Die aufrechten Anständigen sind wichtiger denn je

Man bekommt das Gruseln. Wahrscheinlich noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg treten Neonazis so offen und dreist in Erscheinung. Und noch nie haben sie so viele brave Mitläufer gefunden. Es hat sich etwas Übles zusammengebraut in diesem Land.

Es wird wirklich Zeit für den “Aufstand der Anständigen”. Dieser war, nach fremdenfeindlichen Verbrechen der Vergangenheit, ein wiederkehrender Aufruf. Man dachte, das Problem sei ein Vorübergehendes und könnte beseitigt werden. Leider falsch.

Eher scheint es so, als würde die oftmals besoffene Gewalt von Rechts zum alltäglichen Geschehen. Staunen muss man darüber nicht. Wer keine Perspektive hat, wird anfällig für Hass und die wachsende Ungerechtigkeit Land ist nicht zu übersehen. Die Hartz-Gesetze mögen der Konjunktur gut getan haben, aber sie führen dazu, dass eine große Zahl von Menschen vom Wohlstand abgekoppelt wird.

Nach Angaben der Gewerkschaften gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Befristete, prekäre Jobs sind nicht mehr die Ausnahme. Und wer in Hartz IV gefallen ist, muss als “Kunde” der Arbeitsagenturen auch gleich ein paar Grundrechte abgeben. Freie Wahl des Arbeitsplatzes? Unverletzlichkeit der Wohnung? Recht auf Eigentum? Freie Entfaltung der Persönlichkeit? Ist weg oder eingeschränkt – wie bei einem Häftling. Wer Hartz IV braucht, lebt in einem Gefängnis.

Nun gibt es ausreichend reiche Deppen. Wer arm ist, gröhlt auch nicht automatisch mit dem rechten Mob.

Trotzdem: Starke Worte aus jeweils aktuellem Anlass bekehren keine Rassisten und jene, die sich mit ihnen solidarisieren. Die  Aufgabe, eine offene und gerechte Gesellschaft zu gestalten, endet nicht im Umfeld der Flüchtlingsheime. Sie ist viel, viel größer. Ohne aufrechte Anständige, die die Politik auf Trab halten, wird es nicht gelingen.

 

Das beste Wissen kann auch falsch sein

Sollte Angela Merkel vor 45 Jahren West-Fernsehen angeschaut haben, dürfte ihr der Begriff “Gewissen” recht oft über den Weg gelaufen sein. In Werbespots mahnte er Hausfrauen, ausschließlich Lenor, den allerbesten Weichspüler zu verwenden. Weich und weiß sollte die dreckige Wäsche werden.

Im Jahr 2013 hatte die Kanzlerin ihren Weichspüler immer in der Nähe. Nämlich den Nasal-Akrobaten Ronald Pofalla. Ihm gelang es, die dummerweise kurz vor der Bundestagswahl aufkeimende NSA-Affäre mit allerlei Halbwahrheiten und – wie wir heute wissen – frechen Lügen  wirksam zu beendet. Merkel wurde glorreich wiedergewählt. Und Abhöraffären, mit deutscher Hilfe gar? Die gab und gibt es entweder nicht oder die Chefin wusste nichts. Schließlich agiert sie “nach bestem Wissen und Gewissen”.

Unsere Regierungschefin sagt also nichts als die Wahrheit? Nicht unbedingt. Die Sprache der Juristen meint nicht immer, was man bei flüchtigem Hinsehen zu lesen glaubt. “Grundsätzlich” etwa bedeutet nicht, dass etwas immer so gemacht wird. Ausnahmen vom Grundsatz sind immer möglich. Auch “in aller Regel” besagt letztlich nur, dass etwas oft so ist, aber auch anders sein kann.

“Nach bestem Wissen” bedeutet demnach nicht, dass dieses Wissen richtig ist. Man kann ja falsche Informationen bekommen haben oder von bösen Individuen absichtlich getäuscht worden sein. Oder man hat Zusammenhänge versehentlich falsch interpretiert. Dann handelt man auf der Basis von Unsinn, kann aber nichts dafür, weil noch besseres Wissen gerade nicht verfügbar war.

