Archiv der Kategorie ‘Gesellschaft’
Das Unrecht lauert im Kaufhaus
Nein, diese Welt ist nicht gerecht. Diskriminierung ist überall! Diese Erfahrung machst du als Man spätestens dann, wenn die Haare ausfallen, der Bart grau und der Bauch größer wird. Wo? Zum Beispiel in jedem gut geführten Kaufhaus.
Du musst ja nur mal mit Karohemd und abgetragener Jeans in die Marken-Mode-Anzugs-Abteilung der entsprechenden Filialen gehen. Wenn du Glück hast, wirst du vom Verkäufer überhaupt bemerkt. Oder Mr. Schniegelmann gibt dir durch ein leichtes Naserümpfen zu verstehen, dass er Besseres zu tun hat, als ausgerechnet dich zu bedienen. So wird dir klar: Der taillierte Armani-Blazer ist nichts mehr für dich. Und du fragst gleich, wo es die Hawaii-Hemden gibt.
Plagt den Verfasser, also mich, gerade eine Midlife-Eisheiligen-Depression? Nein, gar nicht. Denn Konsumenten-Diskrimierung ist ein weit verbreitetes Phänomen. Wie Wissenschaftler des Lehrstuhls für “Valued Based Management” der Universität Augsburg herausgefunden haben, wird nahezu jede(r) dritte Konsument(in) in Deutschland beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen diskriminiert.
Die Forscher haben in ihrer Studie verschiedener Merkmale berücksichtigt, die Grundlage von Diskriminierung sein können. Nämlich Alter, Behinderung, Geschlecht, ethnische Herkunft, physisches Aussehen, ein ungepflegtes Äußeres, Religion, sexuelle Orientierung/Identität sowie den sozioökonomischen Status. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind die am häufigsten auftretenden Diskriminierungsmerkmale das Geschlecht (11,5 Prozent), das Alter (11,0 Prozent) sowie der sozioökonomische Status (9,2 Prozent). Und: Wenn du Deutscher bist, kommst du noch gut weg. Türkische Konsumenten/-innen klagten ganz überwiegend über Diskriminierung. 81 Prozent gaben dies in der Befragung zu Protokoll.
Wahrscheinlich ist es bei den Verkäufern im Einzelhandel so, wie früher bei den Schalterbeamten. Sie werden schlecht bezahlt und lassen das der Kundschaft auf ihre Weise spüren. Im Top-Fashion-Store eben durch ihren Stolz darauf, dass nur sie perfekt ins schöne Umfeld passen.
Man muss das entwender ertragen – oder ein anderes Geschäft besuchen. Wohin aber mit Haarausfall, grauem Bart und Bauch? Nein, das mittelständische Sanitätshaus muss es nicht gleich sein. Ich empfehle die nächstgelegene Filiale von Harley Davidson. Dort sehen alle Kunden so aus. Heavy Riders, wir sehen uns!
Der kleine Luca und der böse Süden
Es ist schon richtig, dass sich in den Namen der Kinder die Sehnsüchte ihrer Eltern ausdrücken. Bei uns in Deutschland schien der Fluchtreflex zuletzt groß zu sein. Denn bei den neugeborenen Jungen lag der Name Luca vorne.
Klingt italienisch, zum Beispiel nach dem Fußballer Toni. Und das hatten wir ja schon einmal. In der DDR. Damals protestierten Menschen gegen das Eingemauertsein, indem sie Aufkleber der Zigarettenmarke “West” auf Trabi und Wartburg klebten. Aber ebenso dadurch, dass sie ihren Kindern südländische Vornamen geben. Auch heute noch weiß man einiges über die Herkunft, wenn man mit einem Silvio Schulze oder einem Rocco Neumann kennenlernt.
Allerdings: Ist das Land, in dem die Zitronen blühen, noch immer eine Verheißung? Das doch eher nicht. Man muss doch bloß daran denken, dass eine Partei namens AfD innerhalb kürzester Zeit 13.000 Mitglieder gewonnen hat. Nur, weil ihr Talkshow-Professor auf sämtlichen Fernsehsofas verkündet, dass es untragbar sei, den “Südstaaten” den Euro in die Hand zu geben. Am Mittelmeer lauert die Gefahr. Und es ist nicht der weiße Hai.
Nein, es sind die jungen Langzeitarbeitslosen und die schamlosen Reichen, die ihre Steuern nicht anständig bezahlen wollen. Ein Verhalten, das bei uns bekanntlich völlig unbekannt ist.
So fällt es schwer, den Siegeszug des kleinen Luca zu verstehen. Zumal es ein neues Sehnsuchtsland gibt, nämlich Deutschland. Nicht, weil der Wein so gut, das Essen so lecker, die Bademeister so latin und die Signoras so erotisch sind. Nein, weil Angela Merkel da ist und für Arbeit sorgt.
Deshalb kommen die Menschen zu uns, im Jahr 2012 alleine 184.000 aus Polen und 117.000 aus Rumänien. Und wie lauten dort inzwischen die beliebtesten Baby-Vornamen? Karl-Heinz, Gerhard oder Dietmar? Nichts von alledem: Die polnische Namensliste wird angeführt von Kamil, Jakub und Patryk, die rumänische von Kimi, Arian und Sam.
