Die Kinder kommen nicht. Andere schon…

Familienpolitik in Deutschland ist ein freudloser Job. Der Staat zahlt Geld, Geld und nochmals Geld. Aber der ersehnte Babyboom bleibt aus. Wo Armut herrscht, wird geboren. Bei uns ist das Biotop der Rollatoren.

Es kann es also verstehen, wenn sich Politiker in ihrer Verzweiflung in Schnapsideen flüchten. Eine solche war das von der CSU in Berlin durchgeboxte Betreuungsgeld. 150 Euro pro Monat dafür, dass man daheim bleibt? Clever. Wäre es da nicht auch gut, die Pkw-Maut mit einer Anti-Infrastrukturabgabe zu koppeln? Wer nicht fährt, kassiert. Sofern er kein Ausländer ist.

Die Kinder kommen nicht. Andere schon. Und deshalb verlagert sich die CSU auf ihren Markenkern: Sie warnt vor dem Fremden und präsentiert sich im gleichen Atemzug als einzig mögliche Beschützerin. Das ganz aktuelle Problem sind die Flüchtlinge vom Balkan. Wir lesen von “rigorosem Durchgreifen” und “entschiedenem Handeln”. Lasst uns machen – und sie bleiben, wo sie hingehören.

Die Botschaft hat Wucht. Aber sie wird nicht helfen, eher passiert das Gegenteil. Nach einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Studie sitzen auf dem Balkan vor allem junge Menschen auf gepackten Koffer. Man hatte 14- bis 29-Jährige zu ihren Zukunftsplänen befragt. Das Ergebnis: 67 Prozent der Albaner, 55 Prozent der Kosovaren, 53 Prozent der Mazedoniern und 49 Prozent der Bosnier dieses Alters erklärten, dass sie ihre Länder für perspektivlos halten und deshalb in Richtung Deutschland, Großbritanniern, Schweiz oder USA auswandern zu wollen.

“Durchgreifen” wird da an Grenzen stoßen, das Schüren von Wut auf die Fremden ruft die Zündler auf den Plan. Bei uns bräuchte es Kinder. Dort bräuchte es Wohlstand. Es passt nicht zusammen. Und Hilfspakete, die nur aus Krediten, sind wie Rollatoren ohne Räder.

Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

Zu den größten Belastungen für menschliche Beziehungen zählt der so genannte Forderungsüberschuss. Man hofft, dass sich Partner oder Partnerin in jeder Situation gemäß der eigenen Ideale verhalten. Man erwartet, dass sie reges Interesse für all das zeigen, was einem selbst wichtig ist. Anders kommt es oft.  Wenn aber die Wunschvorstellung gar nicht klappt, ist die Enttäuschung riesengroß.

In eine solche Situation ist Angela Merkel hineingeraten. Ein weinendes Flüchtlings-Mädchen aus Rostock namens Reem hat sie aus der Fassung gebracht. Die Inszenierung einer Schülersprechstunde hat nicht nach Plan geklappt. Die Bundeskanzlerin streichelte das Mädchen unbeholfen – und wird nun der emotionalen Eiseskälte verdächtigt. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt tobte im Internet rasch der Shitstorm. Ist Angela Merkel also böse?

Von Joschka Fischer stammt der Satz: “Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt.” Das gilt nicht nur für Spitzenpolitiker, das gilt bis hin zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Wer zeit- und arbeitsintensive Aufgaben übernimmt, wird nur selten den offenen und freundlichen Blick für seine Umgebung bewahren können. Wer selbst Teil des Programms ist, wer die Erwartungen des Publikums/der Kundschaft kennt, wird seine Rolle spielen. Je höher das Amt, desto kälter wird es. Selbst der Papst hat nicht immer gute Laune.

Also sollten wir nicht zu anspruchsvoll sein. Wer von Politikern spontane – und glaubwürdige – Empathie verlangt, fordert Übermenschliches. Echte Gefühle sind in diesem Geschäft die ganz große Ausnahme.

