Die Gier siegt über die Gerechtigkeit

Recht und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe, manchmal geht beides für uns überhaupt nicht zusammen. Das Ende des Gerichtsverfahrens um den Formel-1-Strippenzieher Bernie Ecclestone ist so ein Fall. Er hat einem kriminellen Banker mächtig Geld zukommen lassen, zahlt eine mehr als doppelt so große Summe an die Staatskasse – und verlässt das Gericht quietschfidel als freier Mann. Wir sitzen da mit offenem Mund. Diese Welt verstehen wir nicht mehr.

Es bringt uns sowieso ins Grübeln, dass ein einzelner Mann mit schnellen Autos in internationalen Kreisverkehren mehr Geld verdienen kann als 99 Prozent der Weltbevölkerung.  Denn wo 100 Millionen Dollar angesichts der Verdienst- und Vermögensverhältnisse als angemessen gelten, muss ein Vielfaches vorhanden sein. Man will einen begnadeten alten Zocker, der heute noch der Freund schönster Frauen ist, aber bald schon ein Pflegefall sein kann, schließlich nicht komplett ruinieren.

25 Millionen Dollar hatten Ecclestone und seine Anwälte selbst angeboten. Also kommt die Frage: Wenn einer bereit ist, nochmal das Dreifache draufzulegen, spricht das dann nicht sehr dafür, dass er Dreck am Stecken hat? Müsste ein Gericht an dieser Stelle nicht “Stopp!” sagen und das Angebot zurückweisen?

Moralisch betrachtet ganz bestimmt. Das jedoch interessiert nicht. Nach dem 100-Millionen-Deal wurde erklärt, dass eine Verurteilung des Angeklagten nicht sicher gewesen sei. Wenn nun schon die Staatsanwaltschaft erkennen lässt, dass sie auf dem Basar mitspielen würde, fällt es den Richtern sowieso schwer, anders zu entscheiden. Man weiß nicht, was in deren Beratungszimmer alles gesprochen wurde. Aber die Einstellung des Verfahrens war nur mit der  Zwei-Drittel-Mehrheit sämtlicher hauptberuflicher und ehrenamtlicher Richter möglich. Gänzlich absurd kann die Entscheidung also nicht gewesen sein.

Nun gut, immerhin profitiert die bayerische Staatskasse dramatisch in Form von 99 Millionen Dollar. Ja, es gibt sogar eine Million für ein Kinderhospiz in Olpe.

Das ist schön. Aber bitte: Nenne niemand Bernie Ecclestone deshalb einen Wohltäter. Das wäre der allerletzte Sargnagel für die Gerechtigkeit.  Übel ist es uns auch so.

 

 

 

 

Schröpfer-Alex und die fremden Autos

Politiker, wie auch Gewerkschafter, Pfarrer, Sozialarbeiter und andere Beseelte, kämpfen in diesem Leben vor allem für eines: Gerechtigkeit! Man könnte auch sagen, dass es das Ziel der Arbeit der Angehörigen dieser und verwandter Berufsgruppen ist, den Himmel auf Erden zu schaffen. Aber das ginge beim Thema Pkw-Maut dann doch zu weit. Grenzenlose Freiheit verspricht dieses Projekt ja nicht.

Oder doch? Über die Vignette erwirbt der inländische Autofahrer eine Flatrate für alle Straßen. Unbegrenzt darf er von der Spielstraße bis zu achtspurigen Autobahn alle Fahrbahnen benutzen – und sich zudem daran freuen, dass die holländischen Wohnwagenbesitzer den Verkehr nicht mehr kostenfrei behindern dürfen. Wir sparen schließlich bei der der Kfz-Steuer. Unsere Straßen gehören uns. Und wer drauf will, zahlt gefälligst. Sagenhafte 71 Prozent der Bundesbürger finden dies gut. Dies besagt eine Umfrage des Institus dimap (die die CSU bezahlt hat, aber das ist selbstverständlich nebensächlich – sagen die Meinungsforscher).

