Wenn der Mount Everest wackelt, lässt der Seegang nach

Wie gut. Ein Erdbeben. So, wie diese kûrzen Sätze dastehen, lesen sie sich hochgradig zynisch. Aber so ist das Leben. So denkt die Politik. Da war unsere Kanzlerin samt Gefolge angesichts der Empörung über massenhaft ertrinkender Flüchtlinge tatsächlich in Bedrängnis geraten. Man stand kurz davor, Herz zeigen zu müssen. Und dann wackelt der Mount Everest.

Nepal muss geholfen werden. Schnell und wirksam. Ich habe vor ein paar Jahren eine Journalisten-Delegation aus diesem Land betreut. Die Vorstellung, dass die netten Kollegen von damals irgendwo in Kathmandu unter einem Schuttberg begraben sein könnten, gefällt mir gar nicht. Selbstverständlich sollten wir alle etwas spenden.

Aber die Dauerkatastrophe im Mittelmeer darf nicht in Vergessenheit geraten. Denn die Beschlüsse des EU-Gipfels sind vor allem eine auf Öffentlichkeit getrimmte Realpolitik. Die verändert nur selten viel. Die  aktuellen Spitzenkräfte der Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union haben ein bisschen Zucker beschlossen, also mehr Geld für Seenotrettung. Zugleich aber deutlich mehr Peitsche, so etwa durch das Erfassen von Fingerabdrücken bei Flüchtlingen, um eine Wiedereinreise nach abgelehntem Asylantrag zu verhindern.

Die größtmögliche Schnapsidee aber ist der Versenken von Schleuser-Booten. Nach allem, was wir wissen, setzen die Schlepper in der Regel Boote ein, auf deren Rückkehr sie gerne verzichten. Flüchtlinge auf diese Weise stoppen zu wollen, ist so, als würde man Schrottplätze bombardieren, um die Staus im Berufsverkehr zu bekämpfen. Untergangsfahrzeuge übelster Qualität werden sich für “hochkriminelle Schleuser” immer wieder finden lassen.

Man kann auch anders fragen: Gehört es nicht zu unseren wichtigsten westlichen Werten, dass das Eigentum anderer Menschen respektiert wird? Ist der Kapitalismus nicht die Wurzel unseres Wohlstandes? Woher nehmen wir das Recht, mittels Kampfflugzeugen Schiffe versenken zu spielen und das Eigentum anderer Leute zu vernichten? Würden wir es mit einem Schulterzucken hinnehmen, wenn libysche Drohnen unsere Busbahnhöfe beschießen würden, weil sich die Regierung dieses Landes vorgenommen hat, etwas gegen unsere anarchistische Reisefreiheit zu tun? Sicher nicht.

Hinzu kommt, dass die chirurgische Präzision westlicher Luftschläge ähnlich ausgeprägt ist wie die Treffgenauigkeit des Bundeswehr-Gewehrs G 36. In Afghanistan oder Pakistan wurde das ausreichend  belegt. Wenn der Westen seine Grenzen schützt, möchte man kein unbescholtener Fischer sein.

Das Leid wird weitergehen. In Nepal bis auf Weiteres. Im Mittelmeer auf Dauer. Vielleicht lässt wenigstens der Seegang nach. Für eine Verschnaufpause. Das Top-Thema der Medien ist gerade ein anderes.

 

 

 

 

Du willst Du Sklaven sehen? Flieg mit Qatar Airways

Horst Seehofer hat den Menschen gedient. Unser Ministerpräsident ist nach Arabien geflogen, um dort bayerische (Rüstungs-)Wertarbeit zu verkaufen. Zum Abschluss seiner Reise besuchte er den Emir von Katar. Die Atmosphäre war nett. Man kennt sich seit einer Begegnung in München und teilt die Liebe zum Fußball. Sklaven, so darf man annehmen, hat der CSU-Chef keine bemerkt.

Katar ist sagenhaft reich und erfolgreich. Nehmen wir Qatar Airways. Seit dem Jahr 2004 hat diese Fluglinie sie ihr Passagieraufkommen versechsfacht. Sie beschäftigt 18.000 Menschen, wobei  90 Prozent der Belegschaft serviceorientierte Migrantinen und Migranten sind.

