Keiner versteht die Pkw-Maut? Goethe schon

Werden wir doch mal ganz feierlich: Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages “sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen”. So steht es im Grundgesetz, es liest sich ganz wunderbar. Wie also, fragt man sich, kann es – wie gerade geschehen – zu einer Entscheidung für die Pkw-Maut kommen?

Das Phänomen an dieser Geschichte ist ja, dass nicht einmal zehn Prozent von 631 Parlamentariern ein Projekt durchdrücken, für das sich viele schämen, die dafür gestimmt haben. Zumindest haben das etliche Abgeordnete so behauptet. Liegt es daran, dass Gewissen immer dann schwindet, wenn Geld im Spiel ist? Das gilt bei der Maut nur bedingt. Denn es ist ungewiss, ob nach Abzug der Bürokratiekosten ein nennenswerter Ertrag bleiben wird.

Näher kommen wir der Antwort, wenn wir einen wirklich klugen Mann fragen: “Der Handelnde ist immer gewissenlos. Es hat niemand mehr Gewissen als der Betrachtende”, sagte  Goethe. Übersetzt heißt das, dass Zuschauer aller Art, also Opposition und Wähler, immer gut reden haben. Wer dagegen entscheiden muss, gerät leicht in die Zwickmühle. Weil er den Sachzwang, oder in noch schärferer Form, einen Koalitionsvertrag hat. Dann ruft das Gewissen des Abgeordneten vielleicht freudig “Frauenquote” und “Mindestlohn”, grummelt aber folgenlos, wenn es “Betreuungsgeld” hört. Umgekehrt geht das natürlich auch.

Und schon ist die Sache geregelt. Wer hier bekommt, gibt dort. Hunderte Euro-Millionen werden kreuz und quer über den Verhandlungstisch geschoben. Selbstverleugnung ist Mist, gehört aber zur Demokratie.

Doch darf das auch sein, wenn es um Quatsch geht? Nun, bei der Pkw-Maut gibt es ja noch eine Hoffnung, nämlich Europa. Bestimmt haben einige Abgeordnete bei der Abstimmung ein Stoßgebet in Richtung Brüssel geschickt. Auf dass das CSU-Projekt dort beerdigt werden möge und man danach selber sagen kann, dass man es schon immer gewusst hat.

Das Gewissen hat es selten leicht. Aber manchmal hilft ja eine höhere Macht…

 

 

 

Gleicher Lohn fällt nicht vom Himmel

Es war also wieder Equal Pay Day. Bei Veranstaltungen, in Reden, auf Flugblättern wurde auf die “geschlechterspezifische Entgeltlücke” aufmerksam gemacht. 22 Prozent weniger verdienen Frauen im Durchschnitt laut Statistischem Bundesamt. Bloß: Der Kampf gegen ungerechte Bezahlung hat nicht nur mit Gleichberechtigung zu tun.

Übel wird es immer dort, wenn die Gier von Arbeitgebern auf die Naivität, Trägheit oder auf eine schlichte Hilflosigkeit der Arbeitnehmer trifft. Im Kapitalismus darf man es Unternehmern nicht vorwerfen, wenn sie versuchen, mit geringstmöglichem Aufwand einen größtmöglichen Ertrag zu erzielen. So läuft das Geschäft. Fairness ist in diesem System nicht zwingend.

Nun wissen kluge Chefs, dass anständig bezahlte Mitarbeiter/-innen bessere Ergebnisse bringen. Doch allzu oft siegt die Gier über den Verstand. Also nutzen Unternehmer auch noch das allerletzte Schlupfloch, um ihre Beschäftigten auszunehmen. Bis vor ein paar Jahren war das die Leiharbeit. Heute wird vor allem mit Werkverträgen  Geld gespart. Oder man setzt gleich auf Soloselbstständige. Die sind selber schuld, wenn sie für ein Butterbrot schuften.

Aber wie kommt man zu anständigen Löhnen? Wie kann es gelingen, dass Geschlechtergleichheit nicht dadurch hergestellt wird, dass Männer weniger bekommen? Unsere weit verbreitete Sehnsucht ist, dass sich das schon irgendwie ergibt, dass jemand für uns sorgt. Obwohl erwiesen ist, dass Geld nicht vom Himmel fällt, dass Scheinwerfer keine Scheine werfen und dass Chefs anderen nur seltenst Geschenke machen.

