Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?

Das Ladekabel, unsere Nabelschnur zur Welt

Die Biologie hat vorgesehen, dass wir uns mit der Geburt von unserer Mutter abnabeln. Wir werden hineingeworfen in ein Leben, in dem wir fortan zusehen müssen, dass wir das Beste daraus machen. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Es gibt eine für unser Überleben notwendige Schnur:  das Ladekabel.

Es hat Zeiten gegeben, in denen uns Steckdosen egal waren. Sie waren da, wurden in unserer rebellischen Jutetaschen-Phase aber als hässliches Symbol für die Macht der Atomkonzerne angesehen. Ob unser Ausflugsziel, das alte Landgasthaus im Wald, über Stromanschluss verfügt hat, hat uns nicht interessiert. Hauptsache, die Bratwürste waren knusprig und das Bier hat geschäumt.

Wer heute ein Wirtshaus betritt, scannt zunächst den Raum, blickt um sich und schaut unter die Tische. Gilt es doch, jenen Platz zu finden, der einer Steckdose am nächsten ist. Wir brauchen den Strom, da wir auf alle Fragen, die sich am Biertisch ergeben, schnellstmöglich die richtigen Antworten liefern wollen. Wenn wir uns während eines Einkaufsbummels vom Barista einen kunstvoll sahnegekrönten Cappucino zubereiten lassen, tun wir das vielleicht nur, weil wir unser Smartphone nachladen wollen. Schließlich müssen wir checken, ob es das karierte Kaufhaus-Hemd beim Onlineversand nicht doch günstiger gibt.

Das Ladekabel ist also segensreich. Es verbindet uns mit anderen, gibt unserer Kommunikation Sinn und Verstand und legt Wucherern im Einzelhandel das Handwerk.

Aber das Ladekabel kann auch ein Fluch sein. Wenn wir es verlegt oder irgendwo vergessen haben, ist der Stress riesengroß. Wir hadern mit der Welt, die nicht mehr mit uns sein will. Das macht uns zornig.

Zwei Prozesse vor dem Nürnberger Landgericht haben dies in den letzten Wochen bewiesen. In beiden Fällen hatten Menschen eine Nacht lang miteinander gesoffen. Am nächsten Tag stellten die jeweiligen Gäste fest, dass sie ihre Ladekabel vergessen hatten. Sie kehrten zurück zum Ort der Partys und erkannten, inzwischen im nüchternen Zustand, dass die trinkfesten Kumpels der letzten Nacht in Wirklichkeit Deppen sind, die eine Abreibung verdient haben Es kam zu eigentlich grundlosen Tätlichkeiten, ein Beteiligter wurde fast totgeprügelt.

Was lernen wir daraus? Moderne Menschen brauchen ihr Ladekabel. Aber manchmal sollten wir darauf verzichten. Die Welt dreht sich auch ohne unsere Nabelschnur – und manchmal ist das sehr schön so. Ein Picknick am See könnte ein guter Versuch sein…

Das Männerleid in der Fußballprärie

Es gibt Tabus, letzte Tabus – und allerletzte Tabus. An eines davon hat sich jetzt das ZDF herangewagt. Eine Frau, jawohl eine Frau, kommentiert Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Viele Fans haben die Fassung verloren. In den Sozialen Netzwerken tobt der Shitstorm. Dort schimpfen, geifern und hetzen  sie und wüssten doch bloß gerne: ZDF! Warum?

Claudia Neumanns Reportagen sind weder schlechter noch besser sind als die Beiträge ihrer männlichen Kollegen. Aber um inhaltliche Qualität oder ähnliches Gedöns geht es beim aktuellen Aufruhr gar nicht.

Sondern darum, dass hier eine Frau in eines der letzten Refugien des Mannes eindringt. Fußball bedeutet Lagerfeuer. Der grüne Rasen ist die Prärie, auf die der Held des Alltags am Ende eines harten Tages schauen will. Und zwar am besten ungestört. Der männliche Kommentator ist der große Verbündete. Seine Stimmlage schwingt ideal mit dem kehligen Raunen der Fans.

