Archiv der Kategorie ‘Krisen und Aufschwung’
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt
Manchmal wäre ich gerne altmodisch. Es würde mir gefallen, wenn ich zur Maikundgebung nur deshalb gehen würde, weil ich das als Lebensritual so gewohnt bin. Es würde mir gefallen, wenn ich sicher sein könnte, dass es Fahnen, Transparente, Parolen und Reden eigentlich nicht mehr braucht. Weil für die Menschen alles gut geregelt ist. Dummerweise stimmt das nicht.
Ich denke da an die Situation junger Menschen. Bei uns, mehr aber noch in anderen EU-Staaten. Da gibt es gerade eine Generation mit äußerst mäßigen Zukunftsaussichten. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten unsere Weltkonzerne das “alte Europa” abgeschrieben. Da gibt es noch eine Generation, die anständig Geld verdient hat und verdient. Die darf ihren Erben über die Runden helfen. Die wahren Zukunftsmärkte sind aber woanders.
Zur heutigen Lage fällt mir Karl Marx ein. Er hat geschrieben, dass der Ochse dem Bauern keineswegs seine Arbeitskraft verkauft, sondern dass der Ochse dem Bauern ganz gehört. Und so hätten es viele Chefs gerne mit ihren jungen Beschäftigten. Nicht nur, dass die modernen Kommunikationsmittel eine ständige Erreichbarkeit nach Feierabend ermöglichen. Man macht sich die Menschen auch durch Befristungen gefügig.
Fragt man einen Chef, warum er feste Jobs nicht gleich vergibt, wird er vielleicht sagen, dass das üblich und letztlich doch gar nicht so schlimm sei. Oder er wird sagen, dass es gut sei, gerade junge Menschen durch eine Befristung zusätzlich zu motivieren.
Tatsächlich aber will er eine größere Macht über seine Nachwuchskraft. Und wenn diese erst einmal zum Gehorsam erzogen ist, wird sie später nicht mehr aufmucken. Der Mitarbeiter ist gut, wenn er zum Ochsen geworden ist.
Mich widert das an. Aber es zeigt auch, dass niemand darauf warten sollte, dass Fairness quasi von oben herunterregnet. Wer alleine keine Macht hat, muss gemeinsam auftreten. Also ist klar, wo ich am 1. Mai 2013 sein werde. Auf der Straße. Schön wär’s, wenn es dabei nur um Rituale ginge.
Fußball macht keine Demokratie
Manchmal wirkt der politische Betrieb wie ein fester Bestandteil des allgemeine Unterhaltungsbetriebes. Es gibt offenbar keine Obergrenze für die Zahl verschrobener Debatten. Gerade läuft wieder eine solche. Die Fragestellung: Muss die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine boykottiert werden? Muss gar das ganze Turnier in ein in Sachen Menschenrechte unverdächtiges Land verlegt werden?
Man kann es wirklich übertreiben. Gut, da liegt also die frühere Ministerpräsidentin der Ukraine, Julia Timoschenko, mit einem Bandscheibenschaden im Gefängnis. Sie wird dort schlecht behandelt. Also wollen wir nicht mehr hin.
Sicher, das Verhalten der ukrainischen Regierung ist herzlos, schäbig und angesichts der Auswirkungen auf ihr internationales Ansehen reichlich doof. Aber hat die zu ihrer politischen Glanzzeit durchaus machtbewusste Frau Timoschenko den Rang einer Märtyrerin?
Das nicht. Da denke ich eher an die Menschen, die in Bahrain gefoltert wurden, während die schnellen Formel-1-Bubis in den Strampelanzügen vorbeidüsten. Millionäre, die für sich beanspruchen, doch nur ein bisschen Sport zu machen, die nur spielen wollen. Und wie brutal wurde und wird in Aserbaidschan “aufgeräumt”, damit der Eurovision Song Contest mit reichlich Glitzerkulisse ablaufen kann?
Es ist gut, wenn unsere Politiker(innen) ihre Möglichkeiten nutzen, um auf Unrecht hinzuweisen. Zum Beispiel, indem sie sich nicht auf Ehrentribünen setzen, sondern die EM-Spiele daheim anschauen. Aber wer gar so sensibel über das Schicksal der Julia Timoschenko klagt, sollte sich gerne der Frage widmen, wie mies zum Beispiel bei uns Bewohner(innen) von Pflegeheimen behandelt werden. Auch da gäbe es viel zu tun.
