Gegen die Gewissheit der Angst hilft nicht nur Vernunft

Und jetzt wieder Frankreich. Islamistische Mörder haben eine Kirche nahe Rouen gestürmt und deren Pfarrer hingerichtet. Dabei stecken uns die jüngsten Anschläge von Würzburg, München und Ansbach, aber auch von Kabul, noch tief in den Knochen. Wird es ein Ende des Terrors geben? Es fällt uns immer schwerer, daran zu glauben. Bloß: Eine Alternative haben wir nicht.

Es wirkt unbegreiflich, wie sich Hirne von jungen, am Leben verzweifelten Männern bei passender Gelegenheit in Luft auflösen. Niemand kann erklären, warum sich dieses Phänomen in diesen Tagen derart ballt. Und man mag sich nicht vorstellen, wie leer es in diesen Tätern sein muss, damit genug Platz ist für ungezügelten, sinnlosen Hass gegen andere Menschen. Sie riskieren ihre eigene Existenz, nur um töten zu können. Irgend etwas läuft gewaltig schief.

Vernunft, ein kühler Kopf, könnten uns helfen. Trotz aller Horrornachrichten ist das Risiko, bei einem Amoklauf oder einer Terror-Attacke zu sterben, äußerst gering. Im Straßenverkehr, ja sogar im Haushalt, kommen mehr Menschen ums Leben. Aber die jetzige Bedrohung ist anders. Wenn man beginnt, beim Einkaufsbummel nach bärtigen Burschen mit Rucksäcken Ausschau zu halten, verfestigt sich die Angst, dass man jederzeit und überall attackiert werden könnte, zur Gewissheit. Wer Auto oder Rad fährt, rechnet – trotz objektiv größerer Gefahr – nicht mit einem Unfall. Hier ist es anders.

Was aber hilft uns dann? Gottvertrauen wäre eine Lösung, aber wer hat das noch? Also brauchen wir wohl eine Mischung aus Vertrauen und Fatalismus. Eine Gewissheit, dass nichts passieren wird, dass es aber im Leben manchmal kommt, wie es kommt. Auch Humor kann helfen. Humor, gemischt mit Trotz. Lasst sie toben, lasst sie ihrem pseudo-religiösen Schwachsinn frönen. Wir stecken ihnen die Zunge raus.

Yalla, Ihr Wichser! Lachen ist erlaubt! Fangen wir an!

 

 

 

 

 

 

Der Verantwortungsflüchtling und die Alternative für Dumme

Es gibt Kriegsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge. Gerade hoch aktuell ist allerdings  der Verantwortungsflüchtling. Er funktioniert so: Großes versprechen, Verwirrung stiften, Schaden anrichten und dann schnell verschwinden.

Jeder kennt das aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Ein Heilsbringer taucht auf, verspricht neues Handeln und den Aufbruch in bessere Zeiten. In der Praxis erweist er sich rasch als unfähig. Er wirbelt Staub auf, hat aber selbst keine Idee, was zu tun ist. Also verkündet er „Mission erfüllt“ und verschwindet im Nichts. Unfähige Unternehmensberater oder Kurzzeit-Manager zählen zu dieser Spezies.

Oder denken wir an Großbritannien. Dort haben großmäulige Redetalente eine Abspaltung von der Europäischen Union erreicht. Als ihnen bewusst geworden ist, dass das einige Schwierigkeiten mit sich bringen wird, die ihnen persönlich schaden könnten, sind sie abgetaucht. Der Verantwortungsflüchtling lässt einen Hundehaufen in den Gang der Geschichte setzen, schlurft dann aber, wie die meisten Herrchen, verlegen pfeifend davon.

Auf einem etwas anderen, jedoch sehr ähnlichem Pfad wandelt zurzeit die AfD in Baden-Württemberg. Sie war angetreten, um alles besser, bürgerlicher,  konservativer und flüchtlingsfreier zu machen als die verbrauchten Alt-Parteien. Die Wählerinnen und Wähler gaben der angeblichen Alternative einen mächtigen Vertrauensvorschuss. Was aber vor allem dazu führte, dass die internen Machtkämpfe heftiger wurden.

Parteigründer Bernd Lucke hat sich längst aus dem Staub gemacht.  Der baden-württembergische Statthalter Jörg Meuthen ist nun vor seiner Verantwortung geflüchtet, dass er im Wahlkampf mit fragwürdigen Gestalten verbündet war, denen braunes Gedankengut gelegentlich aus den Ohren quillt. Als einer von ihnen, Wolfgang Gedeon, wegen fragwürdiger Holocaust-Äußerungen aus der Fraktion ausgeschlossen werden sollte, stimmten nicht genügend Abgeordnete dafür. Die Hälfte der Fraktion machte sich davon.

Jörg Meuthen geht nun neue Wege. Er nennt seine neue Gruppierung AfB, Alternative für Baden-Württemberg. Das könnte Schule machen. Wir bekämen die AfH für Hessen, die AfBY für Bayern und für Sachsen-Anhalt die AfSA. Gut, das geht vielleicht zu weit. Aber die AfD „Alternative für Dumme“ zu nennen – es erscheint zumindest derzeit nicht verkehrt. Zum Davonlaufen ist es allemal.

Hooligans sind schlechte Exportartikel

Deutschland ist eine Export-Nation. Manchmal aber schämt man sich für Deutsches im Ausland. Etwa dann, wenn ultraharte Fußballfans  verreisen.

Diese Hooligans sind erstaunliche Wesen. Sie randalieren immer. Selbst wenn ihre Helden gewonnen haben. Fußball ist demnach für sie tatsächlich  Nebensache. Hauptsache, es findet sich jemand, dem man ordentlich etwas auf die Lichter geben kann. Am besten einen, der noch ein bisschen besoffener, also hilfloser ist.

Fußball-Tourismus ist somit eine Ballermann-Tour mit anderen Mitteln. Es gilt, sich selbst die Birne vollzuknallen und sich so zu benehmen, wie man es zuhause nicht wagen würde. Es kennt einen ja keiner. Also rollt man in einer französischen Stadt die Reichskriegsflagge aus und setzt sich einen Stahlhelm auf. Um zu zeigen: Hier regiert Deutschland.

Man möchte einen vergitterten Transporter chartern und diese Typen seltsamen Menschen zurück nach Hause fahren. Aber andererseits: Waren Fußball-Fans nicht schon immer besonders doof? Von Randale am Rande von Leichathletik-Meisterschaften hat man noch nie gehört. Dagegen hat es eine lange Tradition, dass bei wichtigen Spielen mit dem runden Leder Sicherheitsstufen ausgerufen und Hundertschaften von Bereitschaftspolizisten in Gang gesetzt werden.

Und das Prügeln geht weiter, während sich die Idole in die Gegenrichtung entwickeln. Die Spieler machen ihr Abitur, sie machen Werbung für Hautlotion und tragen bunte Schuhe in Pastelfarben. Schriftsteller und Philosophen ergötzen sich an der Schönheit von Guardiolas Gedanken, während vor den Stadien die gelangweilten Lebensversager nach ihren derben Regeln spielen. Wer nichts zu verlieren hat, tritt besonders heftig zu.

Die Sicherheitskräfte sollten es vielleicht so probieren: Sie sollten die Wasserwerfer mit rosa Farbe füllen und die Springerstiefel umspritzen. Gewalt wirkte dann lächerlich. Vor allem aber: Die Fans wären ihren Helden wieder näher.

 

Merkel und Seehofer – am Ende hilft die Biologie

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber es ging nicht mehr.“ So äußern sich frisch getrennte Menschen, wenn sie ihren Bekannten davon erzählen, warum ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Was aber würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen? Vielleicht das? „Wir haben uns beschimpft, beleidigt und verhöhnt. Aber wir können nicht ohne einander.“

Wer nun den Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ aus seiner Zitatensammlung holt, liegt daneben. Es geht hier um die Welt der Politik. Und diese dreht sich nach anderen Regeln als ein normaler Planet. Es geht manchmal um die Sache, immer aber um die Macht. Was bedeutet, dass sich die angeblich befreundeten Akteure noch nicht einmal mögen müssen. Die Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“ trifft in vielen Fällen zu. Bei unserem Traumpaaar der konservativen Politik sowieso.

