1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: “Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab’ für sowas keine Zeit.”

Gleich wird auf das Motto verwiesen. “Gute Arbeit. Soziales Europa”. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet “Damit ein stabiler Euro allen hilft”. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung “Stolze Stellvertreter” genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.

 

 

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: “Wir brauchen die Rente mit 70.”

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema “Der beste Senf zur Rostbratwurst” durch “Glücklich mit veganen Nudeln” zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  “Mord im Spielsalon” oder “Abmursken Second Hand” hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz “Sie kennen mich” – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

Der Kunde ist Opfer. Teil 1: Der Toner

Achtung, hier beginnt eine Trilogie. Genauer gesagt, eine Kunden-Tragödie in drei Akten. Ich schreibe sie in der festen Erkenntnis, dass die Menschen in diesem Wirtschaftssystem verarscht werden. Aus Gründen der Authentizität sind fränkische Zitate unvermeidbar. Teil eins: Der Toner.

Ehrlich, ich war stolz auf meinen koreanischen Drucker. Ach was, Drucker. Ein Gerät mit Kopier- und Scanfunktion, eine vervielfältigende Wollmilchsau sozusagen. Und zu einem Preis, der noch vor fünf Jahren für einen Laserdrucker bestenfalls als schüchterne Anzahlung gereicht hätte. Irgendwas knapp unter 200 Euro. Ein allerfeinstes Geiz-Geil-Schnäppchen also. Das Gerät arbeitete gut. Aber dann: Blink, blink, der Toner ist leer. Wir wissen: Der Toner ist dem Drucker sein Akku. Also immer futsch, wenn du ihn dringend brauchst. Auf zur Ersatzbeschaffung.

Erste Station: Eine “Tinten-Tankstelle”. Der Verkäufer mustert den mitgebrachten Toner-Behälter und stellt die gnadenlose Frage: “Welcher Dübb iss’n Ihr Druggär?” Die angemessene Antwort “Meistens netter als ich gleich bin, du Hirni” verkneift man sich. Also Schulterzucken und der Hinweis an den Experten, dass der Firmenname draufstehe und dass es doch eine Seriennummer geben müsse. “Waddens. Ja, doh. Iich gebs amohl in mein Kombjuder ei.” Gefühlte zehn Minuten später die erlösende Botschaft: “Dou hammern. Obä, den mäimer beschdelln. Villeichd wär’s ja besser, wenn Sie dahamm noch amohl wecha dem Dübb nochschauerdn. Wall wissns, ma schdeggd ja ned drinn.”

Na gut, fragen wir die Konkurrenz. Zweites Geschäft, der Verkäufer ist sauber gekämmt, ein Scheitel, wie mit der Streitaxt gezogen. Er spricht hochdeutsch. “Grüß Gott, ich bräuchte einen Toner für einen S……. M 2070. Schwarz-weiß reicht.” Verkäufer: “Moment, ich geb’ das mal in meinen Computer ein. Ja, da ist er.” “Bin ich jetzt froh.” “Ja, aber den haben wir nicht im Sortiment.” “Wie? Jetzt?” “Den kriegen Sie bei uns nicht.” “Sie wollen mir also jetzt sagen, dass ich einen Toner, den ich ohne Problem von daheim aus bestellen könnte, bei Ihnen nicht kriege?” “Exakt.” “Sie verarschen mich.” “Nö.” “Sie wollen mich nicht als Kunden?” ” Na ja, das ist zu hart ausgedrückt.” “Sie meinen es ernst?” “Exakt.”

Die anschließende Google-Suche – zwecks Lieferzeiten-Vermeidung dringend angeraten – führt mich zu “flinken Printware-Profis” in meiner Nachbarschaft. Sensibilisiert durch meine Erfahrungen will ich erst mal wissen, ob der Toner vorrätig ist. Telefon wird abgehoben.  “Trallitralla, Dings, Dings. Wos konni fiehr Sie duhn?” Kurze Problemschilderung. “Ja, den konn ich besorgn. Bis morgn middoch.” Und was kostet der? “44 Euro – und die Schdeuer  gäihd eggsdra.” “Wie? Hallo? Das ist fast teurer als der Drucker.”

