Archiv der Kategorie ‘Krisen und Aufschwung’

Mai 9th, 2013

Der kleine Luca und der böse Süden

Es ist schon richtig, dass sich in den Namen der Kinder die Sehnsüchte ihrer Eltern ausdrücken. Bei uns in Deutschland schien der Fluchtreflex zuletzt groß zu sein. Denn bei den neugeborenen Jungen lag der Name Luca vorne.

Klingt italienisch, zum Beispiel nach dem Fußballer Toni. Und das hatten wir ja schon einmal. In der DDR. Damals protestierten Menschen gegen das Eingemauertsein, indem sie Aufkleber der Zigarettenmarke “West” auf Trabi und Wartburg klebten. Aber ebenso dadurch, dass sie ihren Kindern südländische Vornamen geben. Auch heute noch weiß man einiges über die Herkunft, wenn man mit einem Silvio Schulze oder einem Rocco Neumann kennenlernt.

Allerdings: Ist das Land, in dem die Zitronen blühen, noch immer eine Verheißung? Das doch eher nicht. Man muss doch bloß daran denken, dass eine Partei namens AfD innerhalb kürzester Zeit 13.000 Mitglieder gewonnen hat. Nur, weil ihr Talkshow-Professor auf sämtlichen Fernsehsofas verkündet, dass es untragbar sei, den “Südstaaten” den Euro in die Hand zu geben. Am Mittelmeer lauert die Gefahr. Und es ist nicht der weiße Hai.

Nein, es sind die jungen Langzeitarbeitslosen und die schamlosen Reichen, die ihre Steuern nicht anständig bezahlen wollen. Ein Verhalten, das bei uns bekanntlich völlig unbekannt ist.

So fällt es schwer, den Siegeszug des kleinen Luca zu verstehen. Zumal es ein neues Sehnsuchtsland gibt, nämlich Deutschland. Nicht, weil der Wein so gut, das Essen so lecker, die Bademeister so latin und die Signoras so erotisch sind. Nein, weil Angela Merkel da ist und für Arbeit sorgt.

Deshalb kommen die Menschen zu uns, im Jahr 2012 alleine 184.000 aus Polen und 117.000 aus Rumänien. Und wie lauten dort inzwischen die beliebtesten Baby-Vornamen? Karl-Heinz, Gerhard oder Dietmar? Nichts von alledem: Die polnische Namensliste wird angeführt von Kamil, Jakub und Patryk, die rumänische von Kimi, Arian und Sam.

Verstehe einer die Osteuropäer.

April 28th, 2013

Wenn zwei das Gleiche tun…

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Ja, dieses Sprichwort ist abgedroschen. Aber es stimmt. Das erleben wir gerade am Beispiel der Affäre Hoeneß.

Zwar gibt es viele Stimmen, die nach Rücktritt rufen. Doch alles in allem ist die Reaktion auf seinen Steuerbetrug moderat. Weil Uli Hoeneß eine Reizfigur ist, die man trotz alledem nicht missen möchte. Er zählt zu den Oberhäuptern der einzigen weltumspannenden Religion, des Fußballs. Also ist mancher willens, dem kaiserlichen Steueroptimierer Franz Beckenbauer zu glauben, wenn dieser, wie auf Sky geschehen, dreist erklärt: “Na ja, der Uli. Der macht immer zehn Sachen gleichzeitig. Da hat er halt was vergessen.” Und so lernen Menschen, die in einem kompletten Arbeitsleben einen Bruchteil von dem verdienen, was der Bayern-Präsident an Zinsgewinnen einsackt, ein großes Wort aus der Welt der Justiz fehlerlos auszusprechen: UNSCHULDSVERMUTUNG!

Nehmen wir doch einmal an, Uli Hoeneß wäre ein unbeliebter Politiker. Bei der Klage gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geht es noch um ein paar hundert Euro. Aber weil die Bild-Zeitung die Jagd mit allem Nachdruck betrieben hat, wurde der blutleere Nicht-Kämpfer radikal zum Abschuss freigegeben. Was hätte ihm geblüht, wenn er einen Millionenbetrug begangen hätte. Lebenslänglich? Oder Vierteilung durch mit Ecstasy aufgeputschte Heidschnucken?

Andere Beispiele: Der zurecht vergessene Ex-Bundesverkehrsminister der Nachwendezeit, Günther Krause, stolperte darüber, dass seine Ehefrau eine Putzhilfe zu 70 Prozent aus Fördermitteln des Arbeitsamtes bezahlt hatte. Die Menschen fanden es gut. Dem FDP-Politiker Jürgen Möllemann machte im Jahr 1992 die so genannte “Briefbogen-Affäre” den Garaus. Mit dem Briefkopf des Bundesministeriums für Wirtschaft hatte er deutschen Handelsketten einen Chip empfohlen, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte. Ein solcher Chip wurde von der Firma eines seiner Verwandten vertrieben. Der Rücktritt wurde bejubelt.

Das war auch immer so, wenn gierige Manager in die Wüste geschickt wurden. Für den Ex-Vorstandschef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, hatte nach dessen Abgang wegen Steuerhinterziehung niemand mehr ein gutes Wort.

