Unsere Helden: Loddar, Boris und die Ossis

Nein, dies ist kein Land für Helden. Anderswo werden Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den Himmel gehoben, ihnen werden Denkmäler gesetzt. Bei uns jedoch ist das anders: Mag einer noch so berühmt sein – wir nörgeln.

Nehmen wir Cristiano Ronaldo. Dieser Fußballer ist ganz gewiss überragend talentiert. Deshalb ist er auch zurecht Weltfußballer. Auf seiner Heimatinsel Madeira steht er als Bronzestatue vor einem nach ihm benannten Museum als Bronzestatue.

Auch wir hatten einen Weltfußballer. Das war vor 25 Jahren. Und er hieß, richtig: Lothar Matthäus. Wahre Freunde des Sports bekommen feuchte Augen, wenn sie an seine unglaubliche 1990-er WM-Gala gegen Jugoslawien zurückdenken. Aber nicht einmal in Nürnberg, das mit einer Büste einer renitenten Marktfrau gedenkt und seinen Flughafen nach einem Kunstmaler mit Jesus-Frisur namens Dürer benennt, kämen sie auf die Idee, ihrem „Loddar“ ein Monument zu errichten.

Nicht mal den „Glubb“ darf er trainieren. Und das nur wegen ein paar verkorkster Weibergeschichten mit zu jungen Frauen und einer Reihe von oettingeresken Interviews auf Englisch. Er war der Beste und gilt heute als Heini.

Ein Schicksal, das er mit einem anderen famosen Ballkünstler teilt, nämlich Boris Becker. Dieser hat, blutjung,  vor 30 Jahren die Becker-Rolle auf den Rasen von Wimbledon gezaubert. Viele Jahre lang fegte er jeden weg, der da stand und auf seine Bum-Bum-Aufschläge wartete. Und dann: Probleme mit Geld, Weibern und blöden Auftritten in blöden Fernsehshows. Auch er: Held im Ausland – Depp bei uns.

Der Heldenstatus gebührt aber noch einer großen, schwer verkannten Gruppe unserer Bevölkerung: den Ossis. Während wir im Westen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren ein bisschen Soli bezahlen und ansonsten einfach weitermachen konnten, wurden den Ostdeutschen enorme Veränderungen abverlangt. Eine freie Wirtschaft ist ja nicht für jeden so schön, wie man denkt, wenn man sie nicht hat.

Eigentlich hätten auch sie ein Denkmal verdient. Dass sie uns als Angela Merkel und Joachimg Gauck umfassend regieren und repräsentieren, stimmt natürlich. Unterschätzt sind sie also auch. Einen Helden wie Ronaldo hingegen kann man gar nicht stark genug überschätzen. Vielleicht ist es das.

Alles neu, oder: Die Liebe der Veganer zur Wurst

Kennen Sie Ferran Adriá? Es handelt sich um den spanischen Koch, der vor gut 20 Jahren damit begonnen hat, Lebensmittel in ungewohnten bis verrückten Erscheinungsformen zu präsentieren. Seine so genannte Molekularküche hat Köche weltweit beeinflusst. Inzwischen hat die Kunst  des kulinarischen Sphärisierens die Luxuszone verlassen und den Markt der Normalsterblichen erreicht.

Zurzeit kommen zwei Zeiterscheinungen zusammen. Im Sommer wird gegrillt. Doch wir leben auch in einer Epoche des gewachsenen Ernährungsbewusstseins sowie der christlich-buddhistischen Sanftheit. Töten ist böse. Also werden wir Vegetarier. Oder noch mehr.

Wo es bisher den Aufruf zur vergnügten Nackensteak- und Sparerib-Party gegeben hat, kommt jetzt die Einladung zum “veganen Weißwurstfrühstück”. Das macht stutzig. Bedeutet das, dass man in dieser Runde die Würste nur anschauen, aber nicht essen darf. Oder sind diese Würste ohne tierisches Eiweiß gemacht? Und tatsächlich: Pflanzliche Grillwurst ist im Kommen, das entsprechende Soja-Produkt eines niedersächsischen Großschlächters hat gerade bei einem Geschmackstest gut abgeschnitten.

