Die Liebe zum Fußball ist ewig. Doch das Glück flieht schnell

Die wilden Tage kommen. Es wird Dramen geben, Tragödien gar. Neue Könige werden gekrönt, einstige Helden müssen wieder von unten anfangen. Worum geht’s? Um den Endspurt in den Bundesligen. Ja, man wird Männer weinen sehen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass die Emotionskurven in Münchens Bayern-Arena weniger stark ausschlagen werden. Ein einziger Titel pro Saison ist undiskutabel. Man wird sich fragen, wie es sein kann, dass der spanische Trainer-Messias weniger erfolgreich ist als der nette Jupp vom Niederrhein. Der fehlenden Begeisterung um die läppische Deutsche Meisterschaft könnte dadurch Rechnung getragen werden, dass man die diesbezügliche Weißbier-Dusche mit alkoholfreiem Weizen durchführt.

Aber was wird aus den anderen Menschen? Aus denen, die das Unerwartete erleben? Deren Mannschaft für ein Jahr im “europäischen Geschäft” mitmischen und sich in eine Zitterpartie gegen den albanischen Pokalsieger begeben muss. Was erleiden jene, deren Teams nicht mehr gegen München, Dortmund oder Schalke sondern gegen Sandhausen oder Bielefeld antreten müssen? Werden sie ein Jahr pures Glück oder eine Saison der tiefsten Depression erleben?

Die Antwort lautet Nein. Zwar ist die Treue eines Mannes zu seinem Fußballverein durch nichts und niemand zu steigern. Aber: Psychologen der Universität Konstanz haben festgestellt, dass Fußballergebnisse das Wohlbefinden von Zuschauern zwar kurzfristig ansteigen lassen aber kaum nachhaltig beeinflussen.

Im Zuge derWeltmeisterschaft in Brasilien haben die Psychologen über eine spezielle Smartphon-App ihren Studienteilnehmern vor und nach den Spielen der Gruppenphase Fragen zu ihrem persönlichen Wohlbefinden gestellt. Es zeigte sich, dass sich Fans der deutschen Elf danach besser fühlten.  Dieses steigerte sich bei Siegen mit einer höheren Tordifferenz. Aber dieser Anstieg war nur von kurzer Dauer. 100 bis 150 Minuten nach dem Spiel regierten die Glückshormone. Doch schon am Morgen nach dem 4:0-Sieg von Deutschland gegen Portugal hatte sich das zunächst markant gesteigerte Wohlbefinden um 23 Prozent reduziert und war damit gleich hoch wie an Tagen ohne Fußballspiele.

Die Liebe zum Fußball ist ewig, aber auch heißeste Herzen erkalten schnell. So wie die Tränen zügig trocknen.

Aber ist das nun schlecht? Gar nicht. Denn so gibt es Hoffnung, dass Sepp Blatter nicht Gott ist, sondern nur ein Schweizer, wie es keinen Schweizer mehr geben. Ein Dasein ohne Fußball mag sinnlos sein. Aber es ist möglich. Schlusspfiff! Das Leben geht weiter!

 

 

 

Supermärkte: Die Quengelzonen unserer Fettzellen

“Denk’ ich ans Wiegen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.” Vielleicht, nein wahrscheinlich würde der große Heinrich Heine so dichten, wenn er in diesen Zeiten einer von uns wäre. Denn tatsächlich: Deutschland ansich interessiert uns weniger stark als unsere falsch positionierten Pölsterchen oder Polster. Jedoch, gibt es ein Entrinnen? Theoretisch unbedingt, in der Praxis kaum. Denn wer kauft nie im Supermarkt?

Unser Glaube an die Theorie des Schlankwerdens spiegelt sich in der Vielzahl von mehr oder weniger qualvollen Diäten. Die Liste reicht von A wie Atkins- und Ayurveda-Diät über G wie Gylx-Diät und M wie Mittelmeer-Diät bis hin zu W wie Weight-Watchers- und X wie xx-well-Diät. All diesen Konzepten ist gemeinsam, dass man auf etwas Falsches verzichten soll. Das gelingt in Einzelfällen durchaus. Allzu oft jedoch ist der Jo-Jo-Effekt treuer  Begleiter von Abschmelz-Aktionen.

