Wenn Messi und Ronaldo sterben

Es ist diese Zeit der müden Augen. Du sitzt weit nach Mitternacht vor dem Fernseher und schaust Fußballern in Brasilien bei der Arbeit zu. Um nicht einzuschlafen, liest du nebenbei die Twitter-Meldungen zur Weltmeisterschaft. Die meisten sind lustig – aber plötzlich ist alles ganz anders.

Mit einem Tweet, der dich irgendwie erreicht hat, wurden Bilder verschickt. Du siehst junge Männer in Fußballtrikots. Ronaldo ist zu lesen, Ibrahimovic, Messi, Müller…

Aber diese jungen Männer jubeln nicht. Sie liegen neben vielen anderen mit dem Kopf nach unten im Staub. Und warten darauf, erschossen zu werden. Über ihnen stehen Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien, die Gewehre im Anschlag. Weitere Bilder zeigen das Mündungsfeuer.

Es ist so traurig und so absurd. Du siehst Menschen, die während dieser WM-Tage die gleichen Interessen haben wie du, die vielleicht diesselben Stars gut finden. Die, wie du auch, ohne große Sorgen ein gutes Leben führen wollen. Aber die eben zur falschen Zeit am völlig falschen Platz gewesen und deshalb Mördern in die Hände gefallen sind.

Sicher, es gibt die Hoffnung, dass diese Massenexekution so nicht stattgefunden hat, dass es nur eine Propaganda-Aktion der Islamisten war, mit der Angst und Schrecken verbreitet werden sollen. Trotzdem: Wenn ich nach diesem Tweet den Fußballern zugeschaut habe, schossen mir diese Bilder immer wieder durch den Kopf.

 

 

 

Ob Mick Jagger oder Frosch: Die Kraft liegt in der Zunge

Woher nur nehmen sie die Kraft? Wenn es um die Rolling Stones geht, taucht diese Frage unweigerlich auf. Jenseits der 70 sind diese Männer, haben Frauen und andere Drogen in enormen Mengen genossen – und springen trotzdem vergnügt und agil über die Bühne. Wie geht das?

Vielleicht ist es ja das provozierende Symbol dieser Band, die herausgestreckte, knallrote Zunge. Unser Geschmacksorgan wird gemeinhin unterschätzt. Sicher, es entscheidet maßgeblich darüber, ob uns ein Essen schmeckt oder nicht. In der Inkarnation Pressack bereitet sie Nahrungs-Traditionalisten sowieso größte Freuden. Sie macht unser Leben aber manchmal auch schwerer. Etwa dann, wenn sie Raucher/-innen für Nichtraucher unküssbar macht.

Nicht so bewusst ist uns, dass es sich bei Zungen von Fall zu Fall um hoch wirksame Präzisionwerkzeuge zum Zwecke der Jagd handelt. Anders als 99 Prozent der zurzeit in Brasilien eingesetzten Fußballer gelingt es Tieren, auch das kleinste Beutetier exakt zu treffen.

Und zwar mit enormer Kraft. Forscher der Universität Kiel haben gerade ermittelt, dass der südamerikanische Schmuckhornfrosch mit seiner Zunge das bis zu 3,4-fache seines Körpergewichts zu sich heranziehen kann. Was ungefähr so wäre, als würde Manuel Neuer einen 300 Kilogramm schweren Ball aus der Luft pflücken. Im Schnitt meisterten die Frösche das 1,45-fache ihres Körpergewichts.

Überraschend für die Wissenschaftler war, dass die beim Angriff eingesetzte Menge an Schleim nicht entscheidend für den Jagderfolg war. Das allerdings unterscheidet den Schmuckhorn-Frosch von einem beachtlichen Teil der Menschheit.

Wir lernen daraus: Wer weniger schleimt, hat am Ende mehr Kraft. Halten wir es also mit Mick Jagger und leben nach der Devise: Zunge raus! Auch wenn du älter wirst.

Wie der Frosch seinen Job erledigt, sieht man hier: YouTube Preview Image

 

Amazon, Igelchen und Papst: Mein Best-of-2013

Eingeweihte wissen es: Ich bin nicht Günther Jauch. Deshalb bringe ich meinen Jahresrückblick nicht schon vor dem ersten Advent, sondern nach Neujahr. Welches also waren meine meist gelesenen Blog-Einträge in 2013?

Die größte Resonanz hat dee Botschaft “Nieder mit Amazon! Hoch auf Aldi!” gefunden.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/12/nieder-mit-amazon-ein-hoch-auf-aldi/

Kleine Anmerkung: Ich rufe nicht zum Boykott von Amazon auf. Meine Gewerkschaft ver.di hat schon viel für die ausgebeuteten Mitarbeiter/-innen dieses Unternehmens erreicht. Und die Konditionen werden zusehends besser. Wie bei der Ostpolitik. Annäherung durch Wandel.

