Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.

Welches Land ist Rot-Grün-Rot?

Es ist die Zeit der neuen Farbenlehre. Weil diese AfD in die Parlamente drängt und die totgeglaubte FDP auch wieder da ist, ist Regierungsbildung so schwierig wie nie. Auch unser bisheriger Not-Anker GroKo funktioniert nicht mehr, weil die gute, alte SPD in manchen Regionen zur Kleinpartei degradiert worden ist.

Interessant ist die Lage aber doch. Etwa in Baden-Württemberg, wo CDU-Wahlverlierer Guido Wolf eine „Deutschland-Koalition“ probieren möchte. Er als schwarzer Chef mit der roten SPD und den gelben Liberalen als Juniorpartner. Sicher, er würde als Meuchler des Landes-Übervaters zunächst mächtig Gegenwind bekommen. Perspektivisch gesehen wirkt die Idee allerdings famos. Schließlich wird Deutschland in diesem Jahr zumindest annähernd Fußball-Europameister.

Unser Land hätte somit erstmals eine Koalition, mit deren Farben massenhaft Balkongeländer und Auto-Rückspiegel dekoriert würden. Guido Wolf wäre national noch allgegenwärtiger, als es Winfried Kretschmann jemals sein könnte. Ein potenzieller Merkel-Nachfolger wäre gefunden.

Ansonsten herrscht so viel Verzweiflung, dass mögliche Koalitions-Farbmischungen auf dem als unsicher und chaotisch geltenden Kontinent Afrika zu finden sind. Den Plan der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer nennen wir freundlich Ampel-Koalition, wir könnten sie aber auch als Ghana-Connection denken.

Und in Sachsen-Anhalt? Ausgerechnet dort, wo das Ausland ansich weiten Teilen der Bevölkerung als Gefahr gilt, ist eine Kenia-Koalition in Vorbereitung. Wobei diese einen Staat als Vorbild hätte, der mit 45 Millionen Einwohnern recht machtvoll daherkommt. Wahrscheinlich wäre ein Südsudan-Bündnis angemessener. Die Flagge dieses Landes ergänzt die Farbkombination schwarz-rot-grün um ein blaues Dreieck als Stachel im Fleisch. Und zwölf Millionen Einwohner sind bloß fünfeinhalb Mal so viele wie bei unseren Brüdern und Schwestern im Osten. Wahrscheinlich würde – bei strengerer Definition der Farben – eine schwarz-braune Haselnuss-GroKo den Wählerwillen am Treffendsten abbilden.

Bleibt noch die Frage nach dem Überleben der SPD als relevante Größe jenseits der Kommunalpolitik. Dafür gäbe es natürlich einen Weg. Die SPD müsste – wahlweise aus Äger über die CSU oder aus Mitleid mit der Kanzlerin – die Große Koalition aufkündigen und mit Grünen und Linken eine neue Regierung bilden. Zahlenmäßig ginge das. Und die Wahlergebnisse wären auf Dauer bestimmt nicht schlechter.

Was also hält ihn auf? Wahrscheinlich die Seriosität der Sozialdemokraten, die andere nicht haben. Vielleicht aber doch die Frage der Beflaggung. Die Farbkombination Rot-Grün-Rot gibt es nirgends auf der Welt. Eine Lösung indes liegt nahe: Sigmar Gabriel müsste authentisch als Schwarzer auftreten. Und ist das wirklich ein Problem?

 

Nur die dümmsten Kälber . . .

Das Kalb gilt uns nicht als Paradebeispiel tierischer Intelligenz. Sondern als Wesen, welches regelmäßiges Füttern mit Urvertrauen in den Ernäherer belohnt, um völlig überraschend an einem Fleischerhaken im Schlachthof zu enden. „Vertrauen ist gut“ war das Lebensmotto. Der Preis war hoch.

Urvertrauen erleben wir bei einem Teil des Wahlvolkes, wenn es um die Alternative für Deutschland geht. Weil man nur einer Frauke Petry zutraut, sich im dunkelblauen Business-Kostüm wirksam den muselmanischen Horden entgegenzuwerfen. Weil man zu wissen glaubt, dass sich nur ihr Parteifreund Alexander Gauland mit dem Gewehr im Anschlag nicht von dunklen Kinderaugen erpressen ließe.

