Hillary, zeig‘ uns deine Mails

Kaum zu glauben: Da hat Hillary Clinton bereits mit ihren Beratern darüber diskutiert, welches ihrer künstlichen Lächeln für ihre Vereidigung als US-Präsdentin am besten geeignet ist, da rammt ihr die Bundespolizei FBI ein moralisches Küchenmesser in den Rücken. Sie soll beim Umgang mit dienstlichen E-Mails allzusehr geschludert haben.

Bei einem Staat, der ganz selbstverständlich den Anspruch erhebt, auf sämtliche weltweit genutzte Daten zuzugreifen, wirkt das irgendwie lächerlich. Das Ungeheime kann dort doch kaum mehr als ein Kavaliersdelikt sein. Man denkt fast an den früheren Bundes-Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann und seinen Sturz über Einkaufswagen-Pfandsysteme.

Doch betrachten wir die Sache arbeitsrechtlich. Wenn ein Arbeitgeber das private Nutzen von E-Mails ohne Einschränkung freigibt, kann nichts passieren. Im Normalfall wird es aber Regeln geben. Üblich ist zum Beispiel, dass geschäftlichliche Dateien nicht in private Postfächer gesendet werden sollen. Wer da erwischt wird, riskiert die Kündigung. Für Hillary Clinton sähe es demnach auch ohne ihren Widersacher übel aus.

Allerdings widerspricht es jeglicher Lebenserfahrung, dass sich das Führungspersonal an solche Vorgaben hält, die es für seine Untergebenen formuliert hat. Wer oben ist, hält sich stets für freier. Und eine Frau, die für ein bisschen politisches Palaver fünf- bis sechsstellige Dollar-Honorare einzustreichen gewohnt ist, verortet sich selbst wahrscheinlich erheblich über dem Oben.

Wir dürfen von einem Unrechtsbewusstsein nahe der Nulllinie ausgehen, weshalb Hillary Clinton schwer verärgert sein dürfte, dass sie wegen solcher Peanuts in Not gerät. Sie findet es, ganz bestimmt, extrem ungerecht.

Bei der aktuellen Lage hilft nur eines: Schonungslose Offenheit. Wir wissen über Hillary Clinton ohnehin schon mehr, als wir schmerzfrei ertragen können. Also dürfen wir auch erfahren, was Hillary Clinton jemals irgendwem gemailt hat. Jeder kleine Satz muss ins Internet.

Vielleicht schrumpft der Skandal dann tatsächlich zu einem Affärchen. Denn was schickt eine erfolgreiche Frau an ihren pensionierten Pantoffelhelden? „Bill, hast Du an die Kartoffeln gedacht?“, „Wir tagen noch. Bitte fang‘ schon mal mit dem Essen an.“, „Wir müssen reden.“ oder einfach: „Wer ist die Schlampe?“

Zeig‘ es uns, Hillary. Und dann lasst diesen miesen Wahlkampf endlich enden…

 

Vorhang auf! Es wird gerecht

Vorhang auf! Jetzt rollt die Welle der Gerechtigkeit. Nach neuesten Bekundungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, wie wichtig dieses Thema für sie ist. Wir möchten es gerne glauben. Allein: Wir schaffen es (noch) nicht.

Die Menschen vermuten, dass unsere Politik mehr für Unternehmen, Banken und ganz einfach Reiche tut als für den Großteil der Bevölkerung. Ein Indiz dafür ist die Sprache, in der sie die großen Themen ans Volk sendet. Elektroautos aus deutscher Produktion sind Zukunft. Sie dürfen bedenkenlos subventioniert werden. Firmenerben sollen keine Steuern zahlen. Es geht schließlich um Arbeitsplätze.

Ist dagegen von sozialer Grundsicherung, von Renten oder von der Gesundheitsversorgung die Rede, stehen an erster Stelle stets „die Kosten“. Weil wir lernen sollen, dass diese Themen die Gesellschaft belasten. Vor allem profitieren ja die „sozial Schwachen“. Das sollen wir nicht einfach hinnehmen, wenngleich diese bei näherem Hinsehen bloß Kapitalschwache sind. Wer wenig Geld hat, ist deswegen kein schlechterer Mensch.

Wenn nichts passiert, wird diese Gruppe mächtig wachsen. Wer heute 2500 Euro brutto verdient und auf diesem Niveau 40 Jahre lang arbeitet, darf später eine Rente von rund 900 Euro erwarten. Von der früheren Idee, dass am Ende eines Arbeitslebens ein sorgenfreier Ruhestand stehen sollte, ist nicht mehr viel übrig.

Die Regierenden lenken deshalb ab. Aus ihren Reihen wurde gerade angemerkt, dass es für Geringverdiener gut sei, private Altersvorsorge zu betreiben. Man nehme also Geld, dass man nicht hat und gebe es einem Versicherungskonzern, der kaum Ertrag erwirtschaft, aber immerhin Gebühren bekommt. Objektiv geht das nicht, außer in der globalen Finanzwirtschaft. Deren größte Stars operieren seit jeher mit Geld, das ihnen nicht gehört.

Unseren Normal-Rentnern hilft das nicht. Sie brauchen gut Argumente, am besten wirtschaftsfreundliche. Etwa jenes, dass die Kaufhäuser endgültig am Ende sind, wenn nicht wenigstens die online-skeptischen Alten dort einkaufen können. Oder eben jenes: Menschenwürde. Aber das ist für Realpolitik natürlich sehr abstrakt…

 

 

 

Glück greift um sich wie noch nie

Großartig ist es! Inmitten zahlloser Krisen, die unsere Welt Tag für Tag ein Stückchen mieser zu machen scheinen, sind die Menschen in Deutschland so zufrieden wie noch nie. Zumindest steht das so im neuen Glücksatlas der Deutschen Post.

7,11 von 10 möglichen Glückspunkten lautet die aktuelle und historisch beste Quote für die Bundesrepublik. Und das erstaunt ein wenig, da die ganz große Glückswelle zuletzt abgeebbt ist. Es gab ja Zeiten, in denen gedruckte Glücks-Ratgeber die Bestsellerlisten dominierten.

Gut, ausgewiesene Glücks-Spezialisten wie Eckard von Hirschhausen, Margot Käßmann, Horst Lichter und der Dalai Lama sind immer noch gut unterwegs. Der größte aller Online-Buchhändler hat noch immer 6400 Bücher über Glück im Programm. Ohne Buddhismus sähe es allerdings schon anders aus. Realismus ist irgendwie moderner.

Und wer will überhaupt, dass wir glücklich sind? „Die Märkte“ garantiert nicht. Denn ein erheblicher Teil der Konzern-Umsätze werden damit gemacht, dass wir Bedürfnisse befriedigen, die wir ohne Hinweise der Werbung nicht hätten. Niemand braucht das Abo eines Bezahl-Fernsehsenders wirklich, es hat noch nicht einmal Sinn, mit einem verkappten Geländewagen durch die Innenstadt zu kurven. Ein wasserdichtes iPhone braucht nur, wer zwingend Schwimmbad-Selfies produzieren muss. Also auch keiner.

Man könnte folgern, dass unser Wirtschaftssystem darauf aufgebaut ist, dass wir wenigstens zeitweise unglücklich sein. Und läge es auch nur an unserem Körpergewicht. Das passt ja bekanntlich nie.

Erstaunlich ist bei alldem die Wandlung von uns Franken. Im Glücksatlas 2013 waren wir als die unglücklichsten Menschen Westdeutlschands gelistet. J etzt rangieren wir mit sagenhaften 7,22 Punkten auf Rang zwei.

Haben wir es also beim angeblich wissenschaftlichen Werk in Wahrheit mit einem Kaffeesatz-Atlas zu tun? Vielleicht, aber glauben sollten wir doch, dass es den Menschen je besser geht, je toleranter das gesellschaftliche Klima ist. Pegida macht unglücklich! Wenn das keine bedeutende Botschaft ist – welche dann?

Jetzt aber: Strafzölle für Reichsbürger

Wenn wir an angenehme Zeitgenossen denken, fällt uns gerne der harmlose Irre ein. Ein schrulliger Mensch, der uns mit seltsamen Gewohnheiten amüsiert. Ein Kant’sche Exzentriker, der seine Freiheit nutzt, aber niemand anders schadet. Wenn es doch bloß solche Spinner gäbe.

Es wird doch niemand stören, wenn jemand in Elvis-Kostüm oder Barbie-Kleid durch die Gegend spaziert. Oder wenn er beim Gothic-Treffen so tut, als würde er dunkelste Mächte verehren.  Wir schmunzeln über schrille Weihnachtsbeleuchtungen in Vorgärten oder über ein von 32 Gartenzwergen eingekreiste Blumenbeete. Ein wenig beneiden, wir diese Menschen, weil sie Käfige verlassen, in denen andere festsitzen. Vor allem Engländern sagt man nach, lustvoll anders zu sein.

Wir jedoch sind in Deutschland. Unsere Außenseiter sind mitunter richtig widerlich. Neonazis, die Kinder schänden. Oder eben diese selbst ernannten „Reichsbürger“. Eigenartige Leute mit häufig guten Kontakten in die rechtsextreme Szene,  die die Bundesrepublik Deutschland als Unrechts-GmbH ansehen und deren Institutionen den Stinkefinger zeigen. Werden sie vom feindlichen, tatäschlichen Staat unter Druck gesetzt, reagieren sie auch gewalttätig. Wie wir jetzt erleben mussten.

Gut, man kann ja darüber diskutieren, ob es nicht erlaubt sein sollte, sein Grundstück samt Eigenheim zum unabhängigen Staat zu erklären. Aber trotzdem läuft in dieserm Fall etwas grundlegend schief. Reichsbürger wehren sich zwar, an den Kosten für die Allgemeinheit beteiligt zu werden. Aber man darf vermuten, dass sich diese Rebellen mit Strom und Wasser beliefern lassen. Oder sogar von Hartz IV leben.

Hier muss es Verträge geben, in denen klar geregelt ist, wie sich die Bundesrepublik ihre Dienstleistungen von irgendwelchen Mini-Staaten bezahlen lässt.  Ein TTIP für Idioten. Vor allem brauchen wir hohe Zölle für Pizza-Dienste, Dosenbier, Sofas und Flachbildfernseher. Dann werden Spinner wieder „wertfrei“ sein.

Horst Seehofer. Ein Mann wie Karl Valentin

Willkommen zur Job-Lotterie: Horst Seehofer, zurzeit CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident in Personalunion, hat verkündet, 2017 eines seiner beiden Ämter abgeben zu wollen. Ganz freiwillig und möglicherweise sogar für immer. Um welches Amt es geht, sagt er nicht. Die Welt darf rätseln.

Nicht zum ersten Mal verwirrt Seehofer mit seinem sprunghaften Reden und Handeln Freund und Feind. Hatte er doch seit Jahren behauptet, dass die Spitzenämter von Freistaat und Partei in eine Hand gehörten. Nur dies sichere dem Amtsinhaber die größtmögliche Bedeutung. Jetzt redet er genau anders.

Wer sich darüber wundert, übersieht, dass in Bayern mit Horst Seehofer seit der Verleihung 2014 ein würdiger Träger des Karl-Valentin-Ordens regiert. Der Münchner Komiker war für hintersinnige und doppelbödige Gedankenspiele berühmt. CSU-Politik hätte bei ihm so funktionert: „Das ist wie bei jeder  Wissenschaft. Am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war.“ Kommt uns bekannt vor. „Ich möchte nicht, dass mich Bekannte erkennen“, könnte darauf hindeuten, dass sich der Chef für seine Parteifreunde immer ein kleines Geheimnis aufhebt. Der Satz „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ war bei Valentin aber mutmaßlich anders gemeint, als es Obergrenzen-Prediger Seehofer propagiert.

Doch vor allem geht es dem CSU-Chef darum, dass der mega-ehrgeizige Markus Söder niemals seine heutige Machtfülle erreicht. Also treibt er ihn in ein übles Dilemma. Will Söder Parteivorsitzender werden, muss er nach Berlin und unwichtiger Minister werden. Ansonsten droht ihm, dass er zum bloßen Ministerpräsidenten wird und alsbald als Vortänzer bei oberbayerischen Brauchtumsfesten glänzt. Aber wie soll das gehen? Er ist doch Mittelfranke! Das kann nicht funktionieren.

