Archiv der Kategorie ‘Virtuelles Leben’

Januar 5th, 2014

Amazon, Igelchen und Papst: Mein Best-of-2013

Eingeweihte wissen es: Ich bin nicht Günther Jauch. Deshalb bringe ich meinen Jahresrückblick nicht schon vor dem ersten Advent, sondern nach Neujahr. Welches also waren meine meist gelesenen Blog-Einträge in 2013?

Die größte Resonanz hat dee Botschaft “Nieder mit Amazon! Hoch auf Aldi!” gefunden.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/12/nieder-mit-amazon-ein-hoch-auf-aldi/

Kleine Anmerkung: Ich rufe nicht zum Boykott von Amazon auf. Meine Gewerkschaft ver.di hat schon viel für die ausgebeuteten Mitarbeiter/-innen dieses Unternehmens erreicht. Und die Konditionen werden zusehends besser. Wie bei der Ostpolitik. Annäherung durch Wandel.

Und wer war das Igelchen?

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/24/das-igelchen-beweist-print-wirkt/

Bis heute wissen wir nicht, welcher Ehemann sich per Zeitungsanzeige bei seiner Ehefrau für einen Fehltritt entschuldigt hat. Print wirkt. Klicktechnisch war’s Platz zwei.

Man kann auch über’s Wetter schreiben – und den dritten Platz ernten.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/21/lass-die-sonne-wieder-scheinen/

Jedenfalls war im Februar die Sonne weg. So wie auch im November, Dezember…

Zumal der Eintrag “Hilfe, der Frühling hat Burnout”, einen Monat später geschrieben, viertmeistgelesener Eintrag geworden ist,

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/23/hilfe-der-fruhling-hat-burnout/

Und: Ich hasse den Begriff “Schlecker-Frauen”. Noch mehr aber die Parole vom Zeitungssterben. Platz fünf

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/15/schlecker-frauen-mein-unwort-ist-zeitungssterben/

Und hier – unkommentiert, also zur freien Beurteilung – die Plätze sechs bis zehn:

6. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/12/wenn-bei-haarausfall-der-porsche-hilft/

7. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/17/wenn-uns-der-himmel-auf-den-kopf-fallt/

8. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/28/9701/

9. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/05/der-tod-lauert-in-der-badewanne/

10. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/15/messi-nasenbar-und-neuer-papst/

 

 

 

 

 

 

Dezember 29th, 2013

Der Akku ist dem Mensch sein Blinddarm

Treue Begleiter. Welcher Mensch bräuchte sie nicht? Und, oh Glück, es gibt sie. Wir nennen sie kurz Akkus. Sie sind immer in unserer Nähe, sie sichern uns den Strom für all unsere globalen kommunikativen Verrichtungen. Ohne sie geht nichts. In Worten: Nichts.

Hätte ich nicht das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, hätte ich den Akkumulator wahrscheinlich für eine Dinosaurier-Art gehalten. Einen mit dünnen Beinen, großenFüßen, spitzem Kopf und Fleischfresser-Gebiss. Bei uns aber gehörten diese handlichen Stromspeicher, nach meiner Erinnerung, zum Lehrplan der zehnten oder elften Klasse. Ich wusste um ihre Existenz und um ihren Sinn. Mir war bewusst, dass es sich um eine wiederaufladbare Ausführungsform galvanischer Zellen handeln würde. Allerdings hatte ich nur selten mit solchen Geräten zu tun. Für meine damals favorisierte Medien-Hardware bevorzugte ich herkömmtliche Batterien. Wie etwa für den Grundig-Radiocassettenrecorder für das Sommerpicknick am Baggersee.

Heute sind diese meist viereckigen schwarzen Dinger in ihrer Inkarnation Ladegerät (also mit Schnur) zum Suchtobjekt geworden. Denn die Lebenserfahrung des modernen Menschen lehrt: Immer dann, wenn man ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop besonders dringend braucht, ist der Akku leer oder leert sich unerwartet schnell. Der Akku ist unser Diener, bestimmt aber auch über unser Dasein. Er ist sozusagen ein externes Organ, unser virtueller Blinddarm.

Bloß, warum helfen uns Apple. Samsung und andere Geräteproduzenten nicht wirklich? Warum gibt es noch keine Geräte für erneuerbare Energien? Warum gibt es Taschenrechner mit Solarzellen, aber keine Handys, die man aufladen kann, indem man es in den Wind oder in die Meeresbrandung hält?  Warum wird kein Laptop verkauft, den man nur zehn Minuten in die Sonne legen muss, damit er wieder vor Kraft strotzt?

Ist doch klar: Die Hersteller wollen Geld verdienen. Mit Zubehör geht das. Deshalb achten sie auch strikt darauf, dass ihre Akkus nicht für Geräte anderer Firmen verwendet werden. Der Stecker ist mal kleiner, mal größer, mal rund, mal eckig. Hauptsache, man braucht zum Handy für 29 € einen gleich teuren Akku.

Es liegt auf der Hand, dass das so nicht sein müsste. Aber das ist das Wesen unserer Wirtschaft. So lange sich Konsumenten verarschen lassen, wird auch mit sinnlosen Produkten Kasse gemacht. Tja, Akku, bei dieser Sachlage müsste ich dich zur Strafe auf der Stelle entsorgen. Aber keine Sorge. Ich kann nicht ohne Dich. Und ein paar Milliarden andere Menschen auch nicht.

November 2nd, 2013

Der 1000. Hirndübel – und nix passiert

Es ist ein Drama. Da schreibe ich alle paar Tage so vor mich hin – und übersehe beinahe mein famoses Jubiläum: Dieses ist mein 1000. Hirndübel-Beitrag.

Gelegentlich habe ich an dieses Ereignis gedacht. Und hatte durchaus meine Pläne. Ich dachte an eine W-Lan-Party, bei der ich Blogpost Nummer Tausend gemeinsam mit wenigstens 20 Mitautoren/-innen schreiben wollte. Eine Facebook-Party mit Polizeihubschrauber und verbeamteten Schäferhunden war in der Überlegung. Auch ein virtueller Tod mit anschließender Wiederkehr in einer neuen Inkarnation erschien reizvoll. Zumindest wollte ich über ein ganz besonderes Thema schreiben.

Und jetzt? Ich sitze da, und habe nichts Spezielles auf der Pfanne. Mein Blog fügt sich somit nahtlos ein in meine sonstige Lebenserfahrung. Zum Beispiel hatte ich gedacht, dass der 50. Geburtstag ein ganz besonderes Ereignis wäre. Tatsächlich gehst du am Abend davor ins Bett, um beim Aufwachen festzustellen, dass du dich kein bisschen anders fühlst.

Jawohl, mein Hirndübel-Jubiläum habe ich verkackt. Wobei ich noch die Hoffnung habe, dass es vielleicht eine islamische, chinesische oder vodookultische Zählweise gibt, die einen neuen, baldigen Anlauf möglich macht. Die andere Option, die zehn unbeliebtesten Beiträge zu löschen, um in zwei, drei Wochen strahlend zur Jubiläumsfeier einzuladen, habe ich aus Gründen der Authentizität verworfen.

Lieber ehrliche Verzweiflung als verlogene Freude. Dann verlege ich das Spezial-Event eben auf Beitrag Nr. 1111. Im Jahr 2014, ungefähr um diese Zeit, müsste es soweit sein. Bitte erinnert mich dran. Vorschläge sind willkommen.

 

September 27th, 2013

Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

September 23rd, 2013

Aliens sind unsere Hoffnung

Weltsensation! Die Bild-Zeitung, die gerade mit einer Sonderausgabe zur Bundestagswahl 41 Millionen Haushalten die Altpapiertonnen verstopft hat, meldet also außerirdisches Leben in unserer Stratosphäre. Es handle sich um Einzeller, deren DNA-Struktur einer irdischen Algenart gleiche. Liebe Leute, warum wundert uns das? Es muss extraterristrisches Spezies geben. Alles andere wäre ein dramatisches Versagen der Evolution.

Stellen wir uns doch bloß mal vor, es wäre der Endpunkt der Schöpfung, dass Bild, RTL 2 und Bunte nebeneinander existieren können. Stellen wir uns vor, Gott würde mit Wohlgefallen auf den Euro-Rettungsschirm und auf das deutsche Steuerrecht in seiner Gesamtheit schauen. Er würde sagen, dass beides so blendend aufgebaut sei, als wäre es direkt vom Baum der Erkenntnis gepflückt.