Und wer war das Igelchen?

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/24/das-igelchen-beweist-print-wirkt/

Bis heute wissen wir nicht, welcher Ehemann sich per Zeitungsanzeige bei seiner Ehefrau für einen Fehltritt entschuldigt hat. Print wirkt. Klicktechnisch war’s Platz zwei.

Man kann auch über’s Wetter schreiben – und den dritten Platz ernten.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/21/lass-die-sonne-wieder-scheinen/

Jedenfalls war im Februar die Sonne weg. So wie auch im November, Dezember…

Zumal der Eintrag “Hilfe, der Frühling hat Burnout”, einen Monat später geschrieben, viertmeistgelesener Eintrag geworden ist,

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/23/hilfe-der-fruhling-hat-burnout/

Und: Ich hasse den Begriff “Schlecker-Frauen”. Noch mehr aber die Parole vom Zeitungssterben. Platz fünf

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/15/schlecker-frauen-mein-unwort-ist-zeitungssterben/

Und hier – unkommentiert, also zur freien Beurteilung – die Plätze sechs bis zehn:

6. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/12/wenn-bei-haarausfall-der-porsche-hilft/

7. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/17/wenn-uns-der-himmel-auf-den-kopf-fallt/

8. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/28/9701/

9. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/05/der-tod-lauert-in-der-badewanne/

10. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/15/messi-nasenbar-und-neuer-papst/

 

 

 

 

 

 

Der Akku ist dem Mensch sein Blinddarm

Treue Begleiter. Welcher Mensch bräuchte sie nicht? Und, oh Glück, es gibt sie. Wir nennen sie kurz Akkus. Sie sind immer in unserer Nähe, sie sichern uns den Strom für all unsere globalen kommunikativen Verrichtungen. Ohne sie geht nichts. In Worten: Nichts.

Hätte ich nicht das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, hätte ich den Akkumulator wahrscheinlich für eine Dinosaurier-Art gehalten. Einen mit dünnen Beinen, großenFüßen, spitzem Kopf und Fleischfresser-Gebiss. Bei uns aber gehörten diese handlichen Stromspeicher, nach meiner Erinnerung, zum Lehrplan der zehnten oder elften Klasse. Ich wusste um ihre Existenz und um ihren Sinn. Mir war bewusst, dass es sich um eine wiederaufladbare Ausführungsform galvanischer Zellen handeln würde. Allerdings hatte ich nur selten mit solchen Geräten zu tun. Für meine damals favorisierte Medien-Hardware bevorzugte ich herkömmtliche Batterien. Wie etwa für den Grundig-Radiocassettenrecorder für das Sommerpicknick am Baggersee.

Heute sind diese meist viereckigen schwarzen Dinger in ihrer Inkarnation Ladegerät (also mit Schnur) zum Suchtobjekt geworden. Denn die Lebenserfahrung des modernen Menschen lehrt: Immer dann, wenn man ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop besonders dringend braucht, ist der Akku leer oder leert sich unerwartet schnell. Der Akku ist unser Diener, bestimmt aber auch über unser Dasein. Er ist sozusagen ein externes Organ, unser virtueller Blinddarm.

Bloß, warum helfen uns Apple. Samsung und andere Geräteproduzenten nicht wirklich? Warum gibt es noch keine Geräte für erneuerbare Energien? Warum gibt es Taschenrechner mit Solarzellen, aber keine Handys, die man aufladen kann, indem man es in den Wind oder in die Meeresbrandung hält?  Warum wird kein Laptop verkauft, den man nur zehn Minuten in die Sonne legen muss, damit er wieder vor Kraft strotzt?

Ist doch klar: Die Hersteller wollen Geld verdienen. Mit Zubehör geht das. Deshalb achten sie auch strikt darauf, dass ihre Akkus nicht für Geräte anderer Firmen verwendet werden. Der Stecker ist mal kleiner, mal größer, mal rund, mal eckig. Hauptsache, man braucht zum Handy für 29 € einen gleich teuren Akku.

Es liegt auf der Hand, dass das so nicht sein müsste. Aber das ist das Wesen unserer Wirtschaft. So lange sich Konsumenten verarschen lassen, wird auch mit sinnlosen Produkten Kasse gemacht. Tja, Akku, bei dieser Sachlage müsste ich dich zur Strafe auf der Stelle entsorgen. Aber keine Sorge. Ich kann nicht ohne Dich. Und ein paar Milliarden andere Menschen auch nicht.

