Was begehrt das Volk? Eine Kartoffel namens Fritz

Was bewegt das Volk? Was ist sein Begehr? Herausfinden lässt sich das zum Beispiel auf der Petitions-Seite des Deutschen Bundestages. Alsdenn, schauen wir, was dort gerade angesagt ist. Und welche großen Themen demnächst kommen.

Auf der Liste der 50 aktuellsten Petitionen führt mit 2237 Unterschriften ein Aufruf zum „Bundesteilhabegesetz“. Sein Ziel klingt sympathisch und zeitgemäß. Behinderten soll ausdrücklich eine unabhängige Lebensführung gewährt werden. Knapp dahinter folgt ein Thema, das es noch nicht auf die Titelseiten geschafft hat: Es geht um das Luftfahrthandbuch AIP ACI VFR 04/16 und um die Rücknahme der darin enthaltenen Beschränkungen für den Kunstflug mit Motorflugzeugen. 1918 Unterzeichner hat diese Initiative, mehr Kunstflieger dürfte es kaum geben.

Respektabel ist die Resonanz auf Petitionen, mit denen ein umfassender Schutz für stillende Mütter, die Einrichtung regionaler Lärm-Umweltzonen und höhere Zuschüsse für den Schulbedarf von Kindern aus finanzschwachen Familien gefordert werden. Dagegen floppt die Forderung, den Führerscheinerwerb auch auf Bulgarisch zu ermöglichen. Sie hat nur sechs Unterstützer.

Leider gescheitert ist auch Petition Nummer 66662. Nur 108 statt der erforderlichen 50.000 Unterzeichner hat sie gefunden. Und das, obwohl es hier um zwei aktuelle Mega-Themen ging: Gesunde Ernährung und Geschlechter-Gerechtigkeit. Demnach sollte der Deutsche Bundestag beschließen, „dass es ab sofort ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen als auch weiblichen Kartoffelnamen bei der Sortenbestimmung gibt.“

Der Initiator der Petition verweist darauf, dass Geschlechter-Ungleichheiten in etlichen Bereichen der Gesellschaft konsequent beseitigt worden seien. Hinsichtlich der Kartoffeln habe dieses Bemühen bislang völlig gefehlt. Und tatsächlich: Unsere Erdäpfel tragen fast durchwegs weibliche Namen. Sie heißen Bellinda, Ditta, Elvira, Selma oder Linda. Ganz egal, ob sie mehlig oder festkochend sind.

Männer kommen im Kartoffel-Universum nur mit unpersönlichen Bezeichnungen wie Blauer Schwede oder Innovator vor. Dabei sind Herren schon frisurentechnisch dem Erdapfel näher als die Damen. Sigmar, Winfried oder Horst wären politisch korrekt. Man könnte aber auch, wie der Erfinder von Petition 66662 meinte, verdiente Streiter für gutes Essen als Namensgeber hernehmen. Etwa den jüngst verstorbenen Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck oder bekannte Köche wie Tim Mälzer und Alexander Herrmann. Oder man beschließe die Sorte „Usain B.“. Schließlich gibt der galaktische Sprinter Erdäpfel als sein legales Dopingmittel an.

Nette Idee. Wir jedoch sehen es anders: Das erste Knollen-Patronat gebührt selbstverständlich jenem Mann, der die Kartoffel durch seinen staatlichen Anbaubefehl von 1756 in unseren Breiten so richtig vorangebracht hat: Preußenkönig Friedrich der Große. Starten wir also mit der Sorte „Alter Fritz“. Das Volk wird sich danach verzehren.

Das lange Warten auf den Renten-Speck

Alsdenn Opa, ran an den Speck. Die deutsche Bundesbank hat gefordert, das Rentenalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Gähnt hier das Sommerloch? Oder wird im Auftrag der großen Politik ein unpopulärer Vorschlag auf sein Empörungspotential hin getestet?

Man sollte wachsam sein und Schlimmes befürchten. Während sich das Soziale in unserer Marktwirtschaft zusehends abnutzt, gewinnt der Wunsch der Wirtschaft nachmöglichst umfassender Nutzung des Humankapitals an Bedeutung. Das beginnt beim achtjährigen Turbo-Gymnasium, das Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen nervt. Und geht hin zu einem immer weiter nach hinten verschobenen Ruhestand. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der menschlichen Existenz muss stimmen.

Andererseits: Wenn ein deutscher Autokonzern aus Steuergeldern subventioniert wird, damit er ein Elektroauto mit mehr als 150 Kilometern Reichweite entwickeln kann, sollen wir das gut finden. Es geht ja um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte, um Arbeitsplätze und damit um die Zukunft überhaupt. Ähnliches wird bei Bankenrettungen erklärt. Der Geldfluss wird hier zwar von einem Grollen begleitet wird, welches für die Versager unter den Spekulanten aber folgenlos bleibt.

