Archiv der Kategorie ‘Hohe Politik’

März 23rd, 2014

Der Eiserne Vorhang wirkt noch

Man hätte es im Europa des 21. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten: Da kommt ein “lupenreiner Demokrat” und lässt seine Soldaten ein Stück Land, so groß wie Mittelfranken und Oberbayern zusammen, erobern. Die Krim hat den Besitzer gewechselt. Präsident Wladimir Putin ist der unumstrittene Held des russischen Riesenreiches.

Er wird jetzt schonungslos analysiert. Sein Großvater war ein Koch von Stalin. Sein Vater soll ihn mit dem Gürtel geschlagen haben. Andere Kinder sollen ihn gehänselt haben, weil er dünn und schmächtig gewesen sei. Als KGB-Agent in Dresden musste er sächsisch sprechende Menschen ausspionieren. Demnach wäre da einiges abzuarbeiten gewesen.

Was aber hilft uns das? Keine Ahnung. Sicher, es darf nicht sein, einem souveränen Staat eines seiner Teile einfach wegzunehmen. Andererseits wäre ich heilfroh, wenn aus dieser Geschichte kein militärischer Konflikt wird, in den am Ende auch die Nato hineingezogen werden.

Mir wird in diesen Tagen etwas ganz anderes bewusst: Der Eiserne Vorhang wirkt – zumindest bei mir – noch heute. Jahrzehntelang hat uns Osteuropa nicht interessiert. Wir haben einem in den USA geprägten Lebensstil nachgeeifert, haben uns Italien und Spanien als liebste Urlaubsziele auserkoren. Das, wo früher Kommunismus war, ist uns fremd geblieben. Oder wer kann behaupten, dass er die geographische Lage von Staaten wie Polen, Ukraine oder Bugarien auf einer blanken Landkarte korrekt eintragen könnte?

In der Gedankenwelt zu vieler Menschen sind Polen Diebe und Betrüger, kommen Rumänen und Bulgaren in Wohnwagen-Kolonnen nach Deutschland, um die Sozialsystems zu plündern. Ukrainische Frauen werden als heiratswillige Blondinen eingeschätzt. Und die Russen gelten als dem Wesen nach brutal. Sie häufen rücksichtslos Milliardenvermögen an, saufen Wodka, singen laut und tanzen Kasatschok. Bei dieser Lage wundert es uns nicht, dass ein Boxer mit regelmäßiger “Bild”-Kolumne aufbrechen muss, um in dieser vertrackten Gegend die Demokratie durchzusetzen.

Dem steht eine lange Geschichte enger Beziehungen gegenüber. Also wirkt es absolut logisch, die Ukraine enger an die EU zu binden. Aber so, dass die Distanz zu Russland nicht zu sehr wächst.

Man sieht: Hier äußert sich ein Ahnungsloser. Aber er kann schreiben, wie Steinmeier redet. Ist ja auch schon was.

 

 

Februar 28th, 2014

Die Verklärung des schwachen Mandats

Nur wenige menschliche Eigenschaften kann ich überhaupt nicht ertragen. Eine davon ist das Verklären niederer Beweggründe, das Vortäuschen höherer Ziele. Wie das geht, beweisen wieder einmal die großen politischen Parteien.

Gerade hat das Bundesverfassungsgericht das Europaparlament für barrierefrei erklärt. Die bisher gültige Drei-Prozent-Hürde ist abgeschafft. Sicher, ich glaube auch nicht, dass es dem Ansehen unseres Landes gut tun würde, wenn die Partei Bibeltreuer Christen, die esoterisch verklärten Violetten oder gar die NPD in diese Volksvertretung einziehen sollten. Aber was aus diesem Thema gemacht wird…

Das Abschaffen der Mindesquote werde, so ließen die großen Parteien verlauten, der Vertretung Deutschlands in der EU schwer schaden. Es werde der ungeheuerliche Zustand eintreten, dass Abgeordnete ziellos umhervagabundierten, weil es für sie kein passendes Sammelbecken gebe.

Fraktionlose in Europa! Welch’Schwächung, in einem Gebilde, von dem ich alle paar Jahr höre, dass es demnächst, aber wirklich demnächst, sämtliche Rechte von Parlamenten bekommen werde. Wo aber, wie bei meinen Abnehm-Versuchen, dem Morgen immer wieder der nächste Tag folgt, ohne dass sich groß etwas geändert hätte.

Warum können diese Großsprecher nicht einfach sagen, dass ihnen dieses Urteil nicht passt? Und zwar deshalb, weil es ein paar Sitze von Pateifreunden kosten wird. Was Macht und Einfluss verringert, aber auch das Versorgen von anderweitig gescheiterten oder abgehalfterten Parteifreunden unsicher macht.

Stattdessen malt man das Bild von schädlichen Spinnern und tut so, als ob man selber keinesfalls auch nur einen seltsamen Vogel in den eigenen Reihen hätte.

