Das Ladekabel, unsere Nabelschnur zur Welt

Die Biologie hat vorgesehen, dass wir uns mit der Geburt von unserer Mutter abnabeln. Wir werden hineingeworfen in ein Leben, in dem wir fortan zusehen müssen, dass wir das Beste daraus machen. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Es gibt eine für unser Überleben notwendige Schnur:  das Ladekabel.

Es hat Zeiten gegeben, in denen uns Steckdosen egal waren. Sie waren da, wurden in unserer rebellischen Jutetaschen-Phase aber als hässliches Symbol für die Macht der Atomkonzerne angesehen. Ob unser Ausflugsziel, das alte Landgasthaus im Wald, über Stromanschluss verfügt hat, hat uns nicht interessiert. Hauptsache, die Bratwürste waren knusprig und das Bier hat geschäumt.

Wer heute ein Wirtshaus betritt, scannt zunächst den Raum, blickt um sich und schaut unter die Tische. Gilt es doch, jenen Platz zu finden, der einer Steckdose am nächsten ist. Wir brauchen den Strom, da wir auf alle Fragen, die sich am Biertisch ergeben, schnellstmöglich die richtigen Antworten liefern wollen. Wenn wir uns während eines Einkaufsbummels vom Barista einen kunstvoll sahnegekrönten Cappucino zubereiten lassen, tun wir das vielleicht nur, weil wir unser Smartphone nachladen wollen. Schließlich müssen wir checken, ob es das karierte Kaufhaus-Hemd beim Onlineversand nicht doch günstiger gibt.

Das Ladekabel ist also segensreich. Es verbindet uns mit anderen, gibt unserer Kommunikation Sinn und Verstand und legt Wucherern im Einzelhandel das Handwerk.

Aber das Ladekabel kann auch ein Fluch sein. Wenn wir es verlegt oder irgendwo vergessen haben, ist der Stress riesengroß. Wir hadern mit der Welt, die nicht mehr mit uns sein will. Das macht uns zornig.

Zwei Prozesse vor dem Nürnberger Landgericht haben dies in den letzten Wochen bewiesen. In beiden Fällen hatten Menschen eine Nacht lang miteinander gesoffen. Am nächsten Tag stellten die jeweiligen Gäste fest, dass sie ihre Ladekabel vergessen hatten. Sie kehrten zurück zum Ort der Partys und erkannten, inzwischen im nüchternen Zustand, dass die trinkfesten Kumpels der letzten Nacht in Wirklichkeit Deppen sind, die eine Abreibung verdient haben Es kam zu eigentlich grundlosen Tätlichkeiten, ein Beteiligter wurde fast totgeprügelt.

Was lernen wir daraus? Moderne Menschen brauchen ihr Ladekabel. Aber manchmal sollten wir darauf verzichten. Die Welt dreht sich auch ohne unsere Nabelschnur – und manchmal ist das sehr schön so. Ein Picknick am See könnte ein guter Versuch sein…

Im Atem steckt Begeisterung

Schön und pur ist die hohe Wissenschaft immer dann, wenn sie sich daran macht, scheinbar zweckfrei die letzten Geheimnisse unseres Daseins zu entschlüsseln. Genau so, wie dies gerade Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universi­tät in Mainz tun: Sie behaupten, an der Zusammensetzung der Abluft von Kinos feststellen zu können, wie das Publikum einen Film findet.

Zunächst fragt man sich: Was soll das, woran erinnert uns das? Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, sollte man am besten Wissenschaftler sein. Dann weiß man, dass das Forschen auch dann Sinn hat, wenn es ohne Ziel geschieht. Es gibt viele Erfindungen, deren Nutzen sich erst dann gezeigt hat, als sie bereits gemacht waren. Teflon wurde für die Raumfahrt erforscht. In den daraus gemachten Pfannen brutzeln heute die schönsten Schnitzel dieser Welt.

