Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…

 

 

 

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Der Bienenfreund lässt sauber stechen

Er rettet Bienen und lässt nun auch sauber stechen. CSU-Bundesminister Christian Schmidt hat eigentlich eine schöne Aufgabe: Er schlägt Brücken zwischen den Produzenten von Nahrungsmitteln und den Konsumenten. Er hilft Verbrauchern gegen allerlei Ungemach. Er könnte glücklich sein.  Wenn nicht die Krisen dieser Welt wären.

Früher war Landwirtschaftsminister ein Traumjob. Die Amtsinhaber waren echte Mannsbilder, sie trugen knorrige Namen wie Hermann Höcherl, Josef Ertl oder Ignaz Kiechle. Im Idealfall hatten sie selber ein paar Stück Schwarzbunte im Kuhstall und wurden – trotz Butterbergen und anderen Problemen – von ihren traktorfahrenden Untertanen verehrt und von den Landfrauen geliebt.

Aber die Zeiten ändern sich. Spätestens mit der  feministischen Landwirtschaftsministerin Renate Künast ab 2001 wurde klar, dass Ackerbau und Viehzucht nicht mehr der alleinige Arbeitsschwerpunkt sein würden. Auch die Stadtbevölkerung wollte politisch beglückt werden.

Tja, und seit über zwei Jahren mäandert Christian Schmidt mit oft seltsamen Kurven durch sein Amt. Nach Einschätzung aller Experten ist er ein kluger Außenpolitiker, muss aber durch öffentliches Zubeißen deutlich machen, dass der regelmäßige Genuss deutscher Äpfel den Ukraine-Eroberer Putin in die Enge treiben kann. Er unterhält sich mit Schulkindern über das Leben und Wirken von Bienen, unterstützt die grenzübergreifende Tierseuchenbekämpfung in Israel und setzt Wegmarken gegen die betäubungslose Ferkelkastration.

Doch nun hat Schmidt ein Hardcore-Thema gefunden: Er sorgt sich um die Sicherheit von Tattoos. Diese dürften kein Alptraum werden, sagt der Minister und warnt deshalb davor, sich ein solches Kunstwerk als Urlaubssouvenir in irgendeiner windschiefen Strandbude stechen zu lassen.

Kritische Geister werden nun sagen, dass es den Staat überhaupt nichts angeht, wie und womit jemand seinen Körper verunstalten lässt. Schnitzel aus Massentierhaltung und Bier aus Industrieproduktion sind ja auch erlaubt.

Stimmt, doch dieser Mann ist endlich in der Spur. Er schlägt die Brücke und weiß: Milch von tätowierten Kühen wird in der Szene das Produkt des Jahres. Die Preise werden steigen, die Absatzmengen werden größer, die Krise wird kleiner. Und wenn nicht? Dann stechen wenigstens die Bienen. Auf sie kann man sich verlassen.

Das Ladekabel, unsere Nabelschnur zur Welt

Die Biologie hat vorgesehen, dass wir uns mit der Geburt von unserer Mutter abnabeln. Wir werden hineingeworfen in ein Leben, in dem wir fortan zusehen müssen, dass wir das Beste daraus machen. Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Es gibt eine für unser Überleben notwendige Schnur:  das Ladekabel.

Es hat Zeiten gegeben, in denen uns Steckdosen egal waren. Sie waren da, wurden in unserer rebellischen Jutetaschen-Phase aber als hässliches Symbol für die Macht der Atomkonzerne angesehen. Ob unser Ausflugsziel, das alte Landgasthaus im Wald, über Stromanschluss verfügt hat, hat uns nicht interessiert. Hauptsache, die Bratwürste waren knusprig und das Bier hat geschäumt.

Wer heute ein Wirtshaus betritt, scannt zunächst den Raum, blickt um sich und schaut unter die Tische. Gilt es doch, jenen Platz zu finden, der einer Steckdose am nächsten ist. Wir brauchen den Strom, da wir auf alle Fragen, die sich am Biertisch ergeben, schnellstmöglich die richtigen Antworten liefern wollen. Wenn wir uns während eines Einkaufsbummels vom Barista einen kunstvoll sahnegekrönten Cappucino zubereiten lassen, tun wir das vielleicht nur, weil wir unser Smartphone nachladen wollen. Schließlich müssen wir checken, ob es das karierte Kaufhaus-Hemd beim Onlineversand nicht doch günstiger gibt.

Das Ladekabel ist also segensreich. Es verbindet uns mit anderen, gibt unserer Kommunikation Sinn und Verstand und legt Wucherern im Einzelhandel das Handwerk.