Bloß: Wozu die Mühe. Warum ist es für Veganer, die ja tierische Produkte ablehnend, eine Wurst verlockend? Weil unbearbeitetes Tofu wie Quallenrotz aussieht?

Man rätselt, und fragt sich, was passieren würde, wenn querdenkende Veganer und Vegetarier entdecken sollten, dass Fleischgenuss das Non-Plus-Ultra ist. Wird es dann das Wiener Schnitzel als Nachbildung einer Aubergine serviert, wird die Schweinshaxe vor dem Verkauf in einen Blumenkohl verwandelt? Glättet und färbt Ikea seine Kötbullar und legt sie als Tomaten an die Theke?

Niemand weiß das. Sicher ist bloß, dass wir, was das Essen angeht, noch viele Überraschungen erleben werden. Wissen heute die Kinder, dass Kühe lila sind, werden sie in zehn Jahren sehnsuchtsvoll in die Baumkronen schauen, weil sie dort Fischstäbchen vermuten. Wie Essen aussieht – das wird wurst. Ferran Adriá wäre glücklich. Ganz bestimmt.

 

Alles auf eine Karte? Nein, der freie Mensch zahlt bar

Die Botschaft ist klar: Es muss Schluss sein mit dem Geklimper. Es muss aufhören, dass die Suche nach ein paar Cents für Staus an der Supermarkt-Kasse sorgt. Bargeld hat ausgedient. Die Zukunft gehört dem E-Geld.

So stellt sich das Professor Peter Bofinger vor. Der so bezeichnete “Wirtschaftsweise” sieht im kompletten Umstellen auf Geldkarten aller Art ausschließlich Vorteile. Neben der gewonnen Zeit beim Einkaufen sieht er segensreiche Entwicklungen für die Gesellschaft kommen. Ohne Bargeld würden Schwarzarbeit und Drogenhandel die Basis entzogen.

Ich sehe vor allem folgendenVorteil: Die größere Haltbarkeit der durchschnittlichen Herrenhose. Wer keine Handtasche mit sich herumträgt, wie es bei Männern üblicherweise (noch) der Fall ist, steckt seine Geldbörse in die Gesäßtasche. Das wird immer problematischer. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Mitgliedskarten und andere Produkte aus viereckigem Plastik brauchen viel Platz. Sie werden auch immer mehr.

Gleichzeitig gibt es Bares. Und wer schon einmal einen U-Bahn-Einzelfahrschein mit einem 20-Euro-Schein gekauft hat, wird das zusätzliche Kleingeld kaum noch unterbringen können. Beim Sitzen auf dem taschenbuchdicken Geldbeutel drohen Haltungsschäden. Vor allem aber geht die Hose schneller kaputt.

Klarer Vorteil also für Plastik. Aber sonst? Zunächst darf man annehmen, dass sich die konkrete Erfahrung eines Wirtschaftsweisen mit Einkäufen im Supermarkt in Grenzen hält. Männer dieser Kategorie lassen besorgen. Zudem hat ein Professor seltener als andere Menschen mit Kleinstbeträgen zu tun. Eine Breze mit Kreditkarte kaufen? Für die breite Masse wirkt das zurecht absurd.

Bofingers Vorschlag ist zudem ein Anschlag auf die Rest-Barmherzigkeit in dieser Gesellschaft. Für Bettler hätte man ja nichts mehr übrig. Es sei denn, die Banken geben an ihre Kunden mehrere “Hast-Du-Mal-nen-Euro”-Karten aus. Oder die Sozialverwaltungen statten Obdachlose mit Kartenlese-Geräten aus.

Schließlich: Das Austrocknen illegaler Umtriebe durch Elektro-Cash hat eine üble Kehrseite, nämlich eine Rundum-Shopping-Überwachung. Es würden eine Unmenge von Daten über unseren Umgang mit Geld entstehen. Die monatliche Abrechnung würde uns in die Verzweiflung stürzen. Schließlich würden wir nachlesen, dass wir doch zu viele Kugeln Eis gegessen und zu viel Wein und Bier getrunken haben. Wir wüssten den Grund unseres Übergewichts – und unsere Gesundheitswächter bei der Krankenkasse würden selbstredend den Beitrag verbrauchskonform anpassen.

