Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Edel, hilfreich – Gutmensch

Diese Zeiten sind durchgeknallt. Da gibt es überall reichlich Bomben und Geschrei. Und dann werden diejenigen, die bedrängten Menschen helfen, auch noch beschimpft. „Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres.  Trost ist selten – aber es gibt ihn.

Die Sprach-Jury hat zutreffend gewählt. Denn eigentlich dürfter unser Begriff keine Häme vermitteln. Er ist aus zwei positiven Worten zusammengesetzt (sofern man das beim Homo Sapiens so sehen mag) und beinhaltet erstrebenswerte Eigenschaften. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, ließ schon Goethe verlauten. Der große Dichter ging sogar so weit,  Texte unter dem Pseudonym „Gutmann“ zu veröffentlichen.

Woher also der Hass? Letztlich dürfte es ein psychologisches Phänomen sein. Die selbst ernannten Retter des Abendlandes wissen nur zu gut, dass dessen Leitreligion das Christentum ist. Dieses wiederum gibt seinen Gläubigen ein Mindestmaß an Barmherzigkeit vor. Auf Erden wird entschieden, wo man seine Ewigkeit verbringt. Auf der Wolke oder im Feuer.

Nun möchten auch Pegida-Leute in den Himmel. Daran arbeiten sie, indem sie sich den satanischen Botschaften der Lügenpresse mutig entgegenwerfen. Das mit der Nächstenliebe kriegen sie aber nicht so gut hin, weil ihnen dazu das Herz fehlt. Scheitern jedoch macht mürrisch und grantig auf jene, die zumindest neutestamentarisch betrachtet als Vorbilder gelten würden.

Also sagt man, dass es sich um naive, depperte Romantiker handelt, die für Dunkeldeutschland sorgen, da sie dauerhaft den Halbmond ins Land holen. Solche Leute gehören weggebrüllt.

Was ist der Trost? Die Schreihälse sind nicht die Mehrheit, sie sind bloß lauter. Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg gab es für die Rede des Oberbürgermeister immer dann spontanen Beifall, wenn er die Flüchtlingshelfer und alle anderen Menschen lobte, die ehren- oder hauptamtlich daran mitwirken, dass das Ankommen der Fremden in einer menschlichen Atmosphäre geschieht.

Man sieht, die guten Reflexe funktionieren noch. Und seien wir ehrlich: Ein Schlechtmensch zu sein – das kann niemand wirklich wollen.

 

 

Das Ei des Führers

Ein ehernes Gebot des deutschen Journalismus lautet: Hitler geht immer. Ein Foto des entschlossen dreinblickenden Diktators vermag die Auflagen  auch dann zu steigern, wenn darunter ein paar bescheuerte Zeilen stehen. So ist es wieder geschehen. Die größte uns bekannte Boulevard-Zeitung, also Bild, titelte: „Hitler hatte nur einen Hoden“.

Ratlos lässt uns diese Schlagzeile zurück. Sollen wir lachen, staunen oder weinen? Was juckt diese Nachricht angesichts von zig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg? Nur Neonazis tun sich leicht. Sie können die medizinische Wahrheit zum Hirngespinst der Lügenpresse erklären. Und fertig.

Uns andere lädt Bild zum Nachdenken über die Frage ein, was es für einen Mann bedeutet, ausgerechnet in seiner Männlichkeit unvollkommen zu sein. Ist er in seiner Depression vereint mit den zu kleinen Regenten? War es sein Schicksal, sich wie Napoleon oder Sepp Blatter durch immerwährenden Kampf über andere zu erheben? Ist so einer nachhaltigst verklemmt, und kompensiert sein Nicht-Sexleben durch übertriebene Gewalttätigkeit? Oder ist jemand, der weiß, dass er keine Kinder zeugen kann, freier in seinem Handeln? Weil er weiß, dass ihm kein Nachkomme jemals Vorwürfe machen wird?

