Wenn der Heiligenschein zerfällt

Der Verrat gehört in der Politik zum Instrumentarium der Macht. Wer nicht liefert, muss damit rechnen, aus seinem Amt entfernt zu werden. Einstige Heldinnen und Helden werden ihren Anhängern zum lästigen Ballast. Das ist normal. Auffällig wird es bloß, wenn die Halbwertzeit des oder der Gescheiterten allzu kurz ist. Dann wird uns bewusst, dass, wer oben sitzt, stets das Schlimmste befürchten darf.

So wie bei dem sozialdemokratischen Kurzzeit-Heiligen Martin Schulz. St. Martin wurde er gerufen, seine im Ausgestalten des Sachzwangs grau gewordene SPD war plötzlich wieder modern. Aber dann: Mehrere Niederlagen bei der Landtagswahlen und ein verheerendes Abschneiden bei der Bundestagswahl zerstörten den Heiligenschein. Schulz war gescheitert.

Mausetot ist er aber erst, seitdem er, Sach- und Machtzwängen folgend, wichtige Versprechen gebrochen hat. Der Starke mag sich das erlauben, ein SPD-Chef mit 20 Prozent Wählerstimmen eher nicht.

Aber war es Verrat, wie die Schwester des nunmehr Geächteten meint? Manches spricht dafür: Die Genossinnen und Genossen, der damals unbeliebte Ex-Parteichef Sigmar Gabriel vorneweg, haben das Produkt Schulz in einer Situation lanciert, in der ein Sieg bei der Bundestagswahl von Woche zu Woche unwahrscheinlicher wurde. Man war sich einig, dass mit dem Kanzlerkandidaten Gabriel kein Blumentopf zu gewinnen wäre.

Also kam der Retter von außerhalb, startete furios, konnte aber nicht liefern. Ein Quereinsteiger aus Brüssel, noch dazu erfolglos – das konnte nicht gutgehen. In dieser Lage sind die Etablierten gnadenlos. Sie haben für jeden Wortbruch oder Fehler selbst die Hand gehoben. Aber wenn ein anderer tief fällt, war man selbst nicht dabei.

So geht Politik. Horst Seehofer hat es Bayern erfahren. Angela Merkels Demontage ist in Gang. Und wir: Haben wir also Mitleid? Nein. Denn wer in die Politik geht, muss ihre Regeln ertragen. Manchnmal geht es schief. Aber manchmal erscheint sogar ein neuer Held.