Was geht es den Staat oder überhaupt andere Leute an, was wir mit unserem Geld machen? Selbstverständlich nichts! Also ab in die Kneipe, ungesundes Essen und Getränke bestellt und mit Bargeld bezahlt. Man hat gesündigt und keiner wird je davon erfahren. Wenn sich für dieses schöne Gefühl ein bisschen Warten nicht lohnt – wofür denn dann?

 

 

Warten kann so schön sein…

Wie uns die Bibel lehrt, steht der Mensch hier auf Erden über allem. Er ist die Krone der Schöpfung. Und vermutlich hat sich Gott seinerzeit vorgenommen, dass sich sein Ebenbild entwickelt und immer besser wird. So, wie das Heidi Klum von ihren dürren Mädels erwartet. Doch hat er mit dem Smartphone gerechnet? Zweifel sind erlaubt.

Die mobilen Informations- und Kommunikations-Zentralen drohen uns zurückzuwerfen. Sie wirken dem aufrechten Gang entgegen, weil Menschen selbst während eines Spaziergangs auf das Display schauen. Sie rauben uns unsere Aufmerksamkeit für die Umgebung und unsere Beobachtungsgabe. Stellen wir uns vor, ein eintreffender U-Bahn-Zug würde von einem weißen Einhorn gezogen. Wer auf dem Bahnsteig würde das bemerken? Jeder Zehnte, jeder Zwölfte, gar keiner?

Neben Fähigkeiten wie intuitives Navigieren, Kopfrechnen und Telefonnummern-Merken verlernen wir durch moderne Technik das gediegene Warten. Im unablässigen Nachrichtenfluss können wir es nicht mehr ertragen, gar nichts zu tun. Mal nur so gegen die Wand zu starren, Momente der Langeweile hinzunehmen.

Dabei schadet das nicht. Der Akku muss bloß leer sein. Und schon beginnt man – zum Beispiel im Wartezimmer – zu erkennen, dass Herr Doktor bei Wandbildern einen extrem biederen Geschmack hat. Wir amüsieren uns über die sedierende grüne Wandfarbe. Wir betrachten unsere Mitmenschen, die zwischen hypernervös, demonstrativ entspannt oder aufrichtig kaputt alle Facetten zeigen. Wir sehen mehr, weil im Gehirn ansonsten wenig los ist.

Und wir öffnen uns für das Sinnlose. Wir greifen zu einem Magazin und erfahren alles über die Liebschaften uns unbekannter Menschen. Wie geht es Riley Keough, Sandy Mölling und Elizabeth Olsen? Was bewegt Prinzessin Margrethe von Schaumburg-Lippe-Hohenzollern-und-Welfenstein?

Ja, so sind wir es von früher gewohnt. Lesen, in gekrümmter Haltung, den Kopf nach vorne gebeugt.

Ähm, verhalten wir uns da wirklich so ganz anders als heute? Tja, eher nicht. Der Lesezirkel ist bloß das Smartphone des letzten Jahrtausends. Aber bitte, nichts sagen. Denn früher war schließlich alles besser.

 

 

 

Die Zukunft? Her mit den Körperdaten!

Wie sieht die Welt der Zukunft aus? Diese Frage beschäftigt uns immer wieder mal. Was mich angeht, gebe ich zu: Ich wandle auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und Grusel. Nicht alles ist eine Verheißung.

Gehen wir davon aus, dass es für die Computer, besonders aber für die Smartphones dieser Welt im raschen Takt neue Software und Apps geben wird. Unterhaltung wird dominieren. Sofern es um harmlosen Quatsch geht, wird keiner Einwände haben.

Autos werden lernen, selbst zu fahren. Wir können getrost unsere Mails checken oder famosen 3-D-Raumklang aus unserer Musikanlage genießen, während wir auf der Autobahn unterwegs sind. Doch hier kommen uns die ersten Zweifel. Bestimmt kann diese überragende Technik zunächst nurvon Oberklasse-Käufern bezahlt werden. Sie funktioniert aber nur, wenn sich das Fahrzeug an die Verkehrsregeln hält, die ihm per Satellit gemeldet werden.