Also gilt: Man erreicht etwas, wenn man sich zusammentut, gemeinsam etwas verlangt und andernfalls mit Liebes-, sprich Arbeitsentzug droht. Oder anders ausgedrückt: Wo es keine Gewerkschaften, keine Tarife und keine Betriebsräte gibt, werden die Menschen verarscht. Wahrheit kann so einfach sein…

 

 

 

 

 

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als “sehr gut” verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: “Sie haben sich tapfer geschlagen.”

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

An diesen Mörder glaub’ ich nicht

Wirklich schlimm, mir fehlt der Glaube. Der Glaube daran, dass die russische Polizei ausgerechnet den Mord an dem Putin-Gegner Boris Nemzow in Rekordzeit aufgeklärt haben soll. Bin ich ein Opfer der westlichen Propaganda?

Der Verdächtige, der da im russischen Fernsehen vorgeführt wurde, ist mir einfach zu klischeehaft. Ein Tschetschene – und damit sowieso ein potentieller Staatsfeind. Zudem ausgesprochen hässlich mit einem mageren Kriminellen-Gesicht und mit einer Frisur, wie man sie nach drei Tagen Tiefschlaf unter einer Brücke hat. Und schließlich mit dem Bekenntnis: „Ich liebe den Propheten Mohammed.“

Ich habe mir seine Geschichte so weitergedacht: Dieser Mann und seine mutmaßlichen Komplizen werden in einem von Russia Today live übertragenen Prozess zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Nachdem sie irgendwo in den Weiten Sibiriens eingesperrt sind, wartet man ein bis zwei Jahre, um sie dann mit einer Sporttasche voller Geld aus dem Gulag zu verabschieden. Woraufhin unsere “Killer” auf die Krim umsiedeln, dort eine Wodka-Bar eröffnen und fortan an der Seite junger Ukrainerinnen ein erfülltes Männerleben genießen.

Mein Misstrauen ist mir eigentlich zuwider. Aber nun kommt Wladimir Putin ins Spiel. Er hat jetzt erklärt, dass er die „Heimholung“ der Krim selbst befohlen hat. Er gibt damit zu, dass er die Welt über seine Rolle dreist belogen hat und lässt sich dafür auch noch als Held feiern.

Da versteht sich einer auf schamlose Propaganda. Also gönne ich mir die Skepsis, die spätestens dann bestätigt sein wird, wenn die russischen Behörden vermelden, dass über dem Sofa des Verdächtigen ein Poster hängt, das den boxenden Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko mit nacktem Oberkörper zeigt. Den russischen Sicherheitsbehörden wiederum gratuliere ich dazu, dass sie ihr Mörder-Casting so schnell und mit so einem scheinbar überzeugenden Ergebnis hinbekommen hat.

Für mich bleibt es dabei: Ich glaube Euch kein Wort. Möge mich die Geschichte eines Besseres belehren.

Die Revolution kommt. Auch bei uns.

Wir haben wieder ein Feindbild. Es sind nicht mehr die Lokführer, nicht die Piloten. Es sind die Griechen. Ziemlich jugendliche Typen, die ihre Milliardenschulden mit einer dreisten Lässigkeit durch die Gegend tragen. Aber sehen wir sie wirklich als Feinde? Oder sind uns den neuen Regierungs-Hellenen nicht doch ziemlich sympathisch?

Falls ja, es läge in unseren Genen. Seitdem unseren Eltern und Großeltern in den 60-er Jahren mit Käfer und Isetta die Großglockner-Hochalpenstraße bezwungen haben, hatten wir diese gewisse Sehnsucht nach Süden. Wir wurden Zeugen von stundenlangen Mittagspausen, undeutschem Genuss beim Essen und der Fähigkeit, einfach so dazusitzen und das völlig in Ordnung zu finden. Sandstrand statt Bruttosozialprodukt. Seitdem wollten wir, wenigstens ein kleines bisschen, Südländer sein.

Materiell sind wir die Erfolgreichen geblieben. Aber sind wir glücklich genug, um immerzu Kapitalisten bleiben zu wollen? Offensichtlich nicht. Forscher der Freien Universität Berlin wollen durch eine Befragung herausgefunden haben, dass linksextreme Einstellungen  in Deutschland weit verbreitet sind. Ein Sechstel der Bevölkerung hat demnach eine solche Grundhaltung. Immerhin sieben Prozent der Befragten stimmten dem Einsatz politisch motivierter Gewalt zu.

Zudem hielten in der Umfrage der Freien Universiät mehr als 60 Prozent der Befragten das real existierende deutsche System nicht für eine echte Demokratie. 50 Prozent meinten: Wer anders – vor allem links – denke, werde immer stärker von Staat und Polizei behelligt. Schließlich der Gipfel der Erkenntnisse: Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen halten den Sozialismus oder Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei.

