Die Kinder kommen nicht. Andere schon…

Familienpolitik in Deutschland ist ein freudloser Job. Der Staat zahlt Geld, Geld und nochmals Geld. Aber der ersehnte Babyboom bleibt aus. Wo Armut herrscht, wird geboren. Bei uns ist das Biotop der Rollatoren.

Es kann es also verstehen, wenn sich Politiker in ihrer Verzweiflung in Schnapsideen flüchten. Eine solche war das von der CSU in Berlin durchgeboxte Betreuungsgeld. 150 Euro pro Monat dafür, dass man daheim bleibt? Clever. Wäre es da nicht auch gut, die Pkw-Maut mit einer Anti-Infrastrukturabgabe zu koppeln? Wer nicht fährt, kassiert. Sofern er kein Ausländer ist.

Die Kinder kommen nicht. Andere schon. Und deshalb verlagert sich die CSU auf ihren Markenkern: Sie warnt vor dem Fremden und präsentiert sich im gleichen Atemzug als einzig mögliche Beschützerin. Das ganz aktuelle Problem sind die Flüchtlinge vom Balkan. Wir lesen von “rigorosem Durchgreifen” und “entschiedenem Handeln”. Lasst uns machen – und sie bleiben, wo sie hingehören.

Die Botschaft hat Wucht. Aber sie wird nicht helfen, eher passiert das Gegenteil. Nach einer aktuellen Studie der Friedrich-Ebert-Studie sitzen auf dem Balkan vor allem junge Menschen auf gepackten Koffer. Man hatte 14- bis 29-Jährige zu ihren Zukunftsplänen befragt. Das Ergebnis: 67 Prozent der Albaner, 55 Prozent der Kosovaren, 53 Prozent der Mazedoniern und 49 Prozent der Bosnier dieses Alters erklärten, dass sie ihre Länder für perspektivlos halten und deshalb in Richtung Deutschland, Großbritanniern, Schweiz oder USA auswandern zu wollen.

“Durchgreifen” wird da an Grenzen stoßen, das Schüren von Wut auf die Fremden ruft die Zündler auf den Plan. Bei uns bräuchte es Kinder. Dort bräuchte es Wohlstand. Es passt nicht zusammen. Und Hilfspakete, die nur aus Krediten, sind wie Rollatoren ohne Räder.

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort “Baiern” wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das “i” kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das “y” sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der “GrEnter”, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Die CSU hat Muskeln – doch die sind puddingweich

Die CSU ist die erfolgreichste aller demokratischen Parteien. Zwischendrin brauchte man die FDP zum Regieren, aber gemessen an der Gesamt-Herrschaft in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg war das nur eine Frühstückspause. Fehler macht die CSU nicht. Und wenn, dann werden sie verziehen. Warum also ist man bei schwierigen Themen so zaghaft?

Schließlich hat man die Dinge normalerweise im Griff. Bei G7-Gipfel deeskalierte sogar das Wetter, indem es Demonstranten durchnässte. Statt  Wasserwerfer-Chaos bot man dem Rest der Welt eine zünftige Trachten-Show. Jeden hauptberuflichen Unterdrücker hätte diese Inszenierung begeistert. Auch weil sie so wirksam war. Hatten Oppositionspolitiker und Medien vor dem Treffen der Staatenlenker vorgerechnet, dass dieses einen dreistelligen Millionenbetrag kosten würde, war nach dem Weißbier-Lachen des US-Präsidenten davon überhaupt keine Rede mehr. Journalistinnen und Journalisten bejubelten lieber die Entscheidung, das Verfeuern von Kohle und Gas dann einzustellen, wenn es sie aus heutiger Sicht eh nicht mehr gibt.

Man sieht, es geht doch. Also müsste sich die CSU gar nicht auf halbseidene Themen verlegen. Tut sie aber: Das Betreuungsgeld wird höchstrichterlich überprüft. Und diese Maut? Jedem einigermaßen vernunftbegabten Menschen war klar, dass dieses Projekt ein Rohrkrepierer werden könnte. Doch im Wahlkampf ist es eben nie verkehrt, dass man denen da draußen (scheinbar) zeigt, das mia mia sind.

Stimmentechnisch hat das Ganze seinen Zweck erfüllt. Das Volk hat vertraut. Und doch beginnt hier die Enttäuschung über die CSU. Sie könnte doch, wie keine andere Partei, die Energiewende durchsetzen. Doch ihre Devise lautet: Strom Ja, Stromtrassen Nein. Wie kraftlos ist das?

