Archiv der Kategorie ‘Gesellschaft’

März 28th, 2014

Lebenskraft muss billig sein

Wieder ist es da, das ultimative Sonderangebot: Drei Rinder-Minutensteaks für 3,49 Euro, drei Schweine-Riesenschnitzel für 4,49. Nein, in diesem Land muss niemand hungern. Irgendein fettiges Brett kriegt jeder zwischen die Zähne.

Fleisch ist eben ein Stück Lebenskraft. Daran glauben wir seit der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Hungern nach dem großen Krieg war vorbei. In jeder Küche durfte nun täglich gebrutzelt werden. Und wenn nicht, gab es ja immer noch Wurst für das Abendbrot. Sicher, viele Menschen haben dieses Muster überwunden. Auf unseren Italienreisen lernten wir, dass man Nudeln nicht nur für die Buchstabensuppe brauchen kann. Wir mögen auch das Besondere. Wir rollen unser Sushi selbst und kratzen kleine Köstlichkeiten aus Tapas-Schüsselchen.

Essen und Trinken in Deutschland haben sich gewandelt. Davon kündet gerade auch eine große Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Curry- und Bratwurst sind unsere Favoriten geblieben, aber den Toast Hawaii mit Ananas-Ring und Deko-Kirsche bestellt kaum noch jemand. Pizza geht immer, vietnamesische Gerichte sollen unbedingt gesund sein.

Man könnte also sogar auf vegetarische Gedanken. Doch davor bewahren uns die Discounter. Bei ihnen herrscht immer Preiskampf. Und gerade geht es nicht um Duschgel, Zahnpasta oder Pferdeabschwitzdecken, sondern um Fleisch. Aldi hat jüngst entdeckt, dass es seine Lieferanten noch ein bisschen mehr melken kann. Die Konkurrenz heult kurz auf, zieht aber nach. Ob die Viecher vor der Fahrt zum Schlachthof Müll gefressen haben, interessiert keinen mehr.

Es gibt richtig leckere Fleischgerichte, die sich immer lohnen. Aber zu viele Menschen belegen ihre Teller nach dem Motto “Billiges muss nicht gut sein”. Und tragischerweise stimmt auch dieses: Viereckiges Essen macht kugelrunde Menschen. Erst recht als Sonderangebot.

März 18th, 2014

Energie gibt’s. Aber die Wende?

Da ich erstens fleißig und zweitens der Zukunft zugewandt bin, habe ich mich diese Woche in die Fortbildung gestürzt. Thema heute: Der Klimawandel als journalistische Herausforderung. Das ist er ohne jeden Zweifel. Schon deshalb, weil wir unsere weltberühmte Energiewende kaum hinbekommen dürften.

Man hofft ja, dass man sich nach einer Tagung anders fühlt als nach dem Konsum einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show. Das ist nicht wirklich so. Zwar sind die Informationen fundierter, klüger, inhaltsschwerer. Man ist auch nicht durch Chips und Nüsschen abgelenkt. Aber am Ende bleibt – hier wie dort – dieses unbestimmte Gefühl, dass es vergebene Liebesmüh sein könnte, die Menschen im Detail zu informieren.

Ich habe gerlernt, dass sich Kohlendioxid-Moleküle in der Atmosphäre bewegen und deshalb Wärme auf die Erde zurückstrahlen. Das sei ein Hauptgrund für den Klimawandel. Dieses Wissen hilft mir kaum. Denn den meisten Leserinnen und Lesern wird das Thema an dieser Stelle zu kompliziert. Erst recht, wenn noch erklärt würde, ob ein Molkül-Hüpfen von links nach rechts schlechter ist als ein Molekül-Sprung von oben nach unten. Würde ich wiederum schreiben, dass der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre aktuell bei 0,04 Prozent liegt, würden viele Leute sagen: “Und wegen diesem bisschen Dreck machen die so einen Aufstand. Deswegen schmilzt doch kein Nordpol.”

Weitere Auszüge aus meiner heutigen diffusen Informationswolke: Man wird sich in der EU nicht einig, weil die Polen auf Atomkraft setzen und die Briten für Fracking sind. Die Chinesen bauen die riesigsten Solaranlagen, kaufen aber immer mehr unserer Autos und verpesten damit die Atmosphäre. Wenn ein Wüstenbewohner einen Europäer auffordern würde, lediglich zehn Mal so viel Wasser zu verbrauchen wie er, würde der Europäer bestenfalls lachen. Die Weltklimakonferenz 2015 in Paris soll unbedingt ein Erfolg werden. Vertreter/-innen von 193 Staaten sehen aber die Dinge naturgemäß sehr unterschiedlich. Schwer zu beantworten ist die Frage, warum wir so fest daran glauben, dass ein Elektroauto Nullkommanull Abgas erzeugt. Und warum wir bei der Verzückung über den sauberen Energieträger Gas völlig ausblenden, dass auch dessen Förderung eine ziemliche Umwelt-Sauerei sein kann. Schließlich sind Parteien wie SPD und Linke eigentlich dem Fortschritt verpflichtet. Aber der Kohleabbau sichert die Arbeitsplätze der eigenen Klientel.

