Heiliger Computer, Du machst uns kaputt

Viel häufiger als früher lesen wir Meldungen, dass es berufstätigen Menschen immer schlechter geht. Das Bruttosozialprodukt wächst kaum noch, der Stress wird größer und größer. Die Leute klagen, sind erschöpft. Manche bringen sich mit Medikamenten auf Trab. Was aber führt zu dieser Entwicklung? Mindestens mitschuldig ist: Der Computer.

Wir wollen nicht in Erinnerungen an die schönen nicht-digitalen Zeiten schwelgen. Früher war nicht bloß besser. Zum Beispiel musste man zum Kauf eines Buches zum Händler laufen. Wer sich verlieben wollte, musste den mühsamen Weg des Balzens oder des Schönsaufens gehen. Für all dies reichen heute ein paar Klicks.

Aber die Computerisierung unseres Daseins hat Schattenseiten. So sind wir gerade auch am Arbeitsplatz zu Sklaven von zumeist US-amerikanischen Programmierern geworden. Für jede Tätigkeit gibt es eine Software. Und wer da meint, seinen Job auch ganz anders machen zu können, täuscht sich.

Ein richtig großes Problem ist die Datensicherheit. Wo digital Werte geschaffen werden, gibt es, wie im analogen Leben auch, böse Leute, die das für ihre Zwecke nutzen wollen. Man versucht, Mitteilungen mitzulesen, Bank-Passwörter zu knacken oder Computer fernzusteuern. Das Abfischen von Daten, um passende Werbelinks zu schicken, ist noch die harmlose Variante. Sowieso hat man den Eindruck, dass viele Hacker eher große Kinder als Gauner sind. Gottseidank.

Trotzdem gilt: Wer über interessantes Material verfügt, muss sich wehren. Also investieren Firmen enorme Geldsummen in antivirale Aktionen und drangsalieren ihre Belegschaft mit Verhaltensregeln. Wenn der antivirale Schutzwall hält, ist alles gut.

Wirklich? Nein, denn diese Kosten müssen irgendwo erarbeitet werden. Die Produktivität muss steigen – und damit der Stress für jeden einzelnen. Und weil es immer mehr Software gibt, die den Hackern ihre Attacken erleichtert, muss immer mehr dagegen unternommen werden.

Die große Verheißung des Digitalen war, dass unser Leben leichter, spannender und demokratischer werden würde. In vielerlei Hinsicht ist das so.  Aber die Nebenwirkungen sind erheblich. Ist Bill Gates also mehr Messias als Teufel? Ist das Internet mehr Verbrechen als Versprechen? Wenn man nachdenkt, kommt man wenigstens ins Grübeln…

(Anmerkung: Dieser Text wurde mit amerikanischer Software an einem Laptop erstellt)

 

 

Ekel-Essen macht uns nur noch stärker

Also sprach meine ehrenamtliche Medienberatung: “Wenn du Klicks willst, musst du über das Dschungelcamp schreiben.”Ja, stimmt schon. Aber irgendetwas in mir sträubt sich. Ich habe nämlich von der aktuellen Staffel nur 15 Minuten gesehen. Sachkunde vorzutäuschen, hieße demnach Lügenpresse sein.

Die wahrhaftige Dschungelcamp-Presse ist die Bild-Zeitung. In ihr habe ich als vermutlich nicht gelogene Meldung gelesen, dass eine gewisse Maren Gilzer einfach alles runterschluckt. Die somit zur Dschungelköniging Gewordene war in den 80-er Jahren eine ausgesprochende Katalog-Schönheit. Nach dem Start des Privatfernsehens drehte sie in einer Sendung namens “Glücksrad” Buchstaben um. Sie war die Händlerin, bei der man ein “E” kaufen konnte. Auch ich fand sie damals nicht unsexy.

Ihr Dschungelcamp-Auftritt ist nicht würdevoll, aber lehrreich. Wir erfahren nämlich, dass den essenden Menschen nahezu nichts umbringt. Auch die ekligsten Körperteile ekliger Tiere haben irgend einen Nährwert. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.