Und das Gewissen, das beste Gewissen gar? Das ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Wir mögen romantisch davon träumen, dass Gewissen pur und rein sei. Aber auch hier gilt, was Juristen gerne sagen: Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wem oder welcher Sache wir helfen wollen oder dienen, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Gerade in der komplizierten Politik sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Wir folgern: Der Satz “nach bestem Wissen und Gewissen” ist nicht das Versprechen der objektiven Wahrheit, das das Volk so gerne hören möchte. Falsches sagen, ohne zu lügen, das ist vielmehr die Kunst der hohen Politik. Und Angela Merkel ist sehr begabt…

100.000 neue Jobs – ich habe drei davon

Wer braucht heute noch Rituale? Wir sind freie Menschen, die am liebsten machen, was sie wollen. Das merken die Kirchen. Das merken auch die Gewerkschaften am 1. Mai. Auf den Kundgebungen sind weniger Menschen zu sehen als in früheren Zeiten. Weil es uns so gut geht?

Es ist falsch, den Kapitalismus rundum zu verteufeln. Die Marktwirtschaft hat mehr Wohlstand für den Einzelnen geschaffen als andere Wirtschaftssysteme. Und in Staaten, in denen es ums Geld geht, lebt es sich in der Regel besser als in solchen, in denen das Paradies auf Erden zum Ziel erklärt wird. Oder sehnt sich jemand von uns ernsthaft nach einer Gesellschaft, die nach religiösen Regeln organisiert ist?

Aber es ist eine Lüge, dass alle Menschen vom Gewinnstreben profitieren. Diese Lüge wiederum wird seit einigen Jahren wieder größer. Wo Preise für Produkte und Dienstleistungen sinken und gleichzeitig die Gewinne hoch bleiben sein sollen, wächst Ausbeutung zwingend.

So ist es bei uns. Sofern die Aussagen der Gewerkschaften stimmen, gibt es alleine im Großraum Nürnberg 60.000 Beschäftigte, die vom Mindestlohn profitieren. Was ja bedeutet, dass diesen Menschen vor der Einführung des angeblichen “Bürokratiemonsters” weniger als 8,50 Euro in der Stunde gezahlt wurde. Wer das hört oder liest, zweifelt schnell am deutschen “Jobwunder”. Wir haben laut Statistik so viele Beschäftigungsverhältnisse wie noch nie. Aber für viele Geringverdiener lautet die Formel: “Es gibt 100.000 neue Jobs. Ich habe drei davon.”

Wir fragen uns: Schämen sich solche Unternehmer nicht? Nein, tun sie nicht. Denn zugleich werden von den Kommunen Millionenbeträge bezahlt, um die Löhne auf das Existenzminimum aufzustocken. Steuergelder werden also verwendet, um Ausbeutung abzusichern. Wie absurd ist das? Glauben wir wirklich, dass Verbraucher kein Geld für den angeblich monsterhaften Mindestlohn übrig haben?

Nein, Geiz ist eben nicht geil. Alleine schon, um dieses klarzustellen, haben sich die Mai-Spektakel gelohnt. Unternehmen haben auch der Gesellschaft zu dienen.  Punktsieg für’s Ritual…

 

 

Gleicher Lohn fällt nicht vom Himmel

Es war also wieder Equal Pay Day. Bei Veranstaltungen, in Reden, auf Flugblättern wurde auf die “geschlechterspezifische Entgeltlücke” aufmerksam gemacht. 22 Prozent weniger verdienen Frauen im Durchschnitt laut Statistischem Bundesamt. Bloß: Der Kampf gegen ungerechte Bezahlung hat nicht nur mit Gleichberechtigung zu tun.

Übel wird es immer dort, wenn die Gier von Arbeitgebern auf die Naivität, Trägheit oder auf eine schlichte Hilflosigkeit der Arbeitnehmer trifft. Im Kapitalismus darf man es Unternehmern nicht vorwerfen, wenn sie versuchen, mit geringstmöglichem Aufwand einen größtmöglichen Ertrag zu erzielen. So läuft das Geschäft. Fairness ist in diesem System nicht zwingend.