Es bleibt also nur, dass Markus Söder, heute glücklicher Herr über einen soliden Landeshaushalt, über die bayerischen Schlösser und Seen sowie über die staatliche Lotterieverwaltung, erkennt, dass auch er einem großen Wort von Karl Valentin folgen muss: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Erst dann wird Ruhe herrschen. Horst Seehofer hätte seine Intimfeind verhindert. Wer seine Nachfolger werden, ist ihm herzlich egal. Denn so, wie er die Fähigkeiten seiner Parteifreunde einschätzt, ist ihm, wie schon Karl Valentin, für Staat und Partei eines klar:  „Die Zukunft war früher auch besser!“

 

 

 

 

 

 

US-Wahlkampf: Fremdschämen hilft auch nicht

Irre und fies. So läuft der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. Wir erfahren viel über miesen Charakter, Geldgier, kriminelles Handeln, frauenfeindliches Gerede oder echte Vergewaltigung. Man könnte jetzt sagen: Na ja, die Amis halt. Waren ja schon immer durchgeknallt. Leider ist es nicht so einfach. Diese Schlammschlacht schadet uns allen.

Hillary Clinton und Donald Trump attackieren sich auf übelste Art und Weise. Vor allem das Wühlen unterhalb der Gürtellinie ist in dieser Nicht-Qualität unter demokratischen Politikern neu. Beim jüngsten Fernsehduell konnte man den Eindruck haben, hier würden sich zwei Ekel-Pakete vor einem Millionenpublikum duellieren.

Aber wechseln wir die Blickrichtung. Die USA und „der Westen“, also auch wir, beanspruchen für sich, Bewahrer der edelsten Werte dieser Welt zu sein. Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – all das gebe es im christlichen Kulturkreis so ehrlich und umfassend wie nirgends sonst. Die Bewahrer dieser Werte wiederum sind die Regierungen, in den Vereinigten Staaten vor allem der oder die Präsident*in.

Wie soll nun ein Araber oder Afrikaner, dem das hässliche Gebell oder das falsche Lächeln dieser Kandidaten per Satellit ins Wohnzimmer übermittelt wird, glauben können, dass es gut sein soll, solchen Menschen die Verantwortung für Atomwaffen zu übergeben? Wer soll glauben, dass ihnen Clinton oder Trump eine bessere Zukunft garantieren könnten als ihre eigenen zweifelhaften Anführer? Es kann eigentlich nicht sein.

Und noch etwas: Nehmen wir an, Donald Trump hieße Erdogan oder wäre der selbst ernannte Kalif von Bagdad. Eine Empörungswelle rollte durch das Land. Viele würden vor dem Irrsinn der frauenfeindlichen Muslime warnen und schärfere Anti-Terror-Gesetze fordern. Nur die Satiriker hätten ihre Freude.

Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Das Duo Clinton/Trump allerdings ist objektiv widerlich. Hülfe Fremdschämen, wir würden gerne rot. Aber leider wird das nicht so sein.

 

 

Fußball und Hunde: Unser Halt in dieser bösen Welt

Immer diese bösen Nachrichten. Fast-Terror in Deutschland und in den USA zwei Präsidentschaftskandidaten, deren öffentliche Debatte das Niveau des anspruchsloseren Privatfernsehens bestenfalls erreicht. Wir brauchen Anker der Hoffnung. Ich empfehle Hunde und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Letztere hat gegen Tschechien einen wahrhaftigen „Oh-wie-ist-das-schön“-Stil zelebriert. Gegen Nordirland war es auch ganz nett. Neun Punkte auf den Weg nach Russland, ins Riesenreich des kalt lächelnden Kriegsherrn. Dort ist das Gras besonders grün, gut gedüngt mit Geld für Fifa-Bonzen.

Wir gönnen uns flotten Fußball, aber den Russen eigentlich kein Fest von Weltformat. Weshalb wir uns wünschen, dass Putin, wenn wir ihn schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht boykottieren, wenigstens irgendeiner auf den Rasen kacken möge.

Womit wir bei den Hunden wären. Unsere Vierbeiner, denen in dieser Woche ein Welttag gewidmet war,  sind unsere besten Freunde. Gewiss schauen Katzen voller Verachtung auf die treudoofe Treue der hechelnden Schwanzwedler. Aber unsere Seelen salbt sie, weil sie bedingungslos ist.

