Das neue Fastengebet: “Mein Freund ist Lokführer”

Ja, es ist wahr: Ich habe den vierten erfolgreichen Tag des neuen protestantischen Fastens hinter mir. Die evangelische Kirche hat ja empfohlen, bis Ostern bewusst auf jedweden Zorn zu verzichten. Man solle versuchen, so die Aufforderung, andere Menschen bewusst positiv zu sehen. Nun denn.

Die Fastenzeit hat in letzter Konsequenz den Sinn, uns unsere natürliche Neigung zur Sünde bewusst zu machen. Bisher haben wir uns an der Völlerei abgearbeitet. Mit einem, wie wir wissen, zweifelhaften Erfolg. Die Menschen werden im Durchschnitt immer dicker. Es ist wahrscheinlich dieser Diät-Effekt. Wer unter Qualen auf Genuss verzichtet, neigt dazu, besonders heftig zuzuschlagen, wenn er wieder darf.

Vermeidbare Todsünden gibt es noch ein paar andere. Man könnte sich fastend an Hochmut, Geiz, Wollust, Neid und Faulheit abarbeiten. Doch auch der Zorn ist beim Herrn nicht wohlgelitten. Er mag gute Gründe haben und grundehrlich sein. Aber ein Wut-Tornado  hinterlässt immer eine Schneise der Verwüstung. Böse Worte holt man nicht zurück.

Gewollte Sanftmut wirkt zunächst weniger schwer, als der Verzicht auf Fleisch und Alkohol. Aber das Zwischenmenschliche ist auch nicht so einfach zu regeln. Beziehungen, ob privat oder im Beruf, sind stets ein verletzliches System von Zuneigung, Gleichgültigkeit und Ablehnung. Niemand kann jeden mögen. Andererseits wissen Kriminologen: Je heißer die Leidenschaft, desto gefährlicher kann es werden, wenn sie sich in Hass wandelt.

Ich habe seit Aschermittwoch nicht gestritten, auch wenn gelegentliches Unterdrückungskribbeln spürbar war. Doch die große Prüfung kann noch kommen. Ich werde in diesen Tagen einen Zug brauchen. Wie rette ich mein Seelenheil, wenn GdL-Chef Claus Weselsky wieder zuschlagen sollte? Mein Plan: Ich werde die Hände falten und zehn Mal “Mein Freund ist Lokführer” murmeln. Wenn das genügen sollte, habe ich es wohl geschafft. Darauf einen Fastenschnaps!

 

 

 

 

Wer niest, sündigt nicht

Es gehört zum Wesen der kalten Jahreszeit, dass der Mensch auf existenzielle Lebensfragen zurückgeführt wird. Wenn die Grippewelle übers Land wogt, bewegen uns sogar inmitten zahlloser Weltkrisen vor allem Vorbeugung und Therapie. Zum Beispiel die Frage, wie man richtig niest.

Das Niesen ist als plötzlicher Ausbruch das Tourette-Syndrom unter den einfachen Körperfunktionen. Also hat man in allen Kulturen über seine Ursachen und Folgen nachgedacht. In Spanien war der Aberglaube verbreitet, dass sich jemand mit seiner Schleimeruption auch gleich die Seele aus dem Leib schleudern kann. In Ostasien ging man davon aus, dass im Moment des Niesens an einem anderen Ort jemand über einen redet. Man stelle sich das Näschen von Helene Fischer vor, wenn dies nur ansatzweise stimmen würde. Im alten Griechenland war gezieltes Niesen Teil der Empfängnisverhütung.

Wie auch immer. Wer niest, ist ein Opfer. Nicht einmal die mächtigsten Herrscher dieser Welt können es unterdrücken. Für seine Umgebung ist der Niesende jedoch meistens ein Problemfall. Wenigstens dann, wenn er es nicht schafft, diese Übung bloß mit einem unterdrückten Quietschen zu erledigen. Wer urplötzlich losdonnert, erschrickt andere Menschen zu Tode. Und er bringt sie gefühlt an den Rand desselben, indem er sie mit einem scharfen Sprühregen aus Viren und Bakterien benetzt. Bis zu 160 km/h kann die ausgeatmete Luft erreichen.

