SPD und ESC: Am Ende fehlen die Punkte

„Martin, lass‘ das Jodeln sein!“ Haben Parteistrategen der SPD vor ein paar Wochen diese Devise ausgegeben? Es scheint – im übertragenen Sinne – so zu sein. Denn wenn man die bei großen Verlierer des Wochenendes hernimmt, nämlich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die junge ESC-Sängerin Levina, so zeigen sich überraschende Parallelen. Es fehlt am Mut.

Beim selbstverständlich völlig unwichtigen Euro-Gesangswettbewerb kennen wir in den letzten Jahren diesen Ablauf: Es wird eine bis dahin unbekannte Kandidatin aus dem Hut gezaubert, die dann mit einem Lied der Kategorie „ordentliches Handwerk“ losgeschickt wird, um den Kontinent samt asiatischer Randgebiete zu erobern. Sie treffen zuverlässig die Töne und stehen gemäß Show-Handbuch ordentlich auf der Bühne – um schließlich von den seltsamsten Gestalten überholt zu werden.

Dieses Mal sind dem deutschen Beitrag unter anderem meilenweit vorausgeeilt: Eine rumänische Jodlerin, ein kroatischer Jung-Moshammer, ein italienischer Tanz-Gorilla und ein auf einer Haushaltsleiter stehender Mann mit Pferdekopf. Gewonnen hat ein verpeilt wirkender Portugiese, der einfach nur ein ganz anderes, nämlich leises Lied gesungen hat.

Das war nicht alles schön, aber es war durchwegs gewagt. Womit wir bei der SPD sind. Auch sie hat einen Neuen gekürt, welcher zunächst eine gewaltige Euphorie entfacht hat. Es schien möglich, dass die deutsche Politik neu erfunden würde. Mit gerechten Themen, mutigem Denken und überraschenden Bündnissen. Doch dann hat sich die Partei offenbar darauf besonnen, so zu sein, wie man sie immer gekannt hat. Ordentlich, zuverlässig, lösungsorientiert  – eine Regierungspartei im besten Sinne.

Anders gesagt: Es wirkt, als würde die SPD versuchen, die Union zu überflügeln, indem sie wie die Konkurrenz auftritt. Ein staatstragender Martin Schulz gegen Angela Merkel? Da nehmen die Menschen offenbar lieber das Original.

Aber dieser Armin Laschet war doch auch bloß langweilig. Eigentlich gar kein Kandidat, von dem man ein Ideen-Feuerwerk erwarten würde. Eben. Beim ESC hat der leise Sänger so völlig gegen den Strom gewonnen. Für’s Jodeln hat die Union die CSU. Der SPD bleibt erstmal Melancholie im Portugal-Format.

 

 

Die verdächtige Unschuld des Wolfgang Schäuble

Unser Finanzminister Wolfgang Schäuble wird Mitte September dieses Jahres 75 Jahre alt. Aktuell spricht wenig dafür, dass er einer künftigen Regierung nicht angehören wird. Zumal man ihm bestätigen muss, dass er offen ist für eine neue Erkenntnis. Zum Beispiel diese: Deutschland Handelsüberschuss ist zu hoch.

Dies hat er über die für besonders wichtige Verlautbarungen genutzte Zeitschrift Der Spiegel bekannt gegeben. Der Finanzminister bestätigt, dass wir es mit dem Exportweltmeistertum übertreiben. Im gleichen Atemzug stellt er aber klar: Mit der Politik habe das nichts zu tun. Die deutsche Wirtschaft sei eben überragend leistungsfähig.

Das sind, mit Verlaub, ziemlich dreiste Fakenews. Und das nicht bloß, weil es prinzipiell verdächtig ist, wenn ein Politiker Erfolge nicht für sich reklamiert.

Selbstverständlich verfügt dieses Land über einige clevere Weltmarktführer. Ihnen wurde aber durch die Politik kräftig auf die Sprünge geholfen. Die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder haben die Bedingungen für neoliberales Handeln der Unternehmer deutlich verbessert. Nehmen wir bloß die befristeten Arbeitsverträge. Sie sind, wie in einem ironischen Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit dargestellt wurde, inzwischen ein wirksameres Verhütungsmittel als die Pille oder Kondome. Was Löhne und Gehälter angeht, leben deutsche Arbeitnehmer im Jahr 1990. Sie sind hinter ihre Nachbarn zurückgefallen, weshalb diese unter Druck geraten, sich den Super-Exporteuren anzupassen. Was sollte man gegen Billig-Konkurrenz sonst auch tun?

