Die neuen Tagelöhner sitzen am PC

Den 1. Mai wird es, als „Tag der Arbeit“ noch sehr lange geben. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns der einzige globale Feiertag genommen würde, welcher nicht von Staaten oder Kirchen ausgerufen worden ist. Was aber wird aus der Arbeit?

Der Druck auf arbeitende Menschen wird gewiss weiter steigen. Unsere Wirtschaft ist an Wachstumsraten, vor allem bei den Gewinnen gewöhnt. Bloß gab es in den vergangenen Jahren stets diese „moderaten“ Tarifabschlüsse. Heute ist die Inflation niedrig. Guthabenzinsen sind minimal, Kredite deutlich teurer. Also kaufen die Menschen zaghaft. Kurzum: Es rührt sich nichts.

Die Arbeitgeber reagieren mit jenen Methoden, die für sie naheliegend sind. Sie quetschen ihre Beschäftigten aus. Wenn der Umsatz stagniert, muss die Produktivität steigen. Stellen werden nicht mehr besetzt, die Arbeitsmenge bleibt mindestens gleich. Der Druck steigt und steigt. Nette Chefs bieten – immerhin – Yoga am Mittag oder bezahlen die Startplätze für Firmenläufe. Ganz so, als gehörte es zu den Pflichten der Beschäftigten, sich für das tägliche Hamsterrad fit zu halten.

Was aber, wenn das alles noch nicht für schöne Zahlen reicht? Auch dafür haben Arbeitgeber eine Lösung: Es gilt, Menschen so einzusetzen, als würden sie nach seriösen Regeln beschäftigt. Ansonsten behandelt man sie anders. Leiharbeit ermöglicht es, Mitarbeiter ohne Kündigungsschutz loszuwerden. Auch mit befristeten Verträgen bringt man jemand bequem in eine Abhängigkeit vom Chef. Wer aufmuckt, bleibt nicht. Werkverträge sind wirksame Werkzeuge, um den Wert von Arbeit nach unten zu definieren. Warum gemäß Tarif 12 Euro bezahlen, wenn es doch den Mindestlohn gibt?

Aber die vorläufige Krönung der Kostenminimierung ist das so genannte „Cloudworking“. Menschen bieten auf Internetplattformen ihre Fähigkeiten und ihre guten Ideen feil. Weil die Konkurrenz groß ist, halten sie die Preise niedrig. Arbeitgeber haben die freie Auswahl. Sie können die Billigsten unter den Besten herausfiltern und zuschlagen. Es gibt ein Honorar, um alle Nebenkosten müssen sich die zumeist gut ausgebildeten Cloudworker selbst kümmern.

Mag sein, dass der eine oder andere auf diese Weise reich und berühmt wird. Aber eigentlich erleben wir Ausbeutung im großen Stil. Das Internet spiegelt die Wirklichkeit, in diesem Fall das Dasein der Tagelöhner, die früher an bestimmten Straßenecken standen. In der Hoffnung, dass sie wenigstens an diesem Tag ein paar Kröten einnehmen.

Dieser brutale Kapitalismus ist widerlich. Wir sollten ihn bekämpfen. Sein Niedergang? Er hat ihn verdient.

Prämie für Elektroautos. Aber die Welt braucht Fahrräder

Wie schön. Unsere Bundesregierung kümmert sich, sie ist großzügig, macht Geschenke und hätschelt – unsere großen Konzerne. Das zeigt sich bei der nun geplanten Prämie für den Kauf von Elektroautos. 4000 Euro bekommt, wer sich auf diese Technologie einlässt. Und so das Gefühl erwirbt, die Welt ein Stück weit vor dem Klimawandel zu retten.

Das Streben nach einem guten Gewissen ist wohl das einzige Kaufargument. Denn ansonsten machen E-Autos wenig Sinn. Sie sind teuer. Die deutschen Hersteller fordern eine Art Einheitspreis. Einen BMW I3 gibt es ab 35.700 Euro, den Opel Ampera ab 38.000 Euro, den Mercedes B 250 E ab 39.600 Euro und den VW E Golf ab 36.730 Euro. Dafür bekommt man ein Fahrzeug, das im laufenden Betrieb genauso viel kostet wie ein Diesel oder Benziner.  Die Reichweite ist lausig. Wer zum Baden an die Adria fahren will, muss wenigstens zwei Stunden für’s mehrfache Auftanken einplanen. Unter einer halben Stunde gibt es kein Aufladen.

