Als Bayern modern war – anno 1946

Da hat die CSU dumm ausgeschaut: Unverbindliche Volksbefragungen wollte sie durchführen. Doch die höchsten Richter des Landes spielten nicht mit. Einfach mal fragen – das sei gegen die Bayerische Verfassung, stellten sie fest.

Wie? Bayern? Eigene Verfassung? Was soll das denn? So dürften viele fragen. Aber es gibt dieses Regelwerk für unser Zusammenleben. Und es ist gar nicht schlecht.

Gemäß dieser Verfassung geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Das klingt gut und anspruchsvoll, stimmt aber wohl eher kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals, als der Einfluss multinationaler Konzerne auf die Politik noch  gering war.

Als Staatsbürger sahen die alten Bayern jeden Menschen ab 18. Fragen wie ethnische Herkunft oder religiöse Ausrichtung sollten keine Rolle spielen. Schließlich sollte jedermann die Freiheit haben, „innerhalb der Grenzen der Gesetze und der guten Sitten alles zu tun, was anderen nicht schadet.“ Allerdings ist „die Bekämpfung von Schmutz und Schund“ als staatliche Aufgabe definiert.

Bayerns Verfassung sagt jedem Menschen eine angemessene Wochnung zu. Menschliche Arbeitskraft ist „als wertvollstes wirtschaftliches Gut eines Volkes“ vor Ausbeutung zu schützen, der Gebrauch von Eigentum hat – so die Verfassung – auch dem Gemeinwohl zu dienen.

Und dann gibt es noch diesen Artikel 105: „Ausländer, die unter Nichtbeachtung der in dieser Verfassung niedergelegten Grundrechte verfolgt werden und nach Bayern geflüchtet sind, dürfen nicht ausgeliefert oder ausgewiesen werden.“

So sah man die Dinge im Jahr 1946. Woraus wir lernen : Manchmal kann früher auch moderner sein. Klüger auf jeden Fall.

 

 

Fakten zählen? Nix da, das ist vorbei!

Postfaktisch. Das also ist der große Trend der Zeit. Jedenfalls hat der für seine richtungsweisenden Sprachbetrachtungen berühmte Verlag Oxford Dictionaries dieses Adjektiv zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Weil immer Menschen auf Tatsachen pfeifen und stattdessen an etwas glauben, was ihnen besser ins eigene Weltbild passt. Wie man es aus dem Online-Handel kennt: Diese Meinung könnte Ihnen auch gefallen.

Verstehen kann man die Menschen. Die Wahrheit ist oft sehr vielschichtig und entsprechend lästig. Einfache Lösungen, wie man sie in Film und Fernsehen erlebt, also etwa Rettung vor Außerirdischen in knapp zwei Stunden, gibt es im realen Leben nicht. Das schürt Zorn auf jene, die man gewählt hat, damit sie Probleme schmerzfrei beseitigen. Und wertet jene Menschen auf, die einfache Lösungen anbieten.

Dann ist es egal, ob ein Donald Trump lügt, wenn er sich als Immobilienhai zum Anwalt der kleinen Leute macht und im Vorbeigehen das völlig absurde Versprechen von 25 Millionen neuen Jobs. Es juckt nicht, wenn sich nationale Alleingänge wie beim Brexit fatal auswirken können. Manche glauben sogar daran, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat gar nicht existiert. Man hat es ja „im Internet“ gelesen.

Nun soll allerdings niemand behaupten, dass unsere Politik immer nur „faktisch“ sei. Wenn die FDP behauptet, dass private Finanzkonzerne die Altersversorgung managen können, ist das genauso daneben, wie wenn jemand „Die Rente ist sicher“ plakatiert. Mancher fabuliert, dass man Probleme mit der Zuwanderung endgültig dadurch regeln könne, dass man eine Obergrenze festsetzt oder indem man einen Staatschef mit diktatorischen Zügen hofiert. Andere wollen mehr Steuergelder von Reichen, ohne Reichtum zu definieren. Und, und, und…

Man sieht: Fakten sind nicht alles. Die Gedanken sind frei. Und ja, man darf auch träumen. Aber: Muss es dann wirklich so oft, albtraumhafter Mist sein?

 

Lieber Gott, rette das Establishment!