Frauen hingegen ist in der Fußball-Galaxie eine andere Rolle zugedacht. Es ist okay, wenn sie sich über die Farben der Trikots, über die Frisur von Jogi Löw oder kurz vor dem Spiel über die schlampige Rasur von Mehmet Scholl aufregen. Sie dürfen auch nach der Abseitsregel fragen. Jedoch nur zur passenden Zeit. Pünktlich zum Anpfiff muss es aber gut sein.

Nicht hinnehmbar hingegen ist eine Einmischung in spezifischen Fachfragen. Wie man Räume enger macht, Zuspiele antizipiert, wie ein Stürmer einnickt, ohne einzuschlafen – all das ist Männersache. Deutschland gegen Nordirland, das ist kein Familienausflug. Es ist wie das Duell von Holzkohle und Bratwurst an Papas Grill.

„Den Weibern bringt Schweigen Ehre“, sagte schon der philosophische Linksverteidiger Sophokles im 5. Jahrhundert vor Christus. Lasst also Frieden herrschen unter den Geschlechtern. Bloß: Ist es nicht so, dass unsere Fußballfrauen reihenweise Titel sammeln, also doch so manches gut verstehen? Gut, darüber reden wir gerne wieder. Nach dem Finale, ab 11. Juli…

 

Lieber dick und dünn als bloß normal

Manchmal steckt Trost in der vermeintlich schlechten Nachricht. Gerade hat das Internationale Institut für Ernährungspolitik besorgt festgestellt, dass enorm viele Menschen weltweit entweder zu dünn oder zu dick sind. Seine für gesunde Essensgewohnheiten zuständigen Forscher zeigten ihr Unverständnis über die auch hier erlebbare Unvernunft unserer Spezies. Allerdings: Wenn Anderssein normal ist – dann ist das doch wunderbar.

44 Prozent aller Länder wichen, so das Institut, demnach in einem „sehr ernsten Maß“ von der Norm ab. Es gebe entweder starkes Untergewicht in den Mangelgebieten Asiens oder Afrikas. Oder aber dramatische Fettleibigkeit in reichen Gebieten wie den USA. Auch in Mitteleuropa sei eher mit Gicht und Diabetes denn mit Hunger zu rechnen. Es werde jedenfalls zu früh gestorben. Und auch die globale Wirtschaftsleistung könnte deutlich höher sein, wenn sich Menschen mit gutem Essen schlank hielten.

An dieser Stelle dürfen wir festhalten: Wenn es darum geht, ob uns ein Schnitzel oder ein gemischter Salat besser schmeckt, dürfen uns die famosen Weltkonzerne getrost im Mondschein besuchen. Jedenfalls sollte es uns nicht interessieren, ob Volkswagen das Design seiner Autositze ertragstechnisch optimieren könnte, wenn alle Menschen gleich gebaut wären.

Auch ist ein hohes Alters für sich betrachtet kein absolutes Ziel für alle Menschen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und wer sich dafür entscheidet, dass das ein bisschen unvernünftiger, dafür aber intensiver verläuft, sollte dies tun dürfen. Wer seine Zeitung auch als Hundertjähriger noch täglich lesen möchte, soll darauf genauso hinarbeiten können.

Jedenfalls sollten wir festhalten, dass ein Abweichen von der Norm keine Bedrohung ist. Es ist unsere Freiheit – und manchmal sogar eine Verheißung. In diesem Sinne: Ran ans Müsli. Oder an den Speck.

 

 

Hooligans sind schlechte Exportartikel

Deutschland ist eine Export-Nation. Manchmal aber schämt man sich für Deutsches im Ausland. Etwa dann, wenn ultraharte Fußballfans  verreisen.

