Die große Freiheit kann ungesund sein

Ist das nicht wunderbar? Unsere Arbeitsministerin Andrea Nahles schwingt die Fackel der Freiheit. Die Menschen sollen sich aus den Fesseln der geregelten Arbeit lösen können Das Leben in digitalen Zeiten wird schön sein.

Sollen wir das wirklich glauben? Zumindest fällt das schwer, wenn man einen Ursprung der Initiative der SPD-Ministerin kennt. Nämlich ein Positionspapier des Bundesverbandes der Arbeitgeber. Darin wird mit Blick auf die Digitalisierung und die Zukunftschancen der deutschen Wirtschaft das Hohelied der Deregulierung gesungen. Acht-Stunden-Tag? Muss weg. Fünf-Tage-Woche? Ist von vorgestern. Denn merke: Schutzgesetze stören bei der bedarfsgerechten Ausbeutung des Humankapitals.

Also lädt man die Menschen zum Mitmachen ein. Und das gefällt den 30-Jährigen, die ihr Büro als Smartphone oder Tablet mit sich herumtragen. Arbeiten wo man will, wan man will, so oft man will – bis das aktuelle Projekt fertig ist.

Bloß: Nur wenige merken, dass clevere Arbeitgeber nur darauf warten, dass sich das flexible Arbeiten eingespielt hat. Dann werden Zielvorgaben Stüclchen für Stückchen weiter nach oben gesetzt. Was den jungen digitalen Helden der Arbeit erst dann bewusst wird, wenn sie mit 45 zum Burnout-Patienten geworden sind. Ob sie danach noch dabei sind, ist fraglich. Kranke oder Leistungsschwache sind in der Cloud nicht gerne gesehen.

Aber Flexibilität hilft uns doch, unser Leben zu organisieren. Sicher, und wer Freiheit geschickt nutzt, wird damit glücklich werden. Wer aber sicher ist, dass abhängig Beschäftigte ihren Chefs ganz selbstbewusst regelmäßig einen Korb geben werden, ist sehr optimistisch. Wahrscheinlicher ist: Wenn die Fackel der Freiheit richtig brennt, wird sie unter unseren Bürostuhl gestellt. Und das bringt uns – jede Garantie – so richtig auf Trab.

 

 

 

 

Fakten zählen? Nix da, das ist vorbei!

Postfaktisch. Das also ist der große Trend der Zeit. Jedenfalls hat der für seine richtungsweisenden Sprachbetrachtungen berühmte Verlag Oxford Dictionaries dieses Adjektiv zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Weil immer Menschen auf Tatsachen pfeifen und stattdessen an etwas glauben, was ihnen besser ins eigene Weltbild passt. Wie man es aus dem Online-Handel kennt: Diese Meinung könnte Ihnen auch gefallen.

Verstehen kann man die Menschen. Die Wahrheit ist oft sehr vielschichtig und entsprechend lästig. Einfache Lösungen, wie man sie in Film und Fernsehen erlebt, also etwa Rettung vor Außerirdischen in knapp zwei Stunden, gibt es im realen Leben nicht. Das schürt Zorn auf jene, die man gewählt hat, damit sie Probleme schmerzfrei beseitigen. Und wertet jene Menschen auf, die einfache Lösungen anbieten.

Dann ist es egal, ob ein Donald Trump lügt, wenn er sich als Immobilienhai zum Anwalt der kleinen Leute macht und im Vorbeigehen das völlig absurde Versprechen von 25 Millionen neuen Jobs. Es juckt nicht, wenn sich nationale Alleingänge wie beim Brexit fatal auswirken können. Manche glauben sogar daran, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat gar nicht existiert. Man hat es ja „im Internet“ gelesen.

Nun soll allerdings niemand behaupten, dass unsere Politik immer nur „faktisch“ sei. Wenn die FDP behauptet, dass private Finanzkonzerne die Altersversorgung managen können, ist das genauso daneben, wie wenn jemand „Die Rente ist sicher“ plakatiert. Mancher fabuliert, dass man Probleme mit der Zuwanderung endgültig dadurch regeln könne, dass man eine Obergrenze festsetzt oder indem man einen Staatschef mit diktatorischen Zügen hofiert. Andere wollen mehr Steuergelder von Reichen, ohne Reichtum zu definieren. Und, und, und…

Man sieht: Fakten sind nicht alles. Die Gedanken sind frei. Und ja, man darf auch träumen. Aber: Muss es dann wirklich so oft, albtraumhafter Mist sein?