Immerhin: Ein gewisser Dirk W. Eilert, Berufsbezeichnung Gesichterleser, erklärte zur Begegnung von Reem und Kanzlerin: “Merkel neigt den Kopf leicht zur Seite, die Augenbrauen-Innenseiten zieht sie hoch. Dies ist der kulturübergreifende Gesichtsausdruck für Mitgefühl und zeigt, dass sie entgegen der Meinung der meisten Menschen in den sozialen Medien nonverbal empathisch reagiert hat.”

Ist doch schön. Und die Umfragewerte für die CDU sind über’s Wochenende auch gestiegen.

In der Hitze zeigt sich der Geschmack

Diese Hitze! Bei mehr als 30 Grad möchte man sich unbedingt Erleichterung verschaffen. Doch wo Textil ist, ist Schweiß. Also mögen wir es im Sommer luftig und auf’s Wesentlichste reduziert. Jedoch: Wie halten wir es mit der Moral? Oder mit der Ästhetik?

Jüngst hat die Rektorin eine Realschule in Baden-Württemberg ein bundesweit beachtetes Signal gesetzt. Wer bei seiner Bekleidung zu stark auf Stoff verzichtet, muss am jeweiligen Unterrichtstag ein übergroßes T-Shirt überstreifen. So soll erreicht werden, dass Schüler nicht auf nackte Haut starren, während an der Tafel Algebra-Aufgaben auf eine Lösung warten. Wissen statt Erotik – das ist das Ziel.

Aber sind junge Menschen wirklich exhibitionitisch veranlagt? Wollen sie unbedingt zu viel und zudem das Falsche zeigen? Hier sollte man nie vergessen, dass sie in einer Welt der schlechten Beispiele leben. Wer sieht, zu welchen optischen Verbrechen Erwachsene im Hochsommer fähig sind, wird mangelnden Stil bei der Jugend milde beurteilen.

Zumal sich viele Ältere in einer fortlaufenden Wachstumsphase befinden. Wer etwa ein T-Shirt drei Jahre nach der letzten großen Hitzewelle wieder einmal überstreift, sieht unter Umständen aus wie eine zugeschnürte Leberwurst. Speziell Männer in kurzen Hosen können schlimm aussehen, erst recht, wenn Sandalen mit Socken kombiniert werden.

Wir haben also gelernt: Hitze ist in jeder Lebensphase eine Prüfung für den guten Geschmack. Die heftige Diskussion über die blutjungen Hot-Pants-Lolitas wird eher von Erwachsenen geführt. Sie gab es in den 70-er Jahren in 13 Folgen “Schulmädchen-Report”, welche weltweit rund 100 Millionen besorgte Bürger voller Abscheu betrachteten.

Und unvergessen ist der alte Grieche Sokrates: “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”

Manches ändert sich eben nie.

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort “Baiern” wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das “i” kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das “y” sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der “GrEnter”, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Der Liebling der Evolution: der Orthopäde

Mit der Evolution ist es wie immer im Leben. Es gibt Verlierer und Gewinner. Manches kommt und wird groß und größer. Anderes verschwindet für immer von dieser Welt.

Tolle Geschöpfe haben so das Zeitliche gesegnet. Der anatolische Halbesel etwa, die Galapagos-Riesenschildkröte, der Magenbrüterfrosch oder der St- Helena-Riesenohrwurm. Gerade hat es das schlitzohrige Varoufakis und das schwatzhafte Lucke in der AfD erwischt. Wobei noch nicht sicher ist, ob  letzteres Wesen nicht doch in einem neuen Biotop wiederkehren wird. Wir wissen nur, dass es sich um ein besonderes Geschöpf handelt, welches den Großteil seines Energiehaushaltes durch die Strahlen der Studiolampen von politischen Talk-Shows zu decken vermag.

Während es dem langbärtigen IS schon seit geraumer Zeit gelingt, seine geistig-moralische Entwicklung aus freien Stücken um Jahrhunderte zurückzudrehen, ist das erst kürzlich entdeckte Tsiprasum oxichum gerade groß im Kommen, Es setzt dem heimlichen König der Tiere, dem rautenformenden Merkel, gewaltig zu.

