Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Tief einatmen: Der Brexit ist nicht das Ende

Und jetzt: Tiiiief einatmen. Denken wir an etwas Schönes. An offene Grenzen, eine gemeinsame Währung, an Frieden, Freiheit und was es sonst noch gibt. Und wir werden erkennen. Dieser Brexit mag schlimm sein. Aber er ist nicht das Ende der Welt. Sondern vielleicht ein Anfang.

Bei den ersten Experten-Kommentaren hätte man tatsächlich meinen können, es sei nun alles vorbei. Es klang, als wäre Großbritannien komplett von diesem Globus verschwunden. Was wohl auch damit zu tun hatte, dass Bürgerinnen und Bürger eines Landes einfach anders abgestimmt haben, als es sich nach Ansicht aller wichtigen Nicht-Briten gehört hat. Was erlaube Volk? Es streut bloß unnötig Sand ins Getriebe.

Inzwischen etwas zur Ruhe gekommen, können wir feststellen: Ein Leben ohne britische Produkte ist möglich. Das Poloshirt für Herren ist eine geniale Erfindung, wird aber meistens in Fernost geschneidert. Wir verdanken den Briten die dreizackige Gartenkralle mit Holzgriff, Tassen mit dem Bild einer alten Dame mit Krönchen, Tischdecken, die mit Gartenblumen bedruckt sind, Kissen mit dem Motiv eines flüchtendem Hasen, besonders teure Teekannen, Orangenmarmelade, handgefertigte Gummistiefel für Regenwetter, hervorragende Autoscheiben und alles, was nach Lavendel riecht. Als Erzeugnisse von zweifelhalftem Sinn gibt es Autos mit falsch montierten Lenkrädern und  spekulative Turbo-Zertifikate.

Das alles muss nicht sein oder es gibt es auch woanders. Also können wir ganz locker darüber nachdenken, was uns die Brexit-Rentner von der Insel sagen wollten. Vielleicht ja dieses: Die Politik der EU und in der EU ist in den zurückliegenden Jahrzehnten den falschen Weg gegangen. Der neoliberale Kurs bedeutet Vorrang für die Bedürfnisse der Konzerne und des großen Geldes. Wo früher die Aussicht auf sozialen Aufstieg war, wurden massenhaft Billigjobs geschaffen.

Die EU könnte ein neues Leitbild vertragen. Es könnte „Alles für die Menschen“ oder „Nie wieder Ungerechtigkeit“ lauten. Sollte das wirklich so kommen, dann hätte der Brexit sogar Gutes bewirkt. Und dann? Welcome back? Warum eigentlich nicht?

Der Präsident im Schlafzimmer

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan denkt und handelt, wie wir alle wissen, in ganz großen Dimensionen. Das sieht man, wenn er Paläste oder Flughäfen bauen lässt. Man erkennt es auch daran, dass er, ganz anders als die meisten EU-Regierungswarmduscher, unserer Kanzlerin Angela Merkel respektlos die Stirn bietet.

Dieser Mann hat den Mut, dem eigenen Größenwahn Taten folgen zu lassen. Erdogan äußert sich sogar in religiös anmutenden Fragen.  Weshalb zu fragen ist: Will dieser Mann der neue Papst werden?

Die Vermutung erscheint statthaft, seitdem sich der türkische Staatspräsident explizit zu Fragen der Fortpflanzung geäußert hat. Dieses Thema war schon immer auch eine Domäne der Kirche. Katholische Priester etwa leisten zwar den Schwur, niemals Sex zu haben, sehen sich aber gleichwohl im Recht, anderen Leuten vorzuschreiben, welchem Zweck dieser zu dienen habe: Der Fortpflanzung zur Freude Gottes. Auch Despoten beanspruchen seit jeher die Früchte der innerhalb ihrer Staatsgrenzen vorhandenen Leiber für sich.

Nun ist der Verzicht auf Verhütungsmittel eine offenkundigé Schnittstelle zwischen dem Denken Erdogans sowie der katholischen Lehre. Seine Berufung zuim Papst wäre somit vermutlich auf Jahrhunderte hinaus die beste Chance, das morgenländische Schisma, die Kirchenspaltung von 1054, zu überwinden. Damals erklärten sich der römische Papst Leo IX. sowie Patriarch Michael I. von Konstantinopel gegenseitig zu Glaubensdeppen. Seitdem ist auseinander, was – vermutlich aus der Sicht Gottes – zusammengehört.

Nutzen wir die Gelegenheit, ziehen wir einen Schlusstrich, erretten wir Franziskus aus der Verzweilfung, die in seinem Amt irgendwann kommen muss. Papst Recep I. würde nicht nur die Christen vereinen, er würde auch den Islam in den gemeinsamen Laden eingliedern. Er wäre so der allumfassende, dreifaltige Lehrer und geistige Vater der halben Welt.

Wir sagen: Amen, Amen und nochmals Amen. Doch jetzt: Genug gebetet, husch-husch ins Bettchen. Es gibt zu tun…

 

 

 

 

Der Türke. Der Syrer. Der Nordafrikaner.

Also zitierte der Innenminister sein Flüchtlings-Einmaleins: „Türken sind leichter zu integrieren als Syrer. Syrer sind leichter zu integrieren als Nordafrikaner.“ Diese Sätze klingen harmlos. Sie könnten, wie es so schön heißt, an jedem Stammtisch so gesagt werden. In diesem Fall saß Thomas de Mazière auf einem Talk-Show-Sofa. Er fühlte sich mit seiner Aussage richtig wohl. Ich finde, zu Unrecht.