Teil zwei der Frage führt uns direkt zu einer inzwischen weithin vergessenen Fernsehshow: Willkommen bei „Wetten, dass…?“.  Wir denken an zahllose abstruse Prüfungen.  Emotionsnachweis via Abluft ist kaum anders als das Erkennen von Buntstift-Farben am Geschmack.

Unsere Kino-Forscher jedenfalls betrachten die mit Hilfe eines Massenspektrometers gemessenen Werte als eindeutig. Man könne sicher darauf schließen, ob Komik, Dialog oder Kampf gezeigt wurden. Besonders klar sei, so die Mundgeruchs-Analytiker, die chemische Signatur der „Tribute von Panem“ gewesen. Menschen atmeten mehr als 800 chemische Verbindungen in winzigen Mengen aus. Diese könnten sichtbar gemacht wer­den. Der­zeit werden die Daten von „Star Wars“ ausgewertet.

Die Werbeindustrie nimmt diese Chance, die Menschen auszuforschen, gewiss dankbar entgegen. Wir fragen allerdings, wie es zu werten ist, wenn Zuschauer aus Langeweile wegdösen. Etwa während eines Beitrages aus der Reihe „Bayern München kämpft um die Deutsche Meisterschaft.“

Und uns fehlt Klarheit hinsichtlich der Frage, ob die Art der Gastronomie an den Zugängen zum Kino Einfluss auf die Abluft-Analyse hat. Vielleicht war es kein Vampir-Film. Es war der Döner-Stand.

Ein Piepmatz stiehlt die Langeweile

Wie öde und beruhigend zugleich war es doch damals. Man stand auf Bahnsteig 9, wartete auf den Zug – und guckte in die Luft. Der moderne Mensch kennt diese gepflegte Langeweile nicht mehr. Er beugt sich nach vorne, schaut auf sein Smartphone, grinst, schüttelt den Kopf oder tippt etwas. Schuld ist Larry, ein nach dem Basketballer Larry Bird benannter kleiner Vogel auf blauem Grund.

Seit dem 21. März 2006, also seit genau zehn Jahren gibt es den Kurznachrichtendienst Twitter. Er ist schon deshalb ein Phänomen, weil man gemeinhin davon ausgeht, dass es wirtschaftlicher Stärke bedarf, damit ein Unternehmen die Welt verändern kann. Die Zwitscher-Firma indes ist notorisch in den roten Zahlen. 2013 wurde bei einem Umsatz von 665 Millionen Dollar ein Verlust von 645 Millionen Dollar „erwirtschaftet“. Freude macht sie ihren Aktionären nur dann, wenn sie wieder mal gerüchteweise aufgekauft wird.

Trotzdem hat Twitter unser Leben verändert. Auch weil es die meisten interessanten Leute tun. Obama twittert, der Papst, Lukas Podolski und Markus Söder.  Wobei sich der wahre Erfolg an der Zahl der Follower bemisst, also an jenen Menschen, die keine Ereignis im Leben ihres Idols verpassen wollen. Königin der Welt in diesem Sinne ist eine notorisch fröhliche US-Sängerin namens Kate Perry. Ihr folgen 84 Millionen Menschen, ihr Kollege Justin Bieber ist von 76 Millionen abonniert. Die deutsche Twitterkönigin ist Heidi Klum. Sie hat 3,5 Millionen Follower, Ilse Aigner bloß 1500.

Womit sich zeigt, dass die Wege der Popularität seltsam sein können. So wie die Wege von Twitter selbst. Es gibt gelogene Tweets, Hasserfülltes und ganz gar Blödes. Aber: Man lernt virtuell viele nette und kluge Leute kennen. Manche trifft man zum Twabendessen, andere zum #Tatort-Gucken, wieder andere zu einer Revolution.

Und die Langeweile und die Faulheit? Sind die wirklich ganz und gar weggezwitschert? Ganz sicher nicht. Denn 44 Prozent der 320 Millionen Twitter-Nutzer haben noch nie einen Tweet geschrieben. Worauf der Volksmund zwitschert: Faulheit ist der Schlüssel zur Armut.