Man sollte den Sport nicht überschätzen. Ein paar Fußballern schaffen keine saubere Demokratie, genauso wenig, wie die Olympioniken China revolutioniert haben. Bleiben wir also auf dem Teppich. Oder auf dem grünen Rasen.
Wer denkt an die Schlecker-Männer?
Arme Schlecker-Frauen. Mit Euch hatten die FDP-Politiker kein Mitleid. Hilfe vom Staat gibt’s nicht. Geht doch zum Arbeitsamt, wenn Ihr Kohle braucht.
Aber wieso klagen alle immer nur über das Schicksal der Schlecker-Frauen? Denkt keiner an die Schlecker-Männer? An die Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter? Jedes Ausbeutersystem funktioniert erst durch willige Vollstrecker.
Es war doch nicht Schlecker senior persönlich, der seine Frauen im Sozialraum und auf der Toilette ausspioniert und der für jede Kleinigkeit Abmahnungen oder Kündigungen geschrieben hat. Nein, das waren jene Männer, die sauber ihren Job erledigt haben.
Das Prinzip funktioniert überall: Wenn der Mächtige dem Ohnmächtigen die Chance gibt, auf andere Menschen Macht auszuüben, ist dieser gnadenloser als der wirklich Mächtige selbst. Das gibt es im Kleinen, wenn der Abteilungsleiter seinen Mitarbeitern klarmacht, warum man leider, leider nur Minilöhne zahlen kann.
Es klappt auch im Großen. Ein Diktator Assad jagt ja nicht persönlich Stromstöße durch die Körper von Gefangenen oder schneidet Gliedmaßen mit dem eigenen Küchenmesser ab. Er hat seine Helfer. Die erledigen das, weil es für das Vaterland notwendig ist.
Schauen wir also dankbar auf das Werk der Bezirks-, Oberbezirks- und Hauptbezirksleiter. Hätten wir sie ungestört machen lassen, wären Shampoo und Klopapier bei Schlecker am billigsten. Die Firma wäre niemals pleite gegangen. Die wahren Liberalen wissen: Auch der Ausbeuter ist ein Erfolgsfaktor in einer freien Marktwirtschaft. Aber wer fragt demnächst schon noch die FDP?
Warum sind Chefs so herzlos?
Weil die Chefs in Deutschland ihre Mitarbeiter viel zu selten loben, haben sich immer mehr Menschen gedanklich von ihrer Arbeit verabschiedet. Doch wollen wir wirklich von jedem Chef gestreichelt werden? Und was denken Vorgesetzte wirklich?
Benzinwucher: Wir wollen Rache!
Haben Sie es auch schon bemerkt? Man geht auf die Straße. Da, plötzlich, hört man diesen leisen Ruf, der überall durch die Lüfte weht: “Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.” Und ausgesendet wird er von jenen Menschen, die auf ihr Auto angewiesen sind.
Eine neue Studie hat also ergeben, dass die Mineralölkonzerne die Krisen dieser Welt zum Wucher nutzen. Bei fairer Berechnung könnten nur 60 Prozent der aktuellen Verteuerung begründet werden. Ja, aber was glauben wir denn? Haben wir jemals etwas anderes vermutet? Es ist nicht das vorrangige Ziel kapitalistischer Unternehmen, den Menschen Gutes zu tun. Sondern es geht darum, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen.
Und wir senden ja selbst Signale aus, dass wir das hinnehmen. An der Tankstelle, indem wir den billigeren Pflanzenfusel ignorieren. Aber ganz grundsätzlich auch dadurch, dass wir uns in eine Schlange stellen, um ein Apple-Produkt im Wert von 200 € für 500 € kaufen zu dürfen. Das signalisiert: Es ist immer noch genug Geld da, um es zu verprassen. Die Ölgeier glauben das nur zu gerne. Zumal sie ein ziemlich konkurrenzloses Produkt haben.