Diese Hooligans sind erstaunliche Wesen. Sie randalieren immer. Selbst wenn ihre Helden gewonnen haben. Fußball ist demnach für sie tatsächlich  Nebensache. Hauptsache, es findet sich jemand, dem man ordentlich etwas auf die Lichter geben kann. Am besten einen, der noch ein bisschen besoffener, also hilfloser ist.

Fußball-Tourismus ist somit eine Ballermann-Tour mit anderen Mitteln. Es gilt, sich selbst die Birne vollzuknallen und sich so zu benehmen, wie man es zuhause nicht wagen würde. Es kennt einen ja keiner. Also rollt man in einer französischen Stadt die Reichskriegsflagge aus und setzt sich einen Stahlhelm auf. Um zu zeigen: Hier regiert Deutschland.

Man möchte einen vergitterten Transporter chartern und diese Typen seltsamen Menschen zurück nach Hause fahren. Aber andererseits: Waren Fußball-Fans nicht schon immer besonders doof? Von Randale am Rande von Leichathletik-Meisterschaften hat man noch nie gehört. Dagegen hat es eine lange Tradition, dass bei wichtigen Spielen mit dem runden Leder Sicherheitsstufen ausgerufen und Hundertschaften von Bereitschaftspolizisten in Gang gesetzt werden.

Und das Prügeln geht weiter, während sich die Idole in die Gegenrichtung entwickeln. Die Spieler machen ihr Abitur, sie machen Werbung für Hautlotion und tragen bunte Schuhe in Pastelfarben. Schriftsteller und Philosophen ergötzen sich an der Schönheit von Guardiolas Gedanken, während vor den Stadien die gelangweilten Lebensversager nach ihren derben Regeln spielen. Wer nichts zu verlieren hat, tritt besonders heftig zu.

Die Sicherheitskräfte sollten es vielleicht so probieren: Sie sollten die Wasserwerfer mit rosa Farbe füllen und die Springerstiefel umspritzen. Gewalt wirkte dann lächerlich. Vor allem aber: Die Fans wären ihren Helden wieder näher.

 

Die Stürme toben. Doch das wahre Grauen ist das Tier

Ach ja, diese Natur. Wo früher ein laues Lüftchen geweht hat, drehen heute Windhosen ihre Runden. Wo es getröpfelt hatte, werden Keller überschwemmt. Gewitter stoppen rebellisch gekleidete Rockmusiker. Und das ist noch längst nicht alles.

Für die Klimaforscher ist die Sache klar. Auch die Menschen in Deutschland bekommen die Quittung dafür, dass sie rücksichtslos mit dem Weltklima geaast haben. Das sagen sie trotz einer angekratzten Glaubwürdigkeit. Versprochen waren Palmen, Sandstrände und Cocktailbars entlang unserer Flussläufe. Stattdessen arbeitet die Natur augenscheinlich an einem skandinavischen Regenwald. Sollte es so weitergehen, werden wir uns in Zukunft nach jedem längeren Spaziergang die Flechten von der Übergangsjacke kratzen müssen.

Experten für Wasserbau neigen übrigens zum Widerspruch. Sie erklären, dass es schon immer schlimme Überschwemmungen gegeben hat. In der Tat: In den meisten Städten erinnern die Flut-Erinnerungstafeln an Ereignisse aus vergangenen Jahrhunderten.

Vermutlich liegt die Wahrheit, wie so oft im Leben, irgendwo in der Mitte. Das Klima hat einen Schaden weg. Aber das Wetter macht schon immer,  was es will.

Doch Glück ist nicht, dass man keinen Ärger hat. Glück ist, wenn man trotz alledem zurechtkommt. Das schaffen wir. Unser Leid wird nicht zu groß werden. Jedenfalls dann nicht, wenn es jungen Menschen nicht massenhaft die Ladekabel wegschwemmt. Die Natur mag die Natur sein. Aber wir sind immer noch wir.