Was sagt uns das? Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Das Einzige, was wir zur Rettung der Welt beitragen können, ist Energiesparen. Das aber bedeutet Veränderung, das Investieren von oftmals nicht vorhandenem Geld und obendrein Verzicht. Vor drei Jahrzehnten hat man die Menschen dazu gebracht, es toll zu finden, wenn sie ihre Fischgräten und Milchtüten in der jeweils richtigen Tonne entsorgen. Wenn es um klimafreundliches Verhalten geht, werden die Glückshormone nicht ausgeschüttet. Irgendwie macht Energiesparen keinen Spaß. Den gilt es zu wecken. Sonst wird das nichts mehr mit einer lebenswerten Zukunft. Wahrscheinlich.

 

 

 

März 3rd, 2014

Kleider machen Leute – und täuschen uns

Zu den Grundlagen der journalistischen Ausbildung gehört die Erkenntnis, dass die Schlagzeile “Hund beißt Mann” nicht, die Überschrift “Mann beißt Hund” aber sehr wohl interessant sei. Die Spannung ergibt sich also aus dem Unerwarteten, dem Widerspruch. Man könnte es auch Humor nennen. Nun also hat ein Gast des weltberühmten Küss-die-Hand-Opernballs in Wien einem anderen Frack-Träger einen Kinnhaken verpasst. Die Medien sind begeistert. Tolle Story!

Aber: Was gibt uns eigentlich den Glauben, dass auf Opernbällen ausschließlich zivilisierte Menschen unterwegs sind? Die gibt es, richtig nette sogar. Doch das Gegenteil ist nahe liegender. Solche Ereignisse sind, erstens, das Schaulaufen der Mächtigen, die durch die Wähler/-innen sowie durch das skrupellose Wegräumen etwaiger Konkurrenten nach oben gekommen sind. Sie sind, zweitens, der Treffpunkt des Geld-Adels. Warum aber sollte jemand, der durch seine Kompetenz beim Verlegen von Abwasserrohren reich geworden ist, auf einmal beim Sekttrinken den kleinen Finger abspreizen? Weil er in Smoking oder Frack steckt?

Kleider machen Leute. Aber gerade deshalb täuschen sie uns. Was ist dran, polierte Lackschuhe zu tragen? Wenn man sie sich leisten kann? Und will?

Nein, der wahre Schöngeist bleibt solchen Ereignissen fern. Entweder, weil er Musik tatsächlich genießen möchte. Oder weil ihm der Hintern einer Kim Kardashian trotz aller vorauseilenden Sensationsschilderungen egal ist. Oder weil er die Sprüche von Fernseh-Comedians wie Oliver Pocher nicht lustig finden mag.

Es gibt zu alldem einen bedenkenswerten Satz: “Reichtum ist die Kotze des Glücks.” Der wiederum stammt weder aus einem Pocher-Interview noch aus einem Bushido-Song. Sondern wurde gesagt von dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope. Sehr derb, aber wahr. Der gute Mann trainierte übrigens seine Fähigkeit zum Verzicht, indem er steinerne Statuen um milde Gaben bat. Man möchte sagen: Der ideale Bettler für den Opernball.

 

Februar 27th, 2014

Vertrauen ehrt, aber bringt nicht viel

Wir sind eine merkwürdige Gesellschaft. Wir verehren die edlen Gemüter, die sich ohne Interesse an eigenem Ruhm für andere Menschen einsetzen. Aber mit Geld überschütten wir jene, die uns suspekt oder vielleicht sogar zuwider sind.

Dies ergibt sich aus einer Rangliste der GfK-Marktforschung. Diese hatte in einer Studie  nach den vertrauenswürdigsten Menschen gefragt. Und wie fast  überall auf der Welt liegen auch bei uns die helfenden Berufe vorne. Wir heben den Daumen für Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenpfleger. Wir mögen Lokführer, Polizisten oder Bauern. Über 80 Prozent der Befragten haben solche Menschen für nicht hinterfotzig erklärt.

Auf der anderen Seite schaffen die Mächtigen der großen Politik, wie auch die Stars, die Profifußballer, Fernsehmoderatoren und Schauspieler, nicht einmal die 50-Prozent-Vertrauensquote. Was lehrt uns das? Vielleicht ist Mitleid im Spiel. Die aufrichtigen Helfer wirken auf uns, bei aller Zuneigung, letztlich uninteressant. Wir bedauern sie dafür, dass sie sich ihre schwierigen Jobs für so wenig Geld antun.  Also heucheln wir wenigstens Respekt und Sympathie.

Vielleicht spielt auch unser schlechtes Gewissen eine Rolle. Denn es fällt doch auf, dass die Berufe mit dem größten Sympathievorschuss auch schlecht bezahlt sind. Bei rationaler Betrachtung ist jede Altenpflegerin wichtiger als eine Schlagersängerin. Aber: Feuerwehrleute werden selten reich, Krankenpfleger bekommen eher ein kaputtes Kreuz als eine hohe Rente. Und wenn, wie gerade erneut wissenschaftlich belegt, die extrem ungerechte Verteilung der Vermögen in Deutschland aufgezeigt wird, dann sind die Guten ganz überwiegend bei denen, denen es schlecht geht.

Vertrauen ehrt. Aber es bringt nicht viel. Keine schöne Botschaft. Aber wahr.

