Jetzt neu: Hass auf die Lügenmeteorologen

Wie schön, die Medien können aufatmen. Seit Rosenmontag gerät die Presse zumindest in den Karnevalshochburgen aus dem Visier der Besorgten und  Unzufriedenen. Nicht die gleichgeschalteten Journalisten haben mit den Mächtigen gekungelt: Es waren die „Lügenmeteorologen“.

Für viele Menschen ist klar: Die professionellen Wetterfrösche haben Stürme vorhergesagt, um das Volk vom Feiern abzuhalten. Wir wurden belogen, weil die Politik Angst davor hatte, dass ein Karnevalsumzug von Terroristen attackiert werden könnte oder dass unbescholtene Jeckinnen von schmierigen Fingern begrapscht werden könnte. Erfahrene Gardemädchen kennen das zwar, aber in ihrem Fall fummeln eher Präsidenten und Elferräte. Und die dürfen das.

An die Gefahr verheerender Windstöße glaubt doch keiner. Das Fälschen von Wetterberichten wurde vom rumänischen Ex-Diktator Nicolae Ceaucescu virtuos betrieben. Das Fachwissen  sozialistischer Systeme indes verschwindet nie ganz. Die Vorratsdatenspeicherung beweist es.

Doch gibt es pegida-ähnlichen Zorn wegen abgesagter Karnevalsumzüge? Wer das beurteilen will, schaut am besten auf die Facebook-Seiten wahlkämpfender Politikerinnen. So steht bei der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer unter anderem Folgendes: „Wenn ich das schon lese… Das Wohl der Menschen… Schliessen sie die Grenzen endlich, dann haben sie mal was sinnvolles gemacht! für das Wohl der Menschen in Deutschland!!!.“ Oder: „Und sowas verlogenes soll das Volk Wählen ???„.

Bei ihrer Gegenkandidat Julia Klöckner klingt das so: „Ja, ja, was ein Zufall – der Sturm. Oder sollten es eher erhebliche Sicherheitsbedenken anderer Art gewesen sein? Für wie bescheuert hält die Politik die Bürger eigentlich?????.“ Oder: „Ich wohne in Mainz. Hier weht kein laues Lüftchen!!!! Die haben nur Angst, dass vor der Wahl etwas passiert und die Leute dann AFD wählen.“

Wir schlussfolgern: Wir sind nicht nur das Volk, sondern ab sofort auch das Wetter. Vor einer Lüge sollten wir uns jedoch hüten: Über Sonnenschein, Regen, Schnee oder Wind entscheidet nicht Frauke Petry. Petrus ist zuständig. Immer noch.

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Was ist deutsch?

Diese schwierigen Zeiten haben etwas Gutes. Sie bringen uns zum Philosophieren über wahre Werte, unser Denken und Reden wird tiefschürfender. Denn wir müssen klären, wer wir Deutschen sind und wie Flüchtlinge werden müssen, damit sie irgendwann dazugehören. Es geht um den Fortbestand der „deutschen Leitkultur“.

Alsdenn: Was ist das? Wer oder was steht für diese „deutsche Leitkultur“? Um das herauszufinden, sollten wir den zeitlichen Rahmen unseres Definitionsversuches abstecken. Nicht anzuzweifeln ist ja, dass unser aller Ureltern Afrikaner waren. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens unaufhaltsam aus. Die Umstellung von Jagd auf Ackerbau und Viehzucht – was der betont agrarfreundlichen CSU immer sehr geholfen hat – erfolgte auf dem Gebiet des heutigen Syrien beziehungsweise Irak.

So weit sollten wir nicht ausholen. Zwingend werden wir jedoch anerkennen müssen, dass der Kaffee aus Arabien und die Kartoffel aus Südmerika zu uns gekommen sind. Die Erfindung des Bieres können wir auch nicht für uns beanspruchen. So zeigt das Neue Museum in Berlin die vor rund 3750 Jahren modellierte Figur eines ägyptischen Bierbrauers.

Reindeutsch sind Tore von Thomas Müller und Götze sowie Flugparaden von Neuer. Was aber ist mit Treffern von Özil oder Podolski? Helene Fischer wirkt geradezu nibelungenblond, stammt aber aus Kasachstan. Bushido – einer von uns? Gut möglich, einen Integrationspreis hat er ja bekommen.