Ach ja, Frauen sind auch an Bord. Brave Frauen. Denn die Arbeitsverträge sehen vor, dass Qatar Airways weibliches Kabinenpersonal im Falle einer Schwangerschaft entlassen darf. Weil Kündigung durch die Firma  eine Schande ist, erledigen das die meisten Frauen lieber selber. Weibliche Angestellte dürfen von keinem Mann, außer ihrem Vater, Bruder oder Ehemann, am Arbeitsort abgeholt oder abgesetzt werden. In den ersten Dienstjahren ist Heiraten verboten. Wer später heiraten will, muss die Firma fragen. Die behält sich vor, den Heiratsantrag abzulehnen.

Wie die Internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft schildert, ist es strikt verboten, außerhalb der von der Fluggesellschaft zugewiesenen Unterkünfte zu übernachten. Besatzungsmitglieder müssen zwölf Stunden vor ihrem nächsten Diensteinsatz in ihren Unterkünften sein. Sie dürfen diese nur für eineinhalb Stunden verlassen. Da die Türen mit Magnetkarten versehen sind, kann das Unternehmen die Bewegungen sämtlicher Angestellter nachverfolgen. Das Missachten der Ausgangssperre ist denn auch der häufigste Entlassungsgrund.

Berichtet wird ferner, dass Qatar Airways Wohnungsdurchsuchungen durchführt, während Crewmitglieder in der Luft sind. Tätowierungen sind ein Entlassungsgrund, selbst wenn sie unter der Uniform nicht sichtbar sind. Der falsche Sitz des Hutes kann zur Kündigung führen, Kaugummikauen ist ebenso verboten wie das Verwenden von Mobiltelefonen. Schließlich – wir sind ja bei einer Fluglinie – brauchen Angestellte, die das Land zwecks Urlaub verlassen wollen, eine Sondergenehmigung der Firma. Diese wird erteilt – oder auch nicht.

Du willst Sklaven sehen? Du musst nicht nach Katar. Das richtige Flugzeug tut es auch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Friedhof Mittelmeer macht zynisch

In manchen Zeiten führt Zeitungslektüre zwingend zu zynischen Ideen. Gerade ist es wieder so. Wegen der massenhaft ertrinkenden Bootsflüchtlinge.

Die Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union hat also aus wirtschaftlichen Gründen dafür gesorgt, dass Flüchtlinge, die bisher schon nahe der libyschen Küste gesehen und immer wieder mal geborgen wurden, aus dem Blickfeld geraten ist. Der europäische Küstenschutz und damit auch das von abendländischen Werten getragene amtliche Menschenrettungswesen beginnt jetzt erst kurz vor Italien. Wer auf dem Weg dorthin ersäuft, hat Pech gehabt. Massenhafter Tod ist unsichtbar geworden.

Und dann lese ich einen netten Artikel aus der Kategorie “Gute Nachricht”. Darin wird geschildert, wie ein Biber, der auf einem nächtlichen Streifzug ins Schwimmerbecken des Nürnberger Naturgartenbades gefallen ist, in einer dramatischen Aktion gerettet wurde. Unter Hinzuziehung des Biberbeauftragten einer Naturschutzorganisation wurde das laut Berichterstattung vom Dauerschwimmen entlang des für ihn zu hohen Beckenrandes erschöpfte Tier gerettet.

Da kommt dir – auch wenn du diesen Zynismus nicht willst -ein Gedanke: Ach, wäre dieser Biber doch ein Bootsflüchtling gewesen. Wie menschlich hätte man sich um ihn gekümmert. Und wie wäre es, wenn es einen europäischen Flüchtlingsbeauftragten gäbe, der beim Retten von Ertrinkenden einfach so handeln darf wie er möchte.

Eine weitere Nachricht lieferte der G7-Gipfel in Lübeck. Im bei solchen Treffen üblichen Begleitprogramm wurden die anwesenden Staatenlenker auf ein Schiff der Küstenwache gebeten. Sie bekamen blaue Hansestadt-Lübeck-Jacken angezogen und durften bei ihrer Bootstour für die Fotografen souverän lächelnd in die Ostsee schauen.

