Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Im Internet tobt kein Fest der Liebe

Dieses Leben ist ein Fest der Liebe. Denn alleine bei Parship, einer in Fernseh-Werbepausen stark vertretenen Online-Partnerbörse, verliebt sich „alle 11 Minuten  ein Single“. Mögen andere Tiere aussterben, unsere Schmetterlinge im Bauch sättigen uns in hellen Scharen. Oder doch nicht?

Vor einiger Zeit hatte schon das Satire-Portal „Postillon“ besorgt auf Parship geblickt. Es hatte die Frage aufgeworfen, ob dieser Single, der sich fast sechs Mal pro Stunde verlieben muss, nicht irgendwann überfordert sein könnte. Tatsächlich kann ein Übermaß an Glückshormonen die Lebensfähigkeit beeinträchtigen. Wer immer nur mit dem Herzen gut sieht, läuft Gefahr, beim Überqueren einer Straße bei Rot vom SUV eines unverliebten Sanitärgroßhändlers vom Asphalt geräumt zu werden.

Und wenn es anders gemeint ist? So, dass sich alle 11 Minuten ein Parship-Paar findet? Dieser Frage ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsinstitut mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung nachgegangen. Und zeigt sich wenig beeindruckt.

Wenn sich nämlich, so das RWI, bei geschätzten fünf Millionen Mitgliedern in Deutschland sogar alle zehn Minuten zwei davon ineinander verlieben, damit aus dem Sucherpool ausscheiden und durch zwei neue Singles ersetzt werden, beträgt für ein zufällig ausgewähltes Mitglied die Wahrscheinlichkeit einer neuen Liebe pro Jahr kaum mehr als zwei Prozent.

Die neue Liebe ereignet sich unter dieser Annahme sechs Mal in der Stunde, 144 Mal am Tag oder 52.560 Mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen dieser 52.560 Zeitspannen von 10 Minuten Erfolg zu haben, beträgt 2 zu 5.000.000. Die anderen 4.999.998 Mitglieder müssen also weitersuchen. Selbst wenn nur 750.000 Mitglieder auf aktiver Partnersuche waren, steigt für diese die Erfolgswahrscheinlichkeit auf gerade mal 13 Prozent in einem ganzen Jahr.

Würde es angesichts solche Zahlen stimmen, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, extrem höher als im Alltag sei, dann wäre das analoge Verlieben eine absolute Rarität. Wahre Eheleute wissen es: Einmal Verlieben reicht völlig. Und Parship? Diese Firma lehrt uns mit seiner Werbung das Wunder der Monogamie. Tja, wer hätte das gedacht?

 

 

 

In der Hand liegt die Wahrheit

Gönnen wir uns eine Verschnaufpause. Die Krisen mögen zahlreich sein. Aber wenn wir daran denken, wie wir diese vor 25 Jahren ziemlich ungeplante deutsche Einheit hinbekommen haben, dürfen wir uns auch einmal mit einem wohligen Seufzer zurücklehnen. Und uns daran freuen, dass unsere  Wissenschaft trotz alledem unbeirrt nach Antworten auf die wirklich großen Fragen des Daseins sucht.
So haben Psychologen aus Münster und Dresden erforscht, wie sich die Handposition auf das Lösen von Aufgaben am Computer auswirkt. Dabei stellten sie fest, dass es ein Unterschied ist, ob jemand ein Rechenproblem löst oder ob er ein Flugzeug steuern will. Manchmal sei es besser, wenn die Hand nahe am Bildschirm sei, in anderen Fällen sei es andersrum.
Nun ist die Erkenntnis, dass das Leben stets ein „Einerseits, Andererseits“ sei, bereits in der Epoche des Mittelhochdeutschen, mutmaßlich von christlichen Mönchen formuliert worden. Juristen wiederum beantworten die Bitte um eine klare Rechtsauskunft gerne mit dem Satz „Es kommt darauf an“.
Bei unseren Forschern lautet diesselbe Aussage so: „Wir haben ein in der Psychologie bekanntes Phänomen im Kontext der modernen Informationstechnologie erforscht.“ Wenn sich Menschen für Dinge interessierten, nähmen sie diese in die Hand. Dies sei beim Nutzen von Computern nicht wesentlich anders. Der Lehrsatz lautet: Je näher die Hand, desto größer der Reiz.
So gesehen verheißt die Anbahnungsphase des jüngsten Händedrucks zwischen Barack Obama und Wladimir Putin nichts Gutes. Der US-Präsident hat sich erkennbar stärker für seinen Kollegen interessiert als dieser für ihn. Fatalerweise entspricht das auch der ersten Nachrichtenlage aus Syrien.
Aber bleiben wir im Lande. Von der Handposition hing es entscheidend ab, ob man in einer zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit gratis gelieferten Zeitung mit den bekannt großen Bildern blätterte oder ob man sie ohne Umweg in die Papiertonne beförderte. Uns wurde klar: Manche Entscheidung lässt sich getrost auch ohne Hilfe der hohen Wissenschaft treffen.