Erschließt sich die Kultur über unsere Tugenden? Pünktlichkeit? Leider durch Berliner Flughafen und Elbphilharmonie widerlegt. Ehrlichkeit? Man schaue auf Volkswagen und Uli Hoeneß. Großartiger Erfindergeist? Die Pkw-Maut lässt uns zweifeln. Wir sind christlich? Dann dürften wir Bedürftige nicht zurückweisen. Wir sind für Frauenrechte? Die Zahl der Chefinnen in unseren Firmen sagt etwas anderes.

Aus all diesen Aspekten ergibt sich: Um eine wirklich gute deutsche Leitkultur formulieren zu können, müssten wir einige als besonders deutsch oder bayerisch geltende Persönlichkeiten abschieben. Das zieht sich allerdings, aus rechtlichen Gründen. Also sollten wir uns zunächst auf folgenden Grundkonsens einigen: Der Genuss von Schweinefleisch und Alkohol ist unantastbar. Wenn das vereinbart ist, ist der größte Ärger weg. Wir philosophieren fortan ohne Stress. Und das kann nur gut sein.

Reich sein ist nicht so einfach

Oh Unrecht, wie bist du groß! Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dem reichsten Prozent gehört mehr als dem ganzen großen Rest. So sagt es die soziale Organisation Oxfam. Wir schauen auf diese Nachricht mit großer Empörung und ziemlichem Neid. Aber seien wir barmherzig. Reich sein ist nicht so einfach.

Zunächst müssen wir einen immer noch weit verbreiteten Irrtum überwinden: Der Kapitalismus ist dem Wesen nach nicht sozial. Die Gierigsten sind seine Helden. Man muss ihn – mit wirksamen Gesetzen – menschenfreundlich formen.

Nun hat unsere Marktwirtschaft mehr abhängig Beschäftigten zur eigenen Doppelhaushälfte verholfen als jedes realsozialistische System. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends unsozial geworden. Staatliche Vorschriften wurden zurückgefahren, verrückt spekulierende Banken wurden gerettet, verschärfte Kontrollen und Zwangsmaßnahmen wurden für die Arbeitslosen eingeführt. In der Diskussion wirkte es manchmal so, als seien diejenigen, die nichts besitzen, die rücksichtslosesten Ausbeuter der Gesellschaft.

Doch wozu der Neid? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mensch sieht sich auf der Sonnenseite des Schicksals. Aber wie bei jedem Glück lässt das nach, wenn es zur Routine wird. Der Reiche lebt tendenziell in Angst. Er hat ja viel zu verlieren. Sowieso ist er vom Reichtum überfordert.

Nehmen wir einen 60-Jährigen, zehn Milliarden Euro schweren Mann.  Würde er keinen Cent mehr dazuverdienen, müsste er bis zum seinem Ableben im 90. Lebensjahr täglich 913.000 Euro ausgeben, um sein Vermögen komplett aufzubrauchen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er zum 80. Geburtstag eine 25-jährige Luxusfrau heiraten muss, um auf Glitzer-Partys auch mit Rollator noch willkommen zu sein, kann der Geldspeicher kaum komplett geleert werden. Und die junge Frau, der die Integration in die Gesellschaft durch eigene Arbeit verwehrt bleibt, wird ihn zusehends spüren lassen, dass sie ihn statt im Ehebett lieber in einem Sarg sähe.

Unser Fazit in zwei Sätzen lautet also: Übergroßer Reichtum ist sinnlos. Bittere Armut ist ein Skandal. Zwingen wir das Kapital also ruhig zur Rücksichtnahme, zum Beispiel durch höhere Steuern. Ganz sicher: Es ist das Beste für alle.

 

 

Köln kann überall sein

Seit Tagen also Köln. Die gewalttägigen Exzesse der dortigen Silvesternacht wirken ungewöhnlich lange nach. Warum berühren sie uns so sehr? Wahrscheinlich, weil wir Betroffenheit empfinden. Weil wir das Gefühl haben, dass Derartiges auch in unserer Nähe hätte passieren können und in Zukunft möglich ist.