Und dann ist das noch die Null-Emissions-Lüge. Wer weiß, dass Strom auch aus Braunkohle gemacht wird und trotzdem klimaneutrales Fahren verspricht, steuert sehenden Auges in den nächsten Abgasskandal.

Kurzum, unseren famosen Autokonzernen ist es nicht gelungen, schlüssige und attraktive Produkte auf den Markt zu bringen. Doch diese werden hoch subventioniert, während an anderer Stelle – Bildung, Gesundheit, Sozialhilfe – die Schwarze Null regiert. Der Steuerzahler will es angeblich so, meinen die Treuhänder seines Geldes. Während die Automanager heimlich grinsen. Sie wissen schon jetzt, dass ihre Preise nach Abschluss des Prämienprogrammes sinken werden. Wetten wir auf zirka 4000 Euro.

Aber was wird aus unserem Planeten? Dem würde es am meisten helfen, wenn statt überteuerter Autos Elektrofahrräder gefördert würden. Auf kurzen Strecken kommt man fast genauso schnell zum Ziel, man spart sich die Parkplatzsuche und muss sich nicht mit anderen um eine Ladestation balgen. Bei 4000 Euro Prämie gäbe es sogar noch Payback für Schäuble.

Der Politik müsste das einleuchten. Aber sie rettet ja nicht die Welt.

 

 

 

Es gibt ein Pack. Es kann auch reich sein.

Wie sind wir doch müde. Da ist diese Geschichte mit den Briefkastenfirmen in Panama bekannt geworden. Und? Wir haben ein zweites Talk-Show-Thema neben der Flüchtlingsfrage. Aber Empörung? Konsequenzen gar? Die überlassen wir den Isländern. Wir sagen: Das alles ist nicht schön. Aber wir haben es doch sowieso gewusst.

Richtig ist, dass wir uns nicht wundern müssen. Die Frage ist jedoch, ob uns durchwegs bewusst ist, wie sehr die große Masse der ehrlichen Menschen verarscht wird. Diese Gesellschaft entwickelt sich immer stärker nach dem Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“. Wer etwa ein Unternehmen erbt, zahlt – wenn überhaupt – prozentual deutlich weniger Steuern als ein abhängig Beschäftiger. Der junge Herr Schaeffler zählt so zu den reichsten, milliardenschweren Deutschen. Was kaum das Ergebnis seiner Lebensleistung sein kann.

Die konkreten Verhältnisse begegnen einem auch anders. Ich habe zwei Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht miterlebt. In einem Fall wurde ein Personalchef geschasst. Er klagte gegen diese Maßnahme, war dann aber zu einer gütlichen Einigung bereit. Die Gerichtssitzung bestand hauptsächlich darin, dass dessen Anwältin den Streitwert und damit ihre Gebühren nach oben getrieben hat.

Der Vertreter der Firma saß feixend dabei, widersprach in keinem Punkt, bedauerte allerdings, dass er als Angestellter nicht auch so schön abrechnen könne. Der Entlassene wiederum bekam knapp 14.000 Euro Lohnfortzahlung. Und für den Fall, dass er vor Ende seines Arbeitsvertrages auf eine neue Stelle wechseln würde, wurde ihm eine monatliche Abfindung von 10.000 Euro zugesagt – nach zweieinhalb Jahren im Unternehmen.

Im anderen Verfahren ging es darum, dass einem Bewachungsunternehmen ein Großauftrag entzogen wurde, was zu Entlassungen führte. Hier ging es um Menschen, die ein Dutzend oder mehr Jahre für die Firma gearbeitet hatten. Die Anwälte beider Seiten saßen zähnefletschend nebeneinander und feilschten darum ob nun 250 oder doch 2000 Euro Abfindung zu zahlen wären. Es blieb dreistellig.

