Köln kann überall sein

Seit Tagen also Köln. Die gewalttägigen Exzesse der dortigen Silvesternacht wirken ungewöhnlich lange nach. Warum berühren sie uns so sehr? Wahrscheinlich, weil wir Betroffenheit empfinden. Weil wir das Gefühl haben, dass Derartiges auch in unserer Nähe hätte passieren können und in Zukunft möglich ist.

Um zu wissen, dass das stimmt, muss man bloß den Wahnsinn einer Silvesternacht aus der Nähe erlebt haben. Auch bei uns in Nürnberg wurde auf manchen Plätzen oder Kreuzungen wie irrsinnig geknallt. Das ist ja gesellschaftlich geduldet. Klar ist auch: Wenn in einem solchen Pulverdampf Straftaten begangen werden, kann keine noch so gute Videoüberwachung alle Täter sicher identifizieren.

Es macht den Eindruck, als dass der Hang zum verabredeten Exzess in Verbindung mit völliger Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen zugenommen hat. Der Alltag prickelt nicht, also lässt man bei passender Gelegenheit die Sau raus. Man denke nur an den Nürnberger Fußballfan, der  im August 2014 einen Feuerlöscher gegen einen entgegenkommenden U-Bahn-Zug geschleudert hat. Seine Fahrerin hätte getötet werden können. Sie ist bis heute traumatisiert.

Die Brutalität der Silvesternacht hat mit Herkunft und kulturellen Prägungen zu tun. In etlichen Weltregionen sind Frauen wenig oder nichts wert. Das wurde von Migranten im dortigen Chaos ganz offensichtlich ausgelebt.

Beim Blick auf die Fremden dürfen unsere „deutschen“ Probleme nicht übersehen werden. Eine wachsende Gruppe junger Männer befindet sich auf Realitätsflucht. Diese sitzen vor ihren Computern und interessieren sich für die drei großen S – Spiele, Sport und Sex. Das unmittelbare Gespür für andere Menschen geht ihnen verloren.

Und wir erleben die Folgen der neoliberalen Phase der 90-er Jahre. Die Botschaft, dass der freie Markt alles besser regeln kann, als das träge Beamtentum, wirkt sich bis heute aus. Öffentliche Dienste, sei es als Polizei, sei als Sozialarbeit, wurden zu Randthemen der Politik und wurden immer schlechter ausgestattet. Man brauche das nicht mehr, glaubte man. Wie falsch das war, zeigt sich heute.

Wobei die Diskussion wenigstens in zweierlei Hinsicht in eine falsche Richtung geht. Da sind zunächst jene Politiker/-innen oder anderen Lautsprecher, die so tun, als gebe es für das Problem die schnelle Lösung. Ausländische Straftäter quasi im Vorbeigehen abschieben, funktioniert nicht. Zuvor muss es ein entsprechend hartes Gerichtsurteil geben. Taschendiebe oder Grabscher werden nicht ins Ursprungsland zurückgeschickt.

Kritisch sind aber auch Debattenbeiträge zu sehen, wonach Frauen per se beschützenswerte Wesen seien, um die sich die Gesellschaft kümmern müsste. Das weist ihnen kollektiv die Opferrolle zu und hilft nicht wirklich.

Tatsächlich geht es um den eigentlich natürlichen Respekt vor der Würde und der Gesundheit anderer Menschen. Dieser fehlt zu oft. Wir sollten un einig sein: Wer ihn erst lernen muss, muss die passenden Hilfen  bekommen. Und wenn es ein Aufenthalt im Knast ist…

 

 

 

 

Politiker/-innen

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Meine Jahrescharts 2015: Rechte Hetzer und andere Katastrophen

Kein Jahreswechsel ohne Jahresrückblick. Das gilt selbstverständlich auch für mich. Hier sind die Klick-Top-Ten meiner Blog-Einträge in 2015:

Platz 1: Eindeutig am häufigsten gelesen wurde der Beitrag zum Auftritt des AfD-Politikers Björn Höcke bei Günther Jauch. Die Forderung Keine Bühne für die rechten Hetzer  fand großen Zuspruch.

