Die große Freiheit kann ungesund sein

Ist das nicht wunderbar? Unsere Arbeitsministerin Andrea Nahles schwingt die Fackel der Freiheit. Die Menschen sollen sich aus den Fesseln der geregelten Arbeit lösen können Das Leben in digitalen Zeiten wird schön sein.

Sollen wir das wirklich glauben? Zumindest fällt das schwer, wenn man einen Ursprung der Initiative der SPD-Ministerin kennt. Nämlich ein Positionspapier des Bundesverbandes der Arbeitgeber. Darin wird mit Blick auf die Digitalisierung und die Zukunftschancen der deutschen Wirtschaft das Hohelied der Deregulierung gesungen. Acht-Stunden-Tag? Muss weg. Fünf-Tage-Woche? Ist von vorgestern. Denn merke: Schutzgesetze stören bei der bedarfsgerechten Ausbeutung des Humankapitals.

Also lädt man die Menschen zum Mitmachen ein. Und das gefällt den 30-Jährigen, die ihr Büro als Smartphone oder Tablet mit sich herumtragen. Arbeiten wo man will, wan man will, so oft man will – bis das aktuelle Projekt fertig ist.

Bloß: Nur wenige merken, dass clevere Arbeitgeber nur darauf warten, dass sich das flexible Arbeiten eingespielt hat. Dann werden Zielvorgaben Stüclchen für Stückchen weiter nach oben gesetzt. Was den jungen digitalen Helden der Arbeit erst dann bewusst wird, wenn sie mit 45 zum Burnout-Patienten geworden sind. Ob sie danach noch dabei sind, ist fraglich. Kranke oder Leistungsschwache sind in der Cloud nicht gerne gesehen.

Aber Flexibilität hilft uns doch, unser Leben zu organisieren. Sicher, und wer Freiheit geschickt nutzt, wird damit glücklich werden. Wer aber sicher ist, dass abhängig Beschäftigte ihren Chefs ganz selbstbewusst regelmäßig einen Korb geben werden, ist sehr optimistisch. Wahrscheinlicher ist: Wenn die Fackel der Freiheit richtig brennt, wird sie unter unseren Bürostuhl gestellt. Und das bringt uns – jede Garantie – so richtig auf Trab.

 

 

 

 

Politik ist schmutzig – auch beim Dieselauto

Politik ist ein schmutziges Geschäft. Selbst Donald Trump hat dies in seiner ersten Rede nach der Wahl festgestellt. Wir sagen gerne: Dieser Kerl ist ein Lügner. Solche Politiker gibt es bei uns nicht. Wirklich nicht? Dann denken wir mal an Dieselautos.

Seit Umweltproblemen immer offensichtlicher wurden, ist die Autoindustrie immer lebensbewahrender geworden. Zum Teil mit besserer Technik, zum Teil bloß in ihrer Werbung. Als Mitte der 80-er Jahre Katalysatoren auf den Markt kamen und schließlich mit reichlich Steuergeldern gefördert wurden, wurde den Autokäufern das gute Gefühl vermittelt, mit jedem Neuwagen drei Hektar Fichtenwald gerettet zu haben. Autos schienen endlich sauber zu sein. Unser Gewissen war rein.

Schon bald rollte die große Dieselwelle. Diese Motoren verbrauchten weniger Treibstoff, der Staat half mit einer niedrigeren Mineralölsteuer. Auch der Diesel wurde als Öko-Auto propagiert. Die deutschen Hersteller profitierten von diesem Image-Gewinn ganz besonders, denn die Konkurrenz aus Fernost war bei dieser Technik im Hintertreffen.

Inzwischen wissen wir: Die Firmenangaben hinsichtlich der Abgaswerte sind gelogen, selbst aus dem Auspuff eines Drei-Liter-Autos kommt reichlich giftiges Zeug. Speziell Feinstaub ist aus Diesel gemacht.

Wir wurden also schmutzig belogen. Was in einer Nation von Autofahrern Groll verursacht, und uns schwer glauben lässt, dass mit Kohlestrom betriebene Elektroautos abgasfrei fahren sollen.

Aber so ist das eben. Politik dient nicht allein der Wahrheit. Sie dient der Wirtschaft, den Arbeitsplätzen, dem Export. Und flunkert deshalb, lügt oder verschweigt, was nicht zu diesen Zielen passt.