Doch woher der Sinneswandel? Das hat mit der Wahl in Frankreich zu tun. Einen Donald Trump konnte man gut als unfähig oder durchgeknallt in die Ecke stellen. Man hatte ihn ja nie gewollt. Aber dieser smarte Emmanuel Macron war unser absoluter Wunschkandidat. Weshalb wir helfen müssen, dass unser gallischer Nachbar konkurrenzfähig wird. Der neue Präsident soll ja wenigstens einige Wahlversprechen erfüllen können.

Spannend allerdings wird die Frage, wie das geregelt wird. Werden deutsche Unternehmen aufgefordert, ihre Produkte zu verteuern? Oder bekommen die Beschäftigten wieder einen größeren Teil vom erarbeiteten Wohlstand?

Unsere Präferenz ist klar. Aber es kann auch passieren, dass gar nichts passiert. Dann nämlich, wenn sich unser Minister entschließt, in Reden vor Unternehmern für maßvolles Exportieren zu werben. Er wird das ausreichend engagiert tun, damit es als Talkshow-Thema taugt. Aber am Ende wird er sagen: „Excuse, entschuldige, Emmanuel. Die Politik in Deutschland kann für höhere Löhne nichts tun. Das müssen Unternehmen und Gewerkschaften regeln. Es ist ausschließlich die Sache der Wirtschaft.“

 

 

 

 

Mit Stahlhelm in der Parallelgesellschaft

  • Was ist bloß aus unserer Bundeswehr geworden? Wie kann es sein, dass unsere Soldaten regelrechte Hausaltäre für die Wehrmacht errichten? Warum misshandeln sie ihre Kameraden? Woher kommt dieser offensichtliche Rechtsruck? Fragen wie diese gehen uns gerade durch den Kopf. Begreifen fällt schwer.

Zunächst hatten wir gedacht, dass dieser Bundeswehroffizier, der sich als Flüchtling ausgegeben hat, um in dieser Inkarnationsform einen Anschlag zu begehen, ein verrückter Einzelgänger wäre. Jetzt wurde ein mutmaßlicher Komplize verhaftet. Das Ganze erinnert an die Sache mit den so genannten Reichsbürgern. Auch da mochte man meinen, dass eigentlich kein Mensch so denken kann. Und dann zeigt sich nach und nach, dass es eine ganze Menge solcher Staatsfeinde gibt.

Aber unsere Bundeswehr? Diese Armee, von der wir bisher dachten, dass sie aus demokratisch denkenden „Staatsbürgern in Uniform“ bestehe? Wie konnte sie sich in manchen Kasernen zu einer gefährlichen Parallelgesellschaft entwickeln?

Wahnsinnig viel war dafür nicht nötig. Die Strukturen waren schon vorhanden. Die Bundeswehr hatte immer ihre eigenen Regeln und Rituale. Auch die Sprache war sehr besonders. Offiziere trafen sich zum „Bier-Call“, Rekruten bekamen als Teil seiner Grundausstattung eine „Hose, Bade, blau“.

Stark verändert hat die Armee gewiss die Aussetzung der Wehrpflicht. Es fehlen junge Soldaten, die im Herzen Zivilisten sind. Stattdessen entstehen die typischen Probleme einer Berufsarmee: Soldat wird, wer nichts anderes findet oder zumindest geringe Chancen hat. Er kommt also potenziell aus wirtschaftlich schwachen Gebieten. In einer geschlossenen Gemeinschaft anerkannt zu sein, ist da bestimmt attraktiv.

Die Bundeswehr als Parallelgesellschaft, also. Das mag sein. Aber hat sich die Gesellschaft um ihre Armee bemüht? Wenn ein Soldat in Afghanistan gerade eine wilde Schießerei gerade so überstanden hat und sich dann überlegt, ob das daheim jemand interessiert, würde er wohl zum Resultat kommen, dass es den Menschen, für die er im Einsatz ist, egal ist.

Motiviert unsere Demokratie zur Demokratie? Die Frage ist erlaubt.

