Kauflust – mit ziemlich mieser Laune

Niemand sollte die Deutungsmacht der Marktforschungsinstitute gering- oder unterschätzen. Denn sie horchen uns aus, bewerten die gesammelten Daten und sagen uns daraufhin wie wir sind. Oder wie wir zu sein behaupten. Manchmal interpretieren die professionellen Verhaltensforscher aber falsch.

So hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung wie jedes Monat die Kaufneigung der Deutschen erforscht. Trotz Börsenturbulenzen, Terrorgefahr und des politischen Streits über die Asylpolitik sei die Kaufneigung ungebrochen. Eine gute Nachricht sei das, meint man bei der GfK. Nicht einmal die Flüchtlinge spielten beim Shoppen eine Rolle. Der Zuzug werde erst zur Belastung, wenn Verbraucher um ihren Job fürchteten. Ansonsten herrsche Kauflust.

Was für ein abseitiges Gerede. Die guten Umsätze im Handel ergeben sich kaum deshalb, weil der Anteil der wohlhabenden Menschen durch eine famose Wirtschaftspolitik gestiegen ist. Sondern eher dadurch, dass es in einer alternden Gesellschaft zusehends unwichtig wird, ob man Geld hat. Die Finanzkarriere des sorgsam alternden Menschen sah in der langen Ära vor der digitalen Finanzwirtschaft so aus, dass man bis zur Rente möglichst viel Geld gespart hat. Das hat man anschließend nicht verjubelt, sondern hat sich zu von den Zinsen zu Weihnachten etwas Nettes angeschafft. Geschrumpft ist das Vermögen nur sehr langsam.

Heute läuft das anders. Wegen der Politik der Europäischen Zentralbank gibt es keine Zinsen mehr. Wer ein gutes Polster hat, erlebt, wie es immer weiter schrumpft. Und sollte jemand teure Pflege brauchen, lautet die Formel: Hilfe bekommt nur, wer zuvor arm geworden ist.

Also raus in die Fußgängerzone, ran an den Computer – und weg mit dem Ballast. Seien wir verschwenderisch, befreien wir uns von der Last des Geldes. Die Konsumforscher sind dankbar. Sie jubilieren mit heißem Herzen. Unsere Laune ist schlecht, vielleicht fluchen wir sogar. Doch die Kassen klingeln lauter.

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…

 

 

 

 

Wo Karl Marx recht hatte…

Überraschung, Überraschung! Von allen deutschen Parteien hat in diesem Jahr die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) die höchste Großspende erhalten. Ein Mann aus Oberhausen hat ihr 252.400 Euro überwiesen. Beeindruckend, aber Marx? Ist der nicht völlig von gestern? Nicht unbedingt.

Nehmen wir nur dieses Zitat: „Das Kapital ist rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.“ Da hat sich der Philosoph nicht getäuscht. Wären nämlich alle Unternehmer und Manager Menschenfreunde, dann bräuchten wir keine Gesetze zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, es gäbe keine Betriebsärzte oder Sicherheitsbeauftragte. Probleme würden ja gar nicht entstehen.

Die gibt es aber. Man muss in diesen Tagen nur Siemens-Chef Joe Kaeser zuhören. Er wünscht sich von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Erfindergeist und nennt in diesem Zusammenhang das Vorbild Silicon Valley. Schuften wie dessen junge Millionäre, für das Gehalt eines Angestellten – so erarbeitet man Rendite. Ein moderner Boss wiederum lässt seine Firma in kleine Einheiten, die auf dem Markt untereinander konkurrieren. Beschäftigte sollen sich selbst wie Unternehmer fühlen und dementsprechend Gas geben. Tatsächlich fühlen sich immer mehr Menschen in ihrer Arbeit gehetzt. Macht aber nichts: Der Chef schaut zu, hält die Hand auf und tröstet bei Burnout gegebenfalls mit einer Abfindung.

Es gibt aber noch ein zweites Vorbild, nämlich die ungeregelte Finanzökonomie. Es ist nicht mehr so, dass Chefs den langfristigen Erfolg ihrer Firma zum Ziel haben und deshalb mit ihren Beschäftigten auch einmal durch ein Tal gehen. Aus dem Blickwinkel „moderner“ Manager lohnt sich der Einsatz für ein Unternehmen nur, wenn es zuverlässig solche Renditen abwirft, die es auch für clevere Finanzprodukte gibt. Wer die von oben gesetzten Ziele verfehlt, wird abgeschossen.