Twitter lebt von Tweets, weshalb dieser Beitrag mit einem Solchen endet: Wenn alles immer so bleibt, wie es immer war, wird nichts so sein, wie es eigentlich auch sein könnte. #HimmelHerrgottjetztzwitschertdochmal

Das große Glück ist Däne

Jeg er lykkelig.  Ég er ánægður. Auf unser Sprachzentrum im Gehirn wirken diese Sätze äußerst schwierig. Jedenfalls können wir uns nicht vorstellen, dass jemand, der so lesen und reden muss, vergnügt durchs Leben läuft. Und doch: So sagt man „Ich bin glücklich“ in Dänemark und Island, in zwei der drei Länder mit den zufriedensten Menschen. Richtig gut geht es auch den Schweizern.

Der an der Columbia Universität in New York erstellte so genannte „Weltglücksbericht“ sieht die Dänen auf dem ersten Platz. Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, dass dieses Land von US-Forschern  wahrgenommen wird. Ist es doch – zumindest im Kern – genauso groß wie der Bundesstaat West Virginia. Welcher von einem deutschstämmigen Folksänger bekanntlich als „dem Himmel nahe“ gerühmt wurde.

Das dänische Volk hat eine ausgesprochen witzige Königin, lebt ganz überwiegend in Städten und gilt als lässig und tolerant. Das Wetter ist angenehm. Es regnet selten. Andererseits gehören zum Staatsgebiet die Faröer Inseln. Dort leben mehr Schafe als Menschen, wobei Letztere zu mitunter erstaunlichen Erfolgen im Fußball fähig sind. Wenn man das menschenleere Grönland dazunimmt, wächst Dänemark auf die Größe von Saudi-Arabien, kauft aber dennoch nur wenige Panzer.

Die Schweizer sind auf dem zweiten Glücks-Platz gelandet. Sie profitieren gewiss von einer Sprache, die nicht zum Dramatisieren neigt. Die Wüstlinge der Silvesternacht von Köln etwa würden im Schwyzerdütsch als „Glüschtälä“ bezeichnet. Anstrengende Arbeit wiederum heißt „Chrampf“, was sehr nach unserem Krampf klingt. Die Schweizer haben zudem glückliche Kühe und mit der Fifa den weltweit erfolgreichsten Unterhaltungskonzern.

Auf die Isländer sind ein cooles Volk. Während Vulkan-Ausbrüche in anderen Teilen der Welt für Panik sorgen, setzen sie sich hin, schauen zu und warten bis der Radau vorbei ist. Selbst Elfen und Trolle gelten als erfolgreich integriert.

Was aber ist mit Deutschland? Wir haben gemäß der Studie einen erfreulichen Sprung von Platz 26 auf Rang 16 gemacht, können also mit Puerto Rico und Brasilien mithalten. Aber Vorsicht: In den Erhebungszeitraum fallen der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft und die Einführung des Mindestlohns. Ob sich der Siegeszug der AfD ähnlich günstig auswirken wird, ist doch sehr, sehr ungewiss.

 

 

Hund und Katze, macht euch schlank

Tiere sind auch nur Menschen. Bloß netter und treuer. Diese Erkenntnis verfestigt sich in unserer alternden Wohlstandsgesellschaft zusehends. Und somit ist klar, dass der Diät in der Fastenzeit auch unsere schnurrenden und hechelnden Freunde erfasst: Eine britische Tier­schutzorganisation will übergewich­tigen Haustieren mit einem Schlank­heitswettbewerb helfen.

Was wir beim Menschen via Privatfernsehen als „Biggest Loser“ kennen, bietet die britische Tierschutzorganisation People’s Dispensary for Sick Animals („Volksapotheke für kranke Tiere“) in abgeänderter Form als „Pet Fit Club“ an. Besitzer dicker Tiere können Vorher-nachher-Fotos einrei­chen, die ein erfolgreiches Abspecken dokumentieren.