Stellen wir uns weiter vor, dass es galaxieweit keine Spezies gäbe, die erkannt hätte, dass Telefon-Flatrates mit angegliedertem Schrottservice zu überwinden sind. Und dass es so genannte Führungs-Nationen gäbe, in denen eine Angela Merkel an der absoluten Mehrheit kratzt.

Nein, es wäre eine Tragik des universalen Lebens, wenn es keine klügere Lebewesen als uns Menschen gäbe. Wenn Wahlkämpfe der SPD und der Grünen den Standard für andere Planenten setzen würden. Wenn die die AfD auf dem Mars die Abschaffung des Sonnendollars fordern könnte.

Nein, Aliens sind keine Bedrohung. Sie sind unsere Hoffnung. Aber wer weiß, vielleicht hat das Aufräumen schon begonnen. Die FDP wurde am Wahlsonntag eindrucksvoll eliminiert. Wie? Sie meinen, das kann nicht das Werk von Aliens sein, weil die doch bestenfalls in der Stratosphäre sitzen? Tja, aber war da nicht dieser Irre, der aus größter Höhe abgesprungen ist? Ja, er hat sie mitgebracht. Red Bull verleiht der Evolution Flügel. Sie sind da. Herzlich willkommen!

September 6th, 2013

Von der Smartwatch zum Apple-Implantat

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Und hier ein Tusch: Ab sofort gibt es eine Armbanduhr, die uns allzeit bereit die überlebenswichtigen Informationen aus dem Internet liefert. Endlich wieder eine revolutionäre Innovation, möchte man sagen. Aber was ist wirklich los? Samsungs neue Smartwatch steht auch für einen sinnentleerten Kapitalismus.

Die weitere Digitalisierung unseres Daseins wird uns neue Probleme schaffen. Nehmen wir Googles Daten-Brille:  Wer in der U-Bahn auf einer Scharfe-Bräute-Seite surft und zu schwer atmet, könnte mit Frau Nachbarin Probleme kriegen. Wer mit dem Tunnelblick auf”s den Online-Stadtplan schaut, wird feststellen, dass Straßenlaternen dort nicht eingezeichnet sind.

Die intelligente Armbanduhr wiederum wird das medizinische Phänomen des Tennis-Arms vergessen lassen. Der Ellbogen wird zum früh verschlissenen Smart-Gelenk. Und die Turnhallen dieser Republik werden anlässlich der Abiturprüfungen gegen das Internet abgeschirmt. Denn sonst läuft Wikipedia mit.

Aber was ist eigentlich der tiefere Sinn solcher Erfindungen? Dass uns sinnvolle Produkte das Leben leichter machen? Dass sie gar ordentlich bezahlte Arbeitsplätze schaffen? Nein, dieses schlichte Denken hat unsere Wirtschaft längst überwunden. Oder überwinden müssen. Die Firmen brauchen immer neue Umsatz-Bringer, damit sie ihre Kosten knapp halten und ihre Schulden abbezahlen können. Und speziell die Internet- und Telekommunikationskonzerne leben davon, dass wir immer und überall für Werbebotschaften und für das Absaugen vermarktungsfähiger Daten auf Empfang sind.

Was also tun? Sich einfach verweigern? Nein, denn die Welt des Großkapitals muss sich weiter drehen.

Wo es hingeht ist eh klar: Effizienter als eine Armbanduhr oder eine Datenbrille sind wohl nur noch Implantate. Sie würden sich so etwas nie im Leben einpflanzen lassen? Warten wir mal ab, bis es Chips von Apple gibt. Dann reden wir weiter.

 

August 30th, 2013

Und was wünschen Sie?

Die Wahlkampfzeit ist immer auch die Zeit der Umfragen: Ich rufe Sie auf, aus fünf tatsächlich vorhandenen Wahlkampfthesen Ihren Favoriten auszuwählen. Rechtzeitig vor der Wahl wird aufgelöst, welche Forderung zu welcher Partei gehört.

