Die Jobmaschine Spionage

Ein Problem dieser Gesellschaft ist der Pessimismus. Wenn es darum geht, ob eine Krise nun eine Chance oder das Verderben sei, entscheiden wir uns allzu gerne für die letztere Antwort. So ist es auch bei der aktuellen Spionage-Affäre.

Zunächst einmal: Gnadenloses Ausspähen war und ist das Wesen paranoider Staaten. Diktaturen, die vom Wesen her Politik gegen ihre Untertanen machen, sind so. Aber auch die USA. Wo der Waffenbesitz als Grundrecht gilt, muss der Verfolgungswahn gewaltig sein.

Das ist so, das ist nicht zu ändern. Wenn wir aber dieses wissen: Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, über diesen Zustand zu jammern? Das Glas ist halbvoll! Sehen wir lieber die Chancen der aktuellen Entwicklung. Und die sind gewaltig.

Eine Dienstleistungsgesellschaft wie die unsere ist unablässig damit beschäftigt, für die in ihr lebenden Menschen mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zu finden. Man betrachte nur die von schnuckeliger Musik unterlegten Anstrengungen der Telekommunikations-Konzerne, uns sinnlose Tarif-Verrenkungen oder Apps als lebensnotwendig zu verkaufen.

Sehen wir also das Positive: Wenn sich eine Gesellschaft konsequent daran macht, andere Nationen, am Ende aber die eigenen Leute in jeder Lebenslage zu überwachen, generiert sie ein überragendes Beschäftigungspotential. Vermutlich 60 Prozent des Bruttosozialproduktes der DDR dürften auf die Arbeit der Stasi und ihrer Töchterunternehmen zurückgegangen sein. Und wenn die USA pro Jahr 50 Milliarden Euro für Bespitzelung ausgibt, Deutschland aber nur 800 Millionen, dann ist gewaltig Luft nach oben.

Seien wir also nicht verängstigt, und werfen wir sie an, die Jobmaschine Spionage. Denken wir daran, wie wunderbar sich dieses Projekt in unserem dualen Bildungssystem verankern lässt. Beginnend vom Hilfs-Spitzel über den dreijährig ausgebildeten Guck-und-Horch-Gesellen bis zum IHK-geprüften Master auf Spience und zum Bachelor of Späh.

Das Bruttosozialprodukt wird explodieren. Und: Dank Facebook ist der Erfolg garantiert. Denn schwer ist Bespitzeln in diesen Zeiten ja wirklich nicht mehr.

 

 

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es “Savoir vivre”. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass “kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist”. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!

 

 

 

Der Engländer in uns ist aerosexuell

Wir in Nürnberg haben die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 noch gut in Erinnerung. Wir denken an die Mexikaner mit ihren witzigen Hüten und an die lustigen Holländer in ihren verrückten orangefarbenen Kostümen. Aber auch an die Engländer. Deren äußeres Erkennungszeichen waren – wie in vielen Urlaubs-Orten auch – die nackten Oberkörper. Wir sahen Fans. Bar jeder Kleidung, aber sehr oft auch bar jeder Ästhetik. Was wir damals nicht wissen konnten: Eben dieses ist zum Trend geworden.

Die Wissenschaft hat die passende Bezeichnung für die wachsende Gruppe der Oben-ohne-Männer gefunden: Sie nennt sie die Aerosexuellen. Männer also, die beschlosen haben, in jeglicher Lebenslage so viel Luft wie nur irgend möglich an ihren Körper zu lassen. Die Entblößung wird zum persönlichen Genuss. Was andere denken, interessiert nicht so.

Das wäre auch schwierig, denn die Geschmäcker sind verschieden. Es mag ja sein, dass der Coca-Cola-Light-Körper mit straffer Brustmuskulatur samt angegliederten Sixpack das Schönheitsideal schlechthin darstellt. Aber es soll auch nicht so aussehen, als hätte der Muskelträger täglich drei Kübel Eiweißpulver zu sich genommen. Ein maßvoller Hühnerbrustfaktor ist erlaubt. Und Brustbehaarung? Ist unmodern, eigentlich. Andererseits ist der Gesichts-Vollbart gerade in.