Volkes Sympathie macht jedenfalls den Unterschied. Als Bundesbildungsministerin Annette Schavan wegen einer teilweise abgeschriebenen Doktorarbeit den Hut nehmen musste, heulten nur einige Parteifreunde und das Volk nahm es eher gleichgültig auf. Dagegen wären dem dreisten CSU-Lügenbaron Karl Theodor zu Guttenberg vermutlich Hunderttausende gefolgt, wenn er dazu augerufen hätte, ihn per blutiger Revolution zurück ins Amt zu bringen.

Wie sehr ein entlarvter Gauner tatsächlich verachtet wird, hat also mehr mit dem persönlichen Image als mit dem Ausmaß seiner Tat zu tun. Verlassen kann man sich in dieser Situation wohl nur auf den Volksmund. Alsdenn, Sprichwort Nummer 2: “Bei großem Gewinn ist großer Betrug.” Stimmt.

März 26th, 2013

Wenn die Bank beim Schrumpfen blutet…

“Wenn es dir gut geht, mach dir keine Sorgen. Die nächste Krise kommt bestimmt.” Angesichts dieses Sprichwortes sagen wir mit allem Nachdruck: Danke lieber Volksmund. Denn das ist selbstverständlich die Wahrheit. Der Euro schien längst sicher zu sein, da tauchte sie auf aus dem Nebel der Märkte: Zypern, die Insel des Grauens. Und mit dem neuen Stresstest schlägt wieder die Stunde der bürokratischen Sprachpanscher. Denn kapieren soll das Ganze lieber keiner.

Es ist ein Zeichen heutiger Krisen, dass man uns mit Begriffen zumüllt, die uns sofort signalisieren, dass unser Wissen und wohl auch unser Gehirn zu klein sind, um mit einer Angela Merkel geistig mitzuhalten. Die Frage, wie die EZB den ESF nutzt, um der EU zu helfen, überfordert uns schon. Aber geschenkt. Wir erfahren ja viel Schlimmeres. Etwa, dass auf eine “erzwungene Banken-Schrumpfung” ein “langer Wirtschaftseinbruch” folgt. Und wenn schon “revidiertes Hilfspaket”, dann wenigstens mit “gerechter Lastenverteilung”.

Klar, dass dann der “Rücktrittsdruck” steigt und dass das Schicksal eines Landes “auf Messers Schneide” steht. Anleger müssen “bluten”, weil der Zu- und Abfluss ausländischer Kohle in den Geldwäschereien zu unkontrolliert argelaufen ist und weil deshalb das “Geschäftsmodell” der “Finanz-Oase” kaputt ist. Blut fließt bis zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Zypern seine “volle Schuldentragfähigkeit” wieder erreicht hat.

Denn, auch das lehren uns die Experten: “Wenn dadurch der Schulden­stand des Landes explodieren sollte, wäre auf lange Sicht keine Gesun­dung möglich.” Und an dieser Stelle würde ich intellektuell endgültig aussteigen. Weil ich meine, dass eine Explosion zwar eine Verwüstung hinterlässt, dass aber das Problem nach dem großen Knall nicht mehr da ist. Man könnte es Insolvenz nennen. Ich steige aber nicht aus – weil ich vor lauter Krisengipfel-Sprachschaum gar nicht ins Thema eingestiegen bin. Ich schaue lieber “Schwiegermutter gesucht” und denke mir: Ist doch alles egal. Die Angie wird’s schon richten…

März 21st, 2013

Die Eurokrise und der verstrahlte Sparstrumpf

Die Eurokrise war mal etwas Großes. Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal, Irland – das waren richtige Länder. Entweder wirtschaftlich bedeutend, kulturell überragend, als ehemalige Kolonialmacht prägend für die Weltgeschichte oder wenigstens schön grün, hoch musikalisch und sympathisch versoffen. Aber Zypern! Ja Himmel, was soll denn das jetzt?

Da muss also die gesamte europäische Krisenbewältigungs-Maschinerie angeworfen werden, um eine Mittelmeer-Insel mit 860.000 Einwohnern zu retten. Das entspricht ungefähr dem engeren Ballungsraum Nürnberg. Selbst der bei absurden Vergleichen gerne benutzte Operettenstaat Saarland zählt mehr Menschen. Und wegen dieser paar Leute muss sich unsere Kanzlerin hinstellen und dem zyprischen Volk den vollsten Respekt der Deutschen aussprechen? Während bei einer für Geldvernichtung zuständigen US-Ratingagentur die unvermeidbare Abstufung dieses Staates auf Triple-Ramsch vermutlich von einem nachgeordneten Sachbearbeiter erledigt wird?

Kann eigentlich nicht sein. Doch über allem schwebt eine große Parole: Zypern sei deswegen pleite, weil zu viel Geld von stinkreichen Russen zu aberwitzigen Konditionen auf dessen Banken gelagert sei. Da sei ein “Geschäftsmodell” grandios gescheitert.

Abgesehen davon, dass es sich bei diesem Begriff bei weiterhin inflationärer Anwendung durch unsere Volksvertreter um ein kommendes “Wort des Jahres” handelt, muss es uns tatsächlich Angst machen, dass inzwischen selbst Kleinstaaten für den Euro “systemrelevant” sind. Normalerweise müsste die zweitwichtigste Währung dieser Welt eine solche Inselpleite rückstandsfrei verdauen.