 

Februar 17th, 2014

Monstermasten? Schon lauert das Atom

Erinnern wir uns noch an ihn, den Regierungssprecher im blauen Schutzanzug? Vor knapp drei Jahren haben uns die Japaner ein verrücktes Schauspiel geboten. Es hatte eine atomare Katastrophe gegeben, aber die Retter sahen aus wie in einem Godzilla-C-Movie. Trotzdem: Wir alle, unsere Bundeskanzlerin vorneweg, haben schnell erkannt, dass es mit der Kernenergie bei uns nicht mehr weitergehen dürfe. Im Wetterbericht lernten wir die wesentlichen Winde des Pazifischen Ozeans kennen – einstige verbissene Befürworter des Atomstroms drehten sich darin in kürzester Zeit um 180 Grad. Wir wussten: Wenn eine Nation dieser Welt die Energiewende schaffen könnte, dann wir.

Was ist aber ist passiert, um dieses überragende Projekt tatsächlich zu schaffen? So viel doch nicht. Vielleicht haben wir uns eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht sind wir von unseren Stadtwerken zu einem mutmaßlichen Ökostrom-Anbieter gewechselt. Aber die als Fortschritt gepriesenen Elektroautos lassen uns völlig kalt. Und wenn wir ehrlich sind: So arg hat sich unser jährlicher Stromverbrauch seit Fukushima nicht verringert. Wenn überhaupt.

Somit bewegt uns – in Franken und Bayern – gerade die Frage, ob es wirklich sein muss, die Landschaft zwecks Energiewende mit so genannten “Monster-Trassen” zu durchschneiden. Mit stählernen Giganten, die unsere Felder, Wiesen, Auen und Vorgärten bis ins nächste Jahrtausend hinein mit ihrer Extrem-Verspargelung aufs Elendigste verschandeln würde. Ganz davon abgesehen, dass der durch sie geleitete Braunkohle-Gleichstrom Pflanzen mutieren lassen, Haustiere in Bestien verwandeln und Gesichter zum Vibrieren bringen würde.

All diese Last ist bei uns der CSU aufgebürdet. Die Partei, die vor allem dann für alternative Energien ist, wenn sie aus den Därmen und Blasen von Nutztieren gewonnen wird, sieht sich dem Problem gegenüber, dass viele Kommunalpolitiker gegen die Trassenmonster wettern und dafür Beifall bekommen. Normalerweise lassen aufgebrachte Sozis die Schwarzen kalt. Aber es geht auf die Kommunalwahl zu. Und da ist jeder Rathaus- und Kreistagssitz zu verteidigen.

Also stellt man die bereits beschlossenen Stromautobahnen in Frage. Als wäre man nie dabei gewesen. So gewinnt man Zeit. Oder man schafft sogar die Rückkehr zur Vernunft. Es ging ja ohne superhohe Masten. Man müsste nur die Atomkraftwerke laufen lassen. Seien wir gewiss: e.on wird gerne behilflich sein. Auch lange nach der nächsten Wahl.

 

 

Februar 13th, 2014

Wenn Schweine lange Hälse hätten…

Wenn Schweine lange Hälse hätten, wären wir alle Vegetarier. Diese These ergibt sich aus dem Aufruhr der vergangenen Tage. Da war im Zoo von Kopenhagen ein überzähliger Giraffen-Jüngling getötet und vor den Augen des Publikums zerlegt worden. Seitdem herrscht Wut, seitdem wird diskutiert. Erst recht, da bekannt geworden ist, dass in unserem sonst so friedliebenden Nachbarland eine weitere Giraffe geschlachtet und verfüttert werden soll.

Das Drama ist doch: Giraffen sind aus unserer Sicht kein Fall für den Metzger. Wir ordnen diese Spezies in die Kategorie “Süßes Tier” ein. Woraus sich ergibt, dass man davon die Finger lassen muss. Katzen sind für uns ebenso unschlachtbar wie Hunde oder Erdmännchen. Was in unserer Nähe schnurrt, mit dem Schwanz wedelt oder einfach nett erscheint, soll bitteschön ungeschoren bleiben.

Aber steht uns das Schwein nicht näher? Es ist  – wie wir – ein meistens sympathischer Allesfresser, mit dem man als Mensch durchaus reden kann. Das Grunztier ist neugierig, klüger als mancher Schoßhund und empfänglich für Streicheleinheiten. Eine Giraffe dagegen läuft auf hohen Stelzen durch die Gegend, mapft Grünzeug und zwingt Architekten dazu, Gebäude mit extra-hohen Decken zu planen. Sie ist nicht mal stubenrein.

Warum also weint niemand um das tagtäglich zehntausendfach getötete Schwein? Weil es, wenn wir es zu Gesicht bekommen, ziemlich leblos aussieht. Ein Schnitzel hat keinen Rüssel, eine Bratwurst keine Borsten.

Tja, so fern ist uns das nahe Tier, dass uns Tod und Verderben nicht den Appetit rauben. Das Schwein ist für unseren Teller da. Punkt. Schlimm eigentlich, doch trösten mag uns eins: Wenn es um die Giraffe geht, denkt der Löwe genauso.

 

 

Januar 31st, 2014

Kehren für Bier – Der Lohn der Sucht

“Was Krupp in Essen sind wir in Saufen”. Der alte Spontispruch bekommt gerade eine neue Bedeutung. Denn die Ruhrgebietsstadt lässt mit einem Sensations-Modellprojekt aufhorchen. Arbeitslose Alkoholiker/-innen sollen die Straßen reinigen. Ihr Lohn: Fünf Dosen Bier am Ende der Schicht. Ist das nun genial? Oder gaga?

