Bratwurststerben im Landtag? Das könnte Stress geben

Achtung, diese Geschichte beruht zum Teil an böswilligen Vermutungen. Aber sie zeigt doch, wie sehr das Funktionieren des öffentlichen Lebens am Tropf der europäischen Bürokratie hängt. Nennen wir unseren Thriller “Das Ende der Bratwurst im bayerischen Landtag”.

Es ist nämlich so (und das stimmt an diesem Text), dass die Bundesregierung aufgrund von Vorgaben aus Brüssel das Vergaberecht reformieren möchte. Eine der entscheidenden Änderungen betrifft die Frage, welche Unternehmen in Zukunft von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen sein sollen.  “Wer sich wegen Wirtschaftsdelikten strafbar gemacht hat, soll nicht von öffentlichen Aufträgen profitieren”, heißt es hierzu.

Und jetzt stellen wir uns vor, in der Landtagsgaststätte gäbe es bisher Nürnberger Rostbratwürste aus der Wurstfabrik von Uli Hoeneß. Zweifelsfrei wäre ein Steuerhinterzieher für diese noble Einrichtung kein zuverlässiger Partner mehr. Das Produkt würde gestrichen und durch Gemüsebratlinge von einem oberbayerischen Demeter-Hof ersetzt. Es würde ein kontinentaler Konflikt.

Am Rande einer Aufsichtsratssitzung des FC Bayern München würde Sportsfreund Stoiber Edmund aufgefordert, sich doch einmal beim Jugendbeauftragten Hoeneß Uli anzuschauen. Auf der Stelle wäre der graue Wolf davon überzeugt, dass es sich hier um einen Fall von überbordender Regelungswut handeln würde.

Stoiber würde nach  Brüssel jetten, um dort, Ähm, Klartext zu, Ähm, reden. Er würde deutlich machen, dass Kommunen und Staat handlungsunfähig würden, wenn sie sämtliche Bilanzfälscher, kriminellen Subunternhmer und sonstigen Amigos von öffentlichen Aufträgen fernhalten müssten. Von den dramatischen Auswirkungen auf die Haushalte ganz zu schweigen. Schwarze Null ohne Billiglöhner? Undenkbar – ganz und gar.

Auch die SPD wäre im Boot. Würde sie doch das Streichen der Bratwurst von der Landtags-Speisekarte als klares Indiz für eine weitere Benachteiligung Frankens ansehen. Aus purem Trotz würde sie  Parteichef Gabriel dazu drängen, die Pkw-Maut zu verhindern. Dies wiederum würde dazu führen, dass die CSU keine neuen Stromtrassen im Freistaat zulässt.

Die Folge wäre, dass – Erstens –  überschüssiger Strom aus Offshore-Windkraftanlagen illegal in die Nordsee geleitet wird und dort ein großflächiges Robbensterben auslöst. Zweitens würde sämtliche Atomkraftwerke wieder angeschaltet. Die Energiewende wäre am Ende, was den Klimawandel beschleunigen und schließlich dazu führen würde, dass die Allianz-Arena wegen ständigem Monsunregen unbespielbar wird.

Es ist hier nicht recherchiert, ob es in der Landtagsgaststätte Nürnberger Rostbratwürste aus dem Hause Hoeneß gibt Sollte dies jedoch der Fall sein, lautet mein guter Rat: Schaut bitte, bitte drüber weg.

 

 

Die “Lügenpresse” hat ziemlich falsche Freunde

Herzlichen Glückwunsch! “Lügenpresse” ist zum “Unwort des Jahres” gewählt worden. Damit solle, so die Jury, deutlich gemacht werden, dass es eine derartige pauschale Verunglimpfung der Medien nicht geben dürfe. Zumal es sich um einen Kampfbegriff aus der Zeit des Nationalsozialismus handle. Gut begründet. Aber auch notwendig?