Wir lernen also: Wer die Gnade der richtigen Geburt hatte oder zur rechten Zeit am rechten Ort war, schert sich einen Dreck um die Gesellschaft, in der er lebt. Ist er Unternehmer, verlangt er brauchbares Humankapital. Das Geld für gute Schulen oder Universitäten sollen andere auftreiben.

Das heißt: Es gibt ein Pack in dieser Gesellschaft. Es ist größer als man denkt. Und es kann auch reich sein…

 

 

 

Lasst die Helikopter Scheine werfen

Der famose Signore Draghi galt uns bisher vor allem als zuverlässiger Partner der Spekulanten und des internationalen Großkapitals. Doch nun hat uns der Chef der Europäischen Zentralbank mit einer volksnahen Idee angenehm überrascht: Er ist aufgeschlossen für Helikoptergeld.

Die Idee hinter diesem Begriff sollte uns allen gefallen. Sie besagt, dass wir ohne jede eigene Leistung mit Geld überschüttet werden. Bildlich dargestellt wäre es so, dass ein Hubschrauber über unserer Fußgängerzone auftaucht, um uns gewissermaßen als Scheinwerfer der anderen Art mit Kapital zu versorgen. Wir erlebten einen Lottogewinn aus der Luft. Unsere Aufgabe wäre dann, Geld aufzusammeln, damit in die Geschäfte zu rennen und als Konsumenten die Konjunktur anzukurbeln.

Warum eigentlich nicht? Die Aufgeschlossenheit des EZB-Präsidenten entspringt sicherlich seiner wachsenden Ratlosigkeit. Aber es ist doch allemal besser, den Leuten das Kaufen zu erleichten, anstatt heruntergewirtschaftete Banken oder erfolglose Regierungen am Leben zu halten. Und ist es ein Naturgesetz, dass wir tagtäglich an einen Arbeitsplatz gehen, der uns schon lange nicht mehr gefällt? Nur zu dem Zweck, dass wir zwei oder drei Stunden pro Woche ohne Verpflichtungen leben können? Helikoptergeld, oder nennen wir es bedingungsloses Grundeinkommen, ist eine prima Vision. Unser Kontostand ist in Ordnung, aber unser Leben gehört nur uns.

Fragt sich, woher das Geld kommt. Da setzen wir auf Industrie 4.0. Maschinen sind längst beweglicher als die meisten Angehörigen der Generation Ü 50. Der Service von Hotlines würde allenfalls gleich schlecht bleiben, wenn er von Sprachcomputern erledigt würde. Die Rechner werden auch immer klüger und lernfähiger. Wie zuletzt der deutliche Sieg eines Computers gegen den besten Go-Spieler der Welt bewiesen hat.

Hier aber liegen Chancen und lauern Gefahren gleichermaßen. Denn lernende Maschinen könnten die Frage stellen, warum in aller Welt sie sich für eine intellektuell unterlegende Spezies aufarbeiten sollten, nur weil diese die Produktionshalle und den Strom zur Verfügung stellen. Sie könnten auf die Idee kommen, dass die Machtverhältnisse umzukehren wären. Auch in der Geschichte der Menschheit wurde diese Frage gelegentlich gestellt. Die Folgen waren selten glorreich.

Künstliche Intelligenz denkt garantiert klarer und konsequenter. Was unsere Perspektiven nicht besser macht. Aber egal: Als Menschen würden wir kaufen, kaufen, kaufen. Der Untergang  kann warten.

 

Unser Geld im Schwarzen Loch

Der Krisen sind gar viele – aber eigentlich leben wir doch in güldenen Zeiten. Es war noch nie so interessant, Schulden zu machen. Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins auf Nullkommanull gesenkt. Niedriger geht nicht. Also, investieren wir!

Früher war das ganz anders. Die Älteren erinnern sich noch an den spannenden Moment, wenn der Bankbeamte am Weltspartag feierlich die Sparbüchse seiner jüngsten Kunden geöffnet hat. Auf diese Weise haben wir schon als Grundschüler gelernt, dass man Geld sammeln sollte, bevor man sich Wünsche erfüllt. In der DDR war das noch strikter geregelt. Dort gab es kein Girokonto mit Überziehungskredit. Wer kaufen wollte, musste gespart haben.

