Ein bisschen Lüge gehört zum Glück

An Skandale gewöhnt man sich. Wir wissen inzwischen, dass Autohersteller Abgaswerte zu Werbezwecken schönen. Sie sind eben so, das lässt uns die Sache gelassener betrachten. Doch jetzt wurde gemeldet, dass Hausgerätehersteller lügen, wenn es um den Stromverbrauch ihrer Produkte geht. Der Aufschrei ist kaum hörbar. War uns doch klar.

Ein bisschen kann man die Unterschiede zwischen Labortests und Praxisgebrauch nachvollziehen. Steht doch beim Prüfer ein jungfräulicher, komplett leerer Kühlschrank, der versonnen summend seiner Bestimmung entgegen geht. Stressfrei zieht er Strom aus der Steckdose. Was sich natürlich ändert, wenn er mit fünf Kilo Salat und Gemüse, acht Marmeladengläsern, sechs Schnitzeln, Limo, Bier und Wein, fünf Pfund Butter und einer Großpackung Wurstaufschnitt belegt ist.

Kühlschranke haben nichts Falsches getan, sie wurden nie aus dem Paradies vertrieben. Aber sie leiden doch unter unserer latenten Angst vor dem Verhungern. Vollgestopft sind sie. Und brauchen deshalb mehr Energie als gedacht.

Andererseits: Wer will schon immer die Wahrheit, die ganze Wahrheit? Kleine Lügen, die uns ans Edle und Schöne glauben lassen, tun uns gut. Würden wir die Welt nur mit dem Verstand sehen, die Scheidungsrate würde sinken. Weil viele Ehen gar nicht geschlossen würden. Wie viele Fußballstadien wären noch ausverkauft, wenn es dort bloß um ehrlichen Sport gehen müsste?

Wir lassen uns gerne täuschen: Das angeblich wertvolle Kinderjoghurt ist in Wahrheit eine Zuckerbombe, die von einer schönen Frau gepflückte Piemont-Kirsche einer Schoko-Praline gibt es als botanische Art nicht. Vitamintabletten wappnen den Körper angeblich gegen Infekte, bewirken aber nichts. Marken-Mineralwasser ist ein Milliardengeschäft, Leitungswasser ist gesund.  Schnittblumen machen glücklich – und die Frauen krank, die sie pflücken.

Die Wahrheit ist oft eine andere. Behaltet sie. Mit ein bisschen Lüge lebt sich’s besser.