Vielleicht haben wir die ultimative Strategie bloß noch nicht erkannt: die Tante-Emma-Diät. Was sich aber ändern könnte. Forscher der Göttinger Georg-August-Universität wollen nämlich herausgefunden haben, dass das Einkaufen im Supermarkt dick macht. Die Wissenschaftler haben sich bei ihrer Studie in Kenia umgeschaut. Dort, wie auch in Schwellenländern Asiens, sind traditionelle kleine Lebensmittelläden auf dem Rückzug. Sie werden – wir haben das auch erlebt – durch Supermärkte ersetzt. Und es zeigte sich: In Städten mit einer vergleichsweise großen Zahl von Einkaufszentren gibt es nachweislich mehr dicke Menschen.

“Kalorien sind im Supermarkt billiger als in traditionellen Geschäften”,  lautet eine Begründung der Göttinger Ernährungsforscher. Und wenn wir ehrlich sind, stimmt es doch.

Löst unsere Fleischereifachverkäuferin mit der Frage “Darf’s a bissl mehr sein?” einen sanften Völlerei-Alarm aus, so hauchen uns die Produkte in den Auslagen der Einkaufszentren ein vielstimmiges “Nimm mich!” zu.  Während innere Stimmen gleichzeitig „Greif zu!“ rufen.

Natürlich werden wir schwach. Die Supermärkte sind die Quengelzonen unserer Fettzellen. Woanders kaufen wäre ein Weg. Alsdenn: Denk ich an Lidl in der Nacht…

Auch am Herd lauert die Depression

Die Widersprüchlichkeit ist fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie zeigt sich in vielfältigen Schatteriungen und Erscheinungsformen. Sogar am heimischen Herd. Man sieht uns dort seltener als man denken sollte. Wir sind annähernd Anti-Weltmeister.

Gibt es nichts Wichtigeres als das Kochen? Sicher, in diesen Tagen könnte man sich auch anders über unser Thema auslassen. Zum Beispiel mit Blick auf diejenigen Menschen, die stolz von ihrem Burn-Out als Beleg ihrer besonderen Leistungsbereitschaft erzählen. Die aber zugleich sicher sind, dass Depression unheilbar ist, weshalb ein solches Leiden zur Verbannung aus dem Berufsleben führen müsste.

Aber lassen wir das. Das Nürnberger Meinungsforschungsinstitut GfK will herausgefunden haben, dass durchschnittliche Deutsche nur knapp fünfeinhalb Stunden am Herd stehen. Pro Woche! Dabei seien notorische Nichtkocher schon herausgerechnet.

Das wundert uns. Denn im Fernsehen laufen jede Menge Kochshows. Nicht, dass es diese anderswo nicht auch gäbe. Im arabischen Raum etwa genießt der TV-Koch von Dubai einen vorzüglichen Ruf. Doch wenn man sich denkt, auf wie vielen Kanälen es bei uns gart, brutzelt oder zischt, müsste mehr passieren. Schließlich darf das Verbreiten von Wissen als Sinn kulinarischer Telekollege gelten. Und es werden Monat für Monat so viele Rezepte verbreitet, dass es jeweils für ein halbes Menschenleben reichen würde.

Mit Hingabe gekocht wird anderswo. Ukrainer und Inder arbeiten laut Studie 13 Stunden pro Woche am Essen gearbeitet. Die größte Leidenschaft für’s Kochen äußern Italiener und Südafrikaner. 43 und 42 Prozent der in diesen Ländern haben daven geredet, bei uns waren es nur 26 Prozent. Am ödesten sieht es in Sachen frische Kost in Südkorea aus. In ostasiatischen Tigerstaaten ist das Leben eben komplett dem Bruttosozialprodukt gewidmet.