Um zu wissen, dass das stimmt, muss man bloß den Wahnsinn einer Silvesternacht aus der Nähe erlebt haben. Auch bei uns in Nürnberg wurde auf manchen Plätzen oder Kreuzungen wie irrsinnig geknallt. Das ist ja gesellschaftlich geduldet. Klar ist auch: Wenn in einem solchen Pulverdampf Straftaten begangen werden, kann keine noch so gute Videoüberwachung alle Täter sicher identifizieren.

Es macht den Eindruck, als dass der Hang zum verabredeten Exzess in Verbindung mit völliger Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen zugenommen hat. Der Alltag prickelt nicht, also lässt man bei passender Gelegenheit die Sau raus. Man denke nur an den Nürnberger Fußballfan, der  im August 2014 einen Feuerlöscher gegen einen entgegenkommenden U-Bahn-Zug geschleudert hat. Seine Fahrerin hätte getötet werden können. Sie ist bis heute traumatisiert.

Die Brutalität der Silvesternacht hat mit Herkunft und kulturellen Prägungen zu tun. In etlichen Weltregionen sind Frauen wenig oder nichts wert. Das wurde von Migranten im dortigen Chaos ganz offensichtlich ausgelebt.

Beim Blick auf die Fremden dürfen unsere „deutschen“ Probleme nicht übersehen werden. Eine wachsende Gruppe junger Männer befindet sich auf Realitätsflucht. Diese sitzen vor ihren Computern und interessieren sich für die drei großen S – Spiele, Sport und Sex. Das unmittelbare Gespür für andere Menschen geht ihnen verloren.

Und wir erleben die Folgen der neoliberalen Phase der 90-er Jahre. Die Botschaft, dass der freie Markt alles besser regeln kann, als das träge Beamtentum, wirkt sich bis heute aus. Öffentliche Dienste, sei es als Polizei, sei als Sozialarbeit, wurden zu Randthemen der Politik und wurden immer schlechter ausgestattet. Man brauche das nicht mehr, glaubte man. Wie falsch das war, zeigt sich heute.

Wobei die Diskussion wenigstens in zweierlei Hinsicht in eine falsche Richtung geht. Da sind zunächst jene Politiker/-innen oder anderen Lautsprecher, die so tun, als gebe es für das Problem die schnelle Lösung. Ausländische Straftäter quasi im Vorbeigehen abschieben, funktioniert nicht. Zuvor muss es ein entsprechend hartes Gerichtsurteil geben. Taschendiebe oder Grabscher werden nicht ins Ursprungsland zurückgeschickt.

Kritisch sind aber auch Debattenbeiträge zu sehen, wonach Frauen per se beschützenswerte Wesen seien, um die sich die Gesellschaft kümmern müsste. Das weist ihnen kollektiv die Opferrolle zu und hilft nicht wirklich.

Tatsächlich geht es um den eigentlich natürlichen Respekt vor der Würde und der Gesundheit anderer Menschen. Dieser fehlt zu oft. Wir sollten un einig sein: Wer ihn erst lernen muss, muss die passenden Hilfen  bekommen. Und wenn es ein Aufenthalt im Knast ist…

 

 

 

 

Politiker/-innen

 

Kauf-Getümmel hilft uns gegen Seelennot

Wir leben in schweren Zeiten. Das hat uns unser ranghöchster Weihnachtsredner, Bundespräsident Joachim Gauck, in sorgsam gesetzten Worten nähergebracht. Doch wir spüren es auch selbst. Es geht uns gut, aber die Not ist nah. Also brauchen wir Vorräte.

Und nun ist uns aufgefallen, dass die normalen Geschäfte seit Heiligabend-Nachmittag für drei Tage geschlossen haben. Drei Tage ohne Nachschub! Wie soll das gehen? Doch seit diesem Jahr gibt es in Nürnberg die Rettung: Den Lidl-Markt im Untergeschoss des Hauptbahnhofes. Dieser hat täglich geöffnet, von früh bis spät, bei Sonne, Wolken, Schnee und Eis.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag explodierte dort die Nachfrage. Kaufhungrige Menschen bildeten eine lange Schlange. Der Laden war derart voll, dass die Sicherheitskräfte die Ampeln auf Rot stellten. Wer zu Cola, Chips oder abgepacktem Hackfleisch wollte, musste warten, ganz wie damals im Osten.

