Archiv der Kategorie ‘Gesellschaft’
Der letzte Tango in Vietnam
Das elende Internet-Chaos um uns herum schreit danach, dass wir Struktur in unseren Alltag bringen. Wir brauchen aber auch Ideen, die unser Dasein bereichern und aufregender machen. Und die gibt esin Form der Gedenk- und Aktionstage dieser Welt.
Ich habe gerade wieder einen verpasst. Gestern war der Welttanztag. Was für ein verlogenes Datum! Da siehst du im Fernsehen, wie irgendwelche Promis rhythmisch, biegsam und geschmeidig werden. Sie haben nicht mal eine wesentlich besser Figur als du selbst, mutieren aber innerhalb weniger Wochen vom tapsigen Zirkusbären zum annähernden Turniertänzer. Während du dir bereits im Kurs für fortgeschrittene Anfänger einen mittleren Knoten in die Füße tanzt.
Du suchst das Glück – und bekommst das Leid. Und so sind ritualisierte Balzrituale wie Tango, Samba und Rumba ganz so wie das sonstige Leben. Ob man das als Freizeitvergnügen braucht, ist die große Frage.
Aber ab heute wird alles anders. Ich werde sehen, was anliegt. Und kräftig mitfeiern. Zum Beispiel beim heutigen Nationalfeiertag der Niederlande. Finde ich gut, denn ein Land das uns Rudi Carrell und Sylvie van der Vaart geschenkt hat, kann nicht so ganz schlecht sein. Außerdem ist Walpurgiusnacht. Also ein Event für wilde Hexen, dass schwer nach wilder Orgie, aber auch nach einem bösem Ende für die daran beteiligten Männer klingt.
Und dann ist dieser 30. April der “Tag der Vereinigung”. Allerdings nur in Vietnam. Ist mir recht. Sollen sie doch dort Tango tanzen.
Ich gehe morgen zum “Tag der Arbeit”. Denn mit sowas kenne ich mich aus…
Eigener Herd ist Geldes wert

So ist's recht: Diese Familienidylle geht aber nur, wenn Mami am Herd bleibt.
Was solle denn bitteschön, hieß es in zurückliegenden Diskussionen, aus der Beziehung von Eltern und Kind werden, wenn schon kleinste Kinder von der Mutterbrust gerissen und in die Obhut staatlich ausgebildeter Fachkräfte gegeben würden? Auch das staatliche Familiengeld war lange Zeit nicht im Sinne der CSU. Deren Idealbild war die oberbayerische Vorzeigefamilie, in der die Kinder den Papa bei dessen Rückkehr aus dem rauen Alltag mit zünftiger Zither- und Hackbrettmusik empfangen und Mamas Schweinebraten mit einem innigen Tischgebet begrüßen.
Aber die Zeiten haben sich gewandelt. Selbst die naivste Frau weiß inzwischen, dass es für ihr Geschlecht drei entscheidende Karrierehindernisse gibt: 1. Die Möglichkeit, dass sie ein Kind bekommt. 2. Dass sie ein Kind bekommen hat. 3. Dass sie wegen eines Kindes für längere Zeit nicht mehr am Arbeitsplatz erscheint. Entsprechend handelt der Großteil unserer famosen Wirtschaft.
Also bleibt für die CSU nur das Betreuungsgeld als letztmögliche Brandmauer gegen die alles verderbende Kinder-Gleichmacherei. Die Mütter und Väter sollen „freiheitlich” entscheiden dürfen, ob sie ihre Kinder in eine Krippe geben oder sie zu Hause erziehen wollen. Und wer daheim erzieht, soll finanziell belohnt werden.
Parteichef Horst Seehofer will das bedingungslose Heimerziehungs-Grundgehalt mit ganzer Macht einführen. Verschiedentliche Zweifel hat er mit dem Satz gekontert: “Da wird kein Jota verändert.” Gut, allerdings wissen wir auch: Schon mehrfach in den letzten Jahren hat der Stellvertreter des bayerischen Löwen auf Erden laut gebrüllt. Doch wenn es ernst wurde, waren die Zähne immer weg. Also, schaumer mal.
Ein Buch macht immer klug. Wirklich?