Was aber sagen uns unsere mäßigen Zahlen? Vielleicht hätte bei der Auswertung über die Kochdauer die Statistik über die Verbreitung von Induktions-Kochfeldern berücksichtigt werden sollen. Unsere Autos sind die Schnellsten, die Küchentechnik ist bestimmt besser als in Indien.

Wahrscheinlicher ist aber, dass wir Kochshows zuschauen, aber eigentlich nicht wissen, wovon die Leute reden. Wir haben eben keine Ahnung von der Sache. Was es, wenn man es genau betrachtet, bei ernsteren Themen auch geben soll…

An diesen Mörder glaub’ ich nicht

Wirklich schlimm, mir fehlt der Glaube. Der Glaube daran, dass die russische Polizei ausgerechnet den Mord an dem Putin-Gegner Boris Nemzow in Rekordzeit aufgeklärt haben soll. Bin ich ein Opfer der westlichen Propaganda?

Der Verdächtige, der da im russischen Fernsehen vorgeführt wurde, ist mir einfach zu klischeehaft. Ein Tschetschene – und damit sowieso ein potentieller Staatsfeind. Zudem ausgesprochen hässlich mit einem mageren Kriminellen-Gesicht und mit einer Frisur, wie man sie nach drei Tagen Tiefschlaf unter einer Brücke hat. Und schließlich mit dem Bekenntnis: „Ich liebe den Propheten Mohammed.“

Ich habe mir seine Geschichte so weitergedacht: Dieser Mann und seine mutmaßlichen Komplizen werden in einem von Russia Today live übertragenen Prozess zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Nachdem sie irgendwo in den Weiten Sibiriens eingesperrt sind, wartet man ein bis zwei Jahre, um sie dann mit einer Sporttasche voller Geld aus dem Gulag zu verabschieden. Woraufhin unsere “Killer” auf die Krim umsiedeln, dort eine Wodka-Bar eröffnen und fortan an der Seite junger Ukrainerinnen ein erfülltes Männerleben genießen.

Mein Misstrauen ist mir eigentlich zuwider. Aber nun kommt Wladimir Putin ins Spiel. Er hat jetzt erklärt, dass er die „Heimholung“ der Krim selbst befohlen hat. Er gibt damit zu, dass er die Welt über seine Rolle dreist belogen hat und lässt sich dafür auch noch als Held feiern.

Da versteht sich einer auf schamlose Propaganda. Also gönne ich mir die Skepsis, die spätestens dann bestätigt sein wird, wenn die russischen Behörden vermelden, dass über dem Sofa des Verdächtigen ein Poster hängt, das den boxenden Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko mit nacktem Oberkörper zeigt. Den russischen Sicherheitsbehörden wiederum gratuliere ich dazu, dass sie ihr Mörder-Casting so schnell und mit so einem scheinbar überzeugenden Ergebnis hinbekommen hat.

Für mich bleibt es dabei: Ich glaube Euch kein Wort. Möge mich die Geschichte eines Besseres belehren.

Der Franke und sein Herz aus Sandstein

Der Franke gilt als “Gewürfelter”. „Sich wenden, sich drehen, im Leben bestehen”, sehen Heimatforscher als seine typischen Eigenschaften. Der Franke mag langweilig erscheinen. Aber er überrascht immer wieder mit Wendigkeit, Witz und Widersprüchlichkeit. Selbst dann, wenn er singt.

Einem großen Millionenpublikum war die fränkische Neigung zu extremen Hochs und Tiefs bisher aus dem Fußball bekannt. Der 1. FC Nürnberg, auch bekannt als “Der Club”, wurde Deutscher Meister – und stieg bei nächster Gelegenheit ab. Er wurde Pokalsieger – und war ein Jahr später weg vom Fenster. Der Fahrstuhl des Lebens ist des Frankens Stammplatz.

