Zum Abendbrot bei Dschihadistens

Niemand sollte behaupten, dass er in seinem Leben niemals richtig blöd gewesen wäre. Die uns Menschen gegebene Spanne von klug und edel bis zu saudumm und böse hat ab einem gewissen Alter jeder irgendwann mal ausgelotet. Wir sollten also tolerant sein. Doch gelegentlich stößt man an Grenzen.

Wie aktuell berichtet wird, steigt die Zahl junger Frauen, die in die Kampfgebiete Syriens fahren, um dort einen Kämpfer des Islamischen Staats zu heiraten. Das wirft Fragen auf: So kommt man ins Grübeln darüber, ob unsere Art zu leben wirklich so sinnentleert und unattraktiv ist, wie es zu sein scheint. Die jungen Frauen können hier shoppen, Eis essen, sich mit Gleichaltrigen treffen oder an einem Weiher in aller Seelenruhe Enten füttern. Sie können einen Beruf lernen und Geld verdienen. Stattdessen wollen sie in die Wüste. Dorthin, wo täglich Bomben fallen.

Gut, auch Spätpubertät verwirrt enorm. Aber stellen diese IS-Bräute das Denken komplett ein? Sie könnten sich doch zum Beispiel fragen, was das für ein Paradies sein soll, wenn die sicherste Eintrittskarte massenhafter Mord ist? Winkt da ein himmlischer Schlachthof, in dem gebenedeite  Ex-Kämpfer im Beisein ihrer Familien Ungläubige von der Wolke schießen dürfen?

Was beglückt junge Frauen an der Vorstellung, dass sie durch das gebärfreudige Ertragen auch der fahrlässigsten Penetration wenigstens zur Erstfrau und somit zum Menschen zweiter Klasse werden können? Wie muss man sich die Abendbrot-Gespräche bei Dschihadistens vorstellen?

So etwa? „Schatz, wie war dein Tag?“ „Ach normal. Fünf Ungläubige erschossen, drei enthauptet. Passt schon.“ „Ach, ich bin ja so stolz auf dich!“. „Schön, so lass’ uns dem Kalifen ein Kind zeugen.“ Und wenn der Kleine im Vorschulalter ist, schicken die Freunde ein Bobbycar. Daran kleben die Eltern Spielzeug-Dynamitstangen und Papa sagt: „So, mein Sohn, so wirst du später auf den Marktplatz fahren.“

Wenn man sich diesen Irrsinn zusammendenkt, erkennt man, dass man in eine Situation geraten ist, in der allenfalls eine sofortige Urschrei-Therapie noch hilft. Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht mal das.

Man kann sich ausmalen, wo der Hass herkommt. Aber wie kann er so groß sein? Darf man zugeben, dass man ratlos ist? Ja. Denn es gelingt mir nicht anders.

Supermärkte: Die Quengelzonen unserer Fettzellen

“Denk’ ich ans Wiegen in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.” Vielleicht, nein wahrscheinlich würde der große Heinrich Heine so dichten, wenn er in diesen Zeiten einer von uns wäre. Denn tatsächlich: Deutschland ansich interessiert uns weniger stark als unsere falsch positionierten Pölsterchen oder Polster. Jedoch, gibt es ein Entrinnen? Theoretisch unbedingt, in der Praxis kaum. Denn wer kauft nie im Supermarkt?

Unser Glaube an die Theorie des Schlankwerdens spiegelt sich in der Vielzahl von mehr oder weniger qualvollen Diäten. Die Liste reicht von A wie Atkins- und Ayurveda-Diät über G wie Gylx-Diät und M wie Mittelmeer-Diät bis hin zu W wie Weight-Watchers- und X wie xx-well-Diät. All diesen Konzepten ist gemeinsam, dass man auf etwas Falsches verzichten soll. Das gelingt in Einzelfällen durchaus. Allzu oft jedoch ist der Jo-Jo-Effekt treuer  Begleiter von Abschmelz-Aktionen.

Vielleicht haben wir die ultimative Strategie bloß noch nicht erkannt: die Tante-Emma-Diät. Was sich aber ändern könnte. Forscher der Göttinger Georg-August-Universität wollen nämlich herausgefunden haben, dass das Einkaufen im Supermarkt dick macht. Die Wissenschaftler haben sich bei ihrer Studie in Kenia umgeschaut. Dort, wie auch in Schwellenländern Asiens, sind traditionelle kleine Lebensmittelläden auf dem Rückzug. Sie werden – wir haben das auch erlebt – durch Supermärkte ersetzt. Und es zeigte sich: In Städten mit einer vergleichsweise großen Zahl von Einkaufszentren gibt es nachweislich mehr dicke Menschen.