Wie also reagieren? Blockieren wir Tankstellen-Zufahrten mit Lichterketten? Besuchen wir die Tankstellen mit einem Fahrradkorso und stoppen den Betrieb, indem wir eine lange Schlange am Luftmessgerät bilden? Stellen wir die Tiger eines Wanderzirkus vor die Tür und fordern frisches E10-Futter?
Reagieren wir darauf, dass die Tankstellen sechs Mal pro Tag den Preis verändern und bleiben demonstrativ so lange an der Zapfsäule stehen, bis der beste Preis angezeigt wird? Ketten wir uns so lange an die Zapfsäulen, bis die Polizei mit Bolzenschneidern kommt?
Alles ist möglich, alles rettet uns nicht wirklich aus unserer Not. Am Ende hilft uns wohl nur das Beispiel der antiken Heldin Lysistrate. Sie hatte eine Sex-Verweigerung der Frauen organisiert. Verabreden also auch wir uns zum Liebesstreik. Solange Wucher herrscht, wird nichts mehr eingeführt. Und wenn es, wie in unserem Fall, die Zapfpistole ist…
Die Freiheit gehört zu Deutschland!
Er sei weder Heilsbringer, noch Heiliger und auch kein Engel. Das sagt der neue Bundespräsident Joachim Gauck über sich selbst. Wenn man die ersten Reaktionen auf seine Wahl so anschaut, fragt man sich allerdings: Wissen das auch die
anderen? Die Verehrung des neuen Mieters von Schloss Bellevue hat etwas leicht Hysterisches.
Am ehesten stemmen sich noch die Fernseh-Talkshows gegen den sich anbahnenden Personenkult. Deren Macher bekämpfen ihren Phantomschmerz nach Christian Wullfs ruhmlosem Abgang damit, dass sie tagtäglich analysieren, ob dieser Gauck denn tatsächlich der Richtige sei und wie es aussähe, wenn alles ganz anders gekommen wäre. Die Suche nach dem zweiten diskussionsfähigen Thema neben alten und neuen Präsidenten ist in den Redaktionen bislang erfolglos geblieben.
Aber zurück zu Joachimg Gauck. Wirklich günstig ist seine Lage nicht. Denn das Ausmaß der Verehrung bestimmt die Fallhöhe. Die ist erheblich. Bei Gaucks Vorgänger Christian Wulff waren die Erwartungen von vorneherein niedrig. Er scheiterte allerdings auch daran, dass sein reales Verhalten nicht zu seinem Image gepasst hat. Man hatte ihn als farblosen
Saubermann eingeschätzt – tatsächlich war er ein Freund gewinnbringender Netzwerke.
Öffentliche Einschätzung und tatsächliches Auftreten und Handeln müssen zusammenpassen. Dissonanzen werden vom Volk nicht verziehen. Und so steht der neue Bundespräsident vor der Aufgabe, fünf Jahre lang der klügste, wachsamste, kritiscthe und mitfühlendste Präsident aller Zeiten zu sein. Einer zu sein, der zu jeder Zeit und in jeder Situation ein Stückchen besser ist als der Rest der politischen Kaste.
Als Zyniker möchte man da von Herzen „Viel Vergnügen“ wünschen. Und übrigens: Von Christian Wullff ist als positivie Leistung eigentlich nur der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland!“ in Erinnerung geblieben. Einen zentralen Satz von Joachim Gauck haben wir bereits begriffen, ohne dass er ihn genau so gesagt hätte: „Die Freiheit gehört zu Deutschland!“. Weitere Ideen sind willkommen…
Die Energiewende als Kreisel
Das ist es nun also: Ein Jahr Fukushima. Deutschland ist auf dem Weg zur atomkraftfreien Republik. Weil unsere Bundeskanzlerin und Physikerin damals so entschieden und aus vollster Überzeugung gehandelt hat. Aber war das wirklich so?
Heute loben viele Menschen Angela Merkel für ihren Mut, die Kernkraft zu beerdigen. Zu oft wird dabei vergessen, dass sie mit ihrer Energiewende nichts Neues hat beschließen lassen. Den Atomausstieg gab es schon vor ihrer Amtszeit. Die Kanzlerin hat nur den Mut zum Zurückrudern bewiesen. Sie hat zuerst mit den Kernkraft-Lobbyisten gekuschelt, um ihnen dann abrupt die kalte Schulter zu zeigen. Die Bezeichnung “Energiedrehung” träfe ihre Politik also besser.