 

 

 

 

 

Gut, dass es die Franzosen gibt

Und wieder eine Wochenende der Schicksalwahlen: In Schleswig-Holstein geht es um die weiteren Aufstiegschancen von Martin Schulz. In Frankreich darum, ob eine rechtsextreme Kandidatin die Lizenz zum Zerstören der Europäischen Union bekommt. Bleiben wir bei Letzterem. Weil es bedeutender ist.

An dieser Stelle könnte sich Protest regen. Was interessieren uns die Franzosen? Wir sind Exportweltmeister und die klügste und fortschrittlichste Nation überhaupt. Unseretwegen kann jeder die EU verlassen. Dann regeln wir die Dinge – bestmöglich für die Menschen, versteht sich – in eigener Regie.

Einspruch! Das stimmt so nicht. Das Kernland des gesellschaftlichen Fortschritts war Deutschland beileibe nicht immer. So galt bei uns bis zum Jahr 1958 dieser Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuches (alte Schreibweise): „Hat sich die Frau einem Dritten gegenüber zu einer von ihr in Person zu bewirkenden Leistung verpflichtet, so kann der Mann das Rechtsverhältniß ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kündigen, wenn er auf seinen Antrag von dem Vormundschaftsgerichte dazu ermächtigt worden ist. Das Vormundschaftsgericht hat die Ermächtigung zu ertheilen, wenn sich ergiebt, daß die Thätigkeit der Frau die ehelichen Interessen beeinträchtigt.“ Was bedeutet: Wenn die Frau wegen einer Berufstätigkeit daheim nicht in seinem Sinne funktioniert, kann der Mann ihren Job kündigen.

Noch etwas anderes: Das Recht auf eine gleiche Bezahlung von Mann und Frau für gleiche Arbeit gilt in der EU seit 1977 und ist inzwischen ein Grundrecht. Zu verdanken ist das Frankreich. Dort war das Thema längst Gesetz und die Regierung machte sich Sorgen wegen einer eventuellen Billig-Konkurrenz in anderen Staaten.

Den Franzosen ist auch zu verdanken, dass wir länger Urlaub haben. Bis in die 70-er Jahre waren bei uns drei Wochen Jahresurlaub der Mindestanspruch. Unsere Nachbarn konnten vier Wochen schon seit 1928 nehmen. Dss Urlaub nach längerer Krankheit nicht schon zum 31. März des Folgejahres verfällt, ist eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, an die sich die EU-Mitgliedsstaaten halten müssen.

Wenn man sieht, wovon unsere deutschen Exportweltmeister-Arbeitgeber so träumen, sollten wir froh sein, dass es europäisches Recht. Und natürlich die renitenten Franzosen, die ihre 35-Stunden-Woche nicht so einfach gegen ein Rund-um-die-Uhr-Jobben hergeben.

Ja, aber was ist mit Martin Schulz? Wenn wir ehrlich sind, war von Anfang an klar, dass es mit ihm – vielleicht mit geänderten Kräfteverhältnissen – in Richtung neue GroKo ginge. Das ist wohl zu schaffen. Der Mann wird auch seine Niederlagen überleben.

217 Jahre Arbeit für Gerechtigkeit

Was ist gerecht? Weil gerade 1. Mai war und weil ein paar Wahlen  vor der Tür stehen, wird diese Frage gerade wieder leidenschaftlich diskutiert. Haben alle die gleichen Chancen? Ist der Wohlstand gerecht verteilt? Lohnt sich Leistung immer? Ja, so möchten wir unsere Gesellschaft gerne haben. Doch das ehrliche Fazit lautet: Nette Idee. Aber träumt weiter!

Nehmen wir doch diese Zahl: In Deutschland werden pro Jahr rund 300 Milliarden Euro vererbt. Das Aufkommen an Erbschaftssteuer lag zuletzt bei 6,4 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass sich dieses Land den Luxus gönnt, einen leistungsfrei erworbenen Wohlstand mit 2,1 Prozent zu besteuern. Man erinnert sich an Guido Westerwelles Wort von der „spätrömischen Dekadenz“. Der frühere FDP-Vorsitzende wollte damit die ruinöse Ausbeutung des Staates durch Sozial-Schmarotzer anprangern. Bezogen auf die Erben passt der Begriff besser.