Jetzt ist ein gewisser Andreas Kümmert grandios in die Fußstapfen der ruhmreichen Kicker vertreten. Mit Pilsbar-Outfit, Zauselbart, aber toller Stimme siegte der Unterfranke beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest. Hashtag #USFÖ” (Unser Song für Österreich). So sicherte er sich die Chance, vor noch mehr Zuschauern aufzutreten, als es der Glubb jemals geschafft hat. Sogar Australien schaut diesmal zu. Doch im entscheidenden Moment wurde sein “Heart of Stone” weich wie Sandstein und rutschte ihm tief in die ausgebeulte Jeans.

“Ich bin nur ein kleiner Sänger”, seufzte er nach seinem Sieg ins Mikrofon und gab den Fahrschein nach Wien an eine Kollegin ab, die ein Lied über schwarzen Rauch schreit. Warum – darüber darf gerätselt werden. Vielleicht hat ihn zwecks hohem Fieber die fränkische Bescheidenheit übermannt. Es gab da aber auch das Gerücht, er habe bei einem Konzert Frauen als Schlampen beschimpft und sie zum Oralverkehr aufgefordert.

Einem Rockstar, das wissen wir, könnte das nicht schaden. Beim durchgeknallten Glitzer-Contest gehört sich das natürlich nicht. Wien sagt: “Was kümmert uns Andreas?”. Und nach diesem überragenden Absturz gilt. Wer sich so schnell in die vierte Liga schießt, kommt nur ganz, ganz schwer nach oben.

 

 

Freigänger Uli und die pränatale Kopfballstärke

Auf tragische Weise haben wir gerade Zweierlei erfahren. Der Irrsinn in der Welt ist, erstens, immer ein Stück größer, als wir glauben wollen. Was uns, zweitens, tatsächlich beschäftigt, ist eher banal als wirklich wichtig. Nehmen wir: Das neue Leben von Uli Hoeneß.

Deutschlands führendes Fachblatt für sinnlose Nachrichten, die Bild-Zeitung, hatte sich so schön auf den berühmten Freigänger eingestellt. Zum Jahresende erschien eine Titelseite mit einem Foto, das so unscharf war, als wäre es von der Kamera einer Raumsonde mit allerletzter Akku-Kraft geschossen worden. Elend schlechte Qualität, aber so ist das in diesen Zeiten: Je übler etwas aussieht, umso authentischer wirkt es.

Die Bild-Redaktion hatte  gut geplant: Mit täglichen Hoeneß-Titelseiten sollte die nachrichtenarme Zeit überbrückt werden, bis “Deutschland sucht den Superstar” und “Dschungelcamp” richtig ins Laufen gekommen wären.

Die Ereignisse von Paris haben diesen Plan durchkreuzt. Die Hauptfrage in Sachen Hoeneß bleibt: Wird er bevorzugt? Einerseits Ja. Es gibt vermutlich keinen notorischen Schwarzfahrer, der von einem Fahrer namens Bruno abgeholt wird, damit er beim Freigang kein schädliches Verkehrsdelikt begeht. Es dürfte auch jenseits von Mafia-Jobs seltenst vorkommen, dass ein Häftling sofort 20.000 Euro im Monat verdient. Diesen Betrag hat “Sport-Bild” gemeldet.

Andererseits Nein. Wenn es das Ziel des offenen Strafvollzugs ist, dass Häftlinge in die Gesellschaft eingegliedert werden, ist die dosierte Freiheit für Hoeneß korrekt. Als Anhänger des 1. FC Nürnberg halte ich das Umfeld beim FC Bayern zwar für dubios, aber der Freigänger wird hier herzlichst aufgenommen und gefördert. Also kann man der Justiz nicht vorwerfen, dass da einer übermäßig gehätschelt würde.

Aber vielleicht bevorzugt sie den FC Bayern. Uli Hoeneß soll in der Jugendabteilung des Vereins arbeiten. Und das entspricht einem großen Trend dieser Zeit. Immer häufiger hört man davon, dass sich Profivereine um 14- oder 15-Jährige balgen. Die bislang letzten großen Schlagzeilen hat ein junger Norweger geschrieben, der wohl bei Real Madrid landen wird.