Wundern muss man sich nicht. Der zunächst umstrittene Lidl im Hauptbahnhof hat sich als Geschenk an die Nürnberger Stadtgesellschaft erwiesen. Dem Vernehmen nach liegt sein Umsatz um 30 Prozent über dem Durchschnitt der anderen Lidl-Filialen. Der Laden hat 60 Beschäftigte und produziert mehr Brot und Brötchen als ein halbes Dutzend handwerkliche Bäcker zusammen. Wahnsinn ist dort oft.

Aber warum an Weihnachten zu Lidl? Vielleicht muss man die Sache philosophisch betrachten. Im Dezember ist es uns nicht nach Autowaschen, der Samstag als Badetag ist zusammen mit anderen Traditionen verschwunden. Heimwerken geht am Feiertag zwecks lärmempfindlicher Nachbarn nicht, die Fußball-Bundesliga ist in der Winterpause. Und: Die Begegnungen mit der Verwandtschaft sind überstanden.

Ereignislosigkeit jedoch ist für den digital beschleunigten Menschen das größte denkbare Gift. In der Ruhe begegnet er zunächst sich selbst und dann seiner eigenen Endlichkeit. Er wird mit dem undenkbaren Gedanken an sein unweigerlich kommendes Nicht-Sein konfrontiert.

Das hält nicht jeder aus. Wann aber lebt der Mensch im real existierenden Kapitalismus mehr, als in Momenten des gemeinsamen Konsums? Also geht es rein ins Getümmel – und wir sollten das verstehen. Gut, es gibt auch diesen Satz: „Die Langeweile ist die Not derer, die keine Not kennen.“ Aber das ist ein deutsches Sprichwort, aus der Vor-Computer-Zeit. Also einfach bloß analog. Pfui!

Die Flucht endet im sprachsensiblen Ohr

„Ein Flüchtling zu sein, ist von großem Nutzen. Da ist man der Wirklichkeit viel näher.“ Der Dalai Lama muss es wissen, zählt er doch zu den prominentesten Heimatvertriebenen dieses Planeten. Unserem Dauerthema dieses Jahres fügt er so eine überraschende Betrachtung hinzu. Facettenreich ist das Wort sowieso.

Das findet auch die Gesellschaft für Deutsche Sprache, weshalb sie „Flüchtlinge“ zum Wort des Jahres gewählt hat.  Nach Ansicht der Forscher führt die Zusammensetzung aus dem Verb flüchten und dem Ableitungssuffix -ling dazu, dass das Wort für „sprachsensible Ohren“ abschätzig klinge. Das sei auch bei Begriffen wie Eindringling, Emporkömmling oder Schreiberling so.

Vielleicht ist der Grund aber auch, dass Flüchtling durch andere Umstände zurecht schlecht angesehen sind. Nehmen wir den Steuerflüchtling. Es gibt zwar die verbreitete Meinung, dass es sich beim Betrug am Staat um eine lässliche Sünde handle. Insbesondere bei Prominenten, welche unzumutbar hohe Summen abführen müssten. Das denken aber nur Menschen, die nicht so weit denken, dass sie selbst Teil des Staates sind, und das vom Flüchtling Gesparte mitfinanzieren müssen.

In der Arbeitswelt wiederum gibt es den Tarifflüchtling. Hier handelt es sich um zumeist angesehene Unternehmer-Persönlichkeiten, die irgendwann entscheiden, dass das für sie arbeitende Humankapital  als lästiger Kostenfaktor betrachtet werden müsse. Dieses sei dem Wesen nach nutzlos und deshalb sowieso überbezahlt. Der Tarifflüchtling greift den Menschen in die Tasche und sorgt zudem dafür, dass seine anständigen Kollegen nicht mehr konkurrenzfähig sind und in seinem Sinne nachziehen. Dass Arbeit etwas wert ist, interessiert diesen Flüchtling nur am Rande.

Schließlich gibt es den Realitätsflüchtling, welcher allerdings – solange er nicht zu Pegida schlurft – harmlos ist. Ihm reichen ja ein Sofa, Dosenbier, Chips sowie Bundesliga- und Porno-Flatrate zum Leben.  Gäbe es ihn nicht, die Welt würde es nicht bemerken.

