Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!

 

 

 

 

Herr Gauck und die bösen Landesfürsten

Prinzipientreue ist gut, Meinungsfreude sowieso. Schwierig wird es, wenn sich zu diesen Eigenschaften Starrsinn mischt. So wie jetzt bei Bundespräsident Joachim Gauck.

Eigentlich mögen wir den ewigen Bürgerrechtler aus Rostock. Schon optisch ein Querschädel erster Güte, beschallt er uns mit dem Stichwort “Freiheit” bis an die Grenze zur Penetranz. Das ist gut so, denn zu viele Menschen sind – bezogen auf den Staat oder ihre Chefs – lieber Kälber als Kämpfer. Gauck sagt, wo Bedrohungen und Unrecht lauern. Und hat jetzt die mögliche künftige Landesregierung von Thüringen und den möglichen ersten Ministerpräsidenten der Linken, Bodo Ramelow, ausgemacht. Noch während die dortigen Parteien verhandeln oder -wie die SPD – ihre Mitglieder befragen, mahnt er: Finger weg!

Da fragen wir uns doch: Was wäre, wenn die Auswahl von Länder-Regierungschefs zu den Aufgaben des Bundespräsidenten gehörte? Horst Seehofer bekäme seine Probleme. Er verzichtet auf Prinzipien und wechselt ständig seine Meinung. Weshalb es uns nicht wundern würde, wenn die CSU im Einzelfall mehrheitsfähige Positionen der Linken übernehmen würde. Was ist mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg? Weg, aber schnell. Denn ein grüner Ministerpräsident ist auf lange Sicht der Tod der glorreichen Autoindustrie.

Volker Bouffier in Hessen? Kuschelt zwecks Machterhalt mit einem einstigen Schreckgespenst – einem Grünen mit arabisch klingendem Namen? Und Klaus Wowereit in Berlin? Er geht zwar demnächst in Pension, hat aber in seiner Karriere alle genommen, wenn es ihm geholfen hat. Sogar die ganz Roten.

Eine Leiche im Keller hat eigentlich jeder. Alsdenn: Dieses Land hat schon viel erlebt, überstanden und wird es noch ertragen. Ein Präsident in den Untiefen der Provinz hilft uns nicht. Starrsinn schon gar nicht.

 

 

 

 

Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

Schade, Ihr Schotten! Wir hätten Euch gebraucht…

Ach, Ihr Schotten! Ihr wart unsere Hoffnung. Wir hatten gedacht, Ihr würdet es machen, wie wir es von Mel Gibson alias Braveheart kannten. Ihr würdet die Röcke hochheben und den Engländern ein für allemal den nackten Hintern zeigen. Und so ein Beispiel für uns Franken setzen.

Eigentlich träumen wir doch schon lange davon, uns selbstständig zu machen und die Oberbayern ihrem Schicksal zu überlassen. Sollen sie doch den Seehofer behalten, Modellautos bauen, sich an Oktoberfest-Dirndln und an den Bergen erfreuen. Wir haben den Horizont! Der zählt viel mehr. Bussi-Bussi ist nicht unser Ding. Wir sagen ehrlich, ob wir jemand mögen oder nicht.

Und diese Perspektiven! Vom Bau teurer Autos würden wir zwar nicht mehr profitieren. Ebensowenig wie von den High-Tech-Produkten der obayerischen Panzerschmieden. Aber wir wären Weltmarktführer bei Dingen, die die Menschen wirklich brauchen: Bratwürste, wirklich gutes Bier, herben Qualitäts-Wein, Sportklamotten zum Abtrainieren der Genuss-Folgen und Jesuskinder, die Mädchen sind und blonde Perücken tragen.

Grandiose Möglichkeiten hätten wir aber auch auf anderen Feldern.  Die CSU müsste sich wieder anstrengen, weil sie nicht zwangsläufig die Landesregierung stellen würde. Wir bekämen einen eigenen ARD-Sender, der viel öfter einen Tatort produzieren würde. Wegen der geringen Kriminalitätsrate wäre unser Landeskriminalamt mit der Aufklärung von Sellerie-Diebstählen im Knoblauchsland ausgelastet.

