Archiv der Kategorie ‘Standard’

Mai 25th, 2013

Kauflust ist nur die pure Verzweiflung

Die Zeiten für die Märkte sind schwer. Aber es gibt, so heißt es neuerdings, sehr viel Hoffnung. Denn die Konsumenten machen den ganzen Pessismus angeblich nicht mit. Die Kauflaune der Deutschen, behaupten die einschlägigen Forscher, sei überragend gut. Es gebe keine Rezession, weil das Geld herausgehauen werde. Und zwar mit Herzenslust. Ach Leute, was für ein unglaublicher Quatsch! Gekauft wird doch vor allem aus Verzweiflung.

Ich habe gerade Post bekommen. Von meiner Genossenschaftsbank, die ich eigentlich wirklich schätze. Beigelegt war ein Prospekt, mit dem mir “Starke Zinsen” versprochen werden. Zu erreichen durch einen famosen neuen Sparbrief. Daneben stand ganz groß die Zahl “1,5″. Wie bitte, Einskommafünf?

Wenn das starke Zinsen sein sollen, dann bedeutet das, dass es heutzutage spezieller Bankprodukte bedarf, um die schleichende Enteignung durch die Inflation zumindest einzudämmen. Das Sparbuch hingegen unterscheidet sich vom Sparstrumpf nur noch dann, wenn die eigene Bank keine Gebühren verlangt. Eigentlich ist es aber egal, ob man Geld im Tresor oder unter dem Kopfkissen ablegt. Es ist so oder so totes Kapital, viel öder als ein neues Sofa.

Also ziehen wir die Scheckkarte und helfen den Konjunktur-Gesundbetern. Oder ist das alles nur ein Irrtum?

So hat das Nürn­berger Marktforschungsunterneh­men GfK beobachtet, dass sein “Konsumbarometer” im Mai auf den höchs­ten Stand seit fast sechs Jahren gestiegen sei. Kein Wunder. Dieses Barometer hängt wahrscheinlich vor dem Fenster des für Kaffeesatzleserei zuständigen Abteilungsleiter. Es ist so geeicht, dass es kräftig nach oben ausschlägt, sobald das Wetter weihnachtlich wird. Und was haben wir? Einen klimatischen Bockmist, der uns davon abhält, in Freibädern herumzuliegen oder im Biergarten herumzusitzen. Wir bekämpfen unsere Nachtfrost-Depression, indem wir uns wenigstens was Schönes gönnen. Jacken und Smartphones sind aber teurer als die Currywurst am Stausee.

Somit haben wir gelernt: Der Umsatz passt – aber von Lust keine Spur. Stattdessen Verzweiflung, wohin das Auge blickt. Gegen die Inflation hilft uns wahrscheinlich nichts. Ansonsten flehen wir mit lauter Stimme: “Verzeih’ uns endlich! Kachelmann hilf!”

April 30th, 2013

Brigitte und die “Teutsche Frau”

“Sie trägt ihr glattes Haar nach hinten gekämmt, die Wangenknochen sind mit Rouge betont, die Fingernägel braun lackiert. Das Sommerkleid hat sie mit olivgrünen Gummistiefeln kombiniert. Wir sehen die Angeklagte und fragen uns: Sieht so eine Mörderin aus? Alle im Gerichtssaal sind verstört über diese Frau. Hat sie deshalb so viel Böses getan, weil ihr Schrei nach Liebe nie gehört wurde?”

So könnte sie zu lesen sein, die Berichterstattung vom Prozess gegen die Nazi-Braut Beate Zschäpe. Denn unter den Medien, denen das Los einen Platz im NSU-Prozess beschert hat, ist die Frauenzeitschrift “Brigitte”. Klar, auch dieses Blatt bringt gute Texte, aber Mord und Terror ist dort nicht gerade nahe liegend. Wir sind also gespannt, wie das Geschehen verarbeitet wird. Wir rechnen mit psychologischem Tiefgang und mit einem Sonderheft, in dem das Thema “Frauen, Vorurteile und Gewalt” von verschiedenen Seiten beleuchtet werden wird.

Es hätte schlimmer kommen können. Nehmen wir bloß einmal an, dass das Los auf das Magazin “Die Teutsche Frau” gefallen wäre. Diese böte uns eine wunderbare Liebesgeschichte mit dem Titel “Die Glatze in meinem Bett”. Mit dem Psychotest “Finden mich Nazis sexy?”. Mit Kochrezepten zum Thema “Deutsches Essen für jede Gelegenheit”, mit der verzweifelten Schilderung einer Bulimiekranken “Wenn ich Weißkraut sehe, muss ich kotzen” und mit dem Diätplan “Rank und schlank mit Königsberger Klopsen”. Zur Abrundung gibt es die Tiergeschichte “Der Hunde-Führer: Bei mir macht Dackel Adolf Männchen”, die Fotostrecke “Stil-Ikone Eva Braun” und die Reisereportage “In Uniform auf dem Reichsparteitagsgelände”.

