Fast null ESC-Punkte. Es hätte schlimmer kommen können

Unsere Erwartungen haben eine große Macht über unser Empfinden und über das, was letztlich passiert. Diese These wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Universität Würzburg untermauert. Womit wir beim Eurovision Song Contest wären.

Den fränkischen Forschern haben belegt, dass wir Schmerzen besser aushalten, wenn man uns vorher verspricht, dass wir nicht viel spüren werden. So ist das auch mit dem großen Liederwettbewerb. Wir gehen, ganz egal wer da singt, fest davon aus, dass sich Deutschland vor 200 Millionen Zuschauern einmal mehr blamieren wird. Anders als bei Ballsportarten reden wir nicht vom Sieg, sondern davon, ob es diesmal vielleicht nicht der letzte Platz sein müsste. Diese Bescheidenheit hilft. Die große Niederlage lässt Volk und Regierung ziemlich kalt.

Richtig so, denn Deutschland gilt, trotz Beethoven, Wagner und Bohlen, der Welt als Land der Dichter und Denker, nicht aber als Nation der Komponisten. Wir bauen wunderbare Autos mit ungewissen Abgaswerten, haben die besten Kettensägen konstruiert und sind bei zahllosen Produkten Marktführer.

Besoffene Geselligkeit ist eines unserer weiteren Haupt-Kompetenzfelder. Weshalb der aktuelle Beitrag wohl auch verwirrend war. Das Kleid der Sängerin Jamie Lee würde bei  Trinkfesten und Trachtenpartys als Polyester-Designer-Dirndl durchgehen. Aber ein Titel wie „Ghost“ und der abgedrehte Kopfschmuck hätten besser zu Island gepasst. Oder zu anderen mystischen Gegenden. Was den einzigen Jury-Punkt aus Georgien erklären kann.

Doch was mit der Politik? Damit, dass sich Europa und sogar Australien gegen Russland verschworen haben? Traf uns nicht ein viel schlimmeres Komplott? Sagen wir so: Wir müssten uns nicht wundern. Wir exportieren neben famosen Produkten auch Arbeitslosigkeit, indem wir uns durch jahrelange Mini-Lohnerhöhungen und Hartz-IV-Gesetze mit weitaus ärmeren Ländern konkurrenzfähig gemacht haben.

Ja, die Rache ist gelungen. Wenn auch nicht perfekt. Der ESC muss in Europa ausgetragen werden. Hätte nun Australien gewonnen, hätten die anderen gewiss auf uns brave Gebührenzahler gezeigt. Dem Vernehmen nach war München als Austragungsort schon ausgehandelt. Dann aber wäre der Song-Wettbewerb mit der 27. Meisterfeier des FC Bayern zusammengefallen.

Sicherheitstechnisch ein unlösbares Problem. Wir hatten somit Glück im Unglück. Ein Hoch auf die Krim-Tartaren.

 

 

Im Atem steckt Begeisterung

Schön und pur ist die hohe Wissenschaft immer dann, wenn sie sich daran macht, scheinbar zweckfrei die letzten Geheimnisse unseres Daseins zu entschlüsseln. Genau so, wie dies gerade Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universi­tät in Mainz tun: Sie behaupten, an der Zusammensetzung der Abluft von Kinos feststellen zu können, wie das Publikum einen Film findet.

Zunächst fragt man sich: Was soll das, woran erinnert uns das? Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, sollte man am besten Wissenschaftler sein. Dann weiß man, dass das Forschen auch dann Sinn hat, wenn es ohne Ziel geschieht. Es gibt viele Erfindungen, deren Nutzen sich erst dann gezeigt hat, als sie bereits gemacht waren. Teflon wurde für die Raumfahrt erforscht. In den daraus gemachten Pfannen brutzeln heute die schönsten Schnitzel dieser Welt.

Teil zwei der Frage führt uns direkt zu einer inzwischen weithin vergessenen Fernsehshow: Willkommen bei „Wetten, dass…?“.  Wir denken an zahllose abstruse Prüfungen.  Emotionsnachweis via Abluft ist kaum anders als das Erkennen von Buntstift-Farben am Geschmack.

Unsere Kino-Forscher jedenfalls betrachten die mit Hilfe eines Massenspektrometers gemessenen Werte als eindeutig. Man könne sicher darauf schließen, ob Komik, Dialog oder Kampf gezeigt wurden. Besonders klar sei, so die Mundgeruchs-Analytiker, die chemische Signatur der „Tribute von Panem“ gewesen. Menschen atmeten mehr als 800 chemische Verbindungen in winzigen Mengen aus. Diese könnten sichtbar gemacht wer­den. Der­zeit werden die Daten von „Star Wars“ ausgewertet.

Die Werbeindustrie nimmt diese Chance, die Menschen auszuforschen, gewiss dankbar entgegen. Wir fragen allerdings, wie es zu werten ist, wenn Zuschauer aus Langeweile wegdösen. Etwa während eines Beitrages aus der Reihe „Bayern München kämpft um die Deutsche Meisterschaft.“

Und uns fehlt Klarheit hinsichtlich der Frage, ob die Art der Gastronomie an den Zugängen zum Kino Einfluss auf die Abluft-Analyse hat. Vielleicht war es kein Vampir-Film. Es war der Döner-Stand.

Der Türke. Der Syrer. Der Nordafrikaner.

Also zitierte der Innenminister sein Flüchtlings-Einmaleins: „Türken sind leichter zu integrieren als Syrer. Syrer sind leichter zu integrieren als Nordafrikaner.“ Diese Sätze klingen harmlos. Sie könnten, wie es so schön heißt, an jedem Stammtisch so gesagt werden. In diesem Fall saß Thomas de Mazière auf einem Talk-Show-Sofa. Er fühlte sich mit seiner Aussage richtig wohl. Ich finde, zu Unrecht.

Seine Worte spiegeln unsere Vorurteile wider. Wenn wir auf Muslime schauen, erkennen wir keine Vielfalt. Wir meinen, dass es „den Türken“ gibt, der eben so ist, weil er irgendwo zwischen Istanbul, Ankara und Diyarbarkir lebt. Zwischen dem Mitarbeiter einer großstädtischen Werbeagentur und einem ostanatolischen Kleinbauern sehen wir im Grunde keinen Unterschied. Ja, man kann sie in unsere Gesellschaft eingliedern. Aber nur, wenn man ihnen die rotzige Frechheit und das verrückte Macho-Gehabe ihres Staatspräsidenten austreibt.

Nach schwieriger wird es, wenn man unserem Minister folgt, mit „den Arabern“. Wir haben uns seit langem darauf geeinigt, dass es sich hier um ein rückständigen Teil der Menschheit handelt. Arrogante, ungebildete Faulpelze, die ihren Ölreichtum beim Kamelrennen verwetten und entrechtete, zwangsverhüllte Frauen, die ausschließlich Haus, Hof und mindestens ein halbes Dutzend Kinder hüten. Menschen, die ihren Kopf nicht selbst benutzen, weil sie ja Allah haben.

Und „die Nordafrikaner“? Sie sind, zurzeit jedenfalls, die allergrößte Bedrohung unserer abendländischen Kultur. Wobei nicht so recht geklärt ist, wer sie eigentlich sind. Sind es die netten Ägypter, die am Nil den Touristenschiffen zuwinken, die chaotischen Libyer, die ziemlich demokratischen Tunesier oder die listigen Marokkaner? Oder handelt es sich um die komplett undurchschaubaren Bewohner von Mauretanien, Sudan, Eritrea, Niger oder Mali?

Spätestens an dieser Stelle springt uns eine ungeheure Vielfalt entgegen. Uns darauf einzulassen, würde uns aber bloß verwirren. Da folgen wir lieber dem Minister und stempeln „die Nordafrikaner“ mit dem Vermerk „schwerst integrierbar“ ab.

Ich habe fünf Menschen aus schwierigen Regionen kennengelernt – aus Iran, Palästina, Mali, Bangladesch und Gambia. Diese sind, weil Journalisten wie ich, gewiss nicht repräsentativ. Aber alle streben nach Demokratie und Pressefreiheit und sind bereit, dafür größte persönliche Opfer zu bringen. Während bei uns viele Talkshow-Seher schon schockiert wären, wenn man ihnen Bier und Chips wegnehmen würde.

Doch nie würde ich einem Innenminister so ganz widersprechen. Deshalb stelle ich fest: Der Sachse ist in Brandenburg leichter zu integrieren, als der Oberpfälzer im Saarland. Und der Mittelfranke in Ostfriesland? Das geht nun wirklich gar nicht.