Das Marx-Zitat trifft auf dieses Handeln zu. Wirksame Gesetze können also helfen. Was aber gäbe es noch? Clever organisierten Widerstand und Ungehorsam – wenn es erforderlich ist. Und das Vertrauen auf die Kraft der besseren Ideen. Alles gute Vorsätze für das neue Jahr.

P.S.: Wo Menschen gerne arbeiten, ist die Qualität der Produkte höher. Sagt die Wissenschaft…

 

 

 

 

Schnaps tut dem Klima gut

Eure Freudentränen sind getrocknet, Ihr Klimaschützer von Paris. Und wir sind stolz auf Euch. Ihr habt es gut gemacht. Die Erde kann gerettet werden. Danke!

Gönnen wir uns ein paar Momente der Euphorie. Paris kann als erster nicht gescheiterter Welt-Klimagipfel in die Geschichte eingehen. Auch wenn sich die Pessimisten, also die durch Lebenserfahrung klug gewordenen vormaligen Optimisten, alsbald nörgelnd zu Wort melden werden. Sie werden sagen, dass es unseriös wirkt, wenn ein Kongress die künftige Erderwärmung per Abstimmung auf deutlich unter zwei Prozent begrenzt. Das sei ein nettes Signal an die Bewohner aufsaufender Südseeinseln. Allerdings fehle dem Versprechen der klare Plan zum Erreichen dieses Zieles.

Die Pessimisten werden auch anmerken, dass in den Berichten über den Klimagipfel ein äußerst wichtiger Satz immer erst ganz am Schluss erwähnt worden sei: Für Verstöße gegen den Weltrettungs-Vertrag sind keine Sanktionen vorgesehen.

Helfen kann uns – unter Umständen – der Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem rumpelt zwar ähnlich unrund durch die Welt wie deutsche Fußball-Nationalmannschaften um die Jahrtausendwende. Aber seine grundsätzliche Erkenntnis, dass man die Krone des eigenen Wertekanons, den Profit, durch das Schöpfen von Synergien veredeln kann, darf als nachvollziehbar angesehen werden. Wir sollten also nach Wegen suchen, den als Thema  recht drögen Klimaschutz mit einem höheren Ziel zu verbinden. Etwa mit der Weltgesundheit.

Ein überragendes Beispiel hierfür hat uns gerade eine Aktion im westlich von Hamburg gelegenen Ort 1300-Seelen-Ort Hetlingen geliefert. Unter den Augen einer offiziellen mexikanischen Delegation wurden dort 25.000 Liter gefälschter Tequila, den der Hamburger Zoll beschlagnahmt hatte, in den Faulturm des Klärwerks gekippt. Dort wird der Schnaps verstromt. Man erwartet als Ertrag ungefähr 20 000 Kilowattstunden Strom, was reichen  würde, um ein halbes Dutzend Durchschnittshaushalte ein Jahr lang zu versorgen.

Fassen wir zusammen: Sollten wir bei unserem großen Syrien-Verbündeten Putin reichlich Wodka ordern und diesen zu Strom verarbeiten, werden Männer-Lebern in Ost- und Mitteleuropa millionenfach aufatmen. Das kontinentale Durchschnitts-Alter stiege, die Krankenkassen-Beiträge fielen.

Die Wirtschaft allerdings würde jammern, weil die Leute keine teuren Pillen und andere medizinische Reparaturmaßnahmen mehr brauchen. Tja, wer die Welt retten will, kann es nicht jedem recht machen. Vom Kapitalismus lernen, heißt siegen lernen, lautet unsere Erkenntnis in diesem Fall. Seid doch mal stolz, Ihr Kleingeister. Und weint mit uns ein kleines Freudentränchen…

Was würde Helmut Schmidt tun?

Was würde Helmut Schmidt tun? In diesen Tagen ist diese Frage erlaubt. Könnte ein zupackender Krisenmanager wie er unsere aktuellen Probleme in den Griff bekommen? Könnte er uns die Gewissheit vermitteln, dass alles nicht so schlimm ist und – vor allem – am Ende gut wird?

Angela Merkel ist uns menschlich sympathisch geworden, weil sie angesichts der Flüchtlings-Schicksale Gefühle gezeigt hat. Aber auf eine wachsende Zahl von Menschen wirkt sie allzu zaudernd, wenn sie lächelnd ihre Raute formt. Flankiert wird sie von „Freunden“, die abwechselnd „Transitzone“, „Griechenland“, „Flut“ oder „Lawine“ bellen, weil sie wenigstens so tun wollen, als ob sie Lösungen hätten. Vertrauen stärkt das nicht.

Also sehnt man sich nach der ordnenden Kraft der alten Männer. Nelson Mandela und Helmut Schmidt waren in diesem Sinne überragende Hoffnungsträger. Beide sind tot, Franz Beckenbauer und Hartmut Mehdorn haben dem Nimbus geschadet. Aber bei Papst Franziskus, dem Dalai Lama oder Heiner Geißler leuchten unsere Augen weiterhin.

Alsdenn, was würde der Altkanzler jetzt tun? Er würde, vermutlich, improvisieren und rasche Entscheidungen treffen, von denen man zwei bis drei Jahre später weiß, ob sie richtig oder falsch waren. Weisheit ist langsam, aber viel Zeit haben wir gerade nicht. Wir sollten auch nie vergessen, dass auch ein Kanzler Schmidt nicht alles richtig gemacht hat. Er hat sich sogar von der FDP stürzen lassen – was aus heutiger Sicht undenkbar erscheint.

Wenn wir über aktuelle Krisen reden, ist die eigentliche Frage aber doch: Hätte Helmut Schmidt den Irak-Krieg verhindert? Hätte er George W. Bush treffen und dessen Kriegslust durch den Dampf seiner Menthol-Zigaretten derart schwächen können, dass aus diesem ein Friedenspräsident geworden wäre?

Kann sein. Muss nicht. Ist leider nicht passiert. Aber hätte Helmut Schmidt damals gewusst, was alles kommt, dürfen wir sicher sein: Er hätte das, genau das, mit Genuss getan.

Wer den Bossen blind vertraut, lebt verkehrt

Wir sehen diesen Herrn im feinen Anzug, entweder drahtig und durchtrainiert oder grauhaarig-professoral. Ja, da ist einer, der uns zu führen vermag. Ein Chef wie aus dem Bilderbuch. Wir vertrauen, fühlen uns wohl dabei – und machen einen großen Fehler.

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn hat uns das gerade wieder gelehrt. Vor wenigen Wochen hat er einen heftigen hausinternen Machtkampf gewonnen, weil er von seinen Unterstützern als fähigster Manager überhaupt angesehen wurde. Jetzt ist er weg. Als oberster Verantwortlicher des Größten Anzunehmenden Unfalls, den sein Konzern erleben konnte.

Doch auch andere bedeutende Männer haben uns schwer enttäuscht. Denken wir an den vermeintlichen Quelle-Retter Thomas Middelhoff oder an den Manager Peter Hartz, früher ebenfalls in Diensten von Volkswagen. Nach ihm wurden sogar Gesetze benannt – der Charakter hielt auch bei ihm mit dem Ruhm nicht Schritt.

Sicher, es ist schwer, sich von der Kombination Macht und Geld nicht korrumpieren lassen. Zumal sehr wichtige Personen immer viele Jünger finden und zahlreich Freunde haben. Und wenn dann noch der Zwang dazu kommt, ein Produkt so schönzureden, dass ein Höchstpreis verlangt werden kann, wird es in Sachen Ethik erst recht problematisch.

In Nürnberg wurde gerade ein Gewerkschafter, der sich für die Rechte von Textilarbeiterinnen und -arbeitern in Bangladesch einsetzt, mit dem Menschenrechtspreis geehrt. Amirul Haque Amin kann die Gewinnspanne einer sympathischen Marke wie Adidas sicher gut nachvollziehen. Er wird sie unerhört nennen.

Sehen wir die Dinge realistisch. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass vor unseren Arbeitsgerichten die Zahl der Gesetzesbeuger und -brecher auf Arbeitgeberseite höher ist als unter den dort auftretenden Arbeitnehmern. Das mag in der Natur der Sache liegen, weil ja fast immer nur Unternehmen verklagt werden.
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Trotzdem: Der Glaube an die Redlichkeit und Ehrlichkeit aller Bosse ist pure Naivität. Schauen wir also beim nächsten Mal nicht auf den Anzug vom Maßschneider oder auf die seidene Krawatte. Schließen wir die Augen und hören wir zu, was einer sagt. Und die Entzauberung hat begonnen…

Kopftuchverbot? Auch das Kropftuch ist ein Glaubenssymbol

Es konnte nicht lange dauern, ehe angesichts der vielen Asylsuchenden muslimischen Glaubens die eigentliche Bedrohung des christlichen Abendlandes zum Thema würde: Das Kopftuch. Jetzt hat Julia Klöckner, mögliche künftige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, deutliche Worte gefunden. Kopftuch, Schleier und Burka seien Symbole der Unterdrückung von Frauen. Basta!

Man beachte: Hier spricht nicht nur die stellvertretende CDU-Vorsitzende, sondern auch eine ehemalige Weinkönigin. Nur zu gerne würde man erfahren, wie viel Freiheit Julia Klöckner beim Ausüben des für die vereinigten Winzer unverzichtbaren Amtes genossen hat. Durfte sie Kleidung und Krönchen für ihre Repräsentations-Termine selbst aussuchen? Oder bezahlte sie den Job mit Bevormundung und Unterdrückung?

Wenigstens die Arbeitswelt ist ein Stück weiter als die vom Warnenmüssen beseelten Politiker. Zwei Lehrerinnen muslimischen Glaubens aus Nordrhein-Westfalen haben kürzlich vor dem Bundesarbeitsgericht ihr Recht aufs Kopftuch erstritten. Die Richter haben entschieden, dass Religionfreiheit und somit das Herzeigen von Glaubenssymbolen nur dann eingeschränkt werden dürfen, wenn diese Symbole eine Gefahr darstellten.

Beim Kopftuch konnte das Gericht Risiken für unbeteiligten Menschen nicht erkennen. Bei einem Kruzifix aus Tropenholz wäre es vielleicht anders ausgegangen.

Jedenfalls wurde in diesem Prozess klargestellt, dass es um Schönheit oder Zweckmäßigkeit von Kleidungsstücken nicht gehen kann. Rosafarbene Leggings und wadenlange Männerhosen dürfen somit weiterhin in Verkehr gebracht werden.

Was aber ist mit Krawatten? Ist es völlig ungefährlich, wenn sich Männer einen Strick um den Hals binden und diesen mitunter viel zu eng schnüren? Die Frage der Selbstschädigung mögen wir dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zurechnen. Aber sorgt dieses Kleidungsstück nicht auch – gerade bei großer Hitze – für eine erhöhte Aggressivität bei seinem Träger?

Andererseits: Das Kropftuch ist gerade dort Pflicht, wo es ums große Geld geht. In den Chefetagen unserer ertragsorientierten Exportweltmeister bis hin zu den Schaltern unserer Banken. Das relativiert die Gefahr, denn es geht ja um die eigentliche Religion des Abendlandes, das Geld. Frau Klöckner, protestieren Sie!

Das Ratespiel der Stunde: Finde das zweite Thema

Ein spannendes Ratespiel in diesen flüchtlingsbewegten Zeiten könnte lauten: Finde das zweite Thema. Gut, wir kriegen wieder Griechenland auf den Schirm, wo doch dieser linke Hasardeur Alexis Tsipras trotz alledem kaum Stimmen verloren hat. Und natürlich Volkswagen, das zugegeben hat, dass es in den USA die Abgasmessungen von „Das Auto“ manipuliert hat. Ein Verhalten, das man bisher nur von einem Club mit gelben Engeln und von halbseidenen Autoschraubern gekannt hat.

Das könnte was werden. Aber zugleich müssen wir an die BSE denken. Diese Krankheit, die riesengroß war und dann fast schlagartig aus den Medien verschwunden ist. Gibt es möglicherweise einige unerledigte Dinge, die wir aus dem Blickfeld verloren haben? Blicken wir ein Jahr lang zurück –  stichprobenartig.

