Arbeitgeber sind wie Wasser…

Vorsicht, dieses Land ist in Gefahr. Ein gefräßiges Monster ist unterwegs. Es verzehrt Gewinne, ruiniert famose Firmen und verteuert das Leben für Alle. Es ist der Mindestlohn. Seitdem er gilt, heulen die Chefs.

Der Trost: Arbeitgeber sind wie Wasser. Sie finden immer einen Weg. Der ist manchmal einfach. Wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, darf sechs Monate lang ungestraft Lohndumping betreiben. Auch Praktikanten eignen sich als billige Arbeitskräfte, weil sie die 8,50 € pro Stunde erst bekommen, wenn sie mehr als drei Monate wertschöpfend für ihren Traumberuf üben.

“Bürokratie” als Kampfbegriff geht immer. Darüber jammern zurzeit zum Beispiel die Transportunternehmen. Müssen sie doch die Arbeitszeit ihrer Fahrer dokumentieren. Die Arbeitgeber flehen “Rettet uns!” – aber ist was dran? Wieso kann jeder von seinem Sofa aus verfolgen, auf welcher Autobahn sein bestelltes Paket gerade unterwegs ist, aber nicht, wie lange ein Mensch für die Lieferung am Steuer gesessen ist?

Vielleicht geht das nicht, weil Arbeitsstunden manchmal länger dauern. Wenn ein Zimmermädchen vor dem Mindestlohn pro Stunde vier Zimmer gereinigt hat, bekommt sie jetzt den Auftrag, in dieser Zeit sechs Zimmer herzurichten. Das ist nicht zu schaffen, aber die unbezahlte Zusatzzeit ist eben arbeitnehmerisches Risiko.

Apropos: Machen wir doch abhängig Beschäftigte zu mündigen Unternehmern. Schaffen wir Jobs für selbstständige Schubkarrenfahrer. Diese mieten beim Chefunternehmer Karre und Schaufel und bearbeiten dann die Baugruben 9, 10 und 11. Mindestlohn muss nicht gezahlt werden, denn Freiberufler handeln ihr Honorar selber aus.

Das ist der eigentliche Traum der Ausbeuter. Sie bieten Arbeit an und 20 Tagelöhner balgen sind darum, indem sie sich immer weiter unterbieten.  Das 19. Jahrhundert ist zurück. Der Mindestlohn beginnt bei Null. Fressen dürfen wieder die richtigen Leute.

P. S.: Statt Mindestlohn ging auch Schwarzarbeit. Die Bundesregierung weiß das und hatte deshalb geplant, beim Zoll jedes Jahr 160 zusätzliche Kontrolleure auszubilden. Inzwischen ist man davon abgekommen. Man verstärkt mit ihnen lieber die Polizei. Offizielle Begründung: Die islamistische Bedrohung. Die Isis-Mörder helfen beim Lohndumping? Wenn sie das bei Pegida erfahren, dann gnade uns Allah und jeder andere Gott.

 

Horcht ruhig, Ihr Controller: Ich kaufe Osterhasen

Anders als die Masse der anständigen Kapitalisten glaube ich nicht an das segensreiche Wirken der Controller. Ich halte diese vielmehr für eine verzichtbare Spezies. Schließlich liegt es auf der Hand, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, anderen etwas wegzunehmen. Aber Kontrolle ist Zeitgeist. Auch im Privatleben. Da kümmern sich Meinungsforscher um unser Wohlbefinden – und um unsere Markttauglichkeit.

Besonders erfolgreich auf diesem Feld ist die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Sie hat uns in diesen Tagen erfreuliche Nachrichten übermittelt. Ihren Erkenntnissen hat unter den Menschen dieses Landes der Index Kosumerwartung deutlich zugelegt. Nach einer fünfmonatigen Talfahrt. Auch der Index Einkommenserwartung sowie die Anschaffungsneigung seien deutlich gestiegen. Die Anschaffungsneigung soll sogar den Faktor 49,1 erreicht haben.

