Wir rennen in das neue Jahr

So, jetzt aber: Kramen wir die Mottenkugeln aus den Taschen unseres Trainingsanzuges, lüften wir die Tennissocken und schnüren wir die Glitzerschuhe. 2017 ist da. Ab jetzt wird Sport gemacht. So zumindest haben sich die Teilnehmer*innen einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov geäußert. 50 Prozent der Befragten wollen ihren Körper stählen. Eine stolze Zahl.

Glücksumfragen zum Jahreswechsel sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Es macht einen Unterschied, ob man die angeblich werberelevante Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen oder ob man Senioren befragt. Orientiert man sich etwa an der Werbung im ZDF-Vorabendprogramm, dürften sich 85 Prozent ein Jahr mit weniger Rücken- oder Gliederschmerzen erhoffen. Weniger müssen müssen ist auch das Ziel der Nerds einer großen Computer-Zeitschrift. 62 Prozent nannten bei einer Umfrage diesen Wunsch, womit sie allerdings Stressvermeidung meinten. Abnehmen wollten hier nur 33 Prozent.

Doch halten wir uns an YouGov. Das 50-Prozent-Votum für den Sport stand möglicherweise in einem engen Zusammenhang mit der gerade beendeten Dart-WM. Da nämlich auch 46 Prozent der Antworten (Mehrfachnennungen waren möglich, sagt jetzt der Demoskope) auf „Abnehmen“ lautete, darf man davon ausgehen, dass es sich um ein Publikum handelt, welches von der Körperfülle eher nicht für Skispringen taugt. Gut, auch Hummeln können fliegen. Aber das ist ein Sonderfall.

41 Prozent gaben an, sich gesünder ernähren zu wollen. Andererseits fanden es nur 11 Prozent angebracht, die Alkoholmenge zu reduzieren. Ein Glas Wein ist eben nie verkehrt.

Wer aber wollte den Menschen die Sportlust ausreden? Niemand, wobei es schön wäre, wenn unser Trainieren nicht so humorlos wäre. Wer in die Kraftmaschinen-Abteilungen der Fitnesscenter schaut, blickt in oft schmerzverzerrte, aber selten lächelnde Gesichter. Schmunzeln über die Bauchwölbung beim Blick in den Spiegel? Sonst schon, aber nicht hier.

Und dann ist da noch die Lust auf Statistik. Vor allem Männer sind davon beseelt. Ihr Interesse an Alkoholverzicht sinkt vermutlich auf unter fünf Prozent, wenn sie nicht nach sechs Monaten leichtem Morgenjogging ihren ersten Halbmarathon geschafft haben.

Wie sehr es in Sachen Leistungsmessung ins Detail geht, zeigte sich gerade beim Nürnberger Silvesterlauf. Dort wurde allen Ernstes diskutiert, ob dem Läufer mit der besten Bruttozeit der Siegerpokal gebührt oder ob dieser doch dem Läufer mit der Top-Nettozeit zusteht. Der Unterschied? Letzterer ist beim Losrennen vor dem Brutto-Jogger auf eine Zeitmessmatte gestiegen. Am schnellsten war vermutlich der Läufer mit der Tarazeit.

Wenn es so weit gediehen ist, ist klar: Sport tut gut. Aber er kann auch unglücklich machen. Wir sollten also bei guten Vorsätzen fröhlich bleiben. Verbissen ist schlecht. Und das nächste neue Jahr kommt schon in knapp 52 Wochen.

 

 

Die Leberwurst hat keinen Ringelschwanz

Wir alle kennen das Sommerloch. Wenn die Tage besonders arm an Nachrichten sind, nutzen ansonsten wenig beachtete Politiker die Chance, um mit originellen bis richtig blöden Vorschlägen auf sich aufmerksam zu machen. Neuerdings scheint es ein Winterloch zu geben. Jedenfalls ist Agrarminister Christian Schmidt gerade glanzvoll zur Stelle.

Der fränkische CSU-Politiker will, in persönlicher Sorge um das Wohl der Verbraucher, Fleischnamen für pflanzliche Lebensmittel verbieten lassen. Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ seien „komplett irreführend“. Also weg damit.

