Schade, Ihr Schotten! Wir hätten Euch gebraucht…

Ach, Ihr Schotten! Ihr wart unsere Hoffnung. Wir hatten gedacht, Ihr würdet es machen, wie wir es von Mel Gibson alias Braveheart kannten. Ihr würdet die Röcke hochheben und den Engländern ein für allemal den nackten Hintern zeigen. Und so ein Beispiel für uns Franken setzen.

Eigentlich träumen wir doch schon lange davon, uns selbstständig zu machen und die Oberbayern ihrem Schicksal zu überlassen. Sollen sie doch den Seehofer behalten, Modellautos bauen, sich an Oktoberfest-Dirndln und an den Bergen erfreuen. Wir haben den Horizont! Der zählt viel mehr. Bussi-Bussi ist nicht unser Ding. Wir sagen ehrlich, ob wir jemand mögen oder nicht.

Und diese Perspektiven! Vom Bau teurer Autos würden wir zwar nicht mehr profitieren. Ebensowenig wie von den High-Tech-Produkten der obayerischen Panzerschmieden. Aber wir wären Weltmarktführer bei Dingen, die die Menschen wirklich brauchen: Bratwürste, wirklich gutes Bier, herben Qualitäts-Wein, Sportklamotten zum Abtrainieren der Genuss-Folgen und Jesuskinder, die Mädchen sind und blonde Perücken tragen.

Grandiose Möglichkeiten hätten wir aber auch auf anderen Feldern.  Die CSU müsste sich wieder anstrengen, weil sie nicht zwangsläufig die Landesregierung stellen würde. Wir bekämen einen eigenen ARD-Sender, der viel öfter einen Tatort produzieren würde. Wegen der geringen Kriminalitätsrate wäre unser Landeskriminalamt mit der Aufklärung von Sellerie-Diebstählen im Knoblauchsland ausgelastet.

Und wenn wir richtig ernst machen, regeln wir auch die Mutter aller Themen, den Fußball. Der 1. FC Nürnberg würde, wenn auch in einem gewissen Wechsel mit Greuther Fürth, wieder regelmäßig Landesmeister. Er würde in der Champions-League-Qualifikation gegen Metalurg Saporischschja obsiegen und dann richtig durchstarten. Die fränkische Nationalmannschaft würde Gibraltar und die Faröer gnadenlos vom Platz fegen und mit rot-weißen Fahnen nach Katar fahren.

Es wäre so schön. Aber es ist anders gekommen. Lieber Mel Gibson, zu schade, dass Du bloß ein Schauspieler bist.

 

 

 

Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

“Nie wieder Krieg!” So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. “Überall Krieg” ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als “Weltfriedenstag” gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die “Bild”-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten “Islamischen Staat” schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom “Islamischen Staat” zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe “der Westen” den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Die Innenpolitik im schwarzen Loch

Gibt es schwarze Löcher in der Politik? Zurzeit scheint das so zu sein. Denn das, was man früher Innenpolitik genannt hat, ist nahezu komplett aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Unser Leben findet scheinbar irgendwo zwischen Donezk und Gaza statt. Dort herrscht Krieg, bei uns herrscht Schlummer.

Sicher, man darf nicht wegsehen, wenn sich Menschen gegenseitig abschlachten. Wenn so genannte „Rebellen“, die wegen ihrer abartigen, hasserfüllten Gesinnung „unislamischer Staat“ heißen müssten, eine Blutspur nach der anderen legen. Wenn Bomben fallen, weil zuvor Raketen geflogen sind. Wenn gar nicht so weit von uns entfernt, in der Ukraine, Krieg geführt wird.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Erst recht, wo es für ein Chaos-Land wie Libyen keinen Platz in den Zeitungsspalten und kaum Sendezeit in Radio und Fernsehen gibt. Es sind einfach zu viele Bomben und Granaten.

Aber darf das dazu führen, dass wir die Innenpolitik komplett vergessen? Redet noch jemand ernsthaft von der Energiewende? Ist die Zukunft der Pflege noch in der Diskussion? Was ist mit der immer ungerechteren Verteilung des Wohlstandes?