Und um das zu wissen, brauchen wir keinen Dschungel. Eine Pute aus einem ostwestfälischen Mega-Stall ist wohl kaum gesünder als eine Kakerlake aus australischer Freilandhaltung. Also haben wir uns doch nicht so. Probieren wir etwas Neues.

Zumindest eines ist sicher: Der Glaube, dass ein hoher Preis für Qualität bürgt, ist zumindest unter Männern nicht so weit verbreitet. Gemäß einer aktuellen Statistik ist das billige Oettinger das beliebteste Bier der Deutschen. Es siegte knapp vor Krombacher. Jenem Bier, dessen Verkauf schon mal der Aufforstung des brasilianischen Dschungels diente.

Fazit: Wir bleiben uns treu. Vielleicht ekeln wir uns manchmal. Aber wenn, dann bitte bodenständig.

 

 

 

 

 

Kontrolle macht das Leben unsüß

Egal, was da kommen mag: Wir haben alles unter Kontrolle. Vor allem uns selbst.

Der moderne Mensch ist ein Gefangener des so genannten Benchmarkings, also des Vergleichens mit ähnlichen Menschen oder Konkurrenten. Begonnen hat diese Zeiterscheinung in der Arbeitswelt. In manchen Unternehmen sind Controller, die Zahlen lesen und/oder interpretieren, inzwischen zahlreicher und mächtiger als jene Beschäftigten, die tatsächlich etwas produzieren. Die Frage, ob Tätigkeiten auf die richtigen Kostenstellen geschrieben sind, ist heute von überragender Bedeutung.

Das färbt ab. Deshalb wächst auch in jedem von uns die Angst, etwas Unvernünftiges oder zu wenig Vernüpftiges zu tun. Wir wollen gut, wir wollen besser sein als andere. Was wiederum nie so einfach wie heute war, haben wir doch Smartphones, die uns kontrollieren und uns zu Spitzenleistungen antreiben. Da gibt es eine Jogging-App, die es uns erlaubt, noch vor dem Duschen allen Freundinnen und Freunden mitzuteilen, dass wir gerade 6,8 Kilometer durch den Wald getrabt sind. Schrittzähler teilen uns jeden Abend mit, ob wir die von der Weltgesundheitsorganisation ermpfohlene Zahl von Schritten gegangen sind. Mit Hilfe der beliebten Sixpack-App verwandeln wir Bauchfett in Muskelstränge.

Bei alldem werden Daten über uns gesammelt. Und dafür gibt es Interessenten. So hat die Generali Lebensversicherung bekannt gegeben, dass sie Fitnessdaten ihrer Kunden abgreifen möchte. Der Konzern wolle, so die für die Masse der Naiven formulierte Begründung, seine Beitragszahler dabei unterstützen, sich selbst und aktiv um ihre Gesundheit zu kümmern. Wer eifrig rennt, springt und sich dehnt, soll mit Gutscheinen für Rei­sen und fürs Fitnessstudio belohnt werden. Im nächs­ten Schritt seien Rabatte bei den Versicherungsprämien möglich.

Oder auch nicht. Wir müssten doch bescheuert sein, unsere Daten ausgerechnet denen zu geben, die uns für möglichst viel Geld eine möglichst geringe Leistung bieten wollen. Lassen wir das – und vergessen wir nicht: Sinnloses, lustvoll getan, kann ungemein gesund sein. Einfach, weil Kontrollverlust auch mal Freude macht. Also, liebe Generali, sei leise und teste Dich selber. Deine Controller sind bereit.

Wir werden angefüttert – analog und digital

Es soll immer noch Leute geben, die an das Gute im Kapitalismus glauben. Die meinen, dass unsere versammelten Weltmarktführer und sonstigen Großunternehmen vor allem das Wohl der Menschen im Auge haben. Welch ein Irrtum!

Jüngster Beweis: Aldi hat die Preise für Pommes frites, Kroketten und Zucker dramatisch gesenkt. Der Discounter setzt damit einen Trend, dem sich, nach allem was wir wissen, die anderen Händler anschließen werden.