Ausschließlich die AfD, so glauben viele, kann das – wenn auch bei Idomeni unchristlich gewordene – Abendland retten. Weshalb die Partei nach neuesten Informationen ihren Anti-Islam-Kurs verschärfen wird. Wie das Journalismus-Portal Correct!v aufgedeckt, hat Partei-Vizechefin Beatrix von Storch  ihren Vorstandsfreunden mitgeteilt, dass die Themen „Asyl und Euro verbraucht sind“. Deshalb müsse die Islam-Kritik verschärft werden. (hier der Link zum Bericht)

Die AfD will sich massiv gegen das „betäubungslose Schächten“ von Schlachttieren wenden und den Ruf des Muezzins als „islamisches Herrschaftssymbol“ anprangern. Auch die Rituale jüdischer Gemeinden sollen gemäß von Storch an den Pranger gestellt werden.

Jawohl, hier kämpfen Politiker für den christlichen kleinen Mann. Aber tun sie das wirklich? Nein, denn Teile des AfD-Wahlprogramms lesen sich, als wären sie in den Konzernzentralen des Großkapitals geschrieben. So wendet sich die Partei gegen den gesetzlichen Mindestlohn. Sie ist beim Thema „Gleichberechtigung“ gegen Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragte und „staatliche Propaganda für sexuelle Minderheiten“. Die Einkommenssteuer soll für alle – egal ob Krankenschwester oder Top-Manager – einheitlich 25 Prozent betragen. Kernenergie soll angstfrei genutzt werden. Schließlich soll Hartz IV durch so genannte „Bürgerarbeit“ ersetzt werden.

Käme die AfD an die Macht, dürfte somit die Friseurin im Osten wieder für 4,50 € pro Stunde die Haare schneiden. Der Langzeitarbeitslose düfte den Stadtpark kehren. Hauptsache unverschleiert.

Wir lernen. Der alte Spruch stimmt. Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber.

 

 

„Seine Exzellenz“ Seehofer: Gemach, der Frankenkönig lauert

Seine Exzellenz! Ministerpräsident Horst Seehofer darf sich zwar in überragenden Zustimmungsquoten seiner Bayern, noch mehr aber der AfD-Anhänger sämtlicher Bundesländer sonnen. Aber um wirklich angemessen verehrt zu werden, muss er immer noch ins Ausland. Sein ungarischer Männerfreund Viktor Orbàn tat ihm jetzt den Gefallen. Anlässlich der jüngsten Begegnung in Budapest umschmeichelte er den CSU-Vorsitzenden mit dem wahrhaft edlen Titel.

Wichtig: Die Initiative kam von den Ungarn. Wäre es anders gewesen, müsste sich Horst Seehofer den Vorwurf der Hochstapelei gefallen lassen. Als „Exzellenz“ werden nämlich nach dem heutigen Protokoll die Staatsoberhäupter beziehungsweise Regierungschefs fremder Staaten angesprochen. Dies gilt nicht für Teilstaaten, wenngleich zu konstatieren ist, dass Bayern weiten Teilen Deutschlands fremd geworden ist. Weitere Exzellenzen sind der Apostolische Nuntius, katholische Bischöfe und orthodoxe Vikariatsbischöfe.

Auch Persönlichkeiten mit dem Rang Großkreuz oder Großkomtur eines Ritterorden werden mit diesem Titel untertänigst begrüßt. Das kommt der Sache nahe, schließlich haben sich in Budapest zwei veritable Ritter des Abendlandes die Pranken gereicht.

Horst Seehofer war der Titel „Seine Exzellenz“ gewiss nicht peinlich. Bereits 2007 war als „Botschafter des Bieres“ so geehrt worden. Jenes Bieres, dessen Reinheitsgebot vor 500 Jahren in seiner Heimatstadt Ingolstadt ausgerufen worden ist. Als CSU-Ministerpräsident sieht er sich zudem sowieso  in direkter Linie mit dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, welches über Jahrhunderte hinweg das schöne Bayern regiert hat. Haltung und Selbstbewusststein entscheiden, weshalb die mögliche Unterbrechung der Erbfolge durch demokratische Wahlen vernachlässigt werden darf.

Gerade in diesen Tagen bezieht sich der CSU-Chef auf die Wurzeln der Wittelsbacher. Einer ihrer Urväter, Arnulf der Böse, wurde im Jahr 919 zum deutschen Gegenkönig gewählt, unterwarf sich aber in letzter Konsequenz Heinrich von Sachsen. Die Bayern und die Ossis – man kennt das.

Wirklich unschön für den Landesvater ist allerdings der Ursprung von „Seine Exzellenz“. Zuerst führten diesen Titel unter anderem die Franken-Könige. Horst Seehofer kann die Grenzen noch so mutig schützen – diesen Markus Söder kriegt er nicht mehr richtig von der Backe.

CDU-Idee: Auch Touristen müssen draußen bleiben

Drei Landtagswahlen stehen vor der Tür. Und zumindest zwei von drei Kandidaten wollen bis dahin vor allem Folgendes beweisen: Wir sind härter als Merkel. Wir beschützen Euch vor dem Fremden. Wählt uns – und fürchtet Euch nicht.

Die Qualität steigt jedoch nicht zwingend mit der Zahl der Vorschläge. So hat der CDU-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, Guido Wolf, gemeinsam mit seiner rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin in spe, Julia Klöckner, folgende Idee plakatieren lassen: „Ohne Asylgrund oder Schutzstatus sollte niemand mehr in unser La

nd einreisen dürfen.“ Klingt alltäglich. Aber denken wir es doch einmal zu Ende.

Wären wir AfD-Anhänger, könnten wir feststellen, dass die Flüchtlingsfreunde in der Politik selbst ihre Maske vom Gesicht gerissen haben. Politisch Verfolgte sollen also einreisen dürfen, während lustige Japaner mit Ziel Rothenburg ob der Tauber und trinklustige Italiener, die zum Münchner Oktoberfest wollen, an den Flughäfen oder an der Grenze bei Kiefersfelden abgewiesen werden. Sie haben ja weder Asylgrund noch Schutzstatus.

Wird unsere Tourismusbranche diesen brutalen Hieb überleben? Was wird aus Daimler und Porsche, wenn reiche Scheichs ihre Autos nicht mehr abholen dürfen? Was wird ohne ausländische Gäste aus den rheinland-pfälzischen Weinfesten, welche doch die Keimzelle des politischen Wirkens von Frau Klöckner sind?

Ja, hier werden gravierende Fragen aufgeworfen. Und es kommt noch schlimmer: Denn auch deutsche Touristen müssten abgewiesen werden, wenn sie mit ihrer Schmuggelw

are, aber ohne Schutzgrund heimkehren wollen. Wenn man sieht, wie viele Deutsche im Ausland Ferien machen, wäre unser Land ziemlich rasch ziemlich menschenleer.

Platz für Flüchtlinge wäre dann reichlich da. Angela Merkels betreibt über ihre Partei eine ganz große Vorschwörung. Und: Insgeheim haben wir das längst gewusst.

 

 

 

Obergrenze wird das Wort des Jahres

Freunde unserer deutschen Sprache freuen sich immer auf die Wahl des „Wort des Jahres“. Welcher Begriff hat sich mit Macht in unseren Sprachgebrauch geschlichen und die öffentliche Diskussion geprägt. 2016 befindet sich erst im zweiten Monat, aber der Sieger dürfte klar sein: „Obergrenze“ wird es.

Tatsächlich handelt es sich um einen Begriff, der bislang ein Schattendasein inmitten verschiedener Gesetzbücher geführt hat.  Betroffen von der Obergrenze waren und sind zum Beispiel arbeitslos gewordene Besserverdiener. Für sie gilt ein Limit nach oben. In den Sammlungen von Zitaten und Aphorismen, die kluge Aussagen bis zurück in die Antike auflisten, kommt dieses Wort nicht vor.

Dank Horst Seehofer und den Pegida-Schreihälsen wissen wir allerdings, dass die „Obergrenze“ dem Wesen nach böse ist. Wurde sie doch von ihm mit zusammenbegissenen Zähnen in Sachen Flüchtlinge eingeführt und dank vielfacher Wiederholung wirksam in die öffentliche Debatte eingeführt. Sie ist so zum Synonym dafür geworden, dass eben irgendwann Schluss ist. Unser Wort ist das Basta der Bürokraten und Abstempler.

Viele finden es gut, zumal wir unsere eigenen Obergrenzen kennen oder zumindest erahnen. Wie gerne hätten wir ein Limit für unser Gewicht, wie klug wäre für manchen eines für die Kombination Schnitzel und Landbier, wie segensreich eine Obergrenze für sinnlose E-Mails.

Stattdessen kommt die Regierung mit der Obergrenze für Bargeld daher. Man soll bei Einkäufen nur noch maximal 5000 Euro von Hand zu Hand weitergeben dürfen. Dies würde, so sagt man uns, dem weltweiten Terrorismus einen empfindlichen Schlag versetzen.

Ganz bestimmt, wir sind für den Kampf gegen Idioten mit Sprengstoffgürteln. Aber dass in einem freien Land mutmaßlich freien Bürgerinnen und Bürgern vorgeschrieben wird, ob sie ihren Gebrauchtwagen mittels Bargeld, Überweisungszettel oder Online-Banking kaufen, geht zu weit. Denn was kommt als nächstes? Kreditkartenpflicht beim Brezenkauf?

Wie wir etwas bezahlen, geht den Staat nichts an. Wir ziehen die Lehre – und stellen unsere Forderung auf: Die Obergrenze für absurde politische Ideen, sie möge kommen.

 

 

Petry Heil vor Lesbos

Empörung über AfD-Größen teile ich in den allermeisten Fällen. Nun hat Parteichefin Frauke Petry erklärt, dass man zum Schutz der Grenzen in letzter Konsequenz auf Flüchtlinge schießen müsse. Der Aufschrei ist groß und kommt von allen Seiten. In diesem Fall ist die Heuchelei allerdings groß.

Ganz leise sein sollte jene, die nach  Turbo-Abschiebungen, Obergrenzen für Asyl und gesicherte Außengrenzen rufen oder darüber schwadronieren , dass Griechenland „seine Hausaufgaben“ machen müsse. Würden ihre Vorschläge zu realem Handeln, würde brutale Gewalt gegen Menschen zwangsläufig. Denn wie anders wollte man Zuwanderung eindämmen, wenn Flüchtlinge zahlreicher kommen als vom Parlament beschlossen? Es müsste Gegenmaßnahmen geben.

Wie zum Beispiel bei Melilla. Drei, bis zu sieben Meter hohe Zäune schotten diese spanische EU-Exklave in Nordafrika gegen den Nachbarn Marokko ab. Zwischen den Zäunen gibt es Stolperfallen, das Drahtgeflecht ist so dicht, dass sich ein Mensch beim Hochklettern kaum festhalten kann. Es wird berichtet, dass gescheiterte Flüchtlinge verprügelt und schließlich von der Polizei in irgendeiner menschenleeren Gegend ausgesetzt werden. Wollen wir Vergleichbares auch auf Lesbos und an anderen bisher schönen Stränden des Mittelmeeres?

Zyniker würden einer Frauke Petry in diesem Fall höchste Kompetenz zuschreiben. Sie ist selbst hinter dem Zaun aufgewachsen. Die Grenzanlagen der DDR waren Meisterwerke deutscher Bürokraten-Gründlichkeit. Es war kaum möglich, gesund von Ost nach West zu kommen. Wer sich erwischen ließ, bezahlte gegebenenfalls mit dem Leben. Man hat sogar Maschinen erfunden, um Menschen zu erschießen. Auch dieser unerträgliche Zustand hat zu einer friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung beigetragen.

Im Westen hat man sich stets über den Schießbefehl empört. Man hat ihn als für Demokraten undenkbaren Staatsterrorismus bezeichnet. Droht nun die erneute Einführung der Todesstrafe? Oder wollen wir es allen Ernstes so sehen, dass sich der Staat angesichts von Zuwanderung in einer Notwehrsituation befindet, die alles erlaubt, was eigentlich undenkbar ist?

Gar das, was die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch ergänzend zu den Aussagen ihrer Chefin zu Protokoll gegeben hat? Polizisten müssten auch auf Kinder schießen, wenn diese nach Deutschland eindringen wollten. „Wer das HALT an unserer Grenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, lautet ihre Logik.

Eine derzeitige Zehn-Prozent-Partei in diesem Land hat also Anführer/-innen, die keinen Skrupel hätten, Polizisten zu Mördern in Uniform zu machen. Menschenverächter sehen sich im Krieg – und sie sind auf dem Vormarsch. Es wird Zeit, aufzuwachen und umzukehren. Gerade für die, die sich ganz bieder „besorgte Bürger“ nennen.

 

 

Kauflust – mit ziemlich mieser Laune

Niemand sollte die Deutungsmacht der Marktforschungsinstitute gering- oder unterschätzen. Denn sie horchen uns aus, bewerten die gesammelten Daten und sagen uns daraufhin wie wir sind. Oder wie wir zu sein behaupten. Manchmal interpretieren die professionellen Verhaltensforscher aber falsch.

So hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung wie jedes Monat die Kaufneigung der Deutschen erforscht. Trotz Börsenturbulenzen, Terrorgefahr und des politischen Streits über die Asylpolitik sei die Kaufneigung ungebrochen. Eine gute Nachricht sei das, meint man bei der GfK. Nicht einmal die Flüchtlinge spielten beim Shoppen eine Rolle. Der Zuzug werde erst zur Belastung, wenn Verbraucher um ihren Job fürchteten. Ansonsten herrsche Kauflust.

Was für ein abseitiges Gerede. Die guten Umsätze im Handel ergeben sich kaum deshalb, weil der Anteil der wohlhabenden Menschen durch eine famose Wirtschaftspolitik gestiegen ist. Sondern eher dadurch, dass es in einer alternden Gesellschaft zusehends unwichtig wird, ob man Geld hat. Die Finanzkarriere des sorgsam alternden Menschen sah in der langen Ära vor der digitalen Finanzwirtschaft so aus, dass man bis zur Rente möglichst viel Geld gespart hat. Das hat man anschließend nicht verjubelt, sondern hat sich zu von den Zinsen zu Weihnachten etwas Nettes angeschafft. Geschrumpft ist das Vermögen nur sehr langsam.

Heute läuft das anders. Wegen der Politik der Europäischen Zentralbank gibt es keine Zinsen mehr. Wer ein gutes Polster hat, erlebt, wie es immer weiter schrumpft. Und sollte jemand teure Pflege brauchen, lautet die Formel: Hilfe bekommt nur, wer zuvor arm geworden ist.

Also raus in die Fußgängerzone, ran an den Computer – und weg mit dem Ballast. Seien wir verschwenderisch, befreien wir uns von der Last des Geldes. Die Konsumforscher sind dankbar. Sie jubilieren mit heißem Herzen. Unsere Laune ist schlecht, vielleicht fluchen wir sogar. Doch die Kassen klingeln lauter.

Reich sein ist nicht so einfach

Oh Unrecht, wie bist du groß! Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dem reichsten Prozent gehört mehr als dem ganzen großen Rest. So sagt es die soziale Organisation Oxfam. Wir schauen auf diese Nachricht mit großer Empörung und ziemlichem Neid. Aber seien wir barmherzig. Reich sein ist nicht so einfach.

Zunächst müssen wir einen immer noch weit verbreiteten Irrtum überwinden: Der Kapitalismus ist dem Wesen nach nicht sozial. Die Gierigsten sind seine Helden. Man muss ihn – mit wirksamen Gesetzen – menschenfreundlich formen.

Nun hat unsere Marktwirtschaft mehr abhängig Beschäftigten zur eigenen Doppelhaushälfte verholfen als jedes realsozialistische System. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends unsozial geworden. Staatliche Vorschriften wurden zurückgefahren, verrückt spekulierende Banken wurden gerettet, verschärfte Kontrollen und Zwangsmaßnahmen wurden für die Arbeitslosen eingeführt. In der Diskussion wirkte es manchmal so, als seien diejenigen, die nichts besitzen, die rücksichtslosesten Ausbeuter der Gesellschaft.

Doch wozu der Neid? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mensch sieht sich auf der Sonnenseite des Schicksals. Aber wie bei jedem Glück lässt das nach, wenn es zur Routine wird. Der Reiche lebt tendenziell in Angst. Er hat ja viel zu verlieren. Sowieso ist er vom Reichtum überfordert.

Nehmen wir einen 60-Jährigen, zehn Milliarden Euro schweren Mann.  Würde er keinen Cent mehr dazuverdienen, müsste er bis zum seinem Ableben im 90. Lebensjahr täglich 913.000 Euro ausgeben, um sein Vermögen komplett aufzubrauchen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er zum 80. Geburtstag eine 25-jährige Luxusfrau heiraten muss, um auf Glitzer-Partys auch mit Rollator noch willkommen zu sein, kann der Geldspeicher kaum komplett geleert werden. Und die junge Frau, der die Integration in die Gesellschaft durch eigene Arbeit verwehrt bleibt, wird ihn zusehends spüren lassen, dass sie ihn statt im Ehebett lieber in einem Sarg sähe.

Unser Fazit in zwei Sätzen lautet also: Übergroßer Reichtum ist sinnlos. Bittere Armut ist ein Skandal. Zwingen wir das Kapital also ruhig zur Rücksichtnahme, zum Beispiel durch höhere Steuern. Ganz sicher: Es ist das Beste für alle.