Bei den Themen Gesundheit und Soziales wird anders argumentiert: Hier stehen immer die Kosten im Vordergrund. Die Pflege alter Menschen frisst den Staat auf. Die Kranken werden immer teurer. Die  Rente ist selbstverständlich nicht sicher. Lösen lässt sich dieses Problem nur dadurch, dass die Menschen mehr Geld für die Gesundheit ausgeben, Riester-Verträge mit üblen Konditionen abschließen und so lange arbeiten, bis es tatsächlich gar nicht mehr geht.

Warum ist es nicht möglich, dass sich Politiker*innen hinstellen und verkünden, dass sie mit Freude mehr Geld für kranke und alte Menschen ausgeben. Einfach weil es richtig ist, dass die Gesellschaft solidarisch mit den Schwachen ist und nicht nur darauf schaut, ob jemand „den Märkten“ einen Nutzen bringt.

Schön wäre das. Kommen wird es anders. Opa kriegt den Speck, aber bedingungslos erst ganz, ganz spät.

Der Staat als Klamottenpolizei

„Weg mit der Burka!“ Diese lautsprecherisch vorgetragene Forderung gehört zum Standard-Repertoire vor allem konservativer Politiker*innen. Jüngst hat sich das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn damit aus dem Fenster gelehnt. Aber hülfe uns das? Denken wir nach.

Warum gibt es das Recht? Warum mischt sich der Staat in unser Leben ein? Weil es ohne Gesetze und ohne Regeln keine Freiheit gäbe. Die Willkür der Mächtigen würde herrschen, die Chance auf Gerechtigkeit gäbe es nicht. Es handelt sich also um ein edles Ziel, weshalb Regierungen auf fanatische Gesetzgebungswut verzichten sollten. Man kann Freiheit auch zu Tode regeln.

Jetzt aber konkret gefragt: Sollen sich Politik, Staat und Justiz in Fragen der Bekleidung ihrer Bürger*innen einmischen? Sicher, die Burka ist nach unserem Verständnis ein abstoßendes Kleidungsstück. Wir sind sicher, dass Frauen diese Ganzkörperverhüllung keinesfalls freiwillig tragen. Wir sagen: Wer die Burka überwirft, wird unterdrückt. Und das darf nicht sein. Weil hinter jeder geknechteten Muslima ein Gesinnungs-Taliban steht.

Andererseits gibt es Bekenntnis-Kleidung auch anderswo. Christliche Nonnen haben zwar ein größeres Sichtfeld. Ihre Tracht ist der Burka ansonsten recht ähnlich. Mitarbeiter von Banken müssen schwarze Anzüge, Burgerbrater lustige Mützen tragen. Selbst unsere größten Idole, die Fußballer, können das viele Geld nur verdienen, wenn sie albern in kurzen Hosen und Kniestrümpfen über blumenlose Wiesen rennen.

Von bösen Modesünden, die sensible Mitmenschen belästigen, wollen wir gar nicht reden. Interessant wäre allerdings zu erforschen, ob sich unsere politischen Frauenrechttler*innen häufiger und energischer gegen die Burka als gegen die Dienstkleidung von minderjährigen Huren auf dem Straßenstrich positioniert haben. Wir ahnen die Antwort.

Jedenfalls: Wenn es um die Burka geht, wird durchgegriffen, wenigstens verbal.  Dumm bloß, dass es unseren Frauen auch nicht so rundum prima geht. Dann etwa, wenn sie nach einer Familienphase von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren wollen, um Karriere machen zu können. Das scheitert häufig an den Chefs. Da schauen die Politiker gerne weg.

Genau das sollten sie bei der Burka tun. Um mehr Energie für die wahren Probleme zu haben.

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?

Der Präsident im Schlafzimmer

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan denkt und handelt, wie wir alle wissen, in ganz großen Dimensionen. Das sieht man, wenn er Paläste oder Flughäfen bauen lässt. Man erkennt es auch daran, dass er, ganz anders als die meisten EU-Regierungswarmduscher, unserer Kanzlerin Angela Merkel respektlos die Stirn bietet.

Dieser Mann hat den Mut, dem eigenen Größenwahn Taten folgen zu lassen. Erdogan äußert sich sogar in religiös anmutenden Fragen.  Weshalb zu fragen ist: Will dieser Mann der neue Papst werden?

Die Vermutung erscheint statthaft, seitdem sich der türkische Staatspräsident explizit zu Fragen der Fortpflanzung geäußert hat. Dieses Thema war schon immer auch eine Domäne der Kirche. Katholische Priester etwa leisten zwar den Schwur, niemals Sex zu haben, sehen sich aber gleichwohl im Recht, anderen Leuten vorzuschreiben, welchem Zweck dieser zu dienen habe: Der Fortpflanzung zur Freude Gottes. Auch Despoten beanspruchen seit jeher die Früchte der innerhalb ihrer Staatsgrenzen vorhandenen Leiber für sich.