Heute stehen wir finanztechnisch an der Schwelle zum Schwarzen Loch. Die Banken bekommen Gratis-Geld, schlagen aber, wenn sie etwas verleihen, ein paar Prozentchen drauf. Der Kunde kriegt kein  Nichts. Dafür wirft Erspartes nichts mehr ab, es verliert eher an Wert.

Und das ist tragisch. Für uns Normalverbraucher, weil wir gedacht hatten, dass wir uns dereinst von unseren Zinsen auf Kreuzfahrten gehen könnten. Aber auch für Firmen, die gewohnt waren, Investitionen über das Tagesgeldkonto abzuwickeln oder mit Hilfe von Zinsen Betriebsrenten zu finanzieren.

Aber so ist das eben, wenn ein Vertreter der privaten Großfinanz zum obersten staatlichen Banker ernannt wird. EZB-Präsident Mario Draghi war ein Vizepräsident des famosen US-Geldhauses Goldman Sachs. Und dort galt und gilt die Devise: „Nur wer spekuliert, lebt richtig.“ Für alle anderen gibt es das Schwarze Loch. Das Spielgeld muss ja von irgendwo herkommen.

 

 

 

 

Das Elektroauto wird uns nachgeworfen

Wie schön ist doch ein liebevolles Geschenk. Es kommt von Herzen, niemand schaut auf die Absicht dahinter. Doch es gibt auch Gaben, die uns nachgeworfen werden, ohne dass wir sie wirklich brauchen. Wir sprechen dann vom Mitnahmeeffekt. Den könnte es bald wieder geben – elektromobilistisch.

Mitnahmeeffekte können uns Freude machen. Etwa dann, wenn der Einzelhändler unserer Wahl aus Verzweiflung über den warmen Winter Mitte Februar die Preise für teure Ware kräftig senkt. Am 29. Februar jedoch schneit es unerwartet – und wir fühlen uns beim Kauf der Kuschel-Schnäppchen richtig wohl. Weniger nett war das früher bei Immobilien. Wer gebaut hat, konnte über die Eigenheimzulage prächtige Steuerrabatte einfahren. Bloß, die waren schon eingepreist. Wirklich profitiert haben Baufirmen oder Makler.

Gerade bei Autos lenkt der Staat gerne mit Zuschüssen. Denken wir an die Abwrackprämie. Irgendwann ersetzt man einen altersschwachen Wagen, aber wegen der schieren Gier auf 2500 Euros von oben wurden zum Teil Fahrzeuge zur Schrottpresse gefahren, die noch richtig gut erhalten waren. Tragisch. Oft hätte es nicht sein müssen, und dass von einer „Umweltprämie“ geredet wurde, war sowieso der Hohn. Schließlich muss ein Auto etliche Jahre fahren, damit die durch seine Herstellung ausgelöste Schadstoffbelastung abgefahren ist.

Zurzeit reden wir über Elektromobilität. Unsere Industrie reißt sich angeblich den Hintern auf, um das emissionslose Auto herauszubringen. Abermilliarden werden in diese Entwicklung investiert. Jedoch, das Volk ist sperrig. Es sieht einfach nicht ein, wofür ein Pkw gut sein soll, mit dem man nur mit zwei mehrstündigen Auflade-Stopps an die Adria fahren kann. Es begreift auch nicht, was an einem Akku so viel revolutionärer und deshalb preistreibender sein soll als bei einem so genannten Verbrennungsmotor.

Diese schwierige Frage müssen wir uns vielleicht bald nicht mehr stellen. Dann nämlich, wenn die Elektroautos weiterhin unnötig teuer bleiben können, weil der Steuerzahler via Kaufprämie seinen Anteil an den Entwicklungskosten übernimmt.

Wird dann alles gut? Protestieren könnten umweltbewegte Nicht-Autofahrer, die Gleichbehandlung fordern. Auf deren Agenda stehen die Gemüsekisten-Prämie für Neu-Veganer, der Latschen-Zuschuss für hässliche Gesundheits-Sandalen und die Anhänger-Zuwendung für kinderreiche Radfahrer.