Also alles in Butter? Das leider nicht. Denn das Konzept der Pkw-Maut trägt die schlimmen Aspekte des deutschen Steuerrechts in sich. Auch dieses folgt dem Prinzip “Himmel auf Erden”, was bedeutet, dass es einerseits Gerechtigkeit für Alle schaffen, aber andererseits jedem Einzelfall gerecht werden will. Am Ende wird es derart kompliziert, dass es, wie beim Steuerrecht, einer blutigen Revolution bedürfte, um Nachhaltiges zu ändern. Wenn wirklich alle Öko-Aspekte für die Zuweisung der Vignettenfarbe beachtet werden sollen, dürfte es bunt werden auf den Autoscheiben. Und warum für Elektroautos nichts bezahlt werden soll, ist schwer nachvollziehbar. Kann man doch seriös nur Luftkissenfahrzeugen bescheinigen, dass sie den Straßenbelag nicht abnutzen.

So bleibt diese Maut ein rätselhaftes Ding. Und warum einer, der zum Schröpfer-Alex mutiert, beim Vorstellen seiner Idee so selbstzufrieden grinst, fragt man sich auch. Er ist eben beseelt, unser Minister Dobrindt.

 

Nach dem Biss des wilden Stürmers

Nach den Grundregeln der journalistischen Kunst ist die Schlagzeile “Hund beißt Mann” wertlos, die Schlagzeile “Mann beißt Hund” hingegen sensationell. Jetzt lernen wir, dass auch “Mann beißt Mann” enorme Aufregung zu generieren vermag. Zumal dann, wenn berühmte Fußballer beteiligt sind.

Da hat also Luis Suarez, Nationalspieler Uruguays mit knapp 7,5 Millionen Facebook-Verehrern, bei der WM den Italiener Chiellini an der Schulter attackiert. Und weil er das alte Sprichwort “Man soll den Bissen nicht größer nehmen als der Mund ist” nicht beachtet hat, plagten ihn hinterher ziemliche Zahnschmerzen. Eine brutale Sperre durch die Fifa gab’s obendrauf.

Wirklich wundern musste man sich nicht. Suarez verfügt über auffällige Schneidezähne, weshalb man ihn schon bisher wahlweise als Mörderkaninchen oder als geheimen Sohn von Queen-Sänger Freddie Mercury wahrnehmen konnte. Er ist zudem Wiederholungstäter. Schließlich: Uruguay gilt seit jeher als Land der ungesunden Härte. Auch das übelste aller Fouls, die Blutgrätsche, soll gängigen Fußball-Legenden zufolge dort erfunden worden sein.

Warum aber regt uns gerade ein Biss so auf? Weil er das Böse signalisiert. In seiner schlimmsten Inkarnation ist der Beißende ein Vampir. Ein Untoter, der die Tagschicht im Sarg verschläft, um nächtens das Blut schönster Frauen zu saufen. Das ist nicht nur hinterlistig, sondern extrem dekadent. Als ehrlich, aber trotzfdem bissig gelten Wolf, Bär, Hund, Hai, Kreuzotter und Schnappschildkröte.

Die Gefahr, völlig überraschend in ein empfindliches Körperteil gezwickt zu werden, droht also immer und überall. Und deshalb lehrt ein Suarez auch uns das Schauern.

Was aber tun? Die Antwort ist nicht leicht, denn man steckt in keinem Lebewesen drin.  Der große Mark Twain hat die Lösung schon vor über 100 Jahren formuliert: “Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen.” Probieren könnte man es aber mit Knoblauch-Deo, was ja wenigstens Vampire abhalten soll. Ermutigende Erfahrungen mit dem Einsatz von Spray hat die Fifa ja bereits gesammelt.

FDP-Büste auf der Resterampe

Es ist so im Leben: Auch Bedeutendes siecht irgendwann dahin. Bei Bayern München mag es noch ein bisschen dauern. Doch selbst das weltbeherrschende römische Reich ging letztlich zugrunde. Ursache hierfür war die spätrömische Dekadenz. Womit wir bei der FDP wären. Deutschlands Partei mit der längsten Nachkriegs-Regierungszeit scheint zu verschwinden.

Wenn das Ende einer Beziehung naht, wird abgerechnet, wird das Tafelsilber verscherbelt. Beim Ende einer Beziehung von Volk und Partei ist es nicht anders. Und so hat die abgewählte liberale Bundestagsfraktion eine besondere Devotionalie meistbietend zum Verkauf ausgeschrieben: Bis zum 17. Juni kann ein Angebot für eine Bronze-Büste ihres ersten Parteivorsitzenden Theodor Heuss abgegeben werden.