Und dann denkst du dir, wie es wäre, wenn diese Gipfel-Diplomaten ein bisschen weiter rausgefahren wären. Und 30 Kilometer vor der Küste hätte der Kapitän den Motor abgestellt, den Schlüssel ins Wasser geworfen und das Schiff samt Crew mit dem Rettungsboot verlassen. Ob die dabei erlebte  Erfahrung von Wellengang und Orientierungslosigkeit politisch etwas ändern würde?

Nein, das ist nicht passiert. Und es wäre – das denkst du dir dann – auch wirklich zu böse.

Dein Rest-Zynismus ist aber keineswegs weg. Er sagt dir Folgendes: Im Gegensatz zu Bibern stehen Flüchtlinge bei uns nicht unter Naturschutz. Doch das solltest du wahrscheinlich nur ganz, ganz heimlich denken. Es ist auch wirklich zu böse.

 

Obama, Castro und der schweigsame Vatikan

Große historische Gesten können schlicht sein. Unvergessen ist der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt in Warschau. Auch US-Präsident Barack Obama dürfte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert haben: Er hat seinem kubanischen Amtskollegen Raúl Castro die Hand gegeben. Auf dass Friede sei zwischen dem renitenten Inselstaat und dem ganz großen Bruder.

Klar, dass die Feindbild-Bewahrer in beiden Staaten motzen. Das war bei uns damals nicht anders. Doch  längst dürfte durchgerechnet sein, dass der Nutzen der Annäherung für die USA größer sein dürfte. Schließlich ist Kuba ein ungesättigter Markt für wunderbare Artikel des täglichen Lebens, wie Telefone, Elektrogeräte und Handfeuerwaffen. Die sozialistische Insel dürfte auch eines der letzten Gebiete weltweit sein, die Produkte von McDonald’s gut finden.

Wir werden sehen: Es lohnt sich, dem Bösen die Hand zu reichen.

Schwierig ist ein solcher Schritt allemal. Wie uns gerade in absurder Weise der Vatikan vorführt. Die französische Regierung hat einen neuen Botschafter für den Kirchenstaat benannt. Er heißt Laurent Stéfanini und bekennt sich offen zu seiner Homosexualität.

Wie reagiert man in Rom auf die geplante Akkreditierung? Man sagt gar nichts, man schweigt beharrlich. Und dies gilt nach den Regeln der klerikalen Diplomatie als eindeutige Ablehnung der betreffenden Person. Man erwartet, das der andere Staat den Vatikan in keine Erklärungsnöte stürzt und stattdessen jemand benennt, der aus amtlicher katholischer Sicht in ordentlichen Verhältnissen lebt.

Halt, denkt man da? Handelt hier nicht der eigentliche Weltmarktführer für Versöhnung? Hat nicht Papst Franziskus höchstselbst erklärt, dass Schwule schwul sein dürfen, wenn sie ansonsten einen festen Glauben haben? Schon, aber er ist ja nur der unfehlbare Chef, im Hintergrund regiert der Apparat.

Diesen wiederum gibt es in jedem Staat. Danken wir also Barack Obama für den Händedruck. Was wirklich daraus wird, muss sich aber erst noch zeigen…

Keiner versteht die Pkw-Maut? Goethe schon

Werden wir doch mal ganz feierlich: Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages “sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen”. So steht es im Grundgesetz, es liest sich ganz wunderbar. Wie also, fragt man sich, kann es – wie gerade geschehen – zu einer Entscheidung für die Pkw-Maut kommen?

Das Phänomen an dieser Geschichte ist ja, dass nicht einmal zehn Prozent von 631 Parlamentariern ein Projekt durchdrücken, für das sich viele schämen, die dafür gestimmt haben. Zumindest haben das etliche Abgeordnete so behauptet. Liegt es daran, dass Gewissen immer dann schwindet, wenn Geld im Spiel ist? Das gilt bei der Maut nur bedingt. Denn es ist ungewiss, ob nach Abzug der Bürokratiekosten ein nennenswerter Ertrag bleiben wird.