Verstehe einer die Osteuropäer.
Der Osterhase schreit vor Glück
Ach ja, früher war alles besser. Selbst der Osterhase hatte es leichter. Er packte sein ergonomisch geformtes Weidenrutenkörbchen, schnallte es auf den Rücken, stellte die Löffel nach oben und hoppelte los. Heute kommt der Eierlieferant anders daher, nämlich als Fahrer eines DHL-Transporters. Denn die Geschenkeflut wächst.
Sperriger sind die Gaben auf jeden Fall geworden. Die Osternester von heute sind bevorzugt eckig. Es gibt Smartphones, Büchertaschen oder großformatige Legosteine. An den eigentlichen Anlass erinnern – wenngleich ausschließlich sprachlich – die iPads und die weiteren Segnungen deren Herstellers. Für den Einzelhandel ist das natürlich eine Freude. Er jubelt über das zweitbeste Geschäft nach Weihnachten.
Das nimmt dem österlichen Suchspiel allerdings die Lässigkeit. Früher stand allenfalls die treu waltende Hausfrau Ängste aus. Nämlich, dass nicht gefundene Eier oder Schokolämmer vor dem Auffinden zerbrechen, verfaulen oder unkontrolliert schmelzen könnten. So dass sich neben den Sessel- und Sofaritzen grässliche Flecken bilden könnten. Auch braune Fladen auf dem Teppichboden waren gefürchtet. Beim Wert der heutigen Geschenke geht allzu listiges Verstecken natürlich nicht mehr. Wer legt schon einen Kindle so in den Weg, dass Ur-Opa auf dem Weg zur Toilette drauflatscht?
Man könnte nun trefflich darüber philosophieren, ob die steigenden Ausgaben für Ostergeschenke ein Indiz für wachsende Liebe unter den Menschen ist. Oder eine Möglichkeit, zwischenmenschliche Ratlosigkeit zu kaschieren. Doch lassen wir das, freuen wir uns lieber mit dem Einzelhandel, dass sich zwischen Valentins- und Muttertag ein fester Ankerplatz für überschüssige Devisen etabliert hat. Und schenken wir in dem guten Bewusstsein, dass es in diesen Eurokrisen-Zeiten eh das Beste ist, die Kohle rauszuhauen.
Der moderne Oster-Mensch prasst. Lustiger war die exzessive Eiersuche aber trotzdem. Mein Appell ist deshalb klar: Hoppelt mal wieder! Oder schreit vor Glück1
Keine Homo-Ehe in Oberpimpfhausen!
“Liebe Freunde, liebe Mitglieder des Bläservereins Oberpimpfhausen. Seid’s gewiss: Mit mir, mit unserer CSU, wird auf unseren Bergen niemals ein Schwuler in unser geliebtes Alphorn stoßen. Und keine Lesbe ein Dirndl tragen. Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder! Unsere Almen bleiben sauber! Mia samma mia!” – Wer mit gleichgeschlechtlich orientierten Extrem-Trötern kein Problem hat, sollte die schwarzen Abgeordneten und die Talkshowgäste quatschen lassen und einfach ein bisschen Geduld haben. Die völlige Gleichstellung homosexueller Partnerschaften kommt spätestens kurz nach der Bundestagswahl 2013. Selbst dann, wenn Angela Merkel und Horst Seehofer regieren sollten.
Es ist ein Drama, wie dieses Thema in den Wahlkampf hineingeschwafelt wird. Kein normal denkender Mensch regt sich noch darüber auf, dass Mann und Mann oder Frau und Frau oder Wer-mit-Wem-auch-immer zusammenlebt. Man darf sogar vermuten, dass es ein Kind bei zwei vorhandenen Vätern besser hat, als bei einem davongelaufenen Erzeuger und somit einer alleinerziehenden Mutter.
Wobei es immer konkret auf die Menschen ankommt. Die Zugehörigkeit zu einer Randgruppe allein macht noch keinen besseren Menschen. Denn wie wir gerade aus Südafrika erfahren haben, können selbst beinamputierte Menschen Idioten sein.
Gut und Böse hängen jedenfalls nicht an der sexuellen Orientierung. Weshalb das auch nicht per Gesetz so festgestellt werden kann.
Aber es ist ja Wahlkampf. Und vor allem für CSU und CDU gilt es, jene konservative Klientel zu bedienen, der das für sie Fremde ein Dorn im Auge ist. Menschen, denen die Halsschlagader schwillt, weil der Nachbar seine Hecke zu schlampig schneidet. Menschen, die Falschparker aufschreiben, denen bekennende Linkshänder der strukturellen Abartigkeit verdächtig sind, Menschen die um Mitternacht bei null Verkehr an einer roten Ampel stehen bleiben.