Ausgerechnet Pommes! Ausgerechnet Zucker! Diese Preissenkungen bedeuten doch nichts anderes, als dass die Lebensmittelhändler die Zeit des Abnehmens für beendet erklären. Man will uns anfüttern für die beginnende Vorweihnachtszeit. Wir sollen uns mit billigen Kohlehydraten zudröhnen, wir sollen Lust auf Süßes bekommen, sollen bereit sein für Kroketten, Nuss  und Mandelkern.

Derart auf Kalorienzufuhr konditioniert werden wir an Gewicht zulegen – um dann nach den Festtagen wieder in eine der zahllosen Diät-Programme einzusteigen.

Jede Wette: Aldi und Co. werden uns ab Februar mit stark verbilligten Sportklamotten überraschen. Vielleicht stellen sie selbst Fatburner in Dosen ins Regal. Oder sie bekommen Erfolgsprämien von Apotheken und halbseidenen Eiweiß-Versendern.

Womit wir bei Jaron Lanier wären. Der Web-Pionier und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels prangert die Auswüchse in der digitalen Welt an. Insbesondere kritisiert er, dass die großen Internetkonzerne schamlos Geld mit Daten verdienen, die ihnen eigentlich nicht gehören. Indem sie unsere Bedürfnisse ausforschen und dieses Wissen an Verkäufer aller Art weitergeben.

Ja, empören wir uns ruhig über die üblen Machenschaften der Googles und Facebooks. Denken wir aber auch daran: Verarsche funktioniert nicht nur über Algorithmen. Sondern auch über Essbares, das in Pappkartons in Blechregale gestellt ist.

Was bleibt, ist eine ewige Wahrheit. Die Händler dieser Welt, ob analog oder digital, wollen immer unser Bestes: unser Geld.

Apple hilf: Wir haben keine Zeit!

Ich habe keine Zeit! Wahrscheinlich gibt es kein Gefühl, das die Menschen in diesem Land mehr verbindet. 35-Stunden-Woche? 30 Tage Urlaub? Egal, wir glauben fest daran, dass unser Leben viel zu eilig an uns vorbeirauscht. Nicht wir haben unser Dasein im Griff, sondern die Zeiger der Uhr.

Somit ist es absolut zeitgemäß, wenn uns die Firma Apple ein Smartphone als Armbanduhr anbietet. Dorthin schauen wir ohnehin dauernd. Und da dieses Gerät fest mit dem Besitzer verbunden ist, hilft es uns mehr als jedes Handy in unserem Bemühen um Effizienz. Schließlich muss, wer keine Zeit hat, zusehen, dass er welche freischaufelt. Was natürlich leichter ist, wenn man weiß, wie viel Zeit man für welche Tätigkeit verschwendet.

Für den Durchschnittsmenschen gibt es neuerdings belastbare Werte. So will eine britische Organisation namens Macmillan Cancer Support herausgefunden haben, dass der Westeuropäer pro Jahr 6,8 Tage auf dem Klo sitzt. Was man durch das Abschrauben der Schüssel ändern könnte. Auf dem Stehklo geht’s nämlich schneller. Nur unwesentlich länger, nämlich 7,9 Tage pro Jahr, sucht der Mensch nach irgendetwas. Meine iWatch würde hier einen deutlich höheren Wert anzeigen.

Angeblich 11,9 Tage pro Jahr wird unsere Wäsche gewaschen. Fast genauso lange, nämlich 11,3 Tage, sind wir nach dieser Statistik erkältet.

Und wir warten und warten: So stehen wir 2,3 Tage pro Jahr für irgendetwas in der Schlange. Wir warten 2,2 Tage darauf, dass die Ampel von Rot auf Grün springt. Schließlich hängen wir 1,7 Tage pro Jahr in einer Telefonwarteschleife. Welche ja wiederum eine Erfindung der Neuzeit ist.

