Die böse Krise lauert überall

Sie belagert uns, belastet uns, zerfrisst uns: Die Krise ist immer und überall. Nehmen wir einen ganz normalen, entspannten Abend. Eigentlich ein Termin zum Entspannen. Aber dann googeln wir “Krise”.

Wir erfahren vorneweg von der Allerneuesten, der Subway-Krise. Ein Anbieter von Fast-Food der australischen Art ist in Turbulenzen geraten, obwohl er Qualität hoch gehalten hat. Unmittelbar darauf folgt die Ukraine-Krise. Merkel und Hollande haben mit Wladimir Putin telefoniert. Man setzt also wieder auf Zuhören, wo man doch dank Abhören alles voneinander weiß.

Während Stuttgart, in diesem Fall der dortige Verein für Bewegungsspiele, in der Krise steckt, was sich ohne Einsatz journalistischen Sachverstands mit dem Nichtvorhandensein von Punkten erklärt, verweist ein Fachverlag für Gebrauchspsychologie darauf, dass Krisen “nicht nur negativ” sind. Richtig, denn jede Krise entdet irgendwann. Und sei es mit einem Abstieg.

Die Euro-Krise ist, anders als BSE, tatsächlich noch da. Sie wird aber zurzeit überlagert durch die Flüchtlingskrise, welche sich zusammenfassend in einer Flüchtlings-Krisen-Karte darstellen. Mit dabei ist, ansonsten wenig diskutiert, der Brenner.

Mit Blick auf die Griechenland-Krise mahnt ein Kommentator zum Verzicht auf Utopien. Dafür erklärt ein Börsenexperte die China-Krise für nicht vorhanden. Was diejenigen nicht trösten wird, die wegen dieses Nichts gerade Geld verloren haben. Ach so, auch “Gladbach” und Paderborn sind in einer Krise. Ob die als Gegenmittel gepriesene Yoga-Vidya-Anti-Krisen-Therapie in diesem Fall hilft, darf als fraglich gelten. Torhüter im Lotussitz sind leicht zu überwinden.

Der Berliner Frauenchor betrachtet die Sache menschlich und widmet ein ganzes Abendprogramm “Judiths Krise”. Der  Verlag Westfälisches Dampfboot macht Interessierten das Angebot, der krisenbezwingenden Regulationstheorie durch die Lektüre eines 399 Seiten starken Buches auf die Spur zu kommen.

Da freut es uns, dass das hessische Altenburschla und das thüringische Großburschla vor 25 Jahren durch den Abbau des Grenzzaunes die jahrzehntelange Ost-West-Krise überwunden haben. Allerdings: Heute mag in beiden Orten niemand mehr wohnen. Sie sind – jawohl – in der Krise. Böse, böse Welt.

 

Kommt, wir drucken das Internet

In welcher langen Partynacht ist diese Idee entstanden? Zwei englische Studenten aus Leicester haben ihren Forschergeist zusammengenommen und sich folgende Frage gestellt: Wie viel Kopierpapier bräuchte man, um das komplette Internet auszudrucken?

Gedanklich klingt das fatal nach der Sekretärin, die einen Brief vorsichtshalber kopiert, bevor sie ihn ins Faxgerät schiebt. Es hat keinen Sinn. Aber andererseits: Das Internet lebt. Nur virtuell zwar, aber oft mit schweren Folgen in der realen Welt. Also liegt Kontrolle nahe – und die funktioniert am besten mit Lochen und Heften. Dann weiß man Bescheid, auch wenn der Strom mal weg ist. Alsdenn.

Wollte man die NSA analog toppen, müssten nach den Erkenntnissen der beiden Studenten rund 4,5 Milliarden Webseiten vervielfältigt werden. Dies wären, bei vorsichtig kalkulierten 30 Seiten pro Webseite rund 136 Milliarden DIN-A-4-Blätter. Aufeinander gelegt wäre dieser Stapel 13.357 Kilometer hoch. -Das entspricht 9200 aufeinander gestellten VW Golf oder 5500 aufrecht gestapelten Fußball-Toren. Das ausgedruckte Internet wäre also viel zu groß für jede Bibliothek dieser Welt.

Andererseits wissen wir, dass weite Teile des Internets auf keine Kuhhaut passen. Es enthält nicht nur – je nach Bildformat – etliche Millionen Seiten an Pornofotos, sondern auch mehr unnützes Wissen als 500.000 Sendungen von “Wer wird Millionär?”. Insbesondere hier erfährt man superschnell, dass der westliche Mensch pro Dusche 62 Liter Wasser verbraucht, dass bei Seepferdchen die Männchen die Kinder austragen, dass Angela Merkel als Kind Eiskunstläuferin werden wollte und dass manche Ameisenarten tauchen können.

Ja, die Informationsflut in der virtuellen Welt ist gewaltig. Aber Angst haben wir nicht. Denn es gibt ja Google. Da schrumpft das Internet auf eine überschaubare Größe, so sehr es sich ansonsten galaxiengleich ausdehnt. Oder wann haben Sie zuletzt auf die zweite Suchmaschinen-Seite geschaut? Vielleicht versehentlich nach einer Party. Ansonsten aber nicht.

 

Landesverrat? Bürger sind keine fremde Macht

Freiheit und Demokratie lassen sich im Grundsatz von zwei Seiten beleuchten: Entweder man gewährt allen Menschen die volle Freiheit, was zwingend dazu führt, dass mancher seine Möglichkeiten auf Kosten anderer missbraucht. Das Böse ist das Drama der Freiheit. Oder man verknüpft Freiheit mit dem Begriff “wehrhafte Demokratie”. Was dazu führen kann, dass man das bekämpft, was man eigentlich beschützen möchte. Und dass man Staatsfeinde sieht, die gar keine sind.

So wirkt das bei der Affäre um das Internet-Blog netzpolitik.org. Dessen Macher haben im Februar dieses Jahres aufgedeckt, dass der Verfassungsschutz dank einer staatlichen Geldspritze daran arbeiten kann, massenhaft Internet-Inhalte zu erheben und auszuwerten, darunter Kontaktlisten und Beziehungsgeflechte bei Facebook. Ziel sei es, “bislang unbekannte Zusammenhänge” aufzuzeigen.

Die Blogger haben diese Tatsache aufgedeckt und publiziert. Sie haben damit Sand ins Getriebe der so genannten Staatsschützer gestreut, haben aufgeklärt und haben eine beginnende Ausspäh-Aktion zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht. Ganz im Sinne vieler Bürger. Kurzum: Sie haben getan, was Journalisten tun müssen.

Der Verfassungsschutz sieht das anders. Er wittert Verrat, genauer gesagt, Landesverrat. Was aber ist das? Paragraph 94 Strafgesetzbuch sagt dazu: “Landesverrat begeht, wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelmänner mitteilt oder sonst an einen Unbefugten gelangen lässt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik herbeiführt.”

Bestimmt ist es so, dass ein Generalbundesanwalt über Ermittlungen nachdenken muss, wenn ihn eine für die Staatssicherheit zuständige Bundesbehörde dazu auffordert. Aber hätte Harald Range, für den das millionenfache Ausspionieren von Bundesbürgern durch die US-Behörde NSA keine verfolgungswürdige Straftat darstellt, nicht sofort erkennen müssen, dass es im konkreten Fall keiner Ermittlungen bedarf? Jedenfalls dann nicht, wenn er an den hohen Wert der Pressefreiheit gedacht hätte. Oder betrachten Menschen, die sich wie er um Sicherheit kümmern, die Bürger als “Unbefugte” oder als “fremde Macht”?

Diese Affäre muss schnellstmöglich beendet werden. Wir wiederum sollten wach sein gegenüber jenen, die vorgeben, uns zu beschützen. Vielleicht halten wir es mit dem klugen Briten Oscar Wilde: “Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend der Menschen”, sagte er völlig zurecht. Wem das zu poetisch ist, erinnert sich einfach an diesen Graffiti-Spruch: “Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.”

In diesem Sinne: Danke netzpolitik.org!

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.

 

 

NSA, ZAPF MICH AN!

Zu einem gelingenden Dasein gehört es, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern  kann. Es hat keinen Sinn, das Unabänderliche zu bekämpfen. Besser man spielt damit. Wie mit der Daten-Sammelwut der US-Sicherheitsbehörde NSA.

Asterix und Obelix haben uns gelehrt, was zum Wesen großer Imperien gehört. Sie spinnen, zumindest manchmal. Bei den USA ist dies definitiv der Fall. Hat sich diese Nation doch vorgenommen, alles, aber auch wirklich alles zu wissen, was im Rest der Welt geredet, geschrieben, gefunkt, fotografiert und gesendet wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch irgendwann in tiefer Depression enden muss. Man wird in den USA feststellen, dass man ein irrsinniges Geld ausgegeben hat, um am Ende Eigentümer der größten Daten-Müllhalde aller Zeiten zu sein. Aus all dem Informationswust hilfreiches Wissen herauszufiltern, wird kaum noch möglich sein. Dass die NSA-Server in ein paar Jahren zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verursachen werden, bliebt als Ärgernis am Rande.