Es sind auch Menschen, die den Verdacht nicht loswerden, dass Lesben und Schwule nur ein Ziel haben: Kinder und Jugendliche von einer ordentlichen Fortpflanzungs-Sexualität abzubringen und sie an ein anderes Ufer zu locken, an dem am Ende der Tod dieser Gesellschaft durch Aussterben mangels Nachwuchs steht. Menschen, die glauben, dass diese Homo-, Trans- und Dingssexuellen von einem ansteckenden Menschen-Umdreh-Virus befallen sind.
Sie alle brauchen Politiker(innen), die sie vor dem Anderen warnen und beschützen wollen. Die alle möglichen Werte bewahren wollen, außer Toleranz und Menschlichkeit. Und die CSU hat ihre Wahlkämpfe schon immer gegen das vermeintlich Böse geführt. Mal war es der Sozialismus, mal waren es die Asylanten. Und hier, nur hier, liegt die Chance, dass die Gleichstellung homosexueller Ehen doch vor den Wahlen kommt. In ersten Talkshows wird eifrig über die Bedrohung durch Bulgaren, Rumänen, Sinti und Roma schwadroniert.
Hoffnungsvolles Wahlkampfthema. Denn es ist doch klar: Wenn das Boot voll ist, ist ein rosa Alphorn das kleinere Übel. Döööööhhhhhh!!!!
Pessimisten leben länger
Habe, ach, studiert 25 Bücher über Glück und über Wege dorthin. Habe die zehn Gebote für angehende Optimisten auswendig gelernt. Und jetzt dies: Allzu großer Optimismus im Alter kann zu einem erhöhten Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiko führen. Das zeigt eine Studie von Forschern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gemeinsam mit weiteren schlauen Leuten aus Berlin und Zürich. Demnach leben ältere Menschen, die ihre künftige Zufriedenheit gering einschätzen, offenbar länger und gesünder als ältere Menschen, die für sich eine rosige Zukunft sehen.
Herausgefunden haben die Forscher Folgendes: Im Gegensatz zu den älteren Menschen zeichneten junge Erwachsenen dabei meist ein unrealistisch rosiges Bild von ihrer Zukunft. Menschen im mittleren Erwachsenenalter dagegen waren weitgehend realistisch. Je älter die Befragten waren, umso pessimistischer schätzten sie ihre Zukunft ein. Überraschend sei gewesen, dass die Befragten umso pessimistischer in die Zukunft sahen, je stabiler ihre Gesundheit und je höher ihr Einkommen war. Meinen die Erlanger Experten.
Was bitte ist an diesen Erkenntnissen überraschend? Es ist doch klar, dass jeder Mensch als grenzenloser Optimist anfängt. Kinder lernen jeden Tag Neues und unterliegen somit naiv und fröhlich dem Trugschluss, dass das Leben unbegrenzte Möglichkeiten böte. Ein Problem ist die Pubertät. Nachdenklichen jungen Menschen wird in dieser Entwicklungsphase bewusst, dass sie in naher Zukunft zu den Erwachsenen gehören. Das muss nicht zwangsläufig als erstrebenswert angesehen werden. Erst wenn dieser Stress überwunden ist, ist wieder für ein paar Jahre Platz für grenzenlose Zuversicht.
Danach, so ab 30, greift jedoch das Sprichwort “Ein Pessimist ist ein Optimist mit Lebenserfahrung”. Denn immer dann, wenn wir glauben, dass die größten Sorgen abgehakt sind und somit der Weg zum Glück bereitet ist, tauchen neue Probleme auf. Unser Pessimismusanteil steigt mit jedem Lebensjahr, zumal uns die ersten Optimisten schon viel zu früh verlassen haben. Etwa ab 70 sind wir endgültig zu Realisten geworden.
Ist das jetzt zum heulen? Aber nicht doch. Auch hier kommt es, wie immer im Leben, sehr darauf an, was man daraus macht. Der Pessimist hat also ein längeres Leben. Das ist aber nur schlecht, wenn er nicht weiß, was er damit anfangen soll. Tatsächlich ist es so: Wer düsterer nach vorne schaut, wird seltener enttäuscht und ist am Ende – jawoll – glücklicher.
Sehen wir die Dinge also ganz anders als Nina Ruge: Alles wird schlecht. Aber vielleicht nicht so schlimm wie man denkt.
PS: Unser Sterblichkeitsrisiko liegt bei 100 Prozent. Bei Optimisten und Pessimisten. Das müssen auch Forscher akzeptieren.
Pille danach? Okay, aber nicht für alle Fälle
Wie nett: Da hat sich eine Runde von alten Männern tiefgründig mit dem gebärfähigen Körper der Frau befasst. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich ein Thema vorgenommen, das ihre Mitglieder eigentlich ganz und gar nichts angeht. Aber immerhin: Es ist Hirn vom Himmel gefallen. Deutschlands oberste Katholiken haben ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die “Pille danach” aufgegeben. Frauen müssen den Zorn Gottes nicht mehr fürchten, wenn sie das Kind ihres Vergewaltigers nicht austragen wollen. Sagen seine angeblichen Stellvertreter auf Erden.