Wir können uns die Debatte aber auch sparen. Denn wer sich zu sehr mit dem Oberkörper befasst, übersieht die eigentliche Problemzone, den Bauch. Laut einer aktuellen Umfrage finden 55 Prozent der Deutschen, dass ihre Körpermitte unvorteilhaft aussieht. Dabei haben 44,2 Prozent der Männer erklärt, dass sie ihren Bauch am Strand nur ungern zeigen.

Was für sich betrachtet ein schlimme Entwicklung ist. Hieß es doch einst aus gutem Grund, dass ein Mann ohne Bauch ein Krüppel sei. Übrigens: Die Zahl der Männer, die ihre Beine ungern herzeigen, liegt nur bei 10,6 Prozent. Leider, möchte man sagen. Denn diese Beine stecken allzuoft in Socken und Sandalen.

Bei Frauen ist der Anteil der sich Schämenden um den Faktor drei bis vier höher. Egal, ob es um Bauch, Narben oder Po geht. Die endgültige Emanzipation in Sachen Selbsthass ist also noch nicht geschafft.

Trotzdem: Das allgemeine Leiden ist groß. Es könnte kleiner werden, wenn sich zum Beispiel Männer zusammenfinden würden, um wenigstens alle 14 Tagen die superschnelle zweite Halbzeit von Deutschland gegen Ghana nachzuspielen. Das würde die Brust stählen und den Bauch schrumpfen lassen. Aber wie ist es wirklich? 65 Prozent der Bundesbürger verfolgen die WM-Spiele am liebsten auf ihrem Sofa – und belassen es auch dabei. Die Eigensportquote ist gering.

Somit könnte es passieren, dass die nackten Oberkörper der nicht mehr WM-interessierten Fans der Engländer bald besser aussehen. Also: Lassen wir die Hemden an. Es wird zu kompliziert.

 

 

Fußball macht Chinesen krank

Würde uns jemand fragen, welches Volk überragend pflichtbewusst und gehorsam ist – wir würden wohl die Chinesen nennen. Eine strebsamere Nation ist für uns kaum vorstellbar. Lauter Menschen, die Tag und Nacht ihr Bruttosozialprodukt steigern, die längst Exportweltmeister sind, leider aber auch mit ihrer inzwischen sagenhaften Zahl von Autos die Atmosphäre auf Rekordniveau verpesten. Aber das täuscht. Auch Chinesen machen blau. Und schuld ist – was sonst – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Mit dem Turnier in Brasilien haben die Ostasiaten in der Tat die Arschkarte gezogen. Wenn bei uns um 18 Uhr das erste Abendspiel beginnt, ist es in Peking Mitternacht. Anpfiff für die weiteren Spiele ist um 3 Uhr beziehungsweise um 6 Uhr früh. Selbst die Chinesen, die ja, wie wir wissen, allesamt dünn und zäh sind, sind da körperlich überfordert. Fußball interessiert sie trotzdem.

Und da greift eine andere Eigenschaft des Chinesen: Er erfindet stündlich erfolgreiche Produkte – im konkreten Fall gefälschte Krankschreibungen. Eine Recherche mit den Stichworten “Peking” und “Krankschreibung” hat in der Internet-Suchmaschine Baidu rund 50.000 Treffer gebracht. Angeboten werden Bescheinigungen von Krankenhäusern samt Stempeln und Unterschriften von Ärzten. Der marktübliche Preis liegt umgerechnet bei 2,35 Euro. Bei den Krankheiten haben die Kunden die freie Auswahl. Manchem genügt Fieber für ein Spiel. Hardcore-Fußballfans werden sich den Knochenbruch bescheinigen lassen. Das reicht dann bis zum Finale.

Wo bleibt dieses Angebot bei uns? Auch wir leiden darunter, dass wir nicht mehr vor 3 Uhr früh ins Bett kommen. Das Spiel dauert ja bis kurz vor 2, dann folgt die Nachbereitung durch die Experten. Schließlich braucht man einige Zeit, um nach einem 0:0 zwischen Japan und Griechenland wieder einen einschlaffähigen Blutdruck erreicht zu haben.