Näher kommen wir der Antwort, wenn wir einen wirklich klugen Mann fragen: “Der Handelnde ist immer gewissenlos. Es hat niemand mehr Gewissen als der Betrachtende”, sagte  Goethe. Übersetzt heißt das, dass Zuschauer aller Art, also Opposition und Wähler, immer gut reden haben. Wer dagegen entscheiden muss, gerät leicht in die Zwickmühle. Weil er den Sachzwang, oder in noch schärferer Form, einen Koalitionsvertrag hat. Dann ruft das Gewissen des Abgeordneten vielleicht freudig “Frauenquote” und “Mindestlohn”, grummelt aber folgenlos, wenn es “Betreuungsgeld” hört. Umgekehrt geht das natürlich auch.

Und schon ist die Sache geregelt. Wer hier bekommt, gibt dort. Hunderte Euro-Millionen werden kreuz und quer über den Verhandlungstisch geschoben. Selbstverleugnung ist Mist, gehört aber zur Demokratie.

Doch darf das auch sein, wenn es um Quatsch geht? Nun, bei der Pkw-Maut gibt es ja noch eine Hoffnung, nämlich Europa. Bestimmt haben einige Abgeordnete bei der Abstimmung ein Stoßgebet in Richtung Brüssel geschickt. Auf dass das CSU-Projekt dort beerdigt werden möge und man danach selber sagen kann, dass man es schon immer gewusst hat.

Das Gewissen hat es selten leicht. Aber manchmal hilft ja eine höhere Macht…

 

 

 

Gleicher Lohn fällt nicht vom Himmel

Es war also wieder Equal Pay Day. Bei Veranstaltungen, in Reden, auf Flugblättern wurde auf die “geschlechterspezifische Entgeltlücke” aufmerksam gemacht. 22 Prozent weniger verdienen Frauen im Durchschnitt laut Statistischem Bundesamt. Bloß: Der Kampf gegen ungerechte Bezahlung hat nicht nur mit Gleichberechtigung zu tun.

Übel wird es immer dort, wenn die Gier von Arbeitgebern auf die Naivität, Trägheit oder auf eine schlichte Hilflosigkeit der Arbeitnehmer trifft. Im Kapitalismus darf man es Unternehmern nicht vorwerfen, wenn sie versuchen, mit geringstmöglichem Aufwand einen größtmöglichen Ertrag zu erzielen. So läuft das Geschäft. Fairness ist in diesem System nicht zwingend.

Nun wissen kluge Chefs, dass anständig bezahlte Mitarbeiter/-innen bessere Ergebnisse bringen. Doch allzu oft siegt die Gier über den Verstand. Also nutzen Unternehmer auch noch das allerletzte Schlupfloch, um ihre Beschäftigten auszunehmen. Bis vor ein paar Jahren war das die Leiharbeit. Heute wird vor allem mit Werkverträgen  Geld gespart. Oder man setzt gleich auf Soloselbstständige. Die sind selber schuld, wenn sie für ein Butterbrot schuften.

Aber wie kommt man zu anständigen Löhnen? Wie kann es gelingen, dass Geschlechtergleichheit nicht dadurch hergestellt wird, dass Männer weniger bekommen? Unsere weit verbreitete Sehnsucht ist, dass sich das schon irgendwie ergibt, dass jemand für uns sorgt. Obwohl erwiesen ist, dass Geld nicht vom Himmel fällt, dass Scheinwerfer keine Scheine werfen und dass Chefs anderen nur seltenst Geschenke machen.

Also gilt: Man erreicht etwas, wenn man sich zusammentut, gemeinsam etwas verlangt und andernfalls mit Liebes-, sprich Arbeitsentzug droht. Oder anders ausgedrückt: Wo es keine Gewerkschaften, keine Tarife und keine Betriebsräte gibt, werden die Menschen verarscht. Wahrheit kann so einfach sein…

 

 

 

 

 

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als “sehr gut” verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: “Sie haben sich tapfer geschlagen.”