Stattdessen wollte man direkt auf die Konten der Bankkunden zugreifen. Wenn das so weitergeht, kommt der Sparstrumpf wieder in Mode. Zurecht: Die Guthabenzinsen sind eh nur noch knapp über Null, und was dem Volk gebührt sehen gerade die West-Rentner, denen famosen 0,25 Prozent Rentenerhöhung winken. Stopfen wir das Geld also lieber unter die Matratze, achten wir aber auf eine abschreckende Wirkung. Der Strumpf sollte ungewaschen oder radioaktiv verstrahlt sein.

Denn viele Gefahren für unser Esperanto-Geld lauern noch. Zur Eurozone gehören durch entsprechende Abkommen auch San Marino mit seinen knapp 30.000 Einwohnern sowie die vor Kanada gelegenen fränzösischen Inseln Saint-Pierre und Miquelon mit zusammen 6300 Einwohnern. Und schließlich gibt es da noch den Vatikan. Läppische 800 Einwohner, aber in sämtlichen dies- und jenseitigen Fragen hundertprozentig systemrelevant. Inszeniert sich da nicht gerade ein gewisser Franziskus als “Papst der Armen”? Die Ratingagenturen lauern schon…

März 10th, 2013

Alte Männer fliegen nicht so hoch

Beim Berliner Flughafen können sie machen, was sie wollen: Sie sind immer hinterher, sie verpassen jeden Trend. So auch jetzt, als ausgerechnet Hartmut Mehdorn zum Retter des Projektes auserkoren wurde. Ein alter Mann soll es also richten.

Ganz bestimmt ist es eine interessante Frage, wie der multifunktionale Manager mit seinen 70 Jahren diese völlig verkorkste Angelegenheit angehen wird. Drängt er zur Eile, weil er sich, anders als seine jungen Kollegen, seiner eigenen Endlichkeit bewusst ist? Geht er den Flughafenbau mit altersmilder Gelassenheit an? Oder hat man Mehdorn geholt, weil man von ihm weiß, dass er gegen alle Widerstände das sagt, was er für richtig hält? In der Hoffnung, dass sich nur einer wie er das einzig Schlaue zu fordern traut, nämlich das ganze Zeug wegzureißen und neu zu bauen?

All das ist möglich. Zu befürchten ist aber, dass die Flughafen-Aufsichtsräte einem längst überwundenen gesellschaftlichen Trend der jüngeren Vergangenheit hinterherhecheln: Dem Vertrauen in den alten Mann.

Dieser stammt nachweislich aus dem Jahr 2011. Damals hatte eine Umfrage im Auftrag des Magazins “stern” ergeben, dass das Volk den greisen Weisen am ehesten zutraut, die Probleme der Welt zu lösen. Auf Rang eins der Vertrauens-Rangliste landete damals Nelson Mandela, gefolgt von Helmut Schmidt und dem Dalai Lama. Mit Barack Obama folgte der erste U-70-Mensch auf Platz vier.

Bloß, was ist seitdem passiert? Ein Heiner Geißler vermochte es zwar, mediengestützte Demokratie neu zu erfinden. Stuttgart 21 ist aber ein irrwitzig teures Projekt mit ungewissem Ausgang geblieben. Helmut Schmidt hat seiner SPD Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat eingeredet. Was die Partei nicht gerade glücklich macht. Schließlich – und das sei für unsere Berliner Sportsfreunde angemerkt – ist der große Retter Otto Rehhagel 2012 mit Hertha BSC abgestiegen.

Woher der Wind inzwischen wieder weht, zeigt dagegen der FDP-Parteitag. Philipp Rösler ist als Parteichef wiedergewählt worden. Was vor ein paar Monaten noch undenkbar gewesen wäre. Übervater Brüderle bleibt nur, weil man ihn so schnell nicht wegbringt.

Aus all diesen Beobachtungen folgere ich: Das Chaos am Berliner Großflughafen wird bleiben. Die Berufung des alten Mannes Mehdorn wird nichts bringen. In die Geschichte eingehen wird sie als Planungsfehler Nummer 745. Oder 1234? Oder 9711????

Januar 15th, 2013

Schlecker-Frauen? Mein Unwort ist Zeitungssterben

Heute passiert es. Zumindest glauben alle dran. Eine neue Unterart der Spezies Mensch dürfte endgültig in die Geschichtsbücher eingetragen werden: die Schlecker-Frauen. Sie sind zumindest die heißen Favoritinnen für das Unwort des Jahres 2012. Ich hätte einen anderen Vorschlag.

Ja, “Schlecker-Frauen” hätte den Preis für den ärgerlichsten Begriff des Jahres 2012 verdient. Nicht so brutal wie das Vorjahres-Unwort Döner-Morde, aber ebenfalls menschenverachtend.

Suggeriert diese Bezeichnung doch, dass Frauen, sobald sie einige Jahre lang für einen schwäbischen Ausbeuter Deodorants und Zahnpasta verkauft haben, im Leben zu nichts anderem mehr fähig sind. Als würden sie, sobald sie die Welt der Weichspülerregale verlassen, orientierungslos durch ihr Dasein taumeln. Diese vermeintliche Ausweglosigkeit hat uns alle aufgewühlt. Erst recht, als sich unser beliebter Wirtschaftsminister Philipp Rösler an der Suche nach einer, wie er sagte, “Anschlussverwendung” beteiligen wollte. Viel hat er nicht erreicht, der große Verbündete erwerbsloser Frauen.