Alkoholkranke zu heilen,ist keine leichte Aufgabe. Nehmen wir bloß das Arbeitsleben: Vorgesetzte wollen sich ein solches Problem nicht aufhalsen und schauen weg. Kolleginnen und Kollegen wollen niemand anschwärzen. Und überhaupt, so lautet eine beliebte Beschwichtigungsparole, arbeiteten Trinker/-innen mit einem gewissen Promillepegel besser. Für Suchtkranke ist somit der Absturz wahrscheinlicher als eine erfolgreiche Therapie.

Wer den Kampf gegen den Alkohol verloren hat, könnte also, so das Kalkül im Essener Rathaus, durch den Spezialjob zumindest einen strukturierten Tag bekommen. Er/sie würde während der Arbeit weniger trinken als auf der Parkbank. Und fünf Bier zum Feierabend seien eine angemessene Dosis.

Clever, dieser Ansatz. Aber gefährlich. Auch andere Suchtkranke könnten ihren Lohn fordern. Tablettenabhängige würden sich nicht mehr mit vielen bunten Smarties zufrieden geben. Ecastasy-Fans würden steuerfinanzierte Steigerungsformen von Red Bull einfordern. In den Tarifverhandlungen für spielsüchtige Straßenkehrer würde die Casino-Flatrate ins Spiel gebracht werden. Und, und, und…

Nein, lassen wir das. In Essen und anderswo. Wer Arbeit mit Sucht belohnt, lässt die kranken Menschen fallen. Setzen wir lieber auf Therapie. Weiten wir den Kampf gegen Abhängigkeiten aus und sorgen wir für eine bessere Welt.

Gehen wir zum Beispiel die in den Chefetagen verbreitete Yacht-, Villen-, Geld- und Golf-Sucht an. Wenn das gelingt, würden auch niedrigere Gehälter die Lebenshaltungskosten unserer Manager  decken. Und vielleicht erkennt der eine oder andere Macher sogar dieses: Sekt mag fein sein. Aber Sodbrennen durch Dosenbier ist eher unbekannt.

Januar 15th, 2014

Wenn Tourismus hinterfotzig wird…

Es ist also “Sozialtourismus”. Das “Unwort des Jahres” gehört zu jenen Erfindungen, für die man der hohen Wissenschaft zutiefst dankbar sein darf. Deckt es doch die Hinterfotzigkeit dieser politischen Parole auf, welche uns ausschließlich Folgendes suggerieren soll: Passt auf. Das Fremde ist böse. Wir aber beschützen Euch.

Man muss das Unwort 2014 nicht unbedingt negativ lesen. Tourismus kann ausgesprochen sozial sein. Dann nämlich, wenn er dazu beiträgt, dass es den Menschen in der besuchten Region besser geht. So, wie es früher bei den Ägyptern war, welchen wir aber den Rücken gekehrt haben, weil sie uns wegen ihres Strebens nach Demokratie bedrohlich erscheinen. Der so genannte Ballermann auf Mallorca stand für die Variante Asozialtourismus. Die Unkultur der Saurauslasser soll es ja auch geben.

Aber dem nunmehr Sprachschöpfer des Unworts ging es um etwas anderes. Er will uns einreden, dass es dunkelhaarige, braunäugige, ungepflegte Menschen gibt, die mit ihren Schrottkisten nur deshalb in unsere Städte kommen, weil sie auf der Durchfahrt die famosen Hartz-IV-Leistungen mitnehmen oder anderweitig schmarotzen wollen. Subjekte, die man nie in unseren schönsten Kirchen und Museen lustwandeln sehen wird. Sie machen uns Angst. So sehr, dass der freistaatsgläubige Altöttinger Saufkopf nach jedem Schluck den Bierdeckel auf den Maßkrug legt, damit ihm kein Bulgare überfallartig die Schaumkrone vom Madonnen-Schwarzbräu wegschlürft.

Warum aber wird uns die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt ins Gehirn gedübelt? Warum wählt man nett klingende Begriffe? Wahrscheinlich, weil man “Zigeuner” nicht mehr sagen darf.

Die Hinterfotzigkeit der aktuellen politischen Kampagne ist doch, dass man so tut, als wäre Armut kein ehrbarer Grund, eine neue Heimat zu suchen. Das ist nicht immer so. Wenn irgendwo in Deutschland eine größere Fabrik schließt oder wenn ein Firmenstandort verlagert wird, schreien Wirtschaft und Politik laut nach der Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer diese zeigt, wird ausdrücklich gelobt.

Und: Sind nicht ab Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Deutsche auf Dampfschiffen vor ihrer Armut nach Amerika geflüchtet? Wie ist es mit den Sudetendeutschen, die von Gewalt und Enteignung in die Flucht geschlagen wurden? Werden sie nicht in Festreden als “der vierte Volksstamm Bayerns” gefeiert? Und zwar mit besonderer Hingabe von CSU-Politikern?

Ja aber, kommt es dann, das seien schließlich Landsleute, Menschen von unserem Blut. Dazu fällt mir: Mein Arzt hat schon mehrfach meinen Hämoglobin-, Harnsäure oder Cholesterinwert ermittelt. Den Deutschseins-Koeffizienten noch nie. Das Mann muss bei den Grünen sein…

 

 

 

 

 

 

Januar 12th, 2014

Auch schwul ist die Wahrheit auf’m Platz

Und jetzt auch das große ZDF-Interview…  Ich finde, dieser Thomas Hitzlsperger macht einen bewundernswerten Job. Allerdings ist mir das mediale Ausmaß der Geschichte verdächtig. Entwickelt sich die Diskussion über Homophobie, die der Mensch Hitzlsperger anstoßen will, zu einer Kampagne, die nach einem wohl bekannten Muster abläuft? Mords-Getöse, das Thema wird auf allen Kanälen rauf und runter gespielt – und nach spätestens drei Wochen im Aktenordner “Gerechtigkeit, erledigt” abgeheftet.

Mich hat Hitzlspergers Bekenntnis nicht so übermäßig aufgewühlt. Einfach, weil es egal ist, wen ein Fußballer liebt. Entscheidend sind verhinderte und erzielte Tore. Die Wahrheit ist auf’m Platz und nicht im Bett. Warum also rein Privates diskutieren? Aber wahrscheinlich wird diese wurschtige Haltung dem Problem nicht gerecht. Denn tatsächlich werden Fußballer, speziell solche, die damit vor großem Publikum Geld verdienen wollen, wegen ihrer Homosexualität diskriminiert. Sofern sie offen damit umgehen.

Das zu ändern, ist notwendig. Es wird aber dauern. Denn die Hoffnung, dass sich Fußballstadien ab sofort nur noch mit aufgeklärten und toleranten Menschen füllen werden, ist trügerisch. Zumal gerade beim Fußball Feindschaften zwischen Vereinen gepflegt werden, die zum Teil noch aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen. Wenn Fans eigentlich nicht wissen, warum man die anderen verachten muss, greifen sie zu Schmähungen, die den Gegner vielleicht verletzen könnten. “Schwule Sau” ist so eine, die Hautfarbe von Spielern gibt es auch noch.

Homophobie steckt noch immer tief in vielen Köpfen. Wenn ein namhafter baden-württembergischer CDU-Politiker gerade mit dem Satz zitiert wird, seine Partei sei tolerant gegenüber “anderen Lebensformen”, dann erklärt er Schwule und Lesben geradezu zu Aliens. Und Klischees gibt’s reichlich. Mit Blick auf den Fußball wird man Innenverteidiger nicht als homosexuell ansehen, bei Torhütern und Linksaußen sind wir nicht so sicher. Oder andere Sportler: Kugelstoßer, Hammerwerfer und Rubgby-Spieler betrachtet man als heterosexuell, bei Eiskunstläufern, Turmspringern oder Doppelsitzer-Rodlern sieht man die Sache anders.

Diese und andere Schwul- und Nicht-Schwul-Listen müssen aus den Köpfen verschwinden, Erst dann ist es gut. Denn niemand ist genau so, wie die anderen meinen, dass er sein sollte. Sondern im besten Fall er/sie selbst.

Januar 1st, 2014

Gute Vorsätze? Nö, die CSU macht Angst

Gute Vorsätze für das neue Jahr? Nein, das lasse ich diesmal besser bleiben. Zu schwer wiegt die aktuelle Drohung der CSU, “Wer betrügt, der fliegt”. Und, ja, ich habe mich und andere an Silvester schon zu oft selbst betrogen. Ich habe mir heilige Versprechen gegeben und sie nach spätestens drei Tagen gebrochen. Das würde ich wieder tun, der Rauswurf aus dem Freistaat Bayern wäre denkbar. Also gibt’s für 2014 keine offiziellen Pläne.

Dabei bin ich keineswegs völlig gescheitert. Seit zirka 20 Jahren bin ich mir mit mir einig, dass ich im jeweils neuen Jahr abnehmen sollte. Stattdessen bin ich schwerer geworden. Unter Anwendung der hellenischen Prinzipen der EU-Troika war ich gleichwohl erfolgreich. Denn meine regelmäßigen Mahnungen an mich selbst haben ein Abflachen meiner Zunahme-Kurve bewirkt. Ohne gute Vorsätze wäre ich längst so weit, dass mich das Rote Kreuz im Falle einer Krankheit mit einem Kranwagen abholen müsste. Bewältigt ist die Krise nicht, jedoch in ihrem möglichen Ausmaß begrenzt worden.

Eine ganz andere Frage ist, ob ich mich und andere überhaupt betrogen habe. Wäre ich eine Partei, dann eher nicht. Schließlich gehört es zum Wesen der Politik, mehr zu versprechen, als erreicht werden kann. Man nennt das Wahlprogramm oder (in besonders freigeistigen Talk-Shows) Vision. Sobald gewisse Pläne aufgeschrieben oder verkündet sind, ist allerdings auch den Wählern klar, dass diese scheitern werden. Es gibt ja so viele Gründe dafür. Mal sind es die äußeren Umstände im Allgemeinen, mal eine plötzliche Krise, die Sorge um den Industriestandort oder einfach ein böswilliger Koalitionspartner.

Das Gute für Parteien ist allerdings, dass ihre guten Vorsätze gerne vergessen werden. Nur selten kommt es vor, dass, wer betrügt, auch fliegt. Das passiert vor allem nicht, wenn eine Partei als unverzichtbar angesehen wird. Wie die CSU in Bayern. Deshalb glaubt sie, dass sie Rumänen und Bulgaren generell unter Betrugsverdacht stellen, ihr nahe stehende entlarvte Betrüger aber verteidigen kann. Sie darf das. Das Volk erlaubt das.

Für mich wiederum gilt eine andere Wahrheit, nämlich “Jeder Mensch ist ersetzbar”. Also halte ich mich zurück. Bis das Rauswurf-Versprechen der CSU vergessen ist. Ich rechne damit etwa sechs Wochen nach der Europawahl. Bis dann!

 

 

 

Dezember 8th, 2013

Wie lange wollen wir leben?

Zum Wesen unseres Daseins gehört das Dilemma. Wir stehen vor Entscheidungen, die uns zuwider und dabei nicht mal mit Gewissheit richtig sind.

So geht es den SPD-Mitgliedern, die gerade entscheiden müssen, ob sie Angela Merkel als Bundeskanzlerin ertragen wollen. Es geht noch schlimmer: Würde man, wenn man in einem überfüllten Boot sitzt, zehn Menschen ins Wasser stoßen, um 70 andere zu retten? Grundsätzlich lautet die Frage so: Wie lebe ich am wenigsten verkehrt?

Gerade hat die Regierung von Großbritannien ihre neuesten Pläne für die Sozialversicherung bekannt gegeben. Das Renteneintrittsalter soll demnach anhand der durchschnittlichen Lebenserwartung ermittelt werden. Werden die Leute älter, bleiben sie auch länger im Job. Auf der Insel würde die aktuellste Berechnung dazu führen, das heute 20-Jährige mit 70 Jahren in den Ruhestand gehen könnten.

Das schockt uns. Schließlich vermuten wir (ohne statistische Absicherung), dass die Briten eine geringe Lebenserwartung haben. Das Essen ist schlecht, der Bierkonsum ist hoch, der Linksverkehr ist eine Gefahr an sich. Wenn dort schon das Rentenalter 70 gelten soll – was blüht dann uns?

Und schon sind wir mittendrin im Dilemma. Wir haben ja schon viel getan. Unseren Lungen zuliebe mit dem Rauchen aufgehört, dem Übergewicht trotzend mit dem Joggen begonnen. Wir schieben schon das zweite Bier zur Seite und trinken missmutig linksdrehendes Vogesen-Wasser oder schlabberigen Holundersprudel. Wir achten auf ausreichend Schlaf, unterbrechen unsere Büroarbeit alle drei Stunden für dreiminütige Dehnübungen. Statt Bratwurst gibt es Tofu. Auch weitere Gefahren des Alltags vermeiden wir, so gut es irgendwie geht.

So werden wir es schaffen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in diesem Land auf 90Jahre und mehr steigen wird. Zum 115. Geburtstag wird man über uns berichten: “Er liest noch jeden Tag seine Zeitung.”

Es fragt sich: Ist es gut, ein gesundes, aber langweiliges Dasein auszudehnen? Oder würde es sich mehr lohnen, wenn wir alle immer wieder mal die Sau rauslassen und dafür ein paar Jahre früher sterben würden? Früherer Renteneintritt inklusive?

Wie man es macht, ist es verkehrt. Auch dieser Satz hat seinen Charme. Das Dilemma, es bleibt uns!

November 28th, 2013

Ein Rutsch geht durch Deutschland

Monstertaifune, Tsunamis, Erdbeben, Dürreperioden: Naturkatastrophen plagen diese Welt, und sie werden, wie es scheint, immer häufiger. Auch wir leiden. Denn wenn es passiert, steht alles still. Knochen bersten, Nerven und Sehnen reißen. Was aber ist diese vernichtende Urgewalt? Die Antwort: Drei Zentimeter Neuschnee.

Bei uns in Nürnberg war es gerade wieder soweit. Die Schneeflocken fielen, hatten sich aber als Zeitpunkt ausgerechnet den morgendlichen Berufsverkehr ausgesucht. Die Folge: Die Männer in den Räum- und Streufahrzeugen meinten es zwar gut, standen aber mit den gestressten Zeitgenossen in den Autos einträchtig im Stau. Es gab kein Entrinnen, dafür aber Einsätze mit seltsamen Geräten. Kleinen Traktoren etwa, an die vorne eine gelbe Bürste gespannt war. Damit sollten Fußgängerüberwege freigemacht werden. Stattdessen wurde der frische Schnee plattgewalzt, so dass eine richtig glatte Fläche zurückblieb. Wir sahen den Laubsauger des Frostes.

Das Gesamtergebnis: Jammer, wohin das Auge blickte. Selbst deutscheste Autofahrer drückten die Verzweiflungshupe. Es war wie immer beim ersten Wintereinbruch. Wobei man sich wundern darf. Denn Schneefall verlängert nicht die Länge der Strecken. Wenn alle Menschen 20 Minuten früher losfahren würden und entsprechend langsamer unterwegs wären, müsste doch alles wie sonst auch sein. Meint man – als schlichtes Gemüt.

Man fragt sich auch, wie jene Menschen unsere Probleme anschauen würden, die in den Weiten der USA oder Kanadas leben und schon deshalb mächtige Geländewagen fahren, damit sie sich bei Schneefall eine minimale Chance bewahren, oben rauszuschauen. Vielleicht würden sie sich wundern. Spätestens aber dann verstehen, wenn man ihnen erklärt, dass vom Parlament des lustig-derben Lederhosenlandes Bayern wegen eines einzigen Tieres dieser Spezies ein Braunbärenbeauftragter ernannt wurde.

Geben wir es zu. Wir sind verweichlicht. Wir halten nichts aus. Wir drehen durch, wenn es anders kommt als gewohnt. Worin ein Auftrag für unsere famose Industrie liegt. Kann man nicht Autos erfinden, die durch den Auspuff Streusalz versprühen? Wie wäre es mit kleinen Schaufeln, die bei Schnee und Matsch vor den Reifen heruntergelassen werden? Wo bleibt das Allwetter-Luftkissen-Elektro-Nullemissions-SUV? Brauchen wir Salz-, Sand- und Blähton-Drohnen, die das rettende Material von oben verstreuen? Rüstungskonzerne müssten das können. Schwerter zu Schneepflugscharen.

Oder aber wir reißen uns zusammen. Begreift es endlich: Es muss ein Rutsch durch Deutschland gehen.

 

 

November 10th, 2013

Wir Franken und die Suche nach Glück

Zwei Aspekte treiben jeden modernen Menschen um: Die Suche nach dem Glück und das so genannte Benchmarking. Wir wollen unseren Sorgen die lange Nase zeigen. Wir wollen aber auch wissen, wie wir im Vergleich mit anderen dastehen. So gesehen hat es uns Franken zuletzt böse erwischt. Laut einer wissenschaftlichen Studie sind wir die unglücklichsten Menschen in Westdeutschland.

Die Ossis der alten Bundesländer möchten wir nicht gerne sein. Aber so haben sie uns eben eingestuft, die Macher/-innen des “Glücksatlas 2013″. Tja, woran kann es liegen? Zunächst ist festzuhalten, dass die Daten für die Studie vor dem Beschluss für Markus Söders Heimatministerium gesammelt wurden. Der davon ausgehende Glücksschub sollte nicht unterschätzt werden. Der Umstand, dass Greuther Fürth mit einer tragischen Bilanz abgestiegen ist, kann ganz Franken nicht unglücklich machen. Ebenso wenig die ständige Krise beim 1. FC Nürnberg. Die kennt man.

Oder lag es daran, dass die Forscher/-innen aus Freiburg vor Ort recherchiert haben? Wer unsere Stimmung erkunden möchte, und sich zu diesem Zweck ohne schlüssige Begründung an einen mit einem Einheimischen besetzten Wirtschaftstisch setzt, wird keine Glückgefühle erspüren. Wer wiederum beim Biohändler die für uns typische Konsumenten-Frage “Gell, an Sellerie hamm Sie heid net?” hört, macht schnell den Haken im Kästchen “Volksgruppe hadert mit gesundem Essen”. Warum am Ende die Schleswig-Holsteiner als glücklichste Volksgruppe im deutschen Glücksatlas stehen, ist indes erklärbar. Die Einheimischen sind notorisch schweigsam und somit komplett undurchsichtig. Auskünfte haben lediglich Dänen auf Durchreise gegeben, ihres Zeichens Spitzenmenschen im Weltglücksverzeichnis.

Was aber helfen uns diese Erkenntnisse? Eigentlich nichts. Denn es gibt auch anderslautende bis verwirrende Erkenntnisse. Nach einer ganz frischen Untersuchung hat Franken – wenn auch dank der Innovationskraft in Erlangen – gute Zukunftschancen. Die Versorgung mit Prostituierten ist in Nürnberg auffällig hoch. Wir haben ja auch die Internationale Waffenmesse. Dramatisch verbessert, nämlich von Platz 19 auf 13, hat sich Nürnberg im europäischen Zoo-Ranking. Obwohl das Lieblingstier der Deutschen, der Elefant, bei uns nicht herumsteht. Im “Niveau-Ranking’” der unsäglichen Initiative Soziale Marktwirtschaft wiederum landet Nürnbergauf Platz 11 von 50.

Aufschlussreich auch das Städteranking der Zeitschrift “Wirtschaftswoche”. 94,7 Prozent der Befragten bewerteten dabei die öffentliche Sicherheit positiv. Wenn man nun noch sieht, dass im nationalen Faulheits-Ranking Nürnberg auf Platz 40 von 50 gelistet ist, kommen wir zu folgendem Fazit: Wir leben langweilig, aber wir arbeiten hart dafür.

Die Städter mit dem größten Drang zum Totschuften sind übrigens die Münchner. Da sagt der Franke “Das gönnen wir denen”, grinst zufrieden – und hat auf der Stelle einen Glückspunkt mehr. Man sieht, es geht doch.