Vergessen haben wir allerdings: DAS TIER! Der Wandel von der böse stinkenden Schwerindustrie und der mosantonischen Groß-Landwirtschaft zur verschämt müffelnden Dienstleistungswirtschaft schafft Lebensräume für Viecher, die wir nicht brauchen können. In Bayern wurde bereits ein Bär gesichtet – und erschossen. Wölfe durchstreifen weite Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns, in Berlin rufen Hotels in den Außenbezirken dazu auf, zum Schutz vor marodierenden Wildschwein-Rotten nachts sorgfältig die Türen zu schließen.

Und erschreckt hat uns auch diese Meldung: Ein Affe hat offenbar in ganz Kenia einen mehrstündigen Stromausfall ausgelöst haben. Unser naher Verwandter soll auf das Dach eines Kraftwerks geklettert und auf einen Transformator gefallen sein. Und dann ging nichts mehr. 80 Prozent der Stromanschlüsse in dem 45-Millionen-Staat sollen tot gewesen sein.

So gesehen sollten wir froh sein, dass das Wetter bei uns noch nicht allzu tropisch geworden ist. Tiere, die unsere Ladekabel nutzlos machen brauchen wir nicht. Wir wollen ja zurechtkommen. Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

Merkel und Seehofer – am Ende hilft die Biologie

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber es ging nicht mehr.“ So äußern sich frisch getrennte Menschen, wenn sie ihren Bekannten davon erzählen, warum ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Was aber würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen? Vielleicht das? „Wir haben uns beschimpft, beleidigt und verhöhnt. Aber wir können nicht ohne einander.“

Wer nun den Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ aus seiner Zitatensammlung holt, liegt daneben. Es geht hier um die Welt der Politik. Und diese dreht sich nach anderen Regeln als ein normaler Planet. Es geht manchmal um die Sache, immer aber um die Macht. Was bedeutet, dass sich die angeblich befreundeten Akteure noch nicht einmal mögen müssen. Die Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“ trifft in vielen Fällen zu. Bei unserem Traumpaaar der konservativen Politik sowieso.

Aber lässt sich dieses Zerwürfnis jemals kitten? Vermutlich nicht. Zwar hat Horst Seehofer gerade beteuert, dass er die Versöhnung mit Angela Merkel als „Chefsache“ betrachtet. Er will also auf Ilse Aigner als Paartherapeutin verzichten. Aber ganz ehrlich: Der CSU-Chef müsste schon ein ganz besonderer Mann sein, würde er sich nachhaltig um seine Beziehungskrise kümmern. Noch dazu mit dem Ziel, sich selbst zu ändern. Zumindest der private Seehofer hat sich auf diesem Feld bisher als Normalo erwiesen.

Und Angela Merkel? Sie wurde von ihrem bayerischen Freund auf offener Bühne abgekanzelt. Wobei das angesichts der tatsächlichen Bedeutung beider Personen so ist, als würde die Kapitänin eines Hochsee-Dampfers von einem Binnenschiffer degradiert. Sie muss das nicht akzeptieren.

Doch sie muss damit leben, dass er ihr erhalten bleibt. Die GroKo ist zur MiKo, zur mittelgroßen Koalition geschrumpft, weshalb die Kanzlerin nur darauf hoffen kann, dass ihre jetzige Koalition gerade so über die Ziellinie robbt und vier Jahre weitermachen darf.  Seehofer wäre nur noch als biologisches Problem vorhanden.

Es gibt Hoffnung. Doch schon jetzt fragt die Physikerin Merkel ihren Physik-Professor Sauer: „Schatz, kann man Zeitmaschinen wirklich nicht bauen?“

 

Der Präsident im Schlafzimmer

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan denkt und handelt, wie wir alle wissen, in ganz großen Dimensionen. Das sieht man, wenn er Paläste oder Flughäfen bauen lässt. Man erkennt es auch daran, dass er, ganz anders als die meisten EU-Regierungswarmduscher, unserer Kanzlerin Angela Merkel respektlos die Stirn bietet.