Ich hätte trotzdem einen anderen Vorschlag: Zeitungssterben. Ehrlich, ich kann diesen Begriff nicht mehr hören, lesen oder sonstwie ertragen. Und begegne ihm, als Journalist, doch immer wieder. Auch hier wirkt es so, als sei ein unerbittliches Schicksal am Werk. Als sei der Tod bei seinen Rundgängen im Blätterwald einem marderartigen Blutrausch erlegen. Als wäre der Zeitungs-Mann der wahre Geselle der Schlecker-Frau.

Liebe Leute, es mag ja sein, dass Zeitungen, weil die Werbung zurückgeht, in Zukunft dünner werden. Und trotzdem mehr kosten. Fest steht aber doch, dass es ohne guten Journalismus nicht geht. Auch dann noch, wenn Nachrichten oder Reportagen nicht mehr auf Papier gedruckt, sondern auf Tablet und PC gefunkt werden sollten. Seien wir also nicht so verzagt, machen wir Zeitungssterben zum Unwort und haken es ab.

Am Rande: Ich bin trotz alledem ein absoluter Fan des Raschelmediums. Warum? Das zeigt der kleine Film…

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Dezember 20th, 2012

Gutscheine gegen die Apokalypse

Wir haben hoch gepokert. Weil ja nun Weltuntergang sein wird, haben wir es uns erspart, durch die Fußgängerzone zu rennen und sind dem Liefertermin-Pokerspiel mit Online-Versendern ausgewichen. Wo alles futsch ist, braucht es auch kein Weihnachtsgeschenk. Ist doch logisch.

Doch spätestens seit heute nagen an uns schwere Zweifel. Laut Zeitung hat das Nürnberger Regionalbischofs-Ehepaar klipp und klar erklärt, dass es keinen Weltuntergang geben wird. Und jetzt stehen wir da. Ohne alles. Als Geizkrägen, herzlose Fieslinge, als Stimmungszerstörer. Gibt es da gar keine Rettung? Jawohl, die gibt es: den Gutschein.

Die Schenkkultur hat sich ja geändert. Früher haben die Verwandten an Weihnachten zuverlässig Christstollen geschickt und wurden dafür mit Bohnenkaffee und Strumpfhosen belohnt. Oma 1 schenkte grundsätzlich Socken und Unterhosen (Feinripp, mit Eingriff), Oma 2 eher mal geschmacklose Blumenvasen. Das war nicht immer wirklich hilfreich, aber es gab einen gemeinsamen Plan.

Heute jedoch herrscht große Ratlosigkeit. Man kennt die wahren Bedürfnisse der anderen noch weniger als früher. Man will es auch gar nicht. Man sieht eigentlich gar nicht ein, warum man den anderen das Geld auch noch hinterherschmeißen soll. Aber: Schenken und sparen, geht das?

Das geht. Man muss nur richtig vorgehen.  Nämlich so: Man stelle einen Bon aus, der erst beim Einlösen zu bezahlen ist. Und schenke dem Schäufeles-Freund einen Gutschein für das ayurvedische Veggie-Restaurant, dem Fußball-Hooligan das Anrecht auf Ballett-Eintrittskarten,  dem Heimwerker ein “Brigitte”-Abo und dem 98-Jährigen ein Prepaid-Guthaben bei Vodafone.

So müsste es gehen. Und wenn die Welt doch noch untergeht, war es so viel Arbeit wenigstens nicht.

 

Dezember 16th, 2012

Der Seehofer ist dem Söder sein Freund

Warum schlägt Horst Seehofer bloß so um sich? Und haut den armen Söders Markus? Ist er nun ein Politiker von Format, der das freistaatliche Schiff durch die Wogen der bayerischen Flüsse und Seen lenkt? Oder ist er Crazy Horst, der ewige Punk? Der es, wenn unter dem zu engen Anzug das Brustwarzenpiercing zwickt, so richtig krachen lässt? Bitte glauben Sie mir: Der Horst weiß genau, was er tut. Er ist dem Markus sein bester Freund.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, einen Menschen berühmt zu machen. Weg 1: Man lobt ihn ohn’ Unterlass. Für seine Freundlichkeit, sein großes Herz, für seine Offenheit, sein Toleranz undsoweiterundsofort. Irgendwann sind die letzten Skeptiker mürbe gemacht. Sie glauben, dass das alles stimmt. Der Held ist geboren – und kann damit beginnen, den Nachweis zu erbringen, dass Menschen ohne auch nur eine schlechte Eigenschaft nicht existieren. Zumindest nicht auf diesem Planeten.

Weg 2: Du greifst den künftigen Helden frontal an. Du sprichst seine schlechten Eigenschaften an. Dass er viel zu ehrgeizig, zu egoistisch ist. Dass er alle Konkurrenten gnadenlos aus dem Weg räumt. Egal, welche “Schmutzelei” es dafür braucht. Und dass er Macht gegebenenfalls skrupellos anwendet.