Und wenn wir richtig ernst machen, regeln wir auch die Mutter aller Themen, den Fußball. Der 1. FC Nürnberg würde, wenn auch in einem gewissen Wechsel mit Greuther Fürth, wieder regelmäßig Landesmeister. Er würde in der Champions-League-Qualifikation gegen Metalurg Saporischschja obsiegen und dann richtig durchstarten. Die fränkische Nationalmannschaft würde Gibraltar und die Faröer gnadenlos vom Platz fegen und mit rot-weißen Fahnen nach Katar fahren.

Es wäre so schön. Aber es ist anders gekommen. Lieber Mel Gibson, zu schade, dass Du bloß ein Schauspieler bist.

 

 

 

Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

“Nie wieder Krieg!” So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. “Überall Krieg” ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als “Weltfriedenstag” gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die “Bild”-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten “Islamischen Staat” schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom “Islamischen Staat” zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe “der Westen” den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Die Innenpolitik im schwarzen Loch

Gibt es schwarze Löcher in der Politik? Zurzeit scheint das so zu sein. Denn das, was man früher Innenpolitik genannt hat, ist nahezu komplett aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Unser Leben findet scheinbar irgendwo zwischen Donezk und Gaza statt. Dort herrscht Krieg, bei uns herrscht Schlummer.

Sicher, man darf nicht wegsehen, wenn sich Menschen gegenseitig abschlachten. Wenn so genannte „Rebellen“, die wegen ihrer abartigen, hasserfüllten Gesinnung „unislamischer Staat“ heißen müssten, eine Blutspur nach der anderen legen. Wenn Bomben fallen, weil zuvor Raketen geflogen sind. Wenn gar nicht so weit von uns entfernt, in der Ukraine, Krieg geführt wird.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Erst recht, wo es für ein Chaos-Land wie Libyen keinen Platz in den Zeitungsspalten und kaum Sendezeit in Radio und Fernsehen gibt. Es sind einfach zu viele Bomben und Granaten.

Aber darf das dazu führen, dass wir die Innenpolitik komplett vergessen? Redet noch jemand ernsthaft von der Energiewende? Ist die Zukunft der Pflege noch in der Diskussion? Was ist mit der immer ungerechteren Verteilung des Wohlstandes?

Ja, es geht uns gut und viel besser, als an vielen Orten dieser Welt. Mütterrente und Mindestlohn sind auch abgehalt. Aber wenn der fast schon karnevalistische Streit um die Pkw-Maut das aktuelle Hauptthema in Deutschland sein soll, stimmt ewas nicht.

Ja, man muss gelegentlich zum Fernglas greifen. Aber ebenso gilt: Reichlich Arbeit gibt es auch im eigenen Haus. Aufwachen, bitte!

Die Jobmaschine Spionage

Ein Problem dieser Gesellschaft ist der Pessimismus. Wenn es darum geht, ob eine Krise nun eine Chance oder das Verderben sei, entscheiden wir uns allzu gerne für die letztere Antwort. So ist es auch bei der aktuellen Spionage-Affäre.

Zunächst einmal: Gnadenloses Ausspähen war und ist das Wesen paranoider Staaten. Diktaturen, die vom Wesen her Politik gegen ihre Untertanen machen, sind so. Aber auch die USA. Wo der Waffenbesitz als Grundrecht gilt, muss der Verfolgungswahn gewaltig sein.

Das ist so, das ist nicht zu ändern. Wenn wir aber dieses wissen: Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, über diesen Zustand zu jammern? Das Glas ist halbvoll! Sehen wir lieber die Chancen der aktuellen Entwicklung. Und die sind gewaltig.

Eine Dienstleistungsgesellschaft wie die unsere ist unablässig damit beschäftigt, für die in ihr lebenden Menschen mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zu finden. Man betrachte nur die von schnuckeliger Musik unterlegten Anstrengungen der Telekommunikations-Konzerne, uns sinnlose Tarif-Verrenkungen oder Apps als lebensnotwendig zu verkaufen.