Aber das Ladekabel kann auch ein Fluch sein. Wenn wir es verlegt oder irgendwo vergessen haben, ist der Stress riesengroß. Wir hadern mit der Welt, die nicht mehr mit uns sein will. Das macht uns zornig.

Zwei Prozesse vor dem Nürnberger Landgericht haben dies in den letzten Wochen bewiesen. In beiden Fällen hatten Menschen eine Nacht lang miteinander gesoffen. Am nächsten Tag stellten die jeweiligen Gäste fest, dass sie ihre Ladekabel vergessen hatten. Sie kehrten zurück zum Ort der Partys und erkannten, inzwischen im nüchternen Zustand, dass die trinkfesten Kumpels der letzten Nacht in Wirklichkeit Deppen sind, die eine Abreibung verdient haben Es kam zu eigentlich grundlosen Tätlichkeiten, ein Beteiligter wurde fast totgeprügelt.

Was lernen wir daraus? Moderne Menschen brauchen ihr Ladekabel. Aber manchmal sollten wir darauf verzichten. Die Welt dreht sich auch ohne unsere Nabelschnur – und manchmal ist das sehr schön so. Ein Picknick am See könnte ein guter Versuch sein…

Lieber dick und dünn als bloß normal

Manchmal steckt Trost in der vermeintlich schlechten Nachricht. Gerade hat das Internationale Institut für Ernährungspolitik besorgt festgestellt, dass enorm viele Menschen weltweit entweder zu dünn oder zu dick sind. Seine für gesunde Essensgewohnheiten zuständigen Forscher zeigten ihr Unverständnis über die auch hier erlebbare Unvernunft unserer Spezies. Allerdings: Wenn Anderssein normal ist – dann ist das doch wunderbar.

44 Prozent aller Länder wichen, so das Institut, demnach in einem „sehr ernsten Maß“ von der Norm ab. Es gebe entweder starkes Untergewicht in den Mangelgebieten Asiens oder Afrikas. Oder aber dramatische Fettleibigkeit in reichen Gebieten wie den USA. Auch in Mitteleuropa sei eher mit Gicht und Diabetes denn mit Hunger zu rechnen. Es werde jedenfalls zu früh gestorben. Und auch die globale Wirtschaftsleistung könnte deutlich höher sein, wenn sich Menschen mit gutem Essen schlank hielten.

An dieser Stelle dürfen wir festhalten: Wenn es darum geht, ob uns ein Schnitzel oder ein gemischter Salat besser schmeckt, dürfen uns die famosen Weltkonzerne getrost im Mondschein besuchen. Jedenfalls sollte es uns nicht interessieren, ob Volkswagen das Design seiner Autositze ertragstechnisch optimieren könnte, wenn alle Menschen gleich gebaut wären.

Auch ist ein hohes Alters für sich betrachtet kein absolutes Ziel für alle Menschen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und wer sich dafür entscheidet, dass das ein bisschen unvernünftiger, dafür aber intensiver verläuft, sollte dies tun dürfen. Wer seine Zeitung auch als Hundertjähriger noch täglich lesen möchte, soll darauf genauso hinarbeiten können.

Jedenfalls sollten wir festhalten, dass ein Abweichen von der Norm keine Bedrohung ist. Es ist unsere Freiheit – und manchmal sogar eine Verheißung. In diesem Sinne: Ran ans Müsli. Oder an den Speck.

 

 

Was auch passiert: Die Brust muss schön sein

Sind wir besorgt? Gestresst? Genervt? Macht nichts. Im Zweifel gilt in dieser Gesellschaft die aus Berlin überlieferte Devise: Seien wir arm, aber sexy.

Tatsächlich ist die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland nach Daten der wichtigsten einschlägigen Ärzteverbände 2015 um rund neun Prozent gestiegen. Die Vereinigungen mit den optisch recht hässlichen Abkürzungen  VDÄPC und DGCÄP haben 43.287 ästhetisch-plastische Eingriffe gemeldet, 3500 mehr als ein Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Schönheitsoperationen wird auf etwa das Doppelte geschätzt. Was läuft da ab?

Zunächst folgt das Geschäft mit dem Ästhetik-Schnippeln einem ansonsten überwundenen Geschlechter-Schema. Der Männeranteil bei den Patienten liegt bei zwölf Prozent. Um die Brust geht es dabei sehr oft. Häufigster Eingriff bei den Frauen war die Brustvergößerung, bei Männern die Brustverkleinerung. Würde die Gesellschaft akzeptieren, dass nicht jedes Dirndl ausgefüllt werden muss, dass aber die Östrogene im Bier dafür sorgen, dass Männer die größeren Büstenhalter brauchen – alles wäre in Butter.