Ja, es geht uns gut und viel besser, als an vielen Orten dieser Welt. Mütterrente und Mindestlohn sind auch abgehalt. Aber wenn der fast schon karnevalistische Streit um die Pkw-Maut das aktuelle Hauptthema in Deutschland sein soll, stimmt ewas nicht.

Ja, man muss gelegentlich zum Fernglas greifen. Aber ebenso gilt: Reichlich Arbeit gibt es auch im eigenen Haus. Aufwachen, bitte!

Die Jobmaschine Spionage

Ein Problem dieser Gesellschaft ist der Pessimismus. Wenn es darum geht, ob eine Krise nun eine Chance oder das Verderben sei, entscheiden wir uns allzu gerne für die letztere Antwort. So ist es auch bei der aktuellen Spionage-Affäre.

Zunächst einmal: Gnadenloses Ausspähen war und ist das Wesen paranoider Staaten. Diktaturen, die vom Wesen her Politik gegen ihre Untertanen machen, sind so. Aber auch die USA. Wo der Waffenbesitz als Grundrecht gilt, muss der Verfolgungswahn gewaltig sein.

Das ist so, das ist nicht zu ändern. Wenn wir aber dieses wissen: Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, über diesen Zustand zu jammern? Das Glas ist halbvoll! Sehen wir lieber die Chancen der aktuellen Entwicklung. Und die sind gewaltig.

Eine Dienstleistungsgesellschaft wie die unsere ist unablässig damit beschäftigt, für die in ihr lebenden Menschen mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zu finden. Man betrachte nur die von schnuckeliger Musik unterlegten Anstrengungen der Telekommunikations-Konzerne, uns sinnlose Tarif-Verrenkungen oder Apps als lebensnotwendig zu verkaufen.

Sehen wir also das Positive: Wenn sich eine Gesellschaft konsequent daran macht, andere Nationen, am Ende aber die eigenen Leute in jeder Lebenslage zu überwachen, generiert sie ein überragendes Beschäftigungspotential. Vermutlich 60 Prozent des Bruttosozialproduktes der DDR dürften auf die Arbeit der Stasi und ihrer Töchterunternehmen zurückgegangen sein. Und wenn die USA pro Jahr 50 Milliarden Euro für Bespitzelung ausgibt, Deutschland aber nur 800 Millionen, dann ist gewaltig Luft nach oben.

Seien wir also nicht verängstigt, und werfen wir sie an, die Jobmaschine Spionage. Denken wir daran, wie wunderbar sich dieses Projekt in unserem dualen Bildungssystem verankern lässt. Beginnend vom Hilfs-Spitzel über den dreijährig ausgebildeten Guck-und-Horch-Gesellen bis zum IHK-geprüften Master auf Spience und zum Bachelor of Späh.

Das Bruttosozialprodukt wird explodieren. Und: Dank Facebook ist der Erfolg garantiert. Denn schwer ist Bespitzeln in diesen Zeiten ja wirklich nicht mehr.

 

 

Schröpfer-Alex und die fremden Autos

Politiker, wie auch Gewerkschafter, Pfarrer, Sozialarbeiter und andere Beseelte, kämpfen in diesem Leben vor allem für eines: Gerechtigkeit! Man könnte auch sagen, dass es das Ziel der Arbeit der Angehörigen dieser und verwandter Berufsgruppen ist, den Himmel auf Erden zu schaffen. Aber das ginge beim Thema Pkw-Maut dann doch zu weit. Grenzenlose Freiheit verspricht dieses Projekt ja nicht.

Oder doch? Über die Vignette erwirbt der inländische Autofahrer eine Flatrate für alle Straßen. Unbegrenzt darf er von der Spielstraße bis zu achtspurigen Autobahn alle Fahrbahnen benutzen – und sich zudem daran freuen, dass die holländischen Wohnwagenbesitzer den Verkehr nicht mehr kostenfrei behindern dürfen. Wir sparen schließlich bei der der Kfz-Steuer. Unsere Straßen gehören uns. Und wer drauf will, zahlt gefälligst. Sagenhafte 71 Prozent der Bundesbürger finden dies gut. Dies besagt eine Umfrage des Institus dimap (die die CSU bezahlt hat, aber das ist selbstverständlich nebensächlich – sagen die Meinungsforscher).