Nun blinken bei den besonderen Gerechten,  zum Beispiel in der CSU, die Warnleuchten. Wer Kapital erbe, lebe nicht automatisch in Saus und Braus.  Er sichere vielmehr als fürsorgerlicher Unternehmen viele Arbeitsplätze. Eine hohe Erbschaftssteuer schade bloß dem Standort. Also Finger weg vom hart Erarbeiteten der Eltern und Großeltern. Keiner wird wollen, dass die Startphase junger Unternehmer mit einer Bruchlandung endet. Aber unsere heutige Staatsräson lautet doch so: Wer reich ist, soll das bleiben.

Nehmen wir Vorstände von DAX-Unternehmen. Ihr durchschnittliches Jahreseinkommen beträgt fünf Millionen Euro. Nun kann jeder kalkulieren, wie lange er bräuchte, diesen Betrag zu erarbeiten. Das Vollzeit-Jahreseinkommen einer Verkäuferin liegt bei 23.000 Euro. Sie bräuchte demnach 217 Jahre, um mit dem Ein-Jahres-Vorstand mithalten zu können.

Ist das gerecht? Die Frage ist allenfalls rhetorisch. Aber sie muss gestellt werden. Ungleichheit zerstört die Gesellschaft. Wer Umverteilung fordert, dient dem Staat. Alsdenn: Trauen wir uns. Bloß keine falsche Scheu.

Donald Trump: Er bleibt ein Typ zum Fürchten

Es ist doch alles gar nicht so schlimm. So seufzt mancher erleichtert nach 100 Tagen Donald Trump. Der nach eigener Einschätzung tollste US-Präsident aller Zeiten habe einige Dämpfer bekommen. Manches an seiner Politik wirke schon sehr normal. So werde das auch weitergehen. Wenn wir uns da bloß nicht täuschen.

Richtig ist, dass Donald Trump einige Aha-Erlebnisse gehabt hat. Weder ist es leicht, per Dekret Muslime von den USA fernzuhalten oder eine Krankenversicherung zu zerstören. Die von Mexiko bezahlten Mauer bleibt wohl auch eine Illusion. Und setzt der Präsident nicht wunderbare Zeichen, indem er in Sachen Berater den Widerling Bannon abserviert und dafür seine hübsche Tochter hinaus in die Welt schickt?

Trotzdem haben wir allen Grund, uns vor diesem Mann zu fürchten. Er entdeckt nämlich nach und nach, wie er seine Macht wirksam anwenden kann. Und er hat gelernt, dass auch der größte Versager an der Spitze der Weltmacht USA die Menschen hinter sich bringt, wenn er Marschbefehle für Atom-U-Boote gibt, Raketen abschießen oder Bomben abwerfen lässt. Hinter einem Kriegsherrn schart sich das Volk zuverlässig.

Tabus sind nicht sein Ding. Oder hätte er sonst die „Mutter aller Bomben“ über dem Territorium eines verbündeten Staates abwerfen lassen? Fragen wir uns doch, was in Deutschland los wäre, wenn dieses Zerstörungs-Monstrum nach Evakuierung der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern aufschlagen würde, weil die USA dort ein Terroristen-Nest vermutet haben?

Wir würden es kaum so gelassen sehen wie jetzt, wo es bloß um dieses Afghanistan geht.

Dieser US-Präsident wirkt auf uns manchmal wie ein schlechter Soap-Darsteller oder eine Karikatur. Harmlos doof ist er deswegen nicht. Auch Clowns können der Horror sein.

Amtliche Fake-News stinken extra-übel

Fake-News sind zurzeit das große Thema. Die Welt sei voller populistischer Bösewichte,  die uns mit dem Verbreiten von Lügen manipulieren wollen, heißt es. Zum Glück gibt es Qualitäts-Medien, die Fakten checken und Falsches aussieben. Was aber, wenn angebliche Fakten von Amts wegen gelogen sind? Nennen wir es Diesel.

Es ist noch nicht lange her, da wurde uns dieser Antrieb als umweltfreundlichste Form des Autofahrens präsentiert. Passé waren die dunklen Rußwolken, die uns im Winter rätseln ließen, ob der brave Mann vor uns vielleicht doch Heizöl getankt hat. Dieselmodelle bekamen Namen, die eher nach Ökosiegel als nach Abgas klangen. Und überhaupt: Der Verbrauch sei genial niedrig.