Wahrscheinlich aber waren letztere Flüchtlinge bei der Wahl zum Wort des Jahres nicht gemeint. Seien wir also fair und nennen die Zuwanderer sprachlich fair „Geflüchtete“. Die anderen Zeitgenossen sollten ihre Bezeichnungen behalten. Sie haben sich unseren Zorn ja redlich verdient…

 

 

Burka-Frauen, zeigt das Gesicht!

Eine wissenschaftliche Studie über Islam-Diskussionen brächte wahrscheinlich dieses Ergebnis: Spätestens nach 24 Minuten fällt das Stichwort „Burkaverbot“. Das Warnen vor der Bedrohung der abendländischen Kultur durch weibliche Ganzkörper-Verhüllung gehört einfach zum Repertoire der Religionskritiker. Zuletzt äußerte sich dazu die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner.

„Es passt nicht in unsere Kultur, sich zu verbergen – und es widerspricht unserer Vorstellung von einer Gleichberechtigung der Frau“, ließ die CSU-Politikerin verlauten. Sogar Touristinnen sollten sich bekleidungsmäßig an die hierzulande herrschende Mode anpassen.

Gut, so genannte „Dresscodes“ kennt man. Es gibt Erwartungen, wie man gekleidet sein sollte, wenn man irgendwo Einlass begehrt. Zur Beerdigung kommt man nicht in Knallbunt, zur Hochzeitsfeier nicht in der Monteurs-Latzhose und ins Opernhaus geht man nicht in der Kittelschürze. Aber kann man das auf ein ganzes Land übertragen? Burka weg – und schon gibt’s das rosa Armbändchen für die große Non-Stop-Bayern-Party?

Ilse Aigner fordert das Anpassen von Touristinnen auch deshalb, weil sie das selbst tue. Bei einem Iran-Besuch habe sie ein Kopftuch getragen. Allerdings gibt es einen Unterschied: Anders als Iran hat Deutschland ein Grundgesetz, das den Menschen größtmögliche Freiheit gewährt. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist darin garantiert

Grundrechte sind dann einzuschränken, wenn sie ausgenutzt werden könnten, um anderen Menschen zu schaden. Bei Großveranstaltungen mit Personenkontrollen oder bei Kundgebungen muss das Gesicht gezeigt werden. Auch Ausweiskontrollen gehen mit Burka nicht. Die Kränkung des mehrheitlichen ästhetischen Empfindens reicht aber nicht für Verbote.

Es gibt ein weiteres Argument dafür, dass es kein Burkaverbot geben wird. Im September 2010, also vor über fünf Jahren, hatte es der heutige Finanzminister Markus Söder mit größter Vehemenz gefordert. Wenn er es nicht geschafft hat, bleibt nur dieses Fazit: Das Burkaverbot erreicht nicht die politische Relevanz von Betreuungsgeld oder Pkw-Maut. Schlagzeilen erzeugt es aber allemal.

Schuhsohlen-Abrieb tötet nicht

Ein gutes Beispiel dafür, wie einstmals heiße Themen verblassen können, ist gerade im Schatten der medialen Betrachtung zu erleben: Die Europäische Woche der Abfallvermeidung. Eine Herausforderung scheint das bei uns nicht mehr zu sein. Das war schon mal ganz anders.

Spätestens ab Mitte der 80-er Jahre war uns klar geworden, dass wir drauf und dran waren, diesen Planeten zu vergiften. Waldsterben, Tschernobyl, Lebensmittelskandale hatten uns aufgescheucht. Wir waren beunruhigt von dem Gedanken, dass unser auf undichte Deponien geschmissener Müll das Trinkwasser noch in tausend Jahren verseuchen würde. Andererseits grauste es uns vor dem Dioxin aus den Schlöten der Verbrennungsanlagen.