Also alles in Butter? Das leider nicht. Denn das Konzept der Pkw-Maut trägt die schlimmen Aspekte des deutschen Steuerrechts in sich. Auch dieses folgt dem Prinzip “Himmel auf Erden”, was bedeutet, dass es einerseits Gerechtigkeit für Alle schaffen, aber andererseits jedem Einzelfall gerecht werden will. Am Ende wird es derart kompliziert, dass es, wie beim Steuerrecht, einer blutigen Revolution bedürfte, um Nachhaltiges zu ändern. Wenn wirklich alle Öko-Aspekte für die Zuweisung der Vignettenfarbe beachtet werden sollen, dürfte es bunt werden auf den Autoscheiben. Und warum für Elektroautos nichts bezahlt werden soll, ist schwer nachvollziehbar. Kann man doch seriös nur Luftkissenfahrzeugen bescheinigen, dass sie den Straßenbelag nicht abnutzen.

So bleibt diese Maut ein rätselhaftes Ding. Und warum einer, der zum Schröpfer-Alex mutiert, beim Vorstellen seiner Idee so selbstzufrieden grinst, fragt man sich auch. Er ist eben beseelt, unser Minister Dobrindt.

 

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es “Savoir vivre”. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass “kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist”. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!

 

 

 

FDP-Büste auf der Resterampe

Es ist so im Leben: Auch Bedeutendes siecht irgendwann dahin. Bei Bayern München mag es noch ein bisschen dauern. Doch selbst das weltbeherrschende römische Reich ging letztlich zugrunde. Ursache hierfür war die spätrömische Dekadenz. Womit wir bei der FDP wären. Deutschlands Partei mit der längsten Nachkriegs-Regierungszeit scheint zu verschwinden.

Wenn das Ende einer Beziehung naht, wird abgerechnet, wird das Tafelsilber verscherbelt. Beim Ende einer Beziehung von Volk und Partei ist es nicht anders. Und so hat die abgewählte liberale Bundestagsfraktion eine besondere Devotionalie meistbietend zum Verkauf ausgeschrieben: Bis zum 17. Juni kann ein Angebot für eine Bronze-Büste ihres ersten Parteivorsitzenden Theodor Heuss abgegeben werden.

Wenn man die Klientel der FDP berücksichtigt, sollte sich ein Zahnarzt oder Steuerberater finden, der ein ordentliches Sümmchen locker macht. Aber ideell ist es ein Frevel. Ganz so, als würde die CSU ein Bildnis von Franz-Josef-Strauß verscherbeln. Zumal Theodor Heuss in der Tat ein Vorzeige-Liberaler war, der Staatsgewalt immer wieder ironisch kommentierte. Als die Bundeswehr nach der Wiederbewaffnung zu seinen Ehren des Bundespräsidenten Heuss angetreten war, verabschiedete dieser die Soldaten mit dem Satz “Nun siegt mal schön”.

Aber die FDP braucht das Geld. Sie muss sich aber auf der Versteigerungsplattform Vebeg großer Konkurrenz erwehren. Denn das Verwertungsunternehmen des Bundes hat ein ganz ungewöhnliches Angebot. Es gibt dort auch gebrauchte Feuerwehrautos, Kaffeeautomaten, Feldküchen, Turnmatten und Schleppboote Marke “Schottelwerft”. Und wer lieber Klamotten shoppen geht, kann auf 8,65 Tonnen Feld- und Bordhosen oder auf  5,25 Tonnen Oberhemden bieten.

Auch das liest sich, als wäre eine Abwicklung im Gange. Vielleicht waren die Hemden ja von Dirk Niebel bestellt worden. Als Teil seiner marktwirtschaftlich orientierten Entwicklungspolitik. Doch das ist Spekulation. Sicher ist, dass die FDP auf absehbare Zeit keine Büsten mehr in Auftrag geben wird. Rainer Brüderle in Bronze gegossen wäre allerdings wirklich ein seltsames Produkt.