Das galt als nachprüfbare Wahrheit. Es kam ja von oben und zudem von der mutmaßlich besten Autoindustrie der Welt. Die Medien trugen die Botschaft weiter. Im Vertrauen, dass Minister oder Dax-Vorstände keine Gauner seien.

Die Wahrheit ist wohl eine andere. Es darf vermutet werden, dass Experten des Umweltministeriums längst wussten, dass Dieselmotoren keine Umweltengel sein können.  Aber sie saßen am Tisch mit dem Wirtschaftsministerium und Kanzler/-in, der oder die vor der Sitzung den Chef eines Autobauers am Telefon hatte.

Klimawandel  schön und gut. Aber wenn es um Arbeitsplätze und Dividenden. geht, dürfen Mensch und Natur nicht so zimperlich sein. Und die Fakten auch nicht.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Tag ohne News,  wonach der Diesel schlimmer sei als jemals gedacht. Alles auf der Grundlage von Tatsachen, versteht sich.

Wir sind erleichtert.  Doch irgendetwas stört: unsere Lebenserfahrung.  Wir wissen ja, dass Industrie und Regierung mit wachsender Verzweiflung versuchen, Elektromobilität populär zu machen. Kann es sein, dass es hilft, wenn Konkurrenztechnik kaputt geredet wird?

 Lassen wir die Frage stehen. Stellen wir aber auch fest: Elektroautos sind nicht emissionsfrei. Wer das behauptet, lügt. Fake-News, nächste Runde?

Markus hätte mögen wollen. Doch Horst hat Spaß

Es ist doch schön, wenn in diesen bewegten Krisen auch einmal das Erwartete passiert. Jetzt war es soweit: Horst Seehofer hat verkündet. dass er auch über das Jahr 2018 hinaus CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident bleiben möchte. Das war so klar, dass es eigentlich gar keine Nachricht ist.

Aber halt: War da nicht was? Hatte nicht Seehofer selbst im Oktober 2016 erklärt, dass er im Laufe des Jahres 2017 eines der beiden Ämter abgeben würde? Was durchaus vernünftig erschien, schließlich wäre Horst Seehofer am Ende der nächsten Wahlperiode 74 Jahre alt. Der Gesündeste ist er wohl schon heute nicht.

Doch das ist zu rational gedacht. Schließlich ist ein bayerischer Ministerpräsident laut Seehofers Bekundungen damit beschäftigt, die Vorstufe zum  Paradies zu gestalten. Wenn jemand mit diesem Auftrag mit einen zurückgetretenen Papst zu dessen 90. Geburtstag das Bierglas erhebt, streift ihn der weiße Mantel der jahrtausendealten Kirchengeschichte. Und ein politisches Amt bekommt spirituelle Aspekte. Da geht man nicht kurz nach Erreichen des Rentenalters.

Hinzu kommt, dass Horst Seehofer die Kunst der Komplett-Wendung beherrscht. Was er als Träger des Karl-Valentin-Ordens auch darf. So hat der begnadete  Münchner Komiker einst darüber sinniert, dass sich bei jeder Wissenschaft am Schluss oft herausstelle, dass alles ganz anders war. Das kennt man vom CSU-Chef, der zudem keine Nachfolger sieht, mit denen er sich selbst abfinden könnte: Alexander Dobrindt ist trotz seines heldenhaften Einsatzes für die Pkw-Maut ein politisches Leichtgewicht. Ilse Aigner, ist, nun ja, eine Frau und im Amt der Wirtschaftsministerin aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Karl-Theodor zu Guttenberg ist noch nicht ausreichend rehablitiert. Joachim Herrmann muss erst einmal Berlin überleben.

Ja und Markus Söder? Er hätte mindestens den Ehrgeiz, Seehofer zu beerben. Aber er wird vom Übervater nicht gemocht. Zudem ist er evangelischer Mittelfranke und somit im oberbayerischen Mini-Paradies nicht recht zu vermitteln.

Für ihn gilt somit unverändert das Karl-Valentin-Zitat: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“ Er muss das ertragen und sich ansonsten darauf einstellen, dass die Frage des letztendlichen Alpha-Tieres der Freistaats auf die chinesische Art entschieden wird: „Setze dich an einen Fluss und warte bis die Leiche deines Feindes vorübertreibt.“

Wer immer das dann ist. Markus Söder hat bei der Einweihung der Badebucht am Wöhrder See in Nürnberg bewiesen, dass er beim Schwimmen den Kopf über Wasser halten kann. Doch auch Horst Seehofer hat seinen Konfuzius gelesen:  „Vergiss niemals, dass du nur auf die Welt gekommen bist, um verehrt und geliebt zu werden.“ Ganz sicher, genau das wird nicht passieren.