Unser Autopilot: Fortschritt durch Hirngespinst

Wir lesen, checken unsere Mails, mampfen Chips oder machen sonstwas – und das mitten auf der Autobahn, bei Tempo 130. Selbstfahrende Pkw sollen in naher Zukunft unser Leben schöner machen. Das Projekt ist eine große Verheißung. Vor allem für die Autoindustrie.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat wegen der auf Eis gelegten Pkw-Maut gerade Zeit. Also hat er den technologischen Fortschritt schlechthin verkündet. Die Autobahn zwischen Nürnberg und München soll Teststrecke werden – wieder einmal. In den 80-er Jahren wurden auf einem Teilstück die Auswirkungen von Tempo 100 getestet. Man stellte sinkende Unfallzahlen fest, was aber gegenüber der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten wurde.

Logisch, denn Verkehrspolitik dient vor allem  den Fahrzeugherstellern und ihren Beschäftigten. Gerade leiden VW, BMW, Audi & Co. schwer darunter, dass das Autofahren aus der Mode zu kommen scheint. Teure Fahrräder oder Smartphones gelten inzwischen als spannendere Statussymbole. Junge Leute, für die der eigene Wagen das allerhöchste Glück ist, findet man heute eher in China als bei uns. Also braucht es einen neuen technischen Kick. Nach der Devise: Wenn schon Stau, dann wenigstens so, dass die Zeit nicht verloren ist.

Aber hat es wirklich einen Reiz, wie damals im Kinderwagen betreut herumgefahren zu werden? Wollen echte Autofahrer nicht auch ein bisschen Vettel sein? Also durchaus mal Sonntagsfahrer ausbremsen und riskant überholen? Lässt sich mit der Selbstfahr-Botschaft ein knalliger Werbespot produzieren? „Trotz Demenz ganz schnell im Benz“?

Was bedeutet es für den Klimaschutz, wenn Staus nicht mehr lästig und öffentliche Verkehrsmittel deshalb weniger attraktiv sind? Und: Wer muss sich im Verkehr an wen anpassen? Die Maschine an den Menschen oder der Mensch an die Maschine? Ist unfallfreies Auto-Autofahren möglich, wenn gleichzeitig aggressive Radler und träumende Fußgänger ohne Sensoren unterwegs sind?

Ohne Komplett-Überwachung der Umwelt wird’s wohl nicht gehen. Aber so sind die neuen Zeiten. Früher hieß es „Vorsprung durch Technik“. Heute gilt „Fortschritt durch Hirngespinst“. Meister Dobrindt wird’s schon richten.

 

 

Wenn der Kühlschrank zum Veganer wird…

Auf einer Rangliste der Zukunftsängste steht „Vereinsamung im Alter“ ganz oben. Doch diese Sorge muss nicht sein, denn: Alsbald werden uns moderne Haushaltsgeräte helfen.