Wer so angegangen wird, kann einen nachhaltigen Imagewechsel schaffen. Denn er ist zum Opfer geworden. Und den Opfern gilt unsere Sympathie. Was vorher war, was – bei unfähigen Menschen – nicht war, interessiert dann nicht mehr. Das ist der Dienst, den der gute böse Onkel seinem Zögling leisten kann.

Wir können sicher sein: Horst Seehofer weiß, was er tut. Er hat Markus Söder als seinen Kronprinzen auserwählt. Über Schmutzeleien redet jetzt keiner mehr. Sondern darüber, dass der Markus einen neun Meter hohen Christbaum samt energiesparenden LED-Leuchten auf die Nürnberger Kaiserburg gestellt hat. Auf dass das Nadelgewächs  - höher als jedes Minarett dieser Welt – vom Christlichen in der Sozialen Union künden möge.

Eigentlich ist der Söder doch gar nicht so…

 

 

 

Dezember 6th, 2012

Die Not hilft nur den “höheren Wesen”

“It’s the economy, stupid”. Mit diesem Satz hat Bill Clinton vor 20 Jahren die US-Präsidentenwahl gewonnen. Es kommt auf die Wirtschaft an. Zwar sträubt sich bei mir innerlich etwas gegen diese Erkenntnis. Weil ich das Leben lieber idealistisch betrachten möchte. Aber ich muss zugeben: Der Mann hatte recht.

Außerdem: Seit einiger Zeit sind mir bestimmte Textzeilen aus der “Internationalen” ins Hirn gedübelt. In diesem Arbeiter-Kampflied heißt es:  “Es rettet uns kein höh’res Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, noch  Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun.” Über 100 Jahre ist dieser Text alt. Und trotzdem hoch aktuell. Denn er sagt auch: Wenn die Wirtschaft nicht richtig funktioniert, wenn Wohlstand nicht gerecht verteilt ist, wächst die Sehnsucht nach höheren Wesen.

Ein Beispiel dafür ist für mich Ägypten. Dort hat das Volk einen Diktator aus dem Amt gejagt. Es gab die Hoffnung, dass dort die Demokratie ausbrechen würde. Aber die Wirtschaft ist am Ende, auch deshalb, weil die Touristen, aus Angst vor unkontrollierten freiheitlichen Umtrieben, weggeblieben sind. Kein Geld, keine Perspektive – also hilft vielleicht der liebe Gott. Man baut auf die Religion und auf jene, die sie für Machterwerb und -erhalt nutzen. Solche Kräfte haben zudem die reichsten Sponsoren. Wahrscheinlich wird eine Diktatur durch eine andere ersetzt.

In Europa sieht es nicht besser aus.  Je mehr Menschen in EU-Staaten in die Armut getrieben werden, desto voller werden die Kirchen. Umso größer werden aber auch die Chancen für politisch extreme Rattenfänger. Man sieht das in Ungarn, wo im Parlament unverblümt gegen Juden gehetzt wurde. In Italien, wo die Demokratie von einer vermeintlichen Lichtgestalt so ziemlich erledigt wurde, sind rassistische Ausfälle gegen afrikanische Bootsflüchtlinge oder gegen Rumänen gesellschaftsfähig. Und auch in Griechenland wächst die Zustimmung für “höhere Wesen” vom rechten Rand. In Spanien herrscht eine enorm hohe Arbeitslosigkeit, vor allem bei jungen Leuten.  Unter Hinweis auf die Krise wurden Rechte von Arbeitnehmern beschnitten.

Während Deutschland dank niedriger Zinsen bisher stark von der Krise profitiert, wird anderswo die Demokratie kaputtgespart. Dass das nicht mehr lange gut geht, ist schwer zu befürchten. Wenn aber die “höheren Wesen” eingreifen, wird es ganz bestimmt so sein.

 

September 22nd, 2012

Keine Herzens-Demo zum Opernball

Einmal im Jahr, irgendwann zwischen Volksfest und Christkindlesmarkt, gibt sich Nürnberg glamourös. Beim Opernball, der nach dem berühmtesten Maler und dem möglichen künftigen Flughafen-Namenspatron Albrecht Dürer benannt ist, werden die teuersten Abendkleider der Stadt vorgeführt. Sogar echte Stars wurden hier schon gesichtet, wenngleich es im Laufe der letzten Jahre zusehends weniger geworden sind.

Gleichwohl: Der Opernball ist das Allerheiligste der besseren Nürnberger Gesellschaft. Kann es sein, dass in diesem Umfeld demonstriert wird, wenn es einem wichtigen Gast missfallen könnte. Nein, es geht nicht.

Akut bedroht ist die Nürnberger Abendzeitung. Das “8-Uhr-Blatt” wurde 1919 gegründet und ist somit Deutschlands älteste Boulevardzeitung. Ihr derzeitiger Verleger ist der heimische Medienunternehmer Gunther Oschmann. Er hat jedoch die Freude an diesem Blatt verloren, da es laufend hohe Verluste schreibt. Noch im September soll die AZ an einen mutmaßlich interessierten Investor verkauft werden. Ansonsten droht das Aus.