Nein, wir loben das Gericht. Schön, wenn jede Stimme gleich viel zählt. Und den großen Parteien sei gesagt: Macht gute Politik. Das sichert eure Jobs am besten.

 

Februar 23rd, 2014

Nicht nur Diäten – auch Löhne überprüfen

In diesen kräftezehrenden, globalisierten Zeiten tun wir gut daran, uns gelegentlich selbst etwas Gutes zu tun. Frei nach dem Motto “Man gönnt sich ja sonst nichts”. Genau so haben es jetzt die meisten Bundestag-Abgeordneten gesehen und eine kräftige Erhöhung ihrer Diäten, beschlossen. Es gibt bis 2015 zehn Prozent mehr, auf dann 9082 Euro.

Längerfristig betrachtet ist der Zuwachs noch beachtlicher. 6878 Euro haben die Abgeordneten im Jahr 2002 bekommen. Der jetzt beschlossene Satz bedeutet also eine Anhebung um ein knappes Drittel.

Das riecht stark nach Selbstbedienung. Aber wundern müssen wir uns nicht. Schließlich ist der Verdienstausgleich für Volksvertreter von einem Griechen (!) namens Perikles erfunden worden. Die ominöse Expertenkommission wiederum wurde von einem gewissen Edzard Schmidt-Jortzig geleitet, einem im Rentenalter befindlichen FDP (!)-Politiker.

Empörung ist also angebracht. Schließlich predigt Vizekanzler Sigmar Gabriel (von der SPD!) zeitgleich Lohnzurückhaltung. Deutschland hat auf dem Weg zum Billiglohnland bereits beachtliche Fortschritte gemacht. Doch der Wirtschaftsminister versucht uns klarzumachen, dass nur weitere Bescheidenheit unsere Position auf dem Weltmarkt sichern hilft. Kleiner Nachteil: Wenn es beim Marktführer billiger wird, zieht es auch den Rest Europas nach unten.

Aber bleiben wir im Land. Ich zum Beispiel arbeite in einer Branche, in der es in diesem Jahrtausend noch in keinem einzigen Jahr einen Inflationsausgleich oder mehr gegeben hat. Da fragt man sich doch, ob journalistische Arbeit heute weniger Anforderungen stellt als im Jahr 1999. In den Redaktionen wird das dementiert. In den Druckereien ebenso. Und es gibt bestimmt ein paar Branchen mehr, in denen höhere Arbeitsverdichtung und niedriger Reallohn zusammengefallen sind.

Ich fordere Wiedergutmachung! Unsere Expertenkommission hat jetzt wieder Zeit. Wie also wäre es, wenn sie sich mit abhängig Beschäftigten auseinandersetzen würde? Wenn sie überprüfen würde, ob die Löhne und Gehälter leistungsgerecht sind und dem Wert des Einzelnen gerecht werden?

Jede Wette: Ein paar Millionen Menschen würden profitieren. Gut, es würde ziemlich teuer. Aber man gönnt uns ja sonst nichts.

 

 

Februar 17th, 2014

Monstermasten? Schon lauert das Atom

Erinnern wir uns noch an ihn, den Regierungssprecher im blauen Schutzanzug? Vor knapp drei Jahren haben uns die Japaner ein verrücktes Schauspiel geboten. Es hatte eine atomare Katastrophe gegeben, aber die Retter sahen aus wie in einem Godzilla-C-Movie. Trotzdem: Wir alle, unsere Bundeskanzlerin vorneweg, haben schnell erkannt, dass es mit der Kernenergie bei uns nicht mehr weitergehen dürfe. Im Wetterbericht lernten wir die wesentlichen Winde des Pazifischen Ozeans kennen – einstige verbissene Befürworter des Atomstroms drehten sich darin in kürzester Zeit um 180 Grad. Wir wussten: Wenn eine Nation dieser Welt die Energiewende schaffen könnte, dann wir.

Was ist aber ist passiert, um dieses überragende Projekt tatsächlich zu schaffen? So viel doch nicht. Vielleicht haben wir uns eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht sind wir von unseren Stadtwerken zu einem mutmaßlichen Ökostrom-Anbieter gewechselt. Aber die als Fortschritt gepriesenen Elektroautos lassen uns völlig kalt. Und wenn wir ehrlich sind: So arg hat sich unser jährlicher Stromverbrauch seit Fukushima nicht verringert. Wenn überhaupt.

Somit bewegt uns – in Franken und Bayern – gerade die Frage, ob es wirklich sein muss, die Landschaft zwecks Energiewende mit so genannten “Monster-Trassen” zu durchschneiden. Mit stählernen Giganten, die unsere Felder, Wiesen, Auen und Vorgärten bis ins nächste Jahrtausend hinein mit ihrer Extrem-Verspargelung aufs Elendigste verschandeln würde. Ganz davon abgesehen, dass der durch sie geleitete Braunkohle-Gleichstrom Pflanzen mutieren lassen, Haustiere in Bestien verwandeln und Gesichter zum Vibrieren bringen würde.