Den Beifall der begeisterten Fleischesser hat Schmidt sicher. Diese empfinden es als geradezu obszön, dass Freundinnen und Freunde der tierfreien Nahrung ausgerechnet ihren kulinarischen Idealen nacheifern. Wer Salat und Gemüse wolle, so deren Meinung, solle das doch bitteschön auch so verzehren, wie es sich gehört. Also in geschnipselten Blättern oder als giftgrüne Pampe. Lebensmittel seien schließlich nicht dafür da, um zwanghaft verdrängte Sehnsüchte zu befriedigen.

Aber so einfach ist es nicht. Das Schnitzel ist ja nur die Darreichungsform. Eine Ähnlichkeit mit dem an der Herstellung beteiligten Tier hat es überhaupt nicht. Es gibt keinen Bierschinken mit Rüssel und keine Leberwurst mit Ringelschwanz. Insofern stellen unsere Fleisch-Produkte eine dramatische Irreführung der Konsumenten dar.

Überhaupt hat dieses Prinzip eine lange Tradition. Mit Erbswurstsuppe wurden in Deutschland Kinder gefüttert, als italienische Salami noch weithin unbekannt war. Molekularköche, die Rinderlende als Schaum servierten, wurden als innovativ gefeiert und nicht als Postfaktiker verfemt. Völlig straffrei wurde dafür geworben, dass ein überzuckertes Kinderjoghurt „so wertvoll wie ein kleines Steak“ sei.

Und dann noch alkoholfreies Bier. Auch das ein dem Wesen nach unreiner Frevel. Wenngleich es besser schmecken soll als manch schäumende Industriepampe. Wer weiß, vielleicht ist ja das die eigentliche Angst der Menschen, die 100 Gramm totes Tier für 29 Cent verhökern. Das Veggie-Wurst lecker ist.

Sollte das der Fall sein, tolerieren wir gerne weitere einschlägige Produkte. Die längste Wurst-Praline der Welt? Warum eigentlich nicht?

Leistung muss sich lohnen!???

Es ist das große Versprechen des Kapitalismus: Leistung lohnt sich. Man müsse sich nur anstrengen und leistungsbereit sein, wenn man gut durchs Leben kommen wolle. Leider handelt sich für viele Menschen um eine Lüge. Tatsächlich ist es in diesem Land so: Wer oben ist, bleibt wichtig und reich. Wer unten steht, braucht viel Glück und hilfreiche Zufälle, um nach oben zu kommen.

Diese Erkenntnis vermittelt der Armutsbericht der Bundesregierung. Demnach ist es ein Märchen, dass das Geld im Land wenigstens einigermaßen gleichmäßig verteilt ist. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung besitzt in Deutschland bis zu 26 Prozent des Gesamtver­mögens. Die reichsten zehn Prozent haben zwischen 58 und 74 Prozent des gesamten Nettovermögens.

Keiner würde den Reichen den Reichtum neiden, wenn er offensichtlich erarbeitet worden wäre. Stimmt aber nicht. 2014 wurden 40 Milliarden Euro vererbt, im Jahr 2007 waren es erst 22 Milliarden Euro. Das Volumen von Schenkungen stieg in diesem Zeitraum von 13 auf 70 Milliarden Euro.

Der materielle Vorsprung von Kindern reicher Eltern wächst und wächst. Denn das so genannte Jobwunder hat massig Billigjopbs hervorgebracht. Von ganz unten nach ganz oben zu kommen, klappt wirklich gut allenfalls im Profi-Fußball oder in der Politik.

Letztere könnte all das ändern, mag aber nicht. Erbschaftssteuer gefährdet Arbeitsplätze, lautet die Faustregel der Vermögensschützer von FDP bis AfD.

Tja, gibt es wenigstens ein bisschen Trost? Probieren wir es mit einem Sprichwort: „Armut macht erfinderisch, Reichtum gefühlsarm.“ Das lobt die Besitzlosen, immerhin. Allerdings müssten die Vermögenden damit anfangen, Geldscheine unerotisch zu finden. Bald ist Weihnachten. Wir können es uns ja wünschen.

