Archiv der Kategorie ‘Virtuelles Leben’

Februar 22nd, 2013

Pille danach? Okay, aber nicht für alle Fälle

Wie nett: Da hat sich eine Runde von alten Männern tiefgründig mit dem gebärfähigen Körper der Frau befasst. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich ein Thema vorgenommen, das ihre Mitglieder eigentlich ganz und gar nichts angeht. Aber immerhin: Es ist Hirn vom Himmel gefallen. Deutschlands oberste Katholiken haben ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die “Pille danach” aufgegeben. Frauen müssen den Zorn Gottes nicht mehr fürchten, wenn sie das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen wollen. Sagen seine angeblichen Stellvertreter auf Erden.

Da hat in aller Nachhaltigkeit die Barmherzigkeit gesiegt, möchte man jubeln. Aber dafür gibt es keinen Grund. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen selbst über eine Pille gegen eine ungewollte Schwangerschaft entscheiden. Auch ohne Rücksprache mit dem jeweils diensthabenden Exorzisten. Aldenn: Es ward geredet. Es ward gut. Und Gott sah es mit Wohlgefallen. Punkt.

Träumen wir lieber ein bisschen von den vielen wunderbaren Möglichkeiten, die uns die “Pille danach” noch schenken könnte. Wie etwa sähe unser Showbusiness, wie unser RTL-Programm aus, wenn sie gleich nach der ersten Produktion von Dieter Bohlen geschluckt worden wäre? Wie unsere Kommunikation, wenn sie bereitgelegen wäre, als Mark Zuckerberg sein Facebook scharfgestellt hat?

Wie schön wäre diese Pille, wenn sie der Fußballfan nach dem Abstieg seines Lieblingsclubs schlucken könnte? Wie gut wäre es für unser geliebtes Nachbarland Italien, wenn sie nach dem nächsten Wahlerfolg von Berlusconi wirken würde?

Die Einsatzmöglichkeiten wären unbegrenzt. Aber erstmal geben wir die “Pille danach” den Frauen. Doch nur in wirklich bösen Fällen. Was Frauen wirklich wünschen, ist ja klar. Eine Pille danach, die nach sieben Jahren Ehe automatisch zugeteilt wird und optional verwendet werden kann. Hier gilt jedoch: Das gibt es nicht. Das geht zu weit. Das ist Teufelszeug. Sakrament!

Juli 31st, 2012

Der wahre Terrorist hat Aknepickel

Deutschland, sei wachsam! Der Feind lauert in deinem Inneren! Er ist jung. Er hat gerade noch Salbe auf seine Aknepickel geschmiert, ehe er seiner perversen Lust auf große Getümmel freien Lauf lässt. Jawohl, der Staatsfeind ist Veranstalter einer Facebook-Party.

Es hat tatsächlich den Anschein, als seien sozial netzwerkende Jugendliche die zweite große Bedrohung neben Al Kaida. Sobald die Klickzahl auf einer Veranstaltungsseite die Marke von 1000 übersteigt, zwängen sich die Männer und Frauen vom Sondereinsatzkommando der Polizei in ihre Kampfkleidung und schnüffeln zähnefletschende Schäferhunde an Flachbildschirmen. Hubschrauber werden betankt, das Waffengeschäft mit Katar kommt ins Stocken, weil man die Leopard-Panzer vielleicht doch im eigenen Land braucht. Einfach so feiern? Wo kommen wir da hin?

Der bislang letzte nachhaltig entlarvte Partyterrorist war ein Auszubildender in Konstanz. Dieser hatte für eine Facebook-Party im dortigen Freibad 2500 Anmeldungen gesammelt. Bei der Veranstaltung kam es zu Sachbeschädigungen und zu Rangeleien mit der Polizei. Letztlich wurde dem Lehrling eine Rechnung über 227.052 Euro präsentiert.

Man darf an dieser Stelle doch einmal fragen, ob das alles sein musste. Wo soll eigentlich die Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und Ordnung liegen, wenn sich in einem Freibad 2500 Menschen treffen? An einem sonnigen Tag sind es noch viel mehr. Ist es notwendig, dass die Polizei in einem solchen Fall ausrückt und durch ihren Auftritt Widerstände erst provoziert? Gerät dieser Staat wirklich ins Wanken, wenn es eine Freiluft-Party gibt, die nur unwesentlich mehr Gäste hat als jede durchschnittliche türkische Hochzeit? Wie groß wird das Polizeiaufgebot sein, das die Besucher des nächsten Klassik-Open-Airs kontrolliert und bewacht?