Wenn man die Klientel der FDP berücksichtigt, sollte sich ein Zahnarzt oder Steuerberater finden, der ein ordentliches Sümmchen locker macht. Aber ideell ist es ein Frevel. Ganz so, als würde die CSU ein Bildnis von Franz-Josef-Strauß verscherbeln. Zumal Theodor Heuss in der Tat ein Vorzeige-Liberaler war, der Staatsgewalt immer wieder ironisch kommentierte. Als die Bundeswehr nach der Wiederbewaffnung zu seinen Ehren des Bundespräsidenten Heuss angetreten war, verabschiedete dieser die Soldaten mit dem Satz “Nun siegt mal schön”.

Aber die FDP braucht das Geld. Sie muss sich aber auf der Versteigerungsplattform Vebeg großer Konkurrenz erwehren. Denn das Verwertungsunternehmen des Bundes hat ein ganz ungewöhnliches Angebot. Es gibt dort auch gebrauchte Feuerwehrautos, Kaffeeautomaten, Feldküchen, Turnmatten und Schleppboote Marke “Schottelwerft”. Und wer lieber Klamotten shoppen geht, kann auf 8,65 Tonnen Feld- und Bordhosen oder auf  5,25 Tonnen Oberhemden bieten.

Auch das liest sich, als wäre eine Abwicklung im Gange. Vielleicht waren die Hemden ja von Dirk Niebel bestellt worden. Als Teil seiner marktwirtschaftlich orientierten Entwicklungspolitik. Doch das ist Spekulation. Sicher ist, dass die FDP auf absehbare Zeit keine Büsten mehr in Auftrag geben wird. Rainer Brüderle in Bronze gegossen wäre allerdings wirklich ein seltsames Produkt.

 

 

Nur zu: Fordern macht sympathisch

“Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.” Der alte Dichterfürst und begabte Säufer Johann Wolfgang von Goethe hat uns diesen Floh ins Ohr gesetzt. Also gilt für unsere Karriereplaung: Wer immer Treu und Redlichkeit übt, wer anderen bereitwillig zur Hand geht, der wird im Leben schließlich belohnt. Er wird beliebt, geliebt und berühmt werden – und kommt am Ende in den Himmel. Schöne Theorie. Sie stimmt bloß nicht.

Mancher glaubt, dass er für das Wohlbefinden seiner Umgebung höchstpersönlich verantwortlich sei. Man nennt das auch Co-Abhängigkeit. Wer an dieser Krankheit leidet, legt es darauf an, anderen Menschen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Du möchtest Urlaub in der Zeit, wenn ich wegfliegen möchte? Bitteschön, nimm ihn Dir! Du möchtest Kaffee? Ich koch ihn dir. Du machst diese Arbeit nicht so gerne? Ich erledige sie für dich.

Bestmöglicher Kollege, meint man. Doch wer immer nur hilft, wird auch recht schnell zur Nervensäge. Denn in unserem Kopf läuft etwas anderes ab. Sagen die Psychologen.

Unser Gehirn braucht Harmonie, es braucht das Gleichgewicht. Es folgt dem von Experten so genannten “Benjamin-Franklin-Effekt”. Der frühere US-Präsident hatte erfahren, dass einer seiner Kontrahenten ein seltenes Buch besessen hat. Er gab sich einen Ruck – und bat den anderen, ihm dieses Werk für ein paar Tage auszuleihen. Dieser tat ihm den Gefallen, aus Feindschaft wurde eine lebenslange Freundschaft. Und deshalb gefallen uns auch die nicht Hilfreichen, Menschen, die etwas von uns wollen und das auch aussprechen. Weil unser Hirn nämlich zu wissen glaubt, dass wir nur solchen Menschen einen Gefallen tun, die wir mögen. Fordern oder nachfragen – das macht sympathisch. Es führt zu Anerkennung.

Und somit ist die Frage beantwortet, warum Chefs , die ihre Sekretärinnen Kaffee kochen lassen, deshalb nicht zwingend unten durch sind. Genauso wenig wie die Mitarbeiter/-innen, die mehr Geld fordern. Alsdenn, lasst das Buckeln, seid ruhig mal dreist. Euer Gehirn – und das der anderen auch – wird es euch danken.