Auch das Oberlid ist so ein Reiz-Thema. Würden wir ertragen lernen, dass wir – ganz altersgemäß – immer ein bisschen müde, dafür aber listig aussehen, wären wir ein paar Sorgen und die Chirurgen ihr zweitbeste Einnahmequelle los. Aber stattdessen wird gestrafft, was die Haut hergibt.

Tja, Schönheit, oder das, was manche dafür halten, befördert die Karriere. Sie lässt uns hoffen, dass Tod und Verderben besiegt werden können, weil uns der Sensenmann als viel zu jung anschaut.

Deshalb werden die Skalpelle der Chirurgen in Zukunft noch mehr glühen. Aber vielleicht denken wir bei alldem zu kurz. Ohne die Reparaturkosten für unser Äußeres hätten wir uns viele andere schöne Dinge leisten können. So aber schieben wir unsere Rollatoren mit vollen Lippen, straffen Brüsten und angelegten Ohren. Die Erotik der Gehilfe wird neu definiert. Aber sexy ist das eher nicht.

Zigaretten-Ekel: Nehmt Spinnen und Minarette

Die Hand wird gierig ausgestreckt. Doch plötzlich bildet sich eine Gänsehaut, Schweiß bricht aus und der Finger verkrampft sich rettungslos. Denn auf dem Objekt der Begierde prangt Ekelhaftes. Mit Schockfotos möchte die EU-Kommission Raucher/-innen von ihrer Tabaksucht wegbekommen. Die Aktion ist gut gemeint, aber viel zu phantasielos.

Geschwüre, verfaulende Gliedmaßen oder schwarzbraune Zähne sind bestimmt nicht appetitlich. Aber im Grunde weiß jeder Raucher, was ihm irgendwann blüht. Er wird beim Einkauf die Augen schließen und die Zigaretten ganz schnell in das schicke Lederetui stecken, das ihm andere Stammgäste seiner Qualmer-Ecke zum Geburtstag geschenkt haben. Wahre Zyniker werden sogar gerne zugreifen und sich darüber freuen, dass diese Sammelfotos eine Gratis-Dreingabe zum Produkt sind. Panini-Bildchen kosten ja.

Trotzdem: Die Sache ist zu kurz gedacht. Wenn es wirklich darum ginge, die Menschen vom Glimmstängel wegzubringen, müsste man die häufigsten Phobien ansprechen. Spinnenbilder etwa wären mit Sicherheit ein Umsatzkiller erster Ordnung. Auch Fliegen stoßen ab. Und wenn schon der Hinweis auf Zahnfäule, dann sollte man nicht die hässlichen Beißer, sondern einen sadistisch grinsenden Zahnarzt mit funkelndem Großbohrer zeigen.

Auch gezieltes Vorgehen lohnt sich. Würden der Inhalt der Zigarettenautomaten am Nürnberger Stadion mit Fotos von Franck Ribery oder Uli Hoeneß bestückt, wäre das mindestens so wirkungsvoll wie die Tofuwürfel-Marlboro neben dem fränkischen Brauereigasthof. Neben Bioläden wiederum müssten Schweinskopfsülzen-Fluppen, neben CSU-Geschäftsstellen Merkel-Ziggis und neben AfD-Büros Minarett-Sargnägel offeriert werden.

Die Abscheu wäre groß. Aber lassen wir das. Sonst kommt die EU noch auf die Idee, Porträts von Alexander Dobrindt auf die Motorhauben neuer Autos sprühen zu lassen. Und das wäre wirklich zuviel des Grauens. Wir bitten um Milde.

 

 

 

Im Atem steckt Begeisterung

Schön und pur ist die hohe Wissenschaft immer dann, wenn sie sich daran macht, scheinbar zweckfrei die letzten Geheimnisse unseres Daseins zu entschlüsseln. Genau so, wie dies gerade Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universi­tät in Mainz tun: Sie behaupten, an der Zusammensetzung der Abluft von Kinos feststellen zu können, wie das Publikum einen Film findet.

Zunächst fragt man sich: Was soll das, woran erinnert uns das? Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, sollte man am besten Wissenschaftler sein. Dann weiß man, dass das Forschen auch dann Sinn hat, wenn es ohne Ziel geschieht. Es gibt viele Erfindungen, deren Nutzen sich erst dann gezeigt hat, als sie bereits gemacht waren. Teflon wurde für die Raumfahrt erforscht. In den daraus gemachten Pfannen brutzeln heute die schönsten Schnitzel dieser Welt.