Aber lässt sich dieses Zerwürfnis jemals kitten? Vermutlich nicht. Zwar hat Horst Seehofer gerade beteuert, dass er die Versöhnung mit Angela Merkel als „Chefsache“ betrachtet. Er will also auf Ilse Aigner als Paartherapeutin verzichten. Aber ganz ehrlich: Der CSU-Chef müsste schon ein ganz besonderer Mann sein, würde er sich nachhaltig um seine Beziehungskrise kümmern. Noch dazu mit dem Ziel, sich selbst zu ändern. Zumindest der private Seehofer hat sich auf diesem Feld bisher als Normalo erwiesen.

Und Angela Merkel? Sie wurde von ihrem bayerischen Freund auf offener Bühne abgekanzelt. Wobei das angesichts der tatsächlichen Bedeutung beider Personen so ist, als würde die Kapitänin eines Hochsee-Dampfers von einem Binnenschiffer degradiert. Sie muss das nicht akzeptieren.

Doch sie muss damit leben, dass er ihr erhalten bleibt. Die GroKo ist zur MiKo, zur mittelgroßen Koalition geschrumpft, weshalb die Kanzlerin nur darauf hoffen kann, dass ihre jetzige Koalition gerade so über die Ziellinie robbt und vier Jahre weitermachen darf.  Seehofer wäre nur noch als biologisches Problem vorhanden.

Es gibt Hoffnung. Doch schon jetzt fragt die Physikerin Merkel ihren Physik-Professor Sauer: „Schatz, kann man Zeitmaschinen wirklich nicht bauen?“

 

Herr Gauland, der Feldmarschall der Gartenzwerge

Und wieder hat Alexander Gauland das karierte Sakko felsenfest geknöpft, den ergrauten Schädel gesenkt und sich im Namen von Partei, Volk und islamfreiem Vaterland in den Gegenwind der herrschenden Meinung gestellt. Die Leute, so der stellvertretende AfD-Chef wollten den Fußball-Nationalspieler nicht als Nachbarn haben. Die Empörung ist groß. Ob es ihn juckt?

Ich gestehe, Jerome Boateng als Nachbar würde auch mir Probleme bereiten. Das hat aber ausschließlich mit der aus meiner Sicht verfehlten Wahl seines Arbeitgebers zu tun. Als lebenslanger Anhänger des 1. FC Nürnberg bekäme ich Seelenschmerz, wenn ich jeden Tag am Gartenzaun einem Deutschen, Welt- und Sonstwas-Meister in Diensten von Bayern München zulächeln müsste, während der Club meines Vertrauens eine Liga tiefer herumdümpelt. Aber diese diskriminierenden Gedanken fallen unter die Kategorie Sport. Sie regeln sich sowieso insoweit, als ich schon aus finanziellen Gründen niemals Nachbar von Neuer, Müller oder eben Boateng werden könnte.

Alexander Gauland dagegen ist ein wirklich schlimmer Finger. Dieser Mann ist nicht dumm, aber blöd. Blöd verhält er sich,weil er Parolen in Umlauf setzt, die er wahrscheinlich selber für krank hält. Er macht sich gemein mit Menschen, die er, wenn er nicht ihre Stimmen einsammeln wollte, nicht einmal mit der Kehrseite anschauen würde. Diese Verlogenheit in der Provokation macht den AfD-Vize besonders widerlich.

Erstaunlicherweise hat er mit dem Boateng-Gerede recht leichtfertig offenbart, dass sein Denken auf einem vorgestrigen, plumpen Rassismus beruht. Ein Schwarzer mit afrikanischen Wurzeln muss, egal ob hier geboren oder nicht, eine Gefahr sein, er muss mit diesem Propheten zu tun haben, vor dem AfD diese, unsere Gesellschaft unbedingt schützen will. Dumm bloß, dass Jerome Boateng ein gläubiger Christ ist, auf dessen linken Unterarm die Gottesmutter Maria tätowiert ist. Dieser Abwehrspieler schießt vielleicht Kerzen, aber niemals Minarette.

Falscher hätte das Opfer der Diffamierung also gar nicht sein können. Aber ein Gauland weiß, dass das nicht so schlimm ist. Hauptsache, dieses „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in den passenden Kreisen angekommen. Die Affäre bringt die AfD mächtig ins Gespräch. Und wenn es sein muss, zupft Frauke Petry das Röckchen zurecht und spielte die Empörte.