Aber das Erfinden halbseidener Produkte ist eben nicht so unser Ding. Wie wenig unsere Firmen mitdenken, zeigt ein anderes Beispiel. Aus Rücksicht auf die Fußball-Lust ihrer Beschäftigten öffnet eine VW-Filiale in Yangzhou im Osten Chinas während der WM erst um 14 Uhr. Und obendrauf bekommt jede/r Mitarbeiter/in für jedes Tor der deutschen Elf für jede/n Mitarbeiter/in 12 Euro geschenkt. Gäbe es das bei uns, wir würden schuften und die Wirtschaft ankurbeln auf Teufel komm raus.

Wir wären, wie es Franz Beckenbauer sagen würde, “Chinesen, wie es keine Chinesen mehr geben wird”. Tja, Chance verpasst. Also: Bleiben wir gesund.

 

 

 

 

Der Sims-Daumen schreibt nicht gut

In jeder Schulkarriere hat es Hass-Fächer gegeben. Mancher kämpfte mit Deutsch oder war zu faul für Latein. Mancher hatte größte Probleme mit Algebra oder Schlagball-Weitwurf. Und es gab auch noch die Note für’s Schönschreiben. Was für ein furchtbarer Drill!

Nach strengen Vorlagen mussten die einzelnen Buchstaben nachgezeichnet werden. Bögen und Kringel mussten passen. Und wer die Ungnade der zu frühen Geburt hatte, musste auch noch Sütterlin, die altdeutsche Schrift, lernen. So konnte man die Einkaufszettel von Oma und Opa lesen. Immerhin. Grundsätzlich aber war das sinnloses Schulwissen vom Feinsten.

Alles vorbei: Schönschreiben muss nicht mehr gelehrt werden, denn Kinder können es ohnehin nicht mehr. Wie die Bildungsforscherein Stephanie Müller herausgefunden haben will, bringen etwa 70 Prozent der Schüler nach dem Kindergarten nicht mehr die nötigen motorischen Voraussetzungen für das sogenannte Kritzel-Alphabet mit. Und warum ist das so? Es fehlen Bewegung und Fingerfertigkeit und schreibende Eltern als Vorbilder. Vor allem aber: Es ist der Fluch von Smartphones, Tablets und Computern.

Den Kindern geht es wie uns Erwachsenen. Wir haben dank Taschenrechnern das Kopfrechnen verloren, dank Navis im Auto ist unser Orientierungssinn verschwunden. Wer auf Klettverschlüsse oder Druckknöpfe schwört. kann keine Schleifen mehr binden und kein Nähgarn für abgerissene Knöpfe mehr einfädeln. Dafür bildet die Evolution, vor allem bei Mädchen, mehr und mehr den Sims-Daumen aus.

Welche schöne Erfahrung aber fehlt den jungen Menschen? Es ist der Liebesbrief. Handgeschrieben, auf rosa Papier, parfümiert, mit 20 Kussmündern verziert. Nichts gegen <3, :-X oder :’-). Aber den besonderen Reiz eines Briefes kann das nicht ersetzen. Alsdenn: Schreibt mal wieder.

10,10 €: Franken bestaunt den Wies’n-Mauerfall

Zu den Konstanten im Leben der Franken gehört es, staunend auf München zu blicken. Auf die herzige Weltstadt des Glitzers, Glamours und des mindestens Double-Siegers. Wir erfahren fassungslos von den dortigen Wuchermieten, denken uns aber, dass an der Isar das Geld eben lockerer sitzt. Grandiose Bankenpleiten inklusive. Und nun leuchtet München wieder, mit einem neuerlichen Glanzpunkt: Die Oktoberfest-Maß kostet ab diesem Jahr erstmals über 10 €.