Die beiden Journalisten-Gewerkschaften, die Deutsche Journalistinnen- und -Journalisten-Union (dju) sowie der Bayerische Journalistenverband (BJV) wollten verhindern, dass diese Zeitung geräuschlos verschwindet. Sie wollten Lebkuchenherzen mit der Aufschrift “Ein Herz für die AZ” verteilen.

Gepasst hätte es. Der Opernball ist der wichtigste Treffpunkt der Schönen und/oder Reichen der Region und somit auch die Zielgruppe des Boulevards. Zudem sitzt Gunther Oschmann – als unbestritten großzügiger Mäzen des Hauses – im Stiftungsrat des Staatstheaters.

Doch die Veranstalter sagten Nein, und auch das städtische Liegenschaftsamt soll sich gegen eine Herzensdemo gewehrt haben. Schade drum. Die AZ-Lebkuchen werden ihre Abnehmer finden. Wie es mit der Zeitung weitergeht, wird man in Kürze wissen.

Sollte sie sterben, dürfte sich nicht einmal die anderen Zeitungen freuen. Entsprechende Untersuchungen beweisen, dass die Zahl der Zeitungskäufer dort am größten ist, wo journalistische Vielfalt am größten ist. So etwa in München. Konkurrenz belebt das Geschäft – und ein Farbtupfer im örtlichen Pressemarkt ist auch eine in Auflage und Bedeutung geschrumpfte Abendzeitung allemal.

 

 

September 13th, 2012

Die ESM-Party in der Lindenstraße

“Gib mir ein E! Gib mir ein S! Gib mir ein M! ESM! ESM!” Von unserem Bundesverfassungsgericht geht beim Thema Eurorettung eine geradezu unfassbare Magie aus. Wer immer vor dessen Eilurteil für oder gegen den ominösen Fonds war, hat nach dem Richterspruch von Karlsruhe gejubelt. Es gibt ausschließlich Sieger. Wie kann das bloß sein?

Vielleicht ja deshalb, weil das Gericht die wesentlichsten Erwartungen erfüllt hat. Es lässt den Euro beziehungsweise die Hoffnung auf den Euro weiterleben, aber es hebt auch mahnend den Zeigefinger. Für 190 Milliarden Euro, für sich gesehen eine nicht vorstellbare Wahnsinnssumme, darf Deutschland sozusagen diskussionsfrei geradestehen. Wenn es aber mehr werden sollte, muss der Bundestag gefragt werden. Die Konsequenz: Die Regierung kann weitermachen, die Skeptiker dürfen auch in Zukunft vor der ganz großen Pleite und den bösen Griechen warnen. Die Redaktionen der Fernseh-Talkshows müssen bei der Themensuche nicht allzu kreativ sein. Der Bundespräsident hat unterschreiben können.

Das freut die Spekulanten und das Europarlament, es beschert Angela Merkel einen ruhigeren Herbst und lässt der CSU immer noch genug Stoff, um bei Bedarf einen Anti-Euro-Landtagswahlkampf zu führen. Dann nämlich, wenn die eurokritischen Freien Wähler im Freistaat zu stark zu werden drohen.

Fast scheint es so, als müsste unser ESM besser FFE heißen. Also Friede, Freude, Eierkuchen. Fast scheint es so, als könnte die Eurosache noch richtig populär werden. Wir retten und retten und feiern Marshallplan-Parties. Mit Sirtaki und Ouzo, mit Stierkampf und Freikartenverlosung für Real Madrid und mit Pasta und Bun… – halt, das Ende dieses Satzes hängt davon ab, wer zum Zeitpunkt der Rettung in Italien regiert.

Fröhlich könnten wir die Sache erledigen. Ganz so wie die Spekulanten. So wär’s auch richtig, denn das Grauen kommt eh. 190 Milliarden Euro werden nicht reichen, der Bundestag muss noch zwei, drei Mal ran. Und das Bundesverfassungsgericht wohl auch.  Nein, ein Fest ist das nicht. Eher ein Bündel von Problemen und Beziehungskrisen. Als Fernsehprogramm wäre die Eurorettung wie die Lindenstraße. Mit Hans Beimer, Klausi und Gastwirt Sarikakis als Hautpdarsteller-Troika. Eine vielleicht unendliche Geschichte. Na denn, demnächst mehr in diesem Blog.

August 31st, 2012

Ergo-Skandal: Die nächste Lustreise führt ins Kloster

“Versichern heißt verstehen.” So laut ein Werbeslogan der Ergo Versicherung. So richtig Verständnis findet das Unternehmen zurzeit aber nicht. Die Welt wundert sich darüber, dass es zur Motivation der Verkäufer offenbar Lustreisen in Bordelle oder Swingerclubs braucht. Die Welt fragt, ob das nicht anders geht.

Unbedingt geht das. In allen Unternehmen, die etwas verkaufen oder mit cleveren Dienstleistungen punkten wollen, ist die Motivation der dafür zuständigen Mitarbeiter/-innen ein ganz großes Thema. Eine ganze Branche – die Unternehmensberatungen, Coaching-Agenturen und sonstigen Psychoberater – lebt davon. Und denkt sich auch viel aus: Da gibt es Gespräche, in denen die Hilfschefs fachlich und seelisch die Hosen herunterlassen müssen. Führungskräfte bekommen auf Seminaren das Wesen des “Lean Management” – mit rückläufigem Humankapital immer effizientere Ausbeutung realisieren – erläutert.