Es sei denn, es gelingt uns, den Amerikaner zu verklickern, wie lachhaft ihr wahnhaftes Datensammeln ist. Die Weltmacht holt sich ja oft nicht mehr Neuigkeiten, als sie aus der Zeitung oder bei einem Telefonat erfahren könnte. Unsere Politiker und Bosse sollten bei Anzapfverdacht nicht mehr zetern, sondern ihren Stolz bekunden, dass sie von der wunderbarsten aller Nationen als bedeutend wahrgenommen werden.

Sie und wir alle brauchen ein Bewusstsein, wie es  – besonders den unwichtigen – Promis eigen ist. Selbst bei sinnlosesten Verrichtungen werden sie von Paparazzis abgelichtet. Das nervt – aber es macht interessant. Und istinsofern gut für’s Geschäft.

Für die US-Daten-Halden sollte also gelten: Nur wer drin ist, zählt auch was. Und so verwandelt sich unser Wehklagen in eine klar Botschaft: LOS, NSA. ZAPF MICH AN!

Kommunikation 4.0: Die vorgehaltene Hand

Was ist bloß los? Sind die alle krank? Haben sie Mundgeruch? Immer häufiger sehen wir Menschen, die beim Reden die Lippen abschirmen. Die vorgehaltene Hand ist der große Trend der nicht-virtuellen Kommunikation. Das muss auch sein. Denn es wird zugeguckt und abgehört wie nie zuvor.

Unser aller Bundestrainer Jogi Löw kann davon ein Lied singen. Während des Spiels gegen Gibraltar wurde er beobachtet, wie er sich die Fingernägel feilte. Was ihm als übelste Arroganz ausgelegt wurde – während er es später mit einem abgebrochenen Nagel begründete. Noch mehr jedoch  interessiert, was er während einer Begegnung so sagt. Dies wiederum erforschen Lippenleser, die vor Monitoren sitzend nach Hinweisen auf taktische Finessen spähen. Um sie dann auf die eigene Ersatzbank oder via Twitter dem Rest der Welt zu melden. Löw etwa wurde nachgewiesen, dass er nach einer verpasssten Großchance “Verdammte Scheiße” geflucht hat. Das muss man wissen.

Was hilft? Richtig, die vorgehaltene Hand. Vor allem in den Stadien der erfolgreichsten Fußball-Ligen ist sie zum Kommunikations-Standard geworden. Die dortigen besonders wichtigen Persönlichkeiten tuscheln fast ausschließlich. Denn es könnte ja ein Spiel komplett verändern, es könnte Millionen kosten, wenn bekannt würde, dass der spanische Star-Trainer zum Star-Spieler sagt: “Ramos, hau mal den Messi um”. Oder es drohten  wochenlange Schlagzeilen über Team-Konflikte, wenn herauskäme, dass der Stürmer zum Mitspieler sagt: “Gib doch mal ab, du Depp.”

Nun sind sich Fußballer bewusst, dass sie genauestens beobachtet werden. Bei uns galt das bis vor einiger Zeit nur für frühere DDR-Bürger. Da war klar, dass bestimmte Themen nicht zu laut und schon gar nicht am Telefon besprochen werden sollten. Aber bei uns, im freien Westen? Hier gilt  inzwischen: Man darf zwar sagen, was man will, aber im Zweifelsfall bekommt es irgendeiner mit. Und wenn wir vor dem PC sitzen, sollte klar sein, dass die Kamera laufen könnte, während wir in der Nase bohren.

Heute ist es Luxus, Geheimnisse zu haben. Um die zu bewahren, trifft man sich am besten zum Tuscheln auf einer Lichtung im Wald, während das Handy daheim im datentechnisch abgeschirmten Kühlschrank liegt. Dann ist man sicher. Oder? Die Tücken der menschlichen Kommunikation hat der römische Kaiser Marc Aurel so beschrieben: “Manche Leute verstehen unter Verschwiegenheit, dass sie die ihnen anvertrauten Geheimnisse nur hinter vorgehaltener Hand weitererzählen.”

Fazit also: Nur die Gedanken sind frei. Noch.

