Sigmar, wir brauchen Dich!

Immer mehr Menschen verachten politische Rituale. Aktionen, bei denen Parteistrategen mutmaßlich Hand in Hand mit den  verbündeten Medien den Menschen inhaltsleeres Geschehen als spannend vorgaukeln. Die Kür des SPD-Kanzlerkandidaten ist so ein Fall.

Angela Merkel hat Ja gesagt. Und nun ist die vereinigte Presse hinter den Sozialdemokraten her. Diese können noch so sehr beteuern, dass sie ihren Spitzenmann erst Ende Januar küren wollen. Es wird ihnen nichts helfen. Schon bald wird man bei der SPD einsehen, dass eine Kandidatenkür zwar Interesse erzeugt, dass sich dieses aber schnell abnutzt, wenn die Sache offensichtlich geregelt ist.

Der Kanzlerkandidat wird Sigmar Gabriel heißen. Er hat das Feld für sich bereitet, indem er den beliebtesten Politiker seiner Partei, Frank-Walter Steinmeier, als künftigen Bundespräsidenten aufs realpolitische Altenteil bugsiert hat. Martin Schulz wäre als neuer Außenminister einer Großen Koalition mit seiner umfassenden EU-Erfahrung adäquat versorgt. Trotzdem wurde ein scheinbar ernsthaftes Bewerbungsrennen um die Kanzlerkandidatur inszeniert.

Weil aber Martin Schulz offenbar doch Blut geleckt hat, bringt der Parteitaktiker Gabriel mit dem Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz einen weiteren Kandidaten ins Gespräch. Scholz gegen Schulz – das müsste sich doch neutralisieren.

Wird es auch, denn es wäre irrational, würde Gabriel erneut verzichten. Er hat es ungewöhnlich lange an der SPD-Spitze ausgehalten. Er hat eine bisher alternativlose Gegnerin, welche in diesen Tagen müde und ideenlos wirkt. Wenn er Erfolg haben will, und sei es nur durch ein relativ gutes Ergebnis, dann bei der kommenden Wahl.

Warum also zögert er, zumindest nach außen? Wahrscheinlich weil er gerufen werden will. Dieser Mann braucht Liebe, er möchte gerufen werden. Also, Ihr Genossinnen und Genossen, reißt Euch zusammen, reicht Euch die Hände und ruft: „Sigmar, wir brauchen Dich!“ Ihr werdet sehen, dann wird alles gut. Oder wenigstens ein bisschen besser…

 

 

Lobet den Herrn! Die Retterin bleibt

Wir preisen den Herrn und alle guten Mächte dieser Welt. Sie bleibt! Angela Merkel, Bewahrerin des Guten und Schönen, Retterin der Demokratie, Schutzheilige der Nicht-Populisten, möchte auch nach dem Jahr 2017 Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende sein. Die Welt atmet auf.

Schließlich hat sie unser Lieblings-US-Präsident erst vor wenigen Tagen in der Rang der Alternativlosigkeit erhoben. Barack Obama ließ uns wissen, dass seine verlässlichste Partnerin weiterhin gebraucht würde. Wäre er Deutscher, wäre er Merkel-Anhänger. Das macht Eindruck.

Angesichts der Sonntags-Top-Nachricht von der nächsten Spitzen-Kandidatur darf man allerdings auch fragen: Wer hätte es denn sonst sein sollen? Jens Spahn, der eifrige Warner vor allzu verwöhnten Rentnern? Thomas de Mazière, der trübäugige Sicherheits-Herbeiredner oder Ursula von der Leyen, die Frau mit der Beton-Frisur, die trotzdem keine Mauern baut? Wolfgang Schäuble, der immer möglicher Kandidat für alles Mögliche war, aber darüber 74 Jahre alt geworden ist? Oder gar Markus Söder, der auf seinem langen Weg zum Bayerischen Ministerpräsidenten in ein paar Monaten dermaßen abserviert ist, dass er zur Not den Bundeskanzler macht?

Nichts von alledem. Angela Merkel hat die Reihen möglicher Konkurrenten dermaßen gelichtet, dass uns klar sein sollte, dass nur sie allein entscheiden wird, ob sie kandidiert oder nicht. Die Bewerbung für eine Amtszeit bis 2021 ist sowieso politisch korrekt. Denn so gibt die im Jahr 1954 geborene Kanzlerin der Rente mit 67 ein Gesicht.