Tatort ja, Dobrindt nein

Fakten, Fakten, Fakten… Anlässlich der Kür von „Postfaktisch“ zum „Wort des Jahres“ wird von vielen klugen Zeitgenossen darüber geklagt, dass die Menschen nur noch ihren Gefühlen folgen. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Wie immer im Leben kommt es darauf an. Wir dürfen die Bedeutung der Wirklichkeit nicht überschätzen. Die Evolution hat uns die Begabung zur Phantasie geschenkt, weshalb es völlig unsinnig wäre, würden wir uns ausschließlich den Fakten widmen. Einhundert Prozent Realität – das ist Überlebenskampf und Stillstand. Träumen – das ist Fortschritt und Revolution. Der Flug zum Mond war als Idee zu seiner Zeit postfaktisch.

Der wahre Faktiker liest keine Romane. Was, bitteschön, sollte ihn interessieren, was sich ein verwuschelter Schriftsteller bei drei Schachteln Zigaretten und zwei Flaschen Rotwein ausgedacht hat? Postfaktisch muss auch nicht aggressiv sein. Wer gerne Krimis liest, wird darüber nicht zum Mörder. Schließlich: Wer sagt uns, dass alles so ist, wie wir glauben. Die Stubenfliege sieht die Welt anders. Aber sieht sie sie deshalb falsch?

Übel ist das Postfaktische allerdings dann, wenn es einem Menschenfeind gelingt, mit unwahren Botschaften andere zu begeistern. Wenn ein schlechter Krimi nach und nach real wird. Wenn zum Beispiel völlig faktenfrei behauptet wird, dass Menschen mit einem bestimmten Äußeren immer böse sind, weshalb sie bekämpft werden müssen. Das hat schon viele Leben gekostet.

Gefährlich ist auch, wenn der träumende Postfaktiker zum unbelehrbaren Wirklichkeitsleugner geworden ist. So wie der deutsche Verkehrsminister. Er drückt seine Pkw-Maut gegen alle Widerstände durch, obwohl er selber wissen müsste, dass er sein Ziel von 500 Millionen Euro jährlichen Einnahmen nie und nimmer erreichen wird. Da phantasiert einer. Und alle zahlen mit.

Bleiben wir phantasievoll und kreativ. Aber ziehen wir die richtigen Linien. Tatort ja, Dobrindt nein – dann muss uns „Postfaktisch“ niemals schrecken.

 

 

 

Als Bayern modern war – anno 1946

Da hat die CSU dumm ausgeschaut: Unverbindliche Volksbefragungen wollte sie durchführen. Doch die höchsten Richter des Landes spielten nicht mit. Einfach mal fragen – das sei gegen die Bayerische Verfassung, stellten sie fest.

Wie? Bayern? Eigene Verfassung? Was soll das denn? So dürften viele fragen. Aber es gibt dieses Regelwerk für unser Zusammenleben. Und es ist gar nicht schlecht.

Gemäß dieser Verfassung geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Das klingt gut und anspruchsvoll, stimmt aber wohl eher kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals, als der Einfluss multinationaler Konzerne auf die Politik noch  gering war.

Als Staatsbürger sahen die alten Bayern jeden Menschen ab 18. Fragen wie ethnische Herkunft oder religiöse Ausrichtung sollten keine Rolle spielen. Schließlich sollte jedermann die Freiheit haben, „innerhalb der Grenzen der Gesetze und der guten Sitten alles zu tun, was anderen nicht schadet.“ Allerdings ist „die Bekämpfung von Schmutz und Schund“ als staatliche Aufgabe definiert.

Bayerns Verfassung sagt jedem Menschen eine angemessene Wochnung zu. Menschliche Arbeitskraft ist „als wertvollstes wirtschaftliches Gut eines Volkes“ vor Ausbeutung zu schützen, der Gebrauch von Eigentum hat – so die Verfassung – auch dem Gemeinwohl zu dienen.