Skeptische Beobachter der kulturellen Entwicklung in dieser Gesellschaft sind sich bei zwei Wahrheiten völlig einig: 1. Lesen bildet. 2. Internet macht doof. Während bedrucktes Papier immer auch geistig-moralischen Gewinn verspricht, gelten virtuelle Botschaften als wenig nahrhaftes Fastfood fürs Hirn.
Aber ist das wirklich so? Schauen wir auf die berühmte “Spiegel”-Bestsellerliste. Und dort steht zurzeit auf Platz 1 Daniela Katzenberger mit ihrem autobiographischen Lebenshilfe-Ratgeber “Sei schlau, stell dich dumm”. In der Kategorie Sachbuch, wohlgemerkt. Es ist also so, dass es für die vermeintliche Bildungselite dieses Landes an zuallererst an den Erfolgsrezepten einer ulkigen Platin-Blondine Interesse hat.
Sogar noch mehr als an den stets beliebten Anleitungen zum Glücklichsein, die – auf Rang 2 der Bestsellerliste – unser nerviger Frohsinns-Doktor Eckart von Hirschhausen verbreitet. Auf Platz 3 landet der Titel “Ist meine Hose noch bei Euch”. Eine Sammlung lustiger SMS-Nachrichten. Da erfährt man zum Beispiel dieses: “Er hat mir ne apfur gegeben. Bin besoffn.”
Wo, wo, wo, ist bloß das Niveau? Gut, bei den gebundenen Büchern sieht es besser aus. Dort lehrt uns auf Platz 1 unser neuer Bundespräsident Freiheit und Verantwortung. Gefolgt von einem Schmöker zum Thema “Kunst des klaren Denkens” und dem Buch “Jesus”, das sich allerdings nicht mit dem Leben und Wirken von Joachim Gauck befasst.
Doch auch hier lauert das Grauen: Gerade schießt Carsten Maschmeyer mit seiner Autobiographie “Selmade” in den Bestsellerlisten nach oben. Und hier interessiert doch niemand, welche genialen Schachzüge es gibt, um gierig gewordene Kleinsparer gewinnbringend auszunehmen. Wir wollen wissen, wie er Veronica Ferres herumgekriegt hat.
Fazit: Das Triviale macht uns Freude. Schund steht auch in jedem gut sortierten Bücherregal. Die Buchhandlung mag ein Ort der Erbauung sein – wirklich besser als das Internet ist sie nicht.
Wo kein Weib, ist immerhin noch Wein
Wenn das keine Verheißung war: „Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang“. Dies erklärte unser großer Reformator Martin Luther und machte so der katholischen Lustfeindlichkeit ein Ende. Vor allem aber vermittelte er damit das Bild, dass das alles zusammengehöre. Männliche Fruchtfliegen können da nur süß-sauer lächeln.
Aber zurück zum Motto: Der galante Wiener Walzerkönig Johann Strauß machte den Wahlspruch zum Titel eines seiner Werke. Damals war die Welt von Mann und Frau offenbar noch wohlgeordnet. Als aber ein gewisser Ian Dury 1977 seine Punk-Folk-Version unter dem Titel “Sex and Drugs and Rock´n Roll” herausbrachte, konnte man schon den Eindruck haben, dass alles zusammen schwer erreichbar sein könnte. Der Mann war einfach zu hässlich und hatte auch noch richtig schlechte Zähne.
Außerdem hatten Udo Jürgens mit “Griechischer Wein” und Peter Alexander mit “Die kleine Kneipe” schon 1974 und 1975 davon gesungen, dass Saufen auch mit anderen, ernsteren Themen zu tun haben könnte.
Das Thema “Ersatzbefriedigung” rückt seitdem mehr und mehr in den Blickpunkt der Gelehrten. Womit wir bei der Fruchtfliege wären. Forscher der University of California haben nämlich herausgefunden, dass sich männliche Fruchtfliegen mit Alkohol trösten, wenn sie keinen Sex bekommen. Sie hatten im Labor männliche Fliegen mit Weibchen zusammengebracht, die sich zuvor gepaart und folglich kein Interesse mehr an Sex hatten.