Zusammengefasst bedeutet das: Die überragende Neuigkeit ist gar keine, der Überraschungswert geht gegen Null.

Und genauso wenig sollte es uns verwundern, dass es nach der nächsten Wahl eine neue GroKo geben wird. Das ist zugegebenermaßen außerordentlich öde. Andererseits: Vielleicht mögen wir gerade Langeweile – in diesen seltsamen Zeiten.

 

 

 

 

Trump ist da. Wir hoffen auf Joschka Fischer

Alle waren gegen Donald Trump. bis auf die Mehrheit. So lässt sich die Wahl des neuen US-Präsidenten kurz und knackig bilanzieren. Die Zwielicht-Gestalt ist ganz oben angekommen. Was nun?

Ganz sicher wissen wir im Moment nur eines: Das Leben geht weiter. Das US-amerikanische Volk hat sich bei der Wahl unter zwei Unsympathen für die männlichen Variante entschieden. Was das auslösen wird, muss man noch sehen. Steht Donald Trump zu seinen Versprechen, kann er nicht viel Schaden anrichten. 25 Millionen Jobs will er schaffen. Das sollte ihn für einige Zeit beschäftigen. Außerdem plant er den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Logisch, mit hässlichen Bauwerken kennt er sich aus.

Aber hat dieser Wahlausgang vielleicht doch etwas Gutes? Ja doch. Zwar wirkt es absurd, dass sich die Benachteiligten und Verarmten ausgerechnet hinter einem stinkreichen Immobilien-Mogul versammeln. Aber es zeigt doch, dass die Politik die mitunter so bezeichnete Unterschicht nicht unterschätzen sollte. Die gesellschaftliche Ungleichheit in den USA ist erheblich größer als bei uns, die Konditionen für zig-tausende Jobs sind die Schlechtesten in der westlichen Welt, die Gefahr, komplett abzustürzen, ist Normalität.

Unsere Politik wird schnell begreifen, dass sie sich schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb schleunigst den Verlieren zuwenden muss, wenn sie nicht abgewählt werden will. Gerechtigkeit wird auf der politischen Agenda nach vorne rücken.

Ansonsten ist die US-Wahl ein ziemlicher Jammer. Halten wir uns also an unseren letzten Hoffnungsträger, den früheren Vizekanzler und ganz früheren Steinewerfer Joschka Fischer. „Das Amt verändert den Menschen mehr, als der Mensch das Amt“, lautete sein bekanntester Lehrsatz. Möge es bei Präsident Trump so geschehen…

 

Lieber Gott, rette das Establishment!

Wie geht es weiter mit dieser Welt? Genau weiß das keiner, aber der 8. November wird uns schlauer machen. Sollte dieser Donald Trump nämlich Präsident werden, ist zumindest eines klar: Der Niedergang der Institutionen oder des „Essdäblischmends“, wie der US-Amerikaner sagt, wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Unser vulgärer Schreihals verstärkt aber nur einen längst vorhandenen Trend. Bei einer Studie zur Lebenswelt der 18- bis 34-Jährigen gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sie der Politik nicht vertrauen. 50 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen in religiöse Institutionen zu haben. Die Medien kommen mit einer Misstrauensquote von 25 Prozent noch relativ gut weg.

Diese Stimmung bereitet den Nährboden für seltsame Gestalten. So stellen wir erstaunt fest, dass so genannte „Reichsbürger“ oder „Germaniten“ deutlich zahlreicher sind als weiße Einhörner. Menschen, die ihr Haus und Grundstück zu einem eigenen Hoheitsgebiet erklären und die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als Staat leugnen. Deshalb zahlen sie keine Steuern und drohen Gerichtsvollziehern Schläge an.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Leute sind nicht aufrichtig. Wären sie es, müssten sie in ihrem Fernsehsessel verhungern. Sie dürften ja auch keine indirekten Abgaben, also etwa Mehrwert- oder Mineralölsteuern zahlen. Aktionen nach dem Motto „Wir schenken Ihnen 19 Prozent!“ veranstalten nur Möbelhäuser und Elektrogroßmärkte. Die Erwartung, dass der Metzger Schnitzel und Leberwurst an einer Duty-Free-Theke verkauft, ist abseitig. Der Hungertod müsste von Reichsbürgern billigend in Kauf genommen werden.