Platz 2: Auch 2015 hat sich meine Erkenntnis „CSU geht immer“ bewahrheitet. Im Beitrag Dobrindt zupft am Gänseblümchen geht es um den herzzerreißenden Einsatz des Verkehrsministers für die Pkw-Maut.

Platz 3: Besonders freut mich der Erfolg von Beiträgen mit gewerkschaftspolitischem Inhalt. So wie dieser mit dem Titel Arbeitgeber sind wie Wasser  …sie finden immer einen Weg.

Platz 4: Zu den erschütterndsten Ereignissen des vergangenen Jahres gehörte der Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Mein Kommentar hierzu lautete: Das Massaker von Paris – Die Religion ist nicht schuld .

Platz 5: Der mutwillig herbeigeführte Absturz eines Flugzeuges in den französischen Alpen war ein weiteres großes Thema. Der Beitrag Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien  befasste sich mit der allzu hysterischen Berichterstattung.

Platz 6: Das furchterregende Gespenst der Griechenland-Krise war ein lässig-rotziger Finanzminister namens Varoufakis. Ihm war der Text mit dem Titel Du böser, böser Souvlaki-Finger! gewidmet.

Platz 7: Ist die kollektive Umarmung der Medien nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo richtig? Oder ist viel falsche Sympathie im Spiel? Darum ging es im Beitrag Die Lügenpresse hat ziemlich falsche Freunde egenpresse-hat-ziemlich-falsche-freunde.

Platz 8: Mutmaßlich ungenießbare Kost gehört fest zur Dramaturgie des RTL-Dschungelcamps. Meine Theorie hierzu: Ekelessen macht uns nur noch stärker.

Platz 9: Franz Beckenbauer hat in Katar keine Sklaven gesehen. Dabei müsste man sich nur in bestimmte Flugzeuge setzen: Du willst Sklaven sehen? Flieg mit Qatar Airways.

Platz 10: Und gestreikt wurde auch noch, insbesondere im Verkehrswesen. In der Zeit vor Ostern lernten wir: Das neue Fastengebet: Mein Freund ist Lokführer

 

Wo Karl Marx recht hatte…

Überraschung, Überraschung! Von allen deutschen Parteien hat in diesem Jahr die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) die höchste Großspende erhalten. Ein Mann aus Oberhausen hat ihr 252.400 Euro überwiesen. Beeindruckend, aber Marx? Ist der nicht völlig von gestern? Nicht unbedingt.

Nehmen wir nur dieses Zitat: „Das Kapital ist rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.“ Da hat sich der Philosoph nicht getäuscht. Wären nämlich alle Unternehmer und Manager Menschenfreunde, dann bräuchten wir keine Gesetze zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, es gäbe keine Betriebsärzte oder Sicherheitsbeauftragte. Probleme würden ja gar nicht entstehen.

Die gibt es aber. Man muss in diesen Tagen nur Siemens-Chef Joe Kaeser zuhören. Er wünscht sich von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Erfindergeist und nennt in diesem Zusammenhang das Vorbild Silicon Valley. Schuften wie dessen junge Millionäre, für das Gehalt eines Angestellten – so erarbeitet man Rendite. Ein moderner Boss wiederum lässt seine Firma in kleine Einheiten, die auf dem Markt untereinander konkurrieren. Beschäftigte sollen sich selbst wie Unternehmer fühlen und dementsprechend Gas geben. Tatsächlich fühlen sich immer mehr Menschen in ihrer Arbeit gehetzt. Macht aber nichts: Der Chef schaut zu, hält die Hand auf und tröstet bei Burnout gegebenfalls mit einer Abfindung.

Es gibt aber noch ein zweites Vorbild, nämlich die ungeregelte Finanzökonomie. Es ist nicht mehr so, dass Chefs den langfristigen Erfolg ihrer Firma zum Ziel haben und deshalb mit ihren Beschäftigten auch einmal durch ein Tal gehen. Aus dem Blickwinkel „moderner“ Manager lohnt sich der Einsatz für ein Unternehmen nur, wenn es zuverlässig solche Renditen abwirft, die es auch für clevere Finanzprodukte gibt. Wer die von oben gesetzten Ziele verfehlt, wird abgeschossen.