Zwei große Zeiterscheinungen kommen zusammen. Immer mehr Menschen leben alleine. Andererseits haben Kühltruhen und Co. trotz sorgsam eingebauter Sollbruchstellen eine aus Sicht der Hersteller viel zu hohe Qualität. Weil ihnen die Stiftung Warentest auf die Finger schaut, läuft mancher Küchenherd länger als ein Atomkraftwerk. Wie soll da der für den Erhalt der Arbeitsplätze erforderliche Umsatz entstehen?

Das Rettende wächst, logisch in diesen Zeiten, durch virtuelle Vernetzung. Dank Internet wird eine Tiefkühltruhe mehr als eine bloße Lagerstätte für gefrorenen Fisch. Mit den Geräten der Zukunft, wie sie gerade auf der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin präsentiert werden, holen wir uns wunderbare Lebensgefährten ins Haus.

Während wir einkaufen, meldet der Kühlschrank auf unser Handy, was gebraucht wird, damit alles wie immer ist. Auf einen Monitor am Herd sendet die Überwachungskamera Bilder aus dem Kinderzimmer, damit wir wissen, was die Kleinen gerade treiben. Die Waschmaschine dosiert den Weichspüler selbst.

Es lockt eine wunderbare Welt. Alles wird gemacht, selber denken muss keiner mehr. Doch halt: Was passiert, wenn sich künstliche Intelligenz verselbstständigt? Wenn das Fernsehgerät bei der Kaffeemaschine darüber lästert, dass Chef und Chefin immer nur die dümmsten Serien anschauen und sich daraufhin zur Bildstörung verführen lässt? Oder wie gehen wir damit um, wenn der Kühlschrank zum Veganer wird und Wurst und Schnitzel nicht mehr akzeptiert?

Klar, dann ist Scheidung angesagt. Wobei diese einfach ist, denn für den Wertstoffhof braucht es keinen Anwalt. Fazit: Geräte sind die besseren Lebensabschnittsgefährten. Keine Angst also. Die Zukunft wird schön.

Die böse Krise lauert überall

Sie belagert uns, belastet uns, zerfrisst uns: Die Krise ist immer und überall. Nehmen wir einen ganz normalen, entspannten Abend. Eigentlich ein Termin zum Entspannen. Aber dann googeln wir „Krise“.

Wir erfahren vorneweg von der Allerneuesten, der Subway-Krise. Ein Anbieter von Fast-Food der australischen Art ist in Turbulenzen geraten, obwohl er Qualität hoch gehalten hat. Unmittelbar darauf folgt die Ukraine-Krise. Merkel und Hollande haben mit Wladimir Putin telefoniert. Man setzt also wieder auf Zuhören, wo man doch dank Abhören alles voneinander weiß.

Während Stuttgart, in diesem Fall der dortige Verein für Bewegungsspiele, in der Krise steckt, was sich ohne Einsatz journalistischen Sachverstands mit dem Nichtvorhandensein von Punkten erklärt, verweist ein Fachverlag für Gebrauchspsychologie darauf, dass Krisen „nicht nur negativ“ sind. Richtig, denn jede Krise entdet irgendwann. Und sei es mit einem Abstieg.

Die Euro-Krise ist, anders als BSE, tatsächlich noch da. Sie wird aber zurzeit überlagert durch die Flüchtlingskrise, welche sich zusammenfassend in einer Flüchtlings-Krisen-Karte darstellen. Mit dabei ist, ansonsten wenig diskutiert, der Brenner.

Mit Blick auf die Griechenland-Krise mahnt ein Kommentator zum Verzicht auf Utopien. Dafür erklärt ein Börsenexperte die China-Krise für nicht vorhanden. Was diejenigen nicht trösten wird, die wegen dieses Nichts gerade Geld verloren haben. Ach so, auch „Gladbach“ und Paderborn sind in einer Krise. Ob die als Gegenmittel gepriesene Yoga-Vidya-Anti-Krisen-Therapie in diesem Fall hilft, darf als fraglich gelten. Torhüter im Lotussitz sind leicht zu überwinden.

Der Berliner Frauenchor betrachtet die Sache menschlich und widmet ein ganzes Abendprogramm „Judiths Krise“. Der  Verlag Westfälisches Dampfboot macht Interessierten das Angebot, der krisenbezwingenden Regulationstheorie durch die Lektüre eines 399 Seiten starken Buches auf die Spur zu kommen.