Ungewöhnliche Dinge sind damals passiert. Ein Regierungssprecher trug einen blauen Schutzanzug wie aus einem Godzilla-Film. Die Fernseh-Nachrichtensendungen wurden um das “Japan-Wetter” verlängert. Damit auch die Deutschen wussten, ob wegen der jeweiligen Windrichtung Großstadtmenschen, Reisplantagen oder Pottwale besonders strahlungsgefährdet waren. Hätte es Atomausstieg II ohne Fukushima gegeben, hätte möglicherweise Schriftstellerin Charlotte Roche ein Problem gehabt. Sie hatte Christian Wulff kostenlosen Sex angeboten, falls sich dieser dem Gesetz zur Laufzeitverlängerung verweigern würde. Eine gefährliche Offerte, wie man angesichts der Vorliebe des Ex-Bundespräsidenten für Geschenktes aus heutiger Sicht weiß.
Zwei Anti-Atom-Aspekte wirken erstaunlich: Obwohl der japnische Super-Gau inzwischen ein Jahr zurückliegt, hat sich an der breiten Ablehnung der Atomenergie in Deutschland nichts verändert. Erstaunlich in einer Zeit, in der sich die Themen beziehungsweise Empörungen ansonsten sehr rasch verändern.
Erstaunlich ist aber auch, dass so wenig passiert, um das atomkraftfreie Leben wirklich zu ermöglichen. Zuletzt hat die Regierung das Umsteigen auf erneuerbare Energien eher erschwert. Die Stromkonzerne wollen ihre Aktionäre befriedigen und rufen nach dem Klimafeind Kohle. Kann es also sein, dass irgendwann wieder gerudert wird? Dass die Energiedrehung zum Energiekreisel wird? Dann wird es uns noch richtig schwindlig. Auch ohne Strahlung.
Video: Das Leben ist ein Fahrstuhl
Im Leben geht es meistens Auf und Ab. Mancher wird zum Star und stürzt genauso schnell wieder ab. Mancher gerät in die Krise – kommt aber wieder nach oben. Dazu ein paar Gedanken aus dem Fahrstuhl…
Hilfe, mich plagt das Milliardärs-Mitleid
Liebe Leser, ich muss zugeben: Ich bin verwirrt. Einfach deshalb, weil ich Mitleid mit einer Ex-Milliardärin habe. Jawohl, Madeleine Schickedanz tut mir leid. Und ich wünsche ihr, dass ihre famosen Anlageberater ordentlich zahlen müssen.
Die Quelle-Erbin ist mir in ihrer ganzen Tragik sympathisch. Sie kann nicht mit Geld umgehen, was sie mit mir als Journalisten definitiv verbindet. Angehörige meines Berufsstandes wollen ja – zumindest wenn sie jung sind – zuallererst die Welt retten und erst anschließend über die Bezahlung reden.
Madeleine Schickedanz hat geerbt, hat sich aber mit fiesen Gestalten in Nadelstreifen eingelassen. Dabei hat sie irrsinnig viel Geld verloren. Für Superreiche ist das superschlimm. Denn wenngleich ein paar wenige Milliönchen übrigbleiben sollten, so ist doch das Renomée im Eimer. Das tut besonders weh – ein Psychiater in New York hat sich darauf spezialisiert, diese Wunden der Betuchten zu heilen. Schickedanz hatte ihr Vermögen darauf gesetzt, dass ihr Konzern gerettet werden kann. Das ehrt sie, die Geldgeier Marke Esch und Middelhoff haben jede denkbare Retourkutsche verdient.
Die gönne ich auch dem Drogerie-Patriarchen Anton Schlecker. Er konnte sein riesiges Vermögen dank Leiharbeit, Lohndumping und Schikanen gegenüber der Belegschaft scheffeln. Bei ihm sage ich: Es ist an der Zeit, dass er einen gewissen Rest-Charakter zeigt und in die Rettung der Arbeitsplätze investiert.