Die zurückgewiesenen Männchen hatten im Anschluss die Wahl zwischen normalem und Ethanol-haltigem Futter. Sie stürzten sich auf den Alkohol.
Nun versprechen sich die Forscher von ihrer Studie neue Erkenntnisse über das Suchtverhalten beim Menschen. Mit Verlaub: Ich mag daran nicht glauben. Dazu ist sie einfach zu unvollständig. So wurde den Fruchtfliegen als Alternative weder Halbmarathon, Harley-Davidson, Bundesliga-Dauerkarte noch eine Mitgliedschaft im Golfverein vorgeschlagen.
Und es fehlen Hinweise auf die geheimen Gelüste verschmähter Fruchtflieginnen. Unser singender Menschenkenner und -freund Udo Jürgens hatte dafür im Jahr 1976 eine Idee. Torte – “Aber bitte mit Sahne!”.
Dieter Bohlen, Retter der Sangesknaben
Sucht man nach Beweisen für die Gnadenlosigkeit unserer Gesellschaft, müssen wir in Bayern nicht weit schauen. Es sind unsere Schulen. Nirgends in der Republik bleiben so viele Kinder sitzen wie im Freistaat. Und nur ein Mann kann den Opfern dieses Systems Hoffnung machen: Dieter Bohlen, von Beruf Pop-Titan.
Das Ergebnis einer Bildungsstudie im Auftrag der einflussreichen Bertelsmann-Stiftung sieht für Bayern so aus: In keinem anderen Bundesland schaffen weniger Schüler das Abitur. Und nirgends sonst entscheidet die Herkunft stärker über die Schulkarriere als im Freistaat uns. Das sei schlecht, sagen die Bildungsforscher.
Leute, warum so wehleidig? Nach der festen Überzeugung der einflussreichsten CSU-Politiker(innen) wird das bayerische Abitur in mindestens 178 Staaten der Welt als wahrhaftige Krone des deutschen Bildungswesens bewundert und respektiert. Unser Rohstoff ist wahrhaftiger weiß-blauer Geist. Wer dagegen nur Stroh im Kopf hat, taugt eben nur als Knecht. Das ist eine Wahrheit.
Die andere Wahrheit ist, dass Mädchen in ganz Deutschland fleißiger und klüger sind. Sie räumen in den Schulen ab. Sie hängen die Jungs ab, so dass diese im Vergleich immer blasser wirken. Aufzuhalten ist diese Entwicklung nicht mehr.
Nur eine Institution stemmt sich seit Jahren erfolgreich gegen diesen Trend: Die RTL-Castingshow “Deutschland sucht den Superstar”. Hier werden alle Erkenntnisse der Bildungsforschung auf den Kopf gestellt. Mädchen, und seien sie noch so talentiert, will das Publikum nicht sehen. Das Herz des Publikums gehört Sangesbuben in lustigen Gewändern.
Die rettende Botschaft für männliche Schulversager lautet also: “Singt, wenn Ihr sonst nichts könnt”. Das hilft vielleicht sogar im gnadenlosen Freistaat Bayern.
Keine Sorge, die nackten Mädchen wandern nur
So, Haken dahinter: Der internationale Frauentag ist auch wieder geschafft. Jetzt noch amMuttertag Pralinen verschenken. Dann war’s dann wieder mit der Frauenfreundlichkeit, bis zum Valentinstag 2013. Man darf es mit der Gleichberechtigung nicht übertreiben. ZumGlück haben Aktionstage keine Folgen. Ach! Und was ist mit der Revolution bei “Bild”?
Da hat doch Deutschlands größte Boulevard-Zeitung tatsächlich von einem Frauentag auf den anderen das Seite-1-Mädchen abgeschafft. Dabei war doch die Kombination aus nackter Haut und neckischen Texten eines der wichtigsten Kauf- oder zumindest Hinguck-Argumente. Über 5000 Mal waren hüllenlose Schöne zu betrachten. Was haben sich die Herren der Redaktion (die Frauen hatten am 8. März frei) dabei bloß gedacht?