Und dann gibt es noch diesen Artikel 105: „Ausländer, die unter Nichtbeachtung der in dieser Verfassung niedergelegten Grundrechte verfolgt werden und nach Bayern geflüchtet sind, dürfen nicht ausgeliefert oder ausgewiesen werden.“

So sah man die Dinge im Jahr 1946. Woraus wir lernen : Manchmal kann früher auch moderner sein. Klüger auf jeden Fall.

 

 

Fakten zählen? Nix da, das ist vorbei!

Postfaktisch. Das also ist der große Trend der Zeit. Jedenfalls hat der für seine richtungsweisenden Sprachbetrachtungen berühmte Verlag Oxford Dictionaries dieses Adjektiv zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Weil immer Menschen auf Tatsachen pfeifen und stattdessen an etwas glauben, was ihnen besser ins eigene Weltbild passt. Wie man es aus dem Online-Handel kennt: Diese Meinung könnte Ihnen auch gefallen.

Verstehen kann man die Menschen. Die Wahrheit ist oft sehr vielschichtig und entsprechend lästig. Einfache Lösungen, wie man sie in Film und Fernsehen erlebt, also etwa Rettung vor Außerirdischen in knapp zwei Stunden, gibt es im realen Leben nicht. Das schürt Zorn auf jene, die man gewählt hat, damit sie Probleme schmerzfrei beseitigen. Und wertet jene Menschen auf, die einfache Lösungen anbieten.

Dann ist es egal, ob ein Donald Trump lügt, wenn er sich als Immobilienhai zum Anwalt der kleinen Leute macht und im Vorbeigehen das völlig absurde Versprechen von 25 Millionen neuen Jobs. Es juckt nicht, wenn sich nationale Alleingänge wie beim Brexit fatal auswirken können. Manche glauben sogar daran, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat gar nicht existiert. Man hat es ja „im Internet“ gelesen.

Nun soll allerdings niemand behaupten, dass unsere Politik immer nur „faktisch“ sei. Wenn die FDP behauptet, dass private Finanzkonzerne die Altersversorgung managen können, ist das genauso daneben, wie wenn jemand „Die Rente ist sicher“ plakatiert. Mancher fabuliert, dass man Probleme mit der Zuwanderung endgültig dadurch regeln könne, dass man eine Obergrenze festsetzt oder indem man einen Staatschef mit diktatorischen Zügen hofiert. Andere wollen mehr Steuergelder von Reichen, ohne Reichtum zu definieren. Und, und, und…

Man sieht: Fakten sind nicht alles. Die Gedanken sind frei. Und ja, man darf auch träumen. Aber: Muss es dann wirklich so oft, albtraumhafter Mist sein?

 

Lieber Gott, rette das Establishment!

Wie geht es weiter mit dieser Welt? Genau weiß das keiner, aber der 8. November wird uns schlauer machen. Sollte dieser Donald Trump nämlich Präsident werden, ist zumindest eines klar: Der Niedergang der Institutionen oder des „Essdäblischmends“, wie der US-Amerikaner sagt, wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Unser vulgärer Schreihals verstärkt aber nur einen längst vorhandenen Trend. Bei einer Studie zur Lebenswelt der 18- bis 34-Jährigen gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sie der Politik nicht vertrauen. 50 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen in religiöse Institutionen zu haben. Die Medien kommen mit einer Misstrauensquote von 25 Prozent noch relativ gut weg.

Diese Stimmung bereitet den Nährboden für seltsame Gestalten. So stellen wir erstaunt fest, dass so genannte „Reichsbürger“ oder „Germaniten“ deutlich zahlreicher sind als weiße Einhörner. Menschen, die ihr Haus und Grundstück zu einem eigenen Hoheitsgebiet erklären und die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als Staat leugnen. Deshalb zahlen sie keine Steuern und drohen Gerichtsvollziehern Schläge an.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Leute sind nicht aufrichtig. Wären sie es, müssten sie in ihrem Fernsehsessel verhungern. Sie dürften ja auch keine indirekten Abgaben, also etwa Mehrwert- oder Mineralölsteuern zahlen. Aktionen nach dem Motto „Wir schenken Ihnen 19 Prozent!“ veranstalten nur Möbelhäuser und Elektrogroßmärkte. Die Erwartung, dass der Metzger Schnitzel und Leberwurst an einer Duty-Free-Theke verkauft, ist abseitig. Der Hungertod müsste von Reichsbürgern billigend in Kauf genommen werden.