Zumal andere Partyterroristen geradezu gehätschelt werden. Nehmen wir Horst Seehofer. Dieser hatte – um die Jugendlichkeit seiner Partei und seiner selbst zu beweisen – zur Facebook-Sause in den Münchner Schickimicki-Bumsschuppen P 1 eingeladen. 2500 Menschen drohten mit ihrem Erscheinen, wegen der riesigen Nachfrage wurde die Einladungsliste in einer panischen Aktion geschlossen. Wurde damals Ritter, Tod und Teufel geschrien? Wurde gar der CSU nach der müden Veranstaltung eine saftige Rechnung der Sicherheitskräfte ausgestellt?

Nein, und das, obwohl ein Horst Seehofer für diesen Staat gefährlicher ist als jeder wildgewordene Azubi aus Konstanz. Droht ständig mit Koalitionsbruch, wechselt seine politische Meinung bei Bedarf alle drei Tage. Er ist wahrhaftig ein unsicheres Element.

Aber klar, das ist jetzt polemisch hoch drei. Die Wahrheit ist und bleibt: Eine größere Bedrohung als die Jugend kann es für eine Gesellschaft wie die unsere gar nicht geben.

 

 

Juli 9th, 2012

Meldegesetz: Wir surfen über Schlaglöcher

Was müssen unsere Politiker verzweifelt sein: Da möchten sie ein weltweit akzeptiertes Geschäftsmodell nutzen, um die Kassen der notleidenden Kommunen zu füllen, bekommen aber ausschließlich Gegenwind. Das Volk ruft: “Adresshandel? Niemals!”

Sollte das vom Bundestag beschlossene neue Meldegesetz kommen, dürften die Einwohnermeldeämter persönliche Daten von Bürgern gegen Gebühr an Firmen und Adresshändler weitergeben. Und das könnte sich lohnen. Facebook ist auf diese Tour derart berühmt geworden, dass es den gewaltigsten Börsengang dieses Jahrtausends hinbekommen hat. Hat sich zwar für die Anleger nicht gelohnt. Aber trotzdem: Meine Heimatstadt Nürnberg bekäme die Chance, zur Aktiengesellschaft zu werden. Alle Stadtratsmitglieder wären mit einem Schlag Millionäre. Sämtliche Schlaglöcher würden in Windeseile gestopft.

Doch wir wollen nicht. Weil wir unsere Daten lieber verschenken. Weil wir die Sorgen haben, dass uns Facebook anwendungstechnisch den Hahn abdreht, wenn unsere persönlichen Dten schon anderweitig verscherbelt sind und deshalb nur noch Ramschstatus haben. Schlaglöcher? Die kümmern uns nicht, solange wir nur kostenlos surfen und uns miteilen können.

Bleibt in all dieser Aufregung diese große Frage: Warum vertrauen wir dem bleichen US-Knilch Mark Zuckerberg mehr als unserer Angela Merkel? Das ist in der Tat ein Rätsel.

Juni 8th, 2012

EM-Orakel: Ein göttlicher Funke steckt in jedem Tier

Hirndübel-Orakelhamster Gerd rechnet in Sachen Fußball-EM auch mit dem Unerwarteten.

Hirndübel-Orakelhamster Gerd rechnet in Sachen Fußball-EM auch mit dem Unerwarteten.

Als Orakel galt uns früher eine göttliche Offenbarung, die in Form eines Zeichens Aufschluss über die Zukunft geben soll. Je nach Religionszugehörigkeit dachte man, dass uns ein jeweils allwissender Herr mitteilen würde, was uns oder anderen Menschen in nächster Zeit blüht. Doch wo früher ein göttlicher Funke war, regiert in unserer profanen Zeit der tierische Instinkt. Zur Fußball-Europameisterschaft wird jedes Viech wird zum Propheten.

Angefangen hat das alles im Jahr 2010 mit Krake Paul. Einem Tier, das aufgrund seiner körperlichen Besonderheiten durchaus als Torwart geeignet wäre. Der alte Fisch löste seine Aufgaben mit Bravour. Er lag immer richtig.