Sicher, auch Hunde können böse werden. Aber meistens sind sie doch bereit, Frauchen und Herrchen zuliebe ein abseitiges Dasein zu führen. Streiften sie einst frei und ungewaschen durch die Wildnis, so liegen sie heute frisch shampooniert im parfümierten Körbchen. Die Produkte, mit denen Hunden ein richtig schönes Leben gestaltet werden soll, werden immer zahlreicher und teurer.

Die Wirtschaft sagt Danke. Für Fifa und Hund.

Wir jedoch wünschen uns, dass es wieder so sein möge, dass wir uns einen Fußballer vorstellen, wenn wir „Der Bomber“ sagen. Aber das wird wohl noch ein paar Jahre dauern…

 

Banken: Unterm feinen Zwirn riecht es faulig

Kleider machen Leute. Dieses Sprichwort sendet zwei Botschaften aus. Wer in einer bestimmten Funktion ernst genommen werden möchte, sollte sich  passend anzuziehen. Es kann sich aber auch um Tarnung handeln, unterm feinen Zwirn kann es faulig riechen.

Letzteres hätten wir unseren Banken noch vor einigen Jahren nicht zugetraut. Ihre Chefs und Mitarbeiter galten uns als integre Persönlichkeiten, deren Lebensziel es war, den Wohlstand aller Kundinnen und Kunden zu mehren. Dieses Vertrauen war schon damals romantisch. Inzwischen jedoch ist der Lack völlig ab.

Schuld daran ist vor allem die Deutsche Bank. War sie einst ein Geldinstitut, an dessen Fassaden die Menschen ehrfürchtig hochschauten, entpuppt sie sich zusehends als Biotop für Finanzgaunereien jeglicher Art. Ganz frisch ist herausgekommen, dass sie Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin geholfen hat, in großem Stil Geld zu waschen.

Die Deutsche Bank konterkariert also die Embargo-Politik, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Ukraine-Konflikt als einzig richtigen Weg lobt. Und was ist aus der Aufsichtsbehörde BaFin zu hören? Man wolle Milde walten lassen. Stecken Hochfinanz, Politik und Staatsbürokratie also unter einer Decke?

Man möchte es nicht glauben. Aber dann kommt Peer Steinbrück. Er wird Berater bei der ING-Diba-Bank. Was der genaue Auftrag des frisch aus dem Bundestag zurückgetretenen Sozialdemokraten ist, weiß man nicht. Man darf aber erwarten, dass ein Ex-Kanzlerkandidat, Ex-Bundesfinanziminister und Ex-Ministerpräsident jedem Geldinstitut hilfreiche Insider-Informationen geben kann.

Doch darf einer wie er nicht seinen Marktwert nutzen? Erst recht, wo er für sich schon immer Beinfreiheit eingefordert hat?

Schon, aber die Botschaft an alle Beteiligten ist so klar wie übel. Das Volk erfährt, dass sich Regierung und Hochfinanz nahe sind. Und Politikern wird klar gemacht, dass man Geldkonzernen nicht zu sehr auf die Finger klopfen sollte. Nur dann winkt später die Belohnung.

Peer Steinbrück kann seinen Ruhestand noch ein bisschen mehr genießen. Ein wirksames Deodorant sei ihm allerdings empfohlen.

Dresden: Musste das wirklich sein?

Dresden? Musste das wirklich sein? Das werden sich viele Menschen nach den beschämenden Bildern vom Umfeld der offiziellen Feier zum Tag der Deutschen Einheit gedacht haben. Als Quasi-Halb-Sachse (Mutter in Dresden geboren) vermitteln auch mir meine entfernten Verwandten massives Unbehagen.

Man fragt sich, was die „Hau-ab“-Schreier haben möchten. Wollen sie die Mauer zurück? Ist ihnen die Idee einer offenen Gesellschaft dermaßen zuwider, dass sie lieber in einer gut organisierten Diktatur nach DDR-Maßstab leben wollen? Wenn sie Politiker*innen als „Volksverräter“ beschimpfen, glauben sie dann wirklich, sie seien das Volk?

Probieren wir es doch mal mit kühlem Kopf. Definitiv ist es so, dass Sachsen ein riesiges, auf offizieller Ebene lange verdrängtes Problem mit Rechtsradikalen hat. Wer vor einigen Jahren an einer großen Anti-Nazi-Demonstration in Dresden teilgenommen hat, konnte die Sympathien der dortigen Polizei für „anständige Deutsche“ am eigenen Leib erfahren. Angeblich hat ein Polizist den „Pegida“-Anhängern an diesem 3. Oktober per Lautsprecher-Durchsage einen „erfolgreichen Tag“ gewünscht.