“Kalorien sind im Supermarkt billiger als in traditionellen Geschäften”,  lautet eine Begründung der Göttinger Ernährungsforscher. Und wenn wir ehrlich sind, stimmt es doch.

Löst unsere Fleischereifachverkäuferin mit der Frage “Darf’s a bissl mehr sein?” einen sanften Völlerei-Alarm aus, so hauchen uns die Produkte in den Auslagen der Einkaufszentren ein vielstimmiges “Nimm mich!” zu.  Während innere Stimmen gleichzeitig „Greif zu!“ rufen.

Natürlich werden wir schwach. Die Supermärkte sind die Quengelzonen unserer Fettzellen. Woanders kaufen wäre ein Weg. Alsdenn: Denk ich an Lidl in der Nacht…

Auch am Herd lauert die Depression

Die Widersprüchlichkeit ist fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie zeigt sich in vielfältigen Schatteriungen und Erscheinungsformen. Sogar am heimischen Herd. Man sieht uns dort seltener als man denken sollte. Wir sind annähernd Anti-Weltmeister.

Gibt es nichts Wichtigeres als das Kochen? Sicher, in diesen Tagen könnte man sich auch anders über unser Thema auslassen. Zum Beispiel mit Blick auf diejenigen Menschen, die stolz von ihrem Burn-Out als Beleg ihrer besonderen Leistungsbereitschaft erzählen. Die aber zugleich sicher sind, dass Depression unheilbar ist, weshalb ein solches Leiden zur Verbannung aus dem Berufsleben führen müsste.

Aber lassen wir das. Das Nürnberger Meinungsforschungsinstitut GfK will herausgefunden haben, dass durchschnittliche Deutsche nur knapp fünfeinhalb Stunden am Herd stehen. Pro Woche! Dabei seien notorische Nichtkocher schon herausgerechnet.

Das wundert uns. Denn im Fernsehen laufen jede Menge Kochshows. Nicht, dass es diese anderswo nicht auch gäbe. Im arabischen Raum etwa genießt der TV-Koch von Dubai einen vorzüglichen Ruf. Doch wenn man sich denkt, auf wie vielen Kanälen es bei uns gart, brutzelt oder zischt, müsste mehr passieren. Schließlich darf das Verbreiten von Wissen als Sinn kulinarischer Telekollege gelten. Und es werden Monat für Monat so viele Rezepte verbreitet, dass es jeweils für ein halbes Menschenleben reichen würde.

Mit Hingabe gekocht wird anderswo. Ukrainer und Inder arbeiten laut Studie 13 Stunden pro Woche am Essen gearbeitet. Die größte Leidenschaft für’s Kochen äußern Italiener und Südafrikaner. 43 und 42 Prozent der in diesen Ländern haben daven geredet, bei uns waren es nur 26 Prozent. Am ödesten sieht es in Sachen frische Kost in Südkorea aus. In ostasiatischen Tigerstaaten ist das Leben eben komplett dem Bruttosozialprodukt gewidmet.

Was aber sagen uns unsere mäßigen Zahlen? Vielleicht hätte bei der Auswertung über die Kochdauer die Statistik über die Verbreitung von Induktions-Kochfeldern berücksichtigt werden sollen. Unsere Autos sind die Schnellsten, die Küchentechnik ist bestimmt besser als in Indien.

Wahrscheinlicher ist aber, dass wir Kochshows zuschauen, aber eigentlich nicht wissen, wovon die Leute reden. Wir haben eben keine Ahnung von der Sache. Was es, wenn man es genau betrachtet, bei ernsteren Themen auch geben soll…

Schade, Ihr Schotten! Wir hätten Euch gebraucht…

Ach, Ihr Schotten! Ihr wart unsere Hoffnung. Wir hatten gedacht, Ihr würdet es machen, wie wir es von Mel Gibson alias Braveheart kannten. Ihr würdet die Röcke hochheben und den Engländern ein für allemal den nackten Hintern zeigen. Und so ein Beispiel für uns Franken setzen.