Was lernen wir aus alldem? Wir verachten unseren Wohlstand zutiefst. Zumindest so lange, wie wir ihn noch nicht verloren haben. Wir sind Revolutionäre. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt.

Stecken wir also die Hände in die Hosentaschen und tanzen grinsend den Varoufakis. Wir lieben unser linkes Feindbild wie uns selbst. Hoch die internationale Solidarität!

 

Bratwurststerben im Landtag? Das könnte Stress geben

Achtung, diese Geschichte beruht zum Teil an böswilligen Vermutungen. Aber sie zeigt doch, wie sehr das Funktionieren des öffentlichen Lebens am Tropf der europäischen Bürokratie hängt. Nennen wir unseren Thriller “Das Ende der Bratwurst im bayerischen Landtag”.

Es ist nämlich so (und das stimmt an diesem Text), dass die Bundesregierung aufgrund von Vorgaben aus Brüssel das Vergaberecht reformieren möchte. Eine der entscheidenden Änderungen betrifft die Frage, welche Unternehmen in Zukunft von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen sein sollen.  “Wer sich wegen Wirtschaftsdelikten strafbar gemacht hat, soll nicht von öffentlichen Aufträgen profitieren”, heißt es hierzu.

Und jetzt stellen wir uns vor, in der Landtagsgaststätte gäbe es bisher Nürnberger Rostbratwürste aus der Wurstfabrik von Uli Hoeneß. Zweifelsfrei wäre ein Steuerhinterzieher für diese noble Einrichtung kein zuverlässiger Partner mehr. Das Produkt würde gestrichen und durch Gemüsebratlinge von einem oberbayerischen Demeter-Hof ersetzt. Es würde ein kontinentaler Konflikt.

Am Rande einer Aufsichtsratssitzung des FC Bayern München würde Sportsfreund Stoiber Edmund aufgefordert, sich doch einmal beim Jugendbeauftragten Hoeneß Uli anzuschauen. Auf der Stelle wäre der graue Wolf davon überzeugt, dass es sich hier um einen Fall von überbordender Regelungswut handeln würde.

Stoiber würde nach  Brüssel jetten, um dort, Ähm, Klartext zu, Ähm, reden. Er würde deutlich machen, dass Kommunen und Staat handlungsunfähig würden, wenn sie sämtliche Bilanzfälscher, kriminellen Subunternhmer und sonstigen Amigos von öffentlichen Aufträgen fernhalten müssten. Von den dramatischen Auswirkungen auf die Haushalte ganz zu schweigen. Schwarze Null ohne Billiglöhner? Undenkbar – ganz und gar.

Auch die SPD wäre im Boot. Würde sie doch das Streichen der Bratwurst von der Landtags-Speisekarte als klares Indiz für eine weitere Benachteiligung Frankens ansehen. Aus purem Trotz würde sie  Parteichef Gabriel dazu drängen, die Pkw-Maut zu verhindern. Dies wiederum würde dazu führen, dass die CSU keine neuen Stromtrassen im Freistaat zulässt.

Die Folge wäre, dass – Erstens –  überschüssiger Strom aus Offshore-Windkraftanlagen illegal in die Nordsee geleitet wird und dort ein großflächiges Robbensterben auslöst. Zweitens würde sämtliche Atomkraftwerke wieder angeschaltet. Die Energiewende wäre am Ende, was den Klimawandel beschleunigen und schließlich dazu führen würde, dass die Allianz-Arena wegen ständigem Monsunregen unbespielbar wird.

Es ist hier nicht recherchiert, ob es in der Landtagsgaststätte Nürnberger Rostbratwürste aus dem Hause Hoeneß gibt Sollte dies jedoch der Fall sein, lautet mein guter Rat: Schaut bitte, bitte drüber weg.

 

 

Die “Lügenpresse” hat ziemlich falsche Freunde

Herzlichen Glückwunsch! “Lügenpresse” ist zum “Unwort des Jahres” gewählt worden. Damit solle, so die Jury, deutlich gemacht werden, dass es eine derartige pauschale Verunglimpfung der Medien nicht geben dürfe. Zumal es sich um einen Kampfbegriff aus der Zeit des Nationalsozialismus handle. Gut begründet. Aber auch notwendig?