Dieser Mann hat den Mut, dem eigenen Größenwahn Taten folgen zu lassen. Erdogan äußert sich sogar in religiös anmutenden Fragen.  Weshalb zu fragen ist: Will dieser Mann der neue Papst werden?

Die Vermutung erscheint statthaft, seitdem sich der türkische Staatspräsident explizit zu Fragen der Fortpflanzung geäußert hat. Dieses Thema war schon immer auch eine Domäne der Kirche. Katholische Priester etwa leisten zwar den Schwur, niemals Sex zu haben, sehen sich aber gleichwohl im Recht, anderen Leuten vorzuschreiben, welchem Zweck dieser zu dienen habe: Der Fortpflanzung zur Freude Gottes. Auch Despoten beanspruchen seit jeher die Früchte der innerhalb ihrer Staatsgrenzen vorhandenen Leiber für sich.

Nun ist der Verzicht auf Verhütungsmittel eine offenkundigé Schnittstelle zwischen dem Denken Erdogans sowie der katholischen Lehre. Seine Berufung zuim Papst wäre somit vermutlich auf Jahrhunderte hinaus die beste Chance, das morgenländische Schisma, die Kirchenspaltung von 1054, zu überwinden. Damals erklärten sich der römische Papst Leo IX. sowie Patriarch Michael I. von Konstantinopel gegenseitig zu Glaubensdeppen. Seitdem ist auseinander, was – vermutlich aus der Sicht Gottes – zusammengehört.

Nutzen wir die Gelegenheit, ziehen wir einen Schlusstrich, erretten wir Franziskus aus der Verzweilfung, die in seinem Amt irgendwann kommen muss. Papst Recep I. würde nicht nur die Christen vereinen, er würde auch den Islam in den gemeinsamen Laden eingliedern. Er wäre so der allumfassende, dreifaltige Lehrer und geistige Vater der halben Welt.

Wir sagen: Amen, Amen und nochmals Amen. Doch jetzt: Genug gebetet, husch-husch ins Bettchen. Es gibt zu tun…

 

 

 

 

Herr Gauland, der Feldmarschall der Gartenzwerge

Und wieder hat Alexander Gauland das karierte Sakko felsenfest geknöpft, den ergrauten Schädel gesenkt und sich im Namen von Partei, Volk und islamfreiem Vaterland in den Gegenwind der herrschenden Meinung gestellt. Die Leute, so der stellvertretende AfD-Chef wollten den Fußball-Nationalspieler nicht als Nachbarn haben. Die Empörung ist groß. Ob es ihn juckt?

Ich gestehe, Jerome Boateng als Nachbar würde auch mir Probleme bereiten. Das hat aber ausschließlich mit der aus meiner Sicht verfehlten Wahl seines Arbeitgebers zu tun. Als lebenslanger Anhänger des 1. FC Nürnberg bekäme ich Seelenschmerz, wenn ich jeden Tag am Gartenzaun einem Deutschen, Welt- und Sonstwas-Meister in Diensten von Bayern München zulächeln müsste, während der Club meines Vertrauens eine Liga tiefer herumdümpelt. Aber diese diskriminierenden Gedanken fallen unter die Kategorie Sport. Sie regeln sich sowieso insoweit, als ich schon aus finanziellen Gründen niemals Nachbar von Neuer, Müller oder eben Boateng werden könnte.

Alexander Gauland dagegen ist ein wirklich schlimmer Finger. Dieser Mann ist nicht dumm, aber blöd. Blöd verhält er sich,weil er Parolen in Umlauf setzt, die er wahrscheinlich selber für krank hält. Er macht sich gemein mit Menschen, die er, wenn er nicht ihre Stimmen einsammeln wollte, nicht einmal mit der Kehrseite anschauen würde. Diese Verlogenheit in der Provokation macht den AfD-Vize besonders widerlich.

