Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Die Welt wird fett. Und wo ist das Problem?

Zu Hilfe: Die Welt wird fett. Wie eine aktuelle Studie ergeben hat, tragen 13 Prozent der erwachsenen Menschen deutlich zu viel Fett mit sich herum. Und dieser Anteil werde weiter steigen. Bis 2025 auf 20 Prozent. Fragt sich bloß: Ist das so ein großes Problem?

Die von internationalen Forscher mittels Daten von 19 Millionen Menschen aus 186 Ländern getroffenen Erkenntnisse haben schließlich eine sehr erfreuliche Kehrseite. Trotz eines stetigen Bevölkerungswachstum ist der Hunger in der Welt zurückgegangen. Vor 40 Jahren gab es noch zwei Mal so viele Untergewichtige wie Fettleibige. Die Not damals war, so darf man annehmen, insgesamt größer.

Natürlich: Es geht auch um Ausbeutung und um die Macht der Konzerne. Industriell erzeugte Lebens- und Genussmittel können in größeren Mengen zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. So landet reichlich geschmackloser Schrott auf den Tellern. Die westliche Industrie verfügt jedoch über ein großes Repertoire an Zusatzstoffen, die zumindest den Schein des Besonderen zu vermitteln mögen. Und die im Idealfall ein bisschen süchtig machen. Zudem darf davon ausgegangen werden, dass sich das Wissen um die Sinnlosigkeit des Rauchens weltweit verbreiten wird. Gut, wenn dann Ersatz-Genüsse da sind.

Zumal dicke Menschen viele Vorteile haben. Wer die Humorlosigkeit von Menschen an Fitnessgeräten die üblichen Atmosphäre bei Wein- oder Landbierverkostungen gegenüberstellt, wird seine bessere Wahl leicht treffen. Fettleibige Menschen schaffen mehr Werte. Vom Verkauf von Laufschuhen kann unsere Wirtschaft nicht leben. Frauenzeitschriften sind ohne Übergewicht schlicht undenkbar. Schließlich: Dicke sind friedlicher. Wer nicht durch die Luke passt, fährt keinen Panzer.

Aber die Lebenserwartung! Hier nähert sich unsere Betrachtung endgültig der Philosophie. Muss es zwingendes Ziel eines sterblichen Wesens sein, so alt wie möglich zu werden? Sterben wahre Helden nicht immer früher? So trauen wir der früh gestorbenen Rock-Legende Lenny Kilmister von Motörhead ohne Weiteres zu, dass er islamistischen Selbstmordattentätern sämtliche paradiesischen Jungfrauen wegschnappt. Welchen himmlischen Job stellen wir uns für Johannes Heesters vor?

Aus alldem ergibt sich ein Punktsieg für die Fettleibigkeit. Bei dem nur die Sorge einer apokalyptischen Katastrophe bleibt, bei der die vielen Milliarden Menschen so schwer geworden sind, dass die Erde so weit aus ihrer Umlaufbahn gedrückt wird, so dass uns ein ewiger Winter kollektiv erfrieren lässt. Aber solche Theorien existieren nur im unmittelbaren Umfeld vegan-marathonischer Sekten. Muss man nicht ernster nehmen als Weisheiten von Donald Trump. Alsdenn: Guten Appetit.

 

Das neue Wunder: Scheiße wird zu Gold

Scheiße in Gold verwandeln, ist keines der zahllosen Wunder Jesu. Es ist eine Erfindung unserer Konsumartikel-Hersteller. Unsere Wohnung und Keller sind voll mit Brotbackmaschinen und anderen tollen Geräten, deren Sinnlosigkeit in der Regel schon nach wenigen Wochen zweifelsfrei erwiesen war. Die Verwandlung geht aber auch ganz direkt: Bei Kaufland gibt es Rinderdung im Plastikeimer, fünf Kilogramm für 5,99 €.

Das Produkt sollte funktionieren. Trockene Kuhfladen stinken nicht. Außerdem handelt es sich um die angemessene Portion für eine durchschnittliche  Balkon-Flora. Ideal für Menschen, die ein paar Peperoni und Mini-Gurken züchten, in dem guten Gefühl, es mit ihrem Urban Gardening den Gaunern von Monsanto so richtig gezeigt zu haben. Wichtig auch, dass zu Pellets gepresste Kuhscheiße staubfrei ausgebracht werden kann.

Nun könnte man empört sein. Darüber, dass Milch bloß die Hälfte kostet. Landwirte geben sich schließlich große Mühe für dieses zweifellos höherwertige Produkt. Sie investieren sogar viel Geld, um die bei Menschen erfolgreichen Ausbeutungsmechanismen auf ihre Kühe anzuwenden. So wie wir gelernt haben, unsere Autos selbst zu betanken oder unseren Koffer am Flughafen selbst anzugeben, checkt das moderne Milchrind aus eigenem Antrieb an der Melkstation ein. Dort läuft die Rohstoffgewinnung automatisch, der Chef sitzt derweil am Computer, um Menge und Fettgehalt zu überprüfen. Mit reiner Dung-Erzeugung wäre sein Leben wahrscheinlich noch leichter.

Werden wir also Zeuge einer Perversion? Eher nicht. Schließlich darf man es im Kapitalismus keinem Händler vorwerfen, dass er Menschen ein Produkt anbietet, das diese zu brauchen glauben.

Alsdenn, viel Erfolg mit diesem Geschäft. Und wir sind sicher: Wenn in der nächsten Staffel von Bauer sucht Frau „Hansi, der clevere Scheiß-Bauer aus Mittelfranken“ antritt, werden die heiratswilligen Damen Schlange stehen. Denn er weiß, was im Leben wirklich zählt: Immer das, was hinten rauskommt.

 

 

Wer hilft, wird geliebt

Groß ist die Sehnsucht nach dem Schönen und Wahren. Das hat das Vertrauensranking der Marktforscher vom GfK-Verein ergeben. Wir trauen nicht den großen Wirtschafts- oder Staatslenkern, sondern jenen, die trotz mäßiger Bezahlung anderen Menschen helfen. Angehörige solcher Berufe sind im Volk besonders beliebt.

Auf Platz eins rangieren die Feuerwehrleute. 96 Prozent der Befragten vertrauen ihnen ohne Wenn und Aber. Auf dem gleichen Niveau bewegt sich das Vertrauen in Sanitäter. Wir empfinden also Achtung vor Menschen, die bei Bränden und Unfällen aufräumen und möglichst viele Leben retten. Brauchen möchte man sie nie. Was auch für die Krankenschwestern und -pfleger gilt. 95 Prozent vertrauen ihnen. Sie alle wollen ja nur Gutes.

Wir wiederum können verzeihen. So schneiden die Piloten trotz des Absturzes der Germanwings-Familie mit 87 Prozent richtig gut ab. Die Ingenieure und Techniker haben sich im Vergleich zu früheren Vertrauensstudien sogar um zwei Plätze auf Rang acht verbessert und kommen auf eine Quote von 86 Prozent. Und das, obwohl diese Berufsgruppe bei VW einen Riesen-Beschiss inszeniert hat.

Was aber ist mit denen, die an 20-Stunden-Tagen für unseren Wohlstand kämpfen? Hier zeigt sich klar: Wir leben im Kapitalismus, aber eigentlich mögen wir ihn nicht. Unternehmern vertrauen nur 54 Prozent der Befragten, Händlern und Verkäufern 52 Prozent und Bankern nur 43 Prozent. Noch übler sieht es für jene Berufe aus, die uns im Dienste von Firmen zum Geldausgeben bringen wollen. Werbefachleuten vertrauen nur 27 Prozent, den Versicherungsvertretern gar nur 22 Prozent. Sie gaukeln uns eben immer etwas vor.

Und ganz unten? Auf dem letzten Platz der Tabelle liegen die Politiker/-innen. Das überrascht uns nicht, aber ein Vertrauenswert von 14 Prozent grenzt an Diskriminierung. Wenn man zusätzlich sieht, dass politischen Parteien nur 19 Prozent vertrauen, „dem Internet“ aber 31 Prozent, wird es geradezu absurd.

Helfen kann wahrscheinlich nur eines: Wir brauchen mehr Feuerwehrleute und Sanitäter in den Parlamenten. Rettungspakete als Mittel der Politik kennen wir ja.

Sein Volk macht sich jeder selber

Was für eine hässliche Szene: In einem Bus sitzen verängstigte Menschen, draußen erwartet sie eine grölende Masse mit Drohgebärden und dem Schlachtruf „Wir sind das Volk!“. Vor einem Vierteljahrhundert wurden damit Freiheit, Demokratie und das Ende einer Grenze mit Schießbefehl gefordert. Heute ist die Botschaft eine andere: Grenzen dicht, Fremde raushalten. Wenn Stacheldraht nicht mehr hilft, auch mit Gewalt.

Angesichts der Geschehnisse im sächsischen Clausnitz oder ganz aktuell in Bautzen, wo der Brand in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft von Schaulustigen bejubelt wurde, stellt sich die Frage, wer oder was das Volk ist. In der staatstragenden Betrachtung der Neujahrsansprachen pflegt man die Idee des großen Ganzen. So wie es die Präambel des Grundgesetzes vorgibt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Ein klarer Auftrag ist auch Artikel 1 unserer Verfassung: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Unser Problem: Ein solches Volk gibt es nicht. Und eine wirklich gemeinsame Verständigung auf bestimmte Werte schon gar nicht. Mehr und mehr suchen Menschen nach kleinen Gemeinschaften, die ihnen vermeintlich Schutz bieten vor dem Zugriff der Bedränger. Diese können Asylbewerber sein, aber auch eine Kanzlerin, der Staat als solcher, die Medien, das Finanzamt oder die lästige Dame von der Verkehrsüberwachung.

Man organisiert sich, um Angriffe abzuwehren. Ob es diese tatsächlich gibt, ist nebensächlich. Was Wahrheit ist, wird in der Gruppe festgelegt. Ist die Wahrheit anders, wird sie ignoriert. Muss man sie doch akzeptieren, wird betont, dass es trotzdem anders sein könnte. Die bundesweiten Demonstrationen von russisch-sprachigen Menschen wegen einer nie stattgefundenden Vergewaltigung sind hierfür ein aktuelles Beispiel.

„Wir sind das Volk!“ hat dann mit der Sehnsucht nach Freiheit nichts mehr zu tun. Er ist vielmehr die Chiffre für ein „Lasst mich in Ruhe! Bleibt weg aus meinem Vorgarten!“. Der gute Schlachtruf von damals ist seelenlos geworden und gedankenfrei. In Clausnitz und anderswo hätten sie auch fäusteschwingend „Zickezackezickezacke Hoihoihoi“ rufen können. Es wäre diesselbe Botschaft gewesen. Der üble Empfang für Menschen, die dem Tod entkommen sind, wäre offenkundiger hirnlos, aber nicht weniger widerlich gewesen.

Unsere Demokratie ist verletztlich geworden. Sie zeigt Wirkung, die Herrschaft des rechten Mobs oder auch bloß der „besorgten“ Kleingeister ist keine völlig abseitige Vision mehr. Wer das nicht will, muss es deutlich sagen. Denn das bessere Volk ist die klar Mehrheit. Noch immer.

 

 

Jetzt neu: Hass auf die Lügenmeteorologen

Wie schön, die Medien können aufatmen. Seit Rosenmontag gerät die Presse zumindest in den Karnevalshochburgen aus dem Visier der Besorgten und  Unzufriedenen. Nicht die gleichgeschalteten Journalisten haben mit den Mächtigen gekungelt: Es waren die „Lügenmeteorologen“.

Für viele Menschen ist klar: Die professionellen Wetterfrösche haben Stürme vorhergesagt, um das Volk vom Feiern abzuhalten. Wir wurden belogen, weil die Politik Angst davor hatte, dass ein Karnevalsumzug von Terroristen attackiert werden könnte oder dass unbescholtene Jeckinnen von schmierigen Fingern begrapscht werden könnte. Erfahrene Gardemädchen kennen das zwar, aber in ihrem Fall fummeln eher Präsidenten und Elferräte. Und die dürfen das.

An die Gefahr verheerender Windstöße glaubt doch keiner. Das Fälschen von Wetterberichten wurde vom rumänischen Ex-Diktator Nicolae Ceaucescu virtuos betrieben. Das Fachwissen  sozialistischer Systeme indes verschwindet nie ganz. Die Vorratsdatenspeicherung beweist es.

Doch gibt es pegida-ähnlichen Zorn wegen abgesagter Karnevalsumzüge? Wer das beurteilen will, schaut am besten auf die Facebook-Seiten wahlkämpfender Politikerinnen. So steht bei der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer unter anderem Folgendes: „Wenn ich das schon lese… Das Wohl der Menschen… Schliessen sie die Grenzen endlich, dann haben sie mal was sinnvolles gemacht! für das Wohl der Menschen in Deutschland!!!.“ Oder: „Und sowas verlogenes soll das Volk Wählen ???„.

Bei ihrer Gegenkandidat Julia Klöckner klingt das so: „Ja, ja, was ein Zufall – der Sturm. Oder sollten es eher erhebliche Sicherheitsbedenken anderer Art gewesen sein? Für wie bescheuert hält die Politik die Bürger eigentlich?????.“ Oder: „Ich wohne in Mainz. Hier weht kein laues Lüftchen!!!! Die haben nur Angst, dass vor der Wahl etwas passiert und die Leute dann AFD wählen.“

Wir schlussfolgern: Wir sind nicht nur das Volk, sondern ab sofort auch das Wetter. Vor einer Lüge sollten wir uns jedoch hüten: Über Sonnenschein, Regen, Schnee oder Wind entscheidet nicht Frauke Petry. Petrus ist zuständig. Immer noch.