Vielleicht wollten sie beweisen, dass Frauenrechte auch durch Frauenversteher gewährleistet werden können. Wäre das so, könnte man sich die Debatte um Quoten für redaktionelles Führungspersonal sparen. Und kennen wir es nicht auch von Seminaren oder Unternehmensberatungen, dass die besten Ideen meistens “jemand von außen” hat?
Vielleicht plant “Bild” lediglich Brustvergrößerungen. Da auf der Titelseite wegen zurücktretender Bundespräsidenten, fistelstimmiger Castings-Stars, Helden des Sports und sonstigen Katastrophen immer drangvolle Enge herrscht, eröffnet das Verlegen des Nackig-Girls auf Seite 3 neue gestalterische Möglichkeiten. Man kann dann so ein schönes Strapsbild ja auch mal ganz groß bringen.
Vielleicht geht es aber nur ums Geld. Die Verkaufszahl der “Bild”-Zeitung im vierten Quartal ist von 2010 auf 2011 um 6,8 Prozent zurückgegangen. Glaubt man also, dass die Gelegenheitsgaffer zu zahlenden Kunden werden, wenn sie das Blatt am Kiosk in die Hand nehmen und umblättern müssen? (“Lesen verpflichtet zum Kauf”)
Denken wir in Ruhe drüber nach. Sicher dürfte aber sein, dass es sich bei der großen Frauenaktion um Heuchelei handelt. “Bild” ohne nackte Haut und ohne die Sex-Beichten von A- bis F-Promis ist für das breite Publikum so interessant wie ein Fußballspiel ohne Ball und Zalando ohne Schuhe.
Also Männer: Haken dahinter. Die Bild-Zeitung bleibt, wie und was sie ist. Und der nächste Internationale Frauentag kommt ganz bestimmt.
Glückwunsch an “unsere” First Lady

Daniela Schadt ist die neue First Lady.
Achtung, hier kommt Nürnberg! Jetzt, wo es so gut wie sicher ist, dass Joachim Gauck neuer Bundespräsident wird, steht es wohl auch fest, dass die neue First Lady aus unserer Stadt kommt. Ich gratuliere meiner Kollegin Daniela Schadt und wünsche ihr für die kommenden fünf Jahre viel Glück und vor allem gute Nerven.
Joachim Gauck ist seit zirka zwölf Jahren mit Daniela Schadt liiert. Bei der „Nürnberger Zeitung“ leitet sie das Ressort Innenpolitik. Zwar verfügt die 51-jährige einen hessischen Migrationshintergrund, hat aber längst bedeutende fränkische Eigenschaften angenommen.
Als da wären ein großer Fleiß sowie die Fähigkeit, widrige äußere Umstände bei Bedarf zu ignorieren. Vor allem aber auch ein feiner, hintersinniger Humor. Ich selber habe Daniela Schadt als offen, interessiert, schlau und richtig nett erlebt. Ihre unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen loben ihre Fähigkeit, herzlich zu lachen und heben ansonsten ihre Freude an klassischer Musik sowie ihren enormen Hunger auf Bücher hervor.
Sollte Joachim Gauck gewählt werden, wäre sie die erste „Präsidentengattin“ ohne Trauschein. Auch ansonsten dürfte sie lockerer auftreten als ihre Vorgängerin. Edle Kostümchen oder Fototermine mit Glamour-Bekanntschaften sind nicht so ihr Ding. Die Gesellschaftsreporter werden es bei ihr nicht so ganz leicht haben.
Schade ist aus hiesiger Sicht, dass Daniela Schadt ihren Job vermutlich aufgeben muss. Es ist ja schwer vorstellbar, dass die First Lady die deutsche Innenpolitik kommentiert. Sollte sie ihre Beziehung zum künftigen Präsidenten unkonventionell fortsetzen wollen, bliebe wohl bloß der Wechsel ins weitestgehend politikfreie Sportressort.
Vielleicht hieße es dann der Fußball-EM nicht mehr “Was sagt der Kaiser?”, sondern “Was denkt die First Lady?”. Eigentlich ist das gar kein dummer Plan…
Jetzt mehrt Euch! Oder es wird teuer

- Da ist er aber wieder mal in den Fettnapf getreten, der Bundestagsabgeordnete Wanderwitz, Marco. Für seine Idee, Kinderlose oder Einzelkinderzeuger zwecks Sicherung der Renten mit einer Demografie-Abgabe zu belegen, hat der CDU-Mann aus Chemnitz fast ausschließlich böse Kommentare geerntet. Angela Merkel hat das Projekt offiziell beerdigt. Endgültig muss das nicht sein.