Was aber hilft? Der Benimm-Ratgeber Knigge sähe es am liebsten, wenn man sich noch vor der Eruption ein Taschentuch vor das Gesicht halten könnte. Auch Linkshänder sollten vermeiden, in die rechte Grußhand zu nießen. Wer besonders gesundheitsbewusst ist, nutzt ein ansonsten vergessenes Körperteil, die Ellbogenbeuge. Wer hier entsorgt, schont die nächste Umgebung, sollte aber für den Rest des Tages von Umarmungen absehen.

Schade ist nur eines: Das tröstende “Gesundheit!” ist aus den Benimm-Regeln gestrichen worden. Stattdessen wird erwartet, dass der Nieser “Entschuldigung” sagt. So ist es, in dieser Gesellschaft. Früher kam ein “Helf Dir Gott!”. Heute heißt es “Hilf Dir selbst”. Selbst mit Fieber wird es kälter. Schade, eigentlich.

 

Von Sitzenbleibern und Stehpinklern

“Setzen, Sechs!” Nach unserer festen Überzeugung würde dieser Satz den Griechen und anderen verschuldeten Südeuropäern gelten. Jedoch: Die wahren Sitzenbleiber sind wir. Sollten aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zutreffen, wird die Evolution aus uns Deutschen Menschen mit dicken Hintern machen.

Mit dieser Drohung hat gerade die Deutsche Krankenversicherung (DKV) die Aufmerksamkeit der nationalen Weltpresse gewonnen. Nach ihren Erkenntnissen sitzen wir im Durchschnitt 7,5 Stunden täglich. Büromenschen beanspruchen ihr Gesäß noch länger. Kinder und Jugendliche sähen ihre Eltern meistens auf dem Sofa und ahmten deren Lebensgewohnheiten nach. Auf diese Weise riskierten wir, so die Studie, immer mehr Übergewicht und eine ganze Reihe weiterer Wohlstandskrankheiten. Kurzum: Wer länger sitzt, ist schneller tot.

Aber was tun? Der vorbildliche Krankenkassen-Kunde achtet selbstredend auf eine saubere Work-Life-Balance. Diese jedoch erreicht man nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren. Denn wir sind heute auch das europäische Volk, das – nach Rumänien – die meisten Überstunden leistet. Was wiederum bedeutet, dass zwischen Büro und Abendessen nur wenig Zeit bleibt, um dem Körper zu geben, was er braucht. Joggen mit frisch gefülltem Magen ist ja auch nicht das Gesündeste.

Die Sitz-Falle schnappt zu. Und deshalb ist es – immerhin – gut, dass es wenigstens für Männer Hoffnung gibt. Das Düsseldorfer Amtsgericht hat in einem Aufsehen erregenden Urteil das Stehpinkeln in Mietwohnungen erlaubt. Man(n) muss also nicht immer sitzen. Wobei: Für Bewegung eignet sich gerade diese Verrichtung gar nicht.

Es ist ein Jammer. Na denn: Sind noch Chips im Haus?

 

Die “Lügenpresse” hat ziemlich falsche Freunde

Herzlichen Glückwunsch! “Lügenpresse” ist zum “Unwort des Jahres” gewählt worden. Damit solle, so die Jury, deutlich gemacht werden, dass es eine derartige pauschale Verunglimpfung der Medien nicht geben dürfe. Zumal es sich um einen Kampfbegriff aus der Zeit des Nationalsozialismus handle. Gut begründet. Aber auch notwendig?