Und jetzt bricht die Tier-Orakel-Flut über uns herein wie einst der EHEC-Virus. Es gibt höchst sympathische Hellseher wie Mops Otto von nordbayern.de oder Bayern 1-Mini-Bulldogge Xaver. Ziege Traudl tippt für eine obayerbayerische Molkerei, in der Ukraine wiederum grunzt ein dicker Eber in den visionären Futtertrog.

Auch Otter, Seehunde, Möwen und eine Elfantenkuh aus Krakau sind im Einsatz. Und schließlich die einstige Fluchtkuh Yvonne. Sie hat ihrem Ruf, ein eigenwilliger Charakter zu sein, bereits alle Ehre gemacht und auf einen Sieg von Portugal gegen Deutschland getippt.

Mir sind diese reinen Futtervorhersagen allerdings viel zu untranszendentral. Mir fehlt da das Übersinnliche. Deshalb würde ich gerne den erschossenen bayerischen Problembär Bruno einschalten. Vom weltberühmten Löffeltöter Uri Geller spiritistisch befragt, müsste sich vor dem Bären der jeweils passende Ländernapf unter heftigen Vibrationen verbiegen. Bruno wiederum, der ja wie alle Mordopfer nächtens als verlorene Seele am Tatort umherstreift, bekäme nach dem fünften Treffer die ewige Erlösung geschenkt.

Aber geht das überhaupt? Können Tiere zu uns sprechen? Das wiederum glaube ich sehr wohl. Als ich jüngst vor einer Currywurst gesessen bin, habe ich ganz eindeutig die Worte “Du wirst mich essen! Jetzt!” vernommen. Und sehet, genauso ward es!

Mai 23rd, 2012

Eurovison Song Contest – die ganze Wahrheit

Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan war mein Thema bei der jüngsten PechaKucha-Nacht im Neuen Museum in Nürnberg. Vor über 200 Zuhörern durfte ich den famosesten Gesangswettbewerb der Welt knapp sieben Minuten lang beleuchten. Mein Kollege Thomas Gerlach hat den Auftritt dokumentiert. Hier ist er – ungeschnitten, werbefrei, also praktisch wie live. (Zur Erläuterung: Bei PechaKucha werden 20 Bilder jeweils 20 Sekunden lang besprochen)
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Mai 9th, 2012

CSU-Party? Seehofer braucht High Heels

Jung, trendy, stylish, sexy: Diese Attribute hat man bisher eher mit Dolce & Gabbana als mit Seehofer & CSU in Verbindung gebracht. Doch das hat sich seit Dienstagabend geändert. Die erste Partei-Facebook-Party hat stattgefunden. Ohne Tote und Verletzte, vielleicht mit einer paar Besoffenen.

Nach Auskunft von Teilnehmern soll die Party ganz nett gewesen sein. Der erwartete riesige Ansturm sowie die Rache der am Einlass Enttäuschten ist ausgeblieben. Die Zahl der Medienvertretert war groß, alles lief in ruhigen Bahnen. Also alles in Butter?

Finde ich nicht. Es gab immer wieder mal Diskussionen über die Frage, ob Parteienwerbung durch öffentliche Gelder finanziert werden darf. Die CSU hat mit ihrer flapsigen Einladung das Versprechen auf ein riesiges Chaos ausgelöst. Belohnt wurde sie mit einem überragenden Medienecho. Der Polizeieinsatz zur Absicherung der Veranstaltung wiederum geht auf Kosten der Steuerzahler. Die Partei zahlte ihren Gästen gerade mal ein Freigetränk.

Ausgeprägte Volks- oder Zielgruppennähe hat die CSU eh nicht bewiesen. Um Horst Seehofer nahe zu sein, musste die Jugend der Welt laut Medienberichten zehn Sicherheitsschleusen passieren. Als Veranstaltungsort wurde eine Nobeldisco ausgewählt, wie sie auch einem Sarkozy gefallen hätte. Schließlich: Jede Salsa- oder High-Heels-Party in einer mittelfränkischen Großdisco lockt mehr Besucher an als die CSU-Facebook-Sause. Schöne Schuhe hätten vielleicht was gebracht.