Denn es gehört zu den Spielregeln der Politik, dass man ein Thema austestet. Da die Kanzlerin sowie ihre Kabinettskollegen - Ausnahme: Kristina Schröder - aus Respektsgründen auf allzu absurde öffentliche Vorschläge verzichten, werden Hinterbänkler nach vorne geschickt. Diese bringen als realpolitische Trüffelschweine revolutionäre Gedanken in die Diskussion. Und falls die öffentliche Reaktion nicht zu hundert Prozent vernichtend ausfällt, wird die Geschichte irgendwann erneut aus der Schublade geholt. Nach dem vierten Sturm der Entrüstung ist die Gesetzesreife erreicht.
In Sachen Demografie-Rücklage war Wanderwitz (drei Kinder) als Freund verrückter Ideen die Idealbesetzung. Von ihm stammte auch der Vorschlag, dass Griechenland seine Inseln verkaufen könnte, wenn es seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen könne. Ein weiterer Treppenwitz aus Chemnitz war die Idee, dicke oder fettleibige Menschen stärker zur Finanzierung der Krankenkassen heranzuziehen. Das gilt als erledigt, dürfte aber irgendwann wieder hochkommen.
Genauso wie die Kinderlosen-Steuer. Denn eigentlich ist es doch eine Ungeheuerlichkeit, wie sehr sich die junge Generation auf einen Gebärstreik verständigt hat. Milliardenbeträge sind in den vergangenen Jahren in die Finanzierung der Elternzeit gepumpt worden. Doch gereicht hat das nur für einen Geburtenanstieg von 0,05 pro Frau. Ungefähr.
Tja, und wenn das Zuckerbrot nichts bringt, greift man zur Peitsche. Dann gibt es eben keine Geschenke mehr, sondern gezielte Wohlstandsverringerung.
Aber wirklich motivieren wird das niemand. Beim Kinderkriegen geht es ja letztlich nicht ums Materielle, sondern um die Sehnsucht. Marco Wanderwitz sollte daran denken, dass in seiner Geburtsurkunde “Karl-Marx-Stadt” steht. Und da liegt die Lösung. Würde die Regierung ein Gesetz erlassen, wonach der Marx’sche Leitspruch “Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!” über allen Betten hängen muss – die Sorgen um unsere Zukunft wären schon nach wenigen Jahren nur noch ganz, ganz klein.
Wenn der Fußball Alzheimer hat…
Fußball regiert die Welt? Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen, aber der Einfluss des Spiels der elf Freunde auf die öffentliche Meinung ist schon beeindruckend. Kaum gibt der ehemalige Manager von Schalke 04, Rudi Assauer, bekannt, dass er an Alzheimer leidet, schon hat die Republik kaum ein anderes Thema.
In seinem Fall passt aber auch die Dramaturgie. Rudi Assauer war ein Kicker und später ein Sportmanager auf Testosteron. Im Jahr 1974 nannte man ihn den schönsten Fußballer Deutschlands. Als gesunder Mann war er einer der letzten authentischen Machos, der mit dicken Zigarren und einer zeitweise dramatischen Selbstüberschätzung in finanziellen Angelegenheiten seiner Leidenschaft für Fußball und schöne Frauen frönte.
Wie aber kann es gerade einen derartigen Kämpfer und Niederringer erwischen? Die Antwort: Es ist ganz normal. Auch ein Charles Bronson musste erfahren, dass es nicht vor Alzheimer schützt, wenn man massivstmöglich unter den Bösewichten aufgeräumt hat. Die ehemalige englische Premierministerin Maggie Thatcher kann sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern, wie sie die Argentinier von den Falklandinseln-Inseln vertrieben hat. Und der frühere US-Präsident Ronald Reagan konnte zwar die Berliner Mauer überwinden – gegen den Verfall im Kopf hat ihm das nicht geholfen.