All diese Last ist bei uns der CSU aufgebürdet. Die Partei, die vor allem dann für alternative Energien ist, wenn sie aus den Därmen und Blasen von Nutztieren gewonnen wird, sieht sich dem Problem gegenüber, dass viele Kommunalpolitiker gegen die Trassenmonster wettern und dafür Beifall bekommen. Normalerweise lassen aufgebrachte Sozis die Schwarzen kalt. Aber es geht auf die Kommunalwahl zu. Und da ist jeder Rathaus- und Kreistagssitz zu verteidigen.

Also stellt man die bereits beschlossenen Stromautobahnen in Frage. Als wäre man nie dabei gewesen. So gewinnt man Zeit. Oder man schafft sogar die Rückkehr zur Vernunft. Es ging ja ohne superhohe Masten. Man müsste nur die Atomkraftwerke laufen lassen. Seien wir gewiss: e.on wird gerne behilflich sein. Auch lange nach der nächsten Wahl.

 

 

Februar 16th, 2014

Der Flüsterer ist oft der Dumme

Es ist tragisch. In der schwarz-gelben Koalition war Hans-Peter Friedrich das Montagsauto unter den Ministern. Sein Überleben als Innenminister war er vor allem dadurch gesichert, dass sein  Parteichef Horst Seehofer ausschließlich selbst entscheidet, ob und wann er sich – auch in Personalfragen – getäuscht hat. Mit Ackerbau und Viehzucht, mit Schulobst und Imkerei war nun ein Aufgabenfeld gefunden worden, das sich auch mit beschränkten Fähigkeiten beackern lässt. Und nun stolpert der arme Mann über den Skandal eines anderen. Dabei hatte er es doch bloß gut gemeint.

Friedrichs Sturz ist ein neuerlicher Beweis für die uralte Erkenntnis, dass Überbringern schlechter Nachrichten Ungemach droht. Der Agrarminister erlebt gerade eine Art Edward-Snowden-Gefühl. Eigentlich müssten ihm Staat und Regierung dankbar dafür sein, dass er einen bösen Verdacht angesprochen und somit einem GroKo-Skandal vorgebeugt hat. Stattdessen steht er selber im Abseits. Man kann auch – ganz andere Baustelle – an Uli Hoeneß denken. Er hatte seinerzeit öffentlich gemacht, dass der designierte Fußball-Bundestrainer Christoph Daum weiße Linien nicht nur als Spielfeldmarkierungen betrachten würde. Der Koks-Verdacht war zutreffend, der Flüsterer wurde gleichwohl aufs Heftigste beschimpft.

Übel spielt das Leben mit den naiv Aufrechten. Aber warum ist die CSU nun derart empört? Das wiederum ist normal. Es ist integraler Bestandteil unseres politischen Systems, dass es reale Feindschaften politischer Gegner in Wirklichkeit nicht gibt. Die Akteure, speziell der etablierten Parteien, wissen nur zu gut, dass sie einander immer wieder brauchen. Das Publikum bekommt die im Rahmen der politischen Meinungsbildung erforderliche Talk-Show-Debatte, beim anschließenden Bier duzt man sich und haut sich auf die Schultern. Politiker/-innen verbindet eine Grund-Sympathie und -Solidarität. Schließlich erledigt man einen harten und sehr oft miesen Job, für die “die Menschen draußen” zu faul und feige sind. Also hilft man sich auch mal, Schlimmes zu vermeiden.

Das ist nicht mal schlecht für’s Land. Aber schwierig wird es dann, wenn es im Zuge eines Skandals nur ein einzelnes politisches Lager erwischt. Auch nach dem Sturz des Edelmannes Karl Theodor zu Guttenberg reagierte die CSU zunächst mit dramatischen Solidaridätsadressen und Beschimpfungen der Fürstenmörder. Und bei Hans-Peter Friedrich muss das vermeintliche Unrecht erst recht herausgestellt werden. Schließlich ist die Sicherheit, der Schutz des Volkes vor Ungemach und somit die enge Zusammenarbeit mit Ermittlern und Gerichten, ein Markenkern der CSU. Ein Versagen auf diesem Gebiet kann nur aus edlen Motiven erfolgen.

Meine Prognose: Das Geheul wird noch ein, zwei Wochen anhalten. Dann ist der Kurzzeit-Agrarminister vergessen. Für die Frage allerdings, ob es zwecks Edathy und Friedrich auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann erwischt, ist nur eines entscheidend: Ist Vizekanzler Gabriel in die Angelegenheit verwickelt? Falls ja, sieht es für den nachrangigen Sozi übel aus. Kann man nichts machen. So geht sie eben, die große Politik.