Sollte er es nicht tun, stelle ich folgende Frage: Warum kann man eigentlich nur die Konten von afrikanischen und arabischen Tyrannen einfrieren? Das müsste bei deutschen Wirtschafts-Diktatoren doch auch gehen.
Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen
Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.
Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen.
Wir haben also wieder Lust auf den Opa, der uns im Lehnstuhl sitzend die Welt erklärt. US-Präsident Barack Obama, der mit 64 Prozent den vierten Umfrage-Platz erreicht, ist in diesem Sinne ein echter Ausreißer. Während der Fünfplatzierte, Günther Jauch, mit 55 Jahren unverschämt jung ist, aber eben auch Unmengen sinnlosen Wissens unter die Menschen streut.
Der Trend zur Erfahrung zeigt sich auch beim ersten Fußball-Star unter den Vorbildern. Nicht Gomez oder Götze liegen vorne, sondern Bundestrainer Joachim Löw. Mit 54 Prozent rangiert er drei Punkte vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Papst Benedikt XVI., der in seinem schonungslosen Kampf gegen die Überbevölkerung die Homosexuellen zur Bedrohung für die Welt erklärt hat, rangiert mit 32 Prozent schon deutlich dahinter. Und erst dann folgt unser eigentliches hauptamtliches Vorbild, Christian Wulff. Nur jede/r Fünfte erklärt ihn um Idol.
Das ist dramatisch schlecht, aber wir wollen gerne annehmen, dass Guido Westerwelle und Herr Achmedinedschad aus Teheran noch schlechter dastehen. In unserer schnelllebigen Zeit wird man eben leicht mal unpopulär.
Eine Frage aber bleibt: Wo sind unsere vorbildlichen Frauen? gut, Inge Meysel und Heidi Kabel sind tot. Aber was ist mit unserer Familienministerin? Ach so, Kristina Schröder ist zu jung. Stimmt, doch Hoffnung ist da. 93 wird sie im Jahr 2070. Bis dahin, ganz sicher, ist sie eine richtig gute Politikerin.
Röslers Mitte hilft uns gar nicht
Also sprach Philipp Rösler: “Wir brauchen Wachstum in der Mitte.” So also stellt sich der FDP-Chef den Weg zur Rettung des Landes, seiner Partei und seiner eigenen Jobs vor. Warum das alles so gut sein soll, sagt er aber nicht.
Wir alle wissen, dass sich außer der Linken alle Bundestagsparteien in “der Mitte” daheim fühlen. Das liegt wohl daran, dass man dort die große Masse an Menschen und somit das größte Wählerpotenzial vermutet. Wahrscheinlich denkt man auch, dass dort Eigenschaften wie Vernunft, Politikverstand und Duldsamkeit verortet sind.
Das Zentrum hat aber einen großen Nachteil: Es ist nur bedingt zukunftsfähig. Die Masse der Vernünftigen strebt vor allem danach, gut zu funktionieren. Kreativität, die Lust auf Veränderung, kommt hingegen meistens von den Rändern. Das Wort “Mittelstand”, das jeder FDP-Chef permanent vorbeten muss muss, signalisiert keinesfalls die Lust auf Bewegung.
Und wenn man sich einen normal proportionierten Menschen anschaut, so sitzt die Mitte irgendwo in der Nähe des Bauchnabels. Dort wächst also in erster Linie das Bauchfett.
Wachstum in der Mitte führt also letztlich zur Figur von Helmut Kohl. Und einen solchen Politiker wollen wir so schnell nicht wieder haben. Nicht mal als FDP-Chef. Schlechtes Motto, Herr Rösler!
Reiche in Not – Arme früh tot
Ich schreib jetzt einfach mal, was ziemlich viele denken: Eure Armut kotzt mich an! Seit dem Abschied von Sabine Christiansen sind die Reichen aus den Talkshows verschwunden. Nur einige viel zu junge FDP-”Politiker” halten das Fähnchen unserer Leistungselite hoch. Ansonsten gibt es nur noch ein bisschen Rettungsschirm, tonnenweise Ungerechtigkeit sowie Not, Not, Not und nochmals Not.