Alleine für diese wunderbaren Tätigkeiten ist somit rechnerisch ein Jahresurlaub zu opfern. Unglaublich – und deshalb brauchen wir die Apple-Uhr, damit wir alles registrieren, analysieren und gnadenlos benchmarken können. Denn Zeitgewinn macht glücklich.

Wobei: Ein bisschen droht auch hier der Dobrindt-Maut-Effekt. Es könnte nämlich sein, dass das Erfassen und Auswerten der Daten mehr Zeit verschlingt, als man durch Effizienz  gewinnen kann. Verschieben werden sich die Messwerte sowieso. Weil immer mehr Menschen immer öfter auf die Uhr schauen, werden wir mehr Zeit als bisher mit Ellenbogen-Operationen verbringen. Aber vielleicht sind wir dann seltener erkältet…

 

 

 

Die Welt redet über Glatzen – praktisch sind sie allemal

Wenn wir darüber philosophieren, mit welchen Äußerlichkeiten sich besonders viele Menschen besonders intensiv beschäftigen, riecht es schnell nach Frauenfeindlichkeit. Es würde wohl darum gehen, worüber man(n) halt so redet. Aber es gibt auch ein Schönheitsproblem der Männer, das in fast allen Kulturen der Welt ein Thema ist: die Glatze.

Wie sehr Haarausfall zu globalem Leid führt, wurde jetzt am Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie der Universität Bonn erforscht. Anhand von Bildern unterschiedlich ausgeprägter männlicher Glatzen konnten deren Forscher nachweisen, dass es im Deutschen, Amerikanischen und Japanischen erstaunlich ähnliche Vorstellungen zum Beispiel vom Begriff „Geheimratsecken“ gibt.

Im Amerikanischen heißt die lichte Stirn „widow’s peak“ also “Witwenspitze”. Japaner sagen „emu jigata hage”, soviel wie „M-Form-Glatze“. Der „Kahlkopf“ im Deutschen wird im Englischen „bald“ und im Japanischen „tsurutsuru atama“ genannt – glänzender oder rutschiger Kopf. Große Einigkeit herrschte bei den internationalen Teilnehmern der Studie auch darüber,  ab wann der Haarausfall beginnt und wo er in einen Kahlkopf mündet. Alle wissen Bescheid. Und alle reden darüber.

Die Glatze ist somit wie Knoblauch. Man muss sie ertragen. Aber man kann sich damit trösten, dass ein kahler Kopf ganz praktisch ist. Für die Pflege reichen ein kleiner Plastikkamm und ein Spritzer Möbelpolitur. Man ist davor gefeit, dass einem der Starfriseur flaschenweise Haarpflege-Spezialmittelchen aufschwätzt. Man ist im Bad schneller fertig und muss sich keine Sorgen machen, dass man sich durch das Tragen einer Mütze die Frisur ruiniert.  Man hat tendenziell weniger Schuppen auf den Schultern und seltenst Haare in der Suppe.
Wenn wir also wieder mal unsere Restbestände im Spiegel sehen, grinsen wir einfach frech zurück. Haarausfall signalisiert Lebenserfahrung, Klugheit und Wohlstand. Seien wir stolz und folgen wir einem kleinen Gedicht: Der Glatzkopf der die Glatze fönt, hat mit dem Schicksal sich versöhnt! Was aber ist mit den Sprachforschern in Bonn? Ihnen huldigen wir mit einem Witz: Wann sagen Chinesen mit Glatze “Guten Morgen”? Antwort: Wenn sie Deutsch können.

 

 

 

Keine Angst, es kann nur besser werden…

Wohin das Auge schaut: Krisen, Krisen, Krisen. In diesen Tagen ist jede Facette abgedeckt. Von Kriegen über scheinbar religiös motivierten Massenmord über Minuswachstum in den Nachbarländern und jetzt auch wachsende Sorgen um unsere so erfolgreiche Exportökonomie. Wäre es da nicht logisch, dass uns das Lächeln gefriert, dass wir allesamt Merkel’sche Stress-Mundwinkel ausbilden? Aber nein. Warum denn auch?