 

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Störchin, fahr‘ zum Himmel!

„Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.“ So sah das im 18. Jahrhundert  der französische Philosoph Denis Diderot. Und tatsächlich haben wir allen Anlass, die Auswirkungen der Religionen kritisch zu betrachten. Doch muss der Himmel dafür ausgerechnet Leute wie Beatrix von Storch senden?

Unsere rechte Stimmenfängerin hat – vorgeblich besorgt – dem Islam den Kampf gesagt. Sie hat nichts dagegen, dass Muslime in ihren eigenen vier Wänden die Gebetsteppiche ausrollen. Sie dürfen dafür auch in Moscheen gehen. Allerdings sollten diese keine Minarette aufweisen. Allah im Keller – das ginge mit der AfD.  Aber „politisch“? Nein, das darf der Islam nicht sein.

Man fragt sich, ob die selbst ernannten Retter des christlichen Abendlandes ihre eigene Religion kennen. Wenn der Papst auf Lesbos die vielen ertrunkenen Flüchtlinge beklagt und mehr Barmherzigkeit einfordert, ist das eine ausgesprochen politische Botschaft. Man hört Ähnliches jeden Sonntag in den Kirchen beider großer Konfessionen. Von Storch & Co. scheinen das nicht zu wissen. Lehnen sie also Pfarrer grundsätzlich als naive Gutmenschen ab? Oder meiden sie die Gotteshäuser,  weil diese oft mit mächtigen Herrschaftssymbolen namens Kirchturm versehen sind?

Sie reden viel, sie widersprechen sich, manchmal wird es absurd. Aber es ist eben das Problem, dass Glauben und Vernunft nur schlecht zusammengehen. Also akzeptieren wir, dass in den Kirchen Frieden und Gerechtigkeit gepredigt wird, dass die Realität draußen aber anders aussieht. Weihrauch macht besinnlich, aber offensichtlich auch vergesslich.

Vielleicht sendet der Himmel bewusst unterschiedliche Geschenke. Damit jeder das abbekommt, was er gerne mag. Wir kennen nicht die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Herrns. Doch besonders verkorkste Sendungen sollte er zurücknehmen – und sei es aus göttlicher Kulanz. Wir beten: „Allmächtiger, steh‘ uns bei. Lass‘ von Storch zum Himmel fahren. Für ewig und immerdar. Du als höheres Wesen kannst selbst diese Frau ertragen. Also lobpreisen wir Dich. Amen!“

 

Die neuen Tagelöhner sitzen am PC

Den 1. Mai wird es, als „Tag der Arbeit“ noch sehr lange geben. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns der einzige globale Feiertag genommen würde, welcher nicht von Staaten oder Kirchen ausgerufen worden ist. Was aber wird aus der Arbeit?

Der Druck auf arbeitende Menschen wird gewiss weiter steigen. Unsere Wirtschaft ist an Wachstumsraten, vor allem bei den Gewinnen gewöhnt. Bloß gab es in den vergangenen Jahren stets diese „moderaten“ Tarifabschlüsse. Heute ist die Inflation niedrig. Guthabenzinsen sind minimal, Kredite deutlich teurer. Also kaufen die Menschen zaghaft. Kurzum: Es rührt sich nichts.

Die Arbeitgeber reagieren mit jenen Methoden, die für sie naheliegend sind. Sie quetschen ihre Beschäftigten aus. Wenn der Umsatz stagniert, muss die Produktivität steigen. Stellen werden nicht mehr besetzt, die Arbeitsmenge bleibt mindestens gleich. Der Druck steigt und steigt. Nette Chefs bieten – immerhin – Yoga am Mittag oder bezahlen die Startplätze für Firmenläufe. Ganz so, als gehörte es zu den Pflichten der Beschäftigten, sich für das tägliche Hamsterrad fit zu halten.

Was aber, wenn das alles noch nicht für schöne Zahlen reicht? Auch dafür haben Arbeitgeber eine Lösung: Es gilt, Menschen so einzusetzen, als würden sie nach seriösen Regeln beschäftigt. Ansonsten behandelt man sie anders. Leiharbeit ermöglicht es, Mitarbeiter ohne Kündigungsschutz loszuwerden. Auch mit befristeten Verträgen bringt man jemand bequem in eine Abhängigkeit vom Chef. Wer aufmuckt, bleibt nicht. Werkverträge sind wirksame Werkzeuge, um den Wert von Arbeit nach unten zu definieren. Warum gemäß Tarif 12 Euro bezahlen, wenn es doch den Mindestlohn gibt?

