Stehpinkeln an den Nachthimmel

Alle Jahreswechsel wieder kommt er – der Appell an unsere Vernunft. Wir möchten doch auf die sinnlose Silvester-Kracherei verzichten und statt Böllern Brot kaufen oder an die Armen der Welt verschenken. Ganz bestimmt: Hier spricht die Vernunft. Aber andererseits…

Die wohlmeinenden Appelle kratzen an einem der letzten Refugien altmodischer Männlichkeit. Was machen heutzutage tendenziell nur Männer? Müll nach unten bringen, Auto waschen, am Grill stehen – und an Silvester Rabatz machen. Weil es nun mal zur männlichen Risikobereitschaft gehört, mehr oder weniger besoffen ein Feuerzeug an eine ziemlich kurze Zündschnur zu halten.

Das Abschießen von Raketen ist genauso unvernünftig, wie die Weigerung, sich auf eine Toilettenschüssel zu setzen. Aber es macht Spaß. Feuerwerk ist das Stehpinkeln an den Nachthimmel. Und deshalb bei Männern beliebt.

Die Industrie hat das durchschaut. Sie unterlegt den männlichen Todesmut mit den Bezeichnungen der Feuerwerkskörper. Man kauft Knallfrösche? Ach was. Papas Pyrotechnik heißt jetzt “Monsterblaze”, “Sniper” oder “Metalhead”. Ja, es können sogar “Earthquake” und “Thunderstorm” entstehen, wenn der “Master of Rockets” und “Power Lord” der Nachbarschaft einen Meteorenregen um die Ohren haut.

Jeder ist gerne mal Held. Und sei es nur für die jeweils erste Viertelstunde im neuen Jahr. Ganz bestimmt: Wir achten daran, dass die Raketenverpackung in den Gelben Sack muss. Wir bringen die Raketenabschuss-Sektflaschen zum Altglascontainer. Und wer weiß: Vielleicht haben wir als guten Vorsatz aufgeschrieben, dass wir ab 2015 im Sitzen pinkeln. Aber das bleibt erstmal geheim…

 

 

 

 

 

 

 

Die Zwerge meckern, Merkels Karawane zieht weiter

Wenn die Sonne tief steht, werfen Zwerge lange Schatten. So funktioniert das gerade mit Hans-Peter Friedrich. Der Ex-Innen- und Agrarminister hat einen Batzen Dreck nach Mutti Merkel geworfen. Und weil innenpolitisch sonst nichts los ist, wurde das tatsächlich bemerkt.

Wirklich bedeutend war der Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nie. Innenminister wurde er im März 2011 deshalb, weil nach dem Rücktritt des adeligen Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg in der CSU kein anderer protestantischer Franke greifbar war. Vom ersten Tag an war zu spüren, dass alle Beteiligten – auch er selbst – unglücklich über diesen Karriersprung waren. Daran änderte sich nichts. Große politische Entwürfe waren nicht Friedrichs Ding, v0n ihm überliefert sind eher schlichte Wahrheiten.

Als er in den Strudel der Edathy-Affäre geriet und die Verantwortung für Schweinefleisch und Kartoffeln abgeben musste, schaute die Kanzlerin seinem Abgang selbst für ihre Verhältnisse desinteressiert zu. Der ungerecht behandelte Minister freilich gab den Terminator: „Auf Wiedersehen. Ich komme wieder”, drohte er in seiner Rücktritts-Pressekonferenz.

Jetzt also ist es soweit. Und Hans-Peter Friedrich holt die große Keule heraus. Angela Merkel sei schuld am Entstehen der Pegida-Bewegung. Stimmt, es kann gut sein, dass Menschen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse für die Regierung keine Rolle spielen. Allerdings spricht hier ein geistiger Förderer von Pegida. So erklärte er in Sachen Zuwanderungspolitik: “Wir brauchen die, die uns nutzen und nicht die, die uns ausnutzen.”Das Bild vom nützlichen, rundum integrierten Ausländers dürfte den Dresdner Demonstranten gefallen.