Leute, begrift doch: Reiche Menschen haben es schwer. Sie haben etwas zu verlieren. Sie werden vom Staat geschröpft. Brutalstmöglich, nachdem sie ihr Luxusauto und die selbstverständlich für das Büro angeschafften teuren Skulpturen von der Steuer abgesetzt haben. Nachdem sie nachweisen konnten, dass sie beim Restaurantbesuch mit der hübschen Sekretärin auch einen Geschäftsfreund getroffen und im Rotlichtviertel von Rio de Janeiro eine umfangreiche Markterkundung vorgenommen haben.
Das alles kommt erst mal weg – aber was dann zu zahlen ist, ist immer noch viel zu viel. Man sagt nicht umsonst, das man Steuern “abführt”. Diese Gesetze sind doch fürs Klo.
Dagegen die Armen. Schon Jesus hat sie als die eigentlich Glückseligen beschrieben. Leben von Luft und Liebe. Gut, sie rauchen mehr als unsereins. Was bedeutet, dass sie die asozialste Steuer dieser Republik berappen, die Tabaksteuer. 4,90 € kostet die Schachtel. 3,58 € kriegt der Staat. Macht zusammen 13,5 Milliarden.
Aber dafür sterben die Armen auch früher. Sagt eine neue Statistik. Ihnen bleibt es also erspart, in einem sündhaft teuren Wohnstift dement dem Ende entgegen zu dämmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, weil sie ihr Rentenwegfallalter (veritabler Fachbegriff) viel zu spät erreichen.
Ja, wir sollten den kapitalschwachen Menschen für alles danken, was sie für diese Gesellschaft leisten. Dazugehören will ich aber nicht. Sag ich mal, sozial schwach wie ich bin.
Gibt es den Krieg gegen den Euro?
Der FDP-Humorbeauftragte Rainer Brüderle hat gerade zu Protokoll gegeben, dass er kein Freund von Verschwörungstheorien sei. Aber manchmal falle es schwer, den Eindruck zu widerlegen, dass amerikanische Rating-Agenturen gegen die Euro-Zone arbeiten. Aber wie ist es wirklich? Stellen wir doch einfach ein paar Fragen.
Die Agentur “Standard & Poor’s” gibt es seit 70 Jahren. Sie wurde von den berühmten Märkten beachtet, war aber nie ein großes Thema für die breite Öffentlichkeit. Wie kommt es, dass sich plötzlich alle Welt für diese Firma interessiert? Wer bringt sie mit solcher Macht in die Nachrichten? Ist diese Agentur wirklich unabhängig vom Staat? Ist es Zufall, dass sie gerade jetzt so massiv auftritt, wo es der US-Wirtschaft so schlecht wie noch nie seit dem Zwiten Weltkrieg geht? Hängt die internationale Bedeutung von “Standard & Poor’s” und anderen US-Agenturen davon ab, dass der US-Dollar die Welt-Leitwährung bleibt?
Könnte es sein, dass die USA einen starken Euro als Bedrohung für ihre Währung und für ihre Stellung als Weltmacht ansehen? Was würde zum Beispiel ölfördernde Staaten erwarten, wenn sie ihre Kontrakte auf Euro umstellen würden? Was würde es für die USA bedeuten, wenn sich China dem Euro zuwenden würde, zu Lasten des Dollars?
Kann man Krieg auch an den Börsen führen?
Und dann hätte ich noch ein ganz anderes Problem: Was passiert, wenn das globale Finanzgewerbe feststellt, dass Diktaturen wie China mehr Geld generieren als demokratische Staaten?
Ich finde, diese Fragen darf man stellen.
Ein Hebel hilft nicht – nehmt Schweinwerfer!
Oh, Du heiliger Hebel! Da werden also der Euro und Europa überhaupt durch ein physikalisches Instrument gerettet. Zwar ist Jubel nicht mehr in diesen politisch schwierigen Zeiten. Aber es geht doch ein erleichterter Seufzer durch die Parlamente. Alleine, ich glaube nicht, dass jetzt alles gehebelt, ähm geregelt ist.
Als Schüler gehörte ich im Fach Physik stets zu den Dümmeren. Auch heute noch bin ich ein handwerklich unbegabter Mensch. Aber begriffen habe ich doch, dass es sich bei einem Hebel um einen Kraftwandler handelt. Man benutzt ihn, um Dinge zu bewegen, die ansonsten wie festgemauert in der Erden vor einem stehen würden. Ein Hebel hilft auch, eine Masse schneller zu bewegen. So etwa beim Rudern.