Seit dem Anschlag auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” gehört die kollektive Umarmung der Medien zum Mainstream. Es stimmt aber auch, dass man etliche der vielen guten Menschen in Abwandlung eines Erfolgsfilm-Titels “Ziemlich falsche Freunde” nennen könnte. Die getöteten Satiriker würden sich im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wer sich da bei der angeblichen Demonstration der Staats- und Regierungschefs von Paris nach vorne gedrängt hat. Wenn sich ein hochrangiges Mitglied der türkischen Regierung öffentlich als Freund der Pressefreiheit zeigt, dann ist das so, als würde ein versoffener Hooligan für Gewaltfreiheit werben.

Wir sollten auch nicht so tun, als würde Spott über die Religionen unter uns gebürtigen Abendländlern völlig lässig gesehen. Als das Satiremagazin “Titanic” vor einiger Zeit Papst Benedikt bissig karikierte, war der Aufschrei groß.  Man hatte den Eindruck, hier wäre schlimmste Gotteslästerung geschehen. Obwohl kein Mensch und auch kein Würdenträger des organisierten Glaubens Gott ist. Wie es um die Toleranz im Land bestellt ist, könnte jede Regionalzeitung testen, indem sie an prominenter Stelle eine blasphemische Zeichnung bringt. Es gäbe Proteste und Abbestellungen.

Aber wie ist das mit der “Lügenpresse”? Wir alle kennen Satz “Man darf nicht alles glauben, was in der Zeitung steht”. Jeder aufrichtige Journalist würde diese Aussage unterschreiben. Denn es ist objektiv unmöglich, dass Berichterstatter und Kommentatoren immer richtig liegen. Ehrliche Medienmacher wünschen sich sowieso, dass ihre Arbeit nicht kritiklos konsumiert, sondern aufmerksam begleitet wird.

Darauf zu hoffen, dass ein “Unwort” nachhaltig Bewusstsein schafft, ist aber verfehlt. Besser, als auf Umarmungen zu hoffen, die spätestens in zwei Wochen bei geänderter Nachrichtenlage wieder aufhören, wäre es für uns Journalisten, unseren Begriff satirisch zu nehmen. Indem wir uns eine mechanische Lügenpresse denken – und folgern: Wenn diese ihren Dienst getan hat, ist von der Unwahrheit nichts mehr übrig. Sie ist ja frisch gepresst.

 

 

 

 

 

Baby-Namen zeigen: Uns fehlen wahre Idole

Politiker und Bürger sind sich fremd geworden. Beispielhaft zeigt sich das an den Vornamen der Neugeborenen. Vorbei die Zeiten, in denen sich Eltern bei der Namenswahl an den Reichen und Mächtigen orientiert haben. Wie der bekannteste deutsche Vornamensforscher Knud Bielefeld ermittelt haben will, waren Emma und Ben im Jahr 2014 die beliebtesten Baby-Namen.

Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Der Name Ben hat sicherlich den Vorteil, dass er sich für eine maßregelnde Ansprache bestens eignet. Ein Satz, der mit “Also, wennnnnn, Bennnn…” beginnt, ist antiautoritär undenkbar. Emma ist für mein Empfinden altmodisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch aus der Zeit vor Amazon und Ebay stamme und deshalb diesen Namen zwanghaft mit dem Zusatz “Tante” sehe.

Nun aber machen wir den Test: Gibt es namhafte Politiker/-innen, die so heißen? Nein, da ist nichts. Weder im Deutschen Bundestag, noch im Bayerischen Landtag sitzen auch nur eine Emma oder auch nur ein Ben. Die Namen des Spitzenpersonals wiederum bleiben in den Kreißsälen weitestgehend ungehört. Angela findet sich nach den Bielefeld-Charts nicht einmal unter den 500 häufigsten Vornamen. Unsere Kanzlerin rangiert also noch hinter Cassandra, Saphira und Melody. Der SPD-Spitze ergeht es nicht besser. Sigmar bleibt ebenfalls ungelistet und verliert den Kampf gegen Hussein oder Lennox.