Hat also einer daneben gelangt und wird nun weiter degradiert? Das bestimmt nicht. Ein Hans-Peter Friedrich kann eine Kanzlerin Merkel nicht kränken. Dafür ist er zu klein. Er dient ihr vielmehr, ganz im Sinne der bayerischen Politik. wonach die stärkste Partei gut daran tut, das bisschen Opposition gleich mit zu erledigen. Einige Parteifreunde werden ihn böse anschauen, noch mehr werden ihm auf die Schulter klopfen und fragen: “Interview im Spiegel. Respekt. Wie hast Du das denn geschafft?”

Danach wird es schnell wieder ruhig werden um den Mann aus Oberfranken. Die Zwerge meckern, die Karawane zieht weiter. Es bleibt wie gehabt.

 

 

Horcht ruhig, Ihr Controller: Ich kaufe Osterhasen

Anders als die Masse der anständigen Kapitalisten glaube ich nicht an das segensreiche Wirken der Controller. Ich halte diese vielmehr für eine verzichtbare Spezies. Schließlich liegt es auf der Hand, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, anderen etwas wegzunehmen. Aber Kontrolle ist Zeitgeist. Auch im Privatleben. Da kümmern sich Meinungsforscher um unser Wohlbefinden – und um unsere Markttauglichkeit.

Besonders erfolgreich auf diesem Feld ist die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Sie hat uns in diesen Tagen erfreuliche Nachrichten übermittelt. Ihren Erkenntnissen hat unter den Menschen dieses Landes der Index Kosumerwartung deutlich zugelegt. Nach einer fünfmonatigen Talfahrt. Auch der Index Einkommenserwartung sowie die Anschaffungsneigung seien deutlich gestiegen. Die Anschaffungsneigung soll sogar den Faktor 49,1 erreicht haben.

Die Anschaffungsneigung in Deutschland ist demnach genauso hoch ist wie die CSU-Wahlbereitschaft in Bayern. Das ist sensationell, aber ansonsten überrascht uns die GfK nicht so. Dass die Kauflust kurz vor Weihnachten höher ist als sonst hätte ich sogar noch nach der zweiten Flasche Wein zutreffend vorhergesagt. Und das Konsumklima muss meines Erachtens in dieser Jahreszeit hervorragend sein. Es sei denn, die schlecht bezahlten Werkvertragsmitarbeiter wissen nicht, wie man im Shoppingcenter die Klimaanlage regelt.

Aber ich helfe der GfK gerne, diese, unsere Welt noch besser zu verstehen. Kurz vor Weihnachten schießt der kollektive Gansverzehrsneigungs-Index stark nach oben. In manchen Regionen dem Vernehmen nach bis 91. Der Glühwein-zur-Bratwurst-Koeffizient ist enorm. Meine persönliche Verdauungsneigung wiederum ist morgens nach dem Aufstehen höher als sonst am Tag, auch mein Kaffeetrink-Index steigt um diese Uhrzeit stark. Genauso, wie meine persönliche Heimgeherwartung am späten Nachmittag ab 16.30 Uhr sukzessive zunimmt.

Liebe Controller, liebe sonstige Aushorcher: Lasst mich mit Euren Erkenntnissen in Ruhe. Werft alle Eure Erkenntnisse in einen Topf und nennt das Produkt Kaffeesatz-Index. Ich widerstehe jedenfalls aus purem Trotz dem gerade günstigen Parfümklima-Index. Und kaufe Osterhasen. Da schaut Ihr, gell?

Fußball: Die Parallelwelt der Selbstgerechten

Ja, ich bin Fußballfan. Ein Leben ohne dieses spannende Spiel wäre für mich ziemlich sinnlos. Es hat mir überragende und – weil ich Anhänger des 1. FC Nürnberg bin – noch mehr niederschmetternde Erlebnisse beschert. Ich habe Star-Kicker verehrt und hingebungsvoll Panini-Sammelbilder gesammelt. Was mich aber nervt: Die Macher des Fußballs missachten Ethik und Recht.

Nehmen wir Uli Hoeneß. Als Steuerbetrüger würde es ihm gut anstehen, sich für seinen Freigang zu bedanken und ansonsten den Mund zu halten. Stattdessen lässt er durch seine Ehefrau seinen Bayerischen Verdienstorden zurückgeben, welcher ihm vor zwölf Jahren für “hervorragende Verdienste” um Freistaat und Volk verliehen worden war. Und zwar, weil er sich ungerecht behandelt fühlt und deshalb auf Distanz zur Politik gehen will.

Geht’s noch? Sicher, es ist klug, sich von Horst Seehofer fern zu halten. Menschen, die dem CSU-Chef allzu nahe sind, leben erfahrungsgemäß gefährlich. Aber ist es Hoeneß wirklich nicht bewusst, dass sein Urteil keineswegs hart war und  dass es von einem Richter und nicht vom Landtag gesprochen wurde? Denkt er nicht daran, wie seine trotzige Aktion auf die Jugendlichen wirken muss, die er demnächst betreuen darf?

Aber die Sache passt ins System. Der Fußball ist zu einem Geschäft geworden, in dem unfassbar viel Geld bewegt wird. Nur deshalb ist es möglich, dass Weltmeisterschaften an Putins Russland und an Katar, den Staat, in dem man die Sklaven nicht sieht, vergeben werden. Ethik ist egal. Man darf vielmehr vermuten, dass Fifa-Präsident Sepp Blatter einer WM in Nordkorea zustimmen würde, wenn dessen Diktator dafür die Staatskonten leerräumen würde.

Da ist aber auch Marco Reus. Genial am Ball ist er, im Kopf sicher nicht. Wie jetzt belegt ist, ist er jahrelang mit einem Sportwagen ohne Führerschein durch die Gegend gegondelt.

Jetzt nehmen wir doch mal an, es würde bekannt, dass ein 20-jähriger Araber mit seinem Porsche durch die Nürnberger Südstadt gedüst und trotz Polizeikontrollen und Bußgeldern unbehelligt geblieben wäre. Es würde sich auf der Stelle ein paar Dutzend Leute finden, die sich als „Pegemas“ – Patriotische Europäer gegen Migranten am Steuer“ – als Mahnwache an die Hauptstraße stellen würden. Es sei denn, dieser 20-Jährige wäre als torgefährlich bekannt.

Früher waren wir sicher, dass Fußballer doof sind und fanden es gut. Die Geschichte des 60er-Jahre-Stürmers Timo Konietzka etwa, der bei seinem Wechsel zu 1860 München ein Monatsgehalt von 5000 Mark verweigerte, weil er es keinesfalls unter 50.000 im Jahr machen wollte, ist ganz wunderbar. Aber heute sind die Kicker und ihre Chefs nur noch dreist. Zeigen wir den Selbstgerechten die Gelbe Karte. Mindestens.

Armer Franziskus, Du bist ausgegrenzt

Weihnachten, das ist wieder die große Zeit für Pfarrer, Bischöfe und für den Papst. So ein bisschen Beten im Weihrauchduft, am besten garniert mit machtvollem Chorgesang und Segensformeln in lateinischer Sprache, bringt uns dem Herrn wenigstens für zwei, drei Tage näher. Christen-Pflicht erledigt. Wir fühlen uns wohl, weil wir zwischendrin mehr für den Glauben getan haben, als nur am Freitag das Schnitzel durch Fischfilet zu ersetzen.

Priester mögen wir in diesen Tagen. Vor allem fasziniert uns dieser Franziskus aus Rom. Einfach weil er so bescheiden ist. Anders als seine Vorgänger tut er nicht so, als könnte er zum Fest der Liebe in 140 Sprachen grüßen. Statussymbole sind ihm sowieso fremd. Er bekennt sich zur Armut und trägt immer dasselbe weiße Gewand, das komischerweise niemals Flecken bekommt. Bloß: Dieser Mann wird nicht verstanden. Er gehört nicht dazu.

Das hat gerade das Statistische Bundesamt belegt. Nach seinen Erkenntnissen ist rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland “sozial ausgegrenzt”. Und woran liegt das? Weil sie SPD wählen? Keineswegs. Sondern deshalb, so die Behörde, weil sie zu wenig Geld haben. Bei uns ist es eben noch immer so, dass derjenige, der arm ist, als Außenseiter gilt. Wer Konsum vermeiden muss, wird als sozial schwach bedauert. Wer darauf demonstrativ verzichtet, gilt als Kauz, der die Leistungsträger der Gesellschaft bestenfalls verstört.

Dabei würde es sich lohnen, näher hinzusehen. Findet die Integration in die Gesellschaft in Opernhäusern, Sterne-Restaurants oder auf Golfplätzen statt? Oder eher in einem stinknormalen Sportverein oder beim Plausch am Bratwurst-Stand? Spitzenkräfte sind manchmal ziemlich einsam, die Zäune um die Villen der wirklich Reichen sind besonders hoch.

Vielleicht hat der Mann aus Rom ja recht. Wo nicht zu viel Geld im Spiel ist, fallen Freundschaften leichter. Gut. Aber eines denken wir uns schon: Dieses famose Papst-Waschmittel ist ganz bestimmt nicht billig.

 

Pegida: Das Unbekannte nährt die Wut

“Pegida”, was soll das denn bitte? Stimmt, es fiele leicht, den Zulauf zu den Patriotischen Europäern als Ausdruck kollektiver Verwirrung abzutun. Tatsächlich ist es unerklärlich, warum ein mehrfach vorbestrafter Koch, der sich auf der Flucht vor der deutschen Justiz nach Südafrika abgesetzt hatte, nach seiner Rückkehr gegen kriminelle Ausländer hetzt. Er war ja selber einer. Taugt ausgerechnet er als Retter des Abendlandes? Bestimmt nicht.

Freudig stimmen wir allerdings der Analyse zu, dass der Zorn auf Muslime gerade in Dresden oder Sachsen absurd sei. Dort gebe es ja kaum Ausländer. Aber hier hakt es. Denn diese Argumentation würde bedeuten, dass eine Bedrohung durch den Islam dort besonders hoch sei, wo viele seiner Anhänger leben. Tatsächlich erlebt, wer Muslime kennt, dass es sich um ganz normale Menschen handelt. Es gibt Liebenswerte, Fröhliche, Nachdenkliche – aber auch Arschlöcher.

Normalität macht keine Angst. Gerade das Unbekannte ist es, das für dumme Parolen wie  “Keine Sharia in Europa” oder “Alibaba und die 40 Dealer. Ausweisung sofort” benutzt werden kann. Je diffuser die Bedrohung, desto größer sind offenbar die Sorgen.

Woran von interessierter Seite seit vielen Jahren gearbeitet wird. Mit Parolen wie “Das Boot ist voll” traktieren uns Parteien seit den 80-er Jahren. Anfang der 90-er wurde uns suggeriert, eine Flut von Kriegsflüchtlingen vom Balkan würde alle Sozialsysteme sprengen. Und das mutmaßlich nur vernunft- und faktengesteuerte Magazin “Der Spiegel” brachte im Frühjahr 2007 folgende Titelgeschichte: “Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung.”

Das Feindbild Ausländer wird seit langem gepflegt. Und dies trifft nun auf ein verbreitetes Unbehagen. Arbeitnehmer erleben zum Beispiel, dass sie keine geschätzten Mitarbeiter mehr sind, sondern Teil des Humankapitals. “Wir hatten nichts zu tun und haben ein bisschen geplauscht.” Wer traut sich das noch zu sagen, denken – oder gar zu machen? Zugleich erfahren viele Menschen, dass ihre wirtschaftliche Zukunft ungewisser wird. Auch das speist dieses Gefühl, dass sich die Politik nicht richtig um die große Masse kümmert, während Fremden geholfen wird, sobald sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Und so bringt Pegida selbst mit absurd dummen Parolen auch so genannte Normalbürger auf die Straße. Harmlos macht das die Sache nicht. Denn Zukunftssorgen sind berechtigt. Bloß: Schuld daran sind nicht die Ausländer. Und die Islamisten schon gar nicht.

 

Am Sterbebett von “Wetten, dass…?”

Donnerwetter! Nürnberg schreibt Fernsehgeschichte. Eine der erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten hat sich hier verabschiedet. “Wetten, dass…?” ist nicht mehr.

Die gerne als “Lagerfeuer der Nation” bezeichnete ZDF-Show war auch in diesem Blog etliche Male eine Thema. Besonders heftig Anfang 2011, als Thomas Gottschalk seinen Abschied erklärte. Die Suche nach seinem Nachfolger zog sich wie Kaugummi. Niemand wollte wirklich. Klarer Favorit meiner Leser/-innen war Hape Kerkeling.