 

 

Oktober 23rd, 2013

Wo Respekt ein Fremdwort ist

Kennen Sie das? Respekt? Es ist ein Wesenszug, der unserer Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt. Besonders deutlich zeigt sich das in der Wirtschaft.
Wenn Angela Merkel die Hände vor den Kanzlerinnen-Nabel legt, spricht sie auch gerne von der sozialen Marktwirtschaft. Abhängig beschäftigte Menschen seien den Ausbeutern nicht hilflos ausgeliefert. Dies sei in vielen Jahrzehnten Demokratie erreicht worden.
Stimmt schon, bloß: Bei uns wird die Uhr zurückgedreht. Es war doch die Verheißung eines humanen Wirtschaftens, dass Arbeitnehmer/-innen keine Zukunftsangst haben müssten. Wer sich in seinem Betrieb etabliert hatte, konnte davon ausgehen, dass seine Treue geschätzt und er seinen „wohlverdienten Ruhestand“ mit einer auskömmlichen Rente verbringen konnte. Die Grundbotschaft lautete „Du bist Dein Geld wert“.
Da hat sich der Tonfall grundlegend geändert. Wer arbeitet, ist für viele Arbeitgeber in erster Linie ein Kostenfaktor, der minimiert beziehungsweise prekarisiert werden muss. Wer eine faire Bezahlung fordert, muss zumindest ein schlechtes Gewissen haben, weil er damit seine Firma ruinieren könnte. Die Botschaft 2013 lautet: „Du bist Dein Geld nicht wert. Jedenfalls nicht jetzt.“
Unter diesem Motto ist eine neue Währung entstanden, nämlich die Aussicht auf späteren Ruhm. Daran kann mit Gratis-Praktika bei öffentlichen Einrichtungen wie Kulturbüros oder bei namhaften Architekten gearbeitet werden. Oder auch mit freier Mitarbeit in der Medienbranche.
Ein gutes aktuelles Beispiel ist die gerade gestartete deutsche Ausgabe der „Huffington Post“. Diese Internet-Zeitung war in den USA entstanden, um George W. Bush und seinen konservativen Medienjüngern als Fackel der Freiheit Paroli zu bieten. Bei uns wird sie vom konservativen Burda-Verlag herausgebracht. Wobei dieser nicht die Welt verbessern, sondern möglichst schnell Geld verdienen möchte.
Das Geschäftsmodell funktioniert aus Verlagssicht so: Du gibst uns Deine Texte und Bilder gratis. Wir bekommen die Vermarktungsrechte. Falls es mit einem Text rechtliche Probleme gibt, musst Du das selber regeln. Als Gegenleistung versprechen wir, dass Dich so viele Menschen lesen werden, wie nie zuvor in Deinem Leben. Was Du schreibst, ist uns nicht so wichtig.
Ist das Respekt? Sicher nicht, denn dieser drückt sich auch dadurch aus, dass arbeitende Menschen an der Wertschöpfung ihrer Firma beteiligt werden.
Jedoch, dass das Gegenmodell funktioniert, liegt auch in unserer Natur. „Aus Angst, mit Wenigem auskommen zu müssen, läßt sich der Durchschnittsmensch zu Taten hinreißen, die seine Angst erst recht vermehren“, formulierte schon der griechische Philosoph Epikur. Womit wir auch lernen: Wer keine Achtung vor sich selbst hat, wer alles mitmacht, ist des Ausbeuters bester Freund. Wir brauchen Respekt!

Oktober 18th, 2013

Zu Hilfe, wir werden immer müder

Es passiert selten, aber es passiert: Eine Nachricht wird in die Welt gesetzt – und plötzlich sind Dir die Augen geöffnet. Du liest, hörst und verstehst. So geschehen mit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis: “Schlaf reinigt das Gehirn.”

Demnach dürfen wir sicher davon ausgehen, dass wir alle dümmer oder grantiger werden. Woran das Fernsehen schuld ist. Zwingt es uns doch dazu, lange wach zu bleiben. Es ist doch so, dass es bis tief in die Nacht dauert, ehe der quotenträchtige Sendeschrott abgearbeitet ist. Wen nicht interessiert, wer eine nette Schwiegermutter bekommt oder welcher Prominente das größte Wissen über australische Beuteltiere hat, braucht Geduld. Interessante Reportagen laufen bevorzugt kurz vor Mitternacht.

Um diese Uhrzeit enden die sensationellen Shows der privaten Kanäle. Was nicht anders sein kann, weil es jeweils 30 Minuten braucht, die Hotline-Nummern und den Hauptgewinn des Abends vorzustellen. Von der Stunde weiterer Werbung ganz zu schweigen.

Zweites Drama: Unser geliebter Fußball. Früher haben Spiele um 19 Uhr begonnen, die Interviews dauerten maximal drei Minuten. Heute ziehen sich Länderspiel- oder Champions-League-Berichte gerne mal bis kurz vor Mitternacht. Wenn, wie diese Woche, Armenien und Russland erst um 23.30 Uhr gezeigt und hinterher noch “Pelzig hält sich” läuft – wer soll da mit sauberem Gehirn in den neuen Tag starten? Bald kaum jemand mehr, denn: Wir sind übermüdet, wir werden immer müder. Wir werden denkfaul und grantig. Unsere Gehirne verstauben, es knirscht im Kopf.

Und einen Ausweg gibt es nicht. Für Politik, Kultur und sonstiges Niveau gibt es nur die späten Sendeplätze. Und so bleibt uns, wie so oft im Leben, nur der flehende Blick nach oben. Wir beten also “Herr, lass’ Hirn vom Himmel regnen” und hoffen auf frisches Material. Denn wacher werden wir nicht.