Trotzdem greift es zu kurz, alle Sachsen und auch alle Dresden als rechte Deppen anzuschauen. Es gibt dort auch reichlich Andersdenkende. Es ist zudem klar, dass diejenigen, die schockierend zahlreich die allgemeinen Erwartungen nach blödem Benehmen erfüllen, in den Fokus der Medien geraten. Sucht man nach Entschuldigungen für das Hass-Gebaren, dann wird man in der DDR-Zeit fündig. Dresden wurde gegenüber der Hauptstadt Berlin in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Die Menschen hatten nicht einmal West-Fernsehen. Man nannte Elb-Florenz auch das Tal der Ahnungslosen. Was es mit Blick auf ausländische Mitbürger*innen wohl immer noch ist.

Was lernen wir aus dem Gebrüll zur Deutschen Einheit? Wer Neonazis an der langen Leine lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Hunde irgendwann nicht nur bellen. Außerdem: Eine Politik, die das Thema Gerechtigkeit zu nachlässig bearbeitet und stattdessen „die Märkte“ hätschelt, darf sich über wachsenden Zorn nicht wundern. Und das nicht nur in Dresden…

Leiten ist gut, aber Kulturen gibt es viele

Das Wirken des Gesetzgebers erfreut uns dann am meisten, wenn es klare Verhältnisse schafft. Wir wollen schließlich woran wir sind. Doch so einfach geht Politik nicht. Jüngstes Beispiel: Die CSU möchte den Begriff „Leitkultur“ in der Bayerischen Verfassung verankern.

Bayerische Verfasung, gibt es die überhaupt? Jawohl, und sie ist nicht das schlechteste derartige Regelwerk. Darin heißt es zum Beispiel: „Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung.“ Oder auch: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ Oder: „Ausbeutung, die gesundheitliche Schäden nach sich zieht, ist als Körperverletzung strafbar.“

Aber Leitkultur, was soll das sein? Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt zwar, dass „unsere Hausordnung“ nicht verhandelbar sei. Wer dann aber welche Treppe kehrt oder wer zu was intergriert werden soll – da bleibt es sehr im Allgemeinen, indem er sagt:„Bayern soll Bayern bleiben. Deshalb streben wir an, dass der Begriff der Leitkultur als Voraussetzung für Solidarität und Miteinander in die Bayerische Verfassung aufgenommen wird.“

Gegen „Leit“ ist nichts zu sagen. Hier wird eine Richtung vorgegeben. Wir kennen den Leitwolf, der uns den Weg zeigt, den zumeist besonders intelligenten Leitartikel als Grundlage für politische Meinungsbildung, den Leitfaden, der uns durch jedes Labyrinth unserer Gedanken lenkt. Wir wissen, dass Leitzinsen auch gegen Null gehen können und dass uns Leitplanken davor bewahren, in tiefe Schluchten zu stürzen.

Doch Kultur? Davon gibt es so unendlich viel. Wir können uns zwar denken, dass für die CSU der Islam nicht zu Deutschland gehört. Aber ist uns der Döner nicht genauso nahe wie die Bratwurst? Sind Tore eines polnischen Mittelstürmers, die von einem Franzosen muslimischen Glaubens vorbereitet wurden, etwas nicht mit unserer Leitkultur vereinbar? Ist Leitkultur eine Form von Hochkultur? Oder ist sie Alternativkultur im Sinne eines Bollwerks gegen das allgemeine Multikulti?

Was wollen wir unseren neuen Mitbürgern lehren, womit wollen wir sie vertraut machen?  Unternehmenskultur, Sprachkultur, Popkultur, Monokultur, Wohnkultur, Pilzkultur, Tischkultur, Müllkultur oder Hydrokultur? Ist die Integration des Flüchtlings gar erst dann vollendet, wenn er Freikörperkultur gut findet?

All das müssten wir wissen, um die bayerische Leitkultur-Initiative zu verstehen. Bis dahin sei festgestellt: Dieser Freistaat mag seine ganz eigenen Kulturbringer haben. Die Lederhose ist es nicht.