 

Was begehrt das Volk? Eine Kartoffel namens Fritz

Was bewegt das Volk? Was ist sein Begehr? Herausfinden lässt sich das zum Beispiel auf der Petitions-Seite des Deutschen Bundestages. Alsdenn, schauen wir, was dort gerade angesagt ist. Und welche großen Themen demnächst kommen.

Auf der Liste der 50 aktuellsten Petitionen führt mit 2237 Unterschriften ein Aufruf zum „Bundesteilhabegesetz“. Sein Ziel klingt sympathisch und zeitgemäß. Behinderten soll ausdrücklich eine unabhängige Lebensführung gewährt werden. Knapp dahinter folgt ein Thema, das es noch nicht auf die Titelseiten geschafft hat: Es geht um das Luftfahrthandbuch AIP ACI VFR 04/16 und um die Rücknahme der darin enthaltenen Beschränkungen für den Kunstflug mit Motorflugzeugen. 1918 Unterzeichner hat diese Initiative, mehr Kunstflieger dürfte es kaum geben.

Respektabel ist die Resonanz auf Petitionen, mit denen ein umfassender Schutz für stillende Mütter, die Einrichtung regionaler Lärm-Umweltzonen und höhere Zuschüsse für den Schulbedarf von Kindern aus finanzschwachen Familien gefordert werden. Dagegen floppt die Forderung, den Führerscheinerwerb auch auf Bulgarisch zu ermöglichen. Sie hat nur sechs Unterstützer.

Leider gescheitert ist auch Petition Nummer 66662. Nur 108 statt der erforderlichen 50.000 Unterzeichner hat sie gefunden. Und das, obwohl es hier um zwei aktuelle Mega-Themen ging: Gesunde Ernährung und Geschlechter-Gerechtigkeit. Demnach sollte der Deutsche Bundestag beschließen, „dass es ab sofort ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen als auch weiblichen Kartoffelnamen bei der Sortenbestimmung gibt.“

Der Initiator der Petition verweist darauf, dass Geschlechter-Ungleichheiten in etlichen Bereichen der Gesellschaft konsequent beseitigt worden seien. Hinsichtlich der Kartoffeln habe dieses Bemühen bislang völlig gefehlt. Und tatsächlich: Unsere Erdäpfel tragen fast durchwegs weibliche Namen. Sie heißen Bellinda, Ditta, Elvira, Selma oder Linda. Ganz egal, ob sie mehlig oder festkochend sind.

Männer kommen im Kartoffel-Universum nur mit unpersönlichen Bezeichnungen wie Blauer Schwede oder Innovator vor. Dabei sind Herren schon frisurentechnisch dem Erdapfel näher als die Damen. Sigmar, Winfried oder Horst wären politisch korrekt. Man könnte aber auch, wie der Erfinder von Petition 66662 meinte, verdiente Streiter für gutes Essen als Namensgeber hernehmen. Etwa den jüngst verstorbenen Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck oder bekannte Köche wie Tim Mälzer und Alexander Herrmann. Oder man beschließe die Sorte „Usain B.“. Schließlich gibt der galaktische Sprinter Erdäpfel als sein legales Dopingmittel an.

Nette Idee. Wir jedoch sehen es anders: Das erste Knollen-Patronat gebührt selbstverständlich jenem Mann, der die Kartoffel durch seinen staatlichen Anbaubefehl von 1756 in unseren Breiten so richtig vorangebracht hat: Preußenkönig Friedrich der Große. Starten wir also mit der Sorte „Alter Fritz“. Das Volk wird sich danach verzehren.

Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…

 

 

 

Das Ladekabel, unsere Nabelschnur zur Welt

Die Biologie hat vorgesehen, dass wir uns mit der Geburt von unserer Mutter abnabeln. Wir werden hineingeworfen in ein Leben, in dem wir fortan zusehen müssen, dass wir das Beste daraus machen. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Es gibt eine für unser Überleben notwendige Schnur:  das Ladekabel.

Es hat Zeiten gegeben, in denen uns Steckdosen egal waren. Sie waren da, wurden in unserer rebellischen Jutetaschen-Phase aber als hässliches Symbol für die Macht der Atomkonzerne angesehen. Ob unser Ausflugsziel, das alte Landgasthaus im Wald, über Stromanschluss verfügt hat, hat uns nicht interessiert. Hauptsache, die Bratwürste waren knusprig und das Bier hat geschäumt.