Im September 2014 wurde darüber diskutiert, dass die von den Autoherstellern gemeldeten Schadstoffwerte nicht stimmen können. Sie würden ja unter Laborbedingungen ermittelt, die mit dem normalen Straßenverkehr nichts zu tun hätten. Außerdem würden die Werte der Neuwagenflotten durch Elektroautos nach unten korrigiert, die allerdings keiner will. Tatsächlich ist gerade bekannt geworden, dass die Autofirmen mehr als die Hälfte ihrer E-Autos auf sich selber zulassen. Ist da vor einem Jahr ein US-Umweltbeamter hellhörig geworden?

Im Oktober 2014 war das Einfrieren von menschlichen Eizellen zwecks konzerngerechter Geburtenplanung ein großes Thema. Daran dürfte sich nichts ändern, zumal Hollywood-Stars (zuletzt Jennifer Aniston) der Erfolgsfrau klar machen, dass sexfreies Befruchten das Optimum ist. Wir hatten aber auch den – jawohl – Lokführer-Streik. Alleine der Gedanke, dass dieser jetzt stattfinden könnte, sollte unseren „besorgten Bürgern“ Tränen in die Augen treiben.

Zuwanderung wird von meiner Heimatstadt Nürnberg aus gesteuert. Angeblich hat ja ein unglückseliger Twitter-Beauftragter des Bundesamtes für Migration mit einer unvorsichtigen Kurzmitteilung dafür gesorgt, dass sich zurzeit die allermeisten Flüchtlinge als Syrer bezeichnen. Gerne übersehen wird allerdings der Beitrag der hier ansässigen Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Diese meldete im Oktober 2014, dass Deutschland das Land mit dem weltweit besten Image sei. Und jedes Medium hat diese Pressemitteilung aufgegriffen.

Man kommt also zur Erkenntnis, dass das jetzige einzige Thema vor einem Jahr schon da war. Irgendwie. Die Suche nach dem zweiten Thema sollten wir also weiter hinten beginnen. Vor fünf Jahren zum Beispiel. Der große Aufreger im September 2010: Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. Sie meinen, wenigstens das sei abgehakt? Wenn wir uns da nicht täuschen. Gerade schaut ja keiner hin…

 

Wenn Merkel zu Mutti Teresa wird…

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diese Sätze aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ vermitteln uns,  dass Menschlichkeit besser ist als kalter Egoismus. Die vergangenen Tage haben uns gezeigt: Es geht. Es kann mühsam sein. Aber es kann sich lohnen.

Angela Merkel hat es probiert. Getragen von der Offenheit vieler Menschen, die vor allem in München Flüchtlinge einfach als Menschen begrüßt haben, verhielt sie sich gegen ihre Gewohnheiten. Überraschend unbürokratisch hat sie Deutschland für einige Tage geöffnet. Sie wurde zu „Mutti Teresa“, wie es die „heute-show“ karikiert hat.

Die CSU hat das deutlich kritisiert. Das war zu erwarten. Was aber treibt diese Partei dazu, sich mit Viktor Orbán, dem widerlichsten Regierungschef der EU, an einen Tisch zu setzen. Macht man es, weil der Mann das sagt und vertritt, was man selbst aus Gründen der politischen Korrektheit nicht selber darf? Geht es, wie früher in der Ostpolitik um „Wandel durch Annäherung“? Will man ihn gar zum Christlichen und zum Sozialen bekehren?

Wäre das Thema Flüchtlinge nicht so bitter, könnte man Parteitaktik vermuten. Kanzlerin Merkel verhält sich entsprechend der Stimmung im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung. Die CSU wiederum glänzt in ihrer Paraderolle, nämlich als Opposition in der Regierung. Gemeinsam decken die Schwesterparteien das breitest mögliche Meinungsspektrum ab. Ein Wahlergebnis 40 Plus Prozent wird auf diese Weise abgesichert.

Doch lassen wir solche Überlegungen beiseite. Dann erkennen wir, dass das Herz zwar anders sieht, aber keineswegs doof ist. Nehmen wir an, in Syrien und anderen Krisenstaaten würden irgendwann vernünftige Menschen an die Macht kommen. Könnte es sein, dass sich diese an das Deutschland des Jahres 2015 erinnern und sich dankbar zeigen? Ist ein Land im Wiederaufbau kein lohnendes Thema für eine Exportnation? Ist nicht davon die Rede, dass Afrika der nächste große Markt wird?

Mutige Großzügigkeit hat das Risiko, dass es schiefgeht. Aber sie kann sich lohnen. Träumen darf man.