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

An diesen Mörder glaub’ ich nicht

Wirklich schlimm, mir fehlt der Glaube. Der Glaube daran, dass die russische Polizei ausgerechnet den Mord an dem Putin-Gegner Boris Nemzow in Rekordzeit aufgeklärt haben soll. Bin ich ein Opfer der westlichen Propaganda?

Der Verdächtige, der da im russischen Fernsehen vorgeführt wurde, ist mir einfach zu klischeehaft. Ein Tschetschene – und damit sowieso ein potentieller Staatsfeind. Zudem ausgesprochen hässlich mit einem mageren Kriminellen-Gesicht und mit einer Frisur, wie man sie nach drei Tagen Tiefschlaf unter einer Brücke hat. Und schließlich mit dem Bekenntnis: „Ich liebe den Propheten Mohammed.“

Ich habe mir seine Geschichte so weitergedacht: Dieser Mann und seine mutmaßlichen Komplizen werden in einem von Russia Today live übertragenen Prozess zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Nachdem sie irgendwo in den Weiten Sibiriens eingesperrt sind, wartet man ein bis zwei Jahre, um sie dann mit einer Sporttasche voller Geld aus dem Gulag zu verabschieden. Woraufhin unsere “Killer” auf die Krim umsiedeln, dort eine Wodka-Bar eröffnen und fortan an der Seite junger Ukrainerinnen ein erfülltes Männerleben genießen.

Mein Misstrauen ist mir eigentlich zuwider. Aber nun kommt Wladimir Putin ins Spiel. Er hat jetzt erklärt, dass er die „Heimholung“ der Krim selbst befohlen hat. Er gibt damit zu, dass er die Welt über seine Rolle dreist belogen hat und lässt sich dafür auch noch als Held feiern.

Da versteht sich einer auf schamlose Propaganda. Also gönne ich mir die Skepsis, die spätestens dann bestätigt sein wird, wenn die russischen Behörden vermelden, dass über dem Sofa des Verdächtigen ein Poster hängt, das den boxenden Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko mit nacktem Oberkörper zeigt. Den russischen Sicherheitsbehörden wiederum gratuliere ich dazu, dass sie ihr Mörder-Casting so schnell und mit so einem scheinbar überzeugenden Ergebnis hinbekommen hat.

Für mich bleibt es dabei: Ich glaube Euch kein Wort. Möge mich die Geschichte eines Besseres belehren.

Die Revolution kommt. Auch bei uns.

Wir haben wieder ein Feindbild. Es sind nicht mehr die Lokführer, nicht die Piloten. Es sind die Griechen. Ziemlich jugendliche Typen, die ihre Milliardenschulden mit einer dreisten Lässigkeit durch die Gegend tragen. Aber sehen wir sie wirklich als Feinde? Oder sind uns den neuen Regierungs-Hellenen nicht doch ziemlich sympathisch?

Falls ja, es läge in unseren Genen. Seitdem unseren Eltern und Großeltern in den 60-er Jahren mit Käfer und Isetta die Großglockner-Hochalpenstraße bezwungen haben, hatten wir diese gewisse Sehnsucht nach Süden. Wir wurden Zeugen von stundenlangen Mittagspausen, undeutschem Genuss beim Essen und der Fähigkeit, einfach so dazusitzen und das völlig in Ordnung zu finden. Sandstrand statt Bruttosozialprodukt. Seitdem wollten wir, wenigstens ein kleines bisschen, Südländer sein.

Materiell sind wir die Erfolgreichen geblieben. Aber sind wir glücklich genug, um immerzu Kapitalisten bleiben zu wollen? Offensichtlich nicht. Forscher der Freien Universität Berlin wollen durch eine Befragung herausgefunden haben, dass linksextreme Einstellungen  in Deutschland weit verbreitet sind. Ein Sechstel der Bevölkerung hat demnach eine solche Grundhaltung. Immerhin sieben Prozent der Befragten stimmten dem Einsatz politisch motivierter Gewalt zu.