Da freut es uns, dass das hessische Altenburschla und das thüringische Großburschla vor 25 Jahren durch den Abbau des Grenzzaunes die jahrzehntelange Ost-West-Krise überwunden haben. Allerdings: Heute mag in beiden Orten niemand mehr wohnen. Sie sind – jawohl – in der Krise. Böse, böse Welt.

 

Kommt, wir drucken das Internet

In welcher langen Partynacht ist diese Idee entstanden? Zwei englische Studenten aus Leicester haben ihren Forschergeist zusammengenommen und sich folgende Frage gestellt: Wie viel Kopierpapier bräuchte man, um das komplette Internet auszudrucken?

Gedanklich klingt das fatal nach der Sekretärin, die einen Brief vorsichtshalber kopiert, bevor sie ihn ins Faxgerät schiebt. Es hat keinen Sinn. Aber andererseits: Das Internet lebt. Nur virtuell zwar, aber oft mit schweren Folgen in der realen Welt. Also liegt Kontrolle nahe – und die funktioniert am besten mit Lochen und Heften. Dann weiß man Bescheid, auch wenn der Strom mal weg ist. Alsdenn.

Wollte man die NSA analog toppen, müssten nach den Erkenntnissen der beiden Studenten rund 4,5 Milliarden Webseiten vervielfältigt werden. Dies wären, bei vorsichtig kalkulierten 30 Seiten pro Webseite rund 136 Milliarden DIN-A-4-Blätter. Aufeinander gelegt wäre dieser Stapel 13.357 Kilometer hoch. -Das entspricht 9,2 Millionen aufeinander gestellten VW Golf oder 5,5 Millionen aufrecht gestapelten Fußball-Toren. Das ausgedruckte Internet wäre also viel zu groß für jede Bibliothek dieser Welt.

Andererseits wissen wir, dass weite Teile des Internets auf keine Kuhhaut passen. Es enthält nicht nur – je nach Bildformat – etliche Millionen Seiten an Pornofotos, sondern auch mehr unnützes Wissen als 500.000 Sendungen von „Wer wird Millionär?“. Insbesondere hier erfährt man superschnell, dass der westliche Mensch pro Dusche 62 Liter Wasser verbraucht, dass bei Seepferdchen die Männchen die Kinder austragen, dass Angela Merkel als Kind Eiskunstläuferin werden wollte und dass manche Ameisenarten tauchen können.

Ja, die Informationsflut in der virtuellen Welt ist gewaltig. Aber Angst haben wir nicht. Denn es gibt ja Google. Da schrumpft das Internet auf eine überschaubare Größe, so sehr es sich ansonsten galaxiengleich ausdehnt. Oder wann haben Sie zuletzt auf die zweite Suchmaschinen-Seite geschaut? Vielleicht versehentlich nach einer Party. Ansonsten aber nicht.

 

Landesverrat? Bürger sind keine fremde Macht

Freiheit und Demokratie lassen sich im Grundsatz von zwei Seiten beleuchten: Entweder man gewährt allen Menschen die volle Freiheit, was zwingend dazu führt, dass mancher seine Möglichkeiten auf Kosten anderer missbraucht. Das Böse ist das Drama der Freiheit. Oder man verknüpft Freiheit mit dem Begriff „wehrhafte Demokratie“. Was dazu führen kann, dass man das bekämpft, was man eigentlich beschützen möchte. Und dass man Staatsfeinde sieht, die gar keine sind.

So wirkt das bei der Affäre um das Internet-Blog netzpolitik.org. Dessen Macher haben im Februar dieses Jahres aufgedeckt, dass der Verfassungsschutz dank einer staatlichen Geldspritze daran arbeiten kann, massenhaft Internet-Inhalte zu erheben und auszuwerten, darunter Kontaktlisten und Beziehungsgeflechte bei Facebook. Ziel sei es, „bislang unbekannte Zusammenhänge“ aufzuzeigen.