 

 

Mit dem Bobbycar zur vollkommenen Mitte

Stolz sind wir Nürnberger auf das von unserem Finanzminister Markus Söder erfundene und geführte bayerische Heimatmuseum auf dem Lorenzer Platz. Bisher wusste bloß keiner,  was dort passsiert. Doch jetzt ist der erste große Coup gelungen: Der Mittelpunkt von Mittelfranken ist gefunden.

Exakt lokalisiert hat ihn die unbestechliche Bayerische Vermessungsverwaltung auf einem Acker bei Heilsbronn im Landkreis Ansbach. Also nahe jener Gemeinde, die bislang in erster Linie für ihr romanisches Münster bekannt war. Am Rathaus wurde eine Ehrentafel aufgestellt, zugleich wurde uns mit dieser Mitteilung Staunen gemacht: “Eine ausgesägte Platte mit den Konturen Mittelfrankens wäre in diesem Punkt perfekt ausbalanciert.”

Man fragt sich  zwar, wem dieses Wunder der Schwerkraft weiterhilft. Außer den Laubsäge-Gruppen unserer regionalen Volkshochschulen. Die Erkenntnis, dass die Australier als unsere Antipoden genau auf der gegenüberliegenden Seite des Erdballs wohnen, beeinflusst unser tägliches Leben ja auch nur sehr am Rande.

Jedoch: Die Mitte, der Mittelpunkt von etwas zu sein, ist immer ein gutes Werbeargument. Die Gemeinde Niederdorla in Thüringen ist als Mittelpunkt Deutschlands berühmt geworden, ihr germanisches  Opfermoor hat sie nicht so stark vorangebracht. Wo kein Mittelpunkt ist, wird es schwierig. Viel Zeit und Geld werden investiert, damit verkündet werden kann, dass Städte  “im Herzen” von etwas liegen, dass sie “bunt”, “anders”, “weltoffen” oder  “lebendig” sind. Wer Standort einer Universität ist, wirbt mit seinem geballten Wissen oder verkauft sich als “Stadt der Moderne”.

Wer hingegen Mittelpunkt ist, hat es gut. Denn der Mittelpunkt ist der Nabel, der Nabel der kleinen und großen Welt. Und wenn die Mitte auch noch in Mittelfranken liegt, dann ist das sozusagen das Zentrum im Zentrum, der annähernd vollkommene Punkt definiert.

Und so etwas passt – ganz genau – zu unserem Vollblutpolitiker Markus Söder. Eine einfache Mitte wäre nicht sein Ding. Seine  Aktion erinnert weniger an den mit einer Warnweste bekleideten Landvermesser, als an den großen Visionär Jules Verne. Und so wird das Heimatministerium bald Exkursionen anbieten. “In 80 Tagen durch die Region” werden sie heißen; zu absolvieren sind sie auf Bobbycars. Das Ziel der Tour wiederum ist klar: Irgendwo bei Heilsbronnn. Im Festzelt auf einem Acker.

Verdiente Watschn für eine träge Partei

Das Wesen der bayerischen “Watschn” wie auch der fränkischen “Schelln” ist es, dass diese krachende Ohrfeige für die meisten Betroffenen unerwartet kommt. Ihr Effekt ist dafür umso donnernder. Denn sie ist zwar eine unmoderne, aber meistens auch gerechte Maßregelung. In diesem Sinne hat es jetzt die CSU erwischt. Das 40-Prozent-Ergebnis bestraft eine Partei, die denkfaul und träge geworden ist.

Diese vermaledeiten Landtagswahlen. Immer wenn diese gut gelaufen sind, steigt der CSU der Erfolg zu Kopf. Das war so, als Edmund Stoiber mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gesegnet wurde und sich danach in einen krankhaft fanatischen Aktionismus gestürzt hat. Nach einem brutalen Absturz gewann man vor einem Jahr die absolute Mehrheit zurück. Horst Seehofer und die Seinen vermittelten danach den Eindruck, dass ihr Allmachtsanspruch für Bayern fortan für alle Ewigkeit bestehen würde. Egal, ob das, was heute gesagt wird, morgen noch gilt. Eigentlich egal, was überhaupt gesagt wird.