Dieser Kelch geht an uns vorüber. Gottseidank. Vielfältiger Ärger aber bleibt. Auch deshalb, weil man sich fragt, warum ausgerechnet die Bild-Zeitung Glück haben musste. Und nicht Zeit, Süddeutsche oder taz. Wie das bloß wieder geklappt hat. Zufall? Echt?

Wirklich glauben mögen wir das nicht. Also bitten wir: Das Oberlandesgericht möge gnädig sein und eine Simultan-Übertragung des Prozesses in einen Extra-Raum zulassen. Nur dann wird der Ärger vorbei sein. Dann ist uns sogar die Landlust willkommen.

April 12th, 2013

Der Porsche als Glatzentröster

Er hat ein Ziel: Gib mich den Porsche!

Er hat ein Ziel: Gib mich den Porsche!

Ich bin geschockt. Eine Welt ist eingestürzt. Noch vor kurzer Zeit war Borussia Dortmund für mich der ehrlichste, erdigste, kernigste Verein der Fußball-Bundesliga. Nach Nürnberg und Schalke. Und nun dies: BVB-Trainer Jürgen Klopp hat sich per Eigenhaarverpflanzung aufhübschen lassen.

Vor, sagen wir, drei Jahrzehnten wäre das undenkbar gewesen. Männer mittleren Alters haben unter ihrem Haarverlust gelitten. Aber sie hatten gelernt, ihn zu ertragen. Vielleicht, weil sie in ihrer Jugend eine haarextreme Phase hinter sich hatten. Und weil bekannt war, dass Haarwasser dieser Zeit außer Gestank wenig bewirkt hat. Birken-Extrat machte ähnlich einsam wie sonst nur Mundgeruch. Zahnpasta half der Kopfhaut noch nie. Es gab kein Entrinnen.

Und der Kerl, erst recht der Verantwortliche für echten Männersport, hat sein heimliches Leiden irgendwann beendet. Geheimratsecken und Glatze waren eben da.

Aber heute? In einer Zeit, in der alles immer gegen Geld verfügbar ist und wo jede Alterserscheinung korrigiert werden kann, wird gegen die Wahrheit gearbeitet, wird kompensiert. Da fehlen einem Arien Robben die Haare für eine Eigentransplantation. Er holt sich die Jugend zurück, indem er Trikots in Kindergrößen trägt und wie damals bei Mami noch bei sechs Grad plus in roten Strumpfhosen spielt. Aber das ist Schicki-Micki-München.

Und wenn dieser Cristiano Ronaldo aussieht, als wäre sein Ermüdungsbecken ausschließlich mit warmer Eselsmilch gefüllt, dann ist das eben Luxus-Real Madrid. Die Mannschaft, in der der “Sechser” Khedira mit einem Germany’s Next Top Model um die Häuser zieht.

Aber Dortmund? Revier, Kohlenstaub, Arbeitslosigkeit, kürzlich eine ganze Zeitung zugesperrt. Da zählt Ehrlichkeit. Will dieser Jürgen Klopp am Ende so werden wie Silvio Berlusconi? Ein alter Mann mit faltenfreiem Wachspuppengesicht, dessen Frisur so aussieht, als wäre sie festgetackert und an jedem Morgen von zwei minderjährigen Sklavinnen zurechtgebügelt? Nein, das kann, das darf nicht sein.

Fragt sich bloß, was dieser Mann bei all seinen Erfolgen kompensieren muss. Für mich liegt das auf der Hand. Er leidet darunter, dass er immer noch Werbung für Opel machen muss.Ich fordere: Gebt dem wilden Jürgen einen Werbevertrag bei Porsche. Die Rallyestreifen gibt’s als Haarteile obendrauf. Dann wird alles gut. Und ehrlich.

April 9th, 2013

Unruhen? Wundern muss sich niemand

Revolution, Umsturz, Chaos: Böse Worte machen zurzeit in Europa die Runde. Vor allem in den südlichen Ländern der Eurozone steige die Gefahr von Unruhen, heißt es. Tja, warum eigentlich nicht?

Schließlich zeigt sich, dass für die Zukunft Europas ein wichtiges “Geschäftsmodell” fehlt. Nämlich für die Frage, wie die junge Generation sinnvoll beschäftigt werden kann. In Frankreich ist jede(r) Vierte zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos. In Italien jede(r) Dritte, in Spanien und Griechenland inzwischen mehr als jede(r) Zweite. “Null Bock” war im letzten Jahrtausend die Chiffre für eine Generation, die keine Lust hatte, die Zukunft nach Art ihrer Eltern und Großeltern zu gestalten. Heute steht dieser Begriff für das verkorkste Verhältnis von Staaten und Wirtschaft gegenüber jungen Leuten.

