Von Sitzenbleibern und Stehpinklern

“Setzen, Sechs!” Nach unserer festen Überzeugung würde dieser Satz den Griechen und anderen verschuldeten Südeuropäern gelten. Jedoch: Die wahren Sitzenbleiber sind wir. Sollten aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zutreffen, wird die Evolution aus uns Deutschen Menschen mit dicken Hintern machen.

Mit dieser Drohung hat gerade die Deutsche Krankenversicherung (DKV) die Aufmerksamkeit der nationalen Weltpresse gewonnen. Nach ihren Erkenntnissen sitzen wir im Durchschnitt 7,5 Stunden täglich. Büromenschen beanspruchen ihr Gesäß noch länger. Kinder und Jugendliche sähen ihre Eltern meistens auf dem Sofa und ahmten deren Lebensgewohnheiten nach. Auf diese Weise riskierten wir, so die Studie, immer mehr Übergewicht und eine ganze Reihe weiterer Wohlstandskrankheiten. Kurzum: Wer länger sitzt, ist schneller tot.

Aber was tun? Der vorbildliche Krankenkassen-Kunde achtet selbstredend auf eine saubere Work-Life-Balance. Diese jedoch erreicht man nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren. Denn wir sind heute auch das europäische Volk, das – nach Rumänien – die meisten Überstunden leistet. Was wiederum bedeutet, dass zwischen Büro und Abendessen nur wenig Zeit bleibt, um dem Körper zu geben, was er braucht. Joggen mit frisch gefülltem Magen ist ja auch nicht das Gesündeste.

Die Sitz-Falle schnappt zu. Und deshalb ist es – immerhin – gut, dass es wenigstens für Männer Hoffnung gibt. Das Düsseldorfer Amtsgericht hat in einem Aufsehen erregenden Urteil das Stehpinkeln in Mietwohnungen erlaubt. Man(n) muss also nicht immer sitzen. Wobei: Für Bewegung eignet sich gerade diese Verrichtung gar nicht.

Es ist ein Jammer. Na denn: Sind noch Chips im Haus?

 

Die “Lügenpresse” hat ziemlich falsche Freunde

Herzlichen Glückwunsch! “Lügenpresse” ist zum “Unwort des Jahres” gewählt worden. Damit solle, so die Jury, deutlich gemacht werden, dass es eine derartige pauschale Verunglimpfung der Medien nicht geben dürfe. Zumal es sich um einen Kampfbegriff aus der Zeit des Nationalsozialismus handle. Gut begründet. Aber auch notwendig?

Seit dem Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” gehört die kollektive Umarmung der Medien zum Mainstream. Es stimmt aber auch, dass man etliche der vielen guten Menschen in Abwandlung eines Erfolgsfilm-Titels “Ziemlich falsche Freunde” nennen könnte. Die getöteten Satiriker würden sich im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wer sich da bei der angeblichen Demonstration der Staats- und Regierungschefs von Paris nach vorne gedrängt hat. Wenn sich ein hochrangiges Mitglied der türkischen Regierung öffentlich als Freund der Pressefreiheit zeigt, dann ist das so, als würde ein versoffener Hooligan für Gewaltfreiheit werben.

Wir sollten auch nicht so tun, als würde Spott über die Religionen unter uns gebürtigen Abendländlern völlig lässig gesehen. Als das Satiremagazin “Titanic” vor einiger Zeit Papst Benedikt bissig karikierte, war der Aufschrei groß.  Man hatte den Eindruck, hier wäre schlimmste Gotteslästerung geschehen. Obwohl kein Mensch und auch kein Würdenträger des organisierten Glaubens Gott ist. Wie es um die Toleranz im Land bestellt ist, könnte jede Regionalzeitung testen, indem sie an prominenter Stelle eine blasphemische Zeichnung bringt. Es gäbe Proteste und Abbestellungen.

Aber wie ist das mit der “Lügenpresse”? Wir alle kennen Satz “Man darf nicht alles glauben, was in der Zeitung steht”. Jeder aufrichtige Journalist würde diese Aussage unterschreiben. Denn es ist objektiv unmöglich, dass Berichterstatter und Kommentatoren immer richtig liegen. Ehrliche Medienmacher wünschen sich sowieso, dass ihre Arbeit nicht kritiklos konsumiert, sondern aufmerksam begleitet wird.