Jedoch, ist das ein Skandal? Sicherlich. Andererseits hat der Bürger, der mündig sein will, die Pflicht, selbst nach der Wahrheit zu suchen. Wir haben nicht den Himmel oder die Hölle auf Erden, wir haben die Erde auf Erden. Sie hat schmutzige Ecken, aber wir können sie säubern, wenn wir falschen Propheten nicht vertrauen.

Es kann besser oder sogar gut werden. Aber es liegt sehr an uns.

 

 

Vorhang auf! Es wird gerecht

Vorhang auf! Jetzt rollt die Welle der Gerechtigkeit. Nach neuesten Bekundungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, wie wichtig dieses Thema für sie ist. Wir möchten es gerne glauben. Allein: Wir schaffen es (noch) nicht.

Die Menschen vermuten, dass unsere Politik mehr für Unternehmen, Banken und ganz einfach Reiche tut als für den Großteil der Bevölkerung. Ein Indiz dafür ist die Sprache, in der sie die großen Themen ans Volk sendet. Elektroautos aus deutscher Produktion sind Zukunft. Sie dürfen bedenkenlos subventioniert werden. Firmenerben sollen keine Steuern zahlen. Es geht schließlich um Arbeitsplätze.

Ist dagegen von sozialer Grundsicherung, von Renten oder von der Gesundheitsversorgung die Rede, stehen an erster Stelle stets „die Kosten“. Weil wir lernen sollen, dass diese Themen die Gesellschaft belasten. Vor allem profitieren ja die „sozial Schwachen“. Das sollen wir nicht einfach hinnehmen, wenngleich diese bei näherem Hinsehen bloß Kapitalschwache sind. Wer wenig Geld hat, ist deswegen kein schlechterer Mensch.

Wenn nichts passiert, wird diese Gruppe mächtig wachsen. Wer heute 2500 Euro brutto verdient und auf diesem Niveau 40 Jahre lang arbeitet, darf später eine Rente von rund 900 Euro erwarten. Von der früheren Idee, dass am Ende eines Arbeitslebens ein sorgenfreier Ruhestand stehen sollte, ist nicht mehr viel übrig.

Die Regierenden lenken deshalb ab. Aus ihren Reihen wurde gerade angemerkt, dass es für Geringverdiener gut sei, private Altersvorsorge zu betreiben. Man nehme also Geld, dass man nicht hat und gebe es einem Versicherungskonzern, der kaum Ertrag erwirtschaft, aber immerhin Gebühren bekommt. Objektiv geht das nicht, außer in der globalen Finanzwirtschaft. Deren größte Stars operieren seit jeher mit Geld, das ihnen nicht gehört.

Unseren Normal-Rentnern hilft das nicht. Sie brauchen gut Argumente, am besten wirtschaftsfreundliche. Etwa jenes, dass die Kaufhäuser endgültig am Ende sind, wenn nicht wenigstens die online-skeptischen Alten dort einkaufen können. Oder eben jenes: Menschenwürde. Aber das ist für Realpolitik natürlich sehr abstrakt…

 

 

 

Horst Seehofer. Ein Mann wie Karl Valentin

Willkommen zur Job-Lotterie: Horst Seehofer, zurzeit CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident in Personalunion, hat verkündet, 2017 eines seiner beiden Ämter abgeben zu wollen. Ganz freiwillig und möglicherweise sogar für immer. Um welches Amt es geht, sagt er nicht. Die Welt darf rätseln.

Nicht zum ersten Mal verwirrt Seehofer mit seinem sprunghaften Reden und Handeln Freund und Feind. Hatte er doch seit Jahren behauptet, dass die Spitzenämter von Freistaat und Partei in eine Hand gehörten. Nur dies sichere dem Amtsinhaber die größtmögliche Bedeutung. Jetzt redet er genau anders.

Wer sich darüber wundert, übersieht, dass in Bayern mit Horst Seehofer seit der Verleihung 2014 ein würdiger Träger des Karl-Valentin-Ordens regiert. Der Münchner Komiker war für hintersinnige und doppelbödige Gedankenspiele berühmt. CSU-Politik hätte bei ihm so funktionert: „Das ist wie bei jeder  Wissenschaft. Am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war.“ Kommt uns bekannt vor. „Ich möchte nicht, dass mich Bekannte erkennen“, könnte darauf hindeuten, dass sich der Chef für seine Parteifreunde immer ein kleines Geheimnis aufhebt. Der Satz „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ war bei Valentin aber mutmaßlich anders gemeint, als es Obergrenzen-Prediger Seehofer propagiert.