Seine Worte spiegeln unsere Vorurteile wider. Wenn wir auf Muslime schauen, erkennen wir keine Vielfalt. Wir meinen, dass es „den Türken“ gibt, der eben so ist, weil er irgendwo zwischen Istanbul, Ankara und Diyarbarkir lebt. Zwischen dem Mitarbeiter einer großstädtischen Werbeagentur und einem ostanatolischen Kleinbauern sehen wir im Grunde keinen Unterschied. Ja, man kann sie in unsere Gesellschaft eingliedern. Aber nur, wenn man ihnen die rotzige Frechheit und das verrückte Macho-Gehabe ihres Staatspräsidenten austreibt.

Nach schwieriger wird es, wenn man unserem Minister folgt, mit „den Arabern“. Wir haben uns seit langem darauf geeinigt, dass es sich hier um ein rückständigen Teil der Menschheit handelt. Arrogante, ungebildete Faulpelze, die ihren Ölreichtum beim Kamelrennen verwetten und entrechtete, zwangsverhüllte Frauen, die ausschließlich Haus, Hof und mindestens ein halbes Dutzend Kinder hüten. Menschen, die ihren Kopf nicht selbst benutzen, weil sie ja Allah haben.

Und „die Nordafrikaner“? Sie sind, zurzeit jedenfalls, die allergrößte Bedrohung unserer abendländischen Kultur. Wobei nicht so recht geklärt ist, wer sie eigentlich sind. Sind es die netten Ägypter, die am Nil den Touristenschiffen zuwinken, die chaotischen Libyer, die ziemlich demokratischen Tunesier oder die listigen Marokkaner? Oder handelt es sich um die komplett undurchschaubaren Bewohner von Mauretanien, Sudan, Eritrea, Niger oder Mali?

Spätestens an dieser Stelle springt uns eine ungeheure Vielfalt entgegen. Uns darauf einzulassen, würde uns aber bloß verwirren. Da folgen wir lieber dem Minister und stempeln „die Nordafrikaner“ mit dem Vermerk „schwerst integrierbar“ ab.

Ich habe fünf Menschen aus schwierigen Regionen kennengelernt – aus Iran, Palästina, Mali, Bangladesch und Gambia. Diese sind, weil Journalisten wie ich, gewiss nicht repräsentativ. Aber alle streben nach Demokratie und Pressefreiheit und sind bereit, dafür größte persönliche Opfer zu bringen. Während bei uns viele Talkshow-Seher schon schockiert wären, wenn man ihnen Bier und Chips wegnehmen würde.

Doch nie würde ich einem Innenminister so ganz widersprechen. Deshalb stelle ich fest: Der Sachse ist in Brandenburg leichter zu integrieren, als der Oberpfälzer im Saarland. Und der Mittelfranke in Ostfriesland? Das geht nun wirklich gar nicht.

 

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Störchin, fahr‘ zum Himmel!

„Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.“ So sah das im 18. Jahrhundert  der französische Philosoph Denis Diderot. Und tatsächlich haben wir allen Anlass, die Auswirkungen der Religionen kritisch zu betrachten. Doch muss der Himmel dafür ausgerechnet Leute wie Beatrix von Storch senden?

Unsere rechte Stimmenfängerin hat – vorgeblich besorgt – dem Islam den Kampf gesagt. Sie hat nichts dagegen, dass Muslime in ihren eigenen vier Wänden die Gebetsteppiche ausrollen. Sie dürfen dafür auch in Moscheen gehen. Allerdings sollten diese keine Minarette aufweisen. Allah im Keller – das ginge mit der AfD.  Aber „politisch“? Nein, das darf der Islam nicht sein.

Man fragt sich, ob die selbst ernannten Retter des christlichen Abendlandes ihre eigene Religion kennen. Wenn der Papst auf Lesbos die vielen ertrunkenen Flüchtlinge beklagt und mehr Barmherzigkeit einfordert, ist das eine ausgesprochen politische Botschaft. Man hört Ähnliches jeden Sonntag in den Kirchen beider großer Konfessionen. Von Storch & Co. scheinen das nicht zu wissen. Lehnen sie also Pfarrer grundsätzlich als naive Gutmenschen ab? Oder meiden sie die Gotteshäuser,  weil diese oft mit mächtigen Herrschaftssymbolen namens Kirchturm versehen sind?

Sie reden viel, sie widersprechen sich, manchmal wird es absurd. Aber es ist eben das Problem, dass Glauben und Vernunft nur schlecht zusammengehen. Also akzeptieren wir, dass in den Kirchen Frieden und Gerechtigkeit gepredigt wird, dass die Realität draußen aber anders aussieht. Weihrauch macht besinnlich, aber offensichtlich auch vergesslich.

Vielleicht sendet der Himmel bewusst unterschiedliche Geschenke. Damit jeder das abbekommt, was er gerne mag. Wir kennen nicht die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Herrns. Doch besonders verkorkste Sendungen sollte er zurücknehmen – und sei es aus göttlicher Kulanz. Wir beten: „Allmächtiger, steh‘ uns bei. Lass‘ von Storch zum Himmel fahren. Für ewig und immerdar. Du als höheres Wesen kannst selbst diese Frau ertragen. Also lobpreisen wir Dich. Amen!“

 

Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.