Wie geht es weiter mit dieser Welt? Genau weiß das keiner, aber der 8. November wird uns schlauer machen. Sollte dieser Donald Trump nämlich Präsident werden, ist zumindest eines klar: Der Niedergang der Institutionen oder des „Essdäblischmends“, wie der US-Amerikaner sagt, wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Unser vulgärer Schreihals verstärkt aber nur einen längst vorhandenen Trend. Bei einer Studie zur Lebenswelt der 18- bis 34-Jährigen gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sie der Politik nicht vertrauen. 50 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen in religiöse Institutionen zu haben. Die Medien kommen mit einer Misstrauensquote von 25 Prozent noch relativ gut weg.

Diese Stimmung bereitet den Nährboden für seltsame Gestalten. So stellen wir erstaunt fest, dass so genannte „Reichsbürger“ oder „Germaniten“ deutlich zahlreicher sind als weiße Einhörner. Menschen, die ihr Haus und Grundstück zu einem eigenen Hoheitsgebiet erklären und die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als Staat leugnen. Deshalb zahlen sie keine Steuern und drohen Gerichtsvollziehern Schläge an.

Aber lassen wir uns nicht täuschen: Diese Leute sind nicht aufrichtig. Wären sie es, müssten sie in ihrem Fernsehsessel verhungern. Sie dürften ja auch keine indirekten Abgaben, also etwa Mehrwert- oder Mineralölsteuern zahlen. Aktionen nach dem Motto „Wir schenken Ihnen 19 Prozent!“ veranstalten nur Möbelhäuser und Elektrogroßmärkte. Die Erwartung, dass der Metzger Schnitzel und Leberwurst an einer Duty-Free-Theke verkauft, ist abseitig. Der Hungertod müsste von Reichsbürgern billigend in Kauf genommen werden.

Zerstört werden Institutionen aber auch aus dem herrschenden System heraus. Nehmen wir die Wahl des neuen Bundespräsidenten: Honorige Persönlichkeiten zeigen zwar Bereitschaft, aber nur, wenn vor der Abstimmung sicher ist, dass sie es auch werden. Da fragt man sich doch, ob es wirklich so ein unattraktiver Job ist, zwischen zwei richtungsweisenden Ansprachen mit dem Staatschef von Burundi Antilopenbraten zu essen. Müsste um dieses Amt nicht mit Leidenschaft gerungen werden?

Und dann noch die Clowns. Gerade ist der große Oleg Popov gestorben. Ein Spaßmacher der leisen Töne und im richtigen Leben ein herzensguter Mensch. Doch gute Institutionen bröckeln. Neuzeitliche Grusel-Clowns springen aus dunklen Ecken und ihr amerikanischer Kollege braucht nicht mal eine Maske, um uns zu erschrecken.

Wir schauen zum Himmel und flehen: Lieber Gott, lass‘ wenigstens diesen Kelch an uns vorübergehen. Darum bitten wir. Auch wenn Du zum Establishment gehörst.

 

 

 

Jetzt aber: Strafzölle für Reichsbürger

Wenn wir an angenehme Zeitgenossen denken, fällt uns gerne der harmlose Irre ein. Ein schrulliger Mensch, der uns mit seltsamen Gewohnheiten amüsiert. Ein Kant’sche Exzentriker, der seine Freiheit nutzt, aber niemand anders schadet. Wenn es doch bloß solche Spinner gäbe.

Es wird doch niemand stören, wenn jemand in Elvis-Kostüm oder Barbie-Kleid durch die Gegend spaziert. Oder wenn er beim Gothic-Treffen so tut, als würde er dunkelste Mächte verehren.  Wir schmunzeln über schrille Weihnachtsbeleuchtungen in Vorgärten oder über ein von 32 Gartenzwergen eingekreiste Blumenbeete. Ein wenig beneiden, wir diese Menschen, weil sie Käfige verlassen, in denen andere festsitzen. Vor allem Engländern sagt man nach, lustvoll anders zu sein.

Wir jedoch sind in Deutschland. Unsere Außenseiter sind mitunter richtig widerlich. Neonazis, die Kinder schänden. Oder eben diese selbst ernannten „Reichsbürger“. Eigenartige Leute mit häufig guten Kontakten in die rechtsextreme Szene,  die die Bundesrepublik Deutschland als Unrechts-GmbH ansehen und deren Institutionen den Stinkefinger zeigen. Werden sie vom feindlichen, tatäschlichen Staat unter Druck gesetzt, reagieren sie auch gewalttätig. Wie wir jetzt erleben mussten.

Gut, man kann ja darüber diskutieren, ob es nicht erlaubt sein sollte, sein Grundstück samt Eigenheim zum unabhängigen Staat zu erklären. Aber trotzdem läuft in dieserm Fall etwas grundlegend schief. Reichsbürger wehren sich zwar, an den Kosten für die Allgemeinheit beteiligt zu werden. Aber man darf vermuten, dass sich diese Rebellen mit Strom und Wasser beliefern lassen. Oder sogar von Hartz IV leben.

Hier muss es Verträge geben, in denen klar geregelt ist, wie sich die Bundesrepublik ihre Dienstleistungen von irgendwelchen Mini-Staaten bezahlen lässt.  Ein TTIP für Idioten. Vor allem brauchen wir hohe Zölle für Pizza-Dienste, Dosenbier, Sofas und Flachbildfernseher. Dann werden Spinner wieder „wertfrei“ sein.

Eine Million Tote und noch viel mehr Angst

Wie würden sich die Attentäter vom 11. September 2001 heute fühlen? Wären sie stolz, weil sie mit einem Terrorakt mit 3000 Opfern den Tod von einer Million anderer Menschen ausgelöst haben? Oder schmoren sie sowieso in der Hölle, weil die meisten dieser Toten Muslime gewesen sind? Uns, den „Ungläubigen“ hat ihre Tat vor allem eines gebracht: Angst.

Es ist erschreckend und erstaunlich zugleich, wie sich das Denken in einer eigentlich freien, offenen Gesellschaft verändert hat. Wenn sich ein Muslim traditionell kleidet und sich, wie von daheim gewohnt, einen Kinnbart wuchern lässt, wird er als bedrohlich empfunden. Alleine das Äußere reicht, um einen uns unbekannten Menschen als blutrünstigen religiösen Fanatiker anzuschauen. „Der Araber“ bedroht uns. Kaum jemand ist von dieser Reaktion völlig frei.

Wie absurd groß unsere Verunsicherung ist, zeigt sich am Streit über die Burka. Dieses seltsame Kleidungsstück wird gewiss als Mittel zur Unterdrückung benutzt. Aber warum bringt uns alleine die Aussicht, einer solchen Frau auf der Straße zu begegnen, so stark in Bedrängnis, dass wir per Gesetz das Verhüllen des Gesichts verbieten wollen? Haben wir generell Angst vor religiösen Symbolen in unserem vom Geld geprägten Alltag?

Der 11. September und alles was danach geschehen ist, hat unsere Fähigkeit geschwächt, anderen Menschen ohne Vorbehalte zu begegnen. Dabei sind Menschen im arabischem Raum kaum anders als wir. Sie möchten ohne tägliche Not in Frieden leben, sie möchten lieben und geliebt werden. Sie wollen keine Bomben zünden, sondern nach einem angenehmen Abend einschlafen und etwas Schönes träumen. Sie schauen unsere Fernsehserien und diskutieren über Fußball-Bundesliga und Champions League.

Ihnen wird dieser Text jetzt zu tendenziös, blauäugig und gutmenschig? Dann haben es die Attentäter enorm viel geschafft: Eine Million Tote und ein Vielfaches an Menschen in Angst.

 

Hamsterkäufe? Der wahre Vorrat ist ein anderer

Von unseren Großeltern kennen wir die Geschichten über Vorratskammern voller Konserven und Einmachgläser. Getränke wurden mit dicken Eisblöcken gekühlt. Ein gut gefüllter Kartoffelkeller hat geholfen, um ohne Hunger über den Winter zu kommen. Wer im Herbst fleißig war, erlebte echte Not so gut wie nie.

Heute leben wir anders. Es gibt immer alles. Erdbeeren im Dezember? Spargel an Silvester? Das ist bloß  eine Frage des Preises. Leere Regale in den Geschäften kannten die Deutschen seit den 50-er Jahren nur noch in der DDR. Dank Wirtschaftswunder entwickelte sich die jederzeitige Rundum-Versorgung. Vorratskammern spielen in der heutigen Architektur keine Rolle mehr.

Würde man eine Palette Konservendosen kaufen – man hätte daheim gar keinen Platz. Schon deshalb ist der Aufruf des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall zu vorsorglichen Hamsterkäufen von zweifelhaftem Wert. Hinzu kommt, dass wir das richtige Einlagern von Lebensmitteln verlernt haben. Und schließlich ist unser Vertrauen in die Nachhaltigkeit moderner Speisen und Getränke gering. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist ein Fetisch mit integriertem Wegwerf-Impuls.