Darauf zu hoffen, dass ein “Unwort” nachhaltig Bewusstsein schafft, ist aber verfehlt. Besser, als auf Umarmungen zu hoffen, die spätestens in zwei Wochen bei geänderter Nachrichtenlage wieder aufhören, wäre es für uns Journalisten, unseren Begriff satirisch zu nehmen. Indem wir uns eine mechanische Lügenpresse denken – und folgern: Wenn diese ihren Dienst getan hat, ist von der Unwahrheit nichts mehr übrig. Sie ist ja frisch gepresst.

 

 

 

 

 

Baby-Namen zeigen: Uns fehlen wahre Idole

Politiker und Bürger sind sich fremd geworden. Beispielhaft zeigt sich das an den Vornamen der Neugeborenen. Vorbei die Zeiten, in denen sich Eltern bei der Namenswahl an den Reichen und Mächtigen orientiert haben. Wie der bekannteste deutsche Vornamensforscher Knud Bielefeld ermittelt haben will, waren Emma und Ben im Jahr 2014 die beliebtesten Baby-Namen.

Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Der Name Ben hat sicherlich den Vorteil, dass er sich für eine maßregelnde Ansprache bestens eignet. Ein Satz, der mit “Also, wennnnnn, Bennnn…” beginnt, ist antiautoritär undenkbar. Emma ist für mein Empfinden altmodisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch aus der Zeit vor Amazon und Ebay stamme und deshalb diesen Namen zwanghaft mit dem Zusatz “Tante” sehe.

Nun aber machen wir den Test: Gibt es namhafte Politiker/-innen, die so heißen? Nein, da ist nichts. Weder im Deutschen Bundestag, noch im Bayerischen Landtag sitzen auch nur eine Emma oder auch nur ein Ben. Die Namen des Spitzenpersonals wiederum bleiben in den Kreißsälen weitestgehend ungehört. Angela findet sich nach den Bielefeld-Charts nicht einmal unter den 500 häufigsten Vornamen. Unsere Kanzlerin rangiert also noch hinter Cassandra, Saphira und Melody. Der SPD-Spitze ergeht es nicht besser. Sigmar bleibt ebenfalls ungelistet und verliert den Kampf gegen Hussein oder Lennox.

Selbst die CSU muss die Vornamensliste mit Grausen beobachten. Zum ersten Mal seit Menschengedenken steht bei den Jungs nicht mehr Maximilian an der Spitze. Der Name, nach dem das Parlament heißt. Die meisten Baby-Bayern heißen heute Lukas oder Lucas. Tja, man hat sich das selbst zuzuschreiben. Hatte man doch früher Ministerpräsidenten mit den alpenländischen Supernamen Josef (Goppel), Franz-Josef (Strauß) und Max (Streibl). Es folgte Edmund (Stoiber), ein Name, der aus dem Englischen kommt und “Beschützer des Erbgutes” bedeutet. Schließlich der entsetzlich unbayerische, weil altgermanische Vorname Günther (Beckstein) sowie in unseren Tagen Horst (Seehofer). Einen regionalen Bezug kann man hier mit viel gutem Willen nur so ableiten, dass alpine Greifvögel in Wohnungen dieses Namens nisten.

Erstaunlicherweise zeigen unsere Eltern auch den Helden des Sports die kalte Schulter. Die beiden Ober-Weltmeister Mario (Torschütze) und Manuel (Torverhinderer) bleiben absolute Randfiguren. Vielleicht ist Jerome (263. Platz) durch die Fußball-Berichte entdeckt worden. Sollte allerdings die überraschend steile Karriere von Mats (Platz 25!) mit der erfrischenden Spielweise von Borussia Dortmund zu tun gehabt haben, dürfte sich dies in nächster Zukunft wieder legen.