“Ja und, wäi mahner nou Sie, dass unsere Kondserne ihr Geld verdienä? Immä iieber die Ersaddsdeile.Als Kosumend willmer a Schnäbbchen – dofür bezohld mer dann hinterher.” “Ja, aber 44 Euro?” “Des is wecherm Badend. Dou is a Badend-Schudds draaf.” “Aber Toner gibt’s seit Jahrzehnten.” “Dann schauers doch, wos heidzudooch alles baddendierd werd. Sie könna genauso goud die Badroner von Ihr’m Fülla baddendiern. Und wenn der La Rosch am Amaddsonas a Unkraud find, des gecha Durchfall hilfd, nou kummd a Schdembbl draaf midd der Aufschrifd ‘Erfundn von Farmaindschenör Wilhelm Dell’. Des machds hald erschd amohl deirer.” “Gibt’s keine Alternative?” “Ned werggli. Groud däi von Ihrer Firma sinn voll aggressiv, wos Badendverleddsungen ohgäid. Do sogn mir Finger wech.”

“Na gut, ich komme gleich vorbei.” “Na, besser ned. Wall, där Dohner is draußn im Lohcha. Den bringerd unsä Fohrer vorbei. Nou hammsn schneller.”

“Unser Fahrer” arbeitet für die DHL. Die Lieferung kostet 2,90, Endpreis 55,75 Euro. Handelt die Post jetzt auch mit Druckerbedarf? Egal, wenigstens war auf dem Transporter kein “Badend” drauf.


 

 

 

 

 

 

Die lustigen Rentner sind unser Ruin

Ach, diese Rentner. Sie werden uns ruinieren. Sie sind unser Verderben. Wollen bezahltes Nichtstun schon mit 63. Obwohl der Zusammenbruch der Ökonomie droht. Widerliche Egoisten!

Erstmal: Die Debatte ist aufgeblasen. Wer mit 63 ohne Abschläge gehen will, muss ja 45 Jahre als Beitragszahler/-in gearbeitet haben. Daran dürfte der schnelle Abgang öfters scheitern. Aber das ist eine Randbemerkung.

Erstaunlicher ist die Verlogenheit unserer Wirtschaftsbosse. Vor ein paar Jahren wurde das Thema noch ganz anders gehandhabt. Ältere Beschäftigte wurden als Problem gesehen. Sie seien unflexibel, könnten dem technologischen Fortschritt nicht mehr folgen. Außerdem seien sie ständig wochenlang krank oder auf Reha. Und teurer seien die Alten sowieso.

„Jung und dynamisch“ war angesagt. Also wurde in vielen Firmen aufgeräumt. Die Generation Ü50 wurde weggschickt, bevorzugt mit hoch subventionierten Altersteilzeitverträgen.

Inzwischen fehlen die jungen Kräfte – und schon entdeckt unsere Wirtschaft neue Werte. Ältere Beschäftigte verfügten über unersetzliche Erfahrungswerte. Sie seien genauso lernwillig wie ihre jungen Kollegen. Und meldeten sich auch nicht häufiger krank. Was übrigens stimmt.

Vielleicht sind die Alten aber auch selber schuld daran, dass sie neu entdeckt werden. Würden sie sich, wie es sich für Rentner gehört, auf eine Parkbank setzen und mit ihrem Altersgenossen über ihre neuesten Wehwehchen reden, würde man voll des Mitleids an ihnen vorbeigehen. Stattdessen sitzen sie zur besten Arbeitszeit beim Latte Macchiato im Café, schwimmen, fahren Rad, klettern und kleben sich für’s Rockfestival eine Rolling-Stones-Zunge an den Rollator.

Diejenigen, die von den Controllern in computergestützte Vollstress-Jobs gepresst worden sind, können so viel gute Laune natürlich nicht ertragen. Also, liebe Rentner, zeigt endlich Demut! Dann lassen wir euch gerne gehen. Wenn’s sein muss, auch schon mit 63.

 

Reichtum wächst – Verarsche geht immer

Na also, die Welt ist wieder in Ordnung. Bill Gates, als Microsoft-Gründer ein Gottvater unserer modernen Kommunikation, ist wieder der reichste Mann der Welt. 76 Milliarden Dollar lagern nach Recherchen der Zeitschrift “Forbes” in seinen Depots.