Wie aber fühlt sich der Besitzer eines 400-PS-Audis, wenn er mit Tempo 6o durch die Baustelle rollt und von ungeduldigen  Lkw-Fahrern die Lichthupe bekommt? Wo bleibt die Freude am Fahren, wenn man selber bloß auf Instrumente glotzt? Intelligente Karre, dösender Fahrer – wollen wir das wirklich?

Weltweit Furore wird allerdings das ein Kleidungsstück machen, an dem zurzeit bei uns in Franken das Fraunhofer-Institut forscht. Es handelt sich um eine Art Vorratsdaten-Hemd. Während wir es tragen, überprüft es laufend unsere Körperfunktionen. Wir erfahren, was uns den Puls hochtreibt, was uns glücklich macht, welche Handicaps wir haben, welche uns drohen.

Jede Wette, dieses Shirt wird ein Renner. Man hat sich immer Kontrolle. Man weiß, wann man zu viel und das Falsche gegessen und deswegen gefurzt hat. Durch die Vernetzung mit anderen Probanden wird auch das moderne Bedürfnis nach dem Vergleichen, dem so genannten Benchmarking, befriedigt. Wir wollen erfahren, dass wir besser sind. Und wir werden besser sein.

Goldene Zukunft, demnach? Vielleicht. Bis man älter ist. Denn was als Sportzubehör startet, wird irgendwann von der Gesundheits- und Versicherungsbranche entdeckt werden. Die von Niedrigstzinsen geplagten Konzerne werden das Späh-Hemd nutzen, um den Trägen, Fetten und Dauerkranken die Beiträge nach oben zu korrigieren. Beste Tarife verdient nur, wer sich nachweisbar um seine Gesundheit kümmert. Und wer sich weigert, seine Vitaldaten zu senden, zahlt erst recht.

Sie halten das für unwahrscheinlich? Alsdenn: Legen wir uns diesen Text auf Wiedervorlage, ins Jahr 2025. Sie werden sehen. Ansonsten: Träumen Sie von einer schönen Zukunft. Das ist erlaubt.

 

 

 

Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien

Der Absturz der Gemanwings-Maschine in den französischen Alpen ist eine schreckliche Tragödie mit einer verrückt wirkenden Hauptperson. Sie hat unfassbares Leid ausgelöst. Aber muss die Berichterstattung deshalb ins Hysterische oder Abstoßende abgleiten? In manchen Medien geht es nicht mehr um Information, sondern um den Nachweis, dass es sich um einen geplanten Massenmord gehandelt hat. Vorneweg marschiert die Bild-Zeitung.

Beim Sammeln hilfreicher Fakten und Behauptungen bringt das Blatt ein Interview mit der Ex-Freundin des Co-Piloten ankündigt. Die darin enthaltenen Zitate vermitteln, dass Andreas L. auf seine Tat hingearbeitet hat. “Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen”, zitiert die Frau ihren früheren Freund.

Vielleicht hat er das gesagt, aber: Es gehört zwar zu den Anforderungen an moderne Menschen, dass Trennungen so zu regeln sind, dass Ex-Verliebte Freunde bleiben. Oft klappt das aber nicht. Man kann also nicht erwarten, dass sich jemand wohlwollend an seinen Ex erinnert. Zumal dann nicht, wenn ein cleverer Interviewer die “richtigen” Fragen stellt. Ist der ominöse Satz wirklich einer, den kein junger Mensch jemals bei irgend einer Gelegenheit sagen könnte? Als ehrlichere Variante der Befragung empfiehlt sich: “Hier sprechen die ärgsten Feinde von Andreas L.”.

Nächster “Beweis”: Andreas L. war krank geschrieben, er hat seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zerrissen. Wer hat sich noch nie schlecht gefühlt, ist zum Arzt, dann aber trotzdem zur Arbeit gegangen, weil sich der Zustand gebessert hatte? Wer hat noch nie seine Krankheit vorzeitig beendet? Und wer hat es noch nicht erlebt, dass Kollegen hustend und schniefend zum Dienst erschienen sind, weil sie sich für unersetzbar gehalten haben? Oder weil die Abteilung wegen Krankheit oder Urlaubs dünn besetzt war? Die Absicht, einen Suizid zu begehen, gehört nicht zwingend zu einem solchen Verhalten.