Selbst die CSU muss die Vornamensliste mit Grausen beobachten. Zum ersten Mal seit Menschengedenken steht bei den Jungs nicht mehr Maximilian an der Spitze. Der Name, nach dem das Parlament heißt. Die meisten Baby-Bayern heißen heute Lukas oder Lucas. Tja, man hat sich das selbst zuzuschreiben. Hatte man doch früher Ministerpräsidenten mit den alpenländischen Supernamen Josef (Goppel), Franz-Josef (Strauß) und Max (Streibl). Es folgte Edmund (Stoiber), ein Name, der aus dem Englischen kommt und “Beschützer des Erbgutes” bedeutet. Schließlich der entsetzlich unbayerische, weil altgermanische Vorname Günther (Beckstein) sowie in unseren Tagen Horst (Seehofer). Einen regionalen Bezug kann man hier mit viel gutem Willen nur so ableiten, dass alpine Greifvögel in Wohnungen dieses Namens nisten.

Erstaunlicherweise zeigen unsere Eltern auch den Helden des Sports die kalte Schulter. Die beiden Ober-Weltmeister Mario (Torschütze) und Manuel (Torverhinderer) bleiben absolute Randfiguren. Vielleicht ist Jerome (263. Platz) durch die Fußball-Berichte entdeckt worden. Sollte allerdings die überraschend steile Karriere von Mats (Platz 25!) mit der erfrischenden Spielweise von Borussia Dortmund zu tun gehabt haben, dürfte sich dies in nächster Zukunft wieder legen.

Als Fazit bleibt folgende Erkenntniss: Wenn es um Vornamen geht, machen die Leute was sie wollen. Man mag das als Beweis größtmöglicher Freiheit deuten. Aber vielleicht zeigt sich unsere Sehnsucht nach Heldinnen und Helden, die wir wirklich mögen. Mal sehen, wie lange Frau von der Leyen braucht, bis sie feststellt, dass sie eigentlich Emma heißt.

Stehpinkeln an den Nachthimmel

Alle Jahreswechsel wieder kommt er – der Appell an unsere Vernunft. Wir möchten doch auf die sinnlose Silvester-Kracherei verzichten und statt Böllern Brot kaufen oder an die Armen der Welt verschenken. Ganz bestimmt: Hier spricht die Vernunft. Aber andererseits…

Die wohlmeinenden Appelle kratzen an einem der letzten Refugien altmodischer Männlichkeit. Was machen heutzutage tendenziell nur Männer? Müll nach unten bringen, Auto waschen, am Grill stehen – und an Silvester Rabatz machen. Weil es nun mal zur männlichen Risikobereitschaft gehört, mehr oder weniger besoffen ein Feuerzeug an eine ziemlich kurze Zündschnur zu halten.

Das Abschießen von Raketen ist genauso unvernünftig, wie die Weigerung, sich auf eine Toilettenschüssel zu setzen. Aber es macht Spaß. Feuerwerk ist das Stehpinkeln an den Nachthimmel. Und deshalb bei Männern beliebt.

Die Industrie hat das durchschaut. Sie unterlegt den männlichen Todesmut mit den Bezeichnungen der Feuerwerkskörper. Man kauft Knallfrösche? Ach was. Papas Pyrotechnik heißt jetzt “Monsterblaze”, “Sniper” oder “Metalhead”. Ja, es können sogar “Earthquake” und “Thunderstorm” entstehen, wenn der “Master of Rockets” und “Power Lord” der Nachbarschaft einen Meteorenregen um die Ohren haut.

Jeder ist gerne mal Held. Und sei es nur für die jeweils erste Viertelstunde im neuen Jahr. Ganz bestimmt: Wir achten daran, dass die Raketenverpackung in den Gelben Sack muss. Wir bringen die Raketenabschuss-Sektflaschen zum Altglascontainer. Und wer weiß: Vielleicht haben wir als guten Vorsatz aufgeschrieben, dass wir ab 2015 im Sitzen pinkeln. Aber das bleibt erstmal geheim…

 

 

 

 

 

 

 

Pegida: Das Unbekannte nährt die Wut

“Pegida”, was soll das denn bitte? Stimmt, es fiele leicht, den Zulauf zu den Patriotischen Europäern als Ausdruck kollektiver Verwirrung abzutun. Tatsächlich ist es unerklärlich, warum ein mehrfach vorbestrafter Koch, der sich auf der Flucht vor der deutschen Justiz nach Südafrika abgesetzt hatte, nach seiner Rückkehr gegen kriminelle Ausländer hetzt. Er war ja selber einer. Taugt ausgerechnet er als Retter des Abendlandes? Bestimmt nicht.