Staunen tun wir aber schon. Hatte nicht dieser Bill Gates zusammen mit weiteren stinkreichen Kumpanen einen stattlichen Teil seines Vermögens gespendet? Sollten mit dem Geld nicht Aids und andere Seuchen in Afrika bekämpft werden? Da müsste doch was fehlen. Wurden die Spenden nur vorgetäuscht? Hat es beim Online-Banking mit Microsoft-Produkten einen verheerenden Software-Fehler gegeben, der die Überweisung verhindert hat?

Muss nicht sein. Denn ab einer gewissen Größe des Vermögens ist wachsender Reichtum unvermeidlich. Das Sparschwein wird Mehrschwein. Ein Bill Gates bunkert sein Geld schließlich nicht – wie wir – für 0,15 Prozent Jahreszinsen auf einem  Sparbuch. Sondern er geht vielleicht zur Nummer 4 der Welt-Reichenliste, dem Herrn Buffet (53,3 Milliarden Dolar). Und sagt “Warren, kümmer’ dich drum.” Der kümmert sich, überreicht dem Bill am Buffet die neuesten Kontoauszüge und fragt lächelnd “Na, Gates?”. Ja, es geht bestimmt.

Schließlich ist der Reichtum der Reichsten zu einem erheblichen Teil auf Verarsche begründet. Die geht immer. Die irren Vermögen sind der Ertrag der irremachenden Hotlines, die Dividende des schlechten Service, der schamlosen Ausbeutung und des immer wiederkehrenden Verdrusses. Die Nummer 2 der Milliardäre, Carlos Slim Helu, ist mit seinen 72,1 Miliarden Dollar der Chef der Mexico-Telekommunikation. Die Nummer 3, der Spanier Amancio Ortega (Zara-Chef) verkauft billig produzierte Mode, ist also ein analoger Exot. Auf Platz 6 allerdings rangiert Larry Ellison, Chef des Software-Konzerns Oracle.

Wenn uns also all diese Herrschaften wieder einmal mit einem zuckersüßen Singsang-Werbespot klarmachen wollen, dass ihre neueste All-Net-For-Ever-Family-Friends-Flatrate ein Geschenk an die Menschheit sei, dann vermeiden wir bitte eines: den Rückzugsbefehl an den Mittelfinger. Öffentlich müssen wir ihn ja nicht zeigen.

Raubtierkapitalisten fürchten nur Schnee

Sicher, Habgier zählt zurecht zu den Todsünden. Aber es ist verkehrt, den Kapitalismus für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen.

Wir sollten da auch unseren Lieblingspapst Franziskus zur Ordnung rufen, der diese Wirtschaftsordnung als “an der Wurzel ungerecht” bezeichnet hat. Denn rein materiell haben von diesem System auch die Beschäftigten profitiert. Der Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und real existierendem Sozialismus lässt sich so darstellen: VW Golf statt Trabant und Doppelhaushälfte statt Plattenbau.

Bei dieser Betrachtung darf allerdings das Wort “sozial” nicht übersehen werden. Es soll Unternehmer gegeben haben oder noch geben, die es gut und richtig fanden, dass die Beschäftigten am Erfolg der Firma teilhaben. Also war man Lohnforderungen gegenüber  aufgeschlossen, Verhandlungen über Tarife wurden mit dem Willen geführt, zu einer Einigung zu kommen. Zusätzliche Urlaubstage oder verrückten Ideen wie das Weihnachtsgeld ließ man sich durch Streiks abringen. Aber hinterher herrschte Frieden.

Das hat sich vielfach geändert. Spendabel sind Unternehmen heutzutage vor allem bei den Gehältern der Chefs. Oder bei deren Abfindungen. Ansonsten sitzen die Controller derart auf dem Geld, dass unser Euro-Adler quietscht. Das Humankapital ist in jedem Fall negativ zu bewerten. Nur Lohnverzicht kann uns retten. Zumal er auf lange Sicht in den wohltuenden Rentenverzicht mündet. Die Senioren der nicht mehr so sozialen Marktwirtschaft werden ihre Kreuzfahrt nicht mehr in die Karibik oder ans Nordkap unternehmen. Sie werden, begleitet von mittelmäßigen Blaskapellen, über unsere Binnengewässer gondeln.