 

 

 

Februar 9th, 2014

“Fuck EU”? Was sind wir doch sensibel…

Ach, wie sind wir doch sensibel. Da rutscht einer US-amerikanischen Diplomatin mit dem internet-verdächtigen Namen “Nuland” der Satz “Fuck the EU!” heraus. Und wir hadern, schimpfen, sind empört. Unsere ansonsten schweigsame Kanzlerin Angela Merkel bewertet die Aussage als “völlig inakzeptabel”. Was soll denn das?

Die Zeiten haben sich doch geändert. Es ist kein Skandal mehr, ein Wort wie “Fuck” auszusprechen. Auch der Mittelfinger sitzt heutzutage locker. Worte wie “geil” oder “schwul”, die man noch in den frühen 80-er Jahren schamesrot geflüstert hätte, sind alltäglich geworden. Man darf derb sein, denn Emotionen sind gefragt.

Außerdem: Wer sagt uns denn, dass der Preisboxer Vitali Klitschko die Ukraine einen kann? Wir in Deutschland haben ihn als einen der Unseren einverleibt. Wahrscheinlich, weil er weder Rumäne noch Bulgare ist. Klitschko ist sowieso der erste Revolutionär mit einer eigenen Kolumne in der Bild-Zeitung. Macht ihn das glaubwürdiger?

Doch lassen wir das. Die Ukrainer werden schon wissen, wem sie vertrauen. Der ominöse Fuck-Satz wiederum wird wohl kaum nur von einer US-Diplomatin ausgesprochen worden sein. Man wird ihn in den jeweiligen Landessprachen auch schon auf Straßen und Plätzen in Griechenland, Spanien und Portugal gehört haben. Also Schwamm drüber. Den Ukrainern wünschen wir gute Entscheidungen, Was “Fuck Klitschko” auf Russisch heißt, wollen wir  gar nicht wissen…

 

Januar 15th, 2014

Wenn Tourismus hinterfotzig wird…

Es ist also “Sozialtourismus”. Das “Unwort des Jahres” gehört zu jenen Erfindungen, für die man der hohen Wissenschaft zutiefst dankbar sein darf. Deckt es doch die Hinterfotzigkeit dieser politischen Parole auf, welche uns ausschließlich Folgendes suggerieren soll: Passt auf. Das Fremde ist böse. Wir aber beschützen Euch.

Man muss das Unwort 2014 nicht unbedingt negativ lesen. Tourismus kann ausgesprochen sozial sein. Dann nämlich, wenn er dazu beiträgt, dass es den Menschen in der besuchten Region besser geht. So, wie es früher bei den Ägyptern war, welchen wir aber den Rücken gekehrt haben, weil sie uns wegen ihres Strebens nach Demokratie bedrohlich erscheinen. Der so genannte Ballermann auf Mallorca stand für die Variante Asozialtourismus. Die Unkultur der Saurauslasser soll es ja auch geben.

Aber dem nunmehr Sprachschöpfer des Unworts ging es um etwas anderes. Er will uns einreden, dass es dunkelhaarige, braunäugige, ungepflegte Menschen gibt, die mit ihren Schrottkisten nur deshalb in unsere Städte kommen, weil sie auf der Durchfahrt die famosen Hartz-IV-Leistungen mitnehmen oder anderweitig schmarotzen wollen. Subjekte, die man nie in unseren schönsten Kirchen und Museen lustwandeln sehen wird. Sie machen uns Angst. So sehr, dass der freistaatsgläubige Altöttinger Saufkopf nach jedem Schluck den Bierdeckel auf den Maßkrug legt, damit ihm kein Bulgare überfallartig die Schaumkrone vom Madonnen-Schwarzbräu wegschlürft.

Warum aber wird uns die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt ins Gehirn gedübelt? Warum wählt man nett klingende Begriffe? Wahrscheinlich, weil man “Zigeuner” nicht mehr sagen darf.

Die Hinterfotzigkeit der aktuellen politischen Kampagne ist doch, dass man so tut, als wäre Armut kein ehrbarer Grund, eine neue Heimat zu suchen. Das ist nicht immer so. Wenn irgendwo in Deutschland eine größere Fabrik schließt oder wenn ein Firmenstandort verlagert wird, schreien Wirtschaft und Politik laut nach der Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer diese zeigt, wird ausdrücklich gelobt.

Und: Sind nicht ab Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Deutsche auf Dampfschiffen vor ihrer Armut nach Amerika geflüchtet? Wie ist es mit den Sudetendeutschen, die von Gewalt und Enteignung in die Flucht geschlagen wurden? Werden sie nicht in Festreden als “der vierte Volksstamm Bayerns” gefeiert? Und zwar mit besonderer Hingabe von CSU-Politikern?

Ja aber, kommt es dann, das seien schließlich Landsleute, Menschen von unserem Blut. Dazu fällt mir: Mein Arzt hat schon mehrfach meinen Hämoglobin-, Harnsäure oder Cholesterinwert ermittelt. Den Deutschseins-Koeffizienten noch nie. Das Mann muss bei den Grünen sein…

 

 

 

 

 

 

Januar 1st, 2014

Gute Vorsätze? Nö, die CSU macht Angst

Gute Vorsätze für das neue Jahr? Nein, das lasse ich diesmal besser bleiben. Zu schwer wiegt die aktuelle Drohung der CSU, “Wer betrügt, der fliegt”. Und, ja, ich habe mich und andere an Silvester schon zu oft selbst betrogen. Ich habe mir heilige Versprechen gegeben und sie nach spätestens drei Tagen gebrochen. Das würde ich wieder tun, der Rauswurf aus dem Freistaat Bayern wäre denkbar. Also gibt’s für 2014 keine offiziellen Pläne.

Dabei bin ich keineswegs völlig gescheitert. Seit zirka 20 Jahren bin ich mir mit mir einig, dass ich im jeweils neuen Jahr abnehmen sollte. Stattdessen bin ich schwerer geworden. Unter Anwendung der hellenischen Prinzipen der EU-Troika war ich gleichwohl erfolgreich. Denn meine regelmäßigen Mahnungen an mich selbst haben ein Abflachen meiner Zunahme-Kurve bewirkt. Ohne gute Vorsätze wäre ich längst so weit, dass mich das Rote Kreuz im Falle einer Krankheit mit einem Kranwagen abholen müsste. Bewältigt ist die Krise nicht, jedoch in ihrem möglichen Ausmaß begrenzt worden.

Eine ganz andere Frage ist, ob ich mich und andere überhaupt betrogen habe. Wäre ich eine Partei, dann eher nicht. Schließlich gehört es zum Wesen der Politik, mehr zu versprechen, als erreicht werden kann. Man nennt das Wahlprogramm oder (in besonders freigeistigen Talk-Shows) Vision. Sobald gewisse Pläne aufgeschrieben oder verkündet sind, ist allerdings auch den Wählern klar, dass diese scheitern werden. Es gibt ja so viele Gründe dafür. Mal sind es die äußeren Umstände im Allgemeinen, mal eine plötzliche Krise, die Sorge um den Industriestandort oder einfach ein böswilliger Koalitionspartner.

Das Gute für Parteien ist allerdings, dass ihre guten Vorsätze gerne vergessen werden. Nur selten kommt es vor, dass, wer betrügt, auch fliegt. Das passiert vor allem nicht, wenn eine Partei als unverzichtbar angesehen wird. Wie die CSU in Bayern. Deshalb glaubt sie, dass sie Rumänen und Bulgaren generell unter Betrugsverdacht stellen, ihr nahe stehende entlarvte Betrüger aber verteidigen kann. Sie darf das. Das Volk erlaubt das.

Für mich wiederum gilt eine andere Wahrheit, nämlich “Jeder Mensch ist ersetzbar”. Also halte ich mich zurück. Bis das Rauswurf-Versprechen der CSU vergessen ist. Ich rechne damit etwa sechs Wochen nach der Europawahl. Bis dann!

 

 

 

Dezember 18th, 2013

GroKo und die weiß-blauen Bettvorleger

Als Löwen gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dieses Schicksal hat gerade die CSU ereilt. In der neuen Großen Koalition ist sie die neue FDP, also weitgehend überflüssig.

Vor einigen Wochen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Absolute Mehrheit in Bayern zurückerobert, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem blendenden Wahlergebnis zwischen Main und Zugspitze in die Nähe derselben gebracht. Horst Seehofer und die Seinen schwelgten im Glück, sie konnten vor Kraft nicht laufen.

Und nun? Der neue Verkehrsminister heißt Alexander Dobrindt. Der Experte für überflüssiges Getöse und schiefe Sprachbilder darf also beweisen, dass er sowohl Pkw-Maut als auch Berliner Flughafen hinbekommt. Sein Kollege Gerd Müller führt das Entwicklungshilfeministerium, dessen Existenzberechtigung ja durchaus umstritten ist.Den großartigsten Abstieg aber hat Hans-Peter  Friedrich hingelegt. Der ehemalige Innenminister, der dem Großen Verbündeten USA so mutig die Stirn geboten hat, darf in Zukunft gemeinsam mit den Imkern gegen die Verbreitung der Varroa-Milbe kämpfen und sich an der Seite des EU-Bürokratenschrecks Edmund Stoiber für den freien Verkauf krummer Salatgurken einsetzen. Da Verbraucherschutz nicht mehr zu seinem Ressort gehört, wird er sich mit seinem Staatssekretär heftig um den Posteingang balgen.