Das Marx-Zitat trifft auf dieses Handeln zu. Wirksame Gesetze können also helfen. Was aber gäbe es noch? Clever organisierten Widerstand und Ungehorsam – wenn es erforderlich ist. Und das Vertrauen auf die Kraft der besseren Ideen. Alles gute Vorsätze für das neue Jahr.

P.S.: Wo Menschen gerne arbeiten, ist die Qualität der Produkte höher. Sagt die Wissenschaft…

 

 

 

 

Kauf-Getümmel hilft uns gegen Seelennot

Wir leben in schweren Zeiten. Das hat uns unser ranghöchster Weihnachtsredner, Bundespräsident Joachim Gauck, in sorgsam gesetzten Worten nähergebracht. Doch wir spüren es auch selbst. Es geht uns gut, aber die Not ist nah. Also brauchen wir Vorräte.

Und nun ist uns aufgefallen, dass die normalen Geschäfte seit Heiligabend-Nachmittag für drei Tage geschlossen haben. Drei Tage ohne Nachschub! Wie soll das gehen? Doch seit diesem Jahr gibt es in Nürnberg die Rettung: Den Lidl-Markt im Untergeschoss des Hauptbahnhofes. Dieser hat täglich geöffnet, von früh bis spät, bei Sonne, Wolken, Schnee und Eis.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag explodierte dort die Nachfrage. Kaufhungrige Menschen bildeten eine lange Schlange. Der Laden war derart voll, dass die Sicherheitskräfte die Ampeln auf Rot stellten. Wer zu Cola, Chips oder abgepacktem Hackfleisch wollte, musste warten, ganz wie damals im Osten.

Wundern muss man sich nicht. Der zunächst umstrittene Lidl im Hauptbahnhof hat sich als Geschenk an die Nürnberger Stadtgesellschaft erwiesen. Dem Vernehmen nach liegt sein Umsatz um 30 Prozent über dem Durchschnitt der anderen Lidl-Filialen. Der Laden hat 60 Beschäftigte und produziert mehr Brot und Brötchen als ein halbes Dutzend handwerkliche Bäcker zusammen. Wahnsinn ist dort oft.

Aber warum an Weihnachten zu Lidl? Vielleicht muss man die Sache philosophisch betrachten. Im Dezember ist es uns nicht nach Autowaschen, der Samstag als Badetag ist zusammen mit anderen Traditionen verschwunden. Heimwerken geht am Feiertag zwecks lärmempfindlicher Nachbarn nicht, die Fußball-Bundesliga ist in der Winterpause. Und: Die Begegnungen mit der Verwandtschaft sind überstanden.

Ereignislosigkeit jedoch ist für den digital beschleunigten Menschen das größte denkbare Gift. In der Ruhe begegnet er zunächst sich selbst und dann seiner eigenen Endlichkeit. Er wird mit dem undenkbaren Gedanken an sein unweigerlich kommendes Nicht-Sein konfrontiert.

Das hält nicht jeder aus. Wann aber lebt der Mensch im real existierenden Kapitalismus mehr, als in Momenten des gemeinsamen Konsums? Also geht es rein ins Getümmel – und wir sollten das verstehen. Gut, es gibt auch diesen Satz: „Die Langeweile ist die Not derer, die keine Not kennen.“ Aber das ist ein deutsches Sprichwort, aus der Vor-Computer-Zeit. Also einfach bloß analog. Pfui!

Im Internet tobt kein Fest der Liebe

Dieses Leben ist ein Fest der Liebe. Denn alleine bei Parship, einer in Fernseh-Werbepausen stark vertretenen Online-Partnerbörse, verliebt sich „alle 11 Minuten  ein Single“. Mögen andere Tiere aussterben, unsere Schmetterlinge im Bauch sättigen uns in hellen Scharen. Oder doch nicht?

Vor einiger Zeit hatte schon das Satire-Portal „Postillon“ besorgt auf Parship geblickt. Es hatte die Frage aufgeworfen, ob dieser Single, der sich fast sechs Mal pro Stunde verlieben muss, nicht irgendwann überfordert sein könnte. Tatsächlich kann ein Übermaß an Glückshormonen die Lebensfähigkeit beeinträchtigen. Wer immer nur mit dem Herzen gut sieht, läuft Gefahr, beim Überqueren einer Straße bei Rot vom SUV eines unverliebten Sanitärgroßhändlers vom Asphalt geräumt zu werden.