Radfahren ist das neue Abnehmen

Na, wenn das kein hoffnungsvolles Zeichen ist: 71 Prozent der Deutschen sind bereit, in Zukunft häufiger mit dem Fahrrad zu fahren. Massenhafte Fortbewegung ohne Kohlendioxid und Feinstaub also. Unser Planet kann gerettet werden.

Die Wirkungen des Radelns sind uns wohlbekannt. Es stärkt die Waden und pumpt Sauerstoff ins Gehirn. Andererseits verwandeln sich auch brävste Autofahrer in Verkehrsrowdys, die die Existenz roter Ampeln negieren und alte Leute oder Hunde erschrecken.

Jedenfalls darf diese Fortbewegungsart als abgasfrei gelten. Was uns zur Frage bringt, was sich im Zuge unserer famosen, atomfreien Energiewende verändert hat.

Die Antwort: Wenig bis nichts. Wir produzieren weniger Atommüll, verbrennen aber eifrig Kohle. Wir rauchen weniger, fahren aber dickere Autos. Unser Fleisch kommt aus der Massentierhaltung, wir fliegen weiter in den Urlaub.

Und deshalb ist da zumindest der Verdacht,  dass es sich bei unserer neuen Bewegungsfreude um eine Absichtserklärung aus dem Reich der guten Vorsätze handelt.  Würden diese eingehalten, die Deutschen wären 500 Millionen Kilogramm leichter.

Sind sie aber nicht. Radfahren ist das neue Abnehmen. Es wird viel darüber geredet, aber dem Planeten hilft es nicht. Manchmal sehen wir eben die falschen roten Ampeln.

Der Sultan braucht Kontrolle

Wir leben in einer Epoche der knappen Entscheidungen. Erst der Brexit, dann ein neuer US-Präsident mit weniger Stimmen, aber mehr Wahlmännern. Und nun ein zweifelhafter Erfolg des nunmehr schier allmächtigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch mit einigem Abstand zum Referendum fragen wir uns: Was in aller Welt fangen wir damit an?

Wir hoffen auf Klarheit. Aber die gibt es hier nicht. Denn was kann ein Votum bewirken, das – wenn überhaupt – bloß ein bisschen mehr als die Hälfte der Wähler/-innen getroffen haben? Wahrscheinlich lässt es sich nur durch eine Politik der Unterdrückung der Opposition untermauern und umsetzen. Wir haben keine Zweifel, dass Erdogan so handeln könnte.

Für uns allerdings jagt ein Dilemma das andere. Wir können nicht verstehen, dass sich die Mehrheit eines Volkes von der Demokratie abwendet. Andererseits ist es deren Recht. Zeigen wir also der Türkei die kalte Schulter und boykottieren sie als Urlaubsland? Erscheint naheliegend, andererseits haben die Menschen in jenen Küstenregionen, in denen wir gerne Urlaub machen, beim Referendum überwiegend mit „Nein“ gestimmt. Müssten wir sie nicht unterstützen?

Ein anderes Thema sind die in Deutschland lebenden Türken. Sie haben das Referendum maßgeblich mitentschieden, zugunsten Erdogans. Man rätselt, wie es sein kann, dass etliche dieser Mitbürger/-innen den absurden Nazi-Vergleichen auf den Leim gegangen sind. Wir müssen wohl einräumen, dass unser Gesellschaftssystem nicht so attraktiv ist, wie wir das selber gerne hätten. Ist Integration vielfach fehlgeschlagen, weil  die Zuwanderer diese ablehnen? Oder weil keine Chancengleichheit herrscht?

Ansonsten: Erdogan bekämpfen, ist nicht unser Auftrag. Aber wenn man sieht, dass er noch vor der amtlichen Bestätigung seiner Erfolgs von der Todesstrafe schwandroniert hat, ist klar, dass dieser Mann vor allem eines braucht: Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Wer diese Arbeit erledigt, verdient unsere Unterstützung. Mehr können wir nicht tun. Besser als wegschauen ist es allemal.