Da hat in aller Nachhaltigkeit die Barmherzigkeit gesiegt, möchte man jubeln. Aber dafür gibt es keinen Grund. Denn es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen selbst über eine Pille gegen eine ungewollte Schwangerschaft entscheiden. Auch ohne Rücksprache mit dem jeweils diensthabenden Exorzisten. Aldenn: Es ward geredet. Es ward gut. Und Gott sah es mit Wohlgefallen. Punkt.
Träumen wir lieber ein bisschen von den vielen wunderbaren Möglichkeiten, die uns die “Pille danach” noch schenken könnte. Wie etwa sähe unser Showbusiness, wie unser RTL-Programm aus, wenn sie gleich nach der ersten Produktion von Dieter Bohlen geschluckt worden wäre? Wie unsere Kommunikation, wenn sie bereitgelegen wäre, als Mark Zuckerberg sein Facebook scharfgestellt hat?
Wie schön wäre diese Pille, wenn sie der Fußballfan nach dem Abstieg seines Lieblingsclubs schlucken könnte? Wie gut wäre es für unser geliebtes Nachbarland Italien, wenn sie nach dem nächsten Wahlerfolg von Berlusconi wirken würde?
Die Einsatzmöglichkeiten wären unbegrenzt. Aber erstmal geben wir die “Pille danach” den Frauen. Doch nur in wirklich bösen Fällen. Was Frauen wirklich wünschen, ist ja klar. Eine Pille danach, die nach sieben Jahren Ehe automatisch zugeteilt wird und optional verwendet werden kann. Hier gilt jedoch: Das gibt es nicht. Das geht zu weit. Das ist Teufelszeug. Sakrament!
Das Pferd, das sie Rind nannten
Kennen Sie diesen Film? “Das Pferd, das sie Rind nannten.” Anlässlich des aktuellen Lebensmittelskandals könnte dieser Streifen gedreht werden. Mit zahlreichen dokumentarischen Einschüben aus Nachrichtensendungen und empörten Stellungnahmen von Politikern. Ich frage mich? Warum eigentlich diese Aufregung?
Ein echter Skandal ist es doch, wenn man etwas Schlechteres bekommt, als versprochen wurde. Pferdefleisch jedoch ist grundsätzlich besser als das Fleisch von Rindern oder gar von hormongemästeten Superschweinen. Sein Verzehr ist bloß ungewohnt. Und natürlich ist uns das Ross eher ein geschätzter Freund. Kühe werden keine Olympiasieger. Aber kühl betrachtet lautet unser Aufschrei so: “Ich wollte einen Opel. Und musste einen BMW nehmen.”
Kein Vergleich jedenfalls zu den früheren Lebensmittelskandalen. An Glykol im Wein sind Menschen gestorben. Fischwürmer und Gammelfleisch-Döner haben Übelkeit ausgelöst. BSE galt als Frontalangriff auf unsere Hirngesundheit, in Schweinefutter wurde das Ultragift Dioxin gefunden. Und, und, und…
Lebensmittel als solche galten deshalb immer wieder als grundsätzlich lebensvernichtend. Obwohl wir doch dank “Dschungelcamp” wissen, dass der Mensch viel mehr verträgt, als man allgemein so denkt.
Womit wir beim Kern des Problems wären: Wie kann jemand, der im Supermarkt tiefgekühlte Fertigkost kauft, empört sein, weil er betrogen wurde? Das ist gar nicht möglich, denn dieser ganze Fraß ist ein einziger Beschiss. Wer das nicht glauben will, lese bitte die Zutatenliste. Nein, wir essen alles, ohne groß nachzudenken. Weil wir den Geschmack verschiedener Essen eh nicht mehr auseinander halten können.
Wir sind also auch selber schuld. Martin Luther würde sich mächtig über uns wundern und in seiner Verwirrung vielleicht diesen Satz sagen: “Wenn ich wüsste, dass meine Lasagnenudel ab morgen aus Styropor ist, würde ich heute ein Pferd schlachten.” Amen.
Der große Trend: Anonym killt gut
Es ist ein uralter Menschheitstraum: Die Idee, zumindest zeitweise unsichtbar zu sein, um andere Menschen ungestört beobachten oder aber gefahrlos erledigen zu können. Für Nibelungen-Siegfried gab es eine welt-exklusive Tarnkappe bei Giftzwerg Alberich. Heute ist diese Vision für viele Menschen wahr geworden. Dank Computertechnik liegt anonymes Attackieren voll im Trend.
Das prominenteste Opfer dieser Tage ist die bisherige Hochschulministerin Annette Schavan. Der offenbar richtige Vorwurf, sie habe beim Schreiben ihrer Doktorarbeit allzu großzügig abgekupfert, ist anonym aus dem Internet aufgetaucht. Ab diesem Moment hatte die Ministerin kaum noch eine Chance. Den Mitteilungen geheimer Ermittler wird gerne geglaubt. Selbst von Menschen, die das weltweite Netz ansonsten als Tummelplatz für Betrüger und andere Gauner ansehen.