Wir dürfen teilhaben an famosen Erfolgsgeschichten. Mastiff-Hündin Kayla ist mit 61 Kilogramm in den Wettbewerb gestartet und hat 17 Kilogramm oder 29 Prozent Lebendgewicht verloren. Bulldog-Dame Daisy beißt sich dank minus 27 Prozent Speck wieder vergnügt durchs Hundeleben. Auch Katze Amber aus dem schottischen Edinburgh sieht trotz ihrer zwölf Lebensjahre wieder gut aus. Sie ist 17 Prozent leichter als zuvor.

Was leider nicht überliefert ist: Hatte die Futter- und Bewegungs-Disziplin der Tiere auch einen Diät-Effekt für Herrchen und Frauchen? Zu vermuten ist das. Schließlich liegt nahe, dass Menschen mit Essstörungen, insbesondere solche, die sich selbst gerne mit Süßem belohnen, dies auch bei ihren besten Freunden tun. Eine Katze, die aufgrund einer bewussten Entscheidung weniger frisst, ist etwas Unwahrscheinliches.

Jedenfalls ist dieses Tier-zu-Mensch-Geschäft ausbaufähig. So dürfte es der Firma Apple leicht fallen, ihre Smart Watches auf Pfoten-Uhren umzuarbeiten, welche bei Hunden Lauf-, Bell- und Schwanzwedelhäufigkeit messen und mittels klug programmierter Algorithmen in Beziehung zur Bewegungsfreude der kontinentalen Gesamt-Hundepopulation setzen.

Schnell werden die Vierbeiner auch lernen, angesichts faul dösender Besitzer auf’s Laufband zu gehen. Maulkörbe mit hochauflösenden Displays werden Gassi-Landschaften aus 123 Ländern vor das Hundeauge projezieren. Wahlweise können die Nachrichten auf „Schnauzbuch“ winselnd oder knurrend beantwortet werden. Und folgerichtig wird es alsbald um die Liebe gehen: Der Slogan „Alle 11 Minuten bellt eine läufige Hündin auf Petship“ wird zum Allgemeingut.

Haustiere werden die besseren Menschen sein. Wobei sie sich auch leichter tun. Denn eines können die lieben Vierbeiner nicht: Den Kühlschrank öffnen, wenn ihnen danach ist. Und das bleibt auch so. Also Ihr Lieben, macht euch schlank. Wuff, wuff, miau!

 

 

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Im Internet tobt kein Fest der Liebe

Dieses Leben ist ein Fest der Liebe. Denn alleine bei Parship, einer in Fernseh-Werbepausen stark vertretenen Online-Partnerbörse, verliebt sich „alle 11 Minuten  ein Single“. Mögen andere Tiere aussterben, unsere Schmetterlinge im Bauch sättigen uns in hellen Scharen. Oder doch nicht?

Vor einiger Zeit hatte schon das Satire-Portal „Postillon“ besorgt auf Parship geblickt. Es hatte die Frage aufgeworfen, ob dieser Single, der sich fast sechs Mal pro Stunde verlieben muss, nicht irgendwann überfordert sein könnte. Tatsächlich kann ein Übermaß an Glückshormonen die Lebensfähigkeit beeinträchtigen. Wer immer nur mit dem Herzen gut sieht, läuft Gefahr, beim Überqueren einer Straße bei Rot vom SUV eines unverliebten Sanitärgroßhändlers vom Asphalt geräumt zu werden.

Und wenn es anders gemeint ist? So, dass sich alle 11 Minuten ein Parship-Paar findet? Dieser Frage ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsinstitut mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung nachgegangen. Und zeigt sich wenig beeindruckt.

Wenn sich nämlich, so das RWI, bei geschätzten fünf Millionen Mitgliedern in Deutschland sogar alle zehn Minuten zwei davon ineinander verlieben, damit aus dem Sucherpool ausscheiden und durch zwei neue Singles ersetzt werden, beträgt für ein zufällig ausgewähltes Mitglied die Wahrscheinlichkeit einer neuen Liebe pro Jahr kaum mehr als zwei Prozent.

Die neue Liebe ereignet sich unter dieser Annahme sechs Mal in der Stunde, 144 Mal am Tag oder 52.560 Mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen dieser 52.560 Zeitspannen von 10 Minuten Erfolg zu haben, beträgt 2 zu 5.000.000. Die anderen 4.999.998 Mitglieder müssen also weitersuchen. Selbst wenn nur 750.000 Mitglieder auf aktiver Partnersuche waren, steigt für diese die Erfolgswahrscheinlichkeit auf gerade mal 13 Prozent in einem ganzen Jahr.

Würde es angesichts solche Zahlen stimmen, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, extrem höher als im Alltag sei, dann wäre das analoge Verlieben eine absolute Rarität. Wahre Eheleute wissen es: Einmal Verlieben reicht völlig. Und Parship? Diese Firma lehrt uns mit seiner Werbung das Wunder der Monogamie. Tja, wer hätte das gedacht?

 

 

 

In der Hand liegt die Wahrheit

Gönnen wir uns eine Verschnaufpause. Die Krisen mögen zahlreich sein. Aber wenn wir daran denken, wie wir diese vor 25 Jahren ziemlich ungeplante deutsche Einheit hinbekommen haben, dürfen wir uns auch einmal mit einem wohligen Seufzer zurücklehnen. Und uns daran freuen, dass unsere  Wissenschaft trotz alledem unbeirrt nach Antworten auf die wirklich großen Fragen des Daseins sucht.
So haben Psychologen aus Münster und Dresden erforscht, wie sich die Handposition auf das Lösen von Aufgaben am Computer auswirkt. Dabei stellten sie fest, dass es ein Unterschied ist, ob jemand ein Rechenproblem löst oder ob er ein Flugzeug steuern will. Manchmal sei es besser, wenn die Hand nahe am Bildschirm sei, in anderen Fällen sei es andersrum.
Nun ist die Erkenntnis, dass das Leben stets ein „Einerseits, Andererseits“ sei, bereits in der Epoche des Mittelhochdeutschen, mutmaßlich von christlichen Mönchen formuliert worden. Juristen wiederum beantworten die Bitte um eine klare Rechtsauskunft gerne mit dem Satz „Es kommt darauf an“.
Bei unseren Forschern lautet diesselbe Aussage so: „Wir haben ein in der Psychologie bekanntes Phänomen im Kontext der modernen Informationstechnologie erforscht.“ Wenn sich Menschen für Dinge interessierten, nähmen sie diese in die Hand. Dies sei beim Nutzen von Computern nicht wesentlich anders. Der Lehrsatz lautet: Je näher die Hand, desto größer der Reiz.
So gesehen verheißt die Anbahnungsphase des jüngsten Händedrucks zwischen Barack Obama und Wladimir Putin nichts Gutes. Der US-Präsident hat sich erkennbar stärker für seinen Kollegen interessiert als dieser für ihn. Fatalerweise entspricht das auch der ersten Nachrichtenlage aus Syrien.
Aber bleiben wir im Lande. Von der Handposition hing es entscheidend ab, ob man in einer zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit gratis gelieferten Zeitung mit den bekannt großen Bildern blätterte oder ob man sie ohne Umweg in die Papiertonne beförderte. Uns wurde klar: Manche Entscheidung lässt sich getrost auch ohne Hilfe der hohen Wissenschaft treffen.

Unser Autopilot: Fortschritt durch Hirngespinst

Wir lesen, checken unsere Mails, mampfen Chips oder machen sonstwas – und das mitten auf der Autobahn, bei Tempo 130. Selbstfahrende Pkw sollen in naher Zukunft unser Leben schöner machen. Das Projekt ist eine große Verheißung. Vor allem für die Autoindustrie.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat wegen der auf Eis gelegten Pkw-Maut gerade Zeit. Also hat er den technologischen Fortschritt schlechthin verkündet. Die Autobahn zwischen Nürnberg und München soll Teststrecke werden – wieder einmal. In den 80-er Jahren wurden auf einem Teilstück die Auswirkungen von Tempo 100 getestet. Man stellte sinkende Unfallzahlen fest, was aber gegenüber der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten wurde.