Doch blicken wir lieber auf eine Spezies, die wegen verbreiteter evolutionärer Veränderungen, eine stille, aber mächtige Karriere macht: den Orthopäden. Wesentliche Rahmenbedingungen unseres modernen Lebens spielen diesen zumeist in weiß gekleideten Wesen in die Hände. Da wir immer mehr herumsitzen, verbreitern sich unser Gesäße, werden unsere Rücken empfindlicher. Oft schmerzt die Maushand.

Und nun auch noch dies: Immer mehr Menschen leiden am Handynacken. Eine Krankheit, die uns erfasst, weil wir in jeder Lebenslage den Kopf senken, um in einen kleinen Bildschirm zu schauen, Das macht uns nicht nur einsam, sondern sorgt für Schmerzen. Wissenschaftler haben errechnet, dass der etwa vier bis sechs Kilo schwere Kopf eines Erwachsenen mit rund 13 Kilo zusätzlich auf der Halswirbelsäule lastet, wenn er etwa 15 Grad nach vornüber geneigt ist. Beim Schauen aufs Display senkt der Nutzer seinen Kopf aber nicht meist um die 60 Grad. Kräfte von 27 Kilogramm wirken dann auf Nacken und Rücken.

Somit drohen uns im Alter Höllenqualen. Und wer hat den Nutzen? Klar doch, der Orthopäde. Tun Sie also alles, um Ihr Kind vom Studium der Geisteswissenschaften abzubringen. Dem Hals-Wirbelsäulendoktor gehört die Zukunft. Die Evolution ist mit ihm.

NSA, ZAPF MICH AN!

Zu einem gelingenden Dasein gehört es, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern  kann. Es hat keinen Sinn, das Unabänderliche zu bekämpfen. Besser man spielt damit. Wie mit der Daten-Sammelwut der US-Sicherheitsbehörde NSA.

Asterix und Obelix haben uns gelehrt, was zum Wesen großer Imperien gehört. Sie spinnen, zumindest manchmal. Bei den USA ist dies definitiv der Fall. Hat sich diese Nation doch vorgenommen, alles, aber auch wirklich alles zu wissen, was im Rest der Welt geredet, geschrieben, gefunkt, fotografiert und gesendet wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch irgendwann in tiefer Depression enden muss. Man wird in den USA feststellen, dass man ein irrsinniges Geld ausgegeben hat, um am Ende Eigentümer der größten Daten-Müllhalde aller Zeiten zu sein. Aus all dem Informationswust hilfreiches Wissen herauszufiltern, wird kaum noch möglich sein. Dass die NSA-Server in ein paar Jahren zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verursachen werden, bliebt als Ärgernis am Rande.

Es sei denn, es gelingt uns, den Amerikaner zu verklickern, wie lachhaft ihr wahnhaftes Datensammeln ist. Die Weltmacht holt sich ja oft nicht mehr Neuigkeiten, als sie aus der Zeitung oder bei einem Telefonat erfahren könnte. Unsere Politiker und Bosse sollten bei Anzapfverdacht nicht mehr zetern, sondern ihren Stolz bekunden, dass sie von der wunderbarsten aller Nationen als bedeutend wahrgenommen werden.

Sie und wir alle brauchen ein Bewusstsein, wie es  – besonders den unwichtigen – Promis eigen ist. Selbst bei sinnlosesten Verrichtungen werden sie von Paparazzis abgelichtet. Das nervt – aber es macht interessant. Und istinsofern gut für’s Geschäft.

Für die US-Daten-Halden sollte also gelten: Nur wer drin ist, zählt auch was. Und so verwandelt sich unser Wehklagen in eine klar Botschaft: LOS, NSA. ZAPF MICH AN!

Zum Abendbrot bei Dschihadistens

Niemand sollte behaupten, dass er in seinem Leben niemals richtig blöd gewesen wäre. Die uns Menschen gegebene Spanne von klug und edel bis zu saudumm und böse hat ab einem gewissen Alter jeder irgendwann mal ausgelotet. Wir sollten also tolerant sein. Doch gelegentlich stößt man an Grenzen.