Warum eigentlich sollten die Betroffenen die derzeitige Lage akzeptieren? Warum sollten sich Menschen mit Hochschulabschluss damit abfinden, dass sie auf Arbeitssuche in ein anderes Land gehen, um dort eine lustige Pappmütze aufzusetzen und Hamburger in die Mikrowelle zu schieben? Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass man für die freie Stelle an einer Discounter-Kasse 800 Mitbewerber(innen) hat? Kann es wirklich trösten, dass zumindest das Wetter gut ist, wenn man sich bei Billigwein aus der Zwei-Liter-Flasche mit Freunden auf dem Marktplatz trifft? Weil das Geld für höherwertiges Vergnügen fehlt? Und wie ist das Wohngefühl eines Menschen, der mit 40 ein Jugendzimmer voller Spanplattenmöbel sein kleines Reich nennen darf?

In Deutschland ist die Jugendarbeitslosigkeit relativ gering. Aber auch hier ist eine “Generation Altersarmut” auf dem Weg. Eine schleichende Enteignung durch Mini-Lohnabschlüsse und winzige Habenzinsen finden seit Jahren statt.

Dafür sind die Banken und das ihnen anvertraute Kapital – bei uns wie anderswo – immer noch der überragende Maßstab. Aber: Für wen wollen diese Geldinstitute in Zukunft arbeiten? Erwarten sie 20 Prozent Umsatzrendite dank des Ersparten aus leeren Taschen?

Es wäre gut, wenn die Wirtschaft begriffe, dass sie sich selbst schadet, wenn sie die Jugend ignoriert. Und die Politik? Sie ist zum Wandel fähig. Aber erst dann, wenn akut der Machtverlust droht. Nun denn…

April 5th, 2013

Der Tod lauert in der Badewanne

Liegt es am tristen Wetter? Gerade war wieder so ein Tag mit bösen Nachrichten. Reihum wurde uns klar gemacht, dass uns, was immer wir auch tun, der Tod belauert. Weil er uns früher holen will, als wir das selber möchten. Weil wir ihm helfen, indem wir doof sind. Oder weil uns andere Böses tun.

Meldung Nummer. 1: Laut einer wissenschaftlichen Studie blasen deutsche Kohlekraftwerke irre Mengen Feinstaub und zu viele giftige Gase in die Luft. Es gebe den “Tod aus dem Schlot”. 3100 Menschen pro Jahr müssten wegen dieser Kraftwerke vorzeitig sterben.

Es ist gut, dass eine Umweltorganisation wie Greenpeace auf Gefahren aufmerksam macht. Das führt im besten Fall dazu, dass Anlagen getestet, nachgerüstet oder abgeschaltet werden. Wenn man sich aber die gesamte Palette der Umwelt und Lebensmittelskandale hinzudenkt, stellt sich schon die Frage, wieso wir hier auf Erden überhaupt noch die Umwelt verschmutzen können. Und wie es sein kann, dass diese Gesellschaft immer älter wird. 80 Jahre ist das Durchschnittsalter beim Sterben. Viel mehr Senioren als früher sind unverschämt gut drauf. Es gab Zeiten, da saß Opa mit 70 erschöpft in seinem Lehnstuhl. Heute sitzt er auf dem Rennrad oder belästigt jüngere Menschen mit seiner Fröhlichkeit.

Meldung Nummer 2: Drogen gefährden Ihre Gesundheit. Da mahnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren, dass die Deutschen jedes Jahr 136,9 Liter alkoholische Getränke saufen, also sozusagen eine volle Badewanne leerschlürfen. Dabei würden schon kleine Mengen Alkohol den die Lebenserwartung senken. Mag sein, aber trotzdem: Es kommt doch bei Drogen, wie immer im Leben, auf die Menge an. Wer sich dauernd sinnlos zusäuft oder mit anderen Giften zuballert, darf sich nicht wundern, wenn seine Leber oder Nieren irgendwann kündigen. Aber ich mag nicht an segensreiche Abstinenz glauben. Alkohol löst keine Probleme. Milch vielleicht?

Ich will bestimmt nicht in Schnapsromantik verfallen. “Weniger ist besser” ist immer ein guter Hinweis. Wenn das aber so ist, warum darf die Nachrichte, dass die Deutschen pro Jahr im Durchschnitt 149 Liter Kaffee auf der Wirtschaftsseite meiner Zeitung stehen? Ganz ohne Ermahnungen besorgter Internisten.

Wir sollten bedenken: Unser Todesrisiko liegt bei 100 Prozent, beginnend bei der Geburt. Wann es soweit ist, können wir nur bedingt beeinflussen. Wir werden ja ständig vom Tod belauert. Meine Strategie für heute sieht so aus: Ich nehme ein Glas guten Rotwein und zeig’ ihm eine lange Nase. Vielleicht sogar in der Badewanne.

April 2nd, 2013

Ganz sicher: Franziskus wird der neue Obama

Machen wir nicht lange herum, sondern halten wir fest: Der neue Papst Franziskus wird den Friedensnobelpreis bekommen. Unter Garantie. Es geht nicht anders.