Wie aber konnte das passieren? Wer, bitteschön, hat unsere CSU geschrumpft? Antwort: Es war der Horst. Man darf davon ausgehen, dass Parteichef Seehofer die Bundespolitik egal ist. Sinnstiftend für die CSU ist die absolute Mehrheit im schönen Bayern. Und dann ist es gut, wenn man mit den wirklich kontroversen oder schmerzhaften Themen nichts zu tun hat. Eurorettung? Macht der Mann im Rollstuhl. Energiewende? Schaut Leute, der irre Gabriel schröpft die Bürger. Pflegenotstand? Den regelt der Gröhe mit der lustigen Frisur. Gäbe es ein Bundesministerium für Bedeutungslosigkeit – die CSU hätte es genommen.

Denn was immer auch in Berlin passiert: Schuld sind die anderen. Man kann das als taktisch versiert ansehen. Tatsächlich zeigt es eine feige Gesinnung. Manche Bettvorleger haben ihr Schicksal verdient…

Dezember 16th, 2013

Frau Ursula, wir warten auf die Sturmfrisur

Die Große Koalition ist perfekt! Und allen Grund zum Jubeln haben die Haar-Stylisten. Mit Ursula von der Leyen gibt es eine Frau mit allem Potential zum Trendsetting. Es lebe die Sturmfrisur.

Das Dasein der Friseurinnen und Friseure ist nicht das Leichteste. Sie müssen dafür sorgen, dass ihre Kundschaft so aussieht, wie sie sich selbst am liebsten sieht. Sie müssen aber auch fähig sein, die seltene Situation zu meistern, dass jemand einen ganz neuen Schnitt haben möchte. Gerade Frauen in Trennungs- beziehungsweise Veränderungssituationen neigen zu neuen Farben oder Föhnwellen. Dafür braucht es Vorbilder, bevorzugt Prominente. Beispiel: Auf Victoria Beckham und ihre professionellen Stilwechsel blickten die Figaros mit Hingabe.

Und jetzt Ursula von der Leyen. Es hat etwas Absurdes, dass ausgerechnet eine Mutter von sieben Kindern dafür verantwortlich sein soll, junge Menschen in Kriege zu schicken. Sollte sie es besonders überlegt tun, wäre das nur gut. Sicher darf man sein, dass die Betrachtungen der neuen Ministerin zur Sicherheitslage gut klingen werden. Diese Frau hat kein Problem, rhetorisch von der Frühförderung in der Krabbelstube zum Training für Scharfschützen zu wechseln. Sie kann zu jedem Thema ohne Punkt und Komma referieren,

Aber sie wird auch stylingtechnisch hinterfragt werden. Die ihrerseits journalistisch stilbildende “Bild am Sonntag” zeigte sie bereits mit lustiger Tarnschminke und Kampfhelm. Und was steckt drunter? Die bisherige saubere Blondfrisur ist für Berlin oder Hannover blendend geeignet. Im zugigen Sand- und Geröllstaat Afghanistan hält sie wohl nicht einmal mit Armee-Drei-Wetter-Taft. Da bleibt nur: Toupieren, wild und grell, so dass selbst der übelste Taliban den Fluchtreflex verspürt.

Dann ist das Versprechen erfüllt: Das deutsche Kabinett hat einen neuen Star. Blond, immer lächelnd, eher leise als laut – aber bei Bedarf ultra-hart. Wenn Panzer und Drohne gemeinsam inkarnieren…

 

 

 

 

 

Dezember 6th, 2013

Es gibt auch Helden in der Politik

Nelson Mandela - für mich ein echter Held.Es schimpft sich leicht über die Politiker. Ihnen fehle jedes Gespür für das wahre Leben. Sie seien verlogen, arrogant, ausschließlich geil auf wichtige Posten. Und sie taugten ganz und gar nichts. Weil sie nicht handelten, sondern nur schön reden würden. Das sagen wir – und rufen nach besseren Volksvertretern.

Zum Glück: Es gibt in der Politik auch Helden. Nehmen wir Nelson Mandela. Der jetzt gestorbene südafrikanische Präsident hat einen schier unfassbaren Lebenslauf. Als Anwalt der schwarzen Bevölkerung zu lebenslanger Haft verurteilt, lehnte er nach 23 Jahren im Gefängnis  seine Freilassung ab,  weil ihm die Abschaffung der Apartheid nicht zugesichert wurde. Erst weitere vier Jahre später war er ein freier Mann.

Seine wahre menschliche Größe zeigte er, als er als erster schwarzer Staatspräsident keinen Rachefeldzug gegen die ehemaligen Unterdrücker führte. Er setzte, im Gegenteil, auf eine versöhnliche Aufarbeitung der Geschichte. So wurde Nelson Mandela zum wirklich würdigen Friedensnobelpreisträger.