Wer heute ein Wirtshaus betritt, scannt zunächst den Raum, blickt um sich und schaut unter die Tische. Gilt es doch, jenen Platz zu finden, der einer Steckdose am nächsten ist. Wir brauchen den Strom, da wir auf alle Fragen, die sich am Biertisch ergeben, schnellstmöglich die richtigen Antworten liefern wollen. Wenn wir uns während eines Einkaufsbummels vom Barista einen kunstvoll sahnegekrönten Cappucino zubereiten lassen, tun wir das vielleicht nur, weil wir unser Smartphone nachladen wollen. Schließlich müssen wir checken, ob es das karierte Kaufhaus-Hemd beim Onlineversand nicht doch günstiger gibt.

Das Ladekabel ist also segensreich. Es verbindet uns mit anderen, gibt unserer Kommunikation Sinn und Verstand und legt Wucherern im Einzelhandel das Handwerk.

Aber das Ladekabel kann auch ein Fluch sein. Wenn wir es verlegt oder irgendwo vergessen haben, ist der Stress riesengroß. Wir hadern mit der Welt, die nicht mehr mit uns sein will. Das macht uns zornig.

Zwei Prozesse vor dem Nürnberger Landgericht haben dies in den letzten Wochen bewiesen. In beiden Fällen hatten Menschen eine Nacht lang miteinander gesoffen. Am nächsten Tag stellten die jeweiligen Gäste fest, dass sie ihre Ladekabel vergessen hatten. Sie kehrten zurück zum Ort der Partys und erkannten, inzwischen im nüchternen Zustand, dass die trinkfesten Kumpels der letzten Nacht in Wirklichkeit Deppen sind, die eine Abreibung verdient haben Es kam zu eigentlich grundlosen Tätlichkeiten, ein Beteiligter wurde fast totgeprügelt.

Was lernen wir daraus? Moderne Menschen brauchen ihr Ladekabel. Aber manchmal sollten wir darauf verzichten. Die Welt dreht sich auch ohne unsere Nabelschnur – und manchmal ist das sehr schön so. Ein Picknick am See könnte ein guter Versuch sein…

Im Atem steckt Begeisterung

Schön und pur ist die hohe Wissenschaft immer dann, wenn sie sich daran macht, scheinbar zweckfrei die letzten Geheimnisse unseres Daseins zu entschlüsseln. Genau so, wie dies gerade Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universi­tät in Mainz tun: Sie behaupten, an der Zusammensetzung der Abluft von Kinos feststellen zu können, wie das Publikum einen Film findet.

Zunächst fragt man sich: Was soll das, woran erinnert uns das? Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, sollte man am besten Wissenschaftler sein. Dann weiß man, dass das Forschen auch dann Sinn hat, wenn es ohne Ziel geschieht. Es gibt viele Erfindungen, deren Nutzen sich erst dann gezeigt hat, als sie bereits gemacht waren. Teflon wurde für die Raumfahrt erforscht. In den daraus gemachten Pfannen brutzeln heute die schönsten Schnitzel dieser Welt.

Teil zwei der Frage führt uns direkt zu einer inzwischen weithin vergessenen Fernsehshow: Willkommen bei „Wetten, dass…?“.  Wir denken an zahllose abstruse Prüfungen.  Emotionsnachweis via Abluft ist kaum anders als das Erkennen von Buntstift-Farben am Geschmack.

Unsere Kino-Forscher jedenfalls betrachten die mit Hilfe eines Massenspektrometers gemessenen Werte als eindeutig. Man könne sicher darauf schließen, ob Komik, Dialog oder Kampf gezeigt wurden. Besonders klar sei, so die Mundgeruchs-Analytiker, die chemische Signatur der „Tribute von Panem“ gewesen. Menschen atmeten mehr als 800 chemische Verbindungen in winzigen Mengen aus. Diese könnten sichtbar gemacht wer­den. Der­zeit werden die Daten von „Star Wars“ ausgewertet.

Die Werbeindustrie nimmt diese Chance, die Menschen auszuforschen, gewiss dankbar entgegen. Wir fragen allerdings, wie es zu werten ist, wenn Zuschauer aus Langeweile wegdösen. Etwa während eines Beitrages aus der Reihe „Bayern München kämpft um die Deutsche Meisterschaft.“

Und uns fehlt Klarheit hinsichtlich der Frage, ob die Art der Gastronomie an den Zugängen zum Kino Einfluss auf die Abluft-Analyse hat. Vielleicht war es kein Vampir-Film. Es war der Döner-Stand.