Nächster “Beweis”: Andreas L. war wegen psychischer Probleme in Behandlung. In seiner Wohnung wurden Tabletten gefunden. Ja und? Die Statistiken aller Krankenkassen belegen, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen. Diese sind längst ein Massen-Phänomen. Würden alle Menschen, die an solchen Problemen leiden, ihre Arbeit einstellen oder würden diese vom Job ferngehalten, würde unsere Wirtschaft still stehen.

Auch Menschen mit Depressionen sind keineswegs per se eine Gefahr für die Umgebung. Das wissen wir auch. Oder würde man sich weigern, zu einem Bekannten ins Auto zu steigen, wenn man um dessen Leiden wüsste? Wahrscheinlich nicht, sonst könnte man als Fußgänger nur noch in heller Panik herumlaufen. Schließlich gibt es mit Sicherheit depressive Bus-, Lastwagen- und Lieferwagenfahrer.

Wahr ist: Tödlichen Unglücksfällen oder auch Amokläufen kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorgebeugt werden. Es ist einfach möglich, dass jemand scheinbar völlig grundlos durchdreht. Wer das anders sieht, träumt vom Paradies auf Erden. Aber das wurde bisher noch nirgends erreicht. Leider.

PS: Die Bild-Chefs Kai Diekmann und Julian Reichelt haben ihre Motivation, den vollen Namen des “Todespiloten” zu nennen, auf Facebook so beschrieben: “Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.” Nehmen wir an, es stellte sich heraus, dass der angebliche Massenmörder – wie vielfach gemutmaßt – tatsächlich krank war, so dass ihm die für einen Mord erforderliche Heimtücke gefehlt hat. Wie wird sich Bild dann bei den Angehörigen entschuldigen? Und noch etwas: Bei einer Namensnennung kommt es nicht nur darauf an, ob man etwas macht. Sondern auch, wie man es macht. Bild macht es übel. Eben so, dass es einem übel wird.

 

Wer ins Feuer geht, wird verehrt

Groß ist unsere Sehnsucht nach dem Puren, Schönen und Wahren. So auch nach Menschen, die selbst bei schlechter Bezahlung alles geben. Die helfen, ohne sich zu bereichern. Wir sehnen uns nach Helden – und finden sie in den Feuerwehrleuten.

Bei der jährlichen Frage der Zeitschrift Reader’s Digest nach Deutschlands beliebtesten Berufsgruppen sind die Männer mit der Drehleiter seit Jahren in Front. Zuletzt fuhren sie einen Zustimmungswert von 92 Prozent ein. Und das leuchtet ein. Schließlich gehen sie dorthin, wo andere weglaufen. Nur ausgesprochene Zyniker nennen die Feuerwehr eine Organisation, die ruiniert, was die Flammen verschont haben. Der Rest der Welt hat Respekt. Löschen, wo das schiere Chaos herrscht – es klingt wie eine große Aufgabe für viele Lebenslagen.

Auf Platz zwei rangieren die Krankenschwestern mit einer Zuneigungsquote von 88 Prozent, wobei man hier von einem Männer-Votum von deutlich über 100 Prozent ausgehen darf. Die Piloten wiederum, die zum Beispiel noch im Jahr 2002 die Spitzenreiter der Bewunderungs-Skala waren, schaffen zwar noch Rang drei. Nach der Streikerei der letzten Zeit werden sie aber allmählich nach unten durchgereicht. Mit 82 Prozent wurden sie eingeholt von den Apothekern. Einer Berufsgruppe, bei der blendendes Image und wachsende wirtschaftliche Not nicht so recht zusammenpassen.