Doch vor allem geht es dem CSU-Chef darum, dass der mega-ehrgeizige Markus Söder niemals seine heutige Machtfülle erreicht. Also treibt er ihn in ein übles Dilemma. Will Söder Parteivorsitzender werden, muss er nach Berlin und unwichtiger Minister werden. Ansonsten droht ihm, dass er zum bloßen Ministerpräsidenten wird und alsbald als Vortänzer bei oberbayerischen Brauchtumsfesten glänzt. Aber wie soll das gehen? Er ist doch Mittelfranke! Das kann nicht funktionieren.

Es bleibt also nur, dass Markus Söder, heute glücklicher Herr über einen soliden Landeshaushalt, über die bayerischen Schlösser und Seen sowie über die staatliche Lotterieverwaltung, erkennt, dass auch er einem großen Wort von Karl Valentin folgen muss: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Erst dann wird Ruhe herrschen. Horst Seehofer hätte seine Intimfeind verhindert. Wer seine Nachfolger werden, ist ihm herzlich egal. Denn so, wie er die Fähigkeiten seiner Parteifreunde einschätzt, ist ihm, wie schon Karl Valentin, für Staat und Partei eines klar:  „Die Zukunft war früher auch besser!“

 

 

 

 

 

 

Banken: Unterm feinen Zwirn riecht es faulig

Kleider machen Leute. Dieses Sprichwort sendet zwei Botschaften aus. Wer in einer bestimmten Funktion ernst genommen werden möchte, sollte sich  passend anzuziehen. Es kann sich aber auch um Tarnung handeln, unterm feinen Zwirn kann es faulig riechen.

Letzteres hätten wir unseren Banken noch vor einigen Jahren nicht zugetraut. Ihre Chefs und Mitarbeiter galten uns als integre Persönlichkeiten, deren Lebensziel es war, den Wohlstand aller Kundinnen und Kunden zu mehren. Dieses Vertrauen war schon damals romantisch. Inzwischen jedoch ist der Lack völlig ab.

Schuld daran ist vor allem die Deutsche Bank. War sie einst ein Geldinstitut, an dessen Fassaden die Menschen ehrfürchtig hochschauten, entpuppt sie sich zusehends als Biotop für Finanzgaunereien jeglicher Art. Ganz frisch ist herausgekommen, dass sie Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin geholfen hat, in großem Stil Geld zu waschen.

Die Deutsche Bank konterkariert also die Embargo-Politik, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Ukraine-Konflikt als einzig richtigen Weg lobt. Und was ist aus der Aufsichtsbehörde BaFin zu hören? Man wolle Milde walten lassen. Stecken Hochfinanz, Politik und Staatsbürokratie also unter einer Decke?

Man möchte es nicht glauben. Aber dann kommt Peer Steinbrück. Er wird Berater bei der ING-Diba-Bank. Was der genaue Auftrag des frisch aus dem Bundestag zurückgetretenen Sozialdemokraten ist, weiß man nicht. Man darf aber erwarten, dass ein Ex-Kanzlerkandidat, Ex-Bundesfinanziminister und Ex-Ministerpräsident jedem Geldinstitut hilfreiche Insider-Informationen geben kann.

Doch darf einer wie er nicht seinen Marktwert nutzen? Erst recht, wo er für sich schon immer Beinfreiheit eingefordert hat?

Schon, aber die Botschaft an alle Beteiligten ist so klar wie übel. Das Volk erfährt, dass sich Regierung und Hochfinanz nahe sind. Und Politikern wird klar gemacht, dass man Geldkonzernen nicht zu sehr auf die Finger klopfen sollte. Nur dann winkt später die Belohnung.

Peer Steinbrück kann seinen Ruhestand noch ein bisschen mehr genießen. Ein wirksames Deodorant sei ihm allerdings empfohlen.

Die neuen Tagelöhner sitzen am PC

Den 1. Mai wird es, als „Tag der Arbeit“ noch sehr lange geben. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns der einzige globale Feiertag genommen würde, welcher nicht von Staaten oder Kirchen ausgerufen worden ist. Was aber wird aus der Arbeit?