Schneller Konsum entspricht eben dem Zeitgeist. Wir leben und produzieren Just-in-Time. Dass das auch leichtsinnig ist, erfahren wir nur manchmal. Etwa dann, wenn bei VW die Bänder still stehen, weil man dort keine Getriebe gehamstert hat. Aber brauchen wir wirklich Gurken, Zwiebeln und Äpfel in der XXL-Kiste? Eigentlich doch nicht.

Dann lieber doch einen guten Vorrat an Optimismus, Humor und Freude am Leben. Bei Katastrophen hilft auch das.

 

 

Jeder braucht seinen Feind

Die Sitten im Straßenverkehr verrohen immer mehr. Diese Nachricht rauschte in diesen Tagen durch alle Medien. Vor allem Männer am Steuer strotzten vor Selbstüberschätzung und Aggression. Und es werde immer schlimmer.

In der Tat: Man fragt sich, woher Menschen die Überzeugung beziehen, dass ihnen die linke Fahrbahn mehr gehört als anderen. Vielleicht spielt Politik insofern eine Rolle, als sie nicht akzeptieren mögen, dass sozialistische Gleichmacherei im Stau die für die Wirtschaft so wichtige Mobilität bremst. Aber sonst wohl deshalb, weil sie – aus ihrer Sicht – einfach geborene Chefs sind. Weil sie mehr Steuern hinterziehen als andere oder weil ihr Sportcoupé geleast und nicht bezahlt ist. Jedenfalls gibt es eine Denkstruktur, welche besagt, dass der Rest der Welt den eigenen Interessen zu dienen hat.

Wir dürfen den schnellsten Mitgliedern unserer Gesellschaft aber nicht zu böse sein. Wir alle wechseln mit der Fortbewegungsart unsere Manieren, wenn nicht gar unsere Daseinsform. Würde man eine Umfrage starten, wer wenn auf Wegen und Straßen am meisten hasst, käme wahrscheinlich heraus, dass das jeden trifft, der anders unterwegs ist als man selbst.

Fußgänger sehen sich als schwächste Verkehrsteilnehmer und sehen sich permanent bedroht. Doch auch sie ziehen sich Hass zu, wenn sie auf Wegen  elend langsam in Viererreihen schlurfen oder – neuerdings – tagblind auf der Jagd nach Pókemon in den fließenden Verkehr laufen.

Hundebesitzer sind insbesondere bei Radfahrern verhasst. Entweder, weil sie ihren besten Freund frei herumlaufen lassen. Oder weil sie ihn an einer zu langen Leine führen, die sich gelegentlich quer über den Weg spannt. Radler wiederum gelten allen anderen Verkehrsteilnehmern als rücksichtsloseste und  leichtsinnigste Spezies. Sie erschrecken Kinder, rauschen im Zentimeter-Abstand an alten Leuten vorbei oder fahren über die Kreuzung, egal, was die Ampel anzeigt.

Was aber wiederum nicht heißt, dass sie auch die schlimmsten Autofahrer sind. Der Anarchist im Fahrradsattel, kann am Steuer seines Wagens ein Vorbild sein.

Fazit: Jeder stört irgendwann jeden. Vielleicht braucht der Mensch ab und zu einen Feind, um sich seiner selbst zu vergewissern. Klingt nach Steinzeit. Ist aber so. Alles Weitere regelt – irgendwann – die Evolution.

Es gibt ein Recht auf Faulheit

Spüren Sie, wie schön es ist? Seit Tagen kein Amoklauf, keine wichtigen Spiele der Bundesliga, kein akuter Streit um Erdogan. Es herrscht sommerliche Ruhe. Wir können uns entspannen, unterm Sonnenschirm Espresso oder Bier schlürfen. Unser gestresstes Gehirn hat Pause, es macht Urlaub von den bösen Gedanken.

Diese Situation passt zum internationalen Faulpelztag am 10. August. Dessen Titel klingt zwar negativ, aber er soll der Menschheit die richtige Erkenntnis vermitteln, dass es völlig in Ordnung ist, einfach einmal gar nichts zu tun. Dasitzen, auf die imaginäre Prärie starren oder olympisches Dressurreiten schauen, und das Bruttosizalprodukt nicht zu steigern. Doch wo die Chinesen 28 Stunden am Tag arbeiten: Ist dann nicht unanständig?