Der Mann hat bis hierhin einfach alles richtig gemacht. Hat kritisiert, dass sich die katholische Kirche zu weit von den Menschen entfernt habe. Hat seinen Priestern empfohlen, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Hat ein behindertes Kind an sich gedrückt und sogar Frauenfüße gewaschen und geküsst. Lauter gute Signale, die ihn wunderbar von seinem verknöcherten Vorgänger Papa Ratzinger abheben. Die Menschen sind entzückt, bislang als weltlich eingeschätzte Medien konkurrieren in Sachen Nachrichtenfülle und Verbalverneigung mit den frommsten Bistumsblättern.

So etwas Ähnliches gab es schon mal. Der Vorgänger hieß Tschortsch Dabbeljuh, der damals neue Mann Barack Obama. Ein paar gute Reden genügten, um ihn zum globalen Friedensengel zu ernennen. Was dann an Politik gekommen ist, war ziemlich oft etwas anderes.

Dem neuen Super-Papst wird es kaum anders gehen. Gut gewachsene Machtstrukturen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Gemaule eines frisch gewählten Chefs für eine gewisse Zeit kommentarlos ertragen. Das macht populär, zeigt Offenheit.

Sobald sich der Neuling ausgetobt hat, beginnt Phase 2, das so genannte “Einnorden”. Er wird mit – vorzugsweise bürokratischen – Alltagsarbeiten derart zugemüllt, dass er nach kurzer Zeit feststellt, dass es keinen Sinn hat, zu viele Baustellen aufzumachen. Am Ende sagt und tut er fast das Gleiche wie sein Vorgänger. Den Unterschied macht vor allem das Image.

Sie finden das schlimm? Stimmt nicht, es ist normal. Zumal es eh so eine Sache ist, mit den Wegen des Herrn und seiner Diener. So hat der wichtige serbisch-orthodoxe Bischof Amfilohije am Osterwochenende den „Eroberungstrieb“ der europäischen Länder und der Nato angeprangert. Die EU wolle den Kosovo beherrschen und setzte damit die Tradition der Kreuzzüge und die „Tyrannei der Osmanen“ fort. Bevor er an die Schandtaten unter Sultan Murat erinnerte, hatte der Bischof Gott angerufen, damit die Nato aufgelöst wird.

Doch Gott ist nicht Gysi. Er ist auch, was das Treiben seiner angeblichen Stellvertreter auf Erden angeht, nicht gerade als entschiedener Reformer bekannt. Ihm scheint das eher egal zu sein. Also: Lasst Franziskus ruhig ein bisschen anders sein und lobpreist ihn dafür.

Das fühlt sich gut an. Denn dass es der Fortschritt seltenst rennt, ist uns sowieso klar. Oder nicht?

April 1st, 2013

Ein schwarzer Sheriff für Til Schweiger

In seinem ersten “Tatort” hat sich Til Schweiger als ziemlicher Superheld präsentiert. In der Schlussszene wurde Kommissar Tschiller zwar nicht von stolzen Astronauten, sondern von geschändeten Zwangsprostituierten flankiert, aber es hatte was von “Armageddon” und Bruce Willis. Doch auch Helden brauchen Hilfe.

Da hat doch eine Gruppe namens “Tatortverunreiniger_innen” Farbflaschen gegen das Hamburger Wohnhaus Schweigers geworfen und den Kleinwagen dessen Freundin Svenja Holtmann in Brand gesetzt.

Eine hirnlose Sachbeschädigung? Könnte man meinen. Doch in diesem Fall geht es um mehr. Das meint zumindest der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Der 71-Jährige sieht die Freiheit der Kunst in Gefahr, weshalb er folgende Erklärung abgesetzt hat: “Die CDU-/CSU-Bundestagsfraktion verurteilt den Anschlag auf das Haus von Til Schweiger mit Entschiedenheit. Wir verstehen ihn als Anschlag auf die Freiheit der Künstler und damit auf die Freiheit der Kunst in unserem Lande. Dies können wir, nicht zuletzt mit Blick auf die Geschichte unseres Landes, unter keinen Umständen dulden. Mit dieser feigen Tat soll ein Klima der Angst und Einschüchterung bei Kreativen und Künstlern erzeugt werden.”

Nun ist Wolfgang Börnsen bislang nicht so oft durch Originalität aufgefallen. Immerhin: Als der Ego-Shooter “Crysis 2″ beim Deutschen Computerspielpreis 2012 als bestes deutsches Produkt ausgezeichnet wurde, sprang er empört in die Bresche. Killerspiele dürften keinesfalls prämiert werden, tobte der CDU-Mann, musste sich aber sogar von eigenen Leuten sagen lassen, dass dieses Spiel neben vorzüglicher Technik auch inhaltliche Qualität böte.