Bevor wir uns aber das Hirn darüber zermartern, wo das zweite Ei des Führers dereinst gefunden werden wird – ich persönlich tippe auf ein Schmuckkästchen in einem Schrank des Bernsteinzimmers – dürfen wir feststellen, dass unsere Vorstellungen von gutem und schlechtem Journalismus wieder einmal bestätigt wurden. Der ärztliche Befund ist nämlich den Akten entnommen, die ab 1923 während Hitlers Festungshaft in Landsberg am Lech angelegt wurde.

Aus all diesen Dokumenten gehen auch andere Dinge hervor. Zum Beispiel, dass die „Haft“ eher eine nette Männer-Wohngemeinschaft war, in welcher  der Häftling Adolf H. den Respekt seiner Wärter und sogar Luxus genießen konnte. Er hatte, speziell im Freistaat Bayern, einflussreiche Freunde und Gönner. Viele spätere Nazi-Größen waren gingen im Knast ein und aus.

Das sollte uns mehr interessieren. Hervorgehoben haben diese Fakten die schlauen Medien. Bild hingegen formulierte hodenlos. Hitler geht immer – und immer noch ein bisschen schlimmer.

 

 

 

Was immer geschieht – Horst Seehofer droht

Es grollt und donnert, wenn der Wind aus München weht. Denn dort, im bayerischen Olymp, sitzt Horst Seehofer – und kündigt dem Rest der Welt Sanktionen, Blockaden oder Notwehr an. Aktuell geht es dabei um Flüchtlinge. Aber alles nicht so schlimm: Dieser Mann droht immer wegen irgendwas.

Im Jahr 2008 hat Horst Seehofer den redlichen, aber farblosen Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident abgelöst. Schon kurz vor seiner Machtübernahme erhob er warnend den Zeigefinger. Besorgt um die Zukunft reicher Jungunternehmer kündigte er in Sachen Reform der Erbschaftssteuer eine Blockade der Arbeit der damaligen Großen Koalition an. 2009 ging es um die Reform der EU-Verträge. Weil Seehofer mehr  Kompetenzen für die Bundesländer für erforderlich hielt, drohte er damit, dass die CSU ihr Vetorecht geltend machen könnte.

Aus dem Jahr 2010 sind zwei wesentliche Seehofer-Warnungen überliefert. Zunächst drohte er seinen Partei- und Koalitionsfreunden mit einer häufigeren Anwesenheit in Berlin. Zur allgemeinen Erleichterung ließ er es damit bewenden, nahm später jedoch die Rente mit 67 aufs Korn. Und attackierte ausnahmsweise nicht die eigene Zunft: Die CSU werde sich hier verweigern, falls die deutsche Wirtschaft die Beschäftigungschancen für ältere Arbeitnehmer nicht erheblich verbessern würde. Konzernvorstände zittern wahrscheinlich heute noch, wenn sie daran denken.

2011 kam es, endlich, zu einer unmittelbar gegen die Bundeskanzlerin gerichteten Drohung. Sollte Angela Merkel den anderen europäischen Staaten in der damaligen Finanzkrise zu weit entgegenkommen, würde seine Partei einen Sonderparteitag durchführen. Und dort klarstellen, wie man mit dieser EU richtig umgeht. Mitte 2012 setzte Horst Seehofer den Begriff „Koalitionsbruch“ in die Welt. Damit drohte er, falls das CSU-Herzensprojekt Betreuungsgeld in Berlin scheitern würde. Wie wir heute wissen, siegt die Unvernunft.

Nach der Neuauflage der Großen Koalition wurde der bayerische Groll erneut heftiger. Als sich in den Koalitionsverhandlungen eine Zustimmung zum Mindestlohn abzeichnete. droht Seehofer indirekt mit Neuwahlen. Die Union dürfe zentrale Positionen nicht aufgeben. Im Jahr 2014 schließlich drohte er der Bundesregierung vor allem in Sachen Pkw-Maut. Die Schonzeit sei vorbei, er habe vor, eine härtere Gangart anzuschlagen.