Der Erfolg bestand letztlich in der öffentlichen Wahrnehmung. Weil man dachte, dass an diesem Abend Dinge zusammenwachsen könnten, die eigentlich nicht zusammengehören. Wahrscheinlich nehmen sich andere Institutionen bald ein Beispiel. Die FDP-Facebook-Party bei der Heilsarmee ist nur noch eine Frage der Zeit.

April 12th, 2012

Der schärfste Breakdance des Planeten

YouTube Preview Image Da wir gerade in Zeiten von “Let’ s Dance” leben: Leider treten dort nur Prominente auf, während famoseste Talente trotz vorzüglicher Verfilmung ihrer Kunst keine Chance auf eine breite Öffentlichkeit haben. Wenn es um diesen Breakdancer geht, will ich, nein, muss ich in Sachen Karriere mithelfen. Nie hat man heißere Moves gesehen…

April 5th, 2012

Die virtuelle Servicewüste lebt

Eine der ganz großen Verheißungen des Internets ist jene des immerwährenden Vernetztseins und des ununterbrochenen Bescheidwissens. Hol Dir, was du brauchst. Erzähle anderen, was dir einfällt. Immer dann, wenn du es willst.
Wer so redet, hat noch nie Urlaub gemacht. Natürlich, Ferien sollten prinzipiell als Gelegenheit zum virtuellen Heilfasten genutzt werden. Aber ein bisschen direkten Draht zur Heimat zu haben, ist ja auch schön. Und dass das problemlos geht, wissen wir aus der Fernsehwerbung. Von jungen Menschen, die so schön sind, dass man es nie wagen würde, bei einem Verbindungsproblem um Rat und Hilfe zu fragen. Glücklich tanzen sie zu einem Top-Hit aus den Singlecharts – weil das Leben so einfach ist.
Es gibt aber auch eine raue Wirklichkeit, nämlich die Handy-Shops dieser Welt. Einen solchen habe ich gerade in Italien betreten. Nach fünf Minuten Wartezeit habe ich mich gefragt, wie andere Menschen (Kunden) so dumm sein können, dass sie nicht einmal ein Telefon bedienen können. Nach 20 Minuten Wartezeit habe ich überlegt, was in aller Welt so schwer daran sein kann, ein internetfähiges Gerät zu kaufen. Wo es doch nur 18 verschiedene Flatrates gibt. Nach 30 Minuten ging mir durch den Kopf, ob sich dieses Geschäft überhaupt jemals lohnen kann, wenn einem Umsatz von 29 € eine Stunde Beratungszeit gegenübersteht.
Aber das geht. Dann nämlich, wenn man schlecht bezahltes und mies ausgebildetes Personal beschäftigt, das eigentlich nur verkaufen kann. Tja, und ich bin auch an jemand geraten, der, vermute ich, vorher im Shopping-TV Teppiche verkauft hat. Blendende Rhetorik, aber nichts dahinter. Nachdem mein Easy-Internet-Safety-Plug-In-Sim-Card-Flatrate-Stick nicht funktioniert hat, habe ich ihm meinen Laptop vor die Nase gehalten und gefragt, ob er mir helfen könnte. Die Antwort war schlicht und strikt: “No!”
Mir sind da die beiden Menschen eingefallen, die für diesen deutschen Internetprovider mit den niedrigen Ziffern arbeiten. Laut ihrer Werbung ist Qualität alles und ist ausschließlich das Glück des Kunden das Ziel des unternehmerischen Handelns. Mir hat allerdings gerade jemand erzählt, wie er versucht, den 24-Stunden-Vor-Ort-Klick-und-Surf-Service zu nutzen. Seit fünf Wochen. Ohne Erfolg.
Fazit: Die Servicewüste lebt. Sie ist eine globale. Vielleicht sollte man für das Surfen im Urlaub tatsächlich nur ein Brett benutzen.

März 24th, 2012

Ein Buch macht immer klug. Wirklich?

Skeptische Beobachter der kulturellen Entwicklung in dieser Gesellschaft sind sich bei zwei Wahrheiten völlig einig: 1. Lesen bildet. 2. Internet macht doof. Während bedrucktes Papier immer auch geistig-moralischen Gewinn verspricht, gelten virtuelle Botschaften als wenig nahrhaftes Fastfood fürs Hirn.