Im konkreten Fall ist das aber sowieso ein Nebenkriegsschauplatz. Denn grundsätzlich ist jede Sachbeschädigung ein Angriff auf die Freiheit eines anderen. Man hat ja als Opfer mindestens Scherereien, im schlechten Fall zahlt man drauf. Die wahre Bedeutung der Tat ergibt sich aber offenbar daraus, was einer sonst im Leben macht. sollte also irgendein Wicht “ACAB” an unsere Hauswand sprühen, betrachte ich das als Journalist fürderhin als Anschlag auf die Pressefreiheit. Und sollte mir jemand einen Autoreifen zerstechen, werde ich das als aktiver Gewerkschafter als unerhörten Anschlag auf die Tarifautonomie und damit auf die Grundfesten unserer Demokratie anprangern.

Somit bleibt fürs Erste nur eine Frage offen: Würde sich ein Bruce Willis von einem wie Wolfgang Börnsen helfen lassen? Von einem leicht verwirrten Schwarzen? Niemals nicht, sagt unser erster Denkreflex. Aber wer hat denn wirklich an ihn geglaubt, damals bei “Stirb langsam”? War das nicht ein lustiger Schw…. ? Ich glaub’, ich fang’ hier nochmal an.

März 23rd, 2013

Hilfe, der Frühling hat Burnout

Also twitterte @Charles_HRH: “Dear #Snow, it’s March, it’s Spring. Sod off.” Sinngemäß also, “Verpiss dich, Schnee.” Der sozial netzwerkende Prince of Wales ist unecht. Aber wenn er es geschrieben hätte, seine Hoheit hätte recht und für seinen großen Satz fröhliche Scharen fähnchenschwingender Kinder verdient. Wir frieren und frieren und versinken in unserer Nicht-Frühlings-Depression.

Ja, man verliert den Glauben. Da betet der neue Papst Franziskus am Grabmal des Petrus und trifft sich kurz darauf mit dem Rentner-Kollegen Benedikt. Kann so ein Heiligkeits-Duo nicht dafür sorgen, dass wir, sagen wir mal, 12 Grad mehr kriegen? Nein, die knien auf der Kirchenbank, falten die Hände – und nichts passiert. Ist das ein Stück der freudlosen Askese, die der Name des Neuen erwarten lässt?

Man verliert den Glauben in die Klimaforscher. Ich selber war stolz wie Oskar, als dank eines geschickten Wohnungswechsel der Verkauf unseres Zweitwagens möglich war. Seitdem führe ich ein Berufsleben auf der fußläufigen Verbindung. zunächst mit dem guten Gefühl, dass ich dazu beitragen könnte, den langfristigen Temperaturanstieg in Mittelfranken auf zwei Grad begrenzen zu können.

Heute will ich keinen Temperaturstopp mehr. Ich kaufe mir einen Mercedes Diesel, Baujahr 1973, betanke ihn mit Heizöl und pendle vier Mal täglich zwischen Wohnung und Arbeitsplatz. Bloß, damit sich die Atmosphäre über Nürnberg aufheizt.

Nein, nein, Trotz ist das nicht. Das ist volkswirtschaftliche Verantwortung. Wie, bitteschön, wollen denn die Einzelhändler, die gerade unsere Zeitungen und Briefkästen mit Prospekten vollstopfen, irgendetwas verkaufen? Der Winterstiefel-Sale ist kalendarisch rum. Aber wer interessiert sich jetzt für neue Sandalen?

Sogar in der Werkstatt hat mich der Winter heute eingeholt. Ein Autoreifen hatte auffallend viel Luft verloren. Zunächst tippte der Pneu-Experte auf einen Nagel in der Gummihülle, aber dann stellten sich fiese Ablagerungen auf den Felgen als Problem heraus. Hatte ich noch nie. Und wieso gab es die? “Das sind die Umweltbedingungen. Die werden immer schlimmer”, sagte der Meister.

Eigentlich gibt es für die ganze Misere nur eine schlüssige Erklärung. Der Frühling ist wie viele von uns. Er hat Burnout und kann einfach nicht mehr. Wir müssen also aushalten, mit dem Schimpfen aufhören und auf den Sommer warten. Ist so. Da hilft nicht mal ein falscher Prinz…

März 15th, 2013

Messi, Tango, Nasenbär und neuer Papst

Ohne Polizeieskorte ist er schon mal gefahren. Aber: Kann dieser Papst Franziskus alias Jorge Mario Bergoglio den Vatikan verändern? Selbstverständlich. Er ist zwar, wie der Name verrät, abstammungstechnisch ein Italiener. Aber Argentinien ist eben doch etwas anders.

Das Land ist bekannt für die Pampa, für famoses Rindfleisch, für Landsleute, die auf Inseln wohnen und deshalb lieber Engländer sein wollen. Das Land hat eine lebende Präsidentin, die in der Öffentlichkeit notorisch die höchsten Stöckelschuhe aller Regierungschefs dieser Welt trägt. Und eine gestorbene Präsidentin, die Hollywood zuliebe mit der Singstimme von Madonna ausgestattet war.