Die Anschaffungsneigung in Deutschland ist demnach genauso hoch ist wie die CSU-Wahlbereitschaft in Bayern. Das ist sensationell, aber ansonsten überrascht uns die GfK nicht so. Dass die Kauflust kurz vor Weihnachten höher ist als sonst hätte ich sogar noch nach der zweiten Flasche Wein zutreffend vorhergesagt. Und das Konsumklima muss meines Erachtens in dieser Jahreszeit hervorragend sein. Es sei denn, die schlecht bezahlten Werkvertragsmitarbeiter wissen nicht, wie man im Shoppingcenter die Klimaanlage regelt.

Aber ich helfe der GfK gerne, diese, unsere Welt noch besser zu verstehen. Kurz vor Weihnachten schießt der kollektive Gansverzehrsneigungs-Index stark nach oben. In manchen Regionen dem Vernehmen nach bis 91. Der Glühwein-zur-Bratwurst-Koeffizient ist enorm. Meine persönliche Verdauungsneigung wiederum ist morgens nach dem Aufstehen höher als sonst am Tag, auch mein Kaffeetrink-Index steigt um diese Uhrzeit stark. Genauso, wie meine persönliche Heimgeherwartung am späten Nachmittag ab 16.30 Uhr sukzessive zunimmt.

Liebe Controller, liebe sonstige Aushorcher: Lasst mich mit Euren Erkenntnissen in Ruhe. Werft alle Eure Erkenntnisse in einen Topf und nennt das Produkt Kaffeesatz-Index. Ich widerstehe jedenfalls aus purem Trotz dem gerade günstigen Parfümklima-Index. Und kaufe Osterhasen. Da schaut Ihr, gell?

Der Kapitalismus enteignet seine Jünger

Wir haben unsere Banken falsch verstanden. Dachten wir doch, die Geldinstitute würden arme Schlucker mit schwindsüchtigen Girokonten verhungern lassen, wenn sie bloß die vermögende Elite gut versorgen würden. Aber in Wahrheit ist es anders: Reichen Sparern droht der “Negativzins”.

Die Vorreiterin spielt die Skatbank im thüringischen Altenburg. Wer dort mehr als 500.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto angelegt hat, muss ab sofort ein Viertelprozent Strafzins zahlen. Branchenriesen wie Commerzbank oder Deutsche Bank wollen bald folgen.

Was ist da los? Wahrscheinlich erleben wir den Beginn einer verrückten Enteignungswelle. Man muss sich doch nur einmal überlegen, was passiert wäre, wenn der designierte linke thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow vor dieser Skatbank einen Negativzins gefordert hätte. Er wäre längst weg vom Fenster. Und wie viele Talk-Shows hat dieses Land schon über das Thema Vermögenssteuer erlebt? Nichts ist daraus geworden, eine von oben verordnete Verringerung von Reichtum wurde als ausgesprochen schädlich für Wachstum, Konsum, Export und was es sonst noch gibt entlarvt.

Scheinbar. Was nicht mal Rot-Grün geschafft hat, erledigen die Chef-Butler der Kapitalisten jetzt selber. Und mit welch schönem Begriff: Negativzins. Das klingt zwar nicht positiv, aber immerhin so, als gäbe es zum Geldverlust wenigstens einen Schnaps. Es liest sich, als würde Ursula von der Leyen das für sie ungehörige Wort “Rückzug” durch “Vorstoß in den rückwärtigen Sektor” ersetzen. Es gab ja auch schon Müllkippen, an deren Zaun das Schild “Entsorgungspark” geschraubt wurde. “Talentfrei” klingt auch netter als “untalentiert”.

Genießen wir also die Schönheit der Sprache – und nutzen wir sie bei Bedarf. Wenn uns die Bank den Kredit für’s neue Auto wegen unserer hohen Schulden ablehnt, weisen wir das zurück. Schließlich verfügen wir über ein nicht unerhebliches Negativvermögen – und sind allenfalls ein bisschen “unreich”.

Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: “Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab’ für sowas keine Zeit.”

Gleich wird auf das Motto verwiesen. “Gute Arbeit. Soziales Europa”. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet “Damit ein stabiler Euro allen hilft”. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung “Stolze Stellvertreter” genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.

 

 

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: “Wir brauchen die Rente mit 70.”