Zudem hielten in der Umfrage der Freien Universiät mehr als 60 Prozent der Befragten das real existierende deutsche System nicht für eine echte Demokratie. 50 Prozent meinten: Wer anders – vor allem links – denke, werde immer stärker von Staat und Polizei behelligt. Schließlich der Gipfel der Erkenntnisse: Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen halten den Sozialismus oder Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei.

Was lernen wir aus alldem? Wir verachten unseren Wohlstand zutiefst. Zumindest so lange, wie wir ihn noch nicht verloren haben. Wir sind Revolutionäre. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt.

Stecken wir also die Hände in die Hosentaschen und tanzen grinsend den Varoufakis. Wir lieben unser linkes Feindbild wie uns selbst. Hoch die internationale Solidarität!

 

Bratwurststerben im Landtag? Das könnte Stress geben

Achtung, diese Geschichte beruht zum Teil an böswilligen Vermutungen. Aber sie zeigt doch, wie sehr das Funktionieren des öffentlichen Lebens am Tropf der europäischen Bürokratie hängt. Nennen wir unseren Thriller “Das Ende der Bratwurst im bayerischen Landtag”.

Es ist nämlich so (und das stimmt an diesem Text), dass die Bundesregierung aufgrund von Vorgaben aus Brüssel das Vergaberecht reformieren möchte. Eine der entscheidenden Änderungen betrifft die Frage, welche Unternehmen in Zukunft von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen sein sollen.  “Wer sich wegen Wirtschaftsdelikten strafbar gemacht hat, soll nicht von öffentlichen Aufträgen profitieren”, heißt es hierzu.

Und jetzt stellen wir uns vor, in der Landtagsgaststätte gäbe es bisher Nürnberger Rostbratwürste aus der Wurstfabrik von Uli Hoeneß. Zweifelsfrei wäre ein Steuerhinterzieher für diese noble Einrichtung kein zuverlässiger Partner mehr. Das Produkt würde gestrichen und durch Gemüsebratlinge von einem oberbayerischen Demeter-Hof ersetzt. Es würde ein kontinentaler Konflikt.

Am Rande einer Aufsichtsratssitzung des FC Bayern München würde Sportsfreund Stoiber Edmund aufgefordert, sich doch einmal beim Jugendbeauftragten Hoeneß Uli anzuschauen. Auf der Stelle wäre der graue Wolf davon überzeugt, dass es sich hier um einen Fall von überbordender Regelungswut handeln würde.

Stoiber würde nach  Brüssel jetten, um dort, Ähm, Klartext zu, Ähm, reden. Er würde deutlich machen, dass Kommunen und Staat handlungsunfähig würden, wenn sie sämtliche Bilanzfälscher, kriminellen Subunternhmer und sonstigen Amigos von öffentlichen Aufträgen fernhalten müssten. Von den dramatischen Auswirkungen auf die Haushalte ganz zu schweigen. Schwarze Null ohne Billiglöhner? Undenkbar – ganz und gar.

Auch die SPD wäre im Boot. Würde sie doch das Streichen der Bratwurst von der Landtags-Speisekarte als klares Indiz für eine weitere Benachteiligung Frankens ansehen. Aus purem Trotz würde sie  Parteichef Gabriel dazu drängen, die Pkw-Maut zu verhindern. Dies wiederum würde dazu führen, dass die CSU keine neuen Stromtrassen im Freistaat zulässt.

Die Folge wäre, dass – Erstens –  überschüssiger Strom aus Offshore-Windkraftanlagen illegal in die Nordsee geleitet wird und dort ein großflächiges Robbensterben auslöst. Zweitens würde sämtliche Atomkraftwerke wieder angeschaltet. Die Energiewende wäre am Ende, was den Klimawandel beschleunigen und schließlich dazu führen würde, dass die Allianz-Arena wegen ständigem Monsunregen unbespielbar wird.

Es ist hier nicht recherchiert, ob es in der Landtagsgaststätte Nürnberger Rostbratwürste aus dem Hause Hoeneß gibt Sollte dies jedoch der Fall sein, lautet mein guter Rat: Schaut bitte, bitte drüber weg.