Aber natürlich gibt es den Tango. Eine Tanzdisziplin, für die wir Mittelfranken ähnlich entflammt sind wie sonst nur noch die Finnen. Und es gibt diese sagenhaften Kicker. Xavier Pinola, leider nur wichtigster lokaler Fußballgott seit Max Morlock und Andreas Köpke und somit nicht papabile.

Aber dann: Lionel Messi, der als Auferstehungsbeauftragter des FC Barcelona gerade Mailand (da schaut der Herr Scola, gell?) erledigt hat. Und natürlich Diego Armando Maradona. Der Mann mit dem genialen linken Fuß und den immer wiederkehrenden Abstürzen. Der arme Sünder mit dem großen Herzen, dem der Herr dereinst zwecks Torerfolg bei der WM 1986 die Hand geliehen hat.

Schon er hatte somit nachgewiesen, dass der Schöpfer den Argentiniern wohlgesonnen ist. Und nun kommt der erste außereuropäische Papst genau von dort. Da staunen Nasenbär und Pampa-Stier.

Wenn nun die größte aller deutschen Zeitungen “Das ist die neue Hand Gottes” schlaggezeilt hat, zeigt das wieder die Flapsigkeit dieser Journalisten. Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi aus Erden. Wenn wir so freundlich sein wollen, dieses zu glauben, müssen wir dennoch konstatieren, dass Jesus Mensch und nicht Gott war. Also ist “verlängerter Arm Gottes” das Größtmögliche, was wir Herrn Bergoglio zugestehen wollen.

Aufhorchen sollten nach der Wahl des neuen Papstes allerdings die Akkordeonorchester dieses Landes. Die Matthäus-Passion von Bach, dargebracht in einer Bearbeitung für zwölf Bandoneons ist keine Utopie mehr. Spiel Tango für die Armen! Amen!

März 12th, 2013

Nieder mit Amazon! Ein Hoch auf Aldi!

Jetzt lassen wir das doch mal, das ewig Geschimpfe auf unsere Superreichen. Deutschland hat gar nicht so viele überragenden Bonzen, sogar die Deutsche Bank macht neuerdings Verlust. Aus den Top Ten der globalen Milliardärsliste von “Forbes” sind wir herausgefallen. Wer soll uns da als Exportkönige noch ernst nehmen?

2012 hat es unseren liebsten Discount-Chef Karl Albrecht erwischt. Mit seinen 93 Jahren muss der Eigentümer von Aldi-Süd erleben, dass er mit seiner Kartonware und 26 Milliarden Dollar Vermögen weltweit nur noch noch Platz 18 erreicht. Im Vorjahr war er Zehnter. Auch Familie Otto muss darben: Ihr Vermögen schrumpfte im letzten Jahr von 17,6 auf 14,2 Milliarden Dollar. Von unseren abgestürzten fränkischen Superfrauen Maria-Elisabeth Schaeffler und Madeleine Schickedanz wollen wir gar nicht reden.

Das ist deshalb besonders übel, weil es nie zuvor auf der Welt so viele Superreiche gegeben hat. Laut Forbes existieren 1426 Dollar-Milliardäre, 210 mehr als ein Jahr zuvor. Alleine 31 davon sitzen im chinesischen Parlament. Und: Handel ist nicht mehr das große Ding. Wirklich reich wird man über die Abteilung Surfen, Schwafel, Zeit verplempern. Globaler Oberbonze ist Carlos Slim Helu aus Mexiko, seines Zeichens Telekommunikationsunternehmer. 73 Milliarden Dollar sollen ihm gehören. Er wird gefolgt von Bill Gates von Microsoft, der zwar ständig seine Reichtümer an die Armen der Welt verschenkt und trotzdem 65 Milliarden Dollar sein eigen nennt.

Darf das sein? Muss man umverteilen? Na ja. Das Gesamtvermögen aller Superreichen liegt laut Forbes bei 5,4 Billionen Dollar. Würde dieses Geld unter allen Menschen verteilen, bekäme jede/-r 750 Dollar. Das reicht doch nicht mal für ein neues Auto.

Nur bremsen müssen wir. Damit Deutschland nicht komplett in die Zweite Liga abrutscht. Alsdenn: Wer verfolgt unseren Aldi-Dagobert? Es ist, jawohl, Amazon-Chef Jeff Bezos. Er wird neuerdings auf 25,2 Milliarden Dollar taxiert. Nach 19,1 Milliarden im Vorjahr. Da hat einer mächtig zugelegt, von dem wir alle wissen, dass er seine Mitarbeiter übel ausbeutet. Ich finde, gerade da ist Luft nach unten. Helfen wir also den Lohnsklaven – und halten wir die Aldi-Fahne hoch. Ein doppelt gutes Werk! Wie schön!