Zerstört werden Institutionen aber auch aus dem herrschenden System heraus. Nehmen wir die Wahl des neuen Bundespräsidenten: Honorige Persönlichkeiten zeigen zwar Bereitschaft, aber nur, wenn vor der Abstimmung sicher ist, dass sie es auch werden. Da fragt man sich doch, ob es wirklich so ein unattraktiver Job ist, zwischen zwei richtungsweisenden Ansprachen mit dem Staatschef von Burundi Antilopenbraten zu essen. Müsste um dieses Amt nicht mit Leidenschaft gerungen werden?

Und dann noch die Clowns. Gerade ist der große Oleg Popov gestorben. Ein Spaßmacher der leisen Töne und im richtigen Leben ein herzensguter Mensch. Doch gute Institutionen bröckeln. Neuzeitliche Grusel-Clowns springen aus dunklen Ecken und ihr amerikanischer Kollege braucht nicht mal eine Maske, um uns zu erschrecken.

Wir schauen zum Himmel und flehen: Lieber Gott, lass‘ wenigstens diesen Kelch an uns vorübergehen. Darum bitten wir. Auch wenn Du zum Establishment gehörst.

 

 

 

Jetzt aber: Strafzölle für Reichsbürger

Wenn wir an angenehme Zeitgenossen denken, fällt uns gerne der harmlose Irre ein. Ein schrulliger Mensch, der uns mit seltsamen Gewohnheiten amüsiert. Ein Kant’sche Exzentriker, der seine Freiheit nutzt, aber niemand anders schadet. Wenn es doch bloß solche Spinner gäbe.

Es wird doch niemand stören, wenn jemand in Elvis-Kostüm oder Barbie-Kleid durch die Gegend spaziert. Oder wenn er beim Gothic-Treffen so tut, als würde er dunkelste Mächte verehren.  Wir schmunzeln über schrille Weihnachtsbeleuchtungen in Vorgärten oder über ein von 32 Gartenzwergen eingekreiste Blumenbeete. Ein wenig beneiden, wir diese Menschen, weil sie Käfige verlassen, in denen andere festsitzen. Vor allem Engländern sagt man nach, lustvoll anders zu sein.

Wir jedoch sind in Deutschland. Unsere Außenseiter sind mitunter richtig widerlich. Neonazis, die Kinder schänden. Oder eben diese selbst ernannten „Reichsbürger“. Eigenartige Leute mit häufig guten Kontakten in die rechtsextreme Szene,  die die Bundesrepublik Deutschland als Unrechts-GmbH ansehen und deren Institutionen den Stinkefinger zeigen. Werden sie vom feindlichen, tatäschlichen Staat unter Druck gesetzt, reagieren sie auch gewalttätig. Wie wir jetzt erleben mussten.

Gut, man kann ja darüber diskutieren, ob es nicht erlaubt sein sollte, sein Grundstück samt Eigenheim zum unabhängigen Staat zu erklären. Aber trotzdem läuft in dieserm Fall etwas grundlegend schief. Reichsbürger wehren sich zwar, an den Kosten für die Allgemeinheit beteiligt zu werden. Aber man darf vermuten, dass sich diese Rebellen mit Strom und Wasser beliefern lassen. Oder sogar von Hartz IV leben.

Hier muss es Verträge geben, in denen klar geregelt ist, wie sich die Bundesrepublik ihre Dienstleistungen von irgendwelchen Mini-Staaten bezahlen lässt.  Ein TTIP für Idioten. Vor allem brauchen wir hohe Zölle für Pizza-Dienste, Dosenbier, Sofas und Flachbildfernseher. Dann werden Spinner wieder „wertfrei“ sein.