Bleiben wir Realisten. Wir haben das Alte Testament gelesen. Von daher ist uns bewusst, dass wir nicht auf dieser Welt sind, um eine lebenslange Non-Stop-Party zu feiern. Ja, als wir jung waren, bot sich unseren Augen ein weites Feld der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir waren sicher, dass uns nichts und niemand würde aufhalten können. Wir trugen jenen Optimismus in uns, den uns zahllose Autoren in noch zahlloseren Büchern zu vermitteln versuchen. Das Stichwort “Optimist” sorgt bei amazon.de für 604 Treffer. Ganz oben steht ein Ratgeber, wie sich “Schwarzmaler im Hirn” überlisten lassen. Wir erfahren, dass ein Optimist in jedem steckt und dass es gut ist, den Weg des Glücks zu gehen. Denn: “Optimisten leben länger.”

Ratgeber leiten uns an, wie wir wahlweise in sieben oder 30 Tagen zum Optimisten werden. Wir können nachlesen, dass Freude auf die Zukunft zu einer stolzen Haltung führt. Und dass gute Gedanken Sex haben. Sie vermehren sich angeblich und gebären immer neue Glücks-Kinder. Optimisten sind in diesen Büchern erfolgreicher, leben besser, sind gesünder und schöner.

Papperlapapp. Unbekümmertheit lernen zu wollen, hat etwas Zwanghaftes. Richtig hingegen ist der Satz: “Pessimisten sind Optimisten mit Lebenserfahrung.” Denn in keinem Leben geht es immer nur bergauf. Bedeutende Politiker werden abgewählt, berühmte Schauspieler kriegen keine Rolle mehr, famosen Fußballern reißt irgendwann das Kreuzband. Immer wieder gibt es Rückschläge oder Verluste, also Prüfungen, die wir mehr oder weniger gut bestehen.

Ein glücklicher Pessimist ist der, der trotz allem den Kopf oben behält und einen neuen Anlauf für seine Ziele unternimmt. Wobei er eben nicht das irdische Nirwana anstrebt  sondern ein neues Stolpern oder gar Scheitern für möglich hält.

Ganz nach dem Motto: Wenn etwas schiefgeht, ist die Hoffnung doch nicht weg. Oder anders gesagt: “Jetzt kann es nur noch besser werden” ist ein wunderbarer Satz.

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es “Savoir vivre”. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass “kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist”. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!

 

 

 

Unrecht, dein Name ist E-Bike

Das Unrecht hat viele Gesichter. Und manchmal tarnt es sich als Fortschritt. So wie das E-Bike beziehungsweise Pedelec. Dabei ist es eine Bedrohung für die mentale Gesundheit dieser Gesellschaft.

Diese Zweiradversion ist ein riesiger Erfolg. Während in Deutschland bislang nur rund 12.000 der mutmaßlich klimarettenden Elektroautos zugelassen sind, schnellen die Verkaufszahlen für die Fahrräder mit Hilfsmotor in jährlichen Zehn-Prozent-Sprüngen nach oben. 380.000 Stück wurden 2012 in Deutschland verkauft. Von den Autoherstellern schneidet nur VW besser ab. Man sieht: Hier rollt ein wahrer Trend.

Zwangsläufig fragt man sich: Warum haben Guido Westerwelle und Rainer Brüderle nichts dagegen getan? Das E-Bike steht wie kaum ein anderes Produkt für anstrengungslosen Erfolg. Es verhöhnt das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft, es ist spätrömische Dekadenz mit Pedalen.

Und hat noch keiner an das Leid, an die massenhafte Demoralisierung der wirklichen Radfahrer gedacht? Da hat ein Mann jahrelang trainiert, um sein Rennrad flott bewegen zu können. Er strampelt heftig, vielleicht ein bisschen keuchend – um dann von seiner 75-jährigen Nachbarin überholt zu werden, die aufrecht sitzend ihren Blumenkohl nach Hause  fährt. Was geht in diesem Radler vor, was denkt er? “Leistung muss sich wieder lohnen” bestimmt nicht. “Wer betrügt, fliegt” schon eher.