Aus dem vorigen Jahr stammt auch Seehofer Drohung, er werde 2018 erneut als Ministerpräsident kandidieren. Damals war sein Finanzminister Markus Söder zu eigenwillig geworden. Zurzeit gehen wir davon aus, dass es nur noch knapp drei Jahre Droh-Folklore geben wird. Wir werden auch das noch überstehen.

Spielt’s Fußball, Ihr Lichtgestalten

Die Lichtgestalt als Fürst der Dunkelheit? In diesen schwierigen Zeiten werden Gewissheiten reihenweise in Frage gestellt. Gerade geht es um Franz Beckenbauer. Dieser gute Mensch, einer unserer Besten neben Karl dem Großen und Goethe, soll ein korrupter Gauner sein. Was nun?

Trösten wir uns. Das so genannte Sommermärchen kann uns keiner nehmen.  Dass uns die WM 2006 als großartig in Erinnerung ist, lag nicht am segensreichen Wirken der Funktionäre. Sondern daran, dass die Menschen ein paar Wochen lang derart undeutsch waren, dass der Rest der Welt gestaunt hat.  Außerdem war das Wetter gigantisch.

Dass Korruption im Spiel war, hätte man sich denken können. Denn warum sollte sich eine Fifa nur von allen anderen Nationen schmieren lassen? Zumal uns solches Verhalten nicht völlig fremd ist. In der Korruptions-Rangliste von transparency international wird Deutschland auf Rang 12 gelistet. Das ist 14 Plätze besser als das überraschend günstig eingestufte Katar, aber 57 Plätze besser als Brasilien und stolze 124 Plätze besser als der nächste WM-Ausrichter Russland. Andererseits: Die Steuerabzugsfähigkeit von Schmiergeldern wurde bei uns erst vor ein paar Jahren abgeschafft.

Aber zurück zu Franz Beckenbauer. Wie die Lichtgestalt wirklich denkt, hat sie nicht nur beim Leugnen von Sklaven in Katar bewiesen. Entlarvend waren auch Aussagen anlässlich der Anklage gegen Uli Hoeneß. Ach, der Uli, der sei so ein unermüdlicher Macher, der leiste so unglaublich viel. Der habe eben mal etwas übersehen. Anders gesagt: Steuerhinterziehung? Das ist eine Lappalie, etwas ganz Privates.

Was aber muss nun passieren? Werden sämtliche führenden Funktionäre ausgetauscht? Muss die Fußball-WM 2006 mit denselben Mannschaften  2017 auf neutralem Boden wiederholt werden? Auf Kosten des DFB? Mit Jürgen Klinsmann als Bundestrainer?

Seien wir Realisten. Wer an Profifußball ohne schwarze Kassen und halbseidene Deals glaubt, hält auch Radsport ohne Doping und eine Frau als Päpstin für möglich.

Für Veränderungen bräuchte es massenhafte Fußball-Verweigerung. Das wird es kaum geben. Also reduzieren wir den Skandal – trotz alledem – auf eines der berühmtesten Beckenbauer-Zitate: „Geht’s raus, spielt’s Fußball!“. Den meisten Leuten reicht das.

 

 

 

 

 

 

 

Wer den Bossen blind vertraut, lebt verkehrt

Wir sehen diesen Herrn im feinen Anzug, entweder drahtig und durchtrainiert oder grauhaarig-professoral. Ja, da ist einer, der uns zu führen vermag. Ein Chef wie aus dem Bilderbuch. Wir vertrauen, fühlen uns wohl dabei – und machen einen großen Fehler.

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn hat uns das gerade wieder gelehrt. Vor wenigen Wochen hat er einen heftigen hausinternen Machtkampf gewonnen, weil er von seinen Unterstützern als fähigster Manager überhaupt angesehen wurde. Jetzt ist er weg. Als oberster Verantwortlicher des Größten Anzunehmenden Unfalls, den sein Konzern erleben konnte.