Aber ist das wirklich so? Schauen wir auf die berühmte “Spiegel”-Bestsellerliste. Und dort steht  zurzeit auf Platz 1  Daniela Katzenberger mit ihrem autobiographischen Lebenshilfe-Ratgeber “Sei schlau, stell dich dumm”. In der Kategorie Sachbuch, wohlgemerkt. Es ist also so, dass es für die vermeintliche Bildungselite dieses Landes an zuallererst an den Erfolgsrezepten einer ulkigen Platin-Blondine Interesse hat.

Sogar noch mehr als an den stets beliebten Anleitungen zum Glücklichsein, die – auf Rang 2 der Bestsellerliste – unser nerviger Frohsinns-Doktor Eckart von Hirschhausen verbreitet. Auf Platz 3 landet der Titel “Ist meine Hose noch bei Euch”. Eine Sammlung lustiger SMS-Nachrichten. Da erfährt man zum Beispiel dieses: “Er hat mir ne apfur gegeben. Bin besoffn.”

Wo, wo, wo, ist bloß das Niveau? Gut, bei den gebundenen Büchern sieht es besser aus. Dort lehrt uns auf Platz 1 unser neuer Bundespräsident Freiheit und Verantwortung. Gefolgt von einem Schmöker zum Thema “Kunst des klaren Denkens” und dem Buch “Jesus”, das sich allerdings nicht mit dem Leben und Wirken von Joachim Gauck befasst.

Doch auch hier lauert das Grauen: Gerade schießt Carsten Maschmeyer mit seiner Autobiographie “Selmade” in den Bestsellerlisten nach oben. Und hier interessiert doch niemand, welche genialen Schachzüge es gibt, um gierig gewordene Kleinsparer gewinnbringend auszunehmen. Wir wollen wissen, wie er Veronica Ferres herumgekriegt hat.

Fazit: Das Triviale macht uns Freude. Schund steht auch in jedem gut sortierten Bücherregal. Die Buchhandlung mag ein Ort der Erbauung sein – wirklich besser als das Internet ist sie nicht.

 

 

 

 

 

Februar 23rd, 2012

Voll im Trend: Verblöden mit dem Bachelor

In Selbstgesprächen haben sich Menschen seit jeher mit der Erkenntnis konfrontiert, dass sie gelegentlich ziemlich blöd waren. Die Frage unserer Tage lautet anders: Sind wir schon alle blöd? Sind wir auf dem Weg dorthin? Ist dieser Zug noch zu stoppen?

Ein klares Indiz für den Verfall von Geist und Moral ist der Erfolg der RTL-Serie “Der Bachelor”. Der “Bätschalla”, wie die “Bild”-Zeitung ihren Lesern in Lautschrift erklärt hat, durfte sich aus einer Gruppe williger junger Frauen seine zukünftige Gefährtin erwählen. Diese heißt Anja, ist aber drei Monate nach Abschluss der Dreharbeiten schon wieder weg. Weshalb sich unser starker Held namens Paul jetzt voll auf seine Autogrammstunden in Kaufhäusern konzentrieren kann.

Das müsste niemand interessieren, wenn diese Sendung nicht an die Grundfesten unseres Zusammenlebens rühren würde. Früher war es völlig klar, dass Fußball die höchsten Einschaltquoten hat. An diesem Aschermittwoch jedoch wollten 3,45 Millionen Menschen zwischen 14 und 49 Jahren (werberelevante Zielgruppe) der Vereinigung von Paul und Anja beiwohnen. Die Champions-League guckten 800.000 weniger.

Casting schlägt Fußball. Und Tussi schlägt Feministin. Letzterer muss es doch ein Gräuel sein, wenn aufgebrezelte Mädels dem Ruhm an der Seite eines angeblich reichen Schönlings hinterherstöckeln. Und kaum ist der Bachelor vorbei, geht die Party zum Auftakt der Fastenzeit mit “Germany’s Next Top Model” weiter. Nach dem Motto: Junge Frauen präsentieren ihren surrealen Körperbau. Da gab es schon mal andere Ziele.

Aber was macht daran blöd? Ganz einfach: Unser Gehirn bräuchte Ruhe, um sich zu regenerieren. Es möchte anhand neuer, ungewohnter Aufgaben wachsen. Aber es bekommt keine Casting-Verschnaufpausen mehr. Kaum ist ein Top Model gewählt, sucht ein Bauer eine Frau, werden Superstar und Supertalent, Dschungelkönige, Voices, Sänger für Baku oder Schwiergertöchter gesucht. Es ist immer was los. Aber es ist immer das Gleiche.