Ein Piepmatz stiehlt die Langeweile

Wie öde und beruhigend zugleich war es doch damals. Man stand auf Bahnsteig 9, wartete auf den Zug – und guckte in die Luft. Der moderne Mensch kennt diese gepflegte Langeweile nicht mehr. Er beugt sich nach vorne, schaut auf sein Smartphone, grinst, schüttelt den Kopf oder tippt etwas. Schuld ist Larry, ein nach dem Basketballer Larry Bird benannter kleiner Vogel auf blauem Grund.

Seit dem 21. März 2006, also seit genau zehn Jahren gibt es den Kurznachrichtendienst Twitter. Er ist schon deshalb ein Phänomen, weil man gemeinhin davon ausgeht, dass es wirtschaftlicher Stärke bedarf, damit ein Unternehmen die Welt verändern kann. Die Zwitscher-Firma indes ist notorisch in den roten Zahlen. 2013 wurde bei einem Umsatz von 665 Millionen Dollar ein Verlust von 645 Millionen Dollar „erwirtschaftet“. Freude macht sie ihren Aktionären nur dann, wenn sie wieder mal gerüchteweise aufgekauft wird.

Trotzdem hat Twitter unser Leben verändert. Auch weil es die meisten interessanten Leute tun. Obama twittert, der Papst, Lukas Podolski und Markus Söder.  Wobei sich der wahre Erfolg an der Zahl der Follower bemisst, also an jenen Menschen, die keine Ereignis im Leben ihres Idols verpassen wollen. Königin der Welt in diesem Sinne ist eine notorisch fröhliche US-Sängerin namens Kate Perry. Ihr folgen 84 Millionen Menschen, ihr Kollege Justin Bieber ist von 76 Millionen abonniert. Die deutsche Twitterkönigin ist Heidi Klum. Sie hat 3,5 Millionen Follower, Ilse Aigner bloß 1500.

Womit sich zeigt, dass die Wege der Popularität seltsam sein können. So wie die Wege von Twitter selbst. Es gibt gelogene Tweets, Hasserfülltes und ganz gar Blödes. Aber: Man lernt virtuell viele nette und kluge Leute kennen. Manche trifft man zum Twabendessen, andere zum #Tatort-Gucken, wieder andere zu einer Revolution.

Und die Langeweile und die Faulheit? Sind die wirklich ganz und gar weggezwitschert? Ganz sicher nicht. Denn 44 Prozent der 320 Millionen Twitter-Nutzer haben noch nie einen Tweet geschrieben. Worauf der Volksmund zwitschert: Faulheit ist der Schlüssel zur Armut.

Twitter lebt von Tweets, weshalb dieser Beitrag mit einem Solchen endet: Wenn alles immer so bleibt, wie es immer war, wird nichts so sein, wie es eigentlich auch sein könnte. #HimmelHerrgottjetztzwitschertdochmal

Das große Glück ist Däne

Jeg er lykkelig.  Ég er ánægður. Auf unser Sprachzentrum im Gehirn wirken diese Sätze äußerst schwierig. Jedenfalls können wir uns nicht vorstellen, dass jemand, der so lesen und reden muss, vergnügt durchs Leben läuft. Und doch: So sagt man „Ich bin glücklich“ in Dänemark und Island, in zwei der drei Länder mit den zufriedensten Menschen. Richtig gut geht es auch den Schweizern.

Der an der Columbia Universität in New York erstellte so genannte „Weltglücksbericht“ sieht die Dänen auf dem ersten Platz. Vielleicht ist es gar nicht so erstaunlich, dass dieses Land von US-Forschern  wahrgenommen wird. Ist es doch – zumindest im Kern – genauso groß wie der Bundesstaat West Virginia. Welcher von einem deutschstämmigen Folksänger bekanntlich als „dem Himmel nahe“ gerühmt wurde.

Das dänische Volk hat eine ausgesprochen witzige Königin, lebt ganz überwiegend in Städten und gilt als lässig und tolerant. Das Wetter ist angenehm. Es regnet selten. Andererseits gehören zum Staatsgebiet die Faröer Inseln. Dort leben mehr Schafe als Menschen, wobei Letztere zu mitunter erstaunlichen Erfolgen im Fußball fähig sind. Wenn man das menschenleere Grönland dazunimmt, wächst Dänemark auf die Größe von Saudi-Arabien, kauft aber dennoch nur wenige Panzer.