Früher hätten sich Medien geweigert, Geschichten zu veröffentlichen, die auf unbekannten, nicht überprüfbaren Quellen beruhen. Zumal von Menschen, die nicht unmittelbar betroffen sind und somit getrost zusehen können, wie ihre Giftpfeile wirken. Man kann darüber streiten, ob die anonymen Attacken gegen sie verdienstvoll oder feige waren. Aber letztlich geht es in diesem Fall nur um eine einzelne Person.
Anlass zur Empörung haben unsere Regierungs-Politiker/-innen jedenfalls nicht. Setzen sie doch selbst auf den virtuellen Hinterhalt, wenn sie sich daran machen, für die Bundeswehr unbemannte Drohnen anzuschaffen. Also fliegende Tötungsmaschinen, die von Menschen gesteuert werden, die irgendwo auf der Welt vor Computer-Bildschirmen sitzen. Menschen, die mit dem von ihnen ausgelösten Sterben genauso wenig zu tun haben, wie der Teenager, der auf seinem Laptop ein Vernichtungsspiel spielt. Sie arbeiten effizient, risiko- und gefühlsfrei. Eine überlegene Technik, die es leicht macht, Krieg zu führen.
Unterm Strich gibt es einen großen Trend: Das offene Visier ist von gestern. Erfolg hat, wer nicht erkannt wird, wer nichts zu befürchten hat. Es lebe die Tarnkappe!
Vorsätze sind gut – sie müssen bloß passen
Preissturz? Sale? Ja, gut, das gibt es in diesen Tagen auch. Aber wenn bei uns, und nicht in England, demnächst Pfunde purzeln sollten, ginge es um etwas anderes: Wir hätten das Unmögliche geschafft. Wir wären unseren guten Vorsätzen gerecht geworden.
Es gibt offenbar kein Entkommen vor dem Drang, ab Gültigkeit einer neuen Jahreszahl unser Leben zum Besseren zu wenden. Wir wollen schlanker, schöner, sportlicher, tabak- und alkoholfreier, mitfühlender, freundschaftlicher und hilfsbereiter werden, als wir es vielleicht jemals zuvor gewesen sind. Und selbst im fortgeschrittenen Alter fragen wir uns nicht, warum wir immer wieder vor den selbst gestellten Aufgaben versagt haben. Am 1.1. muss was passieren. Am Veränderungs-Feiertag.
Ein nachweisliches Erfolgsrezept ist der persönliche Jahreswechsel-Relaunch aber nicht. Eine englische Studie mit 3000 Teilnehmern hat ergeben, dass 88 Prozent ihre guten Vorsätze nicht einhalten. Das ist sehr viel. Andererseits: 12 Prozent sind auch etwas. Hierzulande können sie reichen, um einer Bundesregierung anzugehören. Als Verzinsung von Guthaben sind sie ein Traum, bei der Verzinsung von Dispokrediten Realität. Stellen wir uns doch nur vor, Jahr für Jahr würden 12 Prozent der Fettleibigen schlank. Schon nach fünf Jahren hätten wir nur noch halb so viele Dicke. Die Änderungsschneidereien würden zur Boombranche.
Doch das passiert nicht. Auch deshalb, weil wir uns die falschen Ziele setzen. Warum müssen wir immer gut und besser werden? Warum können wir uns nicht vornehmen, wenigstens ein Mal im Monat ordentlich mit Freunden zu saufen? Warum versprechen wir uns nicht, konsequent ein Jahr lang jede Sportschau vom Anfang bis zum Ende zu schauen? Warum schwören wir nicht, 2013 einen Wälzer von Umberto Eco nicht zu lesen? Warum nehmen wir uns nicht vor, dass wir uns auch im neuen Jahr auf gebratenes Fleisch und Vollbier freuen?
Setzen wir uns doch Ziele, die zu uns passen. Erst dann entfaltet die Weisheit, dass es zum Optimismus keine sinnvolle Alternative gibt, ihre wundersame Wirkung. Und übrigens: Ich habe zwischen dem 15. und 17. November 2007 mit dem Rauchen aufgehört. Das Jahr hat also 365 Veränderungstage. Wenn man nur will.
Die Killerlogik der Waffenlobby
Frieden schaffen mit immer mehr Waffen! Pflugscharen zu Schwertern! Die Verlautbarungen der US-Waffenlobby nach dem Massaker an der Grundschule von Newtown/Connecticut haben bei uns friedliebenden Deutschen für helle Empörung gesorgt. Aber: Ist vielleicht etwas dran, dass sich irre Leute am besten durch Waffen einschüchtern lassen? Kritischer Journalismus verlangt, dass das zumindest hinterfragt wird.
Die Waffenhändler und die Menschen, die ihnen dienen, wirken für sich betrachtet verrückt. Da läuft also ein Vollidiot durch eine Schule und knallt alles nieder, was ihm gerade vor die Flinte läuft. Und was sagen die Gewehr- und Pistolenverkäufer? Wäre alles nicht passiert, wenn der Typ gewusst hätte, dass er einer zu allem entschlossenen Grundschullehrerin oder einem vernichtungsfrohen Klassensprecher gegenübergestanden hätte.