Sehen wir also das Positive: Wenn sich eine Gesellschaft konsequent daran macht, andere Nationen, am Ende aber die eigenen Leute in jeder Lebenslage zu überwachen, generiert sie ein überragendes Beschäftigungspotential. Vermutlich 60 Prozent des Bruttosozialproduktes der DDR dürften auf die Arbeit der Stasi und ihrer Töchterunternehmen zurückgegangen sein. Und wenn die USA pro Jahr 50 Milliarden Euro für Bespitzelung ausgibt, Deutschland aber nur 800 Millionen, dann ist gewaltig Luft nach oben.

Seien wir also nicht verängstigt, und werfen wir sie an, die Jobmaschine Spionage. Denken wir daran, wie wunderbar sich dieses Projekt in unserem dualen Bildungssystem verankern lässt. Beginnend vom Hilfs-Spitzel über den dreijährig ausgebildeten Guck-und-Horch-Gesellen bis zum IHK-geprüften Master auf Spience und zum Bachelor of Späh.

Das Bruttosozialprodukt wird explodieren. Und: Dank Facebook ist der Erfolg garantiert. Denn schwer ist Bespitzeln in diesen Zeiten ja wirklich nicht mehr.

 

 

Schröpfer-Alex und die fremden Autos

Politiker, wie auch Gewerkschafter, Pfarrer, Sozialarbeiter und andere Beseelte, kämpfen in diesem Leben vor allem für eines: Gerechtigkeit! Man könnte auch sagen, dass es das Ziel der Arbeit der Angehörigen dieser und verwandter Berufsgruppen ist, den Himmel auf Erden zu schaffen. Aber das ginge beim Thema Pkw-Maut dann doch zu weit. Grenzenlose Freiheit verspricht dieses Projekt ja nicht.

Oder doch? Über die Vignette erwirbt der inländische Autofahrer eine Flatrate für alle Straßen. Unbegrenzt darf er von der Spielstraße bis zu achtspurigen Autobahn alle Fahrbahnen benutzen – und sich zudem daran freuen, dass die holländischen Wohnwagenbesitzer den Verkehr nicht mehr kostenfrei behindern dürfen. Wir sparen schließlich bei der der Kfz-Steuer. Unsere Straßen gehören uns. Und wer drauf will, zahlt gefälligst. Sagenhafte 71 Prozent der Bundesbürger finden dies gut. Dies besagt eine Umfrage des Institus dimap (die die CSU bezahlt hat, aber das ist selbstverständlich nebensächlich – sagen die Meinungsforscher).

Also alles in Butter? Das leider nicht. Denn das Konzept der Pkw-Maut trägt die schlimmen Aspekte des deutschen Steuerrechts in sich. Auch dieses folgt dem Prinzip “Himmel auf Erden”, was bedeutet, dass es einerseits Gerechtigkeit für Alle schaffen, aber andererseits jedem Einzelfall gerecht werden will. Am Ende wird es derart kompliziert, dass es, wie beim Steuerrecht, einer blutigen Revolution bedürfte, um Nachhaltiges zu ändern. Wenn wirklich alle Öko-Aspekte für die Zuweisung der Vignettenfarbe beachtet werden sollen, dürfte es bunt werden auf den Autoscheiben. Und warum für Elektroautos nichts bezahlt werden soll, ist schwer nachvollziehbar. Kann man doch seriös nur Luftkissenfahrzeugen bescheinigen, dass sie den Straßenbelag nicht abnutzen.

So bleibt diese Maut ein rätselhaftes Ding. Und warum einer, der zum Schröpfer-Alex mutiert, beim Vorstellen seiner Idee so selbstzufrieden grinst, fragt man sich auch. Er ist eben beseelt, unser Minister Dobrindt.

 

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es “Savoir vivre”. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass “kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist”. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!