Der 1000. Hirndübel – und nix passiert

Es ist ein Drama. Da schreibe ich alle paar Tage so vor mich hin – und übersehe beinahe mein famoses Jubiläum: Dieses ist mein 1000. Hirndübel-Beitrag.

Gelegentlich habe ich an dieses Ereignis gedacht. Und hatte durchaus meine Pläne. Ich dachte an eine W-Lan-Party, bei der ich Blogpost Nummer Tausend gemeinsam mit wenigstens 20 Mitautoren/-innen schreiben wollte. Eine Facebook-Party mit Polizeihubschrauber und verbeamteten Schäferhunden war in der Überlegung. Auch ein virtueller Tod mit anschließender Wiederkehr in einer neuen Inkarnation erschien reizvoll. Zumindest wollte ich über ein ganz besonderes Thema schreiben.

Und jetzt? Ich sitze da, und habe nichts Spezielles auf der Pfanne. Mein Blog fügt sich somit nahtlos ein in meine sonstige Lebenserfahrung. Zum Beispiel hatte ich gedacht, dass der 50. Geburtstag ein ganz besonderes Ereignis wäre. Tatsächlich gehst du am Abend davor ins Bett, um beim Aufwachen festzustellen, dass du dich kein bisschen anders fühlst.

Jawohl, mein Hirndübel-Jubiläum habe ich verkackt. Wobei ich noch die Hoffnung habe, dass es vielleicht eine islamische, chinesische oder vodookultische Zählweise gibt, die einen neuen, baldigen Anlauf möglich macht. Die andere Option, die zehn unbeliebtesten Beiträge zu löschen, um in zwei, drei Wochen strahlend zur Jubiläumsfeier einzuladen, habe ich aus Gründen der Authentizität verworfen.

Lieber ehrliche Verzweiflung als verlogene Freude. Dann verlege ich das Spezial-Event eben auf Beitrag Nr. 1111. Im Jahr 2014, ungefähr um diese Zeit, müsste es soweit sein. Bitte erinnert mich dran. Vorschläge sind willkommen.

 

Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

Aliens sind unsere Hoffnung

Weltsensation! Die Bild-Zeitung, die gerade mit einer Sonderausgabe zur Bundestagswahl 41 Millionen Haushalten die Altpapiertonnen verstopft hat, meldet also außerirdisches Leben in unserer Stratosphäre. Es handle sich um Einzeller, deren DNA-Struktur einer irdischen Algenart gleiche. Liebe Leute, warum wundert uns das? Es muss extraterristrisches Spezies geben. Alles andere wäre ein dramatisches Versagen der Evolution.

Stellen wir uns doch bloß mal vor, es wäre der Endpunkt der Schöpfung, dass Bild, RTL 2 und Bunte nebeneinander existieren können. Stellen wir uns vor, Gott würde mit Wohlgefallen auf den Euro-Rettungsschirm und auf das deutsche Steuerrecht in seiner Gesamtheit schauen. Er würde sagen, dass beides so blendend aufgebaut sei, als wäre es direkt vom Baum der Erkenntnis gepflückt.

Stellen wir uns weiter vor, dass es galaxieweit keine Spezies gäbe, die erkannt hätte, dass Telefon-Flatrates mit angegliedertem Schrottservice zu überwinden sind. Und dass es so genannte Führungs-Nationen gäbe, in denen eine Angela Merkel an der absoluten Mehrheit kratzt.

Nein, es wäre eine Tragik des universalen Lebens, wenn es keine klügere Lebewesen als uns Menschen gäbe. Wenn Wahlkämpfe der SPD und der Grünen den Standard für andere Planenten setzen würden. Wenn die die AfD auf dem Mars die Abschaffung des Sonnendollars fordern könnte.

Nein, Aliens sind keine Bedrohung. Sie sind unsere Hoffnung. Aber wer weiß, vielleicht hat das Aufräumen schon begonnen. Die FDP wurde am Wahlsonntag eindrucksvoll eliminiert. Wie? Sie meinen, das kann nicht das Werk von Aliens sein, weil die doch bestenfalls in der Stratosphäre sitzen? Tja, aber war da nicht dieser Irre, der aus größter Höhe abgesprungen ist? Ja, er hat sie mitgebracht. Red Bull verleiht der Evolution Flügel. Sie sind da. Herzlich willkommen!