Das ist die Zukunft. Aber wer, bitteschön, ist denn zurzeit der größte denkbare Renditeheld? Wer ist das ultimative Raubtier unter den Kapitalisten? Antwort: Es ist der Inhaber einer Firma für Schneeräumdienste. Monat für Monat bekommt er die Überweisung seiner Kunden aufs Konto. Tun muss er dafür Null und Nix.

Kein Aufwand, hoher Ertrag. 97 Prozent Umsatzrendite, im Zweifelsfall ohne jede Habgier. Dieser Mann ist unser Vorbild, unser Held. So lange das Wetter eben hält…

 

 

 

Ein Rutsch geht durch Deutschland

Monstertaifune, Tsunamis, Erdbeben, Dürreperioden: Naturkatastrophen plagen diese Welt, und sie werden, wie es scheint, immer häufiger. Auch wir leiden. Denn wenn es passiert, steht alles still. Knochen bersten, Nerven und Sehnen reißen. Was aber ist diese vernichtende Urgewalt? Die Antwort: Drei Zentimeter Neuschnee.

Bei uns in Nürnberg war es gerade wieder soweit. Die Schneeflocken fielen, hatten sich aber als Zeitpunkt ausgerechnet den morgendlichen Berufsverkehr ausgesucht. Die Folge: Die Männer in den Räum- und Streufahrzeugen meinten es zwar gut, standen aber mit den gestressten Zeitgenossen in den Autos einträchtig im Stau. Es gab kein Entrinnen, dafür aber Einsätze mit seltsamen Geräten. Kleinen Traktoren etwa, an die vorne eine gelbe Bürste gespannt war. Damit sollten Fußgängerüberwege freigemacht werden. Stattdessen wurde der frische Schnee plattgewalzt, so dass eine richtig glatte Fläche zurückblieb. Wir sahen den Laubsauger des Frostes.

Das Gesamtergebnis: Jammer, wohin das Auge blickte. Selbst deutscheste Autofahrer drückten die Verzweiflungshupe. Es war wie immer beim ersten Wintereinbruch. Wobei man sich wundern darf. Denn Schneefall verlängert nicht die Länge der Strecken. Wenn alle Menschen 20 Minuten früher losfahren würden und entsprechend langsamer unterwegs wären, müsste doch alles wie sonst auch sein. Meint man – als schlichtes Gemüt.

Man fragt sich auch, wie jene Menschen unsere Probleme anschauen würden, die in den Weiten der USA oder Kanadas leben und schon deshalb mächtige Geländewagen fahren, damit sie sich bei Schneefall eine minimale Chance bewahren, oben rauszuschauen. Vielleicht würden sie sich wundern. Spätestens aber dann verstehen, wenn man ihnen erklärt, dass vom Parlament des lustig-derben Lederhosenlandes Bayern wegen eines einzigen Tieres dieser Spezies ein Braunbärenbeauftragter ernannt wurde.

Geben wir es zu. Wir sind verweichlicht. Wir halten nichts aus. Wir drehen durch, wenn es anders kommt als gewohnt. Worin ein Auftrag für unsere famose Industrie liegt. Kann man nicht Autos erfinden, die durch den Auspuff Streusalz versprühen? Wie wäre es mit kleinen Schaufeln, die bei Schnee und Matsch vor den Reifen heruntergelassen werden? Wo bleibt das Allwetter-Luftkissen-Elektro-Nullemissions-SUV? Brauchen wir Salz-, Sand- und Blähton-Drohnen, die das rettende Material von oben verstreuen? Rüstungskonzerne müssten das können. Schwerter zu Schneepflugscharen.

Oder aber wir reißen uns zusammen. Begreift es endlich: Es muss ein Rutsch durch Deutschland gehen.

