Gratis-Nahverkehr? Mr. Glyphosat sorgt für reine Luft

Man hält es nicht für möglich. Die Große Koalition ist nur noch geschäftsführend tätig, man weiß nicht,  ob es mit ihr weitergeht. Und dann hauen einige ihrer wichtigsten Akteure einen revolutionären Vorschlag heraus: Der öffentliche Nahverkehr soll für dessen Nutzer kostenlos sein.

Das widerspricht so ziemlich allem, was wir von realer Staats- und Kommunalpolitik kennen. Bisher wussten wir, dass sich Leistung auf allen Ebenen lohnen muss. Also wollen die Anbieter von  Bus-  und Bahnverkehr Geld einnehmen. Sonst wird ihre Dienstleistung ja nicht wertgeschätzt.

Zudem lehrt uns die Erfahrung, dass die Preise im Nahverkehr nur eine Richtung kennen: nach oben. Egal, ob das Benzin billiger wird, egal, ob mehr Mitfahrer gut für die Energiewende wären, die Kommunen verteuern. Sei es durch die Verringerung der Zahl der mit einer Streifenkarte möglichen Fahrten. Oder durch die Verkürzung der Kurzstrecken auf Spaziergang-Länge. Das hat ganz gut funktioniert.

Warum also wird jetzt umgedacht? Will die GroKo beweisen, dass sie in Sachen Klimaschutz verstanden hat? Will sie zeigen, dass sie zu radikalen Umwälzungen fähig ist? War der kommissarische Verkehrsminister Christian Schmidt der Antreiber, der sich als Freund des Glyphosats schon nachhaltig um die Reinigung der Atemluft von Insekten verdient gemacht hat? Oder ist es bloß eine Nebelkerze in Richtung EU-Kommission? Schließlich geht es ja um das Retten unserer Autoindustrie.

Doch spekulieren wir nicht. Fragen wir einfach, ob es ginge. Und dann ist Folgendes festzuhalten: Die jährlichen Einnahmen des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland betragen 12,8 Milliarden Euro. Das entspricht zum Beispiel 14 Elbphilharmonien. Gegenfinanzieren könnte man den Einnahme-Ausfall  auch mit 1,6 Bahnhöfen Stuttgart 21 oder mit 4,5 Berliner Flughäfen. Die Sache wäre ebenfalls geregelt, wenn man ein Viertel des deutschen Aufwands für die Bankenrettung nach der weltweiten Finanzkrise für den Nahverkehr abgezweigt hätte.

Es ist wie immer in der Politik: Man muss wollen, dann geht auch was. Und wenn die Gratis-Idee denn doch zu radikal ist, gibt es immer noch den Kompromiss. Halbieren wir die Tarife und koppeln wir das mit einer Bahn-Buspreis-Bremse.  Das Klima und unsere Lungen wären froh.