Mit dem Preis von 10,10 € ist eine, wie das so schön heißt, Schallmauer durchbrochen worden. Es ist ein Wert, der uns Franken geradezu obszön erscheint. Wobei es aber nicht so ist, dass es solche Tarife ansonsten nirgendwo geben würde. In Ländern, die zwecks Gesundheitsschutz Alkohol hoch besteuern, kann so etwas schon passieren. Auch in den Nepper-Etablissements in Rotlichtvierteln sollten ähnliche Bierpreise gängig sein.

Ansonsten aber wirkt der aktuelle Wies’n-Wucher unzeitgemäß. Nicht etwa, weil die Höchstpreise in Oktoberfest-Zelten seit jeher mit betrügerischem Einschenken kombiniert werden. Nein, zum Beispiel deshalb, weil die Europäische Zentralbank gerade die Leitzinsen auf nahezu Null gesenkt hat. Inflation ist eigentlich nirgends vorhanden. Auch sonst entwickelt sich die Wies’n zur billigeren Veranstaltung. Die für den weiblichen Volkfest-Frohsinn verpflichtenden Dirndln werden heute nicht mehr von oberbayerischen Dorfschneiderinnen aus edlen Materialien hergestellt, sondern aus billiger Kunstfaser von ostasiatischen Kindern genäht. Selbst Lederhosen gibt es beim Discounter.

Und wurde ausreichend bedacht, dass die fröhlichsten Trinker in Bussen aus dem südeuropäischen Krisenland Italien herangekarrt werden?

Doch das meiste Grübeln bereitet uns die Frage nach dem Wechselgeld. Der Preis ist ja äußerst unpraktisch. Brauchen also die Oktoberfest-Bedienungen in Zukunft jeweils einen Sklaven, der ihnen einen Rucksack mit Münzen nachträgt? Oder zählen die Festwirte auf die Münchner Schickeria-Großkotzigkeit? Nach dem Motto: “Hier, 20 Euro, stimmt so.”?

Vielleicht ist es ja ganz anders, und Weltstadt sowie Staatsregierung planen das nächste Laptop- und Lederhosen-Projekt: Das bargeldlose Festzelt. Arbeitstitel: KmK – Komasaufen mit Kreditkarte.

Kann es für den modernen Menschen Schöneres geben? Wir Franken werden wieder staunen.

 

Jubelt, aber bitteschön im Rudel

Ach, wie freuen wir uns. Tröten und Fähnchen liegen bereit. lustige Hüte auch, den schwarz-rot-goldenen Radkappenschoner haben wir in der Garage schon heimlich ausprobiert. Wir sind bereit für grenzenlosen, weltmeisterlichen WM-Jubel. Aber halt: So einfach geht das nicht.

Ja, diese Gesellschaft hat 2010 den tausendfachen Klang der elend lauten südafrikanischen Vuvuzelas gut überstanden. Wir werden auch das Getöse der billigen Sambatrommeln aus dem Baumarkt ertragen lernen. Fröhlichkeit wird in einem Land wie diesem ja nicht zur Gewohnheit.

Trotzdem: Das Geschrei darf nicht anarchisch losbrechen. Es gibt das Recht auf Nachtruhe und damit Regeln. Also sollte man die Idee, Freunde zum Grillfest in den eigenen Garten oder auf seinen Balkon einzuladen, eher vergessen. Ab 22 Uhr darf nur noch in Zimmerlautstärke gejubelt werden. Klose trifft gegen Ghana – wir flüstern “Psssttt, Tooohhhhr”.

Wobei es die Anhänger der deutschen Elf noch relativ gut haben. Zwei der drei Vorrundenspiele beginnen um 18 Uhr. Da sind echte Fans,  je nachdem, bis zehn Uhr in alkoholisierter Depression versunken oder hängen glückselig erschöpft in den Seilen. Japaner und Griechen  hingegen haben kaum privaten Sushi- und Souvlaki-Spaß verzichten. Das Spiel ihrer Teams wird erst um Mitternacht angepfiffen. Auch Engländer und Italiener sowie Russen oder Koreaner treffen zur Geisterstunde aufeinander.