Das Unfassbare: Bayern lernt Demut

Gerade wurde gemeldet, dass sich der “GfK-Konsumklima-Index” eingetrübt habe, Grund sei die Krim-Krise, heiß es. Diese nehme den Konsumenten die Lust auf neue Kühlschränke. Doch jetzt geht der Abschwung richtig los. Das schlimme Wort heißt Bayern-Krise.

Da hat also der FC Bayern München im Halbfinale der Champions League mit einem Ergebnis verloren, wie es eigentlich Schalke 04 gebührt. In dem von bösen Menschen als “Arroganz-Arena” verfemten Stadion obsiegten die aus unserer Sicht noch arroganteren Fußballer von Real Madrid, angeführt vom arrogantesten Spieler der Welt, Cristiano Ronaldo. Und das geschah, obwohl die bayerische Elf über den besten Kader, über die teuerste Ersatzbank sowie über den nachdenklichsten, elegantesten und genialsten Trainer dieses Planeten verfügt.

Müssen wir jetzt weinen? Oh nein. Und das nicht einmal, weil für mich als Club-Fan jede Niederlage der Bayern ein Trostpflästerchen ist (außer in Hamburg). Sondern deshalb, weil es gut tut, dass dieser Verein und alle, die sich in dessen Glanz sonnen (wollen), einen Dämpfer bekommen. Denn der FC Bayern ist oder war das in kurze Hosen gesteckte Amigo-System der CSU. Die reichsten Motten des Landes umschwirren das Licht, denn es schien so, als ob es nur noch einen Weg geben könnte: Den nach oben. Und wer sich dem Einzigartigen in den Weg stellt, wird weggeschossen oder kaputt gekauft.

Jetzt erleben die selbsternannten Galaktischen etwas ganz Neues: Demut. Die Übermacht ist brutal geschrumpt, das allertollste Geschäftsmodell ist entzaubert. Und das ist gut so.

 

 

 

 

 

Der Kunde ist Opfer. Teil 3: Die Stehlampe

Du sitzt also da, schaust irgendeine Fernsehshow und denkst an nichts. Wohnzimmer-Prärie vom Feinsten. Plötzlich aber: Ein lauter Knall, das Licht geht aus, Sicherung futsch. Es ist etwas passiert. Außerplanmäßig.

Aber kein Problem. Einfach zum Sicherungskasten, Hebelchen hoch, Glühbirne suchen und finden. Reinschrauben und – fertig? Schön wär’s, denn es die Schnur zum Ein- und Ausschalten unserer wunderbaren Jugendstillampe löst keinen Klick mehr aus. Und schon gar kein Licht. Mit mäßigem Talent suche ich nach dem Fehler. Ich ringe mit der (Birnen-)Fassung. Und scheitere doch. Ein Experte muss her. 30 Euro hat die Lampe gekostet, teurer sollte es nicht werden.

Den Fachmann meiner Wahl habe ich schnell ausgemacht. Bei uns um Eck hat ein Elektromeister ein Geschäft aufgemacht. Die Urkunde an der Wand verheißt Sachkunde, die wirre Dekoration und die gut bestückten Stahlregale passen zur schwierigen Aufgabe: Finde ein Ersatzteil für eine 90 Jahre alte Stehlampe.

Da stehe ich also und beschreibe dem Herren über Gleich- und Wechselstrom mein Problem. “Ja, ja, su a Kurzschluss gäihd schnell”, sagt er und gluckst grinsend. Habe ich etwas falsch gemacht, frage ich verunsichert. Der Elektromann beruhigt: “Na, obber suwos, su a Fassung, hobb iiech zuledsd in meiner Lehrzeid gsehgn. 1971, wiss’n?” Nein, weiß ich nicht, denn 1971 gehörte der Kauf von Lampen-Ersatzteilen noch nicht zu meinen Kernkompetenzen. Und? Gibt’s Hoffnung? “Naaa, bei mir ned. Su a Deil gibbds wohrscheinlich nimma.” Aha, aber Mokkatassen aus Nymphenburger Porzellan kannst du noch nach 600 Jahren nachbestellen, “Des is wos anders, Schauers, den Fernseher. Der is drei Johr ald, obba wenn där kabudd is, isser hie. Dass es kanne Ersadsdeile gibbd, is voll Absichd vo die Herschdeller. Verstängers?”