Wie aktuell berichtet wird, steigt die Zahl junger Frauen, die in die Kampfgebiete Syriens fahren, um dort einen Kämpfer des Islamischen Staats zu heiraten. Das wirft Fragen auf: So kommt man ins Grübeln darüber, ob unsere Art zu leben wirklich so sinnentleert und unattraktiv ist, wie es zu sein scheint. Die jungen Frauen können hier shoppen, Eis essen, sich mit Gleichaltrigen treffen oder an einem Weiher in aller Seelenruhe Enten füttern. Sie können einen Beruf lernen und Geld verdienen. Stattdessen wollen sie in die Wüste. Dorthin, wo täglich Bomben fallen.

Gut, auch Spätpubertät verwirrt enorm. Aber stellen diese IS-Bräute das Denken komplett ein? Sie könnten sich doch zum Beispiel fragen, was das für ein Paradies sein soll, wenn die sicherste Eintrittskarte massenhafter Mord ist? Winkt da ein himmlischer Schlachthof, in dem gebenedeite  Ex-Kämpfer im Beisein ihrer Familien Ungläubige von der Wolke schießen dürfen?

Was beglückt junge Frauen an der Vorstellung, dass sie durch das gebärfreudige Ertragen auch der fahrlässigsten Penetration wenigstens zur Erstfrau und somit zum Menschen zweiter Klasse werden können? Wie muss man sich die Abendbrot-Gespräche bei Dschihadistens vorstellen?

So etwa? „Schatz, wie war dein Tag?“ „Ach normal. Fünf Ungläubige erschossen, drei enthauptet. Passt schon.“ „Ach, ich bin ja so stolz auf dich!“. „Schön, so lass’ uns dem Kalifen ein Kind zeugen.“ Und wenn der Kleine im Vorschulalter ist, schicken die Freunde ein Bobbycar. Daran kleben die Eltern Spielzeug-Dynamitstangen und Papa sagt: „So, mein Sohn, so wirst du später auf den Marktplatz fahren.“

Wenn man sich diesen Irrsinn zusammendenkt, erkennt man, dass man in eine Situation geraten ist, in der allenfalls eine sofortige Urschrei-Therapie noch hilft. Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht mal das.

Man kann sich ausmalen, wo der Hass herkommt. Aber wie kann er so groß sein? Darf man zugeben, dass man ratlos ist? Ja. Denn es gelingt mir nicht anders.

Unsere Helden: Loddar, Boris und die Ossis

Nein, dies ist kein Land für Helden. Anderswo werden Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den Himmel gehoben, ihnen werden Denkmäler gesetzt. Bei uns jedoch ist das anders: Mag einer noch so berühmt sein – wir nörgeln.

Nehmen wir Cristiano Ronaldo. Dieser Fußballer ist ganz gewiss überragend talentiert. Deshalb ist er auch zurecht Weltfußballer. Auf seiner Heimatinsel Madeira steht er als Bronzestatue vor einem nach ihm benannten Museum als Bronzestatue.

Auch wir hatten einen Weltfußballer. Das war vor 25 Jahren. Und er hieß, richtig: Lothar Matthäus. Wahre Freunde des Sports bekommen feuchte Augen, wenn sie an seine unglaubliche 1990-er WM-Gala gegen Jugoslawien zurückdenken. Aber nicht einmal in Nürnberg, das mit einer Büste einer renitenten Marktfrau gedenkt und seinen Flughafen nach einem Kunstmaler mit Jesus-Frisur namens Dürer benennt, kämen sie auf die Idee, ihrem „Loddar“ ein Monument zu errichten.

Nicht mal den „Glubb“ darf er trainieren. Und das nur wegen ein paar verkorkster Weibergeschichten mit zu jungen Frauen und einer Reihe von oettingeresken Interviews auf Englisch. Er war der Beste und gilt heute als Heini.

Ein Schicksal, das er mit einem anderen famosen Ballkünstler teilt, nämlich Boris Becker. Dieser hat, blutjung,  vor 30 Jahren die Becker-Rolle auf den Rasen von Wimbledon gezaubert. Viele Jahre lang fegte er jeden weg, der da stand und auf seine Bum-Bum-Aufschläge wartete. Und dann: Probleme mit Geld, Weibern und blöden Auftritten in blöden Fernsehshows. Auch er: Held im Ausland – Depp bei uns.