Seit dem Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” gehört die kollektive Umarmung der Medien zum Mainstream. Es stimmt aber auch, dass man etliche der vielen guten Menschen in Abwandlung eines Erfolgsfilm-Titels “Ziemlich falsche Freunde” nennen könnte. Die getöteten Satiriker würden sich im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wer sich da bei der angeblichen Demonstration der Staats- und Regierungschefs von Paris nach vorne gedrängt hat. Wenn sich ein hochrangiges Mitglied der türkischen Regierung öffentlich als Freund der Pressefreiheit zeigt, dann ist das so, als würde ein versoffener Hooligan für Gewaltfreiheit werben.

Wir sollten auch nicht so tun, als würde Spott über die Religionen unter uns gebürtigen Abendländlern völlig lässig gesehen. Als das Satiremagazin “Titanic” vor einiger Zeit Papst Benedikt bissig karikierte, war der Aufschrei groß.  Man hatte den Eindruck, hier wäre schlimmste Gotteslästerung geschehen. Obwohl kein Mensch und auch kein Würdenträger des organisierten Glaubens Gott ist. Wie es um die Toleranz im Land bestellt ist, könnte jede Regionalzeitung testen, indem sie an prominenter Stelle eine blasphemische Zeichnung bringt. Es gäbe Proteste und Abbestellungen.

Aber wie ist das mit der “Lügenpresse”? Wir alle kennen Satz “Man darf nicht alles glauben, was in der Zeitung steht”. Jeder aufrichtige Journalist würde diese Aussage unterschreiben. Denn es ist objektiv unmöglich, dass Berichterstatter und Kommentatoren immer richtig liegen. Ehrliche Medienmacher wünschen sich sowieso, dass ihre Arbeit nicht kritiklos konsumiert, sondern aufmerksam begleitet wird.

Darauf zu hoffen, dass ein “Unwort” nachhaltig Bewusstsein schafft, ist aber verfehlt. Besser, als auf Umarmungen zu hoffen, die spätestens in zwei Wochen bei geänderter Nachrichtenlage wieder aufhören, wäre es für uns Journalisten, unseren Begriff satirisch zu nehmen. Indem wir uns eine mechanische Lügenpresse denken – und folgern: Wenn diese ihren Dienst getan hat, ist von der Unwahrheit nichts mehr übrig. Sie ist ja frisch gepresst.

 

 

 

 

 

Am Tag der Schande reden Ausländer deutsch

Generalsekretäre von Parteien geben uns immer wieder Rätsel auf. Äußerlich seriös, produzieren sie am laufenden Band Sätze, für die sich andere Menschen schämen würden. Vielleicht nehmen sie selbst keine Drogen, sicher aber dealen sie berufsmäßig mit üblem Sprachgift. Vor allem die CSU hat immer wieder solche Spezialbegabungen hervorgebracht. Markus Söder und Alexander Dobrindt waren welche. Und jetzt ist Andreas Scheuer am Ruder.

Der Mann aus Passau steht vor einer besonderen Herausforderung: Er muss seine Partei als Bewahrerin des Schönen, Guten, Gerechten sowie als Kriegerin gegen das Böse und Andere ins Rampenlicht stellen. Das aber fällt schwer, wo so unübersehbar ist, dass es in der CSU obskure Gestalten gibt. Ob das nun – im Kleinen – der Bürgermeister ist, der sich aus der Kasse der fränkischen Gemeinde Zapfendorf bedient. Oder – im Großen – die ehemalige Sozialministerin Christine Haderthauer, welche Sozialkompetenz vor allem in eigener Sache bewiesen hat.