Gut, ich habe in meinem Leben schon so viel verstanden. Warum nicht auch dieses? Aber mitten hinein  in meine aufkeimende Fastenzeit-Depression kommt der gute Rat. “Gängers zum Lambnhändler. Där könnd suwos nu hohm.”

20 Minuten bis Geschäftsschluss bleiben noch. Wohlan, Geselle. Ich komme tatsächlich rechtzeitig an, will in die Einfahrt zum Kundenparkplatz einbiegen. Aber nix geht, eine Frau blockiert sie mit ihrem lindgrünen  Auto. Sie telefoniert. Also Wendemanöver und Kamikaze-Rückwartseinparkung.

Der Mann hinter dem Tresen empfängt mich freundlichst. “A scheene Lambn hamms do. Nenndmer Bänggerlampn, wissen’s des?” Es folgt die Problemschilderung und die Frage nach dem Ersatzteil. “Ja, suwas häddmer im Haus.” Ich lächle zufrieden. “Oba billich werd des ned.”

Wie? Wegen einer läppischen Birnenfassung mit Schnur? Nun folgt der desillusionierende Wortschwall des Experten: “Des fängd scho middm Schdegger oh. Wos Sie da hamm, is goor nimmer erlaubd. Dann hamm Sie a zweiboliches Kabel und die Medallbladdn is ned geerded. Mir braugn do unbedingd a dreiboliches Kabel. Im Momend is däi Lambn griminell.”

Und was kostet es? “Naja, die Arbeidssschdund lichd bei 43,58 Euro. Ohne Schdeuer. Und däi Lambn is ned einfach zu rebarieren.” Ich kalkuliere selbst und frage, ob 160 Euro herauskommen könnten. “Es könnd billicher werrn, denk iiech. Oder mehr kossdn. Je nachdem.”

Ich resigniere und sage, dass ich mir die Reparatur überlegen werde. Ich drehe mich zum Gehen – und höre die Stimme des Experten: “Wos iiech Sie nu frogn wolld: Is des Ihr Audo, do draussn in der Einfahrd?” Ich atme tief durch. Und denke an ein Fachbuch, das ich gestern beim Buchhändler gesehen habe. “Jeder kann zum Mörder werden”. Manchmal steht die Wahrheit ganz einfach im Regal.

Der Kunde als Opfer (2): Scheibenwischer

Zwei berühmte Schutzpatrone haben mich bei meinem zweiten verkorksten Einkauf begleitet: Peter Ludolf und Bill Gates. Der eine, das Schrottplatz-Superhirn, das uns versprochen hat, in einem komplett chaotischem Lager auch das absurdeste Auto-Ersatzteil auf Anhieb zu finden. Der andere, der uns dank Computer eine schöne, neue, einfachere Welt versprochen hat und darüber zum reichsten Menschen der Welt geworden ist. Wie wir alle wissen, hat einer von beiden gelogen.

Wie alle Autofahrer wissen, gehören Scheibenwischerblätter zu den Verschleißteilen. So ein Gummi kann Wind, Wetter und dem Scheuern über schlampig abgekratzte Eisflächen nicht ewig trotzen. Unsere Fensterputzer sorgen dann nicht mehr für vollen Durchblick, sondern hinterlassen Schlieren. Die wiederum führen dazu, dass bei Gegenlicht die Gefahr von Unfällen steigt, deren Folgen auch der nette Mann von Carglass nicht mehr reparieren könnte. Also muss ausgetauscht werden.

Peter Ludolf hätte ich gefragt: “Scheibenwischerblätter, Honda Civic, Baujahr 2008.” Und er hätte geantwortet: “Reihe zwölf. Links. Ganz oben.” Mein Mechaniker, nennen wir ihn Wassili, ist zwar auch ein einfacher mittelständischer Autoschrauber. Doch er erklärte auf die Frage “Und die Scheibenwischer sind ausgetauscht?” dieses: “Nein, das war nicht möglich.” “Wie? Mechanik kaputt? Wirtschaftlicher Totalschaden an der Gesamt-Glasreinigungsanlage?” “Nein, dazu brauche ich den Fahrzeugschein. Wegen der Schlüsselnummer.”