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema “Der beste Senf zur Rostbratwurst” durch “Glücklich mit veganen Nudeln” zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  “Mord im Spielsalon” oder “Abmursken Second Hand” hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz “Sie kennen mich” – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

Der Kunde ist Opfer. Teil 1: Der Toner

Achtung, hier beginnt eine Trilogie. Genauer gesagt, eine Kunden-Tragödie in drei Akten. Ich schreibe sie in der festen Erkenntnis, dass die Menschen in diesem Wirtschaftssystem verarscht werden. Aus Gründen der Authentizität sind fränkische Zitate unvermeidbar. Teil eins: Der Toner.

Ehrlich, ich war stolz auf meinen koreanischen Drucker. Ach was, Drucker. Ein Gerät mit Kopier- und Scanfunktion, eine vervielfältigende Wollmilchsau sozusagen. Und zu einem Preis, der noch vor fünf Jahren für einen Laserdrucker bestenfalls als schüchterne Anzahlung gereicht hätte. Irgendwas knapp unter 200 Euro. Ein allerfeinstes Geiz-Geil-Schnäppchen also. Das Gerät arbeitete gut. Aber dann: Blink, blink, der Toner ist leer. Wir wissen: Der Toner ist dem Drucker sein Akku. Also immer futsch, wenn du ihn dringend brauchst. Auf zur Ersatzbeschaffung.

Erste Station: Eine “Tinten-Tankstelle”. Der Verkäufer mustert den mitgebrachten Toner-Behälter und stellt die gnadenlose Frage: “Welcher Dübb iss’n Ihr Druggär?” Die angemessene Antwort “Meistens netter als ich gleich bin, du Hirni” verkneift man sich. Also Schulterzucken und der Hinweis an den Experten, dass der Firmenname draufstehe und dass es doch eine Seriennummer geben müsse. “Waddens. Ja, doh. Iich gebs amohl in mein Kombjuder ei.” Gefühlte zehn Minuten später die erlösende Botschaft: “Dou hammern. Obä, den mäimer beschdelln. Villeichd wär’s ja besser, wenn Sie dahamm noch amohl wecha dem Dübb nochschauerdn. Wall wissns, ma schdeggd ja ned drinn.”

Na gut, fragen wir die Konkurrenz. Zweites Geschäft, der Verkäufer ist sauber gekämmt, ein Scheitel, wie mit der Streitaxt gezogen. Er spricht hochdeutsch. “Grüß Gott, ich bräuchte einen Toner für einen S……. M 2070. Schwarz-weiß reicht.” Verkäufer: “Moment, ich geb’ das mal in meinen Computer ein. Ja, da ist er.” “Bin ich jetzt froh.” “Ja, aber den haben wir nicht im Sortiment.” “Wie? Jetzt?” “Den kriegen Sie bei uns nicht.” “Sie wollen mir also jetzt sagen, dass ich einen Toner, den ich ohne Problem von daheim aus bestellen könnte, bei Ihnen nicht kriege?” “Exakt.” “Sie verarschen mich.” “Nö.” “Sie wollen mich nicht als Kunden?” ” Na ja, das ist zu hart ausgedrückt.” “Sie meinen es ernst?” “Exakt.”

Die anschließende Google-Suche – zwecks Lieferzeiten-Vermeidung dringend angeraten – führt mich zu “flinken Printware-Profis” in meiner Nachbarschaft. Sensibilisiert durch meine Erfahrungen will ich erst mal wissen, ob der Toner vorrätig ist. Telefon wird abgehoben.  “Trallitralla, Dings, Dings. Wos konni fiehr Sie duhn?” Kurze Problemschilderung. “Ja, den konn ich besorgn. Bis morgn middoch.” Und was kostet der? “44 Euro – und die Schdeuer  gäihd eggsdra.” “Wie? Hallo? Das ist fast teurer als der Drucker.”

“Ja und, wäi mahner nou Sie, dass unsere Kondserne ihr Geld verdienä? Immä iieber die Ersaddsdeile.Als Kosumend willmer a Schnäbbchen – dofür bezohld mer dann hinterher.” “Ja, aber 44 Euro?” “Des is wecherm Badend. Dou is a Badend-Schudds draaf.” “Aber Toner gibt’s seit Jahrzehnten.” “Dann schauers doch, wos heidzudooch alles baddendierd werd. Sie könna genauso goud die Badroner von Ihr’m Fülla baddendiern. Und wenn der La Rosch am Amaddsonas a Unkraud find, des gecha Durchfall hilfd, nou kummd a Schdembbl draaf midd der Aufschrifd ‘Erfundn von Farmaindschenör Wilhelm Dell’. Des machds hald erschd amohl deirer.” “Gibt’s keine Alternative?” “Ned werggli. Groud däi von Ihrer Firma sinn voll aggressiv, wos Badendverleddsungen ohgäid. Do sogn mir Finger wech.”