Aber die vorläufige Krönung der Kostenminimierung ist das so genannte „Cloudworking“. Menschen bieten auf Internetplattformen ihre Fähigkeiten und ihre guten Ideen feil. Weil die Konkurrenz groß ist, halten sie die Preise niedrig. Arbeitgeber haben die freie Auswahl. Sie können die Billigsten unter den Besten herausfiltern und zuschlagen. Es gibt ein Honorar, um alle Nebenkosten müssen sich die zumeist gut ausgebildeten Cloudworker selbst kümmern.

Mag sein, dass der eine oder andere auf diese Weise reich und berühmt wird. Aber eigentlich erleben wir Ausbeutung im großen Stil. Das Internet spiegelt die Wirklichkeit, in diesem Fall das Dasein der Tagelöhner, die früher an bestimmten Straßenecken standen. In der Hoffnung, dass sie wenigstens an diesem Tag ein paar Kröten einnehmen.

Dieser brutale Kapitalismus ist widerlich. Wir sollten ihn bekämpfen. Sein Niedergang? Er hat ihn verdient.

Prämie für Elektroautos. Aber die Welt braucht Fahrräder

Wie schön. Unsere Bundesregierung kümmert sich, sie ist großzügig, macht Geschenke und hätschelt – unsere großen Konzerne. Das zeigt sich bei der nun geplanten Prämie für den Kauf von Elektroautos. 4000 Euro bekommt, wer sich auf diese Technologie einlässt. Und so das Gefühl erwirbt, die Welt ein Stück weit vor dem Klimawandel zu retten.

Das Streben nach einem guten Gewissen ist wohl das einzige Kaufargument. Denn ansonsten machen E-Autos wenig Sinn. Sie sind teuer. Die deutschen Hersteller fordern eine Art Einheitspreis. Einen BMW I3 gibt es ab 35.700 Euro, den Opel Ampera ab 38.000 Euro, den Mercedes B 250 E ab 39.600 Euro und den VW E Golf ab 36.730 Euro. Dafür bekommt man ein Fahrzeug, das im laufenden Betrieb genauso viel kostet wie ein Diesel oder Benziner.  Die Reichweite ist lausig. Wer zum Baden an die Adria fahren will, muss wenigstens zwei Stunden für’s mehrfache Auftanken einplanen. Unter einer halben Stunde gibt es kein Aufladen.

Und dann ist das noch die Null-Emissions-Lüge. Wer weiß, dass Strom auch aus Braunkohle gemacht wird und trotzdem klimaneutrales Fahren verspricht, steuert sehenden Auges in den nächsten Abgasskandal.

Kurzum, unseren famosen Autokonzernen ist es nicht gelungen, schlüssige und attraktive Produkte auf den Markt zu bringen. Doch diese werden hoch subventioniert, während an anderer Stelle – Bildung, Gesundheit, Sozialhilfe – die Schwarze Null regiert. Der Steuerzahler will es angeblich so, meinen die Treuhänder seines Geldes. Während die Automanager heimlich grinsen. Sie wissen schon jetzt, dass ihre Preise nach Abschluss des Prämienprogrammes sinken werden. Wetten wir auf zirka 4000 Euro.

Aber was wird aus unserem Planeten? Dem würde es am meisten helfen, wenn statt überteuerter Autos Elektrofahrräder gefördert würden. Auf kurzen Strecken kommt man fast genauso schnell zum Ziel, man spart sich die Parkplatzsuche und muss sich nicht mit anderen um eine Ladestation balgen. Bei 4000 Euro Prämie gäbe es sogar noch Payback für Schäuble.

Der Politik müsste das einleuchten. Aber sie rettet ja nicht die Welt.

 

 

 

Kälte, dicke Tropfen und giftiger Salat

Groß ist unser Leiden am Wetter. Es will und will nicht wärmer werden, das Auto springt schlecht an, auf dem Balkon werden die Blätter der Topfpflanzen braun. Alles ist furchtbar, weshalb wir nach Trost suchen. Und, klar, am schnellsten findet man ihn immer dort, wo alles noch schlimmer war. Zum Beispiel vor 30 Jahren, nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Die Verunsicherung war total. Ich selber war mit kleinen Kindern im Park unterwegs, als es zu regnen begann. Es waren nur einzelne Regentropfen, diese waren aber ganz besonders groß. Wir waren sicher, dass das mit Caesium oder Plutonium zu tun hatte. Frischer Salat galt als giftig und blieb in den Geschäften liegen.