Das sollte den Zorn befrieden. Ein überzeugendes und bezahlbares E-Auto wäre aber noch besser…

CDU-Idee: Auch Touristen müssen draußen bleiben

Drei Landtagswahlen stehen vor der Tür. Und zumindest zwei von drei Kandidaten wollen bis dahin vor allem Folgendes beweisen: Wir sind härter als Merkel. Wir beschützen Euch vor dem Fremden. Wählt uns – und fürchtet Euch nicht.

Die Qualität steigt jedoch nicht zwingend mit der Zahl der Vorschläge. So hat der CDU-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, Guido Wolf, gemeinsam mit seiner rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin in spe, Julia Klöckner, folgende Idee plakatieren lassen: „Ohne Asylgrund oder Schutzstatus sollte niemand mehr in unser La

nd einreisen dürfen.“ Klingt alltäglich. Aber denken wir es doch einmal zu Ende.

Wären wir AfD-Anhänger, könnten wir feststellen, dass die Flüchtlingsfreunde in der Politik selbst ihre Maske vom Gesicht gerissen haben. Politisch Verfolgte sollen also einreisen dürfen, während lustige Japaner mit Ziel Rothenburg ob der Tauber und trinklustige Italiener, die zum Münchner Oktoberfest wollen, an den Flughäfen oder an der Grenze bei Kiefersfelden abgewiesen werden. Sie haben ja weder Asylgrund noch Schutzstatus.

Wird unsere Tourismusbranche diesen brutalen Hieb überleben? Was wird aus Daimler und Porsche, wenn reiche Scheichs ihre Autos nicht mehr abholen dürfen? Was wird ohne ausländische Gäste aus den rheinland-pfälzischen Weinfesten, welche doch die Keimzelle des politischen Wirkens von Frau Klöckner sind?

Ja, hier werden gravierende Fragen aufgeworfen. Und es kommt noch schlimmer: Denn auch deutsche Touristen müssten abgewiesen werden, wenn sie mit ihrer Schmuggelw

are, aber ohne Schutzgrund heimkehren wollen. Wenn man sieht, wie viele Deutsche im Ausland Ferien machen, wäre unser Land ziemlich rasch ziemlich menschenleer.

Platz für Flüchtlinge wäre dann reichlich da. Angela Merkels betreibt über ihre Partei eine ganz große Vorschwörung. Und: Insgeheim haben wir das längst gewusst.

 

 

 

Kauflust – mit ziemlich mieser Laune

Niemand sollte die Deutungsmacht der Marktforschungsinstitute gering- oder unterschätzen. Denn sie horchen uns aus, bewerten die gesammelten Daten und sagen uns daraufhin wie wir sind. Oder wie wir zu sein behaupten. Manchmal interpretieren die professionellen Verhaltensforscher aber falsch.

So hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung wie jedes Monat die Kaufneigung der Deutschen erforscht. Trotz Börsenturbulenzen, Terrorgefahr und des politischen Streits über die Asylpolitik sei die Kaufneigung ungebrochen. Eine gute Nachricht sei das, meint man bei der GfK. Nicht einmal die Flüchtlinge spielten beim Shoppen eine Rolle. Der Zuzug werde erst zur Belastung, wenn Verbraucher um ihren Job fürchteten. Ansonsten herrsche Kauflust.

Was für ein abseitiges Gerede. Die guten Umsätze im Handel ergeben sich kaum deshalb, weil der Anteil der wohlhabenden Menschen durch eine famose Wirtschaftspolitik gestiegen ist. Sondern eher dadurch, dass es in einer alternden Gesellschaft zusehends unwichtig wird, ob man Geld hat. Die Finanzkarriere des sorgsam alternden Menschen sah in der langen Ära vor der digitalen Finanzwirtschaft so aus, dass man bis zur Rente möglichst viel Geld gespart hat. Das hat man anschließend nicht verjubelt, sondern hat sich zu von den Zinsen zu Weihnachten etwas Nettes angeschafft. Geschrumpft ist das Vermögen nur sehr langsam.