Zumal der Verdacht, dass man Strom aus Nord- und Ostdeutschland ablehnt, weil man gemeinsam mit e.on die Atomkraftwerke wiederbeleben möchte, vom Tisch ist. Sonst hätte die CSU ein Atommüll-Zwischenlager an der Isar mit Freuden akzeptieren müssen. Stattdessen ertönen Wehklagen und Schimpfen.

Gerade nach dem G7-Gipfel war es naheliegend, der bayerischen Staatsregierung eine besonders knifflige Aufgabe zu übertragen. Die strotzte  vor Selbstvertrauen und Kraft. Tja, es stimmt: Die CSU zeigt gerne Muskeln. Bei der Trachten-Party sehen diese auch gut aus. Ihr Nachteil ist bloß: Wenn jemand dagegen drückt, vorzugsweise Wähler vom Land, werden sie schnell weich wie Pudding. Wenn das nicht mal die Wähler merken…

 

 

Der GrAusgang ist furchtbar. Ich mag die Griechen

Es ist ein Kreuz, mit diesem Grausgang, wie der Grexit auf Deutsch heißen müsste. Die großen Lenker der Euro-Währungsunion arbeiten offenbar darauf hin, die Griechen aus ihrem Club auszuschließen. Sie waren nicht brav, also müssen sie weg. Dann werden sie schon sehen, wie es ist, wenn die Rente in Drachmen ausgezahlt wird.

Ich finde das alles ganz schrecklich. Denn diese Misere zeigt, wie schöne Dinge wegen der durch die Ökonomie vorgegebenen Gleichmacherei kaputt gemacht werden. Als wir in den späten 70-er Jahren Griechenland entdeckt haben, hat uns doch gerade fasziniert, dass die Menschen auf den vielen Inseln so anders waren. War es in Italien üblich, dass Sonnenschirme gemietet werden mussten und dass zum Abendessen ein Gedeck mit einem Körbchen Brot zu bezahlen war, begegneten uns die Hellenen mit einer geradezu rührenden Gastfreundschaft. Keiner von uns hat sich dabei schlecht gefühlt. Obwohl wir aufgrund unserer Geschichte dazu allen Grund gehabt hätten.

Begeistert hat uns auch, dass diese Griechen Mut zur Langsamkeit hatten und sowieso anders und individueller waren als wir. Aber so war das wohl immer. Man muss nur daran denken, dass die Mythologie voller seltsamer Typen ist, gegen die unser legendäres weißes Einhorn wie ein niedlicher Stallhase wirkt.

Und dann diese Philosophen: Lagen besoffen in Tonnen herum, haben sich mit Knaben vergnügt und haben trotzdem in großen Reden die Welt erklärt. Wobei manche Aussagen gegen “die Institution” gerichtet gewesen wären. So sagte Aristoteles den reizvollen Satz: “Arbeit und Tugend schließen sich aus.” Demokrit ergänzte: “Das Glück wohnt nicht im Besitze und nicht im Golde, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.” Aristoteles wiederum wusste:” Denn überall nach dem Nutzen fragen, ziemt sich am wenigsten für hochsinnige und freie Männer.” “Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf”, ergänzte Sokrates.

Diogenes hätte wohl geraunzt: “Geh’ mir aus der Sonne, Merkel!”. Er hat in Herrn V. einen Nachfolger gefunden, während wir feststellen, dass uns zwar reichlich antike Weisheit gelehrt wurde, dass man unserer effektiven Arbeitsweise zuliebe wichtige Geistesblitze weggelassen. Also sage und verspreche ich feierlich: Liebe Griechen, ich mag Euch. Auch mit Drachmen. Und manchmal wäre ich gerne wie Ihr.

 

G7: Die Welt dankt den Gebirgsindianern

Na gut. Vielleicht waren wir in Sachen G7-Gipfel allzu kritisch. Das Ganze kostet wahnsinnig viel Geld. Aber es lohnt sich. Denn es gibt prima Bilder.

Oberbayern musste sein. Denn wo sonst findet sich in Deutschland ein Landstrich, wo Menschen seltsame Gewänder anziehen und dabei auch noch stolz und vergnügt aussehen? Man nehme nur die kräftigen Mannsbilder, der im Angesicht des US-Präsidenten Obama ihren Gamsbart stramm nach oben recken. Winnetou ist tot – aber der Gebirgsindianer lebt. Komme wer wolle, it’s always Oktoberfest.