Man hatte den Eindruck, hier würde in Job mit garantiertem Scheitern vergeben. Ich habe zur Abschieds-Show von Thomas Gottschalk geschrieben: “Jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

Nicht absehbar war, dass der neue Moderator Markus Lanz derart unbegabt und überfordert sein würde. Das ganze Grauen seines Interviewstils zeigte sich im Gespräch mit dem seinerzeit schwer verunglückten Kandidaten Samuel Koch. Es ist eben nicht notwendig mit einem körperlich gehandicapten Menschen betont langsam zu reden oder sich mit extra-fürsorglicher Körpersprache zu ihm hinzusetzen. Und die Frage, ob sein Unfall eine “Sinnhaftigkeit” gehabt habe: Wahrscheinlich hat sie ein ZDF-Redakteur seinem Moderator aufgeschrieben. Aber wir blöd ist das? Welchen Sinn soll es bitteschön haben, wenn ein junger Mensch zum Krüppel wird?

Immerhin: Unser lokaler Stolz wurde genährt. Der fränkische Parkhauskletterer aus Büchenbach bot eine der spannendsten Fernseh-Wetten seit langer Zeit. Und Hollywood-Star Ben Stiller konnte “Christkindlesmarkt” nahezu akzentfrei aussprechen.

Das salbt unsere Nürnberger Seelen. Wir werden daran denken. An “Wetten, dass…?” bestimmt auch mal wieder. Wir waren ja am Sterbebett ganz nah.

 

ADAC: Wir sind Autopapst!

Bescheidenheit ist das Gebot der Stunde. Seit Papst Franziskus vorlebt, dass man andere Menschen auch dann überzeugen kann, wenn man im Mittelklasse-Autos vorfährt, schwindet der Reiz einstmals gängiger Statussymbole. Wer Erfolg haben will, macht in Demut. Diese Erkenntnis soll jetzt auf den ADAC ausstrahlen. Der reichste Automobilclub aller Zeiten macht sich klein und lieb.

Der Vergleich zur Kirche drängt sich sowieso auf. 19 Millionen Mitglieder sind eine Hausnummer, bei der nur die großen Glaubenskonzerne mithalten können. Selbst der FC Bayern München dürfte diese Zahl erst im nächsten Jahrzehnt erreichen. Zudem war der ADAC lange Zeit hoch ideologisch, indem er den Glauben an die allzeit paradiesisch freie Mobilität freier Bürger propagierte.

Wie einer Sekte gelang es ihm, die Menschen an sich zu binden. Mit Benzingutscheinen, kostenlosen Straßenkarten, Reisekostenrücktrittsversicherungen, Schutzbriefen mit Helikopter-Rückholgarantie, mit Reifentests und vielem mehr. Dieser Automobilclub war glaubwürdiger als der Papst. Seine Zeitschrift erreichte deutschlandweit die größte Auflage – und bot die meisten Inserate für Treppenlifte und Rollatoren.

Dann aber kamen die Skandale. Und jetzt? Wir rechnen damit, dass in der “Motorwelt” nur noch schadstoffarme Kleinwagen getestet werden. Gelbe Engel werden jede Reparatur mit einem Gebet beginnen. Stauberater werden nicht mehr auf Motorrädern, sondern auf windgetriebenen Bambus-Fahrrädern daherkommen.  Die Piloten am Norisring werden in Kettcars herumdüsen.

Fazit: Was Jorge Mario Bergoglio für den Vatikan, ist für den ADAC der neue Präsident August Markl. Und: Klingt sein  Name nicht wie dieses Städtchen am Inn? Ja, es stimmt: Großmannssucht und Geldgier waren gestern. Wir sind Autopapst!

Am Tag der Schande reden Ausländer deutsch

Generalsekretäre von Parteien geben uns immer wieder Rätsel auf. Äußerlich seriös, produzieren sie am laufenden Band Sätze, für die sich andere Menschen schämen würden. Vielleicht nehmen sie selbst keine Drogen, sicher aber dealen sie berufsmäßig mit üblem Sprachgift. Vor allem die CSU hat immer wieder solche Spezialbegabungen hervorgebracht. Markus Söder und Alexander Dobrindt waren welche. Und jetzt ist Andreas Scheuer am Ruder.