Die Krankheit Alzheimer holt sich ihre Opfer wie es ihr gefällt. Sie nimmt auch die scheinbar Unverletzbaren nicht aus. Das mach sie zu einem großen, faszinierenden Thema. Und wenn der Fußball mithilft, müsste die Diskussion doch in Gang kommen. Wirklich? Nachdem sich Ex-Nationaltorhüter Robert Enke vor einen Zug geworfen hatte, war Depression in aller Munde. Das Schicksal von Trainer Ralf Ragnick führte dazu, dass sich Millionen von Menschen als Burnout-Patienten fühlten.
Doch die Nachrichtenflut hält an. Selbst der Fußball bringt nur noch selten nachhaltige Legenden hervor, wenn fast täglich ein neues Spiel im Fernsehen läuft. Das verbindet ihn mit Alzheimer. Alles wird schnell vergessen. Und schon bald heißt es: “Das nächste Schicksal bitte!”
Wir wollen alle anders sein
“Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst.” In der Rangliste der verlogensten Werbeversprechen stünde dieser Vorschlag für mich ganz oben. Ich kenne nämlich nur ganz wenige Menschen, die das überhaupt wollen. Die große Mehrheit verwendet eine ungeheuere Energie darauf, anders zu sein oder zu werden.
Wir leben in Zeiten der Castings und des Benchmarkings, also der vergleichenden Forschung. Und so finden wir uns fast alle zu dick. Das ist angesichts der fortschreitenden Fettleibigkeit unserer Gesellschaft nicht verwunderlich. Aber hilft dieses Problem letztlich nicht vor allem den Verfassern von Abnehm-Ratgebern und den Herstellern von Diät-Kost? Es mag ja sein, dass wir mal unter Schmerzen zehn oder zwanzig Kilo abspecken. Das Problem ist bloß, dass wir nach einem halben mindestens genauso viel wiegen wie vor unserer Kur. Anstatt Bücher und neue Regale zu kaufen, könnten wir also gleich ein paar Flaschen Wein aufmachen.
Das mit den Haaren ist auch so ein Problem. Wir möchten sie auf dem Kopf sehr zahlreich und dicht haben, auf dem Körper aber weniger. Leider ist das vor allem bei Männern im fortgeschrittenen Alter meistens umgekehrt. Da wachsen neue Haare im Kopfbereich nur noch aus den Ohren. Also wird transplantiert, rasiert und epiliert was das Zeug hält.
Wer aber glaubt, das schöne dünne Menschen keine Probleme hätten, sieht sich auch getäuscht. Das zarte Frauenwesen gilt erst dann als wirklich sexy, wenn es die Brüste einer sizilianischen Pastaköchin hat. Und schon klingeln bei den Silikonschnipplern im Arztkittel die Kassen gar wunderbar.
Wir wären zufriedener und reicher, wenn wir einsehen würden, dass nicht einmal wir in jeder Hinsicht perfekt sein können. Aber das werden wir nicht schaffen, zumal das Erreichen jeden Zieles den Hunger auf ein neues Ziel weckt. Unter den gegenwärtigen Anforderungen unserer Gesellschaft wird am Ende der brasilianische Arzt und Nobelpreisträger Dr. Drauzio Varella richtig liegen.
Er hat so in die Zukunft geschaut: “In der heutigen Welt wird fünfmal mehr in Medikamente für die männliche Potenz und Silikon für Frauen investiert als für die Heilung von Alzheimerpatienten. Daraus folgernd haben wir in ein paar Jahren alte Frauen mit grossen Titten und alte Männer mit hartem Penis, aber keiner von denen kann sich daran erinnern wozu das gut ist.”
Von Döner-Morden, Herdprämien und Peanuts
Erinnern Sie sich? Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Geholfen hat es nichts bis wenig. Aber es macht uns klar, dass Jury-Entscheidungen mitunter seltsam sind. Das Preisgericht für das „Unwort des Jahres“ hat allerdings hervorragende Arbeit geleistet. „Döner-Morde“ sind wahrhaftig ein ekliger Begriff.