Fußballvereine sind Wirtschaftsunternehmen geworden. Sie denken strategisch langfristig. Bei ihnen geht es schon heute um die Top-Stars des Jahres 2020. Bald werden auf den Anlagen der Großvereine Fußball-Kindergärten und -krippen entstehen. Und irgendwann wird die voraussichtliche Kopfballstärke durch pränatale Diagnose ermittelt.

All das bedeutet: Uli Hoeneß fängt nicht von vorne an. Er ist nicht ganz unten. Er sitzt in seinem Verein an der neuen, eigentlichen Schaltstelle der Macht. Das muss man wissen. Wenn die Bild-Zeitung das kapiert hat, sieht es für die Einschaltquoten von DSDS gar nicht gut aus.

 

 

 

Die Zwerge meckern, Merkels Karawane zieht weiter

Wenn die Sonne tief steht, werfen Zwerge lange Schatten. So funktioniert das gerade mit Hans-Peter Friedrich. Der Ex-Innen- und Agrarminister hat einen Batzen Dreck nach Mutti Merkel geworfen. Und weil innenpolitisch sonst nichts los ist, wurde das tatsächlich bemerkt.

Wirklich bedeutend war der Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nie. Innenminister wurde er im März 2011 deshalb, weil nach dem Rücktritt des adeligen Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg in der CSU kein anderer protestantischer Franke greifbar war. Vom ersten Tag an war zu spüren, dass alle Beteiligten – auch er selbst – unglücklich über diesen Karriersprung waren. Daran änderte sich nichts. Große politische Entwürfe waren nicht Friedrichs Ding, v0n ihm überliefert sind eher schlichte Wahrheiten.

Als er in den Strudel der Edathy-Affäre geriet und die Verantwortung für Schweinefleisch und Kartoffeln abgeben musste, schaute die Kanzlerin seinem Abgang selbst für ihre Verhältnisse desinteressiert zu. Der ungerecht behandelte Minister freilich gab den Terminator: „Auf Wiedersehen. Ich komme wieder”, drohte er in seiner Rücktritts-Pressekonferenz.

Jetzt also ist es soweit. Und Hans-Peter Friedrich holt die große Keule heraus. Angela Merkel sei schuld am Entstehen der Pegida-Bewegung. Stimmt, es kann gut sein, dass Menschen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse für die Regierung keine Rolle spielen. Allerdings spricht hier ein geistiger Förderer von Pegida. So erklärte er in Sachen Zuwanderungspolitik: “Wir brauchen die, die uns nutzen und nicht die, die uns ausnutzen.”Das Bild vom nützlichen, rundum integrierten Ausländers dürfte den Dresdner Demonstranten gefallen.

Hat also einer daneben gelangt und wird nun weiter degradiert? Das bestimmt nicht. Ein Hans-Peter Friedrich kann eine Kanzlerin Merkel nicht kränken. Dafür ist er zu klein. Er dient ihr vielmehr, ganz im Sinne der bayerischen Politik. wonach die stärkste Partei gut daran tut, das bisschen Opposition gleich mit zu erledigen. Einige Parteifreunde werden ihn böse anschauen, noch mehr werden ihm auf die Schulter klopfen und fragen: “Interview im Spiegel. Respekt. Wie hast Du das denn geschafft?”

Danach wird es schnell wieder ruhig werden um den Mann aus Oberfranken. Die Zwerge meckern, die Karawane zieht weiter. Es bleibt wie gehabt.

 

 

Das vorgetäuschte Quötleins-Weinen

Oha, unsere Wirtschaft jault wieder auf. Denn die Frauenquote kommt. Die Politik will, dass die trauten Männerrunden in den Aufsichtsräten von etwas mehr als 100 börsennotierten Großunternehmender durch Frauen gesprengt werden. Das ist nicht nur ein Frontalangriff auf die letzten Refugien des Herrenwitzes. Nein, es drohe übelste Zwangswirtschaft, purer Geschlechtersozialismus, sozusagen.