Das ist die Logik des Kalten Krieges. Diese besagt, dass jede Aufrüstung auf einer Seite mit einer Aufrüstung auf der anderen Seite beantwortet werden müsse. Auf dass der Erst-Aufrüster wisse, dass ihm sein Tun gar nichts nützt. Was im Klartext bedeutet: Wenn Du mich blöd anpisst, schlage ich dermaßen zurück, dass alles kaputt ist, so dass keiner von uns etwas davon hat. Dank dieser hervorragenden politischen Handlungsweise sitzen wir alle mittlerweile auf einem Arsenal von Atomwaffen, welches ausreicht, um diese Welt mehrfach zu vernichten.
Im normalen Leben erlebt man solche Verhaltensstrategien bei Ehescheidungen. Aber das hilft den von Psychopathen bedrohten Grundschülern nichts.
Weshalb ich hier zunächst feststelle, dass die Waffenlobby richtig liegen könne. Nehmen wir das Autofahren. Wie schrecklich ist doch diese Rücksichtslosigkeit im Verkehr. Jeder Depp, der sich dank eines schufafreien Kredits in einen Audi oder BMW mit 300 PS setzen darf, macht fortan Jagd auf den Rest der Welt. Dagegen helfen Radarfallen nur bedingt. Viel wirksamer ist es doch, wenn viel mehr andere Leute dicke Audis oder BMW’s kaufen. Dann würde das Überholen schwerer. Vor allem aber würde es bei immer mehr langstreckentauglichen Autos immer mehr Staus geben. Und da kann selbst der freieste Bürger nicht mehr nach Belieben düsen.
Punktsieg für die Waffenlobby. Andererseits: Viele Menschen leiden darunter, dass sie von Besoffenen angepöbelt werden. In der US-Killerlogik kann das Pöbeln durch böse Besoffene nur dadurch bekämpft werden, dass sich möglichst viele gute Menschen ordentlich besaufen und ihrerseits lospöbeln, ehe der Pöbler auch nur auf die Idee kommt, dass er Spaß am Pöbeln haben könnte.
Nichts gegen Alkohol, wirklich nicht. Aber ich glaube nicht, dass das funktioniert. Die US-Gesellschaft scheint mir so gestrickt zu sein, wie das mal in der TV-Serie Stromberg erzählt wurde: “Wenn ein Wolf im Wald einem Wolf begegnet, denkt er: ‚Aha, ein Wolf.‘ Wenn ein Mensch im Wald einem Menschen begegnet, denkt er: ‚Aaaaahhh, ein Mörder.‘“
Wer will in einer solchen Gesellschaft leben, in der man schon den grantigen U-Bahn-Fahrgast als existenzielle Bedrohung empfindet? Ich nicht. Sie?
Gutscheine gegen die Apokalypse
Wir haben hoch gepokert. Weil ja nun Weltuntergang sein wird, haben wir es uns erspart, durch die Fußgängerzone zu rennen und sind dem Liefertermin-Pokerspiel mit Online-Versendern ausgewichen. Wo alles futsch ist, braucht es auch kein Weihnachtsgeschenk. Ist doch logisch.
Doch spätestens seit heute nagen an uns schwere Zweifel. Laut Zeitung hat das Nürnberger Regionalbischofs-Ehepaar klipp und klar erklärt, dass es keinen Weltuntergang geben wird. Und jetzt stehen wir da. Ohne alles. Als Geizkrägen, herzlose Fieslinge, als Stimmungszerstörer. Gibt es da gar keine Rettung? Jawohl, die gibt es: den Gutschein.
Die Schenkkultur hat sich ja geändert. Früher haben die Verwandten an Weihnachten zuverlässig Christstollen geschickt und wurden dafür mit Bohnenkaffee und Strumpfhosen belohnt. Oma 1 schenkte grundsätzlich Socken und Unterhosen (Feinripp, mit Eingriff), Oma 2 eher mal geschmacklose Blumenvasen. Das war nicht immer wirklich hilfreich, aber es gab einen gemeinsamen Plan.
Heute jedoch herrscht große Ratlosigkeit. Man kennt die wahren Bedürfnisse der anderen noch weniger als früher. Man will es auch gar nicht. Man sieht eigentlich gar nicht ein, warum man den anderen das Geld auch noch hinterherschmeißen soll. Aber: Schenken und sparen, geht das?
Das geht. Man muss nur richtig vorgehen. Nämlich so: Man stelle einen Bon aus, der erst beim Einlösen zu bezahlen ist. Und schenke dem Schäufeles-Freund einen Gutschein für das ayurvedische Veggie-Restaurant, dem Fußball-Hooligan das Anrecht auf Ballett-Eintrittskarten, dem Heimwerker ein “Brigitte”-Abo und dem 98-Jährigen ein Prepaid-Guthaben bei Vodafone.
So müsste es gehen. Und wenn die Welt doch noch untergeht, war es so viel Arbeit wenigstens nicht.
Nach der Schnapszahl kommt der Schmerz
Was nun? Was tun? Unsere Kalender müssen dringend überarbeitet werden. Denn: Wie soll diese Gesellschaft ohne Schnapszahlen funktionieren?