Februar 21st, 2013

Lass’ die Sonne wieder scheinen

Spüren Sie es auch? Irgendwie ist uns gerade vieles egal. Alles wirkt ein bisschen uninteressant. Nicht einmal der Rücktritt des Papstes bringt uns dazu, in einem letzten Akt der Solidarität mit dem Stellvertreter Christi die Fastenzeit ausnahmsweise ernst zu nehmen. Stattdessen lassen wir uns gleichmütig einen undramatischen Lebensmittelskandal um die Ohren hauen. Und was ist der Grund? Die Sonne ist irgendwie weg. Es ist, als würden ihre Strahlen im Sog des Asteroiden an der Erde vorbeisausen. Immer nur Wolken. Das macht keinen Spaß.
In Nürnberg, wo dieses Blog geschrieben wird, haben die Meteorologen die ganze böse Wahrheit gerade nachgewiesen. Ihren Angaben zufolge hat es im Winter 2012/2013 nur 78 Sonnenstunden gegeben. Noch trüber war der Winter zuletzt im Jahr 1903. Der Durchschnitt für Mittelfranken liegt bei 173,6 Stunden.
Die Wolken müssen endlich weg. Dringend. Darauf hoffen nicht nur die Existenzgründer, die im Vertrauen auf den Klimawandel in den Aufbau von Ananas- und Dattelpalmenplantagen investiert haben. Darauf hoffen nicht nur die Betreiber von Vorsaison-Biergärten oder die Familienpolitiker, die um die fruchtbarkeitsfördernde Wirkung von Sonnen-Vitaminen wissen. Und auch nicht nur die Bauern, die im Märzen die Rösser anspannen. Wenn sie sie noch nicht an eine Discounter-Fleischerei verscherbelt haben.
Wir alle brauchen mehr Licht, denn die gute, alte Option „Ich bin dann mal weg“ funktioniert nicht mehr so. Es fehlt uns am Geld. Nach vielen Jahren Lohnverzicht mit dem Ziel, Deutschland als „kranken Mann Europas“ zu retten, sind drei Wochen Sonne für viele nicht mehr drin. Bei sieben Tagen Dom-Rep lohnt sich der Flug aber kaum.
Und Autoreisen sind auch schwieriger geworden. Wer kann es sich schon noch leisten, seine 13 Jahre alte Pannenkröte spontan durch ein nagelneues flottes Gefährt zu ersetzen?
Tristesse auf dem Konto, Tristesse am Himmel. Beides gleichzeitig ist einfach zu viel. Alsdenn, ihr Herren der Erde: Macht uns arm und ärmer. Aber Du, lieber Gott, lass‘ die Sonne wieder scheinen…

Februar 17th, 2013

Wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt…

Große Fragen der Menschheit begegnen uns immer wieder dort, wo wir sie gar nicht erwarten: Denken wir nur an Abraracourcix, jenen in Deutschland als Majestix bekannten Dorfhäuptling aus Asterix & Obelix. Er fürchtet nicht Römer, Tod und Teufel. Sondern bangt, dass ihm und seinen Schutzbefohlenen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Und gerade das bewegt auch uns zur Zeit.

Da ist tief in Russland ein Meteorit nach dem Eindringen in die Atmosphäre explodiert. Ein Ereignis, das die Glaserinnungen dieser Republik nur zu gerne bewältigt hätten. Draußen im Weltall wiederum ist ein Kleinplanet in ungewöhnlich geringer Entfernung an der Erde vorbeigerast. Hätte er eingeschlagen, wäre es auf unserem Planeten ziemlich dunkel geworden. Jetzt ist der Asteroid wieder weg. Bruce Willis muss nicht mit Flugabwehrraketen ins All starten, sondern kann beruhigt für seinen neuen Film werben.

Alarm wird es irgendwann wieder geben. Die Erde hängt ja ziemlich schutzlos im Weltall herum. Eine Wegduck-Funktion ist ihr vom Schöpfer nicht gegeben worden. Also ist der große Rumms immer denkbar.

Klar, wir lehnen diesen Gedanken ab. Andererseits ist der Tod das Einzige, was in unserem Leben ganz sicher passieren wird. Nur die Todesart ist ungewiss. Das gefällt uns nicht, weil wir uns der eigenen Einzigartigkeit bewusst sind. In dramatischer Selbstüberschätzung, versteht sich. Denn wenn man 1 von 7 110 000 000 Menschen ist, ist von der eigenen Ersetzbarkeit in verschärfter Form auszugehen. Außerdem gibt es draußen mit Sicherheit Trilliarden von außerirdischen Schmorpfs, Orchs und Grantels. Weshalb die Bedeutung des einzelnen Menschen sehr begrenzt ist.

Trotzdem: Gerecht ist ein tödlicher Beschuss aus dem All nicht. Wir machen uns ja schließlich auch unsere Gedanken. Wir planen unser Dasein mit Hingabe, unsere nächsten 14 Tage sind unter Berücksichtigung einer anständigen Work-Life-Balance durchgetaktet. Und was soll werden, wenn genau jener Artikel, an dem ich gerade arbeite, ungeschrieben bleibt? Mein Wichtigster überhaupt!