Doch auch andere bedeutende Männer haben uns schwer enttäuscht. Denken wir an den vermeintlichen Quelle-Retter Thomas Middelhoff oder an den Manager Peter Hartz, früher ebenfalls in Diensten von Volkswagen. Nach ihm wurden sogar Gesetze benannt – der Charakter hielt auch bei ihm mit dem Ruhm nicht Schritt.

Sicher, es ist schwer, sich von der Kombination Macht und Geld nicht korrumpieren lassen. Zumal sehr wichtige Personen immer viele Jünger finden und zahlreich Freunde haben. Und wenn dann noch der Zwang dazu kommt, ein Produkt so schönzureden, dass ein Höchstpreis verlangt werden kann, wird es in Sachen Ethik erst recht problematisch.

In Nürnberg wurde gerade ein Gewerkschafter, der sich für die Rechte von Textilarbeiterinnen und -arbeitern in Bangladesch einsetzt, mit dem Menschenrechtspreis geehrt. Amirul Haque Amin kann die Gewinnspanne einer sympathischen Marke wie Adidas sicher gut nachvollziehen. Er wird sie unerhört nennen.

Sehen wir die Dinge realistisch. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass vor unseren Arbeitsgerichten die Zahl der Gesetzesbeuger und -brecher auf Arbeitgeberseite höher ist als unter den dort auftretenden Arbeitnehmern. Das mag in der Natur der Sache liegen, weil ja fast immer nur Unternehmen verklagt werden.
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Trotzdem: Der Glaube an die Redlichkeit und Ehrlichkeit aller Bosse ist pure Naivität. Schauen wir also beim nächsten Mal nicht auf den Anzug vom Maßschneider oder auf die seidene Krawatte. Schließen wir die Augen und hören wir zu, was einer sagt. Und die Entzauberung hat begonnen…

Landesverrat? Bürger sind keine fremde Macht

Freiheit und Demokratie lassen sich im Grundsatz von zwei Seiten beleuchten: Entweder man gewährt allen Menschen die volle Freiheit, was zwingend dazu führt, dass mancher seine Möglichkeiten auf Kosten anderer missbraucht. Das Böse ist das Drama der Freiheit. Oder man verknüpft Freiheit mit dem Begriff „wehrhafte Demokratie“. Was dazu führen kann, dass man das bekämpft, was man eigentlich beschützen möchte. Und dass man Staatsfeinde sieht, die gar keine sind.

So wirkt das bei der Affäre um das Internet-Blog netzpolitik.org. Dessen Macher haben im Februar dieses Jahres aufgedeckt, dass der Verfassungsschutz dank einer staatlichen Geldspritze daran arbeiten kann, massenhaft Internet-Inhalte zu erheben und auszuwerten, darunter Kontaktlisten und Beziehungsgeflechte bei Facebook. Ziel sei es, „bislang unbekannte Zusammenhänge“ aufzuzeigen.

Die Blogger haben diese Tatsache aufgedeckt und publiziert. Sie haben damit Sand ins Getriebe der so genannten Staatsschützer gestreut, haben aufgeklärt und haben eine beginnende Ausspäh-Aktion zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht. Ganz im Sinne vieler Bürger. Kurzum: Sie haben getan, was Journalisten tun müssen.

Der Verfassungsschutz sieht das anders. Er wittert Verrat, genauer gesagt, Landesverrat. Was aber ist das? Paragraph 94 Strafgesetzbuch sagt dazu: „Landesverrat begeht, wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht oder einem ihrer Mittelmänner mitteilt oder sonst an einen Unbefugten gelangen lässt oder öffentlich bekanntmacht, um die Bundesrepublik Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik herbeiführt.“

Bestimmt ist es so, dass ein Generalbundesanwalt über Ermittlungen nachdenken muss, wenn ihn eine für die Staatssicherheit zuständige Bundesbehörde dazu auffordert. Aber hätte Harald Range, für den das millionenfache Ausspionieren von Bundesbürgern durch die US-Behörde NSA keine verfolgungswürdige Straftat darstellt, nicht sofort erkennen müssen, dass es im konkreten Fall keiner Ermittlungen bedarf? Jedenfalls dann nicht, wenn er an den hohen Wert der Pressefreiheit gedacht hätte. Oder betrachten Menschen, die sich wie er um Sicherheit kümmern, die Bürger als „Unbefugte“ oder als „fremde Macht“?