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Was ist deutsch?

Diese schwierigen Zeiten haben etwas Gutes. Sie bringen uns zum Philosophieren über wahre Werte, unser Denken und Reden wird tiefschürfender. Denn wir müssen klären, wer wir Deutschen sind und wie Flüchtlinge werden müssen, damit sie irgendwann dazugehören. Es geht um den Fortbestand der „deutschen Leitkultur“.

Alsdenn: Was ist das? Wer oder was steht für diese „deutsche Leitkultur“? Um das herauszufinden, sollten wir den zeitlichen Rahmen unseres Definitionsversuches abstecken. Nicht anzuzweifeln ist ja, dass unser aller Ureltern Afrikaner waren. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens unaufhaltsam aus. Die Umstellung von Jagd auf Ackerbau und Viehzucht – was der betont agrarfreundlichen CSU immer sehr geholfen hat – erfolgte auf dem Gebiet des heutigen Syrien beziehungsweise Irak.

So weit sollten wir nicht ausholen. Zwingend werden wir jedoch anerkennen müssen, dass der Kaffee aus Arabien und die Kartoffel aus Südmerika zu uns gekommen sind. Die Erfindung des Bieres können wir auch nicht für uns beanspruchen. So zeigt das Neue Museum in Berlin die vor rund 3750 Jahren modellierte Figur eines ägyptischen Bierbrauers.

Reindeutsch sind Tore von Thomas Müller und Götze sowie Flugparaden von Neuer. Was aber ist mit Treffern von Özil oder Podolski? Helene Fischer wirkt geradezu nibelungenblond, stammt aber aus Kasachstan. Bushido – einer von uns? Gut möglich, einen Integrationspreis hat er ja bekommen.

Erschließt sich die Kultur über unsere Tugenden? Pünktlichkeit? Leider durch Berliner Flughafen und Elbphilharmonie widerlegt. Ehrlichkeit? Man schaue auf Volkswagen und Uli Hoeneß. Großartiger Erfindergeist? Die Pkw-Maut lässt uns zweifeln. Wir sind christlich? Dann dürften wir Bedürftige nicht zurückweisen. Wir sind für Frauenrechte? Die Zahl der Chefinnen in unseren Firmen sagt etwas anderes.

Aus all diesen Aspekten ergibt sich: Um eine wirklich gute deutsche Leitkultur formulieren zu können, müssten wir einige als besonders deutsch oder bayerisch geltende Persönlichkeiten abschieben. Das zieht sich allerdings, aus rechtlichen Gründen. Also sollten wir uns zunächst auf folgenden Grundkonsens einigen: Der Genuss von Schweinefleisch und Alkohol ist unantastbar. Wenn das vereinbart ist, ist der größte Ärger weg. Wir philosophieren fortan ohne Stress. Und das kann nur gut sein.

Reich sein ist nicht so einfach

Oh Unrecht, wie bist du groß! Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dem reichsten Prozent gehört mehr als dem ganzen großen Rest. So sagt es die soziale Organisation Oxfam. Wir schauen auf diese Nachricht mit großer Empörung und ziemlichem Neid. Aber seien wir barmherzig. Reich sein ist nicht so einfach.

Zunächst müssen wir einen immer noch weit verbreiteten Irrtum überwinden: Der Kapitalismus ist dem Wesen nach nicht sozial. Die Gierigsten sind seine Helden. Man muss ihn – mit wirksamen Gesetzen – menschenfreundlich formen.

Nun hat unsere Marktwirtschaft mehr abhängig Beschäftigten zur eigenen Doppelhaushälfte verholfen als jedes realsozialistische System. Aber sie ist im Laufe der letzten Jahrzehnte zusehends unsozial geworden. Staatliche Vorschriften wurden zurückgefahren, verrückt spekulierende Banken wurden gerettet, verschärfte Kontrollen und Zwangsmaßnahmen wurden für die Arbeitslosen eingeführt. In der Diskussion wirkte es manchmal so, als seien diejenigen, die nichts besitzen, die rücksichtslosesten Ausbeuter der Gesellschaft.

Doch wozu der Neid? Ein wirtschaftlich erfolgreicher Mensch sieht sich auf der Sonnenseite des Schicksals. Aber wie bei jedem Glück lässt das nach, wenn es zur Routine wird. Der Reiche lebt tendenziell in Angst. Er hat ja viel zu verlieren. Sowieso ist er vom Reichtum überfordert.