Und wenn es anders gemeint ist? So, dass sich alle 11 Minuten ein Parship-Paar findet? Dieser Frage ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsinstitut mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung nachgegangen. Und zeigt sich wenig beeindruckt.

Wenn sich nämlich, so das RWI, bei geschätzten fünf Millionen Mitgliedern in Deutschland sogar alle zehn Minuten zwei davon ineinander verlieben, damit aus dem Sucherpool ausscheiden und durch zwei neue Singles ersetzt werden, beträgt für ein zufällig ausgewähltes Mitglied die Wahrscheinlichkeit einer neuen Liebe pro Jahr kaum mehr als zwei Prozent.

Die neue Liebe ereignet sich unter dieser Annahme sechs Mal in der Stunde, 144 Mal am Tag oder 52.560 Mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen dieser 52.560 Zeitspannen von 10 Minuten Erfolg zu haben, beträgt 2 zu 5.000.000. Die anderen 4.999.998 Mitglieder müssen also weitersuchen. Selbst wenn nur 750.000 Mitglieder auf aktiver Partnersuche waren, steigt für diese die Erfolgswahrscheinlichkeit auf gerade mal 13 Prozent in einem ganzen Jahr.

Würde es angesichts solche Zahlen stimmen, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, extrem höher als im Alltag sei, dann wäre das analoge Verlieben eine absolute Rarität. Wahre Eheleute wissen es: Einmal Verlieben reicht völlig. Und Parship? Diese Firma lehrt uns mit seiner Werbung das Wunder der Monogamie. Tja, wer hätte das gedacht?

 

 

 

Das Ei des Führers

Ein ehernes Gebot des deutschen Journalismus lautet: Hitler geht immer. Ein Foto des entschlossen dreinblickenden Diktators vermag die Auflagen  auch dann zu steigern, wenn darunter ein paar bescheuerte Zeilen stehen. So ist es wieder geschehen. Die größte uns bekannte Boulevard-Zeitung, also Bild, titelte: „Hitler hatte nur einen Hoden“.

Ratlos lässt uns diese Schlagzeile zurück. Sollen wir lachen, staunen oder weinen? Was juckt diese Nachricht angesichts von zig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg? Nur Neonazis tun sich leicht. Sie können die medizinische Wahrheit zum Hirngespinst der Lügenpresse erklären. Und fertig.

Uns andere lädt Bild zum Nachdenken über die Frage ein, was es für einen Mann bedeutet, ausgerechnet in seiner Männlichkeit unvollkommen zu sein. Ist er in seiner Depression vereint mit den zu kleinen Regenten? War es sein Schicksal, sich wie Napoleon oder Sepp Blatter durch immerwährenden Kampf über andere zu erheben? Ist so einer nachhaltigst verklemmt, und kompensiert sein Nicht-Sexleben durch übertriebene Gewalttätigkeit? Oder ist jemand, der weiß, dass er keine Kinder zeugen kann, freier in seinem Handeln? Weil er weiß, dass ihm kein Nachkomme jemals Vorwürfe machen wird?

Bevor wir uns aber das Hirn darüber zermartern, wo das zweite Ei des Führers dereinst gefunden werden wird – ich persönlich tippe auf ein Schmuckkästchen in einem Schrank des Bernsteinzimmers – dürfen wir feststellen, dass unsere Vorstellungen von gutem und schlechtem Journalismus wieder einmal bestätigt wurden. Der ärztliche Befund ist nämlich den Akten entnommen, die ab 1923 während Hitlers Festungshaft in Landsberg am Lech angelegt wurde.

Aus all diesen Dokumenten gehen auch andere Dinge hervor. Zum Beispiel, dass die „Haft“ eher eine nette Männer-Wohngemeinschaft war, in welcher  der Häftling Adolf H. den Respekt seiner Wärter und sogar Luxus genießen konnte. Er hatte, speziell im Freistaat Bayern, einflussreiche Freunde und Gönner. Viele spätere Nazi-Größen waren gingen im Knast ein und aus.