Und deshalb gilt – auf  Fränkisch gesagt: “Wo der Bädschalla is, is der Baddscha ned weit.”

PS: Das Wort “Baddscha” steht für “Patscher” und steht für einen weitgehenden oder kompletten Ausfall denkrelevanter Gehirnfunktionen bei vollem Bewusstsein.

Februar 22nd, 2012

Nordkorea trauert um Christian Wulff

YouTube Preview ImageSpät, jedoch mit größtmöglicher Hingabe, hat sich das Staatsfernsehen Nordkoreas mit dem Rücktritt unseres geliebten Bundespräsidenten Christian Wulff befasst. Ein wunderbares Internet-Fundstück.

Januar 13th, 2012

Ein DJ braucht saubere Finger und…

Nicht wenige junge Menschen versuchen sich in ihrer Freizeit als DJ´s. Aber sind sie auf diese Tätigkeit ausreichend vorbereitet? Wie es geht zeigt dieses Video aus dem Jahr 1969. Und anders als bei Loriots Jodeldiplom handelt es sich nicht um Satire.
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Dezember 31st, 2011

Die Sterne wissen: Ich werde 2012 viel Zeitung lesen

Wir alle wissen, dass die größte aller bisher bekannten Wirtschaftskrisen für 2012 (nach 2009, 2010 und 2011) beschlossene Sache ist. Mir ist das egal. Denn es steht fest, dass ich in diesem Jahr Spaß und Freude haben werde.

Merkur ist nämlich an meiner Seite. Sagt die Astrowoche. Uns so werde ich beruflichen Erfolg wie nie zuvor haben. Da werde eine tolle Stelle frei, dort gebe es ein prima Geschäft. Ich sollte allerdings, so die Sternendeuter, nicht zu gierig werden. Sonst könnte ich eine enttäuschung erleben. Woraus wir lernen: Es ist nicht nur so, dass in jeder Krise eine Chance steckt. Genauso steckt in jeder Chance eine Krise.

Zu allem Überfluss betritt Anfang April Liebesplanet Venus mein Sternzeichen. Das soll mir traumhafte Stunden der Zweisamkeit bescheren. Allerdings nur bis Juli. Logisch, denn im Laufe des Juni beginnt die Fußball-EM. Vielleicht werde, so das Horoskop, jemand von früher wieder in mein Leben treten. Das muss nicht unbedingt sein, liebe Venus.

Auch gesundheitlich soll bei mir dank Merkur alles in Butter sein. Ich müsste also regelmäßig Energie tanken. Das klingt nach einem ganz bestimmten Schokoriegel, was dramatisch gegen meinen guten Vorsatz spricht, im neuen Jahr 5,7 Kilogramm abzunehmen. Ich frag mal Pluto, wie ich diesen Konflikt lösen kann.

Aber das ist ja auch egal, schließlich sind Horoskope eh nur inhaltsleeres Gebrabbel. Dachte ich auch. Bis ich auf www.kostenlos-horoskop.de mein “50plus-Horoskop gelesen habe. “Das tägliche Zeitunglesen ist ein Muss”, steht da wie in Stein gemeißelt. Und das stimmt tatsächlich. Na denn…

Dezember 30th, 2011

Mein Adrenalinschub durch kaltes Licht

Nein, ich möchte dieses Blog nicht zum Diskussionforum über Qualiätsjournalismus machen. Aber was qualitätsloser Journalismus anrichten kann, ist enorm. Ich hatte wegen eines leichtfertigen Schiefmelders heute einen völlig ungeplanten Adrenalin-Kaufrausch-Schub.

Da fahre ich also auf der Autobahn Richtung Heimat. Mit dem Ziel, diesen Tag sowie das Jahr als solches lässig ausklingen zu lassen, als im Radio gemeldet wird: “Was sich zum Jahreswechsel ändert: Ab 2012 ist es mit Glühbirnen vorbei.” Und schon war es mit der eingebetteten Staubeobachtung (embedded traffic jam watching) vorbei. Nur eine Frage ging mir noch durch den Kopf: Wie lange haben die Geschäfte am 31. Dezember offen? Wo könnte es noch ausreichende Bestände an Glühbirnen geben? Wo kann der Lichthamster vor 2012 noch zuschlagen?