Unrecht sieht aber auch so aus: Für die Fahrer/-innen von Mofas, die laut Straßenverkehrsordnung 25 km/h schnell sein dürfen, gilt die gesetzliche Helmpflicht. Pedelec-Strampler, die mit bis zu 40 km/h das Geschwindigkeitslimit jeder Tempo-30-Zone atomisieren können, dürfen die Köpfe ungeschützt nach oben recken. Und ein Nummernschild brauchen sie auch nicht.

Diese Gesellschaft wird älter, die Zahl der schnellen Rentner/-innen wird steigen und steigen. Die Radwege werden nur langsam besser.

Wir alle wissen also, was uns mittelfristig blüht. Sage keiner, er hätte es nicht gewusst.

Man isst nur mit den Augen gut

Wir wissen es doch. Uns ist klar, dass es mit uns ein böses Ende nehmen wird. Weil wir nicht aufhören, uns ungesund und dabei auch noch  maßlos zu ernähren. Warum ändern wir uns nicht? Die Antwort: Erstens, weil wir es nicht können.  Zweitens, weil das Abspecken uns gar nicht gut tut.

‘Diät bedeutet meistens Zwang. Wir sollen nach “Low-Carb” oder “Low-Fat” streben. Wir sollen lernen, rechtzeitig vor dem ersten Biss den glykämischen Index unseres Essens zu ermitteln. Entscheidend ist ja die  Wirkung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel auf unseren Blutzuckerspiegel. Wir denken beim Einkaufen daran, dass unsere Blutgruppe darüber entscheidet, wie gut wir unsere Nahrung verarbeiten. Wir betreiben Dinner-Cancelling und sitzen unerotisch gelaunt bei Kerzenlicht vor leeren Tellern.

Wir kosten Steinzeiternährung mit Fisch und Nüssen, testen an die KFZ-Diät, bei der Fette und Kohlehydrate getrennt werden. Weil wir Fett mögen, freut uns die Existenz der österreichischen Lutz-Diät, die genau diesen Nahrungsbestandteil erlaubt. Wir geben “Kohlsuppe” bei Google ein, um uns schließlich per Fernhypnose eintrichtern zu lassen, dass Kartoffelchips und Salzstangen wie Hundescheiße aussehen.

Womit wir beim Kern des Problems angelangt sind. Liebe geht durch den Magen, Appetit geht durch die Augen. Wie Wissenschaftler des  Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin gerade festgestellt haben, machen wir es uns am liebsten möglichst einfach. Wir wollen uns die ganzen Spezialfragen eben nicht stellen. Sondern wir entscheiden, wie eine Studie unter Kantinenbesuchern ergeben hat, ganz einfach mit den Augen.

Was gut aussieht oder uns vertraut vorkommt, wird mit Genuss verzehrt. Ein paniertes Schnitzel schmeckt uns also auch dann, wenn es unter der goldbraunen Kruste aus Dachpappe besteht. Forscher nennen dieses Vertrauen in das Bekannte “Adaptive Rationalität”.

Und das ist auch in Ordnung. Denn Hungern macht nicht nur nicht glücklich, sondern krank. „Dicke Menschen leben länger“, versichert etwa  der Lübecker Forscher und Adipositas-Spezialist Achim Peters anlässlich des Anti-Diät-Tages am 6. Mai. Stress sei viel schlimmer als Übergewicht. Wer ständig mit seinem Dasein oder auch mit seinem Gewicht hadere, leide unter einem ständig erhöhten Pegel des Stresshormons Cortisol. Andere Menschen kompensierten die Mühen des Lebens mit vermehrtem Essen. Und seien glücklich, weshalb der Forscher sein Buch „Mythos Übergewicht – Warum dicke Menschen länger leben“ genannt hat.

Was für ein schöner Titel!  Achim Peters und der 6. Mai – sie leben hoch!