War Jod als Nahrungsmittel-Ergänzung bis dahin nur in der Fernsehwerbung für Wellensittich-Futter propagiert worden, fanden Jod-Tabletten in den Apotheken reißenden Absatz. In den Mutter-Kind-Gruppen ging es nicht um wertvolles Spielzeug, sondern um Hilfen gegen die Angst. Selbst kleine Speckgrütel-Gemeinden schafften sich einen Geigerzähler an. Politiker bissen todesmutig in frische Feldfrüchte.

Wir diskutierten nicht mehr über Kalorien, sondern über Becquerel und Sievert. Der Begriff „Halbwertzeit“ ergänzte unseren Sprachgebrauch. Wir rechneten mit und waren sicher, dass uns diese Strahlung aus dem Osten auch nach unserer zwölften Wiedergeburt noch den Appetit auf frische Pilze verderben würde.

Vorbei. Gottseidank. Und wir können wieder über kleine Sorgen jammern. Heizöl ist gerade billig, und irgendwann muss diese Polarluft weggeweht sein. Die Lage ist schlecht. Aber alles wird gut.

Doch dann kommt da so ein Fernsehbeitrag. Demnach sind die Wildschweine im Bayerischen Wald auch heute noch verstrahlt. Puhhh! Ob Schwarzwild wiedergeboren wird, ist mir nicht bekannt. Aber bitte, lasst es wenigstens heute nicht mehr regnen…

Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Ein Hoch auf die Queen – aber erspart uns Helmut

Groß ist unsere Sehnsucht nach Weisheit. Wir verehren Menschen, die selbst im größten Chaos schmunzelnd auf die Welt schauen. Die ihr Ding durchziehen, als käme niemand jemals nach ihnen. Bestes Beispiel: Die Königin von England. Heute wird sie 90.

Queen Elizabeth II. ist die großartigste Handwerkerin des Regierens. So wie Klempner oder Fliesenleger dann am besten sind, wenn sie mit Bedacht Schritt für Schritt ihrer Arbeit ausführen und uns die Gewissheit geben, dass am Ende alles passt. Das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs regiert seit Februar 1952. Was immer seitdem die Welt bewegt hat, wie etwa Elvis Presley, der Mauerbau, das Tor von Wembley, der Flug zum Mond, das Ozonloch bis hin zur alles in allem unseligen Erfindung des Smartphones: Sie war da.

Diese Frau braucht keine Briefkastenfirmen in der Karibik. Sie ist Königin von Jamaika und Barbados. Nur missratene oder allzu eigenwillige Kinder oder Schwiegertöchter konnten sie in Krisen stürzen. Ansonsten ist sie außerordentlich beliebt. Sie läuft und läuft – so sympathisch wie ein Volkswagen vor dem Abgasskandal.

Wie schlimm steht es dagegen um uns! Der Verlust weiser Männer war zuletzt dramatisch. Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt oder Egon Bahr haben uns verlassen. Heiner Geißler oder Rita Süssmuth sind ruhig geworden, bei Altkanzler Gerhard Schröder wird man Weisheit nie vermuten.

Und nun droht Schlimmes: Helmut Kohl ist wieder da. Sein Treffen mit dem ungarischen Balkanabriegler Viktor Orbán hat ein unerklärlich großes Medienecho gefunden. Es gab ein Foto, wie es in jedem gut geführten Altenheim gemacht werden kann. Opa und Bub saßen nett zusammen, sie stellten sich hinter Angela Merkel, die sie zuvor kritisiert hatten. Schließlich gab es ein paar persönliche Weisheiten zu Europa, Flüchtlingen und zum Rest der Welt. Tatsächliche politische Relevanz? Nicht vorhanden.

Wir bitten und betteln: Bitte lasst Besuche beim alten Helmut nicht zur Mode nicht zu werden. Lieber ernennen wir Joachim Gauck zum Präsidenten auf Lebenzeit und setzen ihm eine Krone auf. Doch nichts übertrifft das Original. Deshalb: Happy Birthday, Majesty!