Der Mann aus Passau steht vor einer besonderen Herausforderung: Er muss seine Partei als Bewahrerin des Schönen, Guten, Gerechten sowie als Kriegerin gegen das Böse und Andere ins Rampenlicht stellen. Das aber fällt schwer, wo so unübersehbar ist, dass es in der CSU obskure Gestalten gibt. Ob das nun – im Kleinen – der Bürgermeister ist, der sich aus der Kasse der fränkischen Gemeinde Zapfendorf bedient. Oder – im Großen – die ehemalige Sozialministerin Christine Haderthauer, welche Sozialkompetenz vor allem in eigener Sache bewiesen hat.

Diese Figuren zuzudecken ist schwierig. Also haut Andreas Scheuer so richtig rein. Er nennt den neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow einen Top-Agenten der alten SED-Netzwerke und ruft anlässlich dessen freier und geheimer Wahl einen “Tag der Schande im wiedervereinigten Deutschland” aus. Doch damit nicht genug: Noch an diesem schlimmen Datum, wird bekannt, dass seine CSU fordern will, dass sich hier lebende Ausländer grundsätzlich auf Deutsch unterhalten sollen. In der Öffentlichkeit, aber auch zu Hause in der eigenen Familie. „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den Parteitag in Nürnberg Ende kommender Woche.

Tja, das bringt uns voran und bringt uns alle miteinander näher. Würde diese Idee nämlich zum Gesetz, müsste es auch überwacht werden. Es müsste hineingehorcht werden in die migrantischen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer.

Wer aber könnte das besser, als die Nachfahren der Stasi? Man wird sie vielleicht noch brauchen können. Ansonsten zeigt sich am “Tag der Schande”: Wer die CSU und Andreas Scheuer kennt, wird sich vor Bodo Ramelow kaum mehr richtig fürchten.

 

 

 

 

 

 

Das Wunder der schadstofflosen Autos

Die Zunft der Alchemisten galt den Menschen früherer Zeiten als reichlich dubios. Sagte man ihnen doch nach, dass sie unter Einsatz fragwürdiger Kräfte minderwertiges Metall in Gold verwandeln würden. Wunderbares aus dem Nichts zu zaubern, soll es in diesem Jahrtausend wieder geben. Nennen wir es Elektromobilität.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Elektroauto in die Kategorie “Null Emissionen” eingestuft wird, ist so groß, dass die öffentliche Meinung wie ein Teil eines Hexenwerkes wirkt. Denn würde stimmen, was die Kanzlerin sagt, wäre ein uralter Menschentraum real in Erfüllung gegangen: Fortbewegung ohne Anstrengung und ohne Folgen für die Umwelt wären möglich geworden. Nicht, dass dieser Gedanke völlig neu wäre. Das Auffahren gen Himmel nach dem Tod gehört allerdings in die Abteilung “Glauben und Zweifeln”, das Beamen von Raumschiff zu Planet ist Science-Fiction.

Aber zurück zum Elektro-Auto. Um zuverlässig fahren zu können, benötigt es keinen Zapfhahn, wohl aber einen Stecker. Mit dessen Hilfe wird Strom übertragen, der, weil er unsichtbar, geruch- und geschmacklos ist, nach allgemeiner Einschätzung aus dem Nichts kommt. Tut er aber nicht. Manchmal wird er von einem stinkigen ostdeutschen Kohlekraftwerk geliefert, weshalb unser Ministerpräsident Horst Seehofer neue Stromleitungen aus seinem Bayernland heraushalten möchte.

An dieser Stelle erhebt der Elektroauto-Produzent entschieden Einspruch. Heutzutage werde doch der Strom nahezu komplett aus Wind und Sonne produziert. Aber: Entstehen beim Herstellen von Windrädern und Solarzellen keine Schadstoffe? Und ist die Rechnung so falsch, dass beim Produzieren eines Autos mit Metallkarosserie so viel klimaschädlicher Dreck erzeugt wird, dass es selbst Benzinern kaum möglich ist, beim Herumfahren während ihres Autolenens eine vergleichbare Schadstoffmenge zu erzeugen?

Es ist kompliziert. Weshalb wir alsbald verschärft eine ganz andere Botschaft bekommen dürften: Kohlendioxidfreien Strom gibt es nur aus dem Kernkraftwerk. Die Alchemisten der Atomindustrie gelten als besiegt. Ganz weg vom Fenster sind sie aber nicht.