Das sollte uns mehr interessieren. Hervorgehoben haben diese Fakten die schlauen Medien. Bild hingegen formulierte hodenlos. Hitler geht immer – und immer noch ein bisschen schlimmer.

 

 

 

Nein, Christpollen wollen wir nicht

Nein,  so haben wir nicht gewettet. Klimawandel, das war für auch uns eine Verheißung auf wunderbare Sommer. Auf immerwährende Bräune, Samba im Biergarten, wohltemperierte Badeseen. Aber was erleben wir? Eklige Wärme zur völlig falschen Zeit. So bitte nicht.

Wir leiden massiv. Schließlich war noch vor gut zwei Monaten von einem superharten Winter die Rede. „Wetterprophet“ Sepp Haslinger, der in seiner Heimat Bad Tölz wie der Hundertjährige der bayerischen Alpen verehrt wird, hatte diese Parole in die Welt gesetzt. Abgeleitet hatte er sie vom Blütenstand des Laubfroschs der Pflanzenwelt, der so genannten Königskerze. Seine Ankündigung, wonach es schon im November heftig schneien würde, befeuerte unsere nach neuesten Umfragen wieder stark gewachsene „German Angst“. Wir kauften einen Extra-Kanister Frostschutz, lagerten zuätzlich Kartoffel und Rüben ein – und warteten auf Schnee.

Seitdem schwitzen wir. Weil wir in jahreszeitlich korrekten Daunenjacken ins Büro hetzen, dort unsere Fellstiefel auf die Fußbodenheizung stellen, dicke Pullover über Hemd oder T-Shirt tragen und feststellen müssen, dass es nicht einmal bei offenen Fenstern angenehm kühl wird. Derweil balzen draußen die Tauben, in der Dämmerung stöhnen vom Winterschlaf erwachte Igel beim Sex. Die Weihnachtsmarkt-Händler überlegen, eisgekühlte Cola und Tequila ins Sortiment zu nehmen.

Statt Christstollen mit Marzipan gibt es Christpollen. Wir schniefen, glauben, es sei ein grippaler Effekt, doch es ist nur schnöder Heuschnupfen.

So brauchen wir den Winter auf gar keinen Fall. Herr Haslinger sollte sich schämen. Wobei: Er hat auch angekündigt, dass es wahrscheinlich keine weißen Weihnachten geben wird. Stimmt wohl so. Die Königskerze prophezeie aber Schnee und Eis bis Ostern. Fazit: Das neue Wetter passt anscheinend nie. Blöder Klimawandel.

 

 

Schnaps tut dem Klima gut

Eure Freudentränen sind getrocknet, Ihr Klimaschützer von Paris. Und wir sind stolz auf Euch. Ihr habt es gut gemacht. Die Erde kann gerettet werden. Danke!

Gönnen wir uns ein paar Momente der Euphorie. Paris kann als erster nicht gescheiterter Welt-Klimagipfel in die Geschichte eingehen. Auch wenn sich die Pessimisten, also die durch Lebenserfahrung klug gewordenen vormaligen Optimisten, alsbald nörgelnd zu Wort melden werden. Sie werden sagen, dass es unseriös wirkt, wenn ein Kongress die künftige Erderwärmung per Abstimmung auf deutlich unter zwei Prozent begrenzt. Das sei ein nettes Signal an die Bewohner aufsaufender Südseeinseln. Allerdings fehle dem Versprechen der klare Plan zum Erreichen dieses Zieles.

Die Pessimisten werden auch anmerken, dass in den Berichten über den Klimagipfel ein äußerst wichtiger Satz immer erst ganz am Schluss erwähnt worden sei: Für Verstöße gegen den Weltrettungs-Vertrag sind keine Sanktionen vorgesehen.

Helfen kann uns – unter Umständen – der Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem rumpelt zwar ähnlich unrund durch die Welt wie deutsche Fußball-Nationalmannschaften um die Jahrtausendwende. Aber seine grundsätzliche Erkenntnis, dass man die Krone des eigenen Wertekanons, den Profit, durch das Schöpfen von Synergien veredeln kann, darf als nachvollziehbar angesehen werden. Wir sollten also nach Wegen suchen, den als Thema  recht drögen Klimaschutz mit einem höheren Ziel zu verbinden. Etwa mit der Weltgesundheit.