 

August 20th, 2013

Der Hund, der Terrorist des kleinen Mannes

Wenn Politiker/-innen über Videoüberwachung reden, drehen sie geistig-moralisch gerne am ganz großen Rad. Sie reden vom Super-Grundrecht auf Sicherheit und machen uns klar, dass die Welt voller gefährlicher Monster ist. Dass sie durchsetzt ist von fanatischen Islamisten, dumm gesoffenen Neonazis und Billiglöhnern, die sich das Geld für die sechste Dose Bier mit Gewalt von ahnungslosen Passanten holen. Allesamt zerstörerische Wesen, die nur eines nicht mögen: gefilmt werden.

Abgehoben ist die Debatte, dreht sie sich doch immer um extreme Fälle. Welche/r Normalbürger/in hat sich schon jemals mit einem Salafisten geprügelt? Seien wir ehrlich: Die wahren Feinde unseres unversehrten Wohlbefindens sind, wie auf jeder Bürgerversammlung zu hören ist, Tiere mit vier Beinen oder Flügeln. Der Terrorist des kleinen Mannes bellt.

Somit ist es der Ver­waltung von Montereau-Fault-Yonne bei Paris zu verdanken, dass sie das Thema Videoüberwachung in die Mitte der Lebenswirklichkeit der Menschen holt. Im Kampf gegen Hundekot nehmen die dortigen 60 Überwachungskameras gezielt kackende Hunde ins Visier. Mit Hilfe der Bilder sollen Hundehalter, die den Kot ihrer Lieblinge einfach liegen lassen, entlarvt und verwarnt werden. Beim zweiten Vergehen werden 35 Euro Buße fällig. Und irgendwann werden – das ist meine Vermutung – Herrchen oder Frauchen im Tierheim eingesperrt.

Bei diesem Schritt darf es aber nicht bleiben. Auch herrenlose Tiere gehören überwacht. Oder sollen die Wespen unbeirrt weiterschwirren? Sollen Mäuse unbehelligt durch die Stadt rennen dürfen? Was ist mit den Tauben, den Ratten der Lüfte? Und müssten nicht auch die Wildschweine verfolgt werden, durch Nachtsicht-Geräte für die Vorstädte? Da staunt er dann, der liebestolle Keiler.

Jawohl, wir räumen auf. Was stört, wird gefilmt und weggemacht. Und für die Billiglöhner bringt das einen Minijob obendrauf. Nur eine Frage bleibt für die Ruhebedürftigen noch offen: Was, bitteschön, machen wir mit den Radfahrern?

 

 

 

Juli 31st, 2013

Telefon: Die Doktorarbeit im Beipackzettel

Was ist Humor? Doch vor allem, wenn das, was man von jemand erlebt, nicht mit den Erwartungen übereinstimmt. Würde bekannt, dass Uli Hoeneß Steuern zahlt, wäre das doch zum Wiehern. Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben nun eine richtig kuriose Erkenntnis hervorgebracht: Die Kundenkommunikation von Telekommunikationsunternehmen ist besonders unverständlich.

Glauben mögen wir das nicht. In den Werbespots der Telefonanbieter sieht man doch nur glückliche Menschen. Jung und schick sind sie, tippen tanzend auf ihre Smartphone-Tastaturen. Und wenn sie mal älter sind, sind sie an der Grenze zu sympathisch doof. Aber auch die Musik, die heute  für Handy-Läden wie für Hitparaden gleichermaßen komponiert zu sein scheint, vermittelt uns diese Botschaft: Nimm uns – und dein Leben wird leicht und leichter.

Eben nicht.Wie die Forscher herausgefunden haben, verfehlen die von ihnen untersuchten Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs) für Mobilfunk sowie die „häufig gestellte Fragen“ (FAQs) zum Thema Festnetzportierung, der Mitnahme der Telefonnummer, die Zielwerte für verständliche Kommunikation teilweise sehr deutlich. Einige von ihnen befinden sich auf dem sprachlichen Schwierigkeits-Niveau einer Doktorarbeit.

Die Kommunikationsexperten nennen ein Negativ-Beispiel aus einer Allgemeinen Geschäftsbedingung (AGB) eines Mobilfunkanbieters: „Macht der Kunde von seinem Widerrufsrecht im Hinblick auf die Lieferung von Waren Gebrauch, so hat er die Kosten für die Rücksendung zu tragen, wenn die gelieferte Ware der bestellten entspricht und wenn der Preis der zurückzusendenden Sache einen Betrag von 40 Euro nicht übersteigt oder wenn der Kunde bei einem höheren Preis der Sache zum Zeitpunkt des Widerrufs noch nicht die Gegenleistung oder eine vertraglich vereinbarte Teilzahlung erbracht hat.“ Hinzu kommen Monster-Wörter wie „Verzichtserklärungs-Assistent“ oder „Festnetz-Rufnummernmitnahme“ sowie Anglizismen wie „Simple Service Discovery Protocol“. Davon haben wir bekanntlich schon als Kind geträumt.