Die Mega-Super-Joker-Karte hat indes die Brauerei Karg gezogen. Ihr Wappen prangte auf dem Glas, mit dem der strahlende Allermächtigste den Fotografen zuproteste. Zwar war, wie man hörte, alkoholfreies Bier beziehungsweise garantiert unvergiftetes Gebräu eines amerikanischen Unternehmens in Obamas Trinkgefäß. Doch das wird das Management der Brauerei aus Murnau am Staffelsee leidlich egal sein, wenn es seine groß angelegte Werbekampagne durchzieht.

“Wir setzen uns für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol ein”, steht auf der Karg’schen Homepage. Womit wir definitiv beim Gipfel sind. Denn natürlich geht es hier um die Verantwortung für Renditen, Zinsen, Aktienkurse und um den Weltfrieden im Besonderen und im Allgemeinen. Ein Aspekt dabei ist der Klimawandel. Und auch in dieser Hinsicht ist Elmau gut gewählt. Denn unsere Staatenlenker werden später ihren Enkeln Fotos zeigen und sagen können: “Schaut mal, da war Schnee im Juni. Wenn wir energischer gehandelt hätten, gäb’s das heute noch.”

Überschätzen sollten wir die Gipfel-Akteure aber sowieso nicht. Diese geben ja vor, in Sachen Weltwirtschaft alles im Griff zu haben. Was natürlich kompletter Unsinn ist. China ist ja ökonomisch ziemlich erfolgreich, ist aber nicht vor Ort. Ein Kontinent wie Afrika fehlt komplett. Auch Südamerika ist außen vor. Vom russischen Bösewicht Wladimir P. aus M. ganz zu schweigen.

Und noch einen haben sie vergessen. Den Mann, der gerade die meisten Wolkenkratzer, die längsten Brücken und die größten Flughäfen der Welt bauen lässt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ja, er hätte den anderen erklärt, wie man im 21. Jahrhundert auch als unmittelbarer Nachbar von Griechenland den totalen Boom erzeugt. Aber gut, er konnte nicht, weil bei ihm zuhause gerade Wahl ist. So wichtig ist der Elmauer  Güpfel eben auch nicht…

PS/Nachtrag: Angesichts seines Wahlergebnisses hätte Erdogan auch wegfahren können

Fußball ist korrupt – G 7 ist verrückt

Jetzt ist die Bild-Zeitung aber wirklich böse. Unser Zentralorgan des gesundes Volksempfindens klärt uns darüber aus, wie viel Geld ARD und ZDF für die Übertragungsrechts für die nächsten Fifa-Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar zahlen: 432 Millionen Euro sollen es sein! Und das alles von unseren Gebühren!!! Gibt es noch Schlimmeres? Ja doch. Sein Name ist G 7.

Zunächst aber zur WM. Die Summe wirkt gigantisch. Andererseits genießt das Recht auf TV-Fußball hierzulande Verfassungsrang. Zumindest informell. Und sicher: Man könnte mit diesem Geld unglaublich viel Gutes bieten. Flaue Serien mit Fritz Wepper oder Christine Neubauer zum Beispiel. Doch würde mit einem Boykott auch das Geschäft der falschen Leute betrieben. Zögen sich die öffentlich-rechtlichen Sender vom Fußball zurück – in den Chefetagen von Sky würden die Sektkorken knallen. Endlich wäre das allerbeste Produkt der Welt nur noch gegen Aufpreis greifbar.

Der finanzielle Aufwand für die großen Blatter-Shows relativiert sich sowieso, wenn man sieht, wofür ansonsten Geld verschleudert wird. So wird der G 7-Gipfel auf Schloss Elmau, dieses Klassentreffen der Regierungschefs der großen Industrienationen, nach neuesten Schätzungen rund 390 Millionen Euro kosten. Und das alles von unseren Steuergeldern!!!

Man muss schon fragen, wie jemand die hirnrissige Idee haben konnte, ein solches Hochsicherheits-Meeting in die oberbayerischen Alpen zu verlegen. Diese Gegend ist hierfür komplett ungeeignet. Schon deshalb, weil im Freistaat der freie Zugang zu den Naturschönheiten Verfassungsrang genießt. Aber die Milliarden, die Berichte aus der wunderschönen Gegend sehen werden? Tja. Bayern punktet im Ausland mit schönen Landschaften, aber auch mit seiner Gelassenheit. Endlose Zäune, Schlagstöcke und Wasserwerfer passen hier nicht hin. Oder will die Münchner Regierung Werbung für Rüstungsprodukte machen?