Warum bloß diese Weinerlichkeit? Es geht gerade mal um 200 Jobs. Und an der Qualifikation kann es nicht scheitern. In Krisenzeiten sehen Aufsichtsräte sehr oft schlecht aus und entscheiden falsch. Warum sollte das nicht auch jeder Frau gelingen? Wenn der Begriff “Nieten in Nadelstreifen” zwecks Emanzipation um “Nieten in Nylonstrümpfen” ergänzt wird – bitteschön.

Die Frauen wiederum sollten daran denken: Wo das Licht noch nicht so hell ist, wo also die Sonne tief steht, werfen auch kleine Dinge lange Schatten. Darauf hofft die Wirtschaft insgeheim. Dass nämlich diese Quote, die in Wahrheit ein Quötlein ist, die weiblichen Beschäftigten beruhigt. Indem sie ihnen das Gefühl gibt, dass ihnen beim Verwirklichen ihrer Karrierewünsche auch dann geholfen wird, wenn sie ihre Eizellen nicht einfrieren wollen.

Man will ablenken vom allgemeinen Versagen der Wirtschaft. Bis hinunter in kleinste Unternehmen sind Chefs mit der biologischen Tatsache überfordert, dass Frauen Kinder bekommen können. Erst recht wirft es sie aus der Bahn, wenn diese auch noch frei entscheiden, wann das passieren soll.

Es gibt also kein echtes Problem, weshalb wir jetzt im Advent das Lied singen sollten: “Sah ein Chef ein Quötlein steh’n, Quötlein auf der Heid’n. War so zart und wunderschön. Bracht ihn nicht zum Leiden…”

 

 

Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

König Horst, die Messer sind gewetzt

“Der König ist tot! Es lebe der König! Die Bedeutung dieses aus Frankreich überlieferten Ausrufs ist klar. Wir haben Respekt vor unserem Herrscher. Wenn er es aber nicht mehr bringt, wird er ausgetauscht  – und danach ganz schnell vergessen. Ein heißer Kandidat für solches Schicksal ist Horst Seehofer.

Das Phänomen der kurzen Erinnerung kennt der männliche Teil der Bevölkerung von den Fußballtrainern. Wer weiß heute noch, wo ein Erich Ribbeck wann gearbeitet hat? Auch ein Könige und Fürsten, die einst viele Seiten unserer Klatschmagazine gefüllt haben, sind ratzfatz abgehakt. Nur bei der englischen Queen läuft es anders. Sie befindet sich weit im Rentenalter, erledigt ihren Job jedoch sehr gut – und bleibt noch ein paar Jährchen.

Bei Horst Seehofer sieht das anders aus. Der bayerische Ministerpräsident, als dessen größte Erfolge die Historiker die Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die Herdprämie, und die Pkw-Maut nennen werden, steckt in Problemen. Er hat einige Alphatiere seiner Partei weggeräumt und  hat eh keine so große Lust auf die popelige Landespolitik. Verständlich, er ist ja schon 65 geworden.

Verständlich ist aber auch, dass potentielle Nachfolger ehrgeizig mit den Hufen scharren.  Was der alternde Silberrücken so beantwortet, dass er versucht, sie in ihrer Bedeutung klein zu halten. Um irgendwann selbst zu entscheiden, in wessen Hände er den Freistaat Bayern übergibt.

Bloß: Seehofer ist weder Papst noch Queen. Er ist Chef der CSU, einer sehr erfolgreichen, aber bei Bedarf auch gnadenlosen Partei. Ob Streibl, Stoiber oder Beckstein: Wer nicht mehr getaugt hat, wurde abserviert. Die eigene Nachfolge hat keiner selbst geregelt.

Die Messer sind wohl längst gewetzt. Denn: Ein/e Nachfolger/in muss sich bekannt machen können. Und 2018 ist nicht mehr so fern.