“Na gut, ich komme gleich vorbei.” “Na, besser ned. Wall, där Dohner is draußn im Lohcha. Den bringerd unsä Fohrer vorbei. Nou hammsn schneller.”

“Unser Fahrer” arbeitet für die DHL. Die Lieferung kostet 2,90, Endpreis 55,75 Euro. Handelt die Post jetzt auch mit Druckerbedarf? Egal, wenigstens war auf dem Transporter kein “Badend” drauf.


 

 

 

 

 

 

Die lustigen Rentner sind unser Ruin

Ach, diese Rentner. Sie werden uns ruinieren. Sie sind unser Verderben. Wollen bezahltes Nichtstun schon mit 63. Obwohl der Zusammenbruch der Ökonomie droht. Widerliche Egoisten!

Erstmal: Die Debatte ist aufgeblasen. Wer mit 63 ohne Abschläge gehen will, muss ja 45 Jahre als Beitragszahler/-in gearbeitet haben. Daran dürfte der schnelle Abgang öfters scheitern. Aber das ist eine Randbemerkung.

Erstaunlicher ist die Verlogenheit unserer Wirtschaftsbosse. Vor ein paar Jahren wurde das Thema noch ganz anders gehandhabt. Ältere Beschäftigte wurden als Problem gesehen. Sie seien unflexibel, könnten dem technologischen Fortschritt nicht mehr folgen. Außerdem seien sie ständig wochenlang krank oder auf Reha. Und teurer seien die Alten sowieso.

„Jung und dynamisch“ war angesagt. Also wurde in vielen Firmen aufgeräumt. Die Generation Ü50 wurde weggschickt, bevorzugt mit hoch subventionierten Altersteilzeitverträgen.

Inzwischen fehlen die jungen Kräfte – und schon entdeckt unsere Wirtschaft neue Werte. Ältere Beschäftigte verfügten über unersetzliche Erfahrungswerte. Sie seien genauso lernwillig wie ihre jungen Kollegen. Und meldeten sich auch nicht häufiger krank. Was übrigens stimmt.

Vielleicht sind die Alten aber auch selber schuld daran, dass sie neu entdeckt werden. Würden sie sich, wie es sich für Rentner gehört, auf eine Parkbank setzen und mit ihrem Altersgenossen über ihre neuesten Wehwehchen reden, würde man voll des Mitleids an ihnen vorbeigehen. Stattdessen sitzen sie zur besten Arbeitszeit beim Latte Macchiato im Café, schwimmen, fahren Rad, klettern und kleben sich für’s Rockfestival eine Rolling-Stones-Zunge an den Rollator.

Diejenigen, die von den Controllern in computergestützte Vollstress-Jobs gepresst worden sind, können so viel gute Laune natürlich nicht ertragen. Also, liebe Rentner, zeigt endlich Demut! Dann lassen wir euch gerne gehen. Wenn’s sein muss, auch schon mit 63.

 

Reichtum wächst – Verarsche geht immer

Na also, die Welt ist wieder in Ordnung. Bill Gates, als Microsoft-Gründer ein Gottvater unserer modernen Kommunikation, ist wieder der reichste Mann der Welt. 76 Milliarden Dollar lagern nach Recherchen der Zeitschrift “Forbes” in seinen Depots.

Staunen tun wir aber schon. Hatte nicht dieser Bill Gates zusammen mit weiteren stinkreichen Kumpanen einen stattlichen Teil seines Vermögens gespendet? Sollten mit dem Geld nicht Aids und andere Seuchen in Afrika bekämpft werden? Da müsste doch was fehlen. Wurden die Spenden nur vorgetäuscht? Hat es beim Online-Banking mit Microsoft-Produkten einen verheerenden Software-Fehler gegeben, der die Überweisung verhindert hat?