Zerstört werden Institutionen aber auch aus dem herrschenden System heraus. Nehmen wir die Wahl des neuen Bundespräsidenten: Honorige Persönlichkeiten zeigen zwar Bereitschaft, aber nur, wenn vor der Abstimmung sicher ist, dass sie es auch werden. Da fragt man sich doch, ob es wirklich so ein unattraktiver Job ist, zwischen zwei richtungsweisenden Ansprachen mit dem Staatschef von Burundi Antilopenbraten zu essen. Müsste um dieses Amt nicht mit Leidenschaft gerungen werden?

Und dann noch die Clowns. Gerade ist der große Oleg Popov gestorben. Ein Spaßmacher der leisen Töne und im richtigen Leben ein herzensguter Mensch. Doch gute Institutionen bröckeln. Neuzeitliche Grusel-Clowns springen aus dunklen Ecken und ihr amerikanischer Kollege braucht nicht mal eine Maske, um uns zu erschrecken.

Wir schauen zum Himmel und flehen: Lieber Gott, lass‘ wenigstens diesen Kelch an uns vorübergehen. Darum bitten wir. Auch wenn Du zum Establishment gehörst.

 

 

 

Vorhang auf! Es wird gerecht

Vorhang auf! Jetzt rollt die Welle der Gerechtigkeit. Nach neuesten Bekundungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, wie wichtig dieses Thema für sie ist. Wir möchten es gerne glauben. Allein: Wir schaffen es (noch) nicht.

Die Menschen vermuten, dass unsere Politik mehr für Unternehmen, Banken und ganz einfach Reiche tut als für den Großteil der Bevölkerung. Ein Indiz dafür ist die Sprache, in der sie die großen Themen ans Volk sendet. Elektroautos aus deutscher Produktion sind Zukunft. Sie dürfen bedenkenlos subventioniert werden. Firmenerben sollen keine Steuern zahlen. Es geht schließlich um Arbeitsplätze.

Ist dagegen von sozialer Grundsicherung, von Renten oder von der Gesundheitsversorgung die Rede, stehen an erster Stelle stets „die Kosten“. Weil wir lernen sollen, dass diese Themen die Gesellschaft belasten. Vor allem profitieren ja die „sozial Schwachen“. Das sollen wir nicht einfach hinnehmen, wenngleich diese bei näherem Hinsehen bloß Kapitalschwache sind. Wer wenig Geld hat, ist deswegen kein schlechterer Mensch.

Wenn nichts passiert, wird diese Gruppe mächtig wachsen. Wer heute 2500 Euro brutto verdient und auf diesem Niveau 40 Jahre lang arbeitet, darf später eine Rente von rund 900 Euro erwarten. Von der früheren Idee, dass am Ende eines Arbeitslebens ein sorgenfreier Ruhestand stehen sollte, ist nicht mehr viel übrig.

Die Regierenden lenken deshalb ab. Aus ihren Reihen wurde gerade angemerkt, dass es für Geringverdiener gut sei, private Altersvorsorge zu betreiben. Man nehme also Geld, dass man nicht hat und gebe es einem Versicherungskonzern, der kaum Ertrag erwirtschaft, aber immerhin Gebühren bekommt. Objektiv geht das nicht, außer in der globalen Finanzwirtschaft. Deren größte Stars operieren seit jeher mit Geld, das ihnen nicht gehört.

Unseren Normal-Rentnern hilft das nicht. Sie brauchen gut Argumente, am besten wirtschaftsfreundliche. Etwa jenes, dass die Kaufhäuser endgültig am Ende sind, wenn nicht wenigstens die online-skeptischen Alten dort einkaufen können. Oder eben jenes: Menschenwürde. Aber das ist für Realpolitik natürlich sehr abstrakt…

 

 

 

Jetzt aber: Strafzölle für Reichsbürger

Wenn wir an angenehme Zeitgenossen denken, fällt uns gerne der harmlose Irre ein. Ein schrulliger Mensch, der uns mit seltsamen Gewohnheiten amüsiert. Ein Kant’sche Exzentriker, der seine Freiheit nutzt, aber niemand anders schadet. Wenn es doch bloß solche Spinner gäbe.

Es wird doch niemand stören, wenn jemand in Elvis-Kostüm oder Barbie-Kleid durch die Gegend spaziert. Oder wenn er beim Gothic-Treffen so tut, als würde er dunkelste Mächte verehren.  Wir schmunzeln über schrille Weihnachtsbeleuchtungen in Vorgärten oder über ein von 32 Gartenzwergen eingekreiste Blumenbeete. Ein wenig beneiden, wir diese Menschen, weil sie Käfige verlassen, in denen andere festsitzen. Vor allem Engländern sagt man nach, lustvoll anders zu sein.

Wir jedoch sind in Deutschland. Unsere Außenseiter sind mitunter richtig widerlich. Neonazis, die Kinder schänden. Oder eben diese selbst ernannten „Reichsbürger“. Eigenartige Leute mit häufig guten Kontakten in die rechtsextreme Szene,  die die Bundesrepublik Deutschland als Unrechts-GmbH ansehen und deren Institutionen den Stinkefinger zeigen. Werden sie vom feindlichen, tatäschlichen Staat unter Druck gesetzt, reagieren sie auch gewalttätig. Wie wir jetzt erleben mussten.

Gut, man kann ja darüber diskutieren, ob es nicht erlaubt sein sollte, sein Grundstück samt Eigenheim zum unabhängigen Staat zu erklären. Aber trotzdem läuft in dieserm Fall etwas grundlegend schief. Reichsbürger wehren sich zwar, an den Kosten für die Allgemeinheit beteiligt zu werden. Aber man darf vermuten, dass sich diese Rebellen mit Strom und Wasser beliefern lassen. Oder sogar von Hartz IV leben.

Hier muss es Verträge geben, in denen klar geregelt ist, wie sich die Bundesrepublik ihre Dienstleistungen von irgendwelchen Mini-Staaten bezahlen lässt.  Ein TTIP für Idioten. Vor allem brauchen wir hohe Zölle für Pizza-Dienste, Dosenbier, Sofas und Flachbildfernseher. Dann werden Spinner wieder „wertfrei“ sein.

Horst Seehofer. Ein Mann wie Karl Valentin

Willkommen zur Job-Lotterie: Horst Seehofer, zurzeit CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident in Personalunion, hat verkündet, 2017 eines seiner beiden Ämter abgeben zu wollen. Ganz freiwillig und möglicherweise sogar für immer. Um welches Amt es geht, sagt er nicht. Die Welt darf rätseln.

Nicht zum ersten Mal verwirrt Seehofer mit seinem sprunghaften Reden und Handeln Freund und Feind. Hatte er doch seit Jahren behauptet, dass die Spitzenämter von Freistaat und Partei in eine Hand gehörten. Nur dies sichere dem Amtsinhaber die größtmögliche Bedeutung. Jetzt redet er genau anders.

Wer sich darüber wundert, übersieht, dass in Bayern mit Horst Seehofer seit der Verleihung 2014 ein würdiger Träger des Karl-Valentin-Ordens regiert. Der Münchner Komiker war für hintersinnige und doppelbödige Gedankenspiele berühmt. CSU-Politik hätte bei ihm so funktionert: „Das ist wie bei jeder  Wissenschaft. Am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war.“ Kommt uns bekannt vor. „Ich möchte nicht, dass mich Bekannte erkennen“, könnte darauf hindeuten, dass sich der Chef für seine Parteifreunde immer ein kleines Geheimnis aufhebt. Der Satz „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ war bei Valentin aber mutmaßlich anders gemeint, als es Obergrenzen-Prediger Seehofer propagiert.

Doch vor allem geht es dem CSU-Chef darum, dass der mega-ehrgeizige Markus Söder niemals seine heutige Machtfülle erreicht. Also treibt er ihn in ein übles Dilemma. Will Söder Parteivorsitzender werden, muss er nach Berlin und unwichtiger Minister werden. Ansonsten droht ihm, dass er zum bloßen Ministerpräsidenten wird und alsbald als Vortänzer bei oberbayerischen Brauchtumsfesten glänzt. Aber wie soll das gehen? Er ist doch Mittelfranke! Das kann nicht funktionieren.

Es bleibt also nur, dass Markus Söder, heute glücklicher Herr über einen soliden Landeshaushalt, über die bayerischen Schlösser und Seen sowie über die staatliche Lotterieverwaltung, erkennt, dass auch er einem großen Wort von Karl Valentin folgen muss: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Erst dann wird Ruhe herrschen. Horst Seehofer hätte seine Intimfeind verhindert. Wer seine Nachfolger werden, ist ihm herzlich egal. Denn so, wie er die Fähigkeiten seiner Parteifreunde einschätzt, ist ihm, wie schon Karl Valentin, für Staat und Partei eines klar:  „Die Zukunft war früher auch besser!“

 

 

 

 

 

 

US-Wahlkampf: Fremdschämen hilft auch nicht

Irre und fies. So läuft der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft. Wir erfahren viel über miesen Charakter, Geldgier, kriminelles Handeln, frauenfeindliches Gerede oder echte Vergewaltigung. Man könnte jetzt sagen: Na ja, die Amis halt. Waren ja schon immer durchgeknallt. Leider ist es nicht so einfach. Diese Schlammschlacht schadet uns allen.

Hillary Clinton und Donald Trump attackieren sich auf übelste Art und Weise. Vor allem das Wühlen unterhalb der Gürtellinie ist in dieser Nicht-Qualität unter demokratischen Politikern neu. Beim jüngsten Fernsehduell konnte man den Eindruck haben, hier würden sich zwei Ekel-Pakete vor einem Millionenpublikum duellieren.

Aber wechseln wir die Blickrichtung. Die USA und „der Westen“, also auch wir, beanspruchen für sich, Bewahrer der edelsten Werte dieser Welt zu sein. Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – all das gebe es im christlichen Kulturkreis so ehrlich und umfassend wie nirgends sonst. Die Bewahrer dieser Werte wiederum sind die Regierungen, in den Vereinigten Staaten vor allem der oder die Präsident*in.

Wie soll nun ein Araber oder Afrikaner, dem das hässliche Gebell oder das falsche Lächeln dieser Kandidaten per Satellit ins Wohnzimmer übermittelt wird, glauben können, dass es gut sein soll, solchen Menschen die Verantwortung für Atomwaffen zu übergeben? Wer soll glauben, dass ihnen Clinton oder Trump eine bessere Zukunft garantieren könnten als ihre eigenen zweifelhaften Anführer? Es kann eigentlich nicht sein.

Und noch etwas: Nehmen wir an, Donald Trump hieße Erdogan oder wäre der selbst ernannte Kalif von Bagdad. Eine Empörungswelle rollte durch das Land. Viele würden vor dem Irrsinn der frauenfeindlichen Muslime warnen und schärfere Anti-Terror-Gesetze fordern. Nur die Satiriker hätten ihre Freude.

Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Das Duo Clinton/Trump allerdings ist objektiv widerlich. Hülfe Fremdschämen, wir würden gerne rot. Aber leider wird das nicht so sein.

 

 

Dresden: Musste das wirklich sein?

Dresden? Musste das wirklich sein? Das werden sich viele Menschen nach den beschämenden Bildern vom Umfeld der offiziellen Feier zum Tag der Deutschen Einheit gedacht haben. Als Quasi-Halb-Sachse (Mutter in Dresden geboren) vermitteln auch mir meine entfernten Verwandten massives Unbehagen.

Man fragt sich, was die „Hau-ab“-Schreier haben möchten. Wollen sie die Mauer zurück? Ist ihnen die Idee einer offenen Gesellschaft dermaßen zuwider, dass sie lieber in einer gut organisierten Diktatur nach DDR-Maßstab leben wollen? Wenn sie Politiker*innen als „Volksverräter“ beschimpfen, glauben sie dann wirklich, sie seien das Volk?

Probieren wir es doch mal mit kühlem Kopf. Definitiv ist es so, dass Sachsen ein riesiges, auf offizieller Ebene lange verdrängtes Problem mit Rechtsradikalen hat. Wer vor einigen Jahren an einer großen Anti-Nazi-Demonstration in Dresden teilgenommen hat, konnte die Sympathien der dortigen Polizei für „anständige Deutsche“ am eigenen Leib erfahren. Angeblich hat ein Polizist den „Pegida“-Anhängern an diesem 3. Oktober per Lautsprecher-Durchsage einen „erfolgreichen Tag“ gewünscht.

Trotzdem greift es zu kurz, alle Sachsen und auch alle Dresden als rechte Deppen anzuschauen. Es gibt dort auch reichlich Andersdenkende. Es ist zudem klar, dass diejenigen, die schockierend zahlreich die allgemeinen Erwartungen nach blödem Benehmen erfüllen, in den Fokus der Medien geraten. Sucht man nach Entschuldigungen für das Hass-Gebaren, dann wird man in der DDR-Zeit fündig. Dresden wurde gegenüber der Hauptstadt Berlin in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Die Menschen hatten nicht einmal West-Fernsehen. Man nannte Elb-Florenz auch das Tal der Ahnungslosen. Was es mit Blick auf ausländische Mitbürger*innen wohl immer noch ist.

Was lernen wir aus dem Gebrüll zur Deutschen Einheit? Wer Neonazis an der langen Leine lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Hunde irgendwann nicht nur bellen. Außerdem: Eine Politik, die das Thema Gerechtigkeit zu nachlässig bearbeitet und stattdessen „die Märkte“ hätschelt, darf sich über wachsenden Zorn nicht wundern. Und das nicht nur in Dresden…

Leiten ist gut, aber Kulturen gibt es viele

Das Wirken des Gesetzgebers erfreut uns dann am meisten, wenn es klare Verhältnisse schafft. Wir wollen schließlich woran wir sind. Doch so einfach geht Politik nicht. Jüngstes Beispiel: Die CSU möchte den Begriff „Leitkultur“ in der Bayerischen Verfassung verankern.

Bayerische Verfasung, gibt es die überhaupt? Jawohl, und sie ist nicht das schlechteste derartige Regelwerk. Darin heißt es zum Beispiel: „Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung.“ Oder auch: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ Oder: „Ausbeutung, die gesundheitliche Schäden nach sich zieht, ist als Körperverletzung strafbar.“

Aber Leitkultur, was soll das sein? Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt zwar, dass „unsere Hausordnung“ nicht verhandelbar sei. Wer dann aber welche Treppe kehrt oder wer zu was intergriert werden soll – da bleibt es sehr im Allgemeinen, indem er sagt:„Bayern soll Bayern bleiben. Deshalb streben wir an, dass der Begriff der Leitkultur als Voraussetzung für Solidarität und Miteinander in die Bayerische Verfassung aufgenommen wird.“

Gegen „Leit“ ist nichts zu sagen. Hier wird eine Richtung vorgegeben. Wir kennen den Leitwolf, der uns den Weg zeigt, den zumeist besonders intelligenten Leitartikel als Grundlage für politische Meinungsbildung, den Leitfaden, der uns durch jedes Labyrinth unserer Gedanken lenkt. Wir wissen, dass Leitzinsen auch gegen Null gehen können und dass uns Leitplanken davor bewahren, in tiefe Schluchten zu stürzen.

Doch Kultur? Davon gibt es so unendlich viel. Wir können uns zwar denken, dass für die CSU der Islam nicht zu Deutschland gehört. Aber ist uns der Döner nicht genauso nahe wie die Bratwurst? Sind Tore eines polnischen Mittelstürmers, die von einem Franzosen muslimischen Glaubens vorbereitet wurden, etwas nicht mit unserer Leitkultur vereinbar? Ist Leitkultur eine Form von Hochkultur? Oder ist sie Alternativkultur im Sinne eines Bollwerks gegen das allgemeine Multikulti?

Was wollen wir unseren neuen Mitbürgern lehren, womit wollen wir sie vertraut machen?  Unternehmenskultur, Sprachkultur, Popkultur, Monokultur, Wohnkultur, Pilzkultur, Tischkultur, Müllkultur oder Hydrokultur? Ist die Integration des Flüchtlings gar erst dann vollendet, wenn er Freikörperkultur gut findet?

All das müssten wir wissen, um die bayerische Leitkultur-Initiative zu verstehen. Bis dahin sei festgestellt: Dieser Freistaat mag seine ganz eigenen Kulturbringer haben. Die Lederhose ist es nicht.