Schlimm ist der Rassismus, der hier mitschwingt. Türkinnen und Türken werden mit einem bestimmten Essen identifiziert, das bei uns zudem deutlich häufiger verkauft und gegessen wird, als in deren Heimat. Man muss sich fragen: Hätte jemand „Spagehtti-Morde“ gesagt, wenn die Neonazis Italiener erschossen hätten? Wäre nach einer Anschlagsserie in Nürnberg der Begriff „Lebkuchen-Morde“ denkbar? Würde man sich in München um die Aufklärung der „Weißwurst-Morde“ bemühen? Sicher nicht, der Respekt vor den Opfern wäre zu groß. Gut, dass die Jury daran erinnert.
Aber was ist aus früheren Unwörtern geworden? Werden sie noch benutzt oder sind sie verschwunden? „Alternativlos“ wurde 2011 gewählt. Angela Merkels Politik funktioniert noch immer so. Aber sie erklärt sie heute anders.
Die Schmähung „Betriebsratsverseucht“ aus dem Jahr 2009 ist zwar nicht aus allen Querköpfen, dafür aber aus dem Sprachgebrauch verschwunden, während uns „Notleidende Banken“ (2008) als angebliche Tatsache noch länger begleiten werden. Die „Herdprämie“ aus dem Jahr 2007 ist als Begriff zu Recht geächtet. Konservative Politiker verfolgen den Plan aber weiter.
Und wie steht es um ältere Unwörter? 1991 wurde „Ausländerfrei“ gewählt. Das dazugehörige Denken ist bei den entsprechenden Fanatikern auf jeden Fall da, wir werden es bald auch auf irgendwelchen Wahlplakaten lesen. Auch für „Ethnische Säuberung“ oder „Überfremdung“ – die Unwörter von 1992 und 1993, gibt es immer Aussender und Publikum. Das “Sozialverträgliche Frühableben” aus dem Jahr 1998 wird uns in einer netteren Formulierung noch begegnen, wenn wir darüber diskutieren müssen, welche lebenserhaltende Therapien für welche Kranken wirtschaftlich zu rechtfertigen sind.
Ein Star unter den Unwörtern ist für mich aber „Peanuts“. Der Begriff, mit dem 1994 der Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper die 50 Millionen-Mark Schaden abtat, der Handwerkern durch Immobilien-Pleitier Jürgen Schneider zugefügt worden war. Aus Erdnüssen wurden lästige Kleinigkeiten. Und jeder meint das, wenn er “Peanuts” sagt. Wir gratulieren!
Ein DJ braucht saubere Finger und…
Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen
Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.
Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen.
Wir haben also wieder Lust auf den Opa, der uns im Lehnstuhl sitzend die Welt erklärt. US-Präsident Barack Obama, der mit 64 Prozent den vierten Umfrage-Platz erreicht, ist in diesem Sinne ein echter Ausreißer. Während der Fünfplatzierte, Günther Jauch, mit 55 Jahren unverschämt jung ist, aber eben auch Unmengen sinnlosen Wissens unter die Menschen streut.
Der Trend zur Erfahrung zeigt sich auch beim ersten Fußball-Star unter den Vorbildern. Nicht Gomez oder Götze liegen vorne, sondern Bundestrainer Joachim Löw. Mit 54 Prozent rangiert er drei Punkte vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Papst Benedikt XVI., der in seinem schonungslosen Kampf gegen die Überbevölkerung die Homosexuellen zur Bedrohung für die Welt erklärt hat, rangiert mit 32 Prozent schon deutlich dahinter. Und erst dann folgt unser eigentliches hauptamtliches Vorbild, Christian Wulff. Nur jede/r Fünfte erklärt ihn um Idol.
Das ist dramatisch schlecht, aber wir wollen gerne annehmen, dass Guido Westerwelle und Herr Achmedinedschad aus Teheran noch schlechter dastehen. In unserer schnelllebigen Zeit wird man eben leicht mal unpopulär.
Eine Frage aber bleibt: Wo sind unsere vorbildlichen Frauen? gut, Inge Meysel und Heidi Kabel sind tot. Aber was ist mit unserer Familienministerin? Ach so, Kristina Schröder ist zu jung. Stimmt, doch Hoffnung ist da. 93 wird sie im Jahr 2070. Bis dahin, ganz sicher, ist sie eine richtig gute Politikerin.