Diese Figuren zuzudecken ist schwierig. Also haut Andreas Scheuer so richtig rein. Er nennt den neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow einen Top-Agenten der alten SED-Netzwerke und ruft anlässlich dessen freier und geheimer Wahl einen “Tag der Schande im wiedervereinigten Deutschland” aus. Doch damit nicht genug: Noch an diesem schlimmen Datum, wird bekannt, dass seine CSU fordern will, dass sich hier lebende Ausländer grundsätzlich auf Deutsch unterhalten sollen. In der Öffentlichkeit, aber auch zu Hause in der eigenen Familie. „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den Parteitag in Nürnberg Ende kommender Woche.

Tja, das bringt uns voran und bringt uns alle miteinander näher. Würde diese Idee nämlich zum Gesetz, müsste es auch überwacht werden. Es müsste hineingehorcht werden in die migrantischen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer.

Wer aber könnte das besser, als die Nachfahren der Stasi? Man wird sie vielleicht noch brauchen können. Ansonsten zeigt sich am “Tag der Schande”: Wer die CSU und Andreas Scheuer kennt, wird sich vor Bodo Ramelow kaum mehr richtig fürchten.

 

 

 

 

 

 

Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!

 

 

 

 

Herr Gauck und die bösen Landesfürsten

Prinzipientreue ist gut, Meinungsfreude sowieso. Schwierig wird es, wenn sich zu diesen Eigenschaften Starrsinn mischt. So wie jetzt bei Bundespräsident Joachim Gauck.

Eigentlich mögen wir den ewigen Bürgerrechtler aus Rostock. Schon optisch ein Querschädel erster Güte, beschallt er uns mit dem Stichwort “Freiheit” bis an die Grenze zur Penetranz. Das ist gut so, denn zu viele Menschen sind – bezogen auf den Staat oder ihre Chefs – lieber Kälber als Kämpfer. Gauck sagt, wo Bedrohungen und Unrecht lauern. Und hat jetzt die mögliche künftige Landesregierung von Thüringen und den möglichen ersten Ministerpräsidenten der Linken, Bodo Ramelow, ausgemacht. Noch während die dortigen Parteien verhandeln oder -wie die SPD – ihre Mitglieder befragen, mahnt er: Finger weg!

Da fragen wir uns doch: Was wäre, wenn die Auswahl von Länder-Regierungschefs zu den Aufgaben des Bundespräsidenten gehörte? Horst Seehofer bekäme seine Probleme. Er verzichtet auf Prinzipien und wechselt ständig seine Meinung. Weshalb es uns nicht wundern würde, wenn die CSU im Einzelfall mehrheitsfähige Positionen der Linken übernehmen würde. Was ist mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg? Weg, aber schnell. Denn ein grüner Ministerpräsident ist auf lange Sicht der Tod der glorreichen Autoindustrie.

Volker Bouffier in Hessen? Kuschelt zwecks Machterhalt mit einem einstigen Schreckgespenst – einem Grünen mit arabisch klingendem Namen? Und Klaus Wowereit in Berlin? Er geht zwar demnächst in Pension, hat aber in seiner Karriere alle genommen, wenn es ihm geholfen hat. Sogar die ganz Roten.

Eine Leiche im Keller hat eigentlich jeder. Alsdenn: Dieses Land hat schon viel erlebt, überstanden und wird es noch ertragen. Ein Präsident in den Untiefen der Provinz hilft uns nicht. Starrsinn schon gar nicht.

 

 

 

 

Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

Schade, Ihr Schotten! Wir hätten Euch gebraucht…

Ach, Ihr Schotten! Ihr wart unsere Hoffnung. Wir hatten gedacht, Ihr würdet es machen, wie wir es von Mel Gibson alias Braveheart kannten. Ihr würdet die Röcke hochheben und den Engländern ein für allemal den nackten Hintern zeigen. Und so ein Beispiel für uns Franken setzen.

Eigentlich träumen wir doch schon lange davon, uns selbstständig zu machen und die Oberbayern ihrem Schicksal zu überlassen. Sollen sie doch den Seehofer behalten, Modellautos bauen, sich an Oktoberfest-Dirndln und an den Bergen erfreuen. Wir haben den Horizont! Der zählt viel mehr. Bussi-Bussi ist nicht unser Ding. Wir sagen ehrlich, ob wir jemand mögen oder nicht.