Aber woran liegt es? Ein Grund könnte sein, dass die Beipackzettel der Telekommunikationsprodukte von Chinesen geschrieben werden, die sich dabei auf Übersetzungsprogramme stützen. Oder – und das ist die wahrscheinlichere Variante – die Produkte und Preise sind einfach so mittelmäßig bis schlecht, dass man sprachliche Nebelkerzen zünden muss. Man kennt das auch aus der Politik. Hier ist es Konzernpolitik. Und wer diese  wählt, ist selber schuld.

Juli 12th, 2013

Gabriele und Mercedes – es war so schön

Meine Schreibmaschine heißt Mercedes.

Meine Schreibmaschine heißt Mercedes.

Was für eine wunderbare Idee! Wir ziehen den Geheimdiensten dieser Welt den Stecker. Über allen Glasfaserkabeln ist Ruh’. Dafür wird das leise Tocken der Computertastaturen von einem herzhaften Klackern abgelöst. Jawohl, wir hacken wieder auf der Schreibmaschine herum.

Der kluge Gedanke kommt vom russischen Geheimdienst. Spähern, Spannern und anderen Datendieben kann man ganz einfach das Handwerk legen, indem man dem Internet den Strom abklemmt, indem man unplugged werkelt. Eine mechanische Schreibmaschine hat kein Kabel, also kann auch nichts abgesaugt werdeen.

Und, ehrlich gesagt: Die mechanischen Zeiten waren so schlecht nicht. Mein erstes Arbeitsgerät als freier Mitarbeiter einer kleinen Lokalzeitung hörte auf den schönen Namen “Gabriele”. Eine Maschine dieses Namens hatte ich später auch im Büro. Artikel zu schreiben, war eine sinnliche Tätigkeit. Denn die Tasten hatten einen echten Widerstand. Nach einem Tag mit hingebungsvoll protokollierter Brauchtumspflege, mit Autounfall und Gesangsvereins-Konzert (Standard-Überschrift: “Meisterhafte Interpretation”) konnten einem die Finger weh tun.

Sinnlose Recherche war nicht. Wenn nach dem Frühstück das Postfach geleert war, war ziemlich klar, was am Tag darauf in der Zeitung stehen sollte. Die anderen Geschichten holte man sich als Redakteur auf der Straße oder im Café. Telefone, Festnetz wohlgemerkt, gab es noch nicht in jedem Haushalt.

Das klingt jetzt sehr romantisch. Also möchte ich schon zugeben, dass das Auswechseln eines Farbbandes einen ähnlichen Nervfaktor hatte wie heute das Aktivieren eines Surfsticks. Schreibfehler waren ein größeres Problem als heute. Weshalb man vor dem Buchstaben mehr Respekt hatte als heute vor dem flüchtigen Zeichen.

Das erste Faxgerät in unserer Redaktion schließlich wirkte gewaltig. Es war in Orange lackiert und stand da wie eine Tiefkühltruhe. Die Übertragung eines Blattes Papier dauerte drei bis fünf Minuten. Aber schon damals war spürbar: Was durch den Draht kommt, wird als wichtiger empfunden.

Das hat sich nicht mehr geändert. Gabriele habe ich schon vor vielen Jahren auf den Wertstoffhof gebracht. Geblieben ist ihre antike Schwester namens Mercedes. Ja, ich sollte wieder einen Text hacken. Mit geschwungenen Buchstaben und zu 100 Prozent abhörsicher. Wenn da nicht diese Meldung vom Support wäre: “Ihr Farbband wird vom Hersteller nicht mehr unterstützt. Mit freundlichen Grüßen. Ihre NSA.”