Gibt es Beliebtheits-Trends? Auf jeden Fall weist die Liste ganz überwiegend Verlierer aus. Besonders stark getroffen hat es die Taxifahrer. Konnten sie sich noch vor zehn Jahren über eine Sympathiequote von 65 Prozent freuen, erreichen sie jetzt nur noch 49 Prozent. Das kommt davon, wenn man Mindestlohn will. Die Pfarrer und Priester, die vor fünf Jahren noch die Hälfte der Deutschen als Freunde hatten, liegen jetzt bei 39 Prozent. Deren Kundschaft geht eben nach und nach verloren.

Wo aber sind die großen geistigen Lenker des Landes? Journalisten kommen auf 26 Prozent Vertrauen, was sie auf ein Niveau mit den Gewerkschaftsführern bringt. Ein ganzes Stück schlechter schneiden mit mageren zwölf Prozent die Politiker ab. Man braucht sie. Man wählt sie. Aber man glaubt ihnen nur jedes achte Wort.

Und das Ende der Vertrauens-Skala? Dies zieren die Callcenter-Agenten. Nur fünf Prozent der Deutschen finden sie richtig gut. Und das, obwohl sie wichtige Qualitäten mitbringen. Ein allzeit offenes Ohr trotz beschissener Bezahlung und den festen Vorsatz, anderen Leuten oder wenigstens ihrer Firma zu helfen. Verstehe einer die Menschen dieses Landes…

 

 

 

Haustiere sind auch bloß Menschen

Der Mensch ist unberechenbar. Einen neuen Beweis für diese These haben Meldungen über die Situation der deutschen Tierheime geliefert. Viele von ihnen leiden unter akuter Geldnot. Manche sind von der Schließung bedroht.

Das ist wirklich erstaunlich. Denn es darf als gemeinsame Erkenntnis dieses Volkes gelten, dass das Tier der beste Freund des Menschen sei. Die bedingungslose Unterwerfung eines Hundes etwa lässt sich nicht einmal durch 100 Shades of Grey erreichen. Und nichts übertrifft die stille Duldsamkeit eines Korallenfischs in einem Reihenhaus-Aquarium.

Unsere Liebe zur Kreatur ist deshalb massiv. Wenn Tierheime ihre Insassen vermitteln, gehen dreibeinige Hunde und Kater mit Reizdarm am schnellsten weg. Denn nichts kann größer sein, als die Dankbarkeit eines behinderten Vierbeiners. Und die am schönsten gepflegten Gräber findet man auf Tierfriedhöfen.

Wir sorgen aber auch für schöne Hausgenossen. Bei führenden Hunde-Ausstattern gibt es neckische Mäntel, Dirndl, rosafarbene Bettchen und Schwimmwesten für den ersten Strandbesuch. Nachdem unsere Liebsten mit “Sir Henry Luxury”-Reinigungsschaum behandelt worden sind, bekommen sie im silbernen Napf biologisch-dynamische Tiernahrung serviert.

Dafür verschleudern wir lustvoll viele Millionen. Warum also die Not der Tierheime? Weil wir uns, wie sonst auch im Leben, nicht um alles kümmern können. Erschütternde Einzelschicksale sind zu regeln, das ist klar. Aber die soziale Hängematte für Alle ist nicht unser Ding. Tiere sind ja schließlich auch nur Menschen.

 

Reparatur – der verschollene Begriff

Der Sprachschatz ist eine dynamische Kostbarkeit. Neue Wörter tauchen auf, manches verschwindet in der Versenkung. Was früher war, ist heute verschollen. Die Wählscheibe zum Beispiel, das mit dem Aussetzen der Wehrpflicht verschwundene Kreiswehrersatzamt oder der robuste Mittelläufer, der im heutigen Fußball gerne paarweise als Doppel-Sechs auftritt. Es gibt aber auch Worte, die zwar gegenwärtig sind, jedoch im Alltag keine Rolle spielen. Reparatur ist so eins.

Wir erinnern uns: Wenn im vergangenen Jahrtausend etwas kaputt gegangen ist, war das Werkzeug schnell bei der Hand. Geräte waren so gebaut, dass auch Laien Chancen auf erfolgreiche Ausbesserungsarbeiten hatte. Defekte Autos etwa konnte man mit einigen geschickten Handgriffen wieder in Gang setzen. Sie waren einfach und übersichtlich konstruiert – Trabant, Käfer und Ente waren hierfür die Paradebeispiele. Und wenn man die Sache selbst nicht in den Griff bekommen hat, war da immer noch “der Meister”, der die Dinge regeln konnte. Ziel aller Bemühungen war es jedenfalls, dass man eine Sache nur im äußersten Notfall in die Mülltonne geworfen hat.