Nein, dieser Mann weiß, was er tut. Also geben wir ihm eine angemessene Aufgabe. Wir ernennen ihn zum Feldmarschall der Gartenzwerge und machen ihn so zu unserem Nachbarn. Als Anführer schmückt ihn die passende Armbinde: Mit der Aufschrift „Ordner“, mit drei schwarzen Punkten oder doch mit dem ……………? Entscheiden Sie selbst.

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Edel, hilfreich – Gutmensch

Diese Zeiten sind durchgeknallt. Da gibt es überall reichlich Bomben und Geschrei. Und dann werden diejenigen, die bedrängten Menschen helfen, auch noch beschimpft. „Gutmensch“ ist das Unwort des Jahres.  Trost ist selten – aber es gibt ihn.

Die Sprach-Jury hat zutreffend gewählt. Denn eigentlich dürfter unser Begriff keine Häme vermitteln. Er ist aus zwei positiven Worten zusammengesetzt (sofern man das beim Homo Sapiens so sehen mag) und beinhaltet erstrebenswerte Eigenschaften. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, ließ schon Goethe verlauten. Der große Dichter ging sogar so weit,  Texte unter dem Pseudonym „Gutmann“ zu veröffentlichen.

Woher also der Hass? Letztlich dürfte es ein psychologisches Phänomen sein. Die selbst ernannten Retter des Abendlandes wissen nur zu gut, dass dessen Leitreligion das Christentum ist. Dieses wiederum gibt seinen Gläubigen ein Mindestmaß an Barmherzigkeit vor. Auf Erden wird entschieden, wo man seine Ewigkeit verbringt. Auf der Wolke oder im Feuer.

Nun möchten auch Pegida-Leute in den Himmel. Daran arbeiten sie, indem sie sich den satanischen Botschaften der Lügenpresse mutig entgegenwerfen. Das mit der Nächstenliebe kriegen sie aber nicht so gut hin, weil ihnen dazu das Herz fehlt. Scheitern jedoch macht mürrisch und grantig auf jene, die zumindest neutestamentarisch betrachtet als Vorbilder gelten würden.

Also sagt man, dass es sich um naive, depperte Romantiker handelt, die für Dunkeldeutschland sorgen, da sie dauerhaft den Halbmond ins Land holen. Solche Leute gehören weggebrüllt.

Was ist der Trost? Die Schreihälse sind nicht die Mehrheit, sie sind bloß lauter. Beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg gab es für die Rede des Oberbürgermeister immer dann spontanen Beifall, wenn er die Flüchtlingshelfer und alle anderen Menschen lobte, die ehren- oder hauptamtlich daran mitwirken, dass das Ankommen der Fremden in einer menschlichen Atmosphäre geschieht.

Man sieht, die guten Reflexe funktionieren noch. Und seien wir ehrlich: Ein Schlechtmensch zu sein – das kann niemand wirklich wollen.

 

 

Das Ei des Führers

Ein ehernes Gebot des deutschen Journalismus lautet: Hitler geht immer. Ein Foto des entschlossen dreinblickenden Diktators vermag die Auflagen  auch dann zu steigern, wenn darunter ein paar bescheuerte Zeilen stehen. So ist es wieder geschehen. Die größte uns bekannte Boulevard-Zeitung, also Bild, titelte: „Hitler hatte nur einen Hoden“.

Ratlos lässt uns diese Schlagzeile zurück. Sollen wir lachen, staunen oder weinen? Was juckt diese Nachricht angesichts von zig Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg? Nur Neonazis tun sich leicht. Sie können die medizinische Wahrheit zum Hirngespinst der Lügenpresse erklären. Und fertig.

Uns andere lädt Bild zum Nachdenken über die Frage ein, was es für einen Mann bedeutet, ausgerechnet in seiner Männlichkeit unvollkommen zu sein. Ist er in seiner Depression vereint mit den zu kleinen Regenten? War es sein Schicksal, sich wie Napoleon oder Sepp Blatter durch immerwährenden Kampf über andere zu erheben? Ist so einer nachhaltigst verklemmt, und kompensiert sein Nicht-Sexleben durch übertriebene Gewalttätigkeit? Oder ist jemand, der weiß, dass er keine Kinder zeugen kann, freier in seinem Handeln? Weil er weiß, dass ihm kein Nachkomme jemals Vorwürfe machen wird?