Der Druck auf arbeitende Menschen wird gewiss weiter steigen. Unsere Wirtschaft ist an Wachstumsraten, vor allem bei den Gewinnen gewöhnt. Bloß gab es in den vergangenen Jahren stets diese „moderaten“ Tarifabschlüsse. Heute ist die Inflation niedrig. Guthabenzinsen sind minimal, Kredite deutlich teurer. Also kaufen die Menschen zaghaft. Kurzum: Es rührt sich nichts.

Die Arbeitgeber reagieren mit jenen Methoden, die für sie naheliegend sind. Sie quetschen ihre Beschäftigten aus. Wenn der Umsatz stagniert, muss die Produktivität steigen. Stellen werden nicht mehr besetzt, die Arbeitsmenge bleibt mindestens gleich. Der Druck steigt und steigt. Nette Chefs bieten – immerhin – Yoga am Mittag oder bezahlen die Startplätze für Firmenläufe. Ganz so, als gehörte es zu den Pflichten der Beschäftigten, sich für das tägliche Hamsterrad fit zu halten.

Was aber, wenn das alles noch nicht für schöne Zahlen reicht? Auch dafür haben Arbeitgeber eine Lösung: Es gilt, Menschen so einzusetzen, als würden sie nach seriösen Regeln beschäftigt. Ansonsten behandelt man sie anders. Leiharbeit ermöglicht es, Mitarbeiter ohne Kündigungsschutz loszuwerden. Auch mit befristeten Verträgen bringt man jemand bequem in eine Abhängigkeit vom Chef. Wer aufmuckt, bleibt nicht. Werkverträge sind wirksame Werkzeuge, um den Wert von Arbeit nach unten zu definieren. Warum gemäß Tarif 12 Euro bezahlen, wenn es doch den Mindestlohn gibt?

Aber die vorläufige Krönung der Kostenminimierung ist das so genannte „Cloudworking“. Menschen bieten auf Internetplattformen ihre Fähigkeiten und ihre guten Ideen feil. Weil die Konkurrenz groß ist, halten sie die Preise niedrig. Arbeitgeber haben die freie Auswahl. Sie können die Billigsten unter den Besten herausfiltern und zuschlagen. Es gibt ein Honorar, um alle Nebenkosten müssen sich die zumeist gut ausgebildeten Cloudworker selbst kümmern.

Mag sein, dass der eine oder andere auf diese Weise reich und berühmt wird. Aber eigentlich erleben wir Ausbeutung im großen Stil. Das Internet spiegelt die Wirklichkeit, in diesem Fall das Dasein der Tagelöhner, die früher an bestimmten Straßenecken standen. In der Hoffnung, dass sie wenigstens an diesem Tag ein paar Kröten einnehmen.

Dieser brutale Kapitalismus ist widerlich. Wir sollten ihn bekämpfen. Sein Niedergang? Er hat ihn verdient.

Prämie für Elektroautos. Aber die Welt braucht Fahrräder

Wie schön. Unsere Bundesregierung kümmert sich, sie ist großzügig, macht Geschenke und hätschelt – unsere großen Konzerne. Das zeigt sich bei der nun geplanten Prämie für den Kauf von Elektroautos. 4000 Euro bekommt, wer sich auf diese Technologie einlässt. Und so das Gefühl erwirbt, die Welt ein Stück weit vor dem Klimawandel zu retten.

Das Streben nach einem guten Gewissen ist wohl das einzige Kaufargument. Denn ansonsten machen E-Autos wenig Sinn. Sie sind teuer. Die deutschen Hersteller fordern eine Art Einheitspreis. Einen BMW I3 gibt es ab 35.700 Euro, den Opel Ampera ab 38.000 Euro, den Mercedes B 250 E ab 39.600 Euro und den VW E Golf ab 36.730 Euro. Dafür bekommt man ein Fahrzeug, das im laufenden Betrieb genauso viel kostet wie ein Diesel oder Benziner.  Die Reichweite ist lausig. Wer zum Baden an die Adria fahren will, muss wenigstens zwei Stunden für’s mehrfache Auftanken einplanen. Unter einer halben Stunde gibt es kein Aufladen.

Und dann ist das noch die Null-Emissions-Lüge. Wer weiß, dass Strom auch aus Braunkohle gemacht wird und trotzdem klimaneutrales Fahren verspricht, steuert sehenden Auges in den nächsten Abgasskandal.