Als Fazit bleibt folgende Erkenntniss: Wenn es um Vornamen geht, machen die Leute was sie wollen. Man mag das als Beweis größtmöglicher Freiheit deuten. Aber vielleicht zeigt sich unsere Sehnsucht nach Heldinnen und Helden, die wir wirklich mögen. Mal sehen, wie lange Frau von der Leyen braucht, bis sie feststellt, dass sie eigentlich Emma heißt.

Stehpinkeln an den Nachthimmel

Alle Jahreswechsel wieder kommt er – der Appell an unsere Vernunft. Wir möchten doch auf die sinnlose Silvester-Kracherei verzichten und statt Böllern Brot kaufen oder an die Armen der Welt verschenken. Ganz bestimmt: Hier spricht die Vernunft. Aber andererseits…

Die wohlmeinenden Appelle kratzen an einem der letzten Refugien altmodischer Männlichkeit. Was machen heutzutage tendenziell nur Männer? Müll nach unten bringen, Auto waschen, am Grill stehen – und an Silvester Rabatz machen. Weil es nun mal zur männlichen Risikobereitschaft gehört, mehr oder weniger besoffen ein Feuerzeug an eine ziemlich kurze Zündschnur zu halten.

Das Abschießen von Raketen ist genauso unvernünftig, wie die Weigerung, sich auf eine Toilettenschüssel zu setzen. Aber es macht Spaß. Feuerwerk ist das Stehpinkeln an den Nachthimmel. Und deshalb bei Männern beliebt.

Die Industrie hat das durchschaut. Sie unterlegt den männlichen Todesmut mit den Bezeichnungen der Feuerwerkskörper. Man kauft Knallfrösche? Ach was. Papas Pyrotechnik heißt jetzt “Monsterblaze”, “Sniper” oder “Metalhead”. Ja, es können sogar “Earthquake” und “Thunderstorm” entstehen, wenn der “Master of Rockets” und “Power Lord” der Nachbarschaft einen Meteorenregen um die Ohren haut.

Jeder ist gerne mal Held. Und sei es nur für die jeweils erste Viertelstunde im neuen Jahr. Ganz bestimmt: Wir achten daran, dass die Raketenverpackung in den Gelben Sack muss. Wir bringen die Raketenabschuss-Sektflaschen zum Altglascontainer. Und wer weiß: Vielleicht haben wir als guten Vorsatz aufgeschrieben, dass wir ab 2015 im Sitzen pinkeln. Aber das bleibt erstmal geheim…

 

 

 

 

 

 

 

Pegida: Das Unbekannte nährt die Wut

“Pegida”, was soll das denn bitte? Stimmt, es fiele leicht, den Zulauf zu den Patriotischen Europäern als Ausdruck kollektiver Verwirrung abzutun. Tatsächlich ist es unerklärlich, warum ein mehrfach vorbestrafter Koch, der sich auf der Flucht vor der deutschen Justiz nach Südafrika abgesetzt hatte, nach seiner Rückkehr gegen kriminelle Ausländer hetzt. Er war ja selber einer. Taugt ausgerechnet er als Retter des Abendlandes? Bestimmt nicht.

Freudig stimmen wir allerdings der Analyse zu, dass der Zorn auf Muslime gerade in Dresden oder Sachsen absurd sei. Dort gebe es ja kaum Ausländer. Aber hier hakt es. Denn diese Argumentation würde bedeuten, dass eine Bedrohung durch den Islam dort besonders hoch sei, wo viele seiner Anhänger leben. Tatsächlich erlebt, wer Muslime kennt, dass es sich um ganz normale Menschen handelt. Es gibt Liebenswerte, Fröhliche, Nachdenkliche – aber auch Arschlöcher.

Normalität macht keine Angst. Gerade das Unbekannte ist es, das für dumme Parolen wie  “Keine Sharia in Europa” oder “Alibaba und die 40 Dealer. Ausweisung sofort” benutzt werden kann. Je diffuser die Bedrohung, desto größer sind offenbar die Sorgen.