Juni 22nd, 2013

Wenn Franken reden, staunt der Brite

Wie konnten wir so naiv sein? Wir haben tatsächlich geglaubt, dass die USA die größte Datenklau-Nation der Welt seien. Ein Land, in dem man erst in jüngerer Vergangenheit gelernt hat, einigermaßen akzeptable Autos zu bauen. Ein Land, das wohl noch Jahrzehnte braucht, um ein Gefangenenlager zu schließen. Ein Land, das die Microsoft-Software hervorgebracht hat, deren Macken schon viele Menschen in Jähzorn oder Depression getrieben haben. Aber jetzt ist es raus. Der britische Geheimdienst weiß am meisten.

Das hätte uns klar sein müssen. Schließlich haben die Schnüffler Ihrer Majestät immer die Spitze des nachrichtendienstlichen Fortschritts definiert. Denken wir nur an James Bond und seinen Cheftüftler Q. Welchen anderen Konstrukteuren dieser Welt ist es gelungen, ein gutes Dutzend tödliche Waffensysteme mit einer Sportwagenkarosserie zu verschrauben? Britischer Erfindergeist verblüffte uns mit Diplomatenkoffern mit integriertem Wurfmesser und Tränengaspatronen, mit Armbanduhren mit Kreissäge, Raketenrucksäcken, Kugelschreibern mit Säuresprüher oder mit explodierende Weckern.

So sind sie, die Briten. Vordergründig seriös, aber in Wahrheit für jede verrückte Idee zu haben. Wenn sie denn dem vormals weltumspannenden Empire dient.

Natürlich bin ich über Stasi-England schwerstens empört. Ich muss aber auch grinsen, angesichts der Vorstellung, dass britische Agenten fränkische Dialoge abhören. Sie können ja nicht wissen, dass der Satz “In day show dammer my face way” in Wahrheit “In diesen Schuhen tun mir die Füße weh” heißt. Und die kryptische Botschaft “Hide Kennedy a mall Ford gay” sagt nur “Heute könnte ich mal fortgehen”. Was kann das an Missverständnissen und fehlgeleiteten Observationen auslösen? Was wird hier wieder sinnlos an Geld verbrannt.

Tja, aber das ist die gerechte Strafe für’s Schnüffeln. Ich halte es mit unserer Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und sage beim Telefonieren laut und zum Mithören: “Adds since queeze nash won delight?” (Jetzt sind sie wohl närrisch geworden, die Leute?) Wahrscheinlich schon, oder?

(PS.: Der Erfinder von “Nämberch Englisch spoken” ist der Künstler Günter Stössel . Er hat einen entsprechenden Sprachkurs 1975 und 1976 in zwei Büchern verewigt. Ein “Best of” ist 2003 im Ars Vivendi-Verlag erschienen.)

Februar 22nd, 2013

Pille danach? Okay, aber nicht für alle Fälle

Wie nett: Da hat sich eine Runde von alten Männern tiefgründig mit dem gebärfähigen Körper der Frau befasst. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich ein Thema vorgenommen, das ihre Mitglieder eigentlich ganz und gar nichts angeht. Aber immerhin: Es ist Hirn vom Himmel gefallen. Deutschlands oberste Katholiken haben ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die “Pille danach” aufgegeben. Frauen müssen den Zorn Gottes nicht mehr fürchten, wenn sie das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen wollen. Sagen seine angeblichen Stellvertreter auf Erden.

Da hat in aller Nachhaltigkeit die Barmherzigkeit gesiegt, möchte man jubeln. Aber dafür gibt es keinen Grund. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen selbst über eine Pille gegen eine ungewollte Schwangerschaft entscheiden. Auch ohne Rücksprache mit dem jeweils diensthabenden Exorzisten. Aldenn: Es ward geredet. Es ward gut. Und Gott sah es mit Wohlgefallen. Punkt.

Träumen wir lieber ein bisschen von den vielen wunderbaren Möglichkeiten, die uns die “Pille danach” noch schenken könnte. Wie etwa sähe unser Showbusiness, wie unser RTL-Programm aus, wenn sie gleich nach der ersten Produktion von Dieter Bohlen geschluckt worden wäre? Wie unsere Kommunikation, wenn sie bereitgelegen wäre, als Mark Zuckerberg sein Facebook scharfgestellt hat?