Man fragt sich sowieso: Wie groß muss die Angst der Mächtigen vor den Menschen sein, wenn sie sich derart abschotten müssen? Wenn über Demonstranten  mehr als potenzielle Gewalttäter denn als Leute gesprochen wird, die von einem Grundrecht Gebrauch machen wollen.

Idylle wird es während der G7-Gipfeltage nicht geben. Und das Schlimmste: Man ahnt schon jetzt, dass nicht viel rauskommt. Außer öde Verlautbarungen, verletzte Demonstranten und Polizisten, gereizte Augen und Hämatome. Da hätten wir wirklich lieber noch eine WM genommen…

 

 

Das beste Wissen kann auch falsch sein

Sollte Angela Merkel vor 45 Jahren West-Fernsehen angeschaut haben, dürfte ihr der Begriff “Gewissen” recht oft über den Weg gelaufen sein. In Werbespots mahnte er Hausfrauen, ausschließlich Lenor, den allerbesten Weichspüler zu verwenden. Weich und weiß sollte die dreckige Wäsche werden.

Im Jahr 2013 hatte die Kanzlerin ihren Weichspüler immer in der Nähe. Nämlich den Nasal-Akrobaten Ronald Pofalla. Ihm gelang es, die dummerweise kurz vor der Bundestagswahl aufkeimende NSA-Affäre mit allerlei Halbwahrheiten und – wie wir heute wissen – frechen Lügen  wirksam zu beendet. Merkel wurde glorreich wiedergewählt. Und Abhöraffären, mit deutscher Hilfe gar? Die gab und gibt es entweder nicht oder die Chefin wusste nichts. Schließlich agiert sie “nach bestem Wissen und Gewissen”.

Unsere Regierungschefin sagt also nichts als die Wahrheit? Nicht unbedingt. Die Sprache der Juristen meint nicht immer, was man bei flüchtigem Hinsehen zu lesen glaubt. “Grundsätzlich” etwa bedeutet nicht, dass etwas immer so gemacht wird. Ausnahmen vom Grundsatz sind immer möglich. Auch “in aller Regel” besagt letztlich nur, dass etwas oft so ist, aber auch anders sein kann.

“Nach bestem Wissen” bedeutet demnach nicht, dass dieses Wissen richtig ist. Man kann ja falsche Informationen bekommen haben oder von bösen Individuen absichtlich getäuscht worden sein. Oder man hat Zusammenhänge versehentlich falsch interpretiert. Dann handelt man auf der Basis von Unsinn, kann aber nichts dafür, weil noch besseres Wissen gerade nicht verfügbar war.

Und das Gewissen, das beste Gewissen gar? Das ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Wir mögen romantisch davon träumen, dass Gewissen pur und rein sei. Aber auch hier gilt, was Juristen gerne sagen: Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wem oder welcher Sache wir helfen wollen oder dienen, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Gerade in der komplizierten Politik sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Wir folgern: Der Satz “nach bestem Wissen und Gewissen” ist nicht das Versprechen der objektiven Wahrheit, das das Volk so gerne hören möchte. Falsches sagen, ohne zu lügen, das ist vielmehr die Kunst der hohen Politik. Und Angela Merkel ist sehr begabt…

Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut

Vor knapp zwei Jahren ging es uns besser. Wir hatten ein klares Feindbild. Der vormals nette US-Präsident, Träger des Friedensnobelpreises, war des rotzigen Großmacht-Gehabes überführt worden. Barack Obama war der böse Mann mit den großen Ohren, der uns bis in unsere privatesten Sphären nachgehorcht hat. Wir waren die Opfer und ließen dem Ami von unserer Chefin tadelnd ausrichten: “Abhören unter Freunden? Das geht gar nicht.”

Nun aber stellen wir fest: Das geht nicht nur, wir hängen voll mit drin. Auch unser Staat will wissen, was bei unseren Freunden los ist. Wahrscheinlich gemäß der Geheimdienst-Devise, dass drei fähige Spione eine ganze Armee ersetzen. Weil es Kriege verhindert, wenn man weiß, worüber man mit  potentiellen Feinden reden muss. Also wird gespitzelt. Nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns, den Bürgern, die ja die geborenen Freunde ihres  Landes sind. Deutschland war im 20. Jahrhundert ein Kompetenzzentrum für die Themen Horch und Guck. Das jedoch haben wir ziemlich aufgegeben, seitdem die Stasi als üble Unterdrückungsbehörde entlarvt worden ist.