Nun wissen kluge Chefs, dass anständig bezahlte Mitarbeiter/-innen bessere Ergebnisse bringen. Doch allzu oft siegt die Gier über den Verstand. Also nutzen Unternehmer auch noch das allerletzte Schlupfloch, um ihre Beschäftigten auszunehmen. Bis vor ein paar Jahren war das die Leiharbeit. Heute wird vor allem mit Werkverträgen  Geld gespart. Oder man setzt gleich auf Soloselbstständige. Die sind selber schuld, wenn sie für ein Butterbrot schuften.

Aber wie kommt man zu anständigen Löhnen? Wie kann es gelingen, dass Geschlechtergleichheit nicht dadurch hergestellt wird, dass Männer weniger bekommen? Unsere weit verbreitete Sehnsucht ist, dass sich das schon irgendwie ergibt, dass jemand für uns sorgt. Obwohl erwiesen ist, dass Geld nicht vom Himmel fällt, dass Scheinwerfer keine Scheine werfen und dass Chefs anderen nur seltenst Geschenke machen.

Also gilt: Man erreicht etwas, wenn man sich zusammentut, gemeinsam etwas verlangt und andernfalls mit Liebes-, sprich Arbeitsentzug droht. Oder anders ausgedrückt: Wo es keine Gewerkschaften, keine Tarife und keine Betriebsräte gibt, werden die Menschen verarscht. Wahrheit kann so einfach sein…

 

 

 

 

 

Heiliger Computer, Du machst uns kaputt

Viel häufiger als früher lesen wir Meldungen, dass es berufstätigen Menschen immer schlechter geht. Das Bruttosozialprodukt wächst kaum noch, der Stress wird größer und größer. Die Leute klagen, sind erschöpft. Manche bringen sich mit Medikamenten auf Trab. Was aber führt zu dieser Entwicklung? Mindestens mitschuldig ist: Der Computer.

Wir wollen nicht in Erinnerungen an die schönen nicht-digitalen Zeiten schwelgen. Früher war nicht bloß besser. Zum Beispiel musste man zum Kauf eines Buches zum Händler laufen. Wer sich verlieben wollte, musste den mühsamen Weg des Balzens oder des Schönsaufens gehen. Für all dies reichen heute ein paar Klicks.

Aber die Computerisierung unseres Daseins hat Schattenseiten. So sind wir gerade auch am Arbeitsplatz zu Sklaven von zumeist US-amerikanischen Programmierern geworden. Für jede Tätigkeit gibt es eine Software. Und wer da meint, seinen Job auch ganz anders machen zu können, täuscht sich.

Ein richtig großes Problem ist die Datensicherheit. Wo digital Werte geschaffen werden, gibt es, wie im analogen Leben auch, böse Leute, die das für ihre Zwecke nutzen wollen. Man versucht, Mitteilungen mitzulesen, Bank-Passwörter zu knacken oder Computer fernzusteuern. Das Abfischen von Daten, um passende Werbelinks zu schicken, ist noch die harmlose Variante. Sowieso hat man den Eindruck, dass viele Hacker eher große Kinder als Gauner sind. Gottseidank.

Trotzdem gilt: Wer über interessantes Material verfügt, muss sich wehren. Also investieren Firmen enorme Geldsummen in antivirale Aktionen und drangsalieren ihre Belegschaft mit Verhaltensregeln. Wenn der antivirale Schutzwall hält, ist alles gut.

Wirklich? Nein, denn diese Kosten müssen irgendwo erarbeitet werden. Die Produktivität muss steigen – und damit der Stress für jeden einzelnen. Und weil es immer mehr Software gibt, die den Hackern ihre Attacken erleichtert, muss immer mehr dagegen unternommen werden.

Die große Verheißung des Digitalen war, dass unser Leben leichter, spannender und demokratischer werden würde. In vielerlei Hinsicht ist das so.  Aber die Nebenwirkungen sind erheblich. Ist Bill Gates also mehr Messias als Teufel? Ist das Internet mehr Verbrechen als Versprechen? Wenn man nachdenkt, kommt man wenigstens ins Grübeln…

(Anmerkung: Dieser Text wurde mit amerikanischer Software an einem Laptop erstellt)

 

 

Arbeitgeber sind wie Wasser…

Vorsicht, dieses Land ist in Gefahr. Ein gefräßiges Monster ist unterwegs. Es verzehrt Gewinne, ruiniert famose Firmen und verteuert das Leben für Alle. Es ist der Mindestlohn. Seitdem er gilt, heulen die Chefs.