Bevor wir uns aber das Hirn darüber zermartern, wo das zweite Ei des Führers dereinst gefunden werden wird – ich persönlich tippe auf ein Schmuckkästchen in einem Schrank des Bernsteinzimmers – dürfen wir feststellen, dass unsere Vorstellungen von gutem und schlechtem Journalismus wieder einmal bestätigt wurden. Der ärztliche Befund ist nämlich den Akten entnommen, die ab 1923 während Hitlers Festungshaft in Landsberg am Lech angelegt wurde.

Aus all diesen Dokumenten gehen auch andere Dinge hervor. Zum Beispiel, dass die „Haft“ eher eine nette Männer-Wohngemeinschaft war, in welcher  der Häftling Adolf H. den Respekt seiner Wärter und sogar Luxus genießen konnte. Er hatte, speziell im Freistaat Bayern, einflussreiche Freunde und Gönner. Viele spätere Nazi-Größen waren gingen im Knast ein und aus.

Das sollte uns mehr interessieren. Hervorgehoben haben diese Fakten die schlauen Medien. Bild hingegen formulierte hodenlos. Hitler geht immer – und immer noch ein bisschen schlimmer.

 

 

 

Was immer geschieht – Horst Seehofer droht

Es grollt und donnert, wenn der Wind aus München weht. Denn dort, im bayerischen Olymp, sitzt Horst Seehofer – und kündigt dem Rest der Welt Sanktionen, Blockaden oder Notwehr an. Aktuell geht es dabei um Flüchtlinge. Aber alles nicht so schlimm: Dieser Mann droht immer wegen irgendwas.

Im Jahr 2008 hat Horst Seehofer den redlichen, aber farblosen Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident abgelöst. Schon kurz vor seiner Machtübernahme erhob er warnend den Zeigefinger. Besorgt um die Zukunft reicher Jungunternehmer kündigte er in Sachen Reform der Erbschaftssteuer eine Blockade der Arbeit der damaligen Großen Koalition an. 2009 ging es um die Reform der EU-Verträge. Weil Seehofer mehr  Kompetenzen für die Bundesländer für erforderlich hielt, drohte er damit, dass die CSU ihr Vetorecht geltend machen könnte.

Aus dem Jahr 2010 sind zwei wesentliche Seehofer-Warnungen überliefert. Zunächst drohte er seinen Partei- und Koalitionsfreunden mit einer häufigeren Anwesenheit in Berlin. Zur allgemeinen Erleichterung ließ er es damit bewenden, nahm später jedoch die Rente mit 67 aufs Korn. Und attackierte ausnahmsweise nicht die eigene Zunft: Die CSU werde sich hier verweigern, falls die deutsche Wirtschaft die Beschäftigungschancen für ältere Arbeitnehmer nicht erheblich verbessern würde. Konzernvorstände zittern wahrscheinlich heute noch, wenn sie daran denken.

2011 kam es, endlich, zu einer unmittelbar gegen die Bundeskanzlerin gerichteten Drohung. Sollte Angela Merkel den anderen europäischen Staaten in der damaligen Finanzkrise zu weit entgegenkommen, würde seine Partei einen Sonderparteitag durchführen. Und dort klarstellen, wie man mit dieser EU richtig umgeht. Mitte 2012 setzte Horst Seehofer den Begriff „Koalitionsbruch“ in die Welt. Damit drohte er, falls das CSU-Herzensprojekt Betreuungsgeld in Berlin scheitern würde. Wie wir heute wissen, siegt die Unvernunft.

Nach der Neuauflage der Großen Koalition wurde der bayerische Groll erneut heftiger. Als sich in den Koalitionsverhandlungen eine Zustimmung zum Mindestlohn abzeichnete. droht Seehofer indirekt mit Neuwahlen. Die Union dürfe zentrale Positionen nicht aufgeben. Im Jahr 2014 schließlich drohte er der Bundesregierung vor allem in Sachen Pkw-Maut. Die Schonzeit sei vorbei, er habe vor, eine härtere Gangart anzuschlagen.

Aus dem vorigen Jahr stammt auch Seehofer Drohung, er werde 2018 erneut als Ministerpräsident kandidieren. Damals war sein Finanzminister Markus Söder zu eigenwillig geworden. Zurzeit gehen wir davon aus, dass es nur noch knapp drei Jahre Droh-Folklore geben wird. Wir werden auch das noch überstehen.