Die Blogger haben diese Tatsache aufgedeckt und publiziert. Sie haben damit Sand ins Getriebe der so genannten Staatsschützer gestreut, haben aufgeklärt und haben eine beginnende Ausspäh-Aktion zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht. Ganz im Sinne vieler Bürger. Kurzum: Sie haben getan, was Journalisten tun müssen.

Der Verfassungsschutz sieht das anders. Er wittert Verrat, genauer gesagt, Landesverrat. Was aber ist das? Paragraph 94 Strafgesetzbuch sagt dazu: „Landesverrat begeht, wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelmänner mitteilt oder sonst an einen Unbefugten gelangen lässt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik herbeiführt.“

Bestimmt ist es so, dass ein Generalbundesanwalt über Ermittlungen nachdenken muss, wenn ihn eine für die Staatssicherheit zuständige Bundesbehörde dazu auffordert. Aber hätte Harald Range, für den das millionenfache Ausspionieren von Bundesbürgern durch die US-Behörde NSA keine verfolgungswürdige Straftat darstellt, nicht sofort erkennen müssen, dass es im konkreten Fall keiner Ermittlungen bedarf? Jedenfalls dann nicht, wenn er an den hohen Wert der Pressefreiheit gedacht hätte. Oder betrachten Menschen, die sich wie er um Sicherheit kümmern, die Bürger als „Unbefugte“ oder als „fremde Macht“?

Diese Affäre muss schnellstmöglich beendet werden. Wir wiederum sollten wach sein gegenüber jenen, die vorgeben, uns zu beschützen. Vielleicht halten wir es mit dem klugen Briten Oscar Wilde: „Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend der Menschen“, sagte er völlig zurecht. Wem das zu poetisch ist, erinnert sich einfach an diesen Graffiti-Spruch: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“

In diesem Sinne: Danke netzpolitik.org!

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.

 

 

NSA, ZAPF MICH AN!

Zu einem gelingenden Dasein gehört es, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern  kann. Es hat keinen Sinn, das Unabänderliche zu bekämpfen. Besser man spielt damit. Wie mit der Daten-Sammelwut der US-Sicherheitsbehörde NSA.

Asterix und Obelix haben uns gelehrt, was zum Wesen großer Imperien gehört. Sie spinnen, zumindest manchmal. Bei den USA ist dies definitiv der Fall. Hat sich diese Nation doch vorgenommen, alles, aber auch wirklich alles zu wissen, was im Rest der Welt geredet, geschrieben, gefunkt, fotografiert und gesendet wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch irgendwann in tiefer Depression enden muss. Man wird in den USA feststellen, dass man ein irrsinniges Geld ausgegeben hat, um am Ende Eigentümer der größten Daten-Müllhalde aller Zeiten zu sein. Aus all dem Informationswust hilfreiches Wissen herauszufiltern, wird kaum noch möglich sein. Dass die NSA-Server in ein paar Jahren zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verursachen werden, bliebt als Ärgernis am Rande.

Es sei denn, es gelingt uns, den Amerikaner zu verklickern, wie lachhaft ihr wahnhaftes Datensammeln ist. Die Weltmacht holt sich ja oft nicht mehr Neuigkeiten, als sie aus der Zeitung oder bei einem Telefonat erfahren könnte. Unsere Politiker und Bosse sollten bei Anzapfverdacht nicht mehr zetern, sondern ihren Stolz bekunden, dass sie von der wunderbarsten aller Nationen als bedeutend wahrgenommen werden.

Sie und wir alle brauchen ein Bewusstsein, wie es  – besonders den unwichtigen – Promis eigen ist. Selbst bei sinnlosesten Verrichtungen werden sie von Paparazzis abgelichtet. Das nervt – aber es macht interessant. Und istinsofern gut für’s Geschäft.

Für die US-Daten-Halden sollte also gelten: Nur wer drin ist, zählt auch was. Und so verwandelt sich unser Wehklagen in eine klar Botschaft: LOS, NSA. ZAPF MICH AN!