Ein überragendes Beispiel hierfür hat uns gerade eine Aktion im westlich von Hamburg gelegenen Ort 1300-Seelen-Ort Hetlingen geliefert. Unter den Augen einer offiziellen mexikanischen Delegation wurden dort 25.000 Liter gefälschter Tequila, den der Hamburger Zoll beschlagnahmt hatte, in den Faulturm des Klärwerks gekippt. Dort wird der Schnaps verstromt. Man erwartet als Ertrag ungefähr 20 000 Kilowattstunden Strom, was reichen  würde, um ein halbes Dutzend Durchschnittshaushalte ein Jahr lang zu versorgen.

Fassen wir zusammen: Sollten wir bei unserem großen Syrien-Verbündeten Putin reichlich Wodka ordern und diesen zu Strom verarbeiten, werden Männer-Lebern in Ost- und Mitteleuropa millionenfach aufatmen. Das kontinentale Durchschnitts-Alter stiege, die Krankenkassen-Beiträge fielen.

Die Wirtschaft allerdings würde jammern, weil die Leute keine teuren Pillen und andere medizinische Reparaturmaßnahmen mehr brauchen. Tja, wer die Welt retten will, kann es nicht jedem recht machen. Vom Kapitalismus lernen, heißt siegen lernen, lautet unsere Erkenntnis in diesem Fall. Seid doch mal stolz, Ihr Kleingeister. Und weint mit uns ein kleines Freudentränchen…

Die Flucht endet im sprachsensiblen Ohr

„Ein Flüchtling zu sein, ist von großem Nutzen. Da ist man der Wirklichkeit viel näher.“ Der Dalai Lama muss es wissen, zählt er doch zu den prominentesten Heimatvertriebenen dieses Planeten. Unserem Dauerthema dieses Jahres fügt er so eine überraschende Betrachtung hinzu. Facettenreich ist das Wort sowieso.

Das findet auch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, weshalb sie „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres gewählt hat.  Nach Ansicht der Forscher führt die Zusammensetzung aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling dazu, dass das Wort für „sprachsensible Ohren“ abschätzig klinge. Das sei auch bei Begriffen wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling so.

Vielleicht ist der Grund aber auch, dass Flüchtling durch andere Umstände zurecht schlecht angesehen sind. Nehmen wir den Steuerflüchtling. Es gibt zwar die verbreitete Meinung, dass es sich beim Betrug am Staat um eine lässliche Sünde handle. Insbesondere bei Prominenten, welche unzumutbar hohe Summen abführen müssten. Das denken aber nur Menschen, die nicht so weit denken, dass sie selbst Teil des Staates sind, und das vom Flüchtling Gesparte mitfinanzieren müssen.

In der Arbeitswelt wiederum gibt es den Tarifflüchtling. Hier handelt es sich um zumeist angesehene Unternehmer-Persönlichkeiten, die irgendwann entscheiden, dass das für sie arbeitende Humankapital  als lästiger Kostenfaktor betrachtet werden müsse. Dieses sei dem Wesen nach nutzlos und deshalb sowieso überbezahlt. Der Tarifflüchtling greift den Menschen in die Tasche und sorgt zudem dafür, dass seine anständigen Kollegen nicht mehr konkurrenzfähig sind und in seinem Sinne nachziehen. Dass Arbeit etwas wert ist, interessiert diesen Flüchtling nur am Rande.

Schließlich gibt es den Realitätsflüchtling, welcher allerdings – solange er nicht zu Pegida schlurft – harmlos ist. Ihm reichen ja ein Sofa, Dosenbier, Chips sowie Bundesliga- und Porno-Flatrate zum Leben.  Gäbe es ihn nicht, die Welt würde es nicht bemerken.

Wahrscheinlich aber waren letztere Flüchtlinge bei der Wahl zum Wort des Jahres nicht gemeint. Seien wir also fair und nennen die Zuwanderer sprachlich fair „Geflüchtete“. Die anderen Zeitgenossen sollten ihre Bezeichnungen behalten. Sie haben sich unseren Zorn ja redlich verdient…