Abteilungsleiter und Unterabteilungsleiter hängen an Bäumen, sie stolpern zwecks “Teambildung” über Hochseilgärten. Sie kriechen auf der Suche nach dem richtigen Weg durch dunkle Höhlen, sie marschieren durch Wälder, wo sie sich drei Tage lang nur von Beeren ernähren können. Sie sausen in Schlauchbooten durch Stromschnellen und entdecken die pure Lust am gemeinsamen Kentern.

Viel Psychologie steckt in all diesen Formen der Gehirnwäsche. Aber eine Ergo Versicherunges verspricht nicht nur via Werbung “Klartext”, sie wählt auch die direkte Art. Da man seit der Antike weiß, dass der Entzug von Sex Frieden zu stiften vermag, ist es auch klar, dass wilder, hemungsloser Sex den Mann erst richtig zum Krieger macht.  Und herrscht nicht Krieg in der Versicherungsbranche? Kann man unrentable Lebensversicherungen ohne pathologischen Testosteronüberschuss überhaupt überzeugend verkaufen?

Die Antworten liegen auf der Hand.  Für die Turboverkäufer der nunmehr moralisch geläuterten Ergo Versicherung dürfte dennoch bald ein anderer Wind wehen. Sie werden die jeweils neuen Verkaufsziele in Exerzitien in abgelegenen Klöstern verinnerlichen. Auf die Ergebnisse der konzerninternen Studie zum Thema “Auswirkungen des Heiligenscheins auf die strukturelle Abschlussorientierung” sind wir wahrlich gespannt.

 

 

August 7th, 2012

Markus Söder, unser neuer König von Griechenland

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder. Foto: Gerullis

Von Joschka Fischer stammt die Erkenntnis, dass ein Amt den Menschen mehr verändert als der Mensch das Amt. Bei Markus Söder hat man sich das erhofft. Man hätte meinen können, dass er als Herr über die bayerischen Schlösser und Seen sukzessive königlichen Sanftmut entwickelt. Aber Nein. Söder bleibt ein Haudrauf. Zurzeit knöpft er sich die Griechen vor.

Die Hellenen müssten, so meint er, schleunigst raus aus der Eurozone. Das sei wie beim Bergsteigen: “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen.” Überhaupt müssten die Griechen selbstständiger werden. Denn “irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Aber macht sich Markus Söder nicht bloß ehrliche Sorgen um sein Franken- und Bayernland? Quatsch, er macht sich Sorgen um seine Partei. Die Dominanz der CSU im Freistaat ist gefährdet, und deshalb besinnen sich ihre Strategen auf alte Traditionen. Nämlich darauf, dass die Partei immer dann am erfolgreichsten war, wenn sie vorgeben konnte, das Land gegen einen bösen Feind zu verteidigen. Egal, ob von innen oder außen. Hauptsache, es galt das “mir san mir”.

Kostproben gefällig? 1949 wurde  der Slogan “Ich bin Christ, bin Bayer und Deutscher. Darum wähle ich CSU” plakatiert. 1953 hieß es: “Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!”. 1957 kam der Spruch “Denkt an Ungarn: Seid wachsam!”. Weiter ging es mit “Setzt Deutschland nicht aufs Spiel” (1961), “Die Enteignung ist bei der SPD einkalkuliert!” (1972) und dem legendären “1976 Jahr der Entscheidung Freiheit oder Sozialismus”. 1980 warb die CSU mit dem Spruch “Endstation Volksfront”, 1986 mit  ”Gegen Terror und Gewalt. Den inneren Frieden sichern” und 1990 mit “Schluss mit dem Asylmissbrauch”.

Mal waren es die Kommunisten und Sozialisten, dann die Ausländer, die Sozialhilfeempfänger und später die Islamisten. Immer war das weiß-blaue Biotop für Laptop und Lederhosen bedroht. Und immer gab es nur eine Rettung: Die CSU.

Jetzt also leben die Monster im Süden Europas. Die Griechen, die mit ihrer unfassbaren Faulheit, ihren falschen Zahlen und ihrer grundsätzlichen Unfähigkeit die bayerische Idylle und das christliche Abendland insgesamt in den Abgrund ziehen. Da kappen wir das Seil. Sollen sie doch samt ihren Faulenzer-Inseln in den Fluten der Ägäis versinken.

Wie es richtig geht, wüsste unser Finanzminister, wenn er nur einen Funken Geschichtsbewusstsein hätte. Seit 1826 war Griechenland völlig überschuldet. Und um Kredite von 472.000 britischen Pfund sowie 60 Millionen Drachmenedit durch England, Frankreich und Russland politisch abzusichern, haben die europäischen Großmächte von außen eine Monarchie installiert. 1832 wurde der bayerische Prinz  Otto, Sohn von König Ludwig I. von Bayern, als Otto I. König von Griechenland.

Was damals funktioniert hat, kann heute nicht schlecht sein. Es wäre doch wunderbar, wenn König Markus I. bei Heimweh auf der Akropolis den Frankenrechen hissen ließe. Mit der Verwaltung von Schlössern kennt er sich ja schon mal aus.