Diese Affäre muss schnellstmöglich beendet werden. Wir wiederum sollten wach sein gegenüber jenen, die vorgeben, uns zu beschützen. Vielleicht halten wir es mit dem klugen Briten Oscar Wilde: „Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend der Menschen“, sagte er völlig zurecht. Wem das zu poetisch ist, erinnert sich einfach an diesen Graffiti-Spruch: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“

In diesem Sinne: Danke netzpolitik.org!

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.

 

 

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort „Baiern“ wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das „i“ kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das „y“ sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der „GrEnter“, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen „Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Die Liebe zum Fußball ist ewig. Doch das Glück flieht schnell

Die wilden Tage kommen. Es wird Dramen geben, Tragödien gar. Neue Könige werden gekrönt, einstige Helden müssen wieder von unten anfangen. Worum geht’s? Um den Endspurt in den Bundesligen. Ja, man wird Männer weinen sehen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Emotionskurven in Münchens Bayern-Arena weniger stark ausschlagen werden. Ein einziger Titel pro Saison ist undiskutabel. Man wird sich fragen, wie es sein kann, dass der spanische Trainer-Messias weniger erfolgreich ist als der nette Jupp vom Niederrhein. Der fehlenden Begeisterung um die läppische Deutsche Meisterschaft könnte dadurch Rechnung getragen werden, dass man die diesbezügliche Weißbier-Dusche mit alkoholfreiem Weizen durchführt.

Aber was wird aus den anderen Menschen? Aus denen, die das Unerwartete erleben? Deren Mannschaft für ein Jahr im „europäischen Geschäft“ mitmischen und sich in eine Zitterpartie gegen den albanischen Pokalsieger begeben muss. Was erleiden jene, deren Teams nicht mehr gegen München, Dortmund oder Schalke sondern gegen Sandhausen oder Bielefeld antreten müssen? Werden sie ein Jahr pures Glück oder eine Saison der tiefsten Depression erleben?

Die Antwort lautet Nein. Zwar ist die Treue eines Mannes zu seinem Fußballverein durch nichts und niemand zu steigern. Aber: Psychologen der Universität Konstanz haben festgestellt, dass Fußballergebnisse das Wohlbefinden von Zuschauern zwar kurzfristig ansteigen lassen aber kaum nachhaltig beeinflussen.

Im Zuge derWeltmeisterschaft in Brasilien haben die Psychologen über eine spezielle Smartphon-App ihren Studienteilnehmern vor und nach den Spielen der Gruppenphase Fragen zu ihrem persönlichen Wohlbefinden gestellt. Es zeigte sich, dass sich Fans der deutschen Elf danach besser fühlten.  Dieses steigerte sich bei Siegen mit einer höheren Tordifferenz. Aber dieser Anstieg war nur von kurzer Dauer. 100 bis 150 Minuten nach dem Spiel regierten die Glückshormone. Doch schon am Morgen nach dem 4:0-Sieg von Deutschland gegen Portugal hatte sich das zunächst markant gesteigerte Wohlbefinden um 23 Prozent reduziert und war damit gleich hoch wie an Tagen ohne Fußballspiele.

Die Liebe zum Fußball ist ewig, aber auch heißeste Herzen erkalten schnell. So wie die Tränen zügig trocknen.

Aber ist das nun schlecht? Gar nicht. Denn so gibt es Hoffnung, dass Sepp Blatter nicht Gott ist, sondern nur ein Schweizer, wie es keinen Schweizer mehr geben. Ein Dasein ohne Fußball mag sinnlos sein. Aber es ist möglich. Schlusspfiff! Das Leben geht weiter!