Gäbe es mehr Politiker/-innen dieses Kalibers, könnte man sich zurecht Hoffnungen auf eine bessere Welt machen. Aber es sind auch andere da.

Nehmen wir Hans-Peter Friedrich. Der CSU-Mann aus Naila in Oberfranken ist der nachvollziehbar schlechteste Innenminister seit vielen Jahrzehnten, vermutlich sogar seit dem Zweiten Weltkrieg. Aus einer Gegend stammend, aus der die Menschen wegziehen, hat er meistens von Vertretern seiner Partei besetzte Rolle des Überfremdungs-Mahners übernommen.

Tausende von Flüchtlingen ersaufen im Mittelmeer “Italien muss seine Hausaufgaben machen”, sagt Friedrich. Freizügigkeit für EU-Bürger/-innen? Ja, aber bloß nicht für Bulgaren und Rumänen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend gebildete, gut ausgebildete Migranten sind. Und Rückgrat zeigen bei Großmachts-Gehabe der USA? Nicht mit Friedrich, dem großen Freund des großen Verbündeten.

Fazit: Es stimmt, dass es falsch ist, nur über die Politiker zu schimpfen. Aber dass zu oft die Falschen am Ruder sind, stimmt leider auch.

 

 

 

Dezember 2nd, 2013

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.

November 26th, 2013

Große Koalition? Lasst es Liebe sein!

Mit Liebesheiraten ist es so eine Sache. Paare streifen sich die Ringe über, während sie hoch oben in der Gefühls-Stratosphäre schweben. Alles ist gut. Doch dann kommt der raue Alltag und das junge Glück landet beim Scheidungsanwalt. Ist es demnach vielleicht sogar gut, wenn sich Menschen aneinander binden, die sich gar nicht leiden können? Ist die Zweckehe überlegen? Ist die Große Koalition, anders als die als Traumehe gestartete schwarz-gelbe Beziehung, das Beste für dieses Land?

Fragen wir nach, was uns Paarbeziehungsexperten raten. Lehrsatz 1: “Was auch kommen mag. Ziehen Sie immer an einem Strang.” Vordergründig betrachtet, könnte man an dieser Stelle einen Schlussstrich ziehen. Denn wie sollte Schwarzen und Roten diese Übung gelingen? Jedoch, es ist möglich. Die Großkoalitionäre werden bestimmt an einem Strang ziehen. Wenn auch nur selten am selben Ende. Erfolgschance also 50:50

Beziehungs-Hinweis Nummer 2: “Sich ab und an zu streiten, gehört zum Lieben dazu. Aber vergessen Sie nie, dabei fair zu bleiben.” Die Prognose fällt leicht, dass unsere Spitzenpolitiker/-innen das mit dem gelegentlichen Zank sicher hinbekommen werden. Fair wird es nicht immer zugehen. Erfolgschance 50:50.

Dritter Tipp: “Verlernen Sie nicht, auch mal allein zu sein.” Dafür gibt es Parteitage, Regionalkonferenzen und Ortsvereinssitzungen. Klappt also zu 100:0 Prozent.

Vierter Tipp: “Die richtigen Worte, eine kleine Geste und Leidenschaft. Verlernen Sie nicht, sich zu überraschen.” Überraschungen wird es geben, manchmal sogar mit den richtigen Worten. Aber Angela Merkel und Leidenschaft? Sagen wir 30:70.

Fünfter Tipp: “Macken, Hobby, Eigenschaften: Tolerieren Sie weiterhin, was sie zu Beginn entzückend fanden.” Macken gibt es, wie die soziale Gerechtigkeit bei der SPD oder die Pkw-Maut bei der CSU. Allerdings hat noch niemand von der Gegenseite diese Geschichten als entzückend empfunden. Und: Alexander Dobrindt am Kabinettstisch ist für niemand tolerierbar. Erfolgschance 10:90.

Hinweis Nummer 6: “Zusammen lachen, Spaß haben, Blödsinn machen. Seien Sie manchmal unvernünftig.” Für gemeinsame Späße scheinen die Groß-Koalitionäre nicht geschaffen. Den Witz, den Andrea Nahles Horst Seehofer erzählen würde, gibt es nicht. Das gemeinsame Produzieren von Blödsinn auf der Basis unvernünftiger Beschlüsse sollte allerdings problemlos gelingen. 80:20 für die Große Koalition.

Und die siebte Kostbarkeit der Liebe: “Verlernen Sie nicht, den anderen jeden Tag aufs Neue für etwas zu bewundern.” Sicher ist, dass  erfolgreiche Politiker/-innen zuallererst und ausschließlich sich selbst bewundern. Es mag auch vorkommen, dass man am Todfeind reizvollere Eigenschaften erkennt als am Parteifreund. Aber bewundern geht kaum bis gar nicht. Erfolgschance 10:90.

