Jamaika hilft den armen Leuten nichts

Jamaika liegt 8.300 Kilometer von Deutschland entfernt. Auch in den Koalitionsverhandlungen gibt es in einzelnen Fragen große Entfernungen. Sollten die Gespräche jedoch erfolgreich sein, ist schon jetzt absehbar: Dieses Land wird mit einer neuen Regierung nicht gerechter werden. Jedenfalls nicht für jemand, der wenig Geld hat.

Schon die allgemein verwendeten Begrifflichkeiten verraten viel über unsere Einstellung. Die Armen werden als sozial Schwache bezeichnet. Das signalisiert, dass es sich um Schmuddelkinder handelt, auf die man sich besser nicht einlassen sollte. Das Soziale, der Umgang mit anderen Menschen oder der Dienst an der Gesellschaft sind ja nicht ihr Ding. Wer immer nur fragt, was der Staat für ihn tun kann und nicht umgekehrt, kann nicht unser Freund sein.

Ehrlicher und treffender wäre der Begriff Kapitalschwache. Den Hilfeempfängern fehlt es ja in erster Linie am Geld. Und wer keines hat, kommt seltener vom Fleck als jemand, der gut verdient oder gar geerbt hat. Andererseits ist zu große Ungleichheit schlecht für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was also planen die möglichen Koalitionäre? Antwort: Sie entlasten. Da soll der Solidaritätszuschlag entfallen, da soll Einkommenssteuer gesenkt werden. Beides Vorhaben, von denen arme Menschen gar nichts haben. Sie zahlen ja keine solchen Abgaben. Sie werden eher darunter leiden. Ein Staat mit weniger Geld wird weniger leisten. Vor allem im Sozialen, das ja, anders als rein ideelle Themen wie der Aufbau einer europäischen Armee, vor allem unter dem Kostengesichtspunkt betrachtet wird.

Vielleicht gibt es noch ein Baukindergeld. Das schafft Eigentum, wenn auch bloß für solche Menschen, die überhaupt bauen können. Sinnvoll für alle wäre ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagesschule. Aber da werden die führenden Politiker*innen ganz leise. Die alleinerziehende Mutter kann doch daheim bleiben. Falls sie Wohnraum braucht, gibt es Behausungen vom privaten Investor, der sich seine überteuerte Miete vom Sozialamt bezahlen lässt. Was wiederum jene erbost, die mit dem Lohn aus ihrer Vollzeitarbeit nach Abzug der Miete gerade so über dem Hartz-IV-Niveau landen.

Die Reichen sind wahrscheinlich gar nicht schuld. Sie können nicht wissen, wie Leben ohne Kohle geht. Verschaffen wir ihnen doch ein Gefühl davon, indem Dividenden in aller Öffentlichkeit an der Supermarktkasse auszuschütten sind. Das Risiko dabei: Die Kassiererin könnte ganz spontan sozial schwach werden. Doch Gerechtigkeit hat eben ihren Preis.