Erstaunlicherweise hat er mit dem Boateng-Gerede recht leichtfertig offenbart, dass sein Denken auf einem vorgestrigen, plumpen Rassismus beruht. Ein Schwarzer mit afrikanischen Wurzeln muss, egal ob hier geboren oder nicht, eine Gefahr sein, er muss mit diesem Propheten zu tun haben, vor dem AfD diese, unsere Gesellschaft unbedingt schützen will. Dumm bloß, dass Jerome Boateng ein gläubiger Christ ist, auf dessen linken Unterarm die Gottesmutter Maria tätowiert ist. Dieser Abwehrspieler schießt vielleicht Kerzen, aber niemals Minarette.

Falscher hätte das Opfer der Diffamierung also gar nicht sein können. Aber ein Gauland weiß, dass das nicht so schlimm ist. Hauptsache, dieses „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in den passenden Kreisen angekommen. Die Affäre bringt die AfD mächtig ins Gespräch. Und wenn es sein muss, zupft Frauke Petry das Röckchen zurecht und spielte die Empörte.

Nein, dieser Mann weiß, was er tut. Also geben wir ihm eine angemessene Aufgabe. Wir ernennen ihn zum Feldmarschall der Gartenzwerge und machen ihn so zu unserem Nachbarn. Als Anführer schmückt ihn die passende Armbinde: Mit der Aufschrift „Ordner“, mit drei schwarzen Punkten oder doch mit dem ……………? Entscheiden Sie selbst.

Was auch passiert: Die Brust muss schön sein

Sind wir besorgt? Gestresst? Genervt? Macht nichts. Im Zweifel gilt in dieser Gesellschaft die aus Berlin überlieferte Devise: Seien wir arm, aber sexy.

Tatsächlich ist die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland nach Daten der wichtigsten einschlägigen Ärzteverbände 2015 um rund neun Prozent gestiegen. Die Vereinigungen mit den optisch recht hässlichen Abkürzungen  VDÄPC und DGCÄP haben 43.287 ästhetisch-plastische Eingriffe gemeldet, 3500 mehr als ein Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Schönheitsoperationen wird auf etwa das Doppelte geschätzt. Was läuft da ab?

Zunächst folgt das Geschäft mit dem Ästhetik-Schnippeln einem ansonsten überwundenen Geschlechter-Schema. Der Männeranteil bei den Patienten liegt bei zwölf Prozent. Um die Brust geht es dabei sehr oft. Häufigster Eingriff bei den Frauen war die Brustvergößerung, bei Männern die Brustverkleinerung. Würde die Gesellschaft akzeptieren, dass nicht jedes Dirndl ausgefüllt werden muss, dass aber die Östrogene im Bier dafür sorgen, dass Männer die größeren Büstenhalter brauchen – alles wäre in Butter.

Auch das Oberlid ist so ein Reiz-Thema. Würden wir ertragen lernen, dass wir – ganz altersgemäß – immer ein bisschen müde, dafür aber listig aussehen, wären wir ein paar Sorgen und die Chirurgen ihr zweitbeste Einnahmequelle los. Aber stattdessen wird gestrafft, was die Haut hergibt.

Tja, Schönheit, oder das, was manche dafür halten, befördert die Karriere. Sie lässt uns hoffen, dass Tod und Verderben besiegt werden können, weil uns der Sensenmann als viel zu jung anschaut.

Deshalb werden die Skalpelle der Chirurgen in Zukunft noch mehr glühen. Aber vielleicht denken wir bei alldem zu kurz. Ohne die Reparaturkosten für unser Äußeres hätten wir uns viele andere schöne Dinge leisten können. So aber schieben wir unsere Rollatoren mit vollen Lippen, straffen Brüsten und angelegten Ohren. Die Erotik der Gehilfe wird neu definiert. Aber sexy ist das eher nicht.