Nun ist der Verzicht auf Verhütungsmittel eine offenkundigé Schnittstelle zwischen dem Denken Erdogans sowie der katholischen Lehre. Seine Berufung zuim Papst wäre somit vermutlich auf Jahrhunderte hinaus die beste Chance, das morgenländische Schisma, die Kirchenspaltung von 1054, zu überwinden. Damals erklärten sich der römische Papst Leo IX. sowie Patriarch Michael I. von Konstantinopel gegenseitig zu Glaubensdeppen. Seitdem ist auseinander, was – vermutlich aus der Sicht Gottes – zusammengehört.

Nutzen wir die Gelegenheit, ziehen wir einen Schlusstrich, erretten wir Franziskus aus der Verzweilfung, die in seinem Amt irgendwann kommen muss. Papst Recep I. würde nicht nur die Christen vereinen, er würde auch den Islam in den gemeinsamen Laden eingliedern. Er wäre so der allumfassende, dreifaltige Lehrer und geistige Vater der halben Welt.

Wir sagen: Amen, Amen und nochmals Amen. Doch jetzt: Genug gebetet, husch-husch ins Bettchen. Es gibt zu tun…

 

 

 

 

Der Türke. Der Syrer. Der Nordafrikaner.

Also zitierte der Innenminister sein Flüchtlings-Einmaleins: „Türken sind leichter zu integrieren als Syrer. Syrer sind leichter zu integrieren als Nordafrikaner.“ Diese Sätze klingen harmlos. Sie könnten, wie es so schön heißt, an jedem Stammtisch so gesagt werden. In diesem Fall saß Thomas de Mazière auf einem Talk-Show-Sofa. Er fühlte sich mit seiner Aussage richtig wohl. Ich finde, zu Unrecht.

Seine Worte spiegeln unsere Vorurteile wider. Wenn wir auf Muslime schauen, erkennen wir keine Vielfalt. Wir meinen, dass es „den Türken“ gibt, der eben so ist, weil er irgendwo zwischen Istanbul, Ankara und Diyarbarkir lebt. Zwischen dem Mitarbeiter einer großstädtischen Werbeagentur und einem ostanatolischen Kleinbauern sehen wir im Grunde keinen Unterschied. Ja, man kann sie in unsere Gesellschaft eingliedern. Aber nur, wenn man ihnen die rotzige Frechheit und das verrückte Macho-Gehabe ihres Staatspräsidenten austreibt.

Nach schwieriger wird es, wenn man unserem Minister folgt, mit „den Arabern“. Wir haben uns seit langem darauf geeinigt, dass es sich hier um ein rückständigen Teil der Menschheit handelt. Arrogante, ungebildete Faulpelze, die ihren Ölreichtum beim Kamelrennen verwetten und entrechtete, zwangsverhüllte Frauen, die ausschließlich Haus, Hof und mindestens ein halbes Dutzend Kinder hüten. Menschen, die ihren Kopf nicht selbst benutzen, weil sie ja Allah haben.

Und „die Nordafrikaner“? Sie sind, zurzeit jedenfalls, die allergrößte Bedrohung unserer abendländischen Kultur. Wobei nicht so recht geklärt ist, wer sie eigentlich sind. Sind es die netten Ägypter, die am Nil den Touristenschiffen zuwinken, die chaotischen Libyer, die ziemlich demokratischen Tunesier oder die listigen Marokkaner? Oder handelt es sich um die komplett undurchschaubaren Bewohner von Mauretanien, Sudan, Eritrea, Niger oder Mali?

Spätestens an dieser Stelle springt uns eine ungeheure Vielfalt entgegen. Uns darauf einzulassen, würde uns aber bloß verwirren. Da folgen wir lieber dem Minister und stempeln „die Nordafrikaner“ mit dem Vermerk „schwerst integrierbar“ ab.

Ich habe fünf Menschen aus schwierigen Regionen kennengelernt – aus Iran, Palästina, Mali, Bangladesch und Gambia. Diese sind, weil Journalisten wie ich, gewiss nicht repräsentativ. Aber alle streben nach Demokratie und Pressefreiheit und sind bereit, dafür größte persönliche Opfer zu bringen. Während bei uns viele Talkshow-Seher schon schockiert wären, wenn man ihnen Bier und Chips wegnehmen würde.

Doch nie würde ich einem Innenminister so ganz widersprechen. Deshalb stelle ich fest: Der Sachse ist in Brandenburg leichter zu integrieren, als der Oberpfälzer im Saarland. Und der Mittelfranke in Ostfriesland? Das geht nun wirklich gar nicht.