Logisch, denn Verkehrspolitik dient vor allem  den Fahrzeugherstellern und ihren Beschäftigten. Gerade leiden VW, BMW, Audi & Co. schwer darunter, dass das Autofahren aus der Mode zu kommen scheint. Teure Fahrräder oder Smartphones gelten inzwischen als spannendere Statussymbole. Junge Leute, für die der eigene Wagen das allerhöchste Glück ist, findet man heute eher in China als bei uns. Also braucht es einen neuen technischen Kick. Nach der Devise: Wenn schon Stau, dann wenigstens so, dass die Zeit nicht verloren ist.

Aber hat es wirklich einen Reiz, wie damals im Kinderwagen betreut herumgefahren zu werden? Wollen echte Autofahrer nicht auch ein bisschen Vettel sein? Also durchaus mal Sonntagsfahrer ausbremsen und riskant überholen? Lässt sich mit der Selbstfahr-Botschaft ein knalliger Werbespot produzieren? „Trotz Demenz ganz schnell im Benz“?

Was bedeutet es für den Klimaschutz, wenn Staus nicht mehr lästig und öffentliche Verkehrsmittel deshalb weniger attraktiv sind? Und: Wer muss sich im Verkehr an wen anpassen? Die Maschine an den Menschen oder der Mensch an die Maschine? Ist unfallfreies Auto-Autofahren möglich, wenn gleichzeitig aggressive Radler und träumende Fußgänger ohne Sensoren unterwegs sind?

Ohne Komplett-Überwachung der Umwelt wird’s wohl nicht gehen. Aber so sind die neuen Zeiten. Früher hieß es „Vorsprung durch Technik“. Heute gilt „Fortschritt durch Hirngespinst“. Meister Dobrindt wird’s schon richten.

 

 

Wenn der Kühlschrank zum Veganer wird…

Auf einer Rangliste der Zukunftsängste steht „Vereinsamung im Alter“ ganz oben. Doch diese Sorge muss nicht sein, denn: Alsbald werden uns moderne Haushaltsgeräte helfen.

Zwei große Zeiterscheinungen kommen zusammen. Immer mehr Menschen leben alleine. Andererseits haben Kühltruhen und Co. trotz sorgsam eingebauter Sollbruchstellen eine aus Sicht der Hersteller viel zu hohe Qualität. Weil ihnen die Stiftung Warentest auf die Finger schaut, läuft mancher Küchenherd länger als ein Atomkraftwerk. Wie soll da der für den Erhalt der Arbeitsplätze erforderliche Umsatz entstehen?

Das Rettende wächst, logisch in diesen Zeiten, durch virtuelle Vernetzung. Dank Internet wird eine Tiefkühltruhe mehr als eine bloße Lagerstätte für gefrorenen Fisch. Mit den Geräten der Zukunft, wie sie gerade auf der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin präsentiert werden, holen wir uns wunderbare Lebensgefährten ins Haus.

Während wir einkaufen, meldet der Kühlschrank auf unser Handy, was gebraucht wird, damit alles wie immer ist. Auf einen Monitor am Herd sendet die Überwachungskamera Bilder aus dem Kinderzimmer, damit wir wissen, was die Kleinen gerade treiben. Die Waschmaschine dosiert den Weichspüler selbst.

Es lockt eine wunderbare Welt. Alles wird gemacht, selber denken muss keiner mehr. Doch halt: Was passiert, wenn sich künstliche Intelligenz verselbstständigt? Wenn das Fernsehgerät bei der Kaffeemaschine darüber lästert, dass Chef und Chefin immer nur die dümmsten Serien anschauen und sich daraufhin zur Bildstörung verführen lässt? Oder wie gehen wir damit um, wenn der Kühlschrank zum Veganer wird und Wurst und Schnitzel nicht mehr akzeptiert?

Klar, dann ist Scheidung angesagt. Wobei diese einfach ist, denn für den Wertstoffhof braucht es keinen Anwalt. Fazit: Geräte sind die besseren Lebensabschnittsgefährten. Keine Angst also. Die Zukunft wird schön.