Wilde Visionen schießen dir durch den Kopf. Wie du früher durch den Wald gestreift bist und mit den dort gesammelten Zweigen Wischerblätterhalter für deinen 2CV geschnitzt hast. Während in der Montessori-Bienengruppe deines Kindergartenkindes die erforderlichen Hartgummistreifen geschnitten wurden. Du fragst dich, wie es sein kann, dass Scheibenwischer gelegentlich auch beim Discounter verkauft werden. Fragt das Kassenpersonal dann nach dem Fahrzeugschein? Muss man zum Kauf von Pferdeabschwitzdecken den Stammbaum eines Ackergauls mitbringen? Gibt es die Sonderangebots-Kettensäge nur, wenn man ein Foto des todgeweihten Baumes vorlegt?

Bill Gates! Ich danke Dir für unseren Fortschritt. Und habe einen Traum: Ich möchte Dir das Gesicht mit Scheibenklar eincremen und es dann mit spröden Wischerblättern reinigen. Aber auf der allerhöchsten Stufe.

 

Der Kunde ist Opfer. Teil 1: Der Toner

Achtung, hier beginnt eine Trilogie. Genauer gesagt, eine Kunden-Tragödie in drei Akten. Ich schreibe sie in der festen Erkenntnis, dass die Menschen in diesem Wirtschaftssystem verarscht werden. Aus Gründen der Authentizität sind fränkische Zitate unvermeidbar. Teil eins: Der Toner.

Ehrlich, ich war stolz auf meinen koreanischen Drucker. Ach was, Drucker. Ein Gerät mit Kopier- und Scanfunktion, eine vervielfältigende Wollmilchsau sozusagen. Und zu einem Preis, der noch vor fünf Jahren für einen Laserdrucker bestenfalls als schüchterne Anzahlung gereicht hätte. Irgendwas knapp unter 200 Euro. Ein allerfeinstes Geiz-Geil-Schnäppchen also. Das Gerät arbeitete gut. Aber dann: Blink, blink, der Toner ist leer. Wir wissen: Der Toner ist dem Drucker sein Akku. Also immer futsch, wenn du ihn dringend brauchst. Auf zur Ersatzbeschaffung.

Erste Station: Eine “Tinten-Tankstelle”. Der Verkäufer mustert den mitgebrachten Toner-Behälter und stellt die gnadenlose Frage: “Welcher Dübb iss’n Ihr Druggär?” Die angemessene Antwort “Meistens netter als ich gleich bin, du Hirni” verkneift man sich. Also Schulterzucken und der Hinweis an den Experten, dass der Firmenname draufstehe und dass es doch eine Seriennummer geben müsse. “Waddens. Ja, doh. Iich gebs amohl in mein Kombjuder ei.” Gefühlte zehn Minuten später die erlösende Botschaft: “Dou hammern. Obä, den mäimer beschdelln. Villeichd wär’s ja besser, wenn Sie dahamm noch amohl wecha dem Dübb nochschauerdn. Wall wissns, ma schdeggd ja ned drinn.”

Na gut, fragen wir die Konkurrenz. Zweites Geschäft, der Verkäufer ist sauber gekämmt, ein Scheitel, wie mit der Streitaxt gezogen. Er spricht hochdeutsch. “Grüß Gott, ich bräuchte einen Toner für einen S……. M 2070. Schwarz-weiß reicht.” Verkäufer: “Moment, ich geb’ das mal in meinen Computer ein. Ja, da ist er.” “Bin ich jetzt froh.” “Ja, aber den haben wir nicht im Sortiment.” “Wie? Jetzt?” “Den kriegen Sie bei uns nicht.” “Sie wollen mir also jetzt sagen, dass ich einen Toner, den ich ohne Problem von daheim aus bestellen könnte, bei Ihnen nicht kriege?” “Exakt.” “Sie verarschen mich.” “Nö.” “Sie wollen mich nicht als Kunden?” ” Na ja, das ist zu hart ausgedrückt.” “Sie meinen es ernst?” “Exakt.”

Die anschließende Google-Suche – zwecks Lieferzeiten-Vermeidung dringend angeraten – führt mich zu “flinken Printware-Profis” in meiner Nachbarschaft. Sensibilisiert durch meine Erfahrungen will ich erst mal wissen, ob der Toner vorrätig ist. Telefon wird abgehoben.  “Trallitralla, Dings, Dings. Wos konni fiehr Sie duhn?” Kurze Problemschilderung. “Ja, den konn ich besorgn. Bis morgn middoch.” Und was kostet der? “44 Euro – und die Schdeuer  gäihd eggsdra.” “Wie? Hallo? Das ist fast teurer als der Drucker.”