Reiche in Not – Arme früh tot
Ich schreib jetzt einfach mal, was ziemlich viele denken: Eure Armut kotzt mich an! Seit dem Abschied von Sabine Christiansen sind die Reichen aus den Talkshows verschwunden. Nur einige viel zu junge FDP-”Politiker” halten das Fähnchen unserer Leistungselite hoch. Ansonsten gibt es nur noch ein bisschen Rettungsschirm, tonnenweise Ungerechtigkeit sowie Not, Not, Not und nochmals Not.
Leute, begrift doch: Reiche Menschen haben es schwer. Sie haben etwas zu verlieren. Sie werden vom Staat geschröpft. Brutalstmöglich, nachdem sie ihr Luxusauto und die selbstverständlich für das Büro angeschafften teuren Skulpturen von der Steuer abgesetzt haben. Nachdem sie nachweisen konnten, dass sie beim Restaurantbesuch mit der hübschen Sekretärin auch einen Geschäftsfreund getroffen und im Rotlichtviertel von Rio de Janeiro eine umfangreiche Markterkundung vorgenommen haben.
Das alles kommt erst mal weg – aber was dann zu zahlen ist, ist immer noch viel zu viel. Man sagt nicht umsonst, das man Steuern “abführt”. Diese Gesetze sind doch fürs Klo.
Dagegen die Armen. Schon Jesus hat sie als die eigentlich Glückseligen beschrieben. Leben von Luft und Liebe. Gut, sie rauchen mehr als unsereins. Was bedeutet, dass sie die asozialste Steuer dieser Republik berappen, die Tabaksteuer. 4,90 € kostet die Schachtel. 3,58 € kriegt der Staat. Macht zusammen 13,5 Milliarden.
Aber dafür sterben die Armen auch früher. Sagt eine neue Statistik. Ihnen bleibt es also erspart, in einem sündhaft teuren Wohnstift dement dem Ende entgegen zu dämmern. Sie haben kein schlechtes Gewissen, weil sie ihr Rentenwegfallalter (veritabler Fachbegriff) viel zu spät erreichen.
Ja, wir sollten den kapitalschwachen Menschen für alles danken, was sie für diese Gesellschaft leisten. Dazugehören will ich aber nicht. Sag ich mal, sozial schwach wie ich bin.

CSU-Party? Seehofer braucht High Heels
Nach Auskunft von Teilnehmern soll die Party ganz nett gewesen sein. Der erwartete riesige Ansturm sowie die Rache der am Einlass Enttäuschten ist ausgeblieben. Die Zahl der Medienvertretert war groß, alles lief in ruhigen Bahnen. Also alles in Butter?
Finde ich nicht. Es gab immer wieder mal Diskussionen über die Frage, ob Parteienwerbung durch öffentliche Gelder finanziert werden darf. Die CSU hat mit ihrer flapsigen Einladung das Versprechen auf ein riesiges Chaos ausgelöst. Belohnt wurde sie mit einem überragenden Medienecho. Der Polizeieinsatz zur Absicherung der Veranstaltung wiederum geht auf Kosten der Steuerzahler. Die Partei zahlte ihren Gästen gerade mal ein Freigetränk.
Ausgeprägte Volks- oder Zielgruppennähe hat die CSU eh nicht bewiesen. Um Horst Seehofer nahe zu sein, musste die Jugend der Welt laut Medienberichten zehn Sicherheitsschleusen passieren. Als Veranstaltungsort wurde eine Nobeldisco ausgewählt, wie sie auch einem Sarkozy gefallen hätte. Schließlich: Jede Salsa- oder High-Heels-Party in einer mittelfränkischen Großdisco lockt mehr Besucher an als die CSU-Facebook-Sause. Schöne Schuhe hätten vielleicht was gebracht.
Der Erfolg bestand letztlich in der öffentlichen Wahrnehmung. Weil man dachte, dass an diesem Abend Dinge zusammenwachsen könnten, die eigentlich nicht zusammengehören. Wahrscheinlich nehmen sich andere Institutionen bald ein Beispiel. Die FDP-Facebook-Party bei der Heilsarmee ist nur noch eine Frage der Zeit.