 

 

Klima wandelt sich, der Mensch nicht

„Klimawandel immer schlimmer“. So haben Schlagzeilen der vergangenen Tage gelautet. Wir haben erfahren, dass in hundert Jahren riesige Gebiete nicht mehr bewohnbar sein werden. Und dass auch wir in unserem schnuckeligen Landstrich damit rechnen müssen, dass uns zirka drei Mal im Jahr durch Regen und Sturm das Dach abgedeckt wird. Sofern unsere Häuser nicht umgeweht werden.
Und nun? Passiert was? Wird sich etwas ändern? Ich sage Nein. Denn wir sind bloß Menschen. Unsere Vorstellung von der Zukunft trügt, sie hängt auch stark von der allgemeinen Stimmung ab. Nach der Mondlandung 1968 war für uns klar, dass im Jahr 2000 die erste Mars-Kolonie Richtfest feiern und unsere Autos zehn Meter über dem Grund schweben würden. Als 1990 die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen wurde, glaubten wir gerne Franz Beckenbauers Prognose, dass die wiedervereinigte deutsche Nationalelf auf viele Jahre hinaus unschlagbar sein würde.
Heute sind uns Visionen jedweder Art abhanden gekommen. Bundesumweltminister Peter Altmaier etwa ließ zu den neuesten Klima-Katastrophenberichten Folgendes verbreiten: “Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei nur mit den richtigen Weichenstellungen zu erreichen.” Diese billige Sprechblase wird es bestimmt nicht in die Stratosphäre schaffen. Wir wissen, dass uns, spätestens aber unserer Nachfolge-Generation, kollektive Altersarmut drohen wird. Wir sehen, dass wir kein Vermögen aufbauen können, weil es keine Zinsen mehr gibt. Was sollen uns da ein paar Naturkatastrophen schrecken? Die Zukunft wird öde, wir kriegen Hartz Fünf bis Zehn. Aber das ist halt so. Sollen sich die Eisbären eben anstrengen, dass ihnen Kiemen wachsen.
Wir Menschen sind nicht für den Wandel gemacht. Wer von uns schafft es schon, Gewohnheiten ersatzlos aufzugeben? Es mag sich ja mancher Ex-Raucher die Zigaretten abgewöhnen. Aber er lutscht dann eben Bonbons und wird dick und dicker. Durch die Super-Wahnsinns-Spezial-Diät verlieren wir 30 Kilogramm. Um innerhalb von sechs Monaten 40 Kilogramm zuzunehmen. Wir sind Pendelwesen, die den Drang haben, nach einer Phase der Veränderung in die Ausgangsposition zurückzukehren.
Ist demnach alle Zukunftshoffnung dahin? Nicht unbedingt. Nehmen wir an, die Klimaforscher seien ähnlich kompetent wie die so genannten Wirtschaftsweisen. Hoch angesehene Professoren, die der Politik das Handeln diktieren, aber mit ihren Prognosen meistens falsch liegen. Dann kommt alles ganz anders und der Klimawandel macht aus dieser Erde ein Paradies für alle. Das ist die Vision. Ansonsten möchte man kein Kind sein.

Unser Wachstum wächst verkehrt

Sauber haben wir die Kurve gekriegt: Es gibt wieder Wachstum in Europa! 0,3 Prozent! Ist demnach die Eurokrise dabei, ähnlich geräuschlos zu verschwinden, wie seinerzeit der Rinderwahnsinn? Geht es endlich wieder aufwärts? Bekommen wir blühende Landschaften von Lissabon bis Mykonos?

Interessierte Kreise haben natürlich sofort den Verdacht gestreut, Angela Merkel habe die neuesten Zahlen für die Eurozone als Wahlkampfhilfe angefordert. Lassen sie sich doch so lesen, als haben die harte Hand unserer Kanzlerin die Wirtschaft unseres Kontinents wieder auf Kurs gebracht. Das ist schwer zu glauben, denn so glänzend sind die Zahlen und Perspektiven auch wieder nicht. Andererseits leben wir auch nicht in Zeiten der unbestechlichen Wissenschaft. Wer einem Universitäts-Professor eine Studie finanziert, darf auf ein Ergebnis seiner Wahl zumindest hoffen.

Mit den Zuwachsraten ist das ohnehin so eine Sache. Manche Sparbriefe früher waren wie Gelbwurst in der Landmetzgerei. Es galt das Motto “Derf’s a bissala mehr sei?”. Ja, acht Prozent pro Jahr, komplett risikofrei, hat es mal gegeben. Zwar war die Inflationsrate höher als heute, doch es war gut für’s Lebensgefühl, wenn sich Geldbeträge sichtbar vermehrt haben. Das ist vorbei, vermutlich auf ewig.