Wer richtig losbrüllen will, muss ins Rudel. Beim Public Viewing, das in Nürnberg am Flughafen stattfinden kann, seitdem dort nicht mehr sehr viel startet oder landet. Oder in einer Kneipe, deren Wirt sich eine Sondergenehmigung gesichert hat.

Und so macht der Fußball auch bei der WM, was der Spitzen-Fußball besonders gut kann: Den Leuten, seien sie nun Fans oder Rundfunkgebührenzahler, das Geld aus der Tasche ziehen. Aber gut, nehmen wir es hin, nennen wir es Wirtschaftsförderung und liegen wir uns auch noch nachts um zwei in den Armen.

Bloß Vorsicht: Auch ein Autokorso ist kein rechtsfreies Ereignis. Sinnloses Hin- und Herfahren ist durch Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung verboten. Wenn wir es trotzdem tun, seien wir wenigstens so brav und dämpfen ab 22 Uhr die Hupen. Im Zweifelsfall hilft Carglass.

 

 

 

 

Unrecht, dein Name ist E-Bike

Das Unrecht hat viele Gesichter. Und manchmal tarnt es sich als Fortschritt. So wie das E-Bike beziehungsweise Pedelec. Dabei ist es eine Bedrohung für die mentale Gesundheit dieser Gesellschaft.

Diese Zweiradversion ist ein riesiger Erfolg. Während in Deutschland bislang nur rund 12.000 der mutmaßlich klimarettenden Elektroautos zugelassen sind, schnellen die Verkaufszahlen für die Fahrräder mit Hilfsmotor in jährlichen Zehn-Prozent-Sprüngen nach oben. 380.000 Stück wurden 2012 in Deutschland verkauft. Von den Autoherstellern schneidet nur VW besser ab. Man sieht: Hier rollt ein wahrer Trend.

Zwangsläufig fragt man sich: Warum haben Guido Westerwelle und Rainer Brüderle nichts dagegen getan? Das E-Bike steht wie kaum ein anderes Produkt für anstrengungslosen Erfolg. Es verhöhnt das Leistungsprinzip unserer Gesellschaft, es ist spätrömische Dekadenz mit Pedalen.

Und hat noch keiner an das Leid, an die massenhafte Demoralisierung der wirklichen Radfahrer gedacht? Da hat ein Mann jahrelang trainiert, um sein Rennrad flott bewegen zu können. Er strampelt heftig, vielleicht ein bisschen keuchend – um dann von seiner 75-jährigen Nachbarin überholt zu werden, die aufrecht sitzend ihren Blumenkohl nach Hause  fährt. Was geht in diesem Radler vor, was denkt er? “Leistung muss sich wieder lohnen” bestimmt nicht. “Wer betrügt, fliegt” schon eher.

Unrecht sieht aber auch so aus: Für die Fahrer/-innen von Mofas, die laut Straßenverkehrsordnung 25 km/h schnell sein dürfen, gilt die gesetzliche Helmpflicht. Pedelec-Strampler, die mit bis zu 40 km/h das Geschwindigkeitslimit jeder Tempo-30-Zone atomisieren können, dürfen die Köpfe ungeschützt nach oben recken. Und ein Nummernschild brauchen sie auch nicht.

Diese Gesellschaft wird älter, die Zahl der schnellen Rentner/-innen wird steigen und steigen. Die Radwege werden nur langsam besser.

Wir alle wissen also, was uns mittelfristig blüht. Sage keiner, er hätte es nicht gewusst.

Der Vollbart, das Freiheitssymbol

Hipster kennen wir. Also junge Männer, die sich bewusst von geschniegeltes Modetrends abgrenzen. Die mit Holzfällerhemden in flotten Clubs sitzen und auch im Hochsommer die Stirn durch Wollmützen verdecken. Die, vor allem aber, ihren Vollbart sprießen lassen. Doch eines hätten wir nicht gedacht: Dass ein Mann, der eine Frau spielt und dabei seinen Vollbart stehen lässt, einen europaweiten Gesangswettbewerb gewinnen könnte. Und dabei die Höchstpunktzahl auch aus Georgien und Portugal bekommt.