Eigentlich träumen wir doch schon lange davon, uns selbstständig zu machen und die Oberbayern ihrem Schicksal zu überlassen. Sollen sie doch den Seehofer behalten, Modellautos bauen, sich an Oktoberfest-Dirndln und an den Bergen erfreuen. Wir haben den Horizont! Der zählt viel mehr. Bussi-Bussi ist nicht unser Ding. Wir sagen ehrlich, ob wir jemand mögen oder nicht.

Und diese Perspektiven! Vom Bau teurer Autos würden wir zwar nicht mehr profitieren. Ebensowenig wie von den High-Tech-Produkten der obayerischen Panzerschmieden. Aber wir wären Weltmarktführer bei Dingen, die die Menschen wirklich brauchen: Bratwürste, wirklich gutes Bier, herben Qualitäts-Wein, Sportklamotten zum Abtrainieren der Genuss-Folgen und Jesuskinder, die Mädchen sind und blonde Perücken tragen.

Grandiose Möglichkeiten hätten wir aber auch auf anderen Feldern.  Die CSU müsste sich wieder anstrengen, weil sie nicht zwangsläufig die Landesregierung stellen würde. Wir bekämen einen eigenen ARD-Sender, der viel öfter einen Tatort produzieren würde. Wegen der geringen Kriminalitätsrate wäre unser Landeskriminalamt mit der Aufklärung von Sellerie-Diebstählen im Knoblauchsland ausgelastet.

Und wenn wir richtig ernst machen, regeln wir auch die Mutter aller Themen, den Fußball. Der 1. FC Nürnberg würde, wenn auch in einem gewissen Wechsel mit Greuther Fürth, wieder regelmäßig Landesmeister. Er würde in der Champions-League-Qualifikation gegen Metalurg Saporischschja obsiegen und dann richtig durchstarten. Die fränkische Nationalmannschaft würde Gibraltar und die Faröer gnadenlos vom Platz fegen und mit rot-weißen Fahnen nach Katar fahren.

Es wäre so schön. Aber es ist anders gekommen. Lieber Mel Gibson, zu schade, dass Du bloß ein Schauspieler bist.

 

 

 

Papa kommt mit dem Rollator

Reden wir von Gewissheiten: Es soll ja Zeiten gegeben haben, in denen junge Menschen sicher waren, dass es ihnen einmal besser gehen würde als ihren Eltern und Großeltern. Unmittelbar nach dem Krieg war diese Erwartung extrem naheliegend, aber sie hielt sich – durch Fakten gestützt – noch einige Jahrzehnte lang.

Diese grundlegende Zuversicht ist geschwunden. Der moderne Mensch weiß, dass er sich zunächst einige Jahre im Beruf bewähren muss, ehe er an Luxus denkt. Die Befristung will ja überwunden sein. Und Kinder sind, wie wir alle wissen, eine sündhaft teure Angelegenheit. Was man auch daran sieht, dass kinderlose Paare mit doppeltem Einkommen im schicken Cabrio, Eltern jedoch in einem viereckigen Pseudo-Transporter mit niedriger Ladekante sitzen. Paare ohne Anhang genießen ein Candle-Light-Dinner, die anderen beim Elternabend.

Unterm Strich ist es jedenfalls so, dass sich immer mehr Frauen Zeit lassen, bis sie sich für ein Kind entscheiden. 22 Prozent der Gebärenden in Deutschland sind 35 Jahre oder älter. Noch deutlich höher ist dieser Anteil in den Krisenländern Spanien mit 34 und Italien 33 Prozent.

Und: Weil zum Kind bei Verzicht auf hilfreiche Medizin das andere Geschlecht gehört, wird die Sache zusätzlich kompliziert. Denn immer mehr Männer bleiben so lange bei den Eltern wohnen, bis für sie dieses Sprichwort greift: “Einen alten Baum verpflanzt man nicht.”

Weil Zeugung ohne die gleichzeitige Verfügbarkeit der Zeugenden nicht möglich ist, ist der Trend klar: Immer mehr Eltern werden Ältern, Mami muss zur Einschulung die grauen Haare färben, zur Abi-Feier kommt Papa mit dem Rollator. Und Urgroßeltern werden zur Rote-Liste-Art. Schade eigentlich!

 

 

 

 

 

FDP-Büste auf der Resterampe

Es ist so im Leben: Auch Bedeutendes siecht irgendwann dahin. Bei Bayern München mag es noch ein bisschen dauern. Doch selbst das weltbeherrschende römische Reich ging letztlich zugrunde. Ursