Faulheit kostet nichts – allenfalls das Leben

Statistiken sind gefährlich. Oft genug werden sie in Auftrag gegeben, weil jemand eine Botschaft in die Welt setzen möchte. Gemäß dem Motto: Nur wer gut fälscht, kommt voran. Und: Schlechte Gewissen erzeugen Umsatz.

Gerade wurde in einer US-Fachzeitschrift namens „The Lancet“ eine medizinische Studie verbreitet, wonach Bewegungsmuffel ganze Staaten ruinieren können. Weltweit, so haben es nicht näher benannte Wissenschaftler ermittelt, verursachen Faule und Behäbige Kosten von mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Daten aus 142 Ländern hätten dies ergeben.

Zugleich monieren die Forscher den Schaden für die Weltwirtschaft durch Einbußen in der Produktivität.

Spätestens an dieser Stelle rufen wir: Stopp! Wir sind es zwar gewohnt, dass wir aufgerufen sind, unser  Dasein „den Märkten“ unterzuordnen. Doch abgesehen davon, dass ein konsequenter Sofasitzer sparsam lebt, macht es eine Studie doch verdächtig, wenn sich Mediziner Sorgen über die Probleme der Wirtschaft durch eine träge Lebensweise machen.

Das Gegenteil ist doch der Fall. Wo bliebe die Medizin, und mit ihr die Pharmaindustrie, wenn alle Menschen gesund wären? Jeder entzündete Blinddarm bringt mehr für das Bruttosozialprodukt als eine vom Joggen gereinigte Lunge.

Und stellen wir uns bloß das Gegenteil vor: Volkswirtschaftler und Banker würden sich um die Gesundheit der Menschen kümmern. Die durchschnittliche Lebenserwartung würde sich alsbald dem Leitzins annähern.

Unsere Studie wiederum, welche übrigens anlässlich der Olympischen Spiele entstanden ist, dem bekanntlicherweise saubersten Gesundheits-Event dieses Planete, bringt Bewegungsmangel mit fünf Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung.
Wer’s glaubt fühlt sich schlecht und kauft sich vielleicht ein Fahrrad. Echte Realisten hingegen verweisen auf die Kostenneutralität des faulen Daseins. Und sie wissen: Die Ursache jedes Todes ist die Geburt. Davonrennen kann man davor nicht.

Der Bienenfreund lässt sauber stechen

Er rettet Bienen und lässt nun auch sauber stechen. CSU-Bundesminister Christian Schmidt hat eigentlich eine schöne Aufgabe: Er schlägt Brücken zwischen den Produzenten von Nahrungsmitteln und den Konsumenten. Er hilft Verbrauchern gegen allerlei Ungemach. Er könnte glücklich sein.  Wenn nicht die Krisen dieser Welt wären.

Früher war Landwirtschaftsminister ein Traumjob. Die Amtsinhaber waren echte Mannsbilder, sie trugen knorrige Namen wie Hermann Höcherl, Josef Ertl oder Ignaz Kiechle. Im Idealfall hatten sie selber ein paar Stück Schwarzbunte im Kuhstall und wurden – trotz Butterbergen und anderen Problemen – von ihren traktorfahrenden Untertanen verehrt und von den Landfrauen geliebt.

Aber die Zeiten ändern sich. Spätestens mit der  feministischen Landwirtschaftsministerin Renate Künast ab 2001 wurde klar, dass Ackerbau und Viehzucht nicht mehr der alleinige Arbeitsschwerpunkt sein würden. Auch die Stadtbevölkerung wollte politisch beglückt werden.

Tja, und seit über zwei Jahren mäandert Christian Schmidt mit oft seltsamen Kurven durch sein Amt. Nach Einschätzung aller Experten ist er ein kluger Außenpolitiker, muss aber durch öffentliches Zubeißen deutlich machen, dass der regelmäßige Genuss deutscher Äpfel den Ukraine-Eroberer Putin in die Enge treiben kann. Er unterhält sich mit Schulkindern über das Leben und Wirken von Bienen, unterstützt die grenzübergreifende Tierseuchenbekämpfung in Israel und setzt Wegmarken gegen die betäubungslose Ferkelkastration.

Doch nun hat Schmidt ein Hardcore-Thema gefunden: Er sorgt sich um die Sicherheit von Tattoos. Diese dürften kein Alptraum werden, sagt der Minister und warnt deshalb davor, sich ein solches Kunstwerk als Urlaubssouvenir in irgendeiner windschiefen Strandbude stechen zu lassen.

Kritische Geister werden nun sagen, dass es den Staat überhaupt nichts angeht, wie und womit jemand seinen Körper verunstalten lässt. Schnitzel aus Massentierhaltung und Bier aus Industrieproduktion sind ja auch erlaubt.

Stimmt, doch dieser Mann ist endlich in der Spur. Er schlägt die Brücke und weiß: Milch von tätowierten Kühen wird in der Szene das Produkt des Jahres. Die Preise werden steigen, die Absatzmengen werden größer, die Krise wird kleiner. Und wenn nicht? Dann stechen wenigstens die Bienen. Auf sie kann man sich verlassen.

Lieber dick und dünn als bloß normal

Manchmal steckt Trost in der vermeintlich schlechten Nachricht. Gerade hat das Internationale Institut für Ernährungspolitik besorgt festgestellt, dass enorm viele Menschen weltweit entweder zu dünn oder zu dick sind. Seine für gesunde Essensgewohnheiten zuständigen Forscher zeigten ihr Unverständnis über die auch hier erlebbare Unvernunft unserer Spezies. Allerdings: Wenn Anderssein normal ist – dann ist das doch wunderbar.

44 Prozent aller Länder wichen, so das Institut, demnach in einem „sehr ernsten Maß“ von der Norm ab. Es gebe entweder starkes Untergewicht in den Mangelgebieten Asiens oder Afrikas. Oder aber dramatische Fettleibigkeit in reichen Gebieten wie den USA. Auch in Mitteleuropa sei eher mit Gicht und Diabetes denn mit Hunger zu rechnen. Es werde jedenfalls zu früh gestorben. Und auch die globale Wirtschaftsleistung könnte deutlich höher sein, wenn sich Menschen mit gutem Essen schlank hielten.

An dieser Stelle dürfen wir festhalten: Wenn es darum geht, ob uns ein Schnitzel oder ein gemischter Salat besser schmeckt, dürfen uns die famosen Weltkonzerne getrost im Mondschein besuchen. Jedenfalls sollte es uns nicht interessieren, ob Volkswagen das Design seiner Autositze ertragstechnisch optimieren könnte, wenn alle Menschen gleich gebaut wären.

Auch ist ein hohes Alters für sich betrachtet kein absolutes Ziel für alle Menschen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und wer sich dafür entscheidet, dass das ein bisschen unvernünftiger, dafür aber intensiver verläuft, sollte dies tun dürfen. Wer seine Zeitung auch als Hundertjähriger noch täglich lesen möchte, soll darauf genauso hinarbeiten können.

Jedenfalls sollten wir festhalten, dass ein Abweichen von der Norm keine Bedrohung ist. Es ist unsere Freiheit – und manchmal sogar eine Verheißung. In diesem Sinne: Ran ans Müsli. Oder an den Speck.

 

 

Zigaretten-Ekel: Nehmt Spinnen und Minarette

Die Hand wird gierig ausgestreckt. Doch plötzlich bildet sich eine Gänsehaut, Schweiß bricht aus und der Finger verkrampft sich rettungslos. Denn auf dem Objekt der Begierde prangt Ekelhaftes. Mit Schockfotos möchte die EU-Kommission Raucher/-innen von ihrer Tabaksucht wegbekommen. Die Aktion ist gut gemeint, aber viel zu phantasielos.

Geschwüre, verfaulende Gliedmaßen oder schwarzbraune Zähne sind bestimmt nicht appetitlich. Aber im Grunde weiß jeder Raucher, was ihm irgendwann blüht. Er wird beim Einkauf die Augen schließen und die Zigaretten ganz schnell in das schicke Lederetui stecken, das ihm andere Stammgäste seiner Qualmer-Ecke zum Geburtstag geschenkt haben. Wahre Zyniker werden sogar gerne zugreifen und sich darüber freuen, dass diese Sammelfotos eine Gratis-Dreingabe zum Produkt sind. Panini-Bildchen kosten ja.

Trotzdem: Die Sache ist zu kurz gedacht. Wenn es wirklich darum ginge, die Menschen vom Glimmstängel wegzubringen, müsste man die häufigsten Phobien ansprechen. Spinnenbilder etwa wären mit Sicherheit ein Umsatzkiller erster Ordnung. Auch Fliegen stoßen ab. Und wenn schon der Hinweis auf Zahnfäule, dann sollte man nicht die hässlichen Beißer, sondern einen sadistisch grinsenden Zahnarzt mit funkelndem Großbohrer zeigen.

Auch gezieltes Vorgehen lohnt sich. Würden der Inhalt der Zigarettenautomaten am Nürnberger Stadion mit Fotos von Franck Ribery oder Uli Hoeneß bestückt, wäre das mindestens so wirkungsvoll wie die Tofuwürfel-Marlboro neben dem fränkischen Brauereigasthof. Neben Bioläden wiederum müssten Schweinskopfsülzen-Fluppen, neben CSU-Geschäftsstellen Merkel-Ziggis und neben AfD-Büros Minarett-Sargnägel offeriert werden.

Die Abscheu wäre groß. Aber lassen wir das. Sonst kommt die EU noch auf die Idee, Porträts von Alexander Dobrindt auf die Motorhauben neuer Autos sprühen zu lassen. Und das wäre wirklich zuviel des Grauens. Wir bitten um Milde.

 

 

 

Die Welt wird fett. Und wo ist das Problem?

Zu Hilfe: Die Welt wird fett. Wie eine aktuelle Studie ergeben hat, tragen 13 Prozent der erwachsenen Menschen deutlich zu viel Fett mit sich herum. Und dieser Anteil werde weiter steigen. Bis 2025 auf 20 Prozent. Fragt sich bloß: Ist das so ein großes Problem?

Die von internationalen Forscher mittels Daten von 19 Millionen Menschen aus 186 Ländern getroffenen Erkenntnisse haben schließlich eine sehr erfreuliche Kehrseite. Trotz eines stetigen Bevölkerungswachstum ist der Hunger in der Welt zurückgegangen. Vor 40 Jahren gab es noch zwei Mal so viele Untergewichtige wie Fettleibige. Die Not damals war, so darf man annehmen, insgesamt größer.

Natürlich: Es geht auch um Ausbeutung und um die Macht der Konzerne. Industriell erzeugte Lebens- und Genussmittel können in größeren Mengen zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. So landet reichlich geschmackloser Schrott auf den Tellern. Die westliche Industrie verfügt jedoch über ein großes Repertoire an Zusatzstoffen, die zumindest den Schein des Besonderen zu vermitteln mögen. Und die im Idealfall ein bisschen süchtig machen. Zudem darf davon ausgegangen werden, dass sich das Wissen um die Sinnlosigkeit des Rauchens weltweit verbreiten wird. Gut, wenn dann Ersatz-Genüsse da sind.

Zumal dicke Menschen viele Vorteile haben. Wer die Humorlosigkeit von Menschen an Fitnessgeräten die üblichen Atmosphäre bei Wein- oder Landbierverkostungen gegenüberstellt, wird seine bessere Wahl leicht treffen. Fettleibige Menschen schaffen mehr Werte. Vom Verkauf von Laufschuhen kann unsere Wirtschaft nicht leben. Frauenzeitschriften sind ohne Übergewicht schlicht undenkbar. Schließlich: Dicke sind friedlicher. Wer nicht durch die Luke passt, fährt keinen Panzer.

Aber die Lebenserwartung! Hier nähert sich unsere Betrachtung endgültig der Philosophie. Muss es zwingendes Ziel eines sterblichen Wesens sein, so alt wie möglich zu werden? Sterben wahre Helden nicht immer früher? So trauen wir der früh gestorbenen Rock-Legende Lenny Kilmister von Motörhead ohne Weiteres zu, dass er islamistischen Selbstmordattentätern sämtliche paradiesischen Jungfrauen wegschnappt. Welchen himmlischen Job stellen wir uns für Johannes Heesters vor?

Aus alldem ergibt sich ein Punktsieg für die Fettleibigkeit. Bei dem nur die Sorge einer apokalyptischen Katastrophe bleibt, bei der die vielen Milliarden Menschen so schwer geworden sind, dass die Erde so weit aus ihrer Umlaufbahn gedrückt wird, so dass uns ein ewiger Winter kollektiv erfrieren lässt. Aber solche Theorien existieren nur im unmittelbaren Umfeld vegan-marathonischer Sekten. Muss man nicht ernster nehmen als Weisheiten von Donald Trump. Alsdenn: Guten Appetit.

 

Der Tod aus dem Zapfhahn

Nicht sauber, sondern rein. Als Werbespruch für das Waschmittel Ariel propagierte dieser Satz vor knapp fünf Jahrzehnten die säubernde Wirkung von Chemie als große Verheißung. Inzwischen wissen wir, dass nichts reiner ist als unbehandelte Natur. Oder eben jenes Produkt, bei dem Unreinheit quasi per Gesetz verboten ist: Unser Bier.

Und ausgerechnet in diesem Getränk, für das es seit 500 Jahren ein bayerisches  Reinheitsgebot gibt, ist jetzt das Pestizid Gylphosat gefunden worden. Die 14 meistverkauften Sorten wurden getestet, der Giftanteil lag um bis zum 300-fachen über dem für Trinkwasser geltenden Grenzwerten. Kommt der Tod aus dem Zapfhahn?

Notorische Optimisten werden nun sagen, dass ja nur diese sowieso verdächtigen industriellen Massenbiere getestet wurden. Die seien viel gedankenloser produziert als unsere, liebevoll bei Vollmond von Hand angerührten Landbiere. Letztere seien bestimmt nicht nur sauber, sondern mindestens rein.

Glauben mag man das. Aber stimmen dürfte es nicht. Denn Glyphosat ist praktisch überall. 600.000 Tonnen werden pro Jahr auf die Felder gesprüht, am eifrigsten in unserem tollen TTIP-Partnerland , den USA. Bei einer Studie mit Teilnehmern aus 18 europäischen Ländern wurde der Unkrautvernichter in jeder zweiten Urinprobe nachgewiesen. Patente des Monsanto-Konzerns werden von den eigentlich Regierenden eben nicht so leicht angezweifelt.

Gibt es Trost in dieser vergifteten Welt? Sicher. Ein großer Zeitgenosse des Reinheitsgebotes, der Arzt und Apotheker Parcelsus, sagte es so: „Alles ist Gift. Ausschlaggebend ist nur die Menge.“ Womit sich Naturschützer und Suchtbeauftragte in größter Einigkeit die Hände reichen. Wir dürfen hoffen, dass uns unsere tägliche Dosis Pestizid gut bekommt. Politiker, die das Zeug verbieten, wären uns allerdings lieber.

Schnaps tut dem Klima gut

Eure Freudentränen sind getrocknet, Ihr Klimaschützer von Paris. Und wir sind stolz auf Euch. Ihr habt es gut gemacht. Die Erde kann gerettet werden. Danke!

Gönnen wir uns ein paar Momente der Euphorie. Paris kann als erster nicht gescheiterter Welt-Klimagipfel in die Geschichte eingehen. Auch wenn sich die Pessimisten, also die durch Lebenserfahrung klug gewordenen vormaligen Optimisten, alsbald nörgelnd zu Wort melden werden. Sie werden sagen, dass es unseriös wirkt, wenn ein Kongress die künftige Erderwärmung per Abstimmung auf deutlich unter zwei Prozent begrenzt. Das sei ein nettes Signal an die Bewohner aufsaufender Südseeinseln. Allerdings fehle dem Versprechen der klare Plan zum Erreichen dieses Zieles.

Die Pessimisten werden auch anmerken, dass in den Berichten über den Klimagipfel ein äußerst wichtiger Satz immer erst ganz am Schluss erwähnt worden sei: Für Verstöße gegen den Weltrettungs-Vertrag sind keine Sanktionen vorgesehen.

Helfen kann uns – unter Umständen – der Kapitalismus. Dieses Wirtschaftssystem rumpelt zwar ähnlich unrund durch die Welt wie deutsche Fußball-Nationalmannschaften um die Jahrtausendwende. Aber seine grundsätzliche Erkenntnis, dass man die Krone des eigenen Wertekanons, den Profit, durch das Schöpfen von Synergien veredeln kann, darf als nachvollziehbar angesehen werden. Wir sollten also nach Wegen suchen, den als Thema  recht drögen Klimaschutz mit einem höheren Ziel zu verbinden. Etwa mit der Weltgesundheit.

Ein überragendes Beispiel hierfür hat uns gerade eine Aktion im westlich von Hamburg gelegenen Ort 1300-Seelen-Ort Hetlingen geliefert. Unter den Augen einer offiziellen mexikanischen Delegation wurden dort 25.000 Liter gefälschter Tequila, den der Hamburger Zoll beschlagnahmt hatte, in den Faulturm des Klärwerks gekippt. Dort wird der Schnaps verstromt. Man erwartet als Ertrag ungefähr 20 000 Kilowattstunden Strom, was reichen  würde, um ein halbes Dutzend Durchschnittshaushalte ein Jahr lang zu versorgen.

Fassen wir zusammen: Sollten wir bei unserem großen Syrien-Verbündeten Putin reichlich Wodka ordern und diesen zu Strom verarbeiten, werden Männer-Lebern in Ost- und Mitteleuropa millionenfach aufatmen. Das kontinentale Durchschnitts-Alter stiege, die Krankenkassen-Beiträge fielen.

Die Wirtschaft allerdings würde jammern, weil die Leute keine teuren Pillen und andere medizinische Reparaturmaßnahmen mehr brauchen. Tja, wer die Welt retten will, kann es nicht jedem recht machen. Vom Kapitalismus lernen, heißt siegen lernen, lautet unsere Erkenntnis in diesem Fall. Seid doch mal stolz, Ihr Kleingeister. Und weint mit uns ein kleines Freudentränchen…

Currywurst, Du bist entlarvt

Oh Currywurst, wie habe ich Dich geliebt! Wie Du vor mir lagst und mir an der Seite goldgelber Pommes immer nur eines zuriefst: „Nimm mich! Jetzt!“ Doch nun erfahre ich, dass Du mir Böses willst. Du bist eine auf den Teller gelegte Mörderin. Denn Du hilfst meinem fiesesten Feind, dem Krebs.

So sagt es die Weltgesundheitsorganisation WHO. Seit Tagen ist deren  Warnung vor krebserregenden Wurst- und Fleischprodukten das zweite große Thema neben der Flüchtlingsfrage. Doch auch hier gilt: Bloß keine Panik.

Gut gemeinte Hinweise auf falsches oder ungesundes Essen gehören zum Standardrepertoire der globalen Bewusstseins- und Ermahnungsindustrie. Völlerei wird seitens der katholischen Kirche unter den sieben Todsünden gelistet. Wobei eine unserer wichtigsten Schwächen schon im 16. Jahrhundert vom französischen Satiriker Francois Rabelais auf den Punkt gebracht wurde: „Der Appetit kommt beim Essen.“ Wie dem Esel fehlt dem Menschen die genetische Fresshemmung. Er spürt nicht, wann es genug ist. Er muss bewusst Maß halten.

Aber was ist jetzt mit unserem Schnitzel? Hier begegnen wir einem anderen Phänomen. Auch als Erwachsene sind wir bei Bedarf zu kindlicher Naivität fähig. Denn warum sollten Großschlächtereien zwar zu den größten Menschenschindern unserer Arbeitswelt gehören, aber mit ihren Produkten ausschließlich dem Wohlbefinden ihrer Kunden dienen? Im Mittelpunkt des Strebens steht der wirschaftliche Erfolg des Chef-Fleischers und dessen Teilhabern. Qualität gibt es so viel, dass kein Skandal entstehen kann.

Bleibt uns demnach nur veganes Leben? Vor naivem Denken sei auch hier gewarnt. Manche Menschen glauben daran, dass Essen lebensverlängernd wirkt, sobald es außerhalb der Todeszonen der Schlachthöfe gepflückt wurde. Nun pflanzen unsere fleißigen Bohnenerzeuger bestimmt keine Antiobiotika oder Hormonpillen. Aber es gibt Pestizide, weshalb keineswegs sicher ist, dass ein Tofuwürfel mit weniger Dreck in Berührung gekommen ist als eine Scheibe Bierschinken.

Wir sollten also essen, was uns schmeckt. Wir sollten aber nie vergessen, dass in uns ein Esel steckt.

Überwinden wir auch noch unsere Ungerechtigkeit: Liebe Waage, wie habe ich Dich gehasst! Ich war sicher, dass Du böse bist, weil Du tagtäglich gegen meine besten Freunde intrigierst. Doch nun ist die Currywurst entlarvt. Und ich sage: Danke für Alles! Auf Bald! Man wiegt sich!

 

 

Wem gehört die Zeit?

„Gott hat dem Menschen Zeit gegeben. Aber von Eile hat er nichts gesagt.“ So lautet ein türkisches Sprichwort. Das klingt anheimelnd und nett. Doch ist das hier beschriebene Recht auf Faulheit eine Verheißung? Nein! Nie mehr!

Seit Erfindung der Flatrate lebt der moderne Mensch in zwei Welten, analog und digital. Das fordert uns heraus. Um auf jeder Daseinsebene mitmischen zu können, sind wir immer und überall auf Empfang. Wir verpassen nichts mehr und sind allzeit bereit, um unseren Kunden zu dienen. Schließlich sind Beruf und Geld der Maßstab für den Sinn unserer Existenz.

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber reicht uns zu diesem Zweck hilfreich die Hand. In einem Positionspapier hat diese ehrenwerte Vereinigung festgestellt, dass die digitale Welt voller Chancen stecke. Dort gebe es enorme Umsätze und Gewinne, die nur darauf warteten, eingesackt zu werden. Was auch klappe, wenn man nicht zu viele Pausen macht.

Jedoch, es gibt Gesetze. Diese besagen zum Beispiel, dass ein Acht-Stunden-Tag die Regel sein und ein Zehn-Stunden-Tag die absolute Obergrenze sein sollen. Diese verlangen, dass nach spätestens sechs Arbeitsstunden eine Pause von mindestens einer halben Stunde gemacht werden und dass zwischen Arbeitsende und -beginn eine Ruhephase von mindestens elf Stunden liegen muss.

„Nostalgie“, „veraltet“, rufen da die Arbeitgeber. Das Heil der Zukunft sei die Flexibilisierung. Nichtstun ist verschenkte Lebenszeit, wer im Urlaub seine E-Mails nicht wenigstens liest, ist ein unbrauchbarer „Low Performer“.

Man könnte das Richtige tun, nämlich den Arbeitgebern eine lange Nase machen, pünktlich die Firma verlassen und sich gemütlich auf’s Sofa oder in eine Pilsbar setzen. Das wäre richtig, denn niemand ist unendlich belastbar. Und wer Burnout hat, ist im Durchschnitt sieben Wochen krank. Der Marathon im Hamsterrad macht kaputt, ein Dauerkranker kostet bloß.

Aber sieht das diese Gesellschaft so? Als in Nürnberg bekannt wurde, dass im Hauptbahnhof ein Discounter eröffnet und an allen sieben Wochentagen von 6 bis 22 Uhr geöffnet sein soll, erhoben Kirchen und Gewerkschaften zarte Einwände. Gerade am Sonntag müsse das doch nicht sein. Die überwiegende Reaktion des Volkes? Diese überbewerteten, gestrigen Organisationen sollten den Mund halten. Konsumenten wollen Freiheit!

Es scheint, dass das stets erreichbare Smartphone die Massen erfolgreich sozialisiert hat. Aber auch dessen Akku ist mal leer. Wenn also die Frage „Wem gehört die Zeit?“ auftaucht, sollte man gelegentlich einfach „Mir!“ sagen. So viel Luxus muss erlaubt sein.

 

 

Alles neu, oder: Die Liebe der Veganer zur Wurst

Kennen Sie Ferran Adriá? Es handelt sich um den spanischen Koch, der vor gut 20 Jahren damit begonnen hat, Lebensmittel in ungewohnten bis verrückten Erscheinungsformen zu präsentieren. Seine so genannte Molekularküche hat Köche weltweit beeinflusst. Inzwischen hat die Kunst  des kulinarischen Sphärisierens die Luxuszone verlassen und den Markt der Normalsterblichen erreicht.

Zurzeit kommen zwei Zeiterscheinungen zusammen. Im Sommer wird gegrillt. Doch wir leben auch in einer Epoche des gewachsenen Ernährungsbewusstseins sowie der christlich-buddhistischen Sanftheit. Töten ist böse. Also werden wir Vegetarier. Oder noch mehr.

Wo es bisher den Aufruf zur vergnügten Nackensteak- und Sparerib-Party gegeben hat, kommt jetzt die Einladung zum „veganen Weißwurstfrühstück“. Das macht stutzig. Bedeutet das, dass man in dieser Runde die Würste nur anschauen, aber nicht essen darf. Oder sind diese Würste ohne tierisches Eiweiß gemacht? Und tatsächlich: Pflanzliche Grillwurst ist im Kommen, das entsprechende Soja-Produkt eines niedersächsischen Großschlächters hat gerade bei einem Geschmackstest gut abgeschnitten.

Bloß: Wozu die Mühe. Warum ist es für Veganer, die ja tierische Produkte ablehnend, eine Wurst verlockend? Weil unbearbeitetes Tofu wie Quallenrotz aussieht?

Man rätselt, und fragt sich, was passieren würde, wenn querdenkende Veganer und Vegetarier entdecken sollten, dass Fleischgenuss das Non-Plus-Ultra ist. Wird es dann das Wiener Schnitzel als Nachbildung einer Aubergine serviert, wird die Schweinshaxe vor dem Verkauf in einen Blumenkohl verwandelt? Glättet und färbt Ikea seine Kötbullar und legt sie als Tomaten an die Theke?

Niemand weiß das. Sicher ist bloß, dass wir, was das Essen angeht, noch viele Überraschungen erleben werden. Wissen heute die Kinder, dass Kühe lila sind, werden sie in zehn Jahren sehnsuchtsvoll in die Baumkronen schauen, weil sie dort Fischstäbchen vermuten. Wie Essen aussieht – das wird wurst. Ferran Adriá wäre glücklich. Ganz bestimmt.