Wie sich die Zeiten geändert haben. Eine Studie von Umweltbundesamt und Öko-Institut hat ergeben, dass immer mehr große Haushaltsgeräte wegen Mängeln frühzeitig kaputt gehen. Der Anteil von Kühlschränken oder Waschmaschinen, die nach nicht einmal fünf Jahren aufgrund ei­nes Defekts ausgetauscht wurden, stieg von 2004 bis 2012 um mehr als das Doppelte von 3,5 auf 8,3 Prozent. Man nennt es auch “Sollbruchstelle”. Nehmen wir Smartphones: Wenn etwas repariert werden soll, ist der Preis derart hoch, dass sich die Aktion nicht lohnt. Eine Tintenpatrone ist kaum billiger als ein neuer Drucker.

Allerdings ist das vielen Verbrauchern ganz recht. Wer immer die jeweils neueste Technologie will,  entsorgt eben auch Geräte, die einwandfrei funktionieren.

Dieser Gesellschaft fehlt es an der Treue. Was heute top ist, langweilt spätestens übermorgen. Das ist der so genannte Megatrend. William Shakespeare sah das noch ganz anders: “Dem traue nie, der einmal Treue brach.” Sympathisch eigentlich, aber das war spätes 16. Jahrhundert. Heute ist Container.

 

 

Das neue Fastengebet: “Mein Freund ist Lokführer”

Ja, es ist wahr: Ich habe den vierten erfolgreichen Tag des neuen protestantischen Fastens hinter mir. Die evangelische Kirche hat ja empfohlen, bis Ostern bewusst auf jedweden Zorn zu verzichten. Man solle versuchen, so die Aufforderung, andere Menschen bewusst positiv zu sehen. Nun denn.

Die Fastenzeit hat in letzter Konsequenz den Sinn, uns unsere natürliche Neigung zur Sünde bewusst zu machen. Bisher haben wir uns an der Völlerei abgearbeitet. Mit einem, wie wir wissen, zweifelhaften Erfolg. Die Menschen werden im Durchschnitt immer dicker. Es ist wahrscheinlich dieser Diät-Effekt. Wer unter Qualen auf Genuss verzichtet, neigt dazu, besonders heftig zuzuschlagen, wenn er wieder darf.

Vermeidbare Todsünden gibt es noch ein paar andere. Man könnte sich fastend an Hochmut, Geiz, Wollust, Neid und Faulheit abarbeiten. Doch auch der Zorn ist beim Herrn nicht wohlgelitten. Er mag gute Gründe haben und grundehrlich sein. Aber ein Wut-Tornado  hinterlässt immer eine Schneise der Verwüstung. Böse Worte holt man nicht zurück.

Gewollte Sanftmut wirkt zunächst weniger schwer, als der Verzicht auf Fleisch und Alkohol. Aber das Zwischenmenschliche ist auch nicht so einfach zu regeln. Beziehungen, ob privat oder im Beruf, sind stets ein verletzliches System von Zuneigung, Gleichgültigkeit und Ablehnung. Niemand kann jeden mögen. Andererseits wissen Kriminologen: Je heißer die Leidenschaft, desto gefährlicher kann es werden, wenn sie sich in Hass wandelt.

Ich habe seit Aschermittwoch nicht gestritten, auch wenn gelegentliches Unterdrückungskribbeln spürbar war. Doch die große Prüfung kann noch kommen. Ich werde in diesen Tagen einen Zug brauchen. Wie rette ich mein Seelenheil, wenn GdL-Chef Claus Weselsky wieder zuschlagen sollte? Mein Plan: Ich werde die Hände falten und zehn Mal “Mein Freund ist Lokführer” murmeln. Wenn das genügen sollte, habe ich es wohl geschafft. Darauf einen Fastenschnaps!