Wie schön wäre diese Pille, wenn sie der Fußballfan nach dem Abstieg seines Lieblingsclubs schlucken könnte? Wie gut wäre es für unser geliebtes Nachbarland Italien, wenn sie nach dem nächsten Wahlerfolg von Berlusconi wirken würde?

Die Einsatzmöglichkeiten wären unbegrenzt. Aber erstmal geben wir die “Pille danach” den Frauen. Doch nur in wirklich bösen Fällen. Was Frauen wirklich wünschen, ist ja klar. Eine Pille danach, die nach sieben Jahren Ehe automatisch zugeteilt wird und optional verwendet werden kann. Hier gilt jedoch: Das gibt es nicht. Das geht zu weit. Das ist Teufelszeug. Sakrament!

Juli 31st, 2012

Der wahre Terrorist hat Aknepickel

Deutschland, sei wachsam! Der Feind lauert in deinem Inneren! Er ist jung. Er hat gerade noch Salbe auf seine Aknepickel geschmiert, ehe er seiner perversen Lust auf große Getümmel freien Lauf lässt. Jawohl, der Staatsfeind ist Veranstalter einer Facebook-Party.

Es hat tatsächlich den Anschein, als seien sozial netzwerkende Jugendliche die zweite große Bedrohung neben Al Kaida. Sobald die Klickzahl auf einer Veranstaltungsseite die Marke von 1000 übersteigt, zwängen sich die Männer und Frauen vom Sondereinsatzkommando der Polizei in ihre Kampfkleidung und schnüffeln zähnefletschende Schäferhunde an Flachbildschirmen. Hubschrauber werden betankt, das Waffengeschäft mit Katar kommt ins Stocken, weil man die Leopard-Panzer vielleicht doch im eigenen Land braucht. Einfach so feiern? Wo kommen wir da hin?

Der bislang letzte nachhaltig entlarvte Partyterrorist war ein Auszubildender in Konstanz. Dieser hatte für eine Facebook-Party im dortigen Freibad 2500 Anmeldungen gesammelt. Bei der Veranstaltung kam es zu Sachbeschädigungen und zu Rangeleien mit der Polizei. Letztlich wurde dem Lehrling eine Rechnung über 227.052 Euro präsentiert.

Man darf an dieser Stelle doch einmal fragen, ob das alles sein musste. Wo soll eigentlich die Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegen, wenn sich in einem Freibad 2500 Menschen treffen? An einem sonnigen Tag sind es noch viel mehr. Ist es notwendig, dass die Polizei in einem solchen Fall ausrückt und durch ihren Auftritt Widerstände erst provoziert? Gerät dieser Staat wirklich ins Wanken, wenn es eine Freiluft-Party gibt, die nur unwesentlich mehr Gäste hat als jede durchschnittliche türkische Hochzeit? Wie groß wird das Polizeiaufgebot sein, das die Besucher des nächsten Klassik-Open-Airs kontrolliert und bewacht?

Zumal andere Partyterroristen geradezu gehätschelt werden. Nehmen wir Horst Seehofer. Dieser hatte – um die Jugendlichkeit seiner Partei und seiner selbst zu beweisen – zur Facebook-Sause in den Münchner Schickimicki-Bumsschuppen P 1 eingeladen. 2500 Menschen drohten mit ihrem Erscheinen, wegen der riesigen Nachfrage wurde die Einladungsliste in einer panischen Aktion geschlossen. Wurde damals Ritter, Tod und Teufel geschrien? Wurde gar der CSU nach der müden Veranstaltung eine saftige Rechnung der Sicherheitskräfte ausgestellt?

Nein, und das, obwohl ein Horst Seehofer für diesen Staat gefährlicher ist als jeder wildgewordene Azubi aus Konstanz. Droht ständig mit Koalitionsbruch, wechselt seine politische Meinung bei Bedarf alle drei Tage. Er ist wahrhaftig ein unsicheres Element.

Aber klar, das ist jetzt polemisch hoch drei. Die Wahrheit ist und bleibt: Eine größere Bedrohung als die Jugend kann es für eine Gesellschaft wie die unsere gar nicht geben.

 

 

Juli 9th, 2012

Meldegesetz: Wir surfen über Schlaglöcher

Was müssen unsere Politiker verzweifelt sein: Da möchten sie ein weltweit akzeptiertes Geschäftsmodell nutzen, um die Kassen der notleidenden Kommunen zu füllen, bekommen aber ausschließlich Gegenwind. Das Volk ruft: “Adresshandel? Niemals!”