Genau das aber ist passiert. Ein Künstler namens Conchita Wurst hat beim Eurovision Song Contest abgeräumt und  ist als Österreicher nationaler Nachfolger von Udo Jürgens geworden. Dieser hatte 1966 gesiegt. Im Vergleich zum “Merci, Cherie”-Interpreten ist die Erscheinung verstörend. Das lange Kleid saß deutlich besser als bei der tatsächlichen Frau aus Spanien. Aber da ist eben dieser pechschwarze Vollbart im Gesicht der Kunstfrau.

Trotzdem reagierte Europa begeistert. Selbst aus der mutmaßlich unschwulsten Nation des Kontinents, aus Russland, gab es fünf Punkte. Was bedeutet das nun? Entspringt die Sympathie für Frau Wurst der gleichen Regung, die früher die Menschen auf die Jahrmärkte gelockt hat? Als die Dame ohne Unterleib gemeinsam mit dem stärksten Mann der Welt aufgetreten ist? Wo auchFrauen mit extremen “Damenbärten” vorgeführt wurden?

Vielleicht ist es das, möglicherweise wurde auch ein Signal für einen Gegentrend gesetzt. Seit einigen Jahren sind die Menschen ja unter Druck geraten, Körperbehaarung jeder Art zu bekämpfen. Es ist eine globale Wachs- und Epilierindustrie entstanden, die uns die Werbebotschaft vermittelt hat, dass ausschließlich blanke Haut auch schön sein. Das zwang zu zwanghaften Aktionen. Die Rasur wurde zur logischen Begleitaktion zu Botox und Essendiät.

Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich, dass der Vollbart von der täglichen Rasur befreit. Aber vielleicht ist er seit Samstag noch ein ganzes Stück mehr. Wenn der Bart aussagen sollte, dass Vielfalt unter Menschen Spaß macht, dass jeder so sein soll, wie er sein möchte, dann ist er ein Freiheitssymbol erster Güte. Mach es, wie Du willst. Was andere denken, ist Wurst. Eine schöne Botschaft.

 

 

Schland, oh Schland. Bitte nicht so arg!

Ich habe Angst. Große Angst. Die Fußball-Weltmeisterschaft naht – und damit kommen sinnlose Artikel in den Farben Schwarz-Rot-Gold. In den Geschäften ist die Eroberung Brasiliens mittels deutschem Frohsinn voll in Gang. Werden wir wieder zu Schland?

Die berühmte Kette von Angela Merkel ist schnell in Vergessenheit geraten. Sie hatte erfoglreich geholfen, die Aufmerksamkeit von Fernsehzuschauern und Berichterstattern von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wegzulenken. Der Juwelier hat sich eine goldene Nase verdient. Er ist wahrscheinlich längst nach Brasilien gereist, liegt am Strand oder sucht nach Steinen für ein grün-weißes DFB-Collier.

Das wäre auch eleganter als ein “Schland”-Produkt. Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold ist doch tendenziell unschick. Bei Brasiliens Farben denkt man an Strand und Samba, an ungebremste Fröhlichkeit. Aber unsere Zusammenstellung? Jenseits von WM-Zeiten käme niemand auf die Idee ein teures Sakko oder ein Kleid in diesen Farben zu tragen. Niemand würde sein Auto dauerhaft so lackieren oder die Haustüre seines Reihenhauses so einsprühen.

Das deutsche National-Farbenspiel taugt also am ehesten für temporäre Ramschware vom Billig-Discounter. Also gibt es  lächerliche Mützen, Fußball-Sonnenbrillen, Blech-Sambatrommeln, aufblasbare Jubelfinger, Plastiktröten, Zottelperücken, Radkappenüberzieher oder einen elend schlechten WM-Song der RTL-Dschungelkönigin Melanie Müller, welcher nur nach dem Genuss von wahlweise sechs Halben Landbier oder von drei gegrillten Koala-Beuteln zu ertragen ist.

Schön wär’s doch, wenn es ohne zu viel Schwachsinn ginge. Lieber mit einer Überdosis ehrlicher Begeisterung. Ein bisschen Brasilianer sind wir doch alle…