Gar nicht. Hilfe bekommen wir von der Wissenschaft. Im Interview mit den Nürnberger Nachrichten hat der Neurologe Frank Erbguth klargestellt, dass das menschliche Gehirn schöpferische Pausen braucht. Wer sich diese gönne, sei hinterher frischer und ausgeruhter als die rastlosen Schaffens-Fanatiker. Wer döst, schafft es auf die Überholspur. Dauerhektik ist widernatürlich, erläutert der Hirnforscher und belegt es mit diesem Satz: „Kein Hund käme auf die Idee, einfach mal durchzumachen.“

Das sitzt. Danke für die Erkenntnis, Herr Professor. Auch wenn sie nicht neu ist. Die Arbeiterbewegung hat schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass es nicht gut sein kann, wenn Arbeiter rund um die Uhr schuften. Im Jahr 1900 wurde der 10-Stunden-Tag, 1918/19 der Acht-Stunden-Tag geregelt. Schließlich wurden Verkürzungen der Arbeitszeit bis hinunter zur 35-Stunden-Woche erstreikt.

Chefs sehen die Sache meistens anders. Fürs Ranklotzen gibt es Schulterklopfen, fürs Burnout eher nicht.

Doch: Wir haben es selber in der Hand. Legen wir Pausen, denn ein Recht auf Faulheit gibt es. Sagt das Arbeitszeitgesetz. Ob wir dabei der Gewerkschaft oder einem Hirnforscher folgen, ist letztlich egal. Hauptsache, wir machen es.

 

 

 

 

Der Staat als Klamottenpolizei

„Weg mit der Burka!“ Diese lautsprecherisch vorgetragene Forderung gehört zum Standard-Repertoire vor allem konservativer Politiker*innen. Jüngst hat sich das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn damit aus dem Fenster gelehnt. Aber hülfe uns das? Denken wir nach.

Warum gibt es das Recht? Warum mischt sich der Staat in unser Leben ein? Weil es ohne Gesetze und ohne Regeln keine Freiheit gäbe. Die Willkür der Mächtigen würde herrschen, die Chance auf Gerechtigkeit gäbe es nicht. Es handelt sich also um ein edles Ziel, weshalb Regierungen auf fanatische Gesetzgebungswut verzichten sollten. Man kann Freiheit auch zu Tode regeln.

Jetzt aber konkret gefragt: Sollen sich Politik, Staat und Justiz in Fragen der Bekleidung ihrer Bürger*innen einmischen? Sicher, die Burka ist nach unserem Verständnis ein abstoßendes Kleidungsstück. Wir sind sicher, dass Frauen diese Ganzkörperverhüllung keinesfalls freiwillig tragen. Wir sagen: Wer die Burka überwirft, wird unterdrückt. Und das darf nicht sein. Weil hinter jeder geknechteten Muslima ein Gesinnungs-Taliban steht.

Andererseits gibt es Bekenntnis-Kleidung auch anderswo. Christliche Nonnen haben zwar ein größeres Sichtfeld. Ihre Tracht ist der Burka ansonsten recht ähnlich. Mitarbeiter von Banken müssen schwarze Anzüge, Burgerbrater lustige Mützen tragen. Selbst unsere größten Idole, die Fußballer, können das viele Geld nur verdienen, wenn sie albern in kurzen Hosen und Kniestrümpfen über blumenlose Wiesen rennen.

Von bösen Modesünden, die sensible Mitmenschen belästigen, wollen wir gar nicht reden. Interessant wäre allerdings zu erforschen, ob sich unsere politischen Frauenrechttler*innen häufiger und energischer gegen die Burka als gegen die Dienstkleidung von minderjährigen Huren auf dem Straßenstrich positioniert haben. Wir ahnen die Antwort.

Jedenfalls: Wenn es um die Burka geht, wird durchgegriffen, wenigstens verbal.  Dumm bloß, dass es unseren Frauen auch nicht so rundum prima geht. Dann etwa, wenn sie nach einer Familienphase von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren wollen, um Karriere machen zu können. Das scheitert häufig an den Chefs. Da schauen die Politiker gerne weg.

Genau das sollten sie bei der Burka tun. Um mehr Energie für die wahren Probleme zu haben.

Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…