Woran von interessierter Seite seit vielen Jahren gearbeitet wird. Mit Parolen wie “Das Boot ist voll” traktieren uns Parteien seit den 80-er Jahren. Anfang der 90-er wurde uns suggeriert, eine Flut von Kriegsflüchtlingen vom Balkan würde alle Sozialsysteme sprengen. Und das mutmaßlich nur vernunft- und faktengesteuerte Magazin “Der Spiegel” brachte im Frühjahr 2007 folgende Titelgeschichte: “Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung.”

Das Feindbild Ausländer wird seit langem gepflegt. Und dies trifft nun auf ein verbreitetes Unbehagen. Arbeitnehmer erleben zum Beispiel, dass sie keine geschätzten Mitarbeiter mehr sind, sondern Teil des Humankapitals. “Wir hatten nichts zu tun und haben ein bisschen geplauscht.” Wer traut sich das noch zu sagen, denken – oder gar zu machen? Zugleich erfahren viele Menschen, dass ihre wirtschaftliche Zukunft ungewisser wird. Auch das speist dieses Gefühl, dass sich die Politik nicht richtig um die große Masse kümmert, während Fremden geholfen wird, sobald sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Und so bringt Pegida selbst mit absurd dummen Parolen auch so genannte Normalbürger auf die Straße. Harmlos macht das die Sache nicht. Denn Zukunftssorgen sind berechtigt. Bloß: Schuld daran sind nicht die Ausländer. Und die Islamisten schon gar nicht.

 

Das Wunder der schadstofflosen Autos

Die Zunft der Alchemisten galt den Menschen früherer Zeiten als reichlich dubios. Sagte man ihnen doch nach, dass sie unter Einsatz fragwürdiger Kräfte minderwertiges Metall in Gold verwandeln würden. Wunderbares aus dem Nichts zu zaubern, soll es in diesem Jahrtausend wieder geben. Nennen wir es Elektromobilität.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Elektroauto in die Kategorie “Null Emissionen” eingestuft wird, ist so groß, dass die öffentliche Meinung wie ein Teil eines Hexenwerkes wirkt. Denn würde stimmen, was die Kanzlerin sagt, wäre ein uralter Menschentraum real in Erfüllung gegangen: Fortbewegung ohne Anstrengung und ohne Folgen für die Umwelt wären möglich geworden. Nicht, dass dieser Gedanke völlig neu wäre. Das Auffahren gen Himmel nach dem Tod gehört allerdings in die Abteilung “Glauben und Zweifeln”, das Beamen von Raumschiff zu Planet ist Science-Fiction.

Aber zurück zum Elektro-Auto. Um zuverlässig fahren zu können, benötigt es keinen Zapfhahn, wohl aber einen Stecker. Mit dessen Hilfe wird Strom übertragen, der, weil er unsichtbar, geruch- und geschmacklos ist, nach allgemeiner Einschätzung aus dem Nichts kommt. Tut er aber nicht. Manchmal wird er von einem stinkigen ostdeutschen Kohlekraftwerk geliefert, weshalb unser Ministerpräsident Horst Seehofer neue Stromleitungen aus seinem Bayernland heraushalten möchte.

An dieser Stelle erhebt der Elektroauto-Produzent entschieden Einspruch. Heutzutage werde doch der Strom nahezu komplett aus Wind und Sonne produziert. Aber: Entstehen beim Herstellen von Windrädern und Solarzellen keine Schadstoffe? Und ist die Rechnung so falsch, dass beim Produzieren eines Autos mit Metallkarosserie so viel klimaschädlicher Dreck erzeugt wird, dass es selbst Benzinern kaum möglich ist, beim Herumfahren während ihres Autolenens eine vergleichbare Schadstoffmenge zu erzeugen?

Es ist kompliziert. Weshalb wir alsbald verschärft eine ganz andere Botschaft bekommen dürften: Kohlendioxidfreien Strom gibt es nur aus dem Kernkraftwerk. Die Alchemisten der Atomindustrie gelten als besiegt. Ganz weg vom Fenster sind sie aber nicht.

