Die Uhr bleibt stehen

So seht, das Ende ist nah. Im Schatten der machtvollen Demonstrationen gegen das neue Urheberrecht hat das EU-Parlament an der Uhr gedreht. Genauer gesagt, nicht gedreht: Die Zeitumstellung wird abgeschafft. Am letzten Oktobertag 2021 wird letztmals umgestellt.

Diese Entscheidung, welche die Abgeordneten mit 410 Ja-Stimmen bei 192 Gegenstimmen und 51 Enthaltungen getroffen haben, ist ein harter Schlag für unsere Redaktionen. Nichts lässt sich besser planen als immer wiederkehrende Ereignisse.

Man kann sich die bereitgelegten Thempläne vorstellen: Wie lange dauert der Jetlag wegen der gestohlenen Stunde? Rechtzeitig aufwachen bei Dunkelheit. Besser einschlafen trotz Sonnenlicht. Probleme geänderter Fütterungszeiten bei Goldhamstern. Wie reagiert unsere Milz? Was denken Psychologen über die andere Zeit?

Auch Uhrenhändler und Technische Redakteure sind betroffen. Niemand braucht mehr die Hilfe beim klickweisen Umstellen von Digitaluhren. Keiner muss sich mehr anstrengen, um schließlich auf Seite 434 seiner Auto-Gebrauchswanweisung das richtige Vorgehen beim Umstellen seines Cockpit-Chronometers erklärt zu bekommen.

All dieses wird uns fehlen. Wobei: Das Thema Zeitumstellung ist auch ein bisschen Brexit. Nachgelagerter Streit ist nämlich programmiert. Denn es liegt in der Verantwortung der Nationalstaaten, welche Zeit genommen wird und ob es vielleicht doch eine Umstellung gibt. Es könnte dann in Österreich früher als in Deutschland sein, aber später als in Ungarn.

Was wiederum dazu führen könnte, dass das Europa-Parlament das Thema in endlosen Debatten immer und immer wieder aufrollt, um schließlich festzustellen, dass es früher besser war.

Und so wird das Ganze doch kein Schlag gegen die Redaktionen sein. Sie haben mächtig zu tun. Denn wie schon geschrieben: Nichts ist praktischer, als ein Thema, das immer wiederkehrt. Danke Brüssel! Danke EU! Deine Weisheit ist unermesslich.