Und diese Perspektiven! Vom Bau teurer Autos würden wir zwar nicht mehr profitieren. Ebensowenig wie von den High-Tech-Produkten der obayerischen Panzerschmieden. Aber wir wären Weltmarktführer bei Dingen, die die Menschen wirklich brauchen: Bratwürste, wirklich gutes Bier, herben Qualitäts-Wein, Sportklamotten zum Abtrainieren der Genuss-Folgen und Jesuskinder, die Mädchen sind und blonde Perücken tragen.

Grandiose Möglichkeiten hätten wir aber auch auf anderen Feldern.  Die CSU müsste sich wieder anstrengen, weil sie nicht zwangsläufig die Landesregierung stellen würde. Wir bekämen einen eigenen ARD-Sender, der viel öfter einen Tatort produzieren würde. Wegen der geringen Kriminalitätsrate wäre unser Landeskriminalamt mit der Aufklärung von Sellerie-Diebstählen im Knoblauchsland ausgelastet.

Und wenn wir richtig ernst machen, regeln wir auch die Mutter aller Themen, den Fußball. Der 1. FC Nürnberg würde, wenn auch in einem gewissen Wechsel mit Greuther Fürth, wieder regelmäßig Landesmeister. Er würde in der Champions-League-Qualifikation gegen Metalurg Saporischschja obsiegen und dann richtig durchstarten. Die fränkische Nationalmannschaft würde Gibraltar und die Faröer gnadenlos vom Platz fegen und mit rot-weißen Fahnen nach Katar fahren.

Es wäre so schön. Aber es ist anders gekommen. Lieber Mel Gibson, zu schade, dass Du bloß ein Schauspieler bist.

 

 

 

Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

“Nie wieder Krieg!” So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. “Überall Krieg” ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als “Weltfriedenstag” gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die “Bild”-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten “Islamischen Staat” schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom “Islamischen Staat” zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe “der Westen” den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Die Innenpolitik im schwarzen Loch

Gibt es schwarze Löcher in der Politik? Zurzeit scheint das so zu sein. Denn das, was man früher Innenpolitik genannt hat, ist nahezu komplett aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Unser Leben findet scheinbar irgendwo zwischen Donezk und Gaza statt. Dort herrscht Krieg, bei uns herrscht Schlummer.

Sicher, man darf nicht wegsehen, wenn sich Menschen gegenseitig abschlachten. Wenn so genannte „Rebellen“, die wegen ihrer abartigen, hasserfüllten Gesinnung „unislamischer Staat“ heißen müssten, eine Blutspur nach der anderen legen. Wenn Bomben fallen, weil zuvor Raketen geflogen sind. Wenn gar nicht so weit von uns entfernt, in der Ukraine, Krieg geführt wird.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Erst recht, wo es für ein Chaos-Land wie Libyen keinen Platz in den Zeitungsspalten und kaum Sendezeit in Radio und Fernsehen gibt. Es sind einfach zu viele Bomben und Granaten.

Aber darf das dazu führen, dass wir die Innenpolitik komplett vergessen? Redet noch jemand ernsthaft von der Energiewende? Ist die Zukunft der Pflege noch in der Diskussion? Was ist mit der immer ungerechteren Verteilung des Wohlstandes?

Ja, es geht uns gut und viel besser, als an vielen Orten dieser Welt. Mütterrente und Mindestlohn sind auch abgehalt. Aber wenn der fast schon karnevalistische Streit um die Pkw-Maut das aktuelle Hauptthema in Deutschland sein soll, stimmt ewas nicht.

Ja, man muss gelegentlich zum Fernglas greifen. Aber ebenso gilt: Reichlich Arbeit gibt es auch im eigenen Haus. Aufwachen, bitte!