Die Schweizer sind auf dem zweiten Glücks-Platz gelandet. Sie profitieren gewiss von einer Sprache, die nicht zum Dramatisieren neigt. Die Wüstlinge der Silvesternacht von Köln etwa würden im Schwyzerdütsch als „Glüschtälä“ bezeichnet. Anstrengende Arbeit wiederum heißt „Chrampf“, was sehr nach unserem Krampf klingt. Die Schweizer haben zudem glückliche Kühe und mit der Fifa den weltweit erfolgreichsten Unterhaltungskonzern.

Auf die Isländer sind ein cooles Volk. Während Vulkan-Ausbrüche in anderen Teilen der Welt für Panik sorgen, setzen sie sich hin, schauen zu und warten bis der Radau vorbei ist. Selbst Elfen und Trolle gelten als erfolgreich integriert.

Was aber ist mit Deutschland? Wir haben gemäß der Studie einen erfreulichen Sprung von Platz 26 auf Rang 16 gemacht, können also mit Puerto Rico und Brasilien mithalten. Aber Vorsicht: In den Erhebungszeitraum fallen der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft und die Einführung des Mindestlohns. Ob sich der Siegeszug der AfD ähnlich günstig auswirken wird, ist doch sehr, sehr ungewiss.

 

 

Hund und Katze, macht euch schlank

Tiere sind auch nur Menschen. Bloß netter und treuer. Diese Erkenntnis verfestigt sich in unserer alternden Wohlstandsgesellschaft zusehends. Und somit ist klar, dass der Diät in der Fastenzeit auch unsere schnurrenden und hechelnden Freunde erfasst: Eine britische Tier­schutzorganisation will übergewich­tigen Haustieren mit einem Schlank­heitswettbewerb helfen.

Was wir beim Menschen via Privatfernsehen als „Biggest Loser“ kennen, bietet die britische Tierschutzorganisation People’s Dispensary for Sick Animals („Volksapotheke für kranke Tiere“) in abgeänderter Form als „Pet Fit Club“ an. Besitzer dicker Tiere können Vorher-nachher-Fotos einrei­chen, die ein erfolgreiches Abspecken dokumentieren.

Wir dürfen teilhaben an famosen Erfolgsgeschichten. Mastiff-Hündin Kayla ist mit 61 Kilogramm in den Wettbewerb gestartet und hat 17 Kilogramm oder 29 Prozent Lebendgewicht verloren. Bulldog-Dame Daisy beißt sich dank minus 27 Prozent Speck wieder vergnügt durchs Hundeleben. Auch Katze Amber aus dem schottischen Edinburgh sieht trotz ihrer zwölf Lebensjahre wieder gut aus. Sie ist 17 Prozent leichter als zuvor.

Was leider nicht überliefert ist: Hatte die Futter- und Bewegungs-Disziplin der Tiere auch einen Diät-Effekt für Herrchen und Frauchen? Zu vermuten ist das. Schließlich liegt nahe, dass Menschen mit Essstörungen, insbesondere solche, die sich selbst gerne mit Süßem belohnen, dies auch bei ihren besten Freunden tun. Eine Katze, die aufgrund einer bewussten Entscheidung weniger frisst, ist etwas Unwahrscheinliches.

Jedenfalls ist dieses Tier-zu-Mensch-Geschäft ausbaufähig. So dürfte es der Firma Apple leicht fallen, ihre Smart Watches auf Pfoten-Uhren umzuarbeiten, welche bei Hunden Lauf-, Bell- und Schwanzwedelhäufigkeit messen und mittels klug programmierter Algorithmen in Beziehung zur Bewegungsfreude der kontinentalen Gesamt-Hundepopulation setzen.

Schnell werden die Vierbeiner auch lernen, angesichts faul dösender Besitzer auf’s Laufband zu gehen. Maulkörbe mit hochauflösenden Displays werden Gassi-Landschaften aus 123 Ländern vor das Hundeauge projezieren. Wahlweise können die Nachrichten auf „Schnauzbuch“ winselnd oder knurrend beantwortet werden. Und folgerichtig wird es alsbald um die Liebe gehen: Der Slogan „Alle 11 Minuten bellt eine läufige Hündin auf Petship“ wird zum Allgemeingut.

Haustiere werden die besseren Menschen sein. Wobei sie sich auch leichter tun. Denn eines können die lieben Vierbeiner nicht: Den Kühlschrank öffnen, wenn ihnen danach ist. Und das bleibt auch so. Also Ihr Lieben, macht euch schlank. Wuff, wuff, miau!

 

 

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.