Seit dem Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” gehört die kollektive Umarmung der Medien zum Mainstream. Es stimmt aber auch, dass man etliche der vielen guten Menschen in Abwandlung eines Erfolgsfilm-Titels “Ziemlich falsche Freunde” nennen könnte. Die getöteten Satiriker würden sich im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wer sich da bei der angeblichen Demonstration der Staats- und Regierungschefs von Paris nach vorne gedrängt hat. Wenn sich ein hochrangiges Mitglied der türkischen Regierung öffentlich als Freund der Pressefreiheit zeigt, dann ist das so, als würde ein versoffener Hooligan für Gewaltfreiheit werben.

Wir sollten auch nicht so tun, als würde Spott über die Religionen unter uns gebürtigen Abendländlern völlig lässig gesehen. Als das Satiremagazin “Titanic” vor einiger Zeit Papst Benedikt bissig karikierte, war der Aufschrei groß.  Man hatte den Eindruck, hier wäre schlimmste Gotteslästerung geschehen. Obwohl kein Mensch und auch kein Würdenträger des organisierten Glaubens Gott ist. Wie es um die Toleranz im Land bestellt ist, könnte jede Regionalzeitung testen, indem sie an prominenter Stelle eine blasphemische Zeichnung bringt. Es gäbe Proteste und Abbestellungen.

Aber wie ist das mit der “Lügenpresse”? Wir alle kennen Satz “Man darf nicht alles glauben, was in der Zeitung steht”. Jeder aufrichtige Journalist würde diese Aussage unterschreiben. Denn es ist objektiv unmöglich, dass Berichterstatter und Kommentatoren immer richtig liegen. Ehrliche Medienmacher wünschen sich sowieso, dass ihre Arbeit nicht kritiklos konsumiert, sondern aufmerksam begleitet wird.

Darauf zu hoffen, dass ein “Unwort” nachhaltig Bewusstsein schafft, ist aber verfehlt. Besser, als auf Umarmungen zu hoffen, die spätestens in zwei Wochen bei geänderter Nachrichtenlage wieder aufhören, wäre es für uns Journalisten, unseren Begriff satirisch zu nehmen. Indem wir uns eine mechanische Lügenpresse denken – und folgern: Wenn diese ihren Dienst getan hat, ist von der Unwahrheit nichts mehr übrig. Sie ist ja frisch gepresst.

 

 

 

 

 

Am Tag der Schande reden Ausländer deutsch

Generalsekretäre von Parteien geben uns immer wieder Rätsel auf. Äußerlich seriös, produzieren sie am laufenden Band Sätze, für die sich andere Menschen schämen würden. Vielleicht nehmen sie selbst keine Drogen, sicher aber dealen sie berufsmäßig mit üblem Sprachgift. Vor allem die CSU hat immer wieder solche Spezialbegabungen hervorgebracht. Markus Söder und Alexander Dobrindt waren welche. Und jetzt ist Andreas Scheuer am Ruder.

Der Mann aus Passau steht vor einer besonderen Herausforderung: Er muss seine Partei als Bewahrerin des Schönen, Guten, Gerechten sowie als Kriegerin gegen das Böse und Andere ins Rampenlicht stellen. Das aber fällt schwer, wo so unübersehbar ist, dass es in der CSU obskure Gestalten gibt. Ob das nun – im Kleinen – der Bürgermeister ist, der sich aus der Kasse der fränkischen Gemeinde Zapfendorf bedient. Oder – im Großen – die ehemalige Sozialministerin Christine Haderthauer, welche Sozialkompetenz vor allem in eigener Sache bewiesen hat.

Diese Figuren zuzudecken ist schwierig. Also haut Andreas Scheuer so richtig rein. Er nennt den neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow einen Top-Agenten der alten SED-Netzwerke und ruft anlässlich dessen freier und geheimer Wahl einen “Tag der Schande im wiedervereinigten Deutschland” aus. Doch damit nicht genug: Noch an diesem schlimmen Datum, wird bekannt, dass seine CSU fordern will, dass sich hier lebende Ausländer grundsätzlich auf Deutsch unterhalten sollen. In der Öffentlichkeit, aber auch zu Hause in der eigenen Familie. „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den Parteitag in Nürnberg Ende kommender Woche.

Tja, das bringt uns voran und bringt uns alle miteinander näher. Würde diese Idee nämlich zum Gesetz, müsste es auch überwacht werden. Es müsste hineingehorcht werden in die migrantischen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer.

Wer aber könnte das besser, als die Nachfahren der Stasi? Man wird sie vielleicht noch brauchen können. Ansonsten zeigt sich am “Tag der Schande”: Wer die CSU und Andreas Scheuer kennt, wird sich vor Bodo Ramelow kaum mehr richtig fürchten.

 

 

 

 

 

 

Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!