Teil zwei der Frage führt uns direkt zu einer inzwischen weithin vergessenen Fernsehshow: Willkommen bei „Wetten, dass…?“.  Wir denken an zahllose abstruse Prüfungen.  Emotionsnachweis via Abluft ist kaum anders als das Erkennen von Buntstift-Farben am Geschmack.

Unsere Kino-Forscher jedenfalls betrachten die mit Hilfe eines Massenspektrometers gemessenen Werte als eindeutig. Man könne sicher darauf schließen, ob Komik, Dialog oder Kampf gezeigt wurden. Besonders klar sei, so die Mundgeruchs-Analytiker, die chemische Signatur der „Tribute von Panem“ gewesen. Menschen atmeten mehr als 800 chemische Verbindungen in winzigen Mengen aus. Diese könnten sichtbar gemacht wer­den. Der­zeit werden die Daten von „Star Wars“ ausgewertet.

Die Werbeindustrie nimmt diese Chance, die Menschen auszuforschen, gewiss dankbar entgegen. Wir fragen allerdings, wie es zu werten ist, wenn Zuschauer aus Langeweile wegdösen. Etwa während eines Beitrages aus der Reihe „Bayern München kämpft um die Deutsche Meisterschaft.“

Und uns fehlt Klarheit hinsichtlich der Frage, ob die Art der Gastronomie an den Zugängen zum Kino Einfluss auf die Abluft-Analyse hat. Vielleicht war es kein Vampir-Film. Es war der Döner-Stand.

Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Die Welt wird fett. Und wo ist das Problem?

Zu Hilfe: Die Welt wird fett. Wie eine aktuelle Studie ergeben hat, tragen 13 Prozent der erwachsenen Menschen deutlich zu viel Fett mit sich herum. Und dieser Anteil werde weiter steigen. Bis 2025 auf 20 Prozent. Fragt sich bloß: Ist das so ein großes Problem?

Die von internationalen Forscher mittels Daten von 19 Millionen Menschen aus 186 Ländern getroffenen Erkenntnisse haben schließlich eine sehr erfreuliche Kehrseite. Trotz eines stetigen Bevölkerungswachstum ist der Hunger in der Welt zurückgegangen. Vor 40 Jahren gab es noch zwei Mal so viele Untergewichtige wie Fettleibige. Die Not damals war, so darf man annehmen, insgesamt größer.

Natürlich: Es geht auch um Ausbeutung und um die Macht der Konzerne. Industriell erzeugte Lebens- und Genussmittel können in größeren Mengen zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. So landet reichlich geschmackloser Schrott auf den Tellern. Die westliche Industrie verfügt jedoch über ein großes Repertoire an Zusatzstoffen, die zumindest den Schein des Besonderen zu vermitteln mögen. Und die im Idealfall ein bisschen süchtig machen. Zudem darf davon ausgegangen werden, dass sich das Wissen um die Sinnlosigkeit des Rauchens weltweit verbreiten wird. Gut, wenn dann Ersatz-Genüsse da sind.

Zumal dicke Menschen viele Vorteile haben. Wer die Humorlosigkeit von Menschen an Fitnessgeräten die üblichen Atmosphäre bei Wein- oder Landbierverkostungen gegenüberstellt, wird seine bessere Wahl leicht treffen. Fettleibige Menschen schaffen mehr Werte. Vom Verkauf von Laufschuhen kann unsere Wirtschaft nicht leben. Frauenzeitschriften sind ohne Übergewicht schlicht undenkbar. Schließlich: Dicke sind friedlicher. Wer nicht durch die Luke passt, fährt keinen Panzer.

Aber die Lebenserwartung! Hier nähert sich unsere Betrachtung endgültig der Philosophie. Muss es zwingendes Ziel eines sterblichen Wesens sein, so alt wie möglich zu werden? Sterben wahre Helden nicht immer früher? So trauen wir der früh gestorbenen Rock-Legende Lenny Kilmister von Motörhead ohne Weiteres zu, dass er islamistischen Selbstmordattentätern sämtliche paradiesischen Jungfrauen wegschnappt. Welchen himmlischen Job stellen wir uns für Johannes Heesters vor?

Aus alldem ergibt sich ein Punktsieg für die Fettleibigkeit. Bei dem nur die Sorge einer apokalyptischen Katastrophe bleibt, bei der die vielen Milliarden Menschen so schwer geworden sind, dass die Erde so weit aus ihrer Umlaufbahn gedrückt wird, so dass uns ein ewiger Winter kollektiv erfrieren lässt. Aber solche Theorien existieren nur im unmittelbaren Umfeld vegan-marathonischer Sekten. Muss man nicht ernster nehmen als Weisheiten von Donald Trump. Alsdenn: Guten Appetit.