 

Gleich und Gleich: Die Tragödie für dumme Männer

“Gleich und Gleich gesellt sich gern,” Das war wieder mal eine Überschrift zum Drüberstolpern. Sollte damit der Homosexualisierung der Gesellschaft und somit der antiwestlichen Putin-Propaganda neuer Schub verliehen werden? Nein, so war es gar nicht. Es ging vielmehr darum, warum es Frauen bei der Wahl eines männlichen Partners schwerer haben als Männer auf Frauensuche.

Zu ergründen, warum sich Menschen oder nicht finden, gehört zu den klassischen Aufgaben der Psychologen und Soziologen. Es sagt ja einiges über unsere Gesellschaft aus, ob eine Katholikin Probleme mit den Eltern bekommt, wenn sie einen Protestanten anschleppt. Dieses sollte bei uns überwunden sein, während andere Glaubensfragen – Dortmunderin verliebt sich in Schalke-Fan – weniger lässig gesehen werden.

Aber das ist nicht die zentrale Frage. “Gleich und Gleich” bezieht sich auf das Bildungsniveau. Immer häufiger achten Menschen darauf, dass sie die großen Fragen des Daseins mit ihren Liebsten auf Augenhöhe bereden können. Wer “Bauer sucht Frau” spannend findet, kann niemand auf dem Sofa brauchen, der dauernd auf Arte zappt. Wer große Romane liest, braucht ein anderes Bücherregal als jemand, der sich die Welt von bild.de erklären lässt. Da reicht im Zweifelsfall ein Tablet-Ständer.

Spätestens jetzt erkennen wir: Die Partnerwahl wird vor allem für Frauen immer schwieriger. Wissen wir doch, dass gerade junge Frauen den Männern in Sachen Bildung inzwischen deutlich überlegen sind. Gelegentlich verdienen sie sogar mehr Geld. Und sie stehen seitens der Umwelt stärker unter Druck: Der Chefarzt, der seine Ehefrau für eine junge Krankenschwester vom Hof jagt, gilt manchem immer noch als toller Hecht. Die wenigsten Männer schämen sich für eine Hausfrau.

Ist andererseits eine Professorin denkbar, die ihren Bekannten auf dem Opernball stolz ihren sexy Bauarbeiter vorstellt? Nein, die Kombination aus berühmter Frau und dummem  Jüngling ist derzeit nur im Showgeschäft denkbar. Besser ist doch ein Mann, der etwas darstellt. Weil sonst die anderen lästern könnten.

Wir stellen also fest: Die Emanzipation ist weit gekommen. Aber ganz normal ist noch nicht alles…

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!

 

 

 

 

Aufgepasst, die Dicken sind eine Macht!

Es gehört zu den großen Lebenslügen dieser Gesellschaft, dass es sich bei dicken Menschen um eine Randgruppe handeln soll. Um bedauernswerte Menschen, die sich für ihren Zustand schämen und die alles tun würden, um wieder so begehrenswert zu sein wie die anderen. Tatsache ist: Die Vollschlanken sind nicht die Außenseiter, sie sind eine Macht.

Wie das Statistische Bundesamt meldet, sind 52 Prozent der Deutschen übergewichtig. Würden sie sich selbstbewusst mit ihren Problemzonen arrangieren und daraufhin eine eigene Partei gründen, die BfD, Bauchfett für Deutschland heißen könnte – nichts in diesem Land ginge mehr ohne sie. Die politische Betrachtung überflüssiger Pfunde würde sich komplett ändern. Die Dicken würden ein “Wir sind wir” entwickeln, wie man es ansonsten nur von der CSU kennt. Zumal sie wüssten, dass sie mit Sicherheit immer mehr werden.

Was aber kann diesen Trend – wenn überhaupt – aufhalten? Dazu müssen wir die Details der Statistik betrachten. So wuchten vor allem übergewichtige Männer die Fülligen in die Mehrheitszone. 62 Prozent der Kerle tragen zu viele Kilos mit sich herum. Dagegen gilt das nur für 43 Prozent der Frauen.