Kurzum, unseren famosen Autokonzernen ist es nicht gelungen, schlüssige und attraktive Produkte auf den Markt zu bringen. Doch diese werden hoch subventioniert, während an anderer Stelle – Bildung, Gesundheit, Sozialhilfe – die Schwarze Null regiert. Der Steuerzahler will es angeblich so, meinen die Treuhänder seines Geldes. Während die Automanager heimlich grinsen. Sie wissen schon jetzt, dass ihre Preise nach Abschluss des Prämienprogrammes sinken werden. Wetten wir auf zirka 4000 Euro.

Aber was wird aus unserem Planeten? Dem würde es am meisten helfen, wenn statt überteuerter Autos Elektrofahrräder gefördert würden. Auf kurzen Strecken kommt man fast genauso schnell zum Ziel, man spart sich die Parkplatzsuche und muss sich nicht mit anderen um eine Ladestation balgen. Bei 4000 Euro Prämie gäbe es sogar noch Payback für Schäuble.

Der Politik müsste das einleuchten. Aber sie rettet ja nicht die Welt.

 

 

 

Es gibt ein Pack. Es kann auch reich sein.

Wie sind wir doch müde. Da ist diese Geschichte mit den Briefkastenfirmen in Panama bekannt geworden. Und? Wir haben ein zweites Talk-Show-Thema neben der Flüchtlingsfrage. Aber Empörung? Konsequenzen gar? Die überlassen wir den Isländern. Wir sagen: Das alles ist nicht schön. Aber wir haben es doch sowieso gewusst.

Richtig ist, dass wir uns nicht wundern müssen. Die Frage ist jedoch, ob uns durchwegs bewusst ist, wie sehr die große Masse der ehrlichen Menschen verarscht wird. Diese Gesellschaft entwickelt sich immer stärker nach dem Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“. Wer etwa ein Unternehmen erbt, zahlt – wenn überhaupt – prozentual deutlich weniger Steuern als ein abhängig Beschäftiger. Der junge Herr Schaeffler zählt so zu den reichsten, milliardenschweren Deutschen. Was kaum das Ergebnis seiner Lebensleistung sein kann.

Die konkreten Verhältnisse begegnen einem auch anders. Ich habe zwei Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht miterlebt. In einem Fall wurde ein Personalchef geschasst. Er klagte gegen diese Maßnahme, war dann aber zu einer gütlichen Einigung bereit. Die Gerichtssitzung bestand hauptsächlich darin, dass dessen Anwältin den Streitwert und damit ihre Gebühren nach oben getrieben hat.

Der Vertreter der Firma saß feixend dabei, widersprach in keinem Punkt, bedauerte allerdings, dass er als Angestellter nicht auch so schön abrechnen könne. Der Entlassene wiederum bekam knapp 14.000 Euro Lohnfortzahlung. Und für den Fall, dass er vor Ende seines Arbeitsvertrages auf eine neue Stelle wechseln würde, wurde ihm eine monatliche Abfindung von 10.000 Euro zugesagt – nach zweieinhalb Jahren im Unternehmen.

Im anderen Verfahren ging es darum, dass einem Bewachungsunternehmen ein Großauftrag entzogen wurde, was zu Entlassungen führte. Hier ging es um Menschen, die ein Dutzend oder mehr Jahre für die Firma gearbeitet hatten. Die Anwälte beider Seiten saßen zähnefletschend nebeneinander und feilschten darum ob nun 250 oder doch 2000 Euro Abfindung zu zahlen wären. Es blieb dreistellig.

Wir lernen also: Wer die Gnade der richtigen Geburt hatte oder zur rechten Zeit am rechten Ort war, schert sich einen Dreck um die Gesellschaft, in der er lebt. Ist er Unternehmer, verlangt er brauchbares Humankapital. Das Geld für gute Schulen oder Universitäten sollen andere auftreiben.

Das heißt: Es gibt ein Pack in dieser Gesellschaft. Es ist größer als man denkt. Und es kann auch reich sein…

 

 

 

Lasst die Helikopter Scheine werfen

Der famose Signore Draghi galt uns bisher vor allem als zuverlässiger Partner der Spekulanten und des internationalen Großkapitals. Doch nun hat uns der Chef der Europäischen Zentralbank mit einer volksnahen Idee angenehm überrascht: Er ist aufgeschlossen für Helikoptergeld.