Die Prognose für eine gelingende Partnerschaft liegt somit bei 330:370. Also bitte, quält uns nicht und verzichtet. Lasst es Liebe sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

November 14th, 2013

Große Koalition ist großer Krampf

Hollerplotz, sie haben es gemerkt! Kurz vor Toresschluss ist bis an die SPD-Spitze durchgedrungen, dass es eine Alternative zur Großen Koalition gibt. Und zwar gemeinsam mit den Bösen, den Linken. Aber werden sie sich trauen?

“Opposition ist Mist”, meinte einst der Meister des Verbal-Twitterns, Franz Müntefering. Stimmt zwar, aber Große Koalition ist es auch. Wenn die Diskussion unter den großen demokratischen Parteien zwecks gemeinsamen Regierens entfällt, hilft das vor allem seltsamen Gestalten an den Rändern. Eine AfD etwa wird für ihre europafeindlichen Thesen noch mehr Gehör finden.

Die Große Koalition ist zudem die ideale Plattform für Merkel’sche Alternativlosigkeit. Über noch weniger Themen als bisher wird diskutiert oder gar gestritten werden. Man braucht sich schließlich, im Bund und in den Ländern. Schon die Koalitionsverhandlungen zeigen doch, was uns erwartet. Weitgehend ergebnisloses Gerede mit einer Chefin, die sich fein diskret im Hintergrund hält, so dass am Ende nur diejenigen dumm aussehen, die überhaupt etwas gesagt oder versprochen haben. Es gilt die Mikado-Politik: Wer sich bewegt, hat verloren.

Es muss doch inzwischen selbst dem ministeramts-strebsamsten Sozialdemokraten klar geworden sein, dass es die Kanzlerin blendend versteht, nichts zu sagen oder zu tun, aber den Verdruss darüber an sich vorbeirauschen zu lassen.

Alsdenn, liebe SPD: Macht den Krampf nicht mit. Wenn Euch Rot-Rot-Grün zu heikel ist, dann lasst die Union regieren und stimmt von Fall zu Fall zu. Oder eben nicht. Ansonsten wird es in Zukunft heißen: Herzlichen Glückwunsch, zu etwas mehr als zwanzig Prozent.

 

 

Oktober 28th, 2013

Obama – unser großer Irrtum

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Berti Vogts versteht mehr von Fußball als Pep Guardiola. Ja, ich spüre ihn, Euren Aufschrei. Rund 101 Prozent meiner Leser/-innen fragen soeben, ob ich über’s Wochenende irre geworden bin oder eine Drogenkarriere begonnen habe. Nein, keineswegs. Mir geht es um etwas anderes. Wir neigen dazu, uns in anderen Erdbewohnern zu täuschen. Und leiden an der Wahrheit.

Nehmen wir die Erdmännchen. In jedem Tiergarten gehören sie zu den Stars. Weil sie so süß, so irgendwie menschlich sind. Wenn sie durch die Gegend wuseln und sich wachsam aufrichten, denkt keiner daran, dass es sich um Raubtiere handelt, die bei passender Gelegenheit kräftig zubeißen. Oder Eisbärenbabys. Das so genannte Kindchenschema verführt uns dazu, dass wir gegenüber diesen weißen Knäueln Eltern-Gefühle entwickeln. Würde uns nicht unser Resthirn davon abhalten, wir würden die Streichelhand auch einem erwachsenen Eisbären entgegenstrecken – und nach dieser Begegnung allenfalls froh sein, dass die ungeschicktere der beiden Hände weg ist.

Womit wir bei Barack Obama wären. Was haben wir nicht in diesen Mann hineinprojeziert? Schon als Kandidat war er für uns das andere Amerika. Der perfekte Gegenentwurf zum tumben George W. Bush. Dunkelhäutig, jung, lässig, rhetorisch hochbegabt, zudem Ernährer einer Musterfamilie. Ein Bill Cosby der Weltpolitik, bei dem nur noch gefehlt hat, dass bei seinen launigen Reden an den richtigen Stellen die Lacher eingeblendet werden. Wer nach seiner Vereidigung mahnte, dass auch dieser US-Präsident nicht über’s Wasser gehen könne, galt als schlecht gelaunter Miesmacher. Stattdessen hat man ihm den Nobelpreis verliehen.

Was aber haben wir gelernt? Dieser Barack Obama ist kein Erdmännchen, wie wir es gerne hätten. Er ist ein Machtpolitiker, der weder Tod noch Teufel kennt, wenn es darum geht, seiner Nation Vorteile zu verschaffen. Der US-Präsident tut all das, was wir eigentlich vom skrupellosen Russen Wladimir Putin erwarten. Was stören könnte, wird ausgehorcht.

Tja, es gibt eben auch das wohlmeinende Vorurteil. Genauso wie das andere. War Guardiola jemals Europameister? Man sieht, auch im Fußball wird gerne überschätzt.