 

Alles auf eine Karte? Nein, der freie Mensch zahlt bar

Die Botschaft ist klar: Es muss Schluss sein mit dem Geklimper. Es muss aufhören, dass die Suche nach ein paar Cents für Staus an der Supermarkt-Kasse sorgt. Bargeld hat ausgedient. Die Zukunft gehört dem E-Geld.

So stellt sich das Professor Peter Bofinger vor. Der so bezeichnete “Wirtschaftsweise” sieht im kompletten Umstellen auf Geldkarten aller Art ausschließlich Vorteile. Neben der gewonnen Zeit beim Einkaufen sieht er segensreiche Entwicklungen für die Gesellschaft kommen. Ohne Bargeld würden Schwarzarbeit und Drogenhandel die Basis entzogen.

Ich sehe vor allem folgendenVorteil: Die größere Haltbarkeit der durchschnittlichen Herrenhose. Wer keine Handtasche mit sich herumträgt, wie es bei Männern üblicherweise (noch) der Fall ist, steckt seine Geldbörse in die Gesäßtasche. Das wird immer problematischer. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Mitgliedskarten und andere Produkte aus viereckigem Plastik brauchen viel Platz. Sie werden auch immer mehr.

Gleichzeitig gibt es Bares. Und wer schon einmal einen U-Bahn-Einzelfahrschein mit einem 20-Euro-Schein gekauft hat, wird das zusätzliche Kleingeld kaum noch unterbringen können. Beim Sitzen auf dem taschenbuchdicken Geldbeutel drohen Haltungsschäden. Vor allem aber geht die Hose schneller kaputt.

Klarer Vorteil also für Plastik. Aber sonst? Zunächst darf man annehmen, dass sich die konkrete Erfahrung eines Wirtschaftsweisen mit Einkäufen im Supermarkt in Grenzen hält. Männer dieser Kategorie lassen besorgen. Zudem hat ein Professor seltener als andere Menschen mit Kleinstbeträgen zu tun. Eine Breze mit Kreditkarte kaufen? Für die breite Masse wirkt das zurecht absurd.

Bofingers Vorschlag ist zudem ein Anschlag auf die Rest-Barmherzigkeit in dieser Gesellschaft. Für Bettler hätte man ja nichts mehr übrig. Es sei denn, die Banken geben an ihre Kunden mehrere “Hast-Du-Mal-nen-Euro”-Karten aus. Oder die Sozialverwaltungen statten Obdachlose mit Kartenlese-Geräten aus.

Schließlich: Das Austrocknen illegaler Umtriebe durch Elektro-Cash hat eine üble Kehrseite, nämlich eine Rundum-Shopping-Überwachung. Es würden eine Unmenge von Daten über unseren Umgang mit Geld entstehen. Die monatliche Abrechnung würde uns in die Verzweiflung stürzen. Schließlich würden wir nachlesen, dass wir doch zu viele Kugeln Eis gegessen und zu viel Wein und Bier getrunken haben. Wir wüssten den Grund unseres Übergewichts – und unsere Gesundheitswächter bei der Krankenkasse würden selbstredend den Beitrag verbrauchskonform anpassen.

Was geht es den Staat oder überhaupt andere Leute an, was wir mit unserem Geld machen? Selbstverständlich nichts! Also ab in die Kneipe, ungesundes Essen und Getränke bestellt und mit Bargeld bezahlt. Man hat gesündigt und keiner wird je davon erfahren. Wenn sich für dieses schöne Gefühl ein bisschen Warten nicht lohnt – wofür denn dann?

 

 

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als “sehr gut” verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: “Sie haben sich tapfer geschlagen.”

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

Seien wir faul. Zeit verschwenden wir sowieso

Wer kennt nicht dieses Gefühl? Man hat von seinem Grundrecht auf Faulheit Gebrauch gemacht – und plagt sich nun mit seinem schlechten Gewissen herum. Hätte man nicht in der Zeit des Nichtstuns etwas tun müssen? Darf Stillstand sein? Gerne würde man aus vollem Herzen “Ja” sagen. Aber ein bisschen Magengrummeln bleibt eben doch.