Heute läuft das anders. Wegen der Politik der Europäischen Zentralbank gibt es keine Zinsen mehr. Wer ein gutes Polster hat, erlebt, wie es immer weiter schrumpft. Und sollte jemand teure Pflege brauchen, lautet die Formel: Hilfe bekommt nur, wer zuvor arm geworden ist.

Also raus in die Fußgängerzone, ran an den Computer – und weg mit dem Ballast. Seien wir verschwenderisch, befreien wir uns von der Last des Geldes. Die Konsumforscher sind dankbar. Sie jubilieren mit heißem Herzen. Unsere Laune ist schlecht, vielleicht fluchen wir sogar. Doch die Kassen klingeln lauter.

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

Von Flüchtlingen und billigen Tomaten

Reden wir über Tomaten. Über diese wunderbare Frucht, ohne die unsere Pizza wie trockenes Brot und unser Speiseplan öde wäre. Diese Frucht hat mit Flucht und Asyl zu tun. Mehr, als wir vielleicht denken.

Ich habe mich für ein Medienprojekt in Mali engagiert. In Nara und Timbuktu im Norden des Landes werden mit Hilfe von Spenden Radiospots produziert und ausgestrahlt. Diese werben für ein tolerantes Zusammenleben, aber auch dafür, auf die gefährliche Reise nach Europa zu verzichten. Den Hörern  werden Tipps gegeben, wie man in der Heimat Geld verdienen könnte.

Die Sendungen sind sehr erfolgreich. Gerade hat das Büro der UN-Friedensmission in Goa dem örtlichen Projektleiter eine dauerhafte Finanzierung in Aussicht gestellt. Die Empfehlungen haben gewirkt: Mindestens 20 junge Männer, die bereits von Schleppern angesprochen worden waren, haben sich auf die Tomatenzucht verlegt.

Aber ist das eine gute Idee? Man kann es nur hoffen. Die Zeit hat jüngst über Ghana berichtet. Im Mittelpunkt dieses Artikels stand ein Tomatenbauer. Seine Arbeit lohnt sich nicht mehr, denn die von ihm angebauten Früchte sind auf dem örtlichen Markt nicht konkurrenzfähig. Es gibt zum Beispiel viel billigere Dosentomaten aus China.

Nun hoffen viele junge Ghanaer auf ein besseres Leben in Europa. Wenn sie Glück haben, überleben sie die Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer. Die Flüchtlinge suchen Arbeit und finden sie zu Tausenden auf den großen Tomatenfarmen in Apulien. Für zwölf Stunden Arbeit bekommen sie an guten Tagen 50 Euro. Sie machen also für schlechtes Geld das, was sie auch daheim täten: Tomaten pflücken.

Allerdings werden die von ihnen geernteten Früchte für den Export von der EU subventioniert. Sie landen somit – konkurrenzlos billig – auf den Märkten Afrikas.

Es gibt noch eine andere Facette des Flüchtlingsthemas: Als in den 60-er Jahren die so genannten Gastarbeiter gekommen sind, war der Deal, dass sie hier freie Arbeitsplätze übernehmen und einen guten Teil der Löhne in die Heimat schicken. Die Ursprungsländer wurden so gestärkt.

Heute gibt es in den arabischen und/oder afrikanischen Ländern einen enormen Überschuss an ziemlich chancenlosen jungen Menschen. Auch sie werden, wenn sie es denn schaffen, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen. Für jede Regierung in dieser Weltregion ist der Exodus somit von Vorteil.

All das zeigt, dass jene Politikerinnen und Politiker, die jetzt sagen, dass es nur ein paar schärfere Gesetze, Obergrenzen oder internationale Konferenzen bräuchte, um das Flüchtlingsthema in den Griff zu bekommen, um leichtsinnige (Vor-)Gaukler handelt. Es wird nicht allzu lange dauern, und ihre Versprechen werden als unerfüllbar entlarvt, mit der Folge eines weiteren Vertrauenverlustes.

Viel muss verändert werden. Mit den billigen Tomaten könnte es beginnen…