Also machten wir uns auf. Wir legten die Kriminalromane zur Seite und verschlangen stattdessen die Abfallfibeln mit den klugen Grußworten unserer Bürgermeister. Wir ordneten unsere Hinterhöfe neu und bauten unsere Küchen für zusätzliche Mülleimer um. Die Idee, durch das zutreffende Wegwerfen von Batterien oder Fischgräten einen Beitrag zum Retten der Welt leisten zu können, beflügelte uns ungemein. Unsere Bekannten im Ausland tippten sich an die Stirn – oder schauten fasziniert auf die mit typisch deutscher Gründlichkeit erledigte Aufgabe.

Das ist lange her. Und heute? Alles gut? Natürlich nicht.

Wir haben uns nämlich umgestellt. Was Papier, Kartons und Autoabgase angeht, hauen wir richtig auf den Putz. Selbst alltäglichste Produkte, die es für ein paar Euros beim Discounter gäbe, ordern wir über Online-Versender. Wenn wir geklickt haben, wird unser Daten-Highway zur realen Autobahn. Zig-tausende Transporter gondeln kreuz und quer durchs Land. Und weil die Rücksendung gratis ist, fahren sie vieles wieder zurück. Denn nicht immer schreien wir vor Glück.

Es ginge ganz anders. Wir müssten runter vom Sofa, durch die Stadt bummeln, in Läden gehen – und tatsächlich etwas kaufen. Das ist anstrengender, weil man dort unsere Algorithmen nicht kennt und  nicht so sicher „Das könnte Ihnen auch gefallen“ sagen kann. Aber: Müll würde vermieden, der Umwelt täte es gut. Schuhsohlen-Aabrieb tötet nicht.

 

Männer, bleibt standhaft!

Zum Grundrauschen nach dominierenden Ereignissen gehört es, dass andere wichtige Themen in den Hintergrund gedrängt werden. Und das ist schade. Etwa dann, wenn zwei Gedenktage zusammenfallen, die über eine geistig-moralische Verbindung verfügen: Der 19. November ist Internationaler Männertag und Welttoilettentag zugleich.

Machen wir uns nichts vor: Während sich Frauen über zahllose Demonstrationen zum Internationalen Frauentag für die Zukunft gerüstet haben, sind Männer zum Problemgeschlecht geworden. Gerade jetzt, wo man uns sogar die Fußballspiele wegnimmt, wird uns bewusst, wie widrig unsere Lebensumstände inzwischen sind. Viele sind vaterlos, also nur mit halber Orientierung aufgewachsen. Jungs haben die schlechteren Schulnoten als junge Frauen und kommen in dieser Dienstleistungsgesellschaft weniger gut zurecht.

Männer sterben früher, weil sie aufgrund ihrer Kindheitserfahrung – also völlig unverschuldet – zu viel und zu falsch essen und trinken. Übergewicht beginnt im Laufstall. Und wenn ihnen so gerne vorgehalten wird, dass sie sich zu wenig um ihre Kinder kümmern, dann liegt das daran, dass jede Elternzeitwoche angesichts der Reaktionen von Umfeld und Chefs eine psychische Belastung darstellt. Vom Karriere-Absturz durch erwiesene Weicheiichkeit ganz zu schweigen.

Die Analyse zeigt es: Es braucht männliche Emanzipation dringender denn je. Aber was hat das mit der Toilette zu tun?  Weil sie der einzige Ort ist, an dem Männer weinen dürfen?

Nein, es geht ums Stehpinkeln, jene seit Jahrtausenden eingeübte urinale Fortsetzung des aufrechten Ganges. Interessierte Kreise wollen es den Männern seit vielen Jahren ausreden. Sie haben aber gerade einen Dämpfer erhalten. Eine Vermieterin aus Düsseldorf, welche die Reparatur der vom Urin ihres Mieter stumpf und fleckig gewordenen Marmorböden von der Kaution abziehen wollte. ist vor dem dortigen Landgericht gescheitert.

Dieses teilte die Auffassung der Vorinstanz, dass die möglicherweise verheerende Wirkung „unvermeidlicher Kleinstspritzer“ einem Mann nicht zwingend bewusst sein müsse.

Na also, es geht doch. Möchte man sagen, wenngleich Zweifeln bleiben. Mutmaßlich geht es beim Welttoilettentag um Sauberkeit. Und: Kein hirnloser IS-Kämpfer würde je im Stehen pinkeln. Schon ist es wieder da, das böse Grundrauschen. Hören wir weg! Bleiben wir standhaft!