Muss nicht sein. Denn ab einer gewissen Größe des Vermögens ist wachsender Reichtum unvermeidlich. Das Sparschwein wird Mehrschwein. Ein Bill Gates bunkert sein Geld schließlich nicht – wie wir – für 0,15 Prozent Jahreszinsen auf einem  Sparbuch. Sondern er geht vielleicht zur Nummer 4 der Welt-Reichenliste, dem Herrn Buffet (53,3 Milliarden Dolar). Und sagt “Warren, kümmer’ dich drum.” Der kümmert sich, überreicht dem Bill am Buffet die neuesten Kontoauszüge und fragt lächelnd “Na, Gates?”. Ja, es geht bestimmt.

Schließlich ist der Reichtum der Reichsten zu einem erheblichen Teil auf Verarsche begründet. Die geht immer. Die irren Vermögen sind der Ertrag der irremachenden Hotlines, die Dividende des schlechten Service, der schamlosen Ausbeutung und des immer wiederkehrenden Verdrusses. Die Nummer 2 der Milliardäre, Carlos Slim Helu, ist mit seinen 72,1 Miliarden Dollar der Chef der Mexico-Telekommunikation. Die Nummer 3, der Spanier Amancio Ortega (Zara-Chef) verkauft billig produzierte Mode, ist also ein analoger Exot. Auf Platz 6 allerdings rangiert Larry Ellison, Chef des Software-Konzerns Oracle.

Wenn uns also all diese Herrschaften wieder einmal mit einem zuckersüßen Singsang-Werbespot klarmachen wollen, dass ihre neueste All-Net-For-Ever-Family-Friends-Flatrate ein Geschenk an die Menschheit sei, dann vermeiden wir bitte eines: den Rückzugsbefehl an den Mittelfinger. Öffentlich müssen wir ihn ja nicht zeigen.

Raubtierkapitalisten fürchten nur Schnee

Sicher, Habgier zählt zurecht zu den Todsünden. Aber es ist verkehrt, den Kapitalismus für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen.

Wir sollten da auch unseren Lieblingspapst Franziskus zur Ordnung rufen, der diese Wirtschaftsordnung als “an der Wurzel ungerecht” bezeichnet hat. Denn rein materiell haben von diesem System auch die Beschäftigten profitiert. Der Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und real existierendem Sozialismus lässt sich so darstellen: VW Golf statt Trabant und Doppelhaushälfte statt Plattenbau.

Bei dieser Betrachtung darf allerdings das Wort “sozial” nicht übersehen werden. Es soll Unternehmer gegeben haben oder noch geben, die es gut und richtig fanden, dass die Beschäftigten am Erfolg der Firma teilhaben. Also war man Lohnforderungen gegenüber  aufgeschlossen, Verhandlungen über Tarife wurden mit dem Willen geführt, zu einer Einigung zu kommen. Zusätzliche Urlaubstage oder verrückten Ideen wie das Weihnachtsgeld ließ man sich durch Streiks abringen. Aber hinterher herrschte Frieden.

Das hat sich vielfach geändert. Spendabel sind Unternehmen heutzutage vor allem bei den Gehältern der Chefs. Oder bei deren Abfindungen. Ansonsten sitzen die Controller derart auf dem Geld, dass unser Euro-Adler quietscht. Das Humankapital ist in jedem Fall negativ zu bewerten. Nur Lohnverzicht kann uns retten. Zumal er auf lange Sicht in den wohltuenden Rentenverzicht mündet. Die Senioren der nicht mehr so sozialen Marktwirtschaft werden ihre Kreuzfahrt nicht mehr in die Karibik oder ans Nordkap unternehmen. Sie werden, begleitet von mittelmäßigen Blaskapellen, über unsere Binnengewässer gondeln.

Das ist die Zukunft. Aber wer, bitteschön, ist denn zurzeit der größte denkbare Renditeheld? Wer ist das ultimative Raubtier unter den Kapitalisten? Antwort: Es ist der Inhaber einer Firma für Schneeräumdienste. Monat für Monat bekommt er die Überweisung seiner Kunden aufs Konto. Tun muss er dafür Null und Nix.

Kein Aufwand, hoher Ertrag. 97 Prozent Umsatzrendite, im Zweifelsfall ohne jede Habgier. Dieser Mann ist unser Vorbild, unser Held. So lange das Wetter eben hält…