Von der Smartwatch zum Apple-Implantat

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Und hier ein Tusch: Ab sofort gibt es eine Armbanduhr, die uns allzeit bereit die überlebenswichtigen Informationen aus dem Internet liefert. Endlich wieder eine revolutionäre Innovation, möchte man sagen. Aber was ist wirklich los? Samsungs neue Smartwatch steht auch für einen sinnentleerten Kapitalismus.

Die weitere Digitalisierung unseres Daseins wird uns neue Probleme schaffen. Nehmen wir Googles Daten-Brille:  Wer in der U-Bahn auf einer Scharfe-Bräute-Seite surft und zu schwer atmet, könnte mit Frau Nachbarin Probleme kriegen. Wer mit dem Tunnelblick auf”s den Online-Stadtplan schaut, wird feststellen, dass Straßenlaternen dort nicht eingezeichnet sind.

Die intelligente Armbanduhr wiederum wird das medizinische Phänomen des Tennis-Arms vergessen lassen. Der Ellbogen wird zum früh verschlissenen Smart-Gelenk. Und die Turnhallen dieser Republik werden anlässlich der Abiturprüfungen gegen das Internet abgeschirmt. Denn sonst läuft Wikipedia mit.

Aber was ist eigentlich der tiefere Sinn solcher Erfindungen? Dass uns sinnvolle Produkte das Leben leichter machen? Dass sie gar ordentlich bezahlte Arbeitsplätze schaffen? Nein, dieses schlichte Denken hat unsere Wirtschaft längst überwunden. Oder überwinden müssen. Die Firmen brauchen immer neue Umsatz-Bringer, damit sie ihre Kosten knapp halten und ihre Schulden abbezahlen können. Und speziell die Internet- und Telekommunikationskonzerne leben davon, dass wir immer und überall für Werbebotschaften und für das Absaugen vermarktungsfähiger Daten auf Empfang sind.

Was also tun? Sich einfach verweigern? Nein, denn die Welt des Großkapitals muss sich weiter drehen.

Wo es hingeht ist eh klar: Effizienter als eine Armbanduhr oder eine Datenbrille sind wohl nur noch Implantate. Sie würden sich so etwas nie im Leben einpflanzen lassen? Warten wir mal ab, bis es Chips von Apple gibt. Dann reden wir weiter.

 

Der Hund, der Terrorist des kleinen Mannes

Wenn Politiker/-innen über Videoüberwachung reden, drehen sie geistig-moralisch gerne am ganz großen Rad. Sie reden vom Super-Grundrecht auf Sicherheit und machen uns klar, dass die Welt voller gefährlicher Monster ist. Dass sie durchsetzt ist von fanatischen Islamisten, dumm gesoffenen Neonazis und Billiglöhnern, die sich das Geld für die sechste Dose Bier mit Gewalt von ahnungslosen Passanten holen. Allesamt zerstörerische Wesen, die nur eines nicht mögen: gefilmt werden.

Abgehoben ist die Debatte, dreht sie sich doch immer um extreme Fälle. Welche/r Normalbürger/in hat sich schon jemals mit einem Salafisten geprügelt? Seien wir ehrlich: Die wahren Feinde unseres unversehrten Wohlbefindens sind, wie auf jeder Bürgerversammlung zu hören ist, Tiere mit vier Beinen oder Flügeln. Der Terrorist des kleinen Mannes bellt.

Somit ist es der Ver­waltung von Montereau-Fault-Yonne bei Paris zu verdanken, dass sie das Thema Videoüberwachung in die Mitte der Lebenswirklichkeit der Menschen holt. Im Kampf gegen Hundekot nehmen die dortigen 60 Überwachungskameras gezielt kackende Hunde ins Visier. Mit Hilfe der Bilder sollen Hundehalter, die den Kot ihrer Lieblinge einfach liegen lassen, entlarvt und verwarnt werden. Beim zweiten Vergehen werden 35 Euro Buße fällig. Und irgendwann werden – das ist meine Vermutung – Herrchen oder Frauchen im Tierheim eingesperrt.

Bei diesem Schritt darf es aber nicht bleiben. Auch herrenlose Tiere gehören überwacht. Oder sollen die Wespen unbeirrt weiterschwirren? Sollen Mäuse unbehelligt durch die Stadt rennen dürfen? Was ist mit den Tauben, den Ratten der Lüfte? Und müssten nicht auch die Wildschweine verfolgt werden, durch Nachtsicht-Geräte für die Vorstädte? Da staunt er dann, der liebestolle Keiler.

Jawohl, wir räumen auf. Was stört, wird gefilmt und weggemacht. Und für die Billiglöhner bringt das einen Minijob obendrauf. Nur eine Frage bleibt für die Ruhebedürftigen noch offen: Was, bitteschön, machen wir mit den Radfahrern?