Das alles zählt intergalaktisch nicht? Na gut, dann bete ich für einen Kompromiss. Schickt ruhig Eure todbringenden Himmelskörper. Aber wartet damit, bis der Currywurst-Tag in der Kantine vorbei ist. Das wäre mir noch wichtig gewesen…

Februar 14th, 2013

Das Pferd, das sie Rind nannten

Kennen Sie diesen Film? “Das Pferd, das sie Rind nannten.” Anlässlich des aktuellen Lebensmittelskandals könnte dieser Streifen gedreht werden. Mit zahlreichen dokumentarischen Einschüben aus Nachrichtensendungen und empörten Stellungnahmen von Politikern. Ich frage mich? Warum eigentlich diese Aufregung?

Ein echter Skandal ist es doch, wenn man etwas Schlechteres bekommt, als versprochen wurde. Pferdefleisch jedoch ist grundsätzlich besser als das Fleisch von Rindern oder gar von hormongemästeten Superschweinen. Sein Verzehr ist bloß ungewohnt. Und natürlich ist uns das Ross eher ein geschätzter Freund. Kühe werden keine Olympiasieger. Aber kühl betrachtet lautet unser Aufschrei so: “Ich wollte einen Opel. Und musste einen BMW nehmen.”

Kein Vergleich jedenfalls zu den früheren Lebensmittelskandalen. An Glykol im Wein sind Menschen gestorben. Fischwürmer und Gammelfleisch-Döner haben Übelkeit ausgelöst. BSE galt als Frontalangriff auf unsere Hirngesundheit, in Schweinefutter wurde das Ultragift Dioxin gefunden. Und, und, und…

Lebensmittel als solche galten deshalb immer wieder als grundsätzlich lebensvernichtend. Obwohl wir doch dank “Dschungelcamp” wissen, dass der Mensch viel mehr verträgt, als man allgemein so denkt.

Womit wir beim Kern des Problems wären: Wie kann jemand, der im Supermarkt tiefgekühlte Fertigkost kauft, empört sein, weil er betrogen wurde? Das ist gar nicht möglich, denn dieser ganze Fraß ist ein einziger Beschiss. Wer das nicht glauben will, lese bitte die Zutatenliste. Nein, wir essen alles, ohne groß nachzudenken. Weil wir den Geschmack verschiedener Essen eh nicht mehr auseinander halten können.

Wir sind also auch selber schuld. Martin Luther würde sich mächtig über uns wundern und in seiner Verwirrung vielleicht diesen Satz sagen: “Wenn ich wüsste, dass meine Lasagnenudel ab morgen aus Styropor ist, würde ich heute ein Pferd schlachten.” Amen.

Januar 31st, 2013

Erst Fortschritt, dann Sexismus

Sag mal, Hirndübel. Warum hast Du nichts über den Brüderle gebloggt? Brüderle? Ach ja, dieser FDP-Möchtegern-Berlusconi. Vergiss es! Es widerstrebt meiner fränkischen Mentalität, mich zu sehr mit der miesen Verbalerotik alter Männer zu befassen.
Wir Franken sind ernsthaft. Das Ergebnis des Volksbegehrens zur Abschaffung der Studiengebühren in Bayern hat das gerade wieder gezeigt. Extrem hohe Zustimmungsquoten werden da gemeldet. 22 Prozent der Wahlberechtigten haben in der Universitätsstadt Erlangen unterschrieben, sogar 29,4 Prozent in der Gemeinde Ottensoos im Nürnberger Land. Auf eine gängige Wahlbeteiligung umgerechnet, wäre das die absolute Mehrheit.
Dagegen Oberbayern! In München ist man gerade so über die Zehn-Prozent-Linie gekrebst. Beim Rauchverbots-Volksentscheid war das ähnlich. Oberbayern ist eben die Region des Leben-und-Leben-Lassens. Es ist die Schaubühne der Bussi-Bussi-Gesellschaft, der Fußballer, die echte Stars sind und in Discotheken Jagd auf junge Dinger machen. Das Land der immer noch berühmten Alt-Ministerpräsidenten und der dekadenten Könige. Und überhaupt: Was kümmern 500 Euro Studiengebühr in einer Stadt, in der man für dieses Geld möblierte Zimmer mieten kann?
Ja, Oberbayern ist die Gegend, in der der Satz “Sie könnten ein Dirndl ausfüllen” tatsächlich passt. Fehlt das uns Franken? Nein. Altersgeile Sprüche dieser Art interessieren uns allenfalls dann wieder, wenn wir dem gesellschaftlichen Fortschritt zuvor nachhaltig gedient haben. So wie jetzt in Sachen Studiengebühren. Und das ist richtig gut so.

Januar 21st, 2013

Wir haben die Stimmen nur geliehen…

Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.

Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?

Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist.  Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen  buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.

Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.