Der Trost: Arbeitgeber sind wie Wasser. Sie finden immer einen Weg. Der ist manchmal einfach. Wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, darf sechs Monate lang ungestraft Lohndumping betreiben. Auch Praktikanten eignen sich als billige Arbeitskräfte, weil sie die 8,50 € pro Stunde erst bekommen, wenn sie mehr als drei Monate wertschöpfend für ihren Traumberuf üben.

“Bürokratie” als Kampfbegriff geht immer. Darüber jammern zurzeit zum Beispiel die Transportunternehmen. Müssen sie doch die Arbeitszeit ihrer Fahrer dokumentieren. Die Arbeitgeber flehen “Rettet uns!” – aber ist was dran? Wieso kann jeder von seinem Sofa aus verfolgen, auf welcher Autobahn sein bestelltes Paket gerade unterwegs ist, aber nicht, wie lange ein Mensch für die Lieferung am Steuer gesessen ist?

Vielleicht geht das nicht, weil Arbeitsstunden manchmal länger dauern. Wenn ein Zimmermädchen vor dem Mindestlohn pro Stunde vier Zimmer gereinigt hat, bekommt sie jetzt den Auftrag, in dieser Zeit sechs Zimmer herzurichten. Das ist nicht zu schaffen, aber die unbezahlte Zusatzzeit ist eben arbeitnehmerisches Risiko.

Apropos: Machen wir doch abhängig Beschäftigte zu mündigen Unternehmern. Schaffen wir Jobs für selbstständige Schubkarrenfahrer. Diese mieten beim Chefunternehmer Karre und Schaufel und bearbeiten dann die Baugruben 9, 10 und 11. Mindestlohn muss nicht gezahlt werden, denn Freiberufler handeln ihr Honorar selber aus.

Das ist der eigentliche Traum der Ausbeuter. Sie bieten Arbeit an und 20 Tagelöhner balgen sind darum, indem sie sich immer weiter unterbieten.  Das 19. Jahrhundert ist zurück. Der Mindestlohn beginnt bei Null. Fressen dürfen wieder die richtigen Leute.

P. S.: Statt Mindestlohn ging auch Schwarzarbeit. Die Bundesregierung weiß das und hatte deshalb geplant, beim Zoll jedes Jahr 160 zusätzliche Kontrolleure auszubilden. Inzwischen ist man davon abgekommen. Man verstärkt mit ihnen lieber die Polizei. Offizielle Begründung: Die islamistische Bedrohung. Die Isis-Mörder helfen beim Lohndumping? Wenn sie das bei Pegida erfahren, dann gnade uns Allah und jeder andere Gott.

 

Horcht ruhig, Ihr Controller: Ich kaufe Osterhasen

Anders als die Masse der anständigen Kapitalisten glaube ich nicht an das segensreiche Wirken der Controller. Ich halte diese vielmehr für eine verzichtbare Spezies. Schließlich liegt es auf der Hand, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, anderen etwas wegzunehmen. Aber Kontrolle ist Zeitgeist. Auch im Privatleben. Da kümmern sich Meinungsforscher um unser Wohlbefinden – und um unsere Markttauglichkeit.

Besonders erfolgreich auf diesem Feld ist die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Sie hat uns in diesen Tagen erfreuliche Nachrichten übermittelt. Ihren Erkenntnissen hat unter den Menschen dieses Landes der Index Kosumerwartung deutlich zugelegt. Nach einer fünfmonatigen Talfahrt. Auch der Index Einkommenserwartung sowie die Anschaffungsneigung seien deutlich gestiegen. Die Anschaffungsneigung soll sogar den Faktor 49,1 erreicht haben.