Dabei kommt es oft noch schlimmer: Unser Dasein ist prallvoll mit erzwungenen Pausen. Das hat gerade der ADAC ermittelt. Nach seiner Darstellung gab es auf Deutschlands Autobahnen im vergangenen Jahr 475.00o Staus mit einer Gesamtlänge von 960.000 Kilometern. Dies sei, so der Automobilclub, ein neuer Rekord. Das Volk sei in Staus ziemlich gealtert. Die Autobahn-Stillstände hätten nämlich 285.000 Stunden gedauert. Dies seien umgerechnet mehr als 32 Jahre.

Zwar hat sich der ADAC zuletzt nicht durch ein seriöses Auswerten von Daten hervorgetan. Aber in diesem Fall glauben wir gerne, dass es immer schlimmer wird. Mehr Staus sind logisch in einer Zeit, in der schon die einfachsten Produkte im Onlinehandel bestellt und wieder zurückgeschickt werden. Irgendeiner muss die ganzen Sachen ja fahren.

Zwangspausen gehören dazu. Wenn wir davon ausgehen, dass der durchschnittliche Mensch etwa ein Fünftel seines Arbeitslebens mit dem Warten auf den Feierabend verbringt, gehen auf dem Weg bis zur Rente zirka sieben Jahre. Eltern pubertierender Mädchen vergeuden viel Lebenszeit damit, auf den Einlass ins Bad zu warten.

Aber tun wir nicht so, als würden wir mit unserer Zeit streng haushalten. So haben in den guten Zeiten von “Wetten, dass…?” zirka zehn Millionen Fernsehzuschauer pro Jahr rund 250 Millionen Stunden Lebenszeit vergeudet. Das sind 10,4 Millionen Tage und 28.520 Jahre. Und wenn wir an die Fußballfans denken, die dank Bezahlsender an sieben Tagen pro Woche im Schnitt um die drei Stunden ihres Lieblingssports sehen, wird uns endgültig schwummrig. Die öffentlich-rechtlich ausgestrahlten Spiele kommen schließlich noch dazu. Würden Männer diese Zeit zum Arbeiten verwenden, die Rente mit 42 wäre möglich.

Doch das ist nicht der Punkt. Vielmehr lernen wir gerade, dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen. Zeit verschwenden wir sowieso. Seien wir also faul – und fühlen wir uns richtig gut dabei. (Der Verfasser wechselt hiermit auf’s Sofa.)

 

Wir werden angefüttert – analog und digital

Es soll immer noch Leute geben, die an das Gute im Kapitalismus glauben. Die meinen, dass unsere versammelten Weltmarktführer und sonstigen Großunternehmen vor allem das Wohl der Menschen im Auge haben. Welch ein Irrtum!

Jüngster Beweis: Aldi hat die Preise für Pommes frites, Kroketten und Zucker dramatisch gesenkt. Der Discounter setzt damit einen Trend, dem sich, nach allem was wir wissen, die anderen Händler anschließen werden.

Ausgerechnet Pommes! Ausgerechnet Zucker! Diese Preissenkungen bedeuten doch nichts anderes, als dass die Lebensmittelhändler die Zeit des Abnehmens für beendet erklären. Man will uns anfüttern für die beginnende Vorweihnachtszeit. Wir sollen uns mit billigen Kohlehydraten zudröhnen, wir sollen Lust auf Süßes bekommen, sollen bereit sein für Kroketten, Nuss  und Mandelkern.

Derart auf Kalorienzufuhr konditioniert werden wir an Gewicht zulegen – um dann nach den Festtagen wieder in eine der zahllosen Diät-Programme einzusteigen.

Jede Wette: Aldi und Co. werden uns ab Februar mit stark verbilligten Sportklamotten überraschen. Vielleicht stellen sie selbst Fatburner in Dosen ins Regal. Oder sie bekommen Erfolgsprämien von Apotheken und halbseidenen Eiweiß-Versendern.

Womit wir bei Jaron Lanier wären. Der Web-Pionier und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels prangert die Auswüchse in der digitalen Welt an. Insbesondere kritisiert er, dass die großen Internetkonzerne schamlos Geld mit Daten verdienen, die ihnen eigentlich nicht gehören. Indem sie unsere Bedürfnisse ausforschen und dieses Wissen an Verkäufer aller Art weitergeben.

Ja, empören wir uns ruhig über die üblen Machenschaften der Googles und Facebooks. Denken wir aber auch daran: Verarsche funktioniert nicht nur über Algorithmen. Sondern auch über Essbares, das in Pappkartons in Blechregale gestellt ist.

Was bleibt, ist eine ewige Wahrheit. Die Händler dieser Welt, ob analog oder digital, wollen immer unser Bestes: unser Geld.