Gerade haben wir wieder erlebt, wie riesig das Bedürfnis nach lustigen Zahlenkombinationen ist. In den Standesämtern reihten sich am 12.12.12 die ansonsten so beziehungsskeptischen jungen Menschen in Schlangen ein. In den Kreißsälen dieses Landes wurden viele, viele Kinder per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt. Neuntes Monat? Achteinvierteltes Monat? Völlig egal. Hauptsache, der Geburtstag ist originell. Die Erlanger Uniklinik wurde sogar auf der Titelseite meiner Zeitung dafür gefeiert, dass sie es am 12.12. umd 12.12 Uhr Just-in-Time geschafft hat.
Dass Ärzte einen solchen Blödsinn mitmachen, ist schlimm genug. Aber dem Hobbypsychologen stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, was es für ein Babay bedeutet, wenn es aus dem Mutterleib gezerrt wird, obwohl es dazu noch gar keine Lust hat. Droht ein seelischer Schaden, der vielleicht noch größer ist, als nach einer Beschneidung am achten Tag?
Wir können das in aller Ruhe erforschen, dann das Problem mit den Schnapszahlen hat sich erstmal erledigt. Einen 13.13.13 gibt es genauso wenig wie ein paar Jahres später den 34.34.34. Wir fragen uns: Werden die Heiratszahlen nunmehr wieder sinken? Hat die Institution Ehe ihre letzte Chance bis zum Neustart am 10.10.10 verwirkt?
Hofffentlich nicht. Wahrscheinlicher ist die Rückkehr zum Geburtsschmerz. Schnapszahl-Kaiserschnitte sind out, die Wehe wieder normal. So ist es eben in unserer Wirtschaft. Alles wandelt sich. Was dem Chirurgen schadet, hilft der Schwangerschaftsgymnastin. Aber alles geht weiter. Irgendwie.
Frisierte Bilanzen regieren die Welt
Lange ist’s her, dass wir den Hütern des Geldes bedingungslos vertraut haben. Damals, als wir in demütiger Haltung an den Tresen des “Herrn Bankbeamten” getreten sind, um mit leichter Gesichtsröte einen kleinen Teil unseres Sparguthabens zurückzufordern. Damals, als wir den Buchhalter unserer Firma zwar als einen strohtrockenen, aber eben auch unbestechlichen Typen eingeschätzt haben. Das Geld war bei diesen Menschen in guten, wenn nicht gar in allerbesten Händen. Bilanzen könnten auch frisiert werden? Nein, diese Zweifel hatten wir nicht.
Das hat sich dramatisch geändert. Und das Üble ist, dass uns immer wieder Beispiele geliefert werden, die uns in unserer Skepsis bestätigen.
Nehmen wir den Nürnberger Opernball. In meiner Zeit als Gesellschaftsreporter war diese Veranstaltung für mich ein absolutes Muss. Die Prominenz aus Politik, Selbstdarsteller-Industrie und Mittelstand durfte sich dort eine Nacht lang so wichtig geben, wie sie es nach eigener Einschätzung war. Ich wiederum durfte zum Beispiel die zarte Hand von Verona Pooth drücken. Was ja früher als toll empfunden wurde. Oder Reiner Calmund und Gotthilf Fischer gleichzeitig interviewen.
Der Ball als solcher war für sich betrachtet nicht unbedingt notwendig. Aber es war immer ganz nett dort. Vor allem aber hat er keinen Schaden angerichtet. Glaubte man. Bis jetzt.
Denn in allen Pressegesprächen und -informationen war davon die Rede, dass dieser nach Albrecht Dürer benannte Ball (war dieser große Maler überhaupt ein guter Tänzer?) eine regelrechte Geldmaschine sei. Jedes dieser Feste finanziere eine Opern-Inszenierung im Gegenwert von einer halben Million Euro. Also dachten alle: Ist doch prima, wenn das ansonsten hoch subventionierte Bildungsbürgertum den Geldbeutel aufmacht und zum kulturellen Selbstversorger wird. Aber falsch gedacht. Heute wird von einem über mehrere Jahre aufgelaufenen Defizit in stolzer sechsstelliger Höhe geredet.
Wurden also die Presse, wurde die Öffentlichkeit belogen? Das glaube ich nicht mal. Es hat sich wohl nur im Theater die Meinung durchgesetzt, dass es diesen Ball nicht mehr braucht. Man legt das also politisch fest – und schaut sich die Bilanz an. Da findet man leicht Dienstleistungen, die man bisher auf einer anderen Position verbucht hat. Die schlägt man der Walzernacht zu. Und schon sieht die Sache anders aus.
Es ist ein typisches Verfahren. Frisierte Bilanzen gibt es beim Bundeshaushalt, bestimmt bei der Euro-Rettung, aber auch in Firmen, die entweder Aktionäre für sich begeistern wollen oder ihrer Belegschaft klarmachen wollen, warum sie auf’s Weihnachtsgeld verzichten soll. Mit Kohle wird Politik gemacht. So oder so. Was bekanntlich bedeutet: Glaube nie einer Bilanz. Es sei denn, du hast sie selbst gefälscht.