Sollte das vom Bundestag beschlossene neue Meldegesetz kommen, dürften die Einwohnermeldeämter persönliche Daten von Bürgern gegen Gebühr an Firmen und Adresshändler weitergeben. Und das könnte sich lohnen. Facebook ist auf diese Tour derart berühmt geworden, dass es den gewaltigsten Börsengang dieses Jahrtausends hinbekommen hat. Hat sich zwar für die Anleger nicht gelohnt. Aber trotzdem: Meine Heimatstadt Nürnberg bekäme die Chance, zur Aktiengesellschaft zu werden. Alle Stadtratsmitglieder wären mit einem Schlag Millionäre. Sämtliche Schlaglöcher würden in Windeseile gestopft.

Doch wir wollen nicht. Weil wir unsere Daten lieber verschenken. Weil wir die Sorgen haben, dass uns Facebook anwendungstechnisch den Hahn abdreht, wenn unsere persönlichen Dten schon anderweitig verscherbelt sind und deshalb nur noch Ramschstatus haben. Schlaglöcher? Die kümmern uns nicht, solange wir nur kostenlos surfen und uns miteilen können.

Bleibt in all dieser Aufregung diese große Frage: Warum vertrauen wir dem bleichen US-Knilch Mark Zuckerberg mehr als unserer Angela Merkel? Das ist in der Tat ein Rätsel.

Juni 8th, 2012

EM-Orakel: Ein göttlicher Funke steckt in jedem Tier

Hirndübel-Orakelhamster Gerd rechnet in Sachen Fußball-EM auch mit dem Unerwarteten.

Hirndübel-Orakelhamster Gerd rechnet in Sachen Fußball-EM auch mit dem Unerwarteten.

Als Orakel galt uns früher eine göttliche Offenbarung, die in Form eines Zeichens Aufschluss über die Zukunft geben soll. Je nach Religionszugehörigkeit dachte man, dass uns ein jeweils allwissender Herr mitteilen würde, was uns oder anderen Menschen in nächster Zeit blüht. Doch wo früher ein göttlicher Funke war, regiert in unserer profanen Zeit der tierische Instinkt. Zur Fußball-Europameisterschaft wird jedes Viech wird zum Propheten.

Angefangen hat das alles im Jahr 2010 mit Krake Paul. Einem Tier, das aufgrund seiner körperlichen Besonderheiten durchaus als Torwart geeignet wäre. Der alte Fisch löste seine Aufgaben mit Bravour. Er lag immer richtig.

Und jetzt bricht die Tier-Orakel-Flut über uns herein wie einst der EHEC-Virus. Es gibt höchst sympathische Hellseher wie Mops Otto von nordbayern.de oder Bayern 1-Mini-Bulldogge Xaver. Ziege Traudl tippt für eine obayerbayerische Molkerei, in der Ukraine wiederum grunzt ein dicker Eber in den visionären Futtertrog.

Auch Otter, Seehunde, Möwen und eine Elfantenkuh aus Krakau sind im Einsatz. Und schließlich die einstige Fluchtkuh Yvonne. Sie hat ihrem Ruf, ein eigenwilliger Charakter zu sein, bereits alle Ehre gemacht und auf einen Sieg von Portugal gegen Deutschland getippt.

Mir sind diese reinen Futtervorhersagen allerdings viel zu untranszendentral. Mir fehlt da das Übersinnliche. Deshalb würde ich gerne den erschossenen bayerischen Problembär Bruno einschalten. Vom weltberühmten Löffeltöter Uri Geller spiritistisch befragt, müsste sich vor dem Bären der jeweils passende Ländernapf unter heftigen Vibrationen verbiegen. Bruno wiederum, der ja wie alle Mordopfer nächtens als verlorene Seele am Tatort umherstreift, bekäme nach dem fünften Treffer die ewige Erlösung geschenkt.

Aber geht das überhaupt? Können Tiere zu uns sprechen? Das wiederum glaube ich sehr wohl. Als ich jüngst vor einer Currywurst gesessen bin, habe ich ganz eindeutig die Worte “Du wirst mich essen! Jetzt!” vernommen. Und sehet, genauso ward es!