Ich finde nämlich das Licht von altmodischen Glühbirnen viel schöner als die kalte Beleuchtung von Energiesparlampen. Ich meine auch, dass es für jeden Menschen gewisse Nischen für kleinere, bezahlbare Umweltsünden geben sollte. Ich rauche nicht mehr, fahre kein SUV, habe keine Yacht und keinen Privatjet. Warum bekomme ich also nicht wenigstens alte Glühbirnen oder mais- und getreidefreies Normalbenzin?

Im zähfließenden Verkehr angelangt, hörte ich eine Live-Reportage von der Trauerfeier für Johannes Heesters. Wenn ich es recht mitbekommen habe, hielt sich die Hysterie in Grenzen. Der bayerische Fachminister für Operetten, Ludwig Spaenle, soll allerdings gesagt haben, der 108-Jährige habe das vergangene Jahrhundert “wie kaum ein anderer geprägt”. Ich habe mich spontan gefragt, ob der Redner nicht eher den anderen Mann aus Heesters’ Bekanntenkreis gemeint hat, den der Verstorbene vor nicht allzu langer Zeit einen “netten Kerl” genannt hat.

Aber lassen wir die Toten ruhen. Das Beispiel zeigt allerdings, dass es wenigstens bei Trauerreden sinnvoll sein kann, beim Beleuchten eines Lebens auf Energiesparlampen zu setzen. Die Radiomeldung vom allerbaldigsten Aus der Glühbirne war übrigens nur schlampig formuliert. Richtig ist, dass ab September 2012 keine 40-Watt-Birne mehr produziert werden darf. Weggeworfen wird aber nichts – wir haben noch viel Zeit zum Kaufen. Das stand klipp und klar in meiner Qualitätszeitung.

November 19th, 2011

Merkel im Weltall, und andere große Fragen

Ist es nicht gut, dass wir unsere Politiker(innen) haben? Sie sind unsere zuverlässige Zielscheibe für Spott und Schimpf und Schande. Und sie übernehmen kraft Amtes die Verantwortung für Themen, die sie selbst kaum, wir aber schon gar nicht verstehen. Ja, sie erklären uns alles. Wir hingegen können es uns leisten, dass uns die Zukunft des Euro-Rettungsschirmes gelegentlich egal ist. Darum kümmern sich ja die Gewählten.

Aber: Steckt nicht auch in Angela Merkel ein kleiner, ganz normaler Mensch? Jemand, der sich nach Antworten auf wirklich bewegende Fragen sehnt. Warum ist der Himmel blau? Sind wir alleine im Weltall und falls nein, was ändert sich dadurch? Gibt es Äpfel, die weit vom Stamm fallen? Erschrecken Mitarbeiter der Deutschen Bahn, wenn ein Zug pünktlich ankommt? Warum wurde die Currywurst nicht vom Asiaten erfunden? Warum gerät der 1. FC Nürnberg immer dann in Abstiegsgefahr, wenn alle denken, dass es nur noch besser werden kann?

Die Kanzlerin verzichtet offenbar auf solche Gedanken. Sie tut, was sie zu tun hat: Sie gibt Antworten. Auf dem youtube-Kanal der Bundesregierung hat sie sich jetzt zu Fragen von Usern geäußert. Die wollten wissen, wie es sein kann, dass sich ausgerechnet Gut- und Großverdiener aus dem sozialen System der gesetzlichen Krankenkasse ausklinken dürfen. Oder warum die Bundestagsabgeordneten selbst über ihre Diäten bestimmen dürfen.

Ich finde das gerade sehr langweilig. Ich würde lieber wissen, warum Sekundenkleber überall klebt, bloß nicht in der Tube. Ich will auch wissen, warum am Ende meiner Supermarkt-Schlange immer die langsamste Kassiererin sitzt oder warum Ampeln immer dann auf Rot schalten, wenn ich darauf zufahre.

Gäbe es eine Partei, die sich endlich diesen existenziellen Fragen widmen würde – ich würde sie auf der Stelle wählen. Bis dahin lauschen wir eben unserer Frau Merkel…

http://www.youtube.com/user/bundesregierung?v=jstPfMyM5rw&feature=pyv&ad=8690663199&kw=bundesregierung