Eine Million Tote und noch viel mehr Angst

Wie würden sich die Attentäter vom 11. September 2001 heute fühlen? Wären sie stolz, weil sie mit einem Terrorakt mit 3000 Opfern den Tod von einer Million anderer Menschen ausgelöst haben? Oder schmoren sie sowieso in der Hölle, weil die meisten dieser Toten Muslime gewesen sind? Uns, den „Ungläubigen“ hat ihre Tat vor allem eines gebracht: Angst.

Es ist erschreckend und erstaunlich zugleich, wie sich das Denken in einer eigentlich freien, offenen Gesellschaft verändert hat. Wenn sich ein Muslim traditionell kleidet und sich, wie von daheim gewohnt, einen Kinnbart wuchern lässt, wird er als bedrohlich empfunden. Alleine das Äußere reicht, um einen uns unbekannten Menschen als blutrünstigen religiösen Fanatiker anzuschauen. „Der Araber“ bedroht uns. Kaum jemand ist von dieser Reaktion völlig frei.

Wie absurd groß unsere Verunsicherung ist, zeigt sich am Streit über die Burka. Dieses seltsame Kleidungsstück wird gewiss als Mittel zur Unterdrückung benutzt. Aber warum bringt uns alleine die Aussicht, einer solchen Frau auf der Straße zu begegnen, so stark in Bedrängnis, dass wir per Gesetz das Verhüllen des Gesichts verbieten wollen? Haben wir generell Angst vor religiösen Symbolen in unserem vom Geld geprägten Alltag?

Der 11. September und alles was danach geschehen ist, hat unsere Fähigkeit geschwächt, anderen Menschen ohne Vorbehalte zu begegnen. Dabei sind Menschen im arabischem Raum kaum anders als wir. Sie möchten ohne tägliche Not in Frieden leben, sie möchten lieben und geliebt werden. Sie wollen keine Bomben zünden, sondern nach einem angenehmen Abend einschlafen und etwas Schönes träumen. Sie schauen unsere Fernsehserien und diskutieren über Fußball-Bundesliga und Champions League.

Ihnen wird dieser Text jetzt zu tendenziös, blauäugig und gutmenschig? Dann haben es die Attentäter enorm viel geschafft: Eine Million Tote und ein Vielfaches an Menschen in Angst.

 

Hamsterkäufe? Der wahre Vorrat ist ein anderer

Von unseren Großeltern kennen wir die Geschichten über Vorratskammern voller Konserven und Einmachgläser. Getränke wurden mit dicken Eisblöcken gekühlt. Ein gut gefüllter Kartoffelkeller hat geholfen, um ohne Hunger über den Winter zu kommen. Wer im Herbst fleißig war, erlebte echte Not so gut wie nie.

Heute leben wir anders. Es gibt immer alles. Erdbeeren im Dezember? Spargel an Silvester? Das ist bloß  eine Frage des Preises. Leere Regale in den Geschäften kannten die Deutschen seit den 50-er Jahren nur noch in der DDR. Dank Wirtschaftswunder entwickelte sich die jederzeitige Rundum-Versorgung. Vorratskammern spielen in der heutigen Architektur keine Rolle mehr.

Würde man eine Palette Konservendosen kaufen – man hätte daheim gar keinen Platz. Schon deshalb ist der Aufruf des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall zu vorsorglichen Hamsterkäufen von zweifelhaftem Wert. Hinzu kommt, dass wir das richtige Einlagern von Lebensmitteln verlernt haben. Und schließlich ist unser Vertrauen in die Nachhaltigkeit moderner Speisen und Getränke gering. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist ein Fetisch mit integriertem Wegwerf-Impuls.

Schneller Konsum entspricht eben dem Zeitgeist. Wir leben und produzieren Just-in-Time. Dass das auch leichtsinnig ist, erfahren wir nur manchmal. Etwa dann, wenn bei VW die Bänder still stehen, weil man dort keine Getriebe gehamstert hat. Aber brauchen wir wirklich Gurken, Zwiebeln und Äpfel in der XXL-Kiste? Eigentlich doch nicht.

Dann lieber doch einen guten Vorrat an Optimismus, Humor und Freude am Leben. Bei Katastrophen hilft auch das.