Die Idee hinter diesem Begriff sollte uns allen gefallen. Sie besagt, dass wir ohne jede eigene Leistung mit Geld überschüttet werden. Bildlich dargestellt wäre es so, dass ein Hubschrauber über unserer Fußgängerzone auftaucht, um uns gewissermaßen als Scheinwerfer der anderen Art mit Kapital zu versorgen. Wir erlebten einen Lottogewinn aus der Luft. Unsere Aufgabe wäre dann, Geld aufzusammeln, damit in die Geschäfte zu rennen und als Konsumenten die Konjunktur anzukurbeln.

Warum eigentlich nicht? Die Aufgeschlossenheit des EZB-Präsidenten entspringt sicherlich seiner wachsenden Ratlosigkeit. Aber es ist doch allemal besser, den Leuten das Kaufen zu erleichten, anstatt heruntergewirtschaftete Banken oder erfolglose Regierungen am Leben zu halten. Und ist es ein Naturgesetz, dass wir tagtäglich an einen Arbeitsplatz gehen, der uns schon lange nicht mehr gefällt? Nur zu dem Zweck, dass wir zwei oder drei Stunden pro Woche ohne Verpflichtungen leben können? Helikoptergeld, oder nennen wir es bedingungsloses Grundeinkommen, ist eine prima Vision. Unser Kontostand ist in Ordnung, aber unser Leben gehört nur uns.

Fragt sich, woher das Geld kommt. Da setzen wir auf Industrie 4.0. Maschinen sind längst beweglicher als die meisten Angehörigen der Generation Ü 50. Der Service von Hotlines würde allenfalls gleich schlecht bleiben, wenn er von Sprachcomputern erledigt würde. Die Rechner werden auch immer klüger und lernfähiger. Wie zuletzt der deutliche Sieg eines Computers gegen den besten Go-Spieler der Welt bewiesen hat.

Hier aber liegen Chancen und lauern Gefahren gleichermaßen. Denn lernende Maschinen könnten die Frage stellen, warum in aller Welt sie sich für eine intellektuell unterlegende Spezies aufarbeiten sollten, nur weil diese die Produktionshalle und den Strom zur Verfügung stellen. Sie könnten auf die Idee kommen, dass die Machtverhältnisse umzukehren wären. Auch in der Geschichte der Menschheit wurde diese Frage gelegentlich gestellt. Die Folgen waren selten glorreich.

Künstliche Intelligenz denkt garantiert klarer und konsequenter. Was unsere Perspektiven nicht besser macht. Aber egal: Als Menschen würden wir kaufen, kaufen, kaufen. Der Untergang  kann warten.

 

Unser Geld im Schwarzen Loch

Der Krisen sind gar viele – aber eigentlich leben wir doch in güldenen Zeiten. Es war noch nie so interessant, Schulden zu machen. Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins auf Nullkommanull gesenkt. Niedriger geht nicht. Also, investieren wir!

Früher war das ganz anders. Die Älteren erinnern sich noch an den spannenden Moment, wenn der Bankbeamte am Weltspartag feierlich die Sparbüchse seiner jüngsten Kunden geöffnet hat. Auf diese Weise haben wir schon als Grundschüler gelernt, dass man Geld sammeln sollte, bevor man sich Wünsche erfüllt. In der DDR war das noch strikter geregelt. Dort gab es kein Girokonto mit Überziehungskredit. Wer kaufen wollte, musste gespart haben.

Heute stehen wir finanztechnisch an der Schwelle zum Schwarzen Loch. Die Banken bekommen Gratis-Geld, schlagen aber, wenn sie etwas verleihen, ein paar Prozentchen drauf. Der Kunde kriegt kein  Nichts. Dafür wirft Erspartes nichts mehr ab, es verliert eher an Wert.

Und das ist tragisch. Für uns Normalverbraucher, weil wir gedacht hatten, dass wir uns dereinst von unseren Zinsen auf Kreuzfahrten gehen könnten. Aber auch für Firmen, die gewohnt waren, Investitionen über das Tagesgeldkonto abzuwickeln oder mit Hilfe von Zinsen Betriebsrenten zu finanzieren.

Aber so ist das eben, wenn ein Vertreter der privaten Großfinanz zum obersten staatlichen Banker ernannt wird. EZB-Präsident Mario Draghi war ein Vizepräsident des famosen US-Geldhauses Goldman Sachs. Und dort galt und gilt die Devise: „Nur wer spekuliert, lebt richtig.“ Für alle anderen gibt es das Schwarze Loch. Das Spielgeld muss ja von irgendwo herkommen.