Somit sucht eine leistungsschwache Behörde wie der Bundesnachrichendienst den Schulterschluss mit dem großen Verbündeten. Dessen Abhörzentrale in der Wüste von Utah verfügt über Computer mit einer Speicherkapazität von mindestens einem Yottabyte. Das sind rund 500 Trillionen oder 500.000.000.000.000.000.000 Textseiten. An weiteren Standorten dienen rund 10.000 Mitarbeiter der NSA als Zulieferer von Informationen. Bei diesen technischen Möglichkeiten werden unsere fünf Millionen Selektoren, also Suchbegriffe, vermutlich lässig miterledigt. Diese Selektoren wiederum beziehen sich auf 1,3 Millionen Personen oder Institutionen in Deutschland.

Aber warum gibt es keinen Aufschrei, sondern nur ein allgemeines Grummeln? Dies ist das Verdienst von Angela Merkel und ihrer Regierung. Wenn etwas passiert ist, redet man nur so lange vom Durchgreifen und überhaupt von schärferen Kontrollen, bis das Thema wieder aus den Medien verschwunden ist. Dann wird in aller Ruhe weitergemacht, denn eigentlich ist den Regierenden das Abhören egal. Die USA sind allemal wichtiger als die eigenen Bürger.

Die Konsequenz: Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut. Alle anderen Sprüche sind Valium für’s Volk. Dieses lässt sich Muttis Medizin bisher gerne gefallen. Aber wehe, wenn es aufwacht!

Wenn der Mount Everest wackelt, lässt der Seegang nach

Wie gut. Ein Erdbeben. So, wie diese kûrzen Sätze dastehen, lesen sie sich hochgradig zynisch. Aber so ist das Leben. So denkt die Politik. Da war unsere Kanzlerin samt Gefolge angesichts der Empörung über massenhaft ertrinkender Flüchtlinge tatsächlich in Bedrängnis geraten. Man stand kurz davor, Herz zeigen zu müssen. Und dann wackelt der Mount Everest.

Nepal muss geholfen werden. Schnell und wirksam. Ich habe vor ein paar Jahren eine Journalisten-Delegation aus diesem Land betreut. Die Vorstellung, dass die netten Kollegen von damals irgendwo in Kathmandu unter einem Schuttberg begraben sein könnten, gefällt mir gar nicht. Selbstverständlich sollten wir alle etwas spenden.

Aber die Dauerkatastrophe im Mittelmeer darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Beschlüsse des EU-Gipfels sind vor allem eine auf Öffentlichkeit getrimmte Realpolitik. Die verändert nur selten viel. Die  aktuellen Spitzenkräfte der Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union haben ein bisschen Zucker beschlossen, also mehr Geld für Seenotrettung. Zugleich aber deutlich mehr Peitsche, so etwa durch das Erfassen von Fingerabdrücken bei Flüchtlingen, um eine Wiedereinreise nach abgelehntem Asylantrag zu verhindern.

Die größtmögliche Schnapsidee aber ist der Versenken von Schleuser-Booten. Nach allem, was wir wissen, setzen die Schlepper in der Regel Boote ein, auf deren Rückkehr sie gerne verzichten. Flüchtlinge auf diese Weise stoppen zu wollen, ist so, als würde man Schrottplätze bombardieren, um die Staus im Berufsverkehr zu bekämpfen. Untergangsfahrzeuge übelster Qualität werden sich für “hochkriminelle Schleuser” immer wieder finden lassen.

Man kann auch anders fragen: Gehört es nicht zu unseren wichtigsten westlichen Werten, dass das Eigentum anderer Menschen respektiert wird? Ist der Kapitalismus nicht die Wurzel unseres Wohlstandes? Woher nehmen wir das Recht, mittels Kampfflugzeugen Schiffe versenken zu spielen und das Eigentum anderer Leute zu vernichten? Würden wir es mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn libysche Drohnen unsere Busbahnhöfe beschießen würden, weil sich die Regierung dieses Landes vorgenommen hat, etwas gegen unsere anarchistische Reisefreiheit zu tun? Sicher nicht.

Hinzu kommt, dass die chirurgische Präzision westlicher Luftschläge ähnlich ausgeprägt ist wie die Treffgenauigkeit des Bundeswehr-Gewehrs G 36. In Afghanistan oder Pakistan wurde das ausreichend  belegt. Wenn der Westen seine Grenzen schützt, möchte man kein unbescholtener Fischer sein.

Das Leid wird weitergehen. In Nepal bis auf Weiteres. Im Mittelmeer auf Dauer. Vielleicht lässt wenigstens der Seegang nach. Für eine Verschnaufpause. Das Top-Thema der Medien ist gerade ein anderes.