Großer Irrtum! Das gestrige Wahlergebnis ist so, als würde Bayern München die Qualifikation für die Europa-League verpassen. Beim Nobelverein gäbe es sofort harte Konsequenzen, in der CSU wird man sich wahrscheinlich erst einmal fassungslos fragen: “Was erlaube Volk?” Dabei liegen die Gründe auf der Hand. Der CSU ist zu Europa nichts Originelles eingefallen. Zu hören war nur die alte Leier, dass außerhalb des Muster-Freistaates das Böse lauert. Dass Armut zuwandert, dass Flüchtlinge die Sozialkassen plündern und dass wichtigtuerische Bürokraten in Brüssel nur eines vwollen: Das schöne weiß-blaue Leben mit unnötigen Vorschriften zu erschweren.

Nur die CSU kann Bayern in Europa retten. Das war die Melodie der CSU-Wahlwerbung schon in den 80er Jahren. Aber wer sollte bitteschön daran glauben, dass acht Gesandte des Freistaates den Kurs von 760 Europaabgeordneten steuern könnten? Oder jetzt nur noch fünf?

Märchen sind schön. Aber in der Politik helfen sie auf Dauer nicht. Die Ideensuche darf beginnen…

Steinmeier: Die Eule hat Reißzähne

“Eulen und Falken sitzen nicht auf demselben Balken.” Dieses Sprichwort sagt uns, dass wir die Eule als sanftes Wesen ansehen. Sie ist zwar Fleischfresserin, aber eben eine, die die meiste Zeit mit stoischem Blick herumsitzt. Ein Raubtier, das jenseits des Hungers den Frieden liebt und den gnadenlosen Jäger-Falken einen Falken sein lässt. Die Eule ist nicht sympathisch, aber sie meint es im Großen und Ganzen gut.

So haben wir bisher auch Frank-Walter Steinmeier angeschaut. Unser Außenminister, vom Gesicht her der Eule nicht unähnlich, galt uns als aufrechter Versöhner. Als einer, der in der Ukraine auch den eigenartigsten Regierungsvertretern, Separatistenführern und Oligarchen die Hand schüttelt. Ein Mann, der – mehr Beamter als Politiker – zuverlässig seinen Dienst verrichtet und dabei weder Merkel noch Gabriel scheut. Einer mit großem Herz, der seiner kranken Ehefrau eine Niere gespendet hat. Aber auch einer, der so trocken ist, dass der Rasensprenger losgeht, wenn er seinen Garten betritt.

Jetzt jedoch haben wir ihn ganz anders erlebt. Weil ihn Demonstranten auf  dem Alexanderplatz in Berlin als”Kriegstreiber” beschimpft hatten, wurde die Eule zum wilden Tier. Mit einer fast schon beängstigend zornigen Rhetorik hat Steinmeier seinen Widersachern die Leviten gelesen.

Und ist ratfatz zum Pop-Star geworden. Ein zweiminütiger Redeausschnitt auf YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=AX5m5swD-QU) hatte bis Freitagfrüh fast zwei Millionen Aufrufe. Damit ist der Minister Helene Fischer auf den Fersen, er hat sich in die Kategorie Udo Jürgens, Heino und Bembers katipuliert. Sogar die Video-Sammlung “Top 20 Motorrad fail – Idioten auf dem Bike” hat nur wenig mehr Betrachter gefunden.

Aber warum ist das so? Weil es unerwartet kommt. Ein Politiker zeigt heftige Emotionen, wenn es um seine Arbeit geht. Er verteidigt sich ohne Wenn und Aber. Man glaubt ihm sogar, dass er für Europa Leidenschaft empfindet. Solche Reden überzeugen mehr als tausend Plakate. Vielleicht ist das mit dem Wählen doch nicht so verkehrt…