Nehmen wir einen 60-Jährigen, zehn Milliarden Euro schweren Mann.  Würde er keinen Cent mehr dazuverdienen, müsste er bis zum seinem Ableben im 90. Lebensjahr täglich 913.000 Euro ausgeben, um sein Vermögen komplett aufzubrauchen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er zum 80. Geburtstag eine 25-jährige Luxusfrau heiraten muss, um auf Glitzer-Partys auch mit Rollator noch willkommen zu sein, kann der Geldspeicher kaum komplett geleert werden. Und die junge Frau, der die Integration in die Gesellschaft durch eigene Arbeit verwehrt bleibt, wird ihn zusehends spüren lassen, dass sie ihn statt im Ehebett lieber in einem Sarg sähe.

Unser Fazit in zwei Sätzen lautet also: Übergroßer Reichtum ist sinnlos. Bittere Armut ist ein Skandal. Zwingen wir das Kapital also ruhig zur Rücksichtnahme, zum Beispiel durch höhere Steuern. Ganz sicher: Es ist das Beste für alle.

 

 

Köln kann überall sein

Seit Tagen also Köln. Die gewalttägigen Exzesse der dortigen Silvesternacht wirken ungewöhnlich lange nach. Warum berühren sie uns so sehr? Wahrscheinlich, weil wir Betroffenheit empfinden. Weil wir das Gefühl haben, dass Derartiges auch in unserer Nähe hätte passieren können und in Zukunft möglich ist.

Um zu wissen, dass das stimmt, muss man bloß den Wahnsinn einer Silvesternacht aus der Nähe erlebt haben. Auch bei uns in Nürnberg wurde auf manchen Plätzen oder Kreuzungen wie irrsinnig geknallt. Das ist ja gesellschaftlich geduldet. Klar ist auch: Wenn in einem solchen Pulverdampf Straftaten begangen werden, kann keine noch so gute Videoüberwachung alle Täter sicher identifizieren.

Es macht den Eindruck, als dass der Hang zum verabredeten Exzess in Verbindung mit völliger Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen zugenommen hat. Der Alltag prickelt nicht, also lässt man bei passender Gelegenheit die Sau raus. Man denke nur an den Nürnberger Fußballfan, der  im August 2014 einen Feuerlöscher gegen einen entgegenkommenden U-Bahn-Zug geschleudert hat. Seine Fahrerin hätte getötet werden können. Sie ist bis heute traumatisiert.

Die Brutalität der Silvesternacht hat mit Herkunft und kulturellen Prägungen zu tun. In etlichen Weltregionen sind Frauen wenig oder nichts wert. Das wurde von Migranten im dortigen Chaos ganz offensichtlich ausgelebt.

Beim Blick auf die Fremden dürfen unsere „deutschen“ Probleme nicht übersehen werden. Eine wachsende Gruppe junger Männer befindet sich auf Realitätsflucht. Diese sitzen vor ihren Computern und interessieren sich für die drei großen S – Spiele, Sport und Sex. Das unmittelbare Gespür für andere Menschen geht ihnen verloren.

Und wir erleben die Folgen der neoliberalen Phase der 90-er Jahre. Die Botschaft, dass der freie Markt alles besser regeln kann, als das träge Beamtentum, wirkt sich bis heute aus. Öffentliche Dienste, sei es als Polizei, sei als Sozialarbeit, wurden zu Randthemen der Politik und wurden immer schlechter ausgestattet. Man brauche das nicht mehr, glaubte man. Wie falsch das war, zeigt sich heute.

Wobei die Diskussion wenigstens in zweierlei Hinsicht in eine falsche Richtung geht. Da sind zunächst jene Politiker/-innen oder anderen Lautsprecher, die so tun, als gebe es für das Problem die schnelle Lösung. Ausländische Straftäter quasi im Vorbeigehen abschieben, funktioniert nicht. Zuvor muss es ein entsprechend hartes Gerichtsurteil geben. Taschendiebe oder Grabscher werden nicht ins Ursprungsland zurückgeschickt.

Kritisch sind aber auch Debattenbeiträge zu sehen, wonach Frauen per se beschützenswerte Wesen seien, um die sich die Gesellschaft kümmern müsste. Das weist ihnen kollektiv die Opferrolle zu und hilft nicht wirklich.

Tatsächlich geht es um den eigentlich natürlichen Respekt vor der Würde und der Gesundheit anderer Menschen. Dieser fehlt zu oft. Wir sollten un einig sein: Wer ihn erst lernen muss, muss die passenden Hilfen  bekommen. Und wenn es ein Aufenthalt im Knast ist…

 

 

 

 

Politiker/-innen