Der Heldenstatus gebührt aber noch einer großen, schwer verkannten Gruppe unserer Bevölkerung: den Ossis. Während wir im Westen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren ein bisschen Soli bezahlen und ansonsten einfach weitermachen konnten, wurden den Ostdeutschen enorme Veränderungen abverlangt. Eine freie Wirtschaft ist ja nicht für jeden so schön, wie man denkt, wenn man sie nicht hat.

Eigentlich hätten auch sie ein Denkmal verdient. Dass sie uns als Angela Merkel und Joachimg Gauck umfassend regieren und repräsentieren, stimmt natürlich. Unterschätzt sind sie also auch. Einen Helden wie Ronaldo hingegen kann man gar nicht stark genug überschätzen. Vielleicht ist es das.

Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Angela Merkel kann die neue Queen werden

Ist Markus Söder auf einer Briefmarke denkbar? Eher nicht. Wir müssten an dieser Stelle festhalten, dass es unserem bayerischen Finanzminister hierfür (noch) an Bedeutung mangelt. Womit wir bei der englischen Königin wären. Queen Elizabeth ist II. unfassbar berühmt. Sie darf als erfolgreichstes Briefmarken-Model der Weltgeschichte angesehen werden.

Die Regentin prangt seit ihrer Krönung im Jahr 1952 auf Postwertzeichen im gesamten Commonwealth. Ihr Profil wird in Australien genauso auf Briefe geklebt wie in Kanada oder Hongkong. Zu den Legenden der Philatelie zählt die 1-Penny-Marke von Somlialand aus dem Jahr 1996. So groß ist der Vorsprung von Elizabeth, dass sie selbst Diktatoren mit hohem Abstand zum Rentenalter wie Nordkoreas Kim Jong Un kaum erreichen werden.

Und gerade an den Briefmarken sieht man, was eine Frau wirklich bedeutend macht: Eine zeitlose Frisur, die in jedem Alter gut aussieht. Der vor 63 Jahren amtierenden Palast-Stylist von Buckingham war in diesem Sinne kein Haarkünstler, sondern ein Seher. Seine Welle war und ist perfekt.

Deutsche sind in Sachen Briefmarken-Präsenz bescheiden. Nur Bundespräsident haben das Recht, ihr Konterfei in den Postverkehr einbringen zu lassen. Ansonsten gilt der vorherige Tod als Grundbedingung. Tatsächlich gab es im Jahr 1982 einen Block mit den Köpfen der bis dorthin amtierenden Staatsoberhäupter von Heuss bis Scheel. Dann endete diese Mode, was gerade heute schade ist, wo wir doch einen formatfüllenden Quadratschädel im Amt haben.

Welche deutschen Persönlichkeiten haben ihre Briefmarke zu Lebzeiten bekommen? Papst Benedikt musste sein. Schließlich hat er es als Deutscher zum Oberhaupt eines anderen Staates gebracht. Helmut Kohl durfte, nach anfänglichem Widerstand von CDU-Chefin Merkel – im Jahr 2012 als Ehrenbürger Europas auf die Briefe dieses Landes. Freigänger Uli Hoeneß stürmt auf einer Sonderbriefmarke von 1974 der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen, die Weltstars Mario Basler, Mehmet Scholl und Thomas Strunz jubeln auf einer Bayern-München-Meisterschaftsmarke von 1997. Ein wichtiger Prominenter mit Briefmarke war schließlich Eisbär Knut aus dem Berliner Zoo.

Aber haben wir eine Frau mit einer ewigen Frisur? Ja, es gibt sie. Angela Merkel, liebevoll gestylt von Udo Walz. Unsere Bundeskanzlerin wäre für eine dauerhafte Briefmarken-Präsenz geeignet. Sie könnte die neue Queen werden, zumindest in der Eurozone. Bloß beeilen müsste sie sich, denn 63 weitere Jahre Amtszeit sind ein überaus ambitioniertes Ziel.

Ob Markus Söder doch den Anfang machen sollte…