Bloß, das Ding, um das es geht, bleibt das gleiche Ding. Gelingt es mir also mit Hilfe eines Hebels, eine Waschmaschine in meine Wohnung zu wuchten, so wiegt diese, oben angekommen, genauso viel wie unten. Was bedeutet: Die 440 Milliarden Euro, um die es beim Rettungsschirm im Moment geht, bleiben auch im gehebelten Zustand 440 Milliarden.
Würde mein Chef mein Gehalt hebeln, könnte ich mir eigentlich auch nicht mehr kaufen. Es sei denn, es gäbe da einen Investor, der alle Kosten jenseits der Anzahlung übernimmt. Aber warum und wofür sollte der das tun? Das ginge nur über hohe Zinsen, die mein Chef, im übertragenen Sinn also das Volk, übernehmen müsste. Was mich angeht, wäre ich einverstanden. Aber mein Arbeitgeber macht es bestimmt nicht.
Irgendwo habe ich mal diesen Satz aufgeschnappt: “Es gibt nur einen mächtigen Hebel aller Zivilisationen: die Religion.” Man müsste demnach vor allem an die Euro-Rettung glauben. Sorry. Ich war in Religion immer viel besser als in Physik. Aber das schaffe ich nicht. Nicht bei diesem Thema.
Und so vertraue ich auf die nächste Rettungsschirm-Idee. Mit einer Ariane-Trägerrakete werden Scheinwerfer ins All geschossen, die dann jeweils am Ende ihrer Umlaufbahn über Griechenland Scheine werfen. So schaffen wir es. Bis dahin entspanne ich mich vor der Glotze. Vielleicht läuft ja wieder mal “Willkommen bei Carmens Hebel”.
Der Präsident bremst an der Dänen-Ampel
Die Wahlen sind gelaufen. Jetzt ist die Stuner, um die Ergebnisse sorgfältig in den Gremien zu analysieren. Da mach’ ich doch mal mit.
Vor allem ist mir Sonntagabend aufgefallen, wie provinziell wir denken. Oder wie wenig internationales Hirn uns die seriösen Medien zutrauen. Entgegen aller Bekundungen, dass Europa für unser Schicksal entscheidend sei, wurden wir fast ausschließlich mit Schleswig-Holstein befasst. Sicher, man darf ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern nicht vernachlässigen. Aber muss tatsächlich bei jeder noch so nebensächlichen Regionalwahl die komplette Demoskopie-, Wählerwanderungsanalyse-, Elefantenrunden- und Talk-Show-Maschinerie in Gang gesetzt werden?
Ich kann zwar gut über den Begriff “Dänen-Ampel” schmunzeln, aber es ist es mir reichlich egal, wie viele Krabbenfischer zu den Piraten übergelaufen sind. Und dass der “Genosse Trend” nicht stramm marschiert, sondern eher mit dem Rollator herumschlurft, sollte der SPD inzwischen auch ohne Kieler Ergebnisse klar sein.
Da ist die Wahl in Frankreich doch erheblich schicksalshafter. Immerhin haben einige Atomraketen den Besitzer gewechselt. Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni hat gerade dies an ihrem Nicolas très sexy gefunden. Der sitzt nun, seines Phallus’ beraubt, beschäftigungslos auf dem Sofa. Meine Prognose: Von dieser Ehe werden wir noch einiges hören und lesen.
Tja, und dann Griechenland. Dieser Staat ist für Europa von der Einwohnerzahl ungefähr so bedeutend wie Schleswig-Holstein für Deutschland. Das dortige Wahlergebnis sollten wir uns aber ganz genau anschauen. Offensichtlich wird der politische Kurs, der die einen kaputt macht, während sich andere im Glanz ihrer Exporterfolge sonnen, nicht mehr akzeptiert.
Erschreckend viele Griechen haben radikalen Politikern Vertrauen geschenkt. So haben Revolutionen oder sogar Bürgerkriege begonnen. Alsdenn: Diese Wut sollte uns viel mehr interessieren, als die Frage, ob ein norddeutscher Landtag künftig in Jamaika liegt.