“Ja und, wäi mahner nou Sie, dass unsere Kondserne ihr Geld verdienä? Immä iieber die Ersaddsdeile.Als Kosumend willmer a Schnäbbchen – dofür bezohld mer dann hinterher.” “Ja, aber 44 Euro?” “Des is wecherm Badend. Dou is a Badend-Schudds draaf.” “Aber Toner gibt’s seit Jahrzehnten.” “Dann schauers doch, wos heidzudooch alles baddendierd werd. Sie könna genauso goud die Badroner von Ihr’m Fülla baddendiern. Und wenn der La Rosch am Amaddsonas a Unkraud find, des gecha Durchfall hilfd, nou kummd a Schdembbl draaf midd der Aufschrifd ‘Erfundn von Farmaindschenör Wilhelm Dell’. Des machds hald erschd amohl deirer.” “Gibt’s keine Alternative?” “Ned werggli. Groud däi von Ihrer Firma sinn voll aggressiv, wos Badendverleddsungen ohgäid. Do sogn mir Finger wech.”

“Na gut, ich komme gleich vorbei.” “Na, besser ned. Wall, där Dohner is draußn im Lohcha. Den bringerd unsä Fohrer vorbei. Nou hammsn schneller.”

“Unser Fahrer” arbeitet für die DHL. Die Lieferung kostet 2,90, Endpreis 55,75 Euro. Handelt die Post jetzt auch mit Druckerbedarf? Egal, wenigstens war auf dem Transporter kein “Badend” drauf.


 

 

 

 

 

 

Wenn das Show-Sofa zum Sarg wird

“Wetten, dass…?” ist nicht mehr. Ja, dieser Satz wird wahr. Die größte Show des deutschen Fernsehen wird Ende des Jahres von uns gegangen sein – nach langem Siechtum. Dieser Tod war absehbar.

Ich zitiere mich einfach selbst. Zum Abschieds-Auftritt von Thomas Gottschalk Ende 2012 habe ich geschrieben:

“Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch.

So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

So ist es gekommen. Der bedauernswerte Markus Lanz  erlebte seitdem von Show zu Show eine Echo, das von “einigermaßen vernichtende Kritik” über “ziemlich vernichtende Kritik” bis “völlig vernichtende Kritik” reichte. Noch ein paar Sendungen, und der Schrecken hat zumindest für ihn ein Ende.

Wir werden das Ende von “Wetten, dass…?” überleben. Ein Volk, das ohne Peter Frankenfeld und Rudi Carrell auskommt, wird auch ein Dasein ohne Samstags-Lanz durchstehen.

Wirklich Grund zum Heulen haben jedoch die Mitglieder eines eingetragenen Vereins, nämlich des VdDP mit Sitz in Herford/Nordrhein-Westfalen. Die Abkürzung steht für “Verband der Deutschen Polstermöbelindustrie”, einer Vereinigung, die vom ZDF-Showjuwel mehr profitiert haben dürfte, als die allermeisten Gaststars. Ging doch von “Wetten, dass…?” immer die Botschaft aus, dass unterhaltsame Gespräche immer dann entstehen, wenn Menschen nebeneinander auf einem Sofa sitzen. Nun wird die Couch aus dem Fernsehgeschehen verschwinden, das Volk blickt lieber auf unbequeme Holzpritschen in australischen Dschungelgebieten.

Das zauberhafte Sitzmöbel wird zum Grab, es taugt bestenfalls noch für’s Museum. Und unser VdDP muss mit seltsamen Botschaften dagegen halten. Seine neueste Pressemitteilung lautet so: “Die widersinnige Grenzwert-Ziehung bei Formaldehyd in Höhe von 0,01 ppm durch russische Gesundheitsbehörden lässt die Branchenverbände der Möbelindustrie in Deutschland und Russland zusammenrücken. Ein Ergebnis ist der geplante Aufbau einer gemeinsamen Zertifizierungsstelle für Möbel in Russland.” Wie traurig, dass wir das jetzt brauchen,