Diese wiederum stehen in ihrem Leben unter diätischem Dauerbeschuss. In jeder der 612 Frauenzeitschriften in Deutschland geht es in jeder Ausgabe um folgende Themen:  Mode, Sex, Psychologie, Horoskop und  Diättipps. Ob “Alles für die Frau”, “Frau aktuell”, “Echo der Frau”, “Bild der Frau”, “Frau im Trend”, “Neue Frau” oder “Journal für die Frau” – sie alle spulen immer und immer wieder dieses Programm ab. Und dies sorgt für ein schlechtes Gewissen. Schließlich ist ein schlanker Körper – mindestens nach den Maßstäben der Werbung – die eigentliche Grundlage für Mode, Sex, und, und, und…

Wie anders ist die Lage bei den Männern. Es gibt zwar 225 Do-it-yourself-Hefte, die Zahl der ausgesprochen Männermagazine kann aber überhaupt nicht mithalten. Zumal deren Reiz stark daraus besteht, Körper zu betrachten, die durch Ratschläge der Frauenzeitschriften wohl geformt wurden.

So kommen wir nicht weiter: Wir brauchen mehr Fachblätter für Männer mit figurbedingtem Verzweilungspotential. Sonst wird für die Mageren die Luft bald dünn. Die Riesen schlafen noch. Jedoch, wie lange noch?

 

Vorsicht, Smartphones machen traurig

Es ist rätselhaft: Wenn wir uns die Krisen dieser Welt vor Augen führen, sollte es uns hier blendend gehen. Wir müssten beschwingt durch unser Leben laufen, andere dürften uns ausschließlich lächelnd erleben. Doch stattdessen wirken immer mehr Menschen, als wären sie mit ihrem Leben überfordert. Depression ist die Krankheit unserer Zeit.

Gut, da sind Lebenslügen, die man uns von interessierter Seite gerne unter die Nase reibt. Wir hätten Freizeit und Urlaub wie nie zuvor, die Flugzeuge, Züge und Kreuzfahrtschiffe seien übervoll. Da müssten wir doch glücklich sein. Fragt man bestimmte Unternehmer, werden sie sagen, dass unser Bruttosozialprodukt ein Wunder sei. Wo sich ihre Mitarbeiter doch nur widerwillig zwischen zwei Ferienreisen ein bisschen Zeit für die Firma nähmen. All die Faulenzer sollten doch mal an das Wirtschaftswunder denken. Mit den heutigen kraftlosen Arbeitnehmern wäre unser Aufstieg zum Exportweltmeister nie gelungen.

Vergessen wird dabei zum Beispiel: Der 50er-Jahre-Spruch “Samstags gehört Papi mir” war kein Slogan einer erfolglosen Nachkriegs-AfD. Darin spiegelte sich das damals übliche Leben. Papi war Ernährer der Familie, Mami war zuhause und kümmerte sich um Heim und Herd. Für die Firma gearbeitet wurde maximal 48 Stunden von einer Person, statt 55 bis 80 Stunden von zwei Personen. Sofern das Geld ohne Zusatzjob reicht.

Aber: Der Mammon macht sowieso nicht froh. Also muss es da noch etwas anderes geben, was uns die Seele eintrübt. Die heiße Spur liefert uns Professor Dr. Johannes Michalak. Der Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke hat gemeinsam mit einigen Kollegen in Kanada erforscht, wie sich unsere Art zu Gehen auf unser Denken auswirkt. Und tatsächlich: Wer mit hängenden Schultern herumschlurft, erinnert sich eher an negative Dinge. Wer fröhlich läuft, kann sich eher positive Dinge merken.

Sofern das stimmt, wundert uns nichts mehr. Denn das Herumschlurfen mit gesenktem Kopf ist die typische Fortbewegungsart des frühen 21. Jahrhunderts. Der moderne Mensch ist ja nicht einfach so unterwegs ist, sondern schaut immer wieder in sein Smartphone. In unserer Zeitnot dürfen wir ja nichts verpassen.Der aufrechte Gang wird zum Auslaufmodell, wir gucken nach unten, die schlechten Gedanken bleiben hängen.

Wir danken dem Professor, wir wissen um die Therapie. Das Handy ausschalten, Kopf nach oben, Brust raus, Pobacken zusammen. Und schon erkennen wir: Es gibt zwar Krisen. Aber noch mehr Spannendes und Schönes. Einen Test ist es wert.