 

 

Juli 27th, 2012

Krise? Not? Egal, das Geld muss raus!

Eine Frau, ein Kleid: Angeka Merkel mit Mann, Dirigent und Krawallmacher.

Eine Frau, ein Kleid: Angela Merkel mit Mann, Dirigent und Krawallmacher.

Herbei, Ihr Retter! Der Untergang ist nah! So möchte man es hinausrufen ins raue Klima des globalisierten Globus. Wohin man schaut, ist nichts mehr sicher. Euro? Schicksal ungewiss? Renten? Bestimmt geringer als gedacht. 1. FC Nürnberg und Greuther Fürth? Ohne Nichtabstiegsgarantie. Fazit: Wir können uns nur noch selber helfen.

Zum Beispiel durch Shopping. Experten der Gesellschaft für Konsumforschung wollen herausgefunden haben, dass die Menschen in der Krise ihr Geld lieber verprassen, anstatt die 0,7 Prozent Guthabenzinsen bei ihrer Hausbank einzustreichen. “Die Anschaffungsneigung ist überraschend hoch”, heißt es dazu in der Sprache der Marktforscher.

Ich grüble bloß: Woher wissen die das? Wurden Sie, liebe Leserin, lieber Leser jemals von einem jungen Mann im schwarzen Businessanzug nach ihrer Anschaffungsneigung gefragt? Kennen sie jemand, der jemals nach seiner Anschaffungsneigung gefragt wurde. Haben Sie jemals erklärt, dass sie gedenken, am langen Samstag anschaffen zu gehen.

Wenn ich meiner Fleischereifachverkäuferin gegenüberstehe, sagt die immer noch “Wos derfs  denn sei?”, aber nie “Hamm Sie heid a Neichung nach unsrer Gelbworschd?”.  Niemals hat mich eine Kassiererin beim Discounter gefragt, ob der Kauf von Klopapier und Dosenbier meinen Neigungen entspricht. Oder beschreibt die Anschaffungsneigung in Wahrheit die Körperhaltung beim Blick in einen Wühltisch?

Nein, das ist doch alles frei erfunden. Und den besten Beweis dafür liefert unser aller Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Besuch bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth trug sie wahrhaftig ihre türkisfarbene Premierenrobe aus dem Jahr 2008. Wenn aber schon die Regierungschefin ein derart demonstrative Unlust auf hochpreisige Anschaffungen verströmt – wie soll dann das einfach Volk freudig die Kassen klingeln lassen?

Begreift doch endlich: Dieses Land, dieses Europa wird nicht dadurch gerettet, dass man nur noch alle 20 Jahre ein neues Auto, aber dafür alle neun Monate ein neues Handy kauft. Das Geld muss raus. Und zwar richtig! Merkeln Sie sich das, Frau Bundeskanzlerin!

Juli 25th, 2012

Billigbier, oder: Wir bejubeln den Stillstand

Wie schön, wir sind bescheiden geworden. Über Jahrzehnte hinweg galt es als wichtiges und richtiges  Ziel, für Wachstum zu sorgen. Und das auch in den Geldbeuteln der Menschen. Heute aber feiern wir folgende Meldung: Es geht uns genauso gut wie vor 21 Jahren.

Damals, nach der deutschen Wiedervereinigung, herrschte in der Wirtschaft die pure Euphorie. Mit einem Schlag waren über 16 Millionen hungrige Konsumenten dazugekommen.  Menschen, die endlich ein richtiges Auto fahren und in völliger Freiheit Bananen essen wollten. Die es nicht erwarten konnten, die Schlange im HO-Geschäft mit jener bei Aldi oder Lidl einzutauschen. Von nun an, so war man sich sicher, würden alle Statistik-Kurven unserer Wirtschaft nur noch eine Richtung kennen. Nämlich nach oben.

Das ist Vergangenheit. Heute feiern wir den Stillstand.Wie das Institut der deutschen Wirt­schaft mitgeteilt hat, sind Nettolöhne und Warenpreise seit 1991 im gleichen Ver­hältnis zueinander gestiegen. 2011 habe demnach ein Arbeitnehmer für die geleistete Arbeitsstunde netto 45 Prozent mehr Lohn als vor 20 Jahren bekommen. Die Warenpreise seien im selben Zeit­raum um 43 Prozent geklettert. Die Kaufkraft sei daher gleichgeblieben.

Ein schlagendes Beispiel für seine Vergleichsrechnung liefert das Institut gleich mit. Eine Flasche erfordere wie früher eine Arbeitsleistung von drei Minuten. Für ein Kotelett reichten pro Kilo Fleisch sogar statt damals 36 heute 30 Minuten.

Nette Statistik, aber was ist mit den Preisen für Benzin oder Gas? Auch andere ausgewählte Produkte haben sich stärker verteuert. Bienenhonig ist innerhalb der letzten zehn Jahre um 134 Prozent teurer geworden, Schokolade um 112 Prozent, italienische Spaghetti um 84 Prozent und Joghurt um 67 Prozent.

Offensichtlich gilt auch hier der Satz: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Solange wir noch billiges Bier haben, ist uns Trost gewiss.