Die Anschaffungsneigung in Deutschland ist demnach genauso hoch ist wie die CSU-Wahlbereitschaft in Bayern. Das ist sensationell, aber ansonsten überrascht uns die GfK nicht so. Dass die Kauflust kurz vor Weihnachten höher ist als sonst hätte ich sogar noch nach der zweiten Flasche Wein zutreffend vorhergesagt. Und das Konsumklima muss meines Erachtens in dieser Jahreszeit hervorragend sein. Es sei denn, die schlecht bezahlten Werkvertragsmitarbeiter wissen nicht, wie man im Shoppingcenter die Klimaanlage regelt.

Aber ich helfe der GfK gerne, diese, unsere Welt noch besser zu verstehen. Kurz vor Weihnachten schießt der kollektive Gansverzehrsneigungs-Index stark nach oben. In manchen Regionen dem Vernehmen nach bis 91. Der Glühwein-zur-Bratwurst-Koeffizient ist enorm. Meine persönliche Verdauungsneigung wiederum ist morgens nach dem Aufstehen höher als sonst am Tag, auch mein Kaffeetrink-Index steigt um diese Uhrzeit stark. Genauso, wie meine persönliche Heimgeherwartung am späten Nachmittag ab 16.30 Uhr sukzessive zunimmt.

Liebe Controller, liebe sonstige Aushorcher: Lasst mich mit Euren Erkenntnissen in Ruhe. Werft alle Eure Erkenntnisse in einen Topf und nennt das Produkt Kaffeesatz-Index. Ich widerstehe jedenfalls aus purem Trotz dem gerade günstigen Parfümklima-Index. Und kaufe Osterhasen. Da schaut Ihr, gell?

Der Kapitalismus enteignet seine Jünger

Wir haben unsere Banken falsch verstanden. Dachten wir doch, die Geldinstitute würden arme Schlucker mit schwindsüchtigen Girokonten verhungern lassen, wenn sie bloß die vermögende Elite gut versorgen würden. Aber in Wahrheit ist es anders: Reichen Sparern droht der “Negativzins”.

Die Vorreiterin spielt die Skatbank im thüringischen Altenburg. Wer dort mehr als 500.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto angelegt hat, muss ab sofort ein Viertelprozent Strafzins zahlen. Branchenriesen wie Commerzbank oder Deutsche Bank wollen bald folgen.

Was ist da los? Wahrscheinlich erleben wir den Beginn einer verrückten Enteignungswelle. Man muss sich doch nur einmal überlegen, was passiert wäre, wenn der designierte linke thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow vor dieser Skatbank einen Negativzins gefordert hätte. Er wäre längst weg vom Fenster. Und wie viele Talk-Shows hat dieses Land schon über das Thema Vermögenssteuer erlebt? Nichts ist daraus geworden, eine von oben verordnete Verringerung von Reichtum wurde als ausgesprochen schädlich für Wachstum, Konsum, Export und was es sonst noch gibt entlarvt.

Scheinbar. Was nicht mal Rot-Grün geschafft hat, erledigen die Chef-Butler der Kapitalisten jetzt selber. Und mit welch schönem Begriff: Negativzins. Das klingt zwar nicht positiv, aber immerhin so, als gäbe es zum Geldverlust wenigstens einen Schnaps. Es liest sich, als würde Ursula von der Leyen das für sie ungehörige Wort “Rückzug” durch “Vorstoß in den rückwärtigen Sektor” ersetzen. Es gab ja auch schon Müllkippen, an deren Zaun das Schild “Entsorgungspark” geschraubt wurde. “Talentfrei” klingt auch netter als “untalentiert”.

Genießen wir also die Schönheit der Sprache – und nutzen wir sie bei Bedarf. Wenn uns die Bank den Kredit für’s neue Auto wegen unserer hohen Schulden ablehnt, weisen wir das zurück. Schließlich verfügen wir über ein nicht unerhebliches Negativvermögen – und sind allenfalls ein bisschen “unreich”.

Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: “Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab’ für sowas keine Zeit.”

Gleich wird auf das Motto verwiesen. “Gute Arbeit. Soziales Europa”. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet “Damit ein stabiler Euro allen hilft”. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung “Stolze Stellvertreter” genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.