Freudig stimmen wir allerdings der Analyse zu, dass der Zorn auf Muslime gerade in Dresden oder Sachsen absurd sei. Dort gebe es ja kaum Ausländer. Aber hier hakt es. Denn diese Argumentation würde bedeuten, dass eine Bedrohung durch den Islam dort besonders hoch sei, wo viele seiner Anhänger leben. Tatsächlich erlebt, wer Muslime kennt, dass es sich um ganz normale Menschen handelt. Es gibt Liebenswerte, Fröhliche, Nachdenkliche – aber auch Arschlöcher.

Normalität macht keine Angst. Gerade das Unbekannte ist es, das für dumme Parolen wie  “Keine Sharia in Europa” oder “Alibaba und die 40 Dealer. Ausweisung sofort” benutzt werden kann. Je diffuser die Bedrohung, desto größer sind offenbar die Sorgen.

Woran von interessierter Seite seit vielen Jahren gearbeitet wird. Mit Parolen wie “Das Boot ist voll” traktieren uns Parteien seit den 80-er Jahren. Anfang der 90-er wurde uns suggeriert, eine Flut von Kriegsflüchtlingen vom Balkan würde alle Sozialsysteme sprengen. Und das mutmaßlich nur vernunft- und faktengesteuerte Magazin “Der Spiegel” brachte im Frühjahr 2007 folgende Titelgeschichte: “Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung.”

Das Feindbild Ausländer wird seit langem gepflegt. Und dies trifft nun auf ein verbreitetes Unbehagen. Arbeitnehmer erleben zum Beispiel, dass sie keine geschätzten Mitarbeiter mehr sind, sondern Teil des Humankapitals. “Wir hatten nichts zu tun und haben ein bisschen geplauscht.” Wer traut sich das noch zu sagen, denken – oder gar zu machen? Zugleich erfahren viele Menschen, dass ihre wirtschaftliche Zukunft ungewisser wird. Auch das speist dieses Gefühl, dass sich die Politik nicht richtig um die große Masse kümmert, während Fremden geholfen wird, sobald sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Und so bringt Pegida selbst mit absurd dummen Parolen auch so genannte Normalbürger auf die Straße. Harmlos macht das die Sache nicht. Denn Zukunftssorgen sind berechtigt. Bloß: Schuld daran sind nicht die Ausländer. Und die Islamisten schon gar nicht.

 

Das Wunder der schadstofflosen Autos

Die Zunft der Alchemisten galt den Menschen früherer Zeiten als reichlich dubios. Sagte man ihnen doch nach, dass sie unter Einsatz fragwürdiger Kräfte minderwertiges Metall in Gold verwandeln würden. Wunderbares aus dem Nichts zu zaubern, soll es in diesem Jahrtausend wieder geben. Nennen wir es Elektromobilität.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Elektroauto in die Kategorie “Null Emissionen” eingestuft wird, ist so groß, dass die öffentliche Meinung wie ein Teil eines Hexenwerkes wirkt. Denn würde stimmen, was die Kanzlerin sagt, wäre ein uralter Menschentraum real in Erfüllung gegangen: Fortbewegung ohne Anstrengung und ohne Folgen für die Umwelt wären möglich geworden. Nicht, dass dieser Gedanke völlig neu wäre. Das Auffahren gen Himmel nach dem Tod gehört allerdings in die Abteilung “Glauben und Zweifeln”, das Beamen von Raumschiff zu Planet ist Science-Fiction.

Aber zurück zum Elektro-Auto. Um zuverlässig fahren zu können, benötigt es keinen Zapfhahn, wohl aber einen Stecker. Mit dessen Hilfe wird Strom übertragen, der, weil er unsichtbar, geruch- und geschmacklos ist, nach allgemeiner Einschätzung aus dem Nichts kommt. Tut er aber nicht. Manchmal wird er von einem stinkigen ostdeutschen Kohlekraftwerk geliefert, weshalb unser Ministerpräsident Horst Seehofer neue Stromleitungen aus seinem Bayernland heraushalten möchte.

An dieser Stelle erhebt der Elektroauto-Produzent entschieden Einspruch. Heutzutage werde doch der Strom nahezu komplett aus Wind und Sonne produziert. Aber: Entstehen beim Herstellen von Windrädern und Solarzellen keine Schadstoffe? Und ist die Rechnung so falsch, dass beim Produzieren eines Autos mit Metallkarosserie so viel klimaschädlicher Dreck erzeugt wird, dass es selbst Benzinern kaum möglich ist, beim Herumfahren während ihres Autolenens eine vergleichbare Schadstoffmenge zu erzeugen?

Es ist kompliziert. Weshalb wir alsbald verschärft eine ganz andere Botschaft bekommen dürften: Kohlendioxidfreien Strom gibt es nur aus dem Kernkraftwerk. Die Alchemisten der Atomindustrie gelten als besiegt. Ganz weg vom Fenster sind sie aber nicht.

 

Gleich und Gleich: Die Tragödie für dumme Männer

“Gleich und Gleich gesellt sich gern,” Das war wieder mal eine Überschrift zum Drüberstolpern. Sollte damit der Homosexualisierung der Gesellschaft und somit der antiwestlichen Putin-Propaganda neuer Schub verliehen werden? Nein, so war es gar nicht. Es ging vielmehr darum, warum es Frauen bei der Wahl eines männlichen Partners schwerer haben als Männer auf Frauensuche.

Zu ergründen, warum sich Menschen oder nicht finden, gehört zu den klassischen Aufgaben der Psychologen und Soziologen. Es sagt ja einiges über unsere Gesellschaft aus, ob eine Katholikin Probleme mit den Eltern bekommt, wenn sie einen Protestanten anschleppt. Dieses sollte bei uns überwunden sein, während andere Glaubensfragen – Dortmunderin verliebt sich in Schalke-Fan – weniger lässig gesehen werden.

Aber das ist nicht die zentrale Frage. “Gleich und Gleich” bezieht sich auf das Bildungsniveau. Immer häufiger achten Menschen darauf, dass sie die großen Fragen des Daseins mit ihren Liebsten auf Augenhöhe bereden können. Wer “Bauer sucht Frau” spannend findet, kann niemand auf dem Sofa brauchen, der dauernd auf Arte zappt. Wer große Romane liest, braucht ein anderes Bücherregal als jemand, der sich die Welt von bild.de erklären lässt. Da reicht im Zweifelsfall ein Tablet-Ständer.

Spätestens jetzt erkennen wir: Die Partnerwahl wird vor allem für Frauen immer schwieriger. Wissen wir doch, dass gerade junge Frauen den Männern in Sachen Bildung inzwischen deutlich überlegen sind. Gelegentlich verdienen sie sogar mehr Geld. Und sie stehen seitens der Umwelt stärker unter Druck: Der Chefarzt, der seine Ehefrau für eine junge Krankenschwester vom Hof jagt, gilt manchem immer noch als toller Hecht. Die wenigsten Männer schämen sich für eine Hausfrau.

Ist andererseits eine Professorin denkbar, die ihren Bekannten auf dem Opernball stolz ihren sexy Bauarbeiter vorstellt? Nein, die Kombination aus berühmter Frau und dummem  Jüngling ist derzeit nur im Showgeschäft denkbar. Besser ist doch ein Mann, der etwas darstellt. Weil sonst die anderen lästern könnten.

Wir stellen also fest: Die Emanzipation ist weit gekommen. Aber ganz normal ist noch nicht alles…

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!