Die Sehnsucht nach Wachstum hat aber auch irrationale Züge. Ist es überhaupt gut, wenn das Bruttosozialprodukt nach oben schießt? Die Antwort lautet, wie so oft im Leben: “Es kommt darauf an.” Denn es gibt Wachstum, dass wir besser nicht haben. Wenn die Menschen rauchen oder immer dicker werden und deshalb öfter zum Arzt gehen und immer mehr Tabletten fressen, steigert das die Wirtschaftsleistung. Wenn Strom und Benzin teurer werden, passiert das auch. Wenn zehn dicke SUV’s verkauft werden, ist das gut für’s Bruttosozialprodukt, macht aber das Leben nur für wenige Menschen schöner.

So ganz wird man den Eindruck nicht los, dass das Wachstum an der falschen Stelle wächst. Sechs Prozent Inflation bei Lebensmitteln, Preiserhöhungen im Nahverkehr, immer mehr schlecht bezahlte Jobs. Wenn man dagegen hält, dass am Ende – alles in allem – 0,3 Prozent Plus herauskommt, dann ist für die große Masse wenig bis nichts erreicht. Aber wir haben es ja so gewählt/gewollt.

 

 

Seehofer, Guardiola und die Pkw-Maut

Also sprach der  große Vorsitzende Horst Seehofer: Er werde einen neuen Koalitionsvertrag nur dann unterschreiben, wenn darin die Pkw-Maut für Ausländer enthalten sei. Ist das nun mehr als eine Stammtisch-Parole? Denken wir mal nach.

Interessant ist zunächst, dass der CSU-Chef an mehreren Stellen seines Interviews in der Bild am Sonntag so redet, als sei die Bundestagswahl entschieden. Der Gedanke, dass seine Unterschrift auf dem künftigen rot-grünen Regierungsfahrplan gar nicht gebraucht werden könnte, kommt in seinem Denken offenbar überhaupt nicht vor. Es scheint, dass die Wahl für ihn als gewonnen abgehakt ist.

Aber stellen wir die entscheidende Frage: Müsste Pep Guardiola Autobahn-Maut zahlen, wenn er Uli Hoeneß zum Steuerflüchtlings-Seminar im Hause Beckenbauer nach Kitzbühel fahren sollte? Eher nein, denn er ist kein Ausländer. Nach EU-Recht gelten Staatsangehörige als Inländer. Also werden Portugiesen genauso wenig Pkw-Maut zahlen wie Österreicher oder Bulgaren. Blechen müssten allerdings stinkreiche Leute, nämlich die Schweizer, Russen und Chinesen. Auch Papst Franziskus müsste sich die Vignette auf sein Papamobil kleben lassen.

Es lauern aber noch mehr Probleme: Ist die Pkw-Maut an den Ort der Zulassung gebunden? Wird sie also für Autos mit deutschen Kennzeichen auch dann nicht erhoben, wenn ein Brasilianer am Steuer sitzen sollte? Was, andererseits, ist mit neuen deutschen Staatsbürgern, die ihre Verwandten auf der Heimreise mit einem türkischen Wagen zum Familientreffen nach Deutschland fahren? Die Sache wird derart kompliziert, dass ein gerechtes Gebühreneinzugssystem selbst von Siemens und SAP gemeinsam kaum programmiert werden könnte.

Die Sache ist somit ein Rohrkrepierer. Aber das ist Horst Seehofer und seinen Parteistrategen egal. Sie bauen darauf, dass sich nach dem Kirchgang in Mausgesees folgende Stammtischrede entwickelt:

“Des mid därrer Maud bassd scho. Mir hamm doch die andern Völger erschd zeichd, wäi mer Audobahner baud. Und die Schbageddifresser hulnsi unser Geld doch scho lang. Na, a su a Maud mou scho sei. Und där Horsd schaud, dass mir nix zohln müssen, sondern blouß die andern. Goud, dassmer unser CSU hamm.” Ich glaube, auf unserem Bierdeckel können wir das so unterschreiben…