf absehbare Zeit keine Büsten mehr in Auftrag geben wird. Rainer Brüderle in Bronze gegossen wäre allerdings wirklich ein seltsames Produkt.