In Stadion oder Ballsaal: Der Alkohol lenkt alles
Unsere Gesellschaft könnte so friedlich und ausgeglichen sein. Wenn da nicht der Teufel Alkohol wäre. Er wirft selbst hoffnungsvollste Menschen aus der Bahn, ist der Grund für sinnlose Aggression, für ungebremste Ausschweifungen.
Es sind ja auch immer die selben Leute. Schwitzende Fußballfans, die auf dem Weg zum Stadion kästenweise Bier zum Vorglühen mitschleppen. Junge Männer, die sich erst ab 1,5 Promille an junge Frauen heranwagen. Und Schulmädchen, die sich die Handtäschchen mit Wodka-Flachmännern vollstopfen, um sich in einer langen Freitagnacht in sexhungrige Schnapsdrosseln zu verwandeln. Wir sehen wieder einmal: Die Jugend und die Unterschicht – an diesen beiden Gruppen wird diese Gesellschaft irgendwann zugrunde gehen.
Aber dann lesen wir die Berichte vom Bundespresseball. In Berlin haben demnach 2500 Gäste “ausgelassen gefeiert”. Wobei die trockenen Kehlen mit 3000 Litern Bier sowie mit dem Inhalt von 3000 Flaschen Weiß- und Rotwein und 600 Magnum-Flaschen Champagner benetzt wurden.
Und jetzt rechnen wir doch mal. Diese Zahlen bedeuten, dass jeder Gast, ob männlich oder weiblich, ob jung oder alt, 1,2 Liter Bier, einen knappen Liter Wein und 0,36 Liter Champagner gepichelt hat. Im Durchschnitt! Würde ein vergleichbarer Konsum von einem Hauptschüler bekannt, wäre der Weg zur nächsten Kampagne wider das Komasaufen nicht weit.
In der besseren Gesellschaft heißt dasselbe “ausgelassen feiern”. Wir lernen daraus, dass ein erheblicher Teil unserer Politik besoffen oder mit reichlich Restalkohol im Blut gemacht wird. Ja, aber war es nicht der Presseball? Wird auch in einem solchen Zustand berichtet?
Dazu ist zu sagen: Falsche Fragen sind selten hilfreich. Allerdings wissen wir aus der Kommunikationswissenschaft, dass man anderen Menschen dann besonders nahe kommt, wenn man ihre Verhaltensweisen und ihre Art sich mitzuteilen, irgendwie kopiert.
Wie fast alle meine Kolleginnen und Kollegen verachte ich Alkohol zutiefst. Aber ohne kommst du in dieser Gesellschaft offenbar nicht wirklich weit. Also: Auf Ihr Wohl, Herr Minister!
Lasst Euch hängen, aber baumelt nicht
Stürmisch war es, am Nachmittag des Pfingstsonntags 2013. Ganz so, wie in der Bibel prophezeit. “Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.”
Es kann also schon sein, dass uns, sofern wir nicht den ganzen Tag hinter Isolierglas verbracht haben, zwischen zwei Regenschauern und/oder Böen der Heilige Geist erreicht hat. Haben Sie`s gespürt? Ist er wie der Blitz hineingefahren, in Ihr Innerstes?
Wer, bitteschön, soll das wissen? Denn um es beurteilen zu können, müssten wir eine klare Ahnung davon haben, wo unsere Seele sitzt. Gleich neben dem Herzen, in Sichtweite der Milz, im Bauchnabel oder im rechten Fuß? Feministinnen vermuten, dass bei Männer im Kopf Platz sein müsste, da deren Gehirn ein ganzes Stück tiefer angesiedelt sei. Aber das ist übelste Polemik. Was die Seele angeht, steht nur eines fest. Wir wissen es nicht.
Zumal wir es unterschiedlich erleben. Nicht jedem und jeder ist es gegeben, auf einem Nagelbrett den Lotossitz einzunehmen, drei Minuten ruhig zu atmen und dann ein tiefgründiges Gespräch mit sich selbst zu führen. Viele andere sind super-gestresst und haben das Gefühl, dass die eigene Seele die Schnauze voll hatte und oben an der Decke schwirrt. Darauf wartend, dass sich ihr Wirtsleib wieder beruhigt.
Wichtig soll es jedenfalls sein, dass die Seele gelegentlich baumelt. Das behaupten die Experten. Für mich ein seltsames Bild. Baumeln verbinde ich nicht mit Wohlbefinden. Ich denke da eher an jemand, der an einem Baum hängt. Nicht schön, wenngleich dieser Baumler von allem weltlichen Leiden erlöst sein sollte.
Gefährlich ist diese Entspannungstechnik allemal. Denn was blüht uns, wenn uns der Heilige Geist wegen eines Windstoßes verfehlt und ungebremst am Jägerzaun hinter unserem mentalen Apfelbaum zerschellt? Wahrscheinlich sowas: “Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und Sterne werden vom Himmel fallen.”
Das wäre fatal. Für den Rest des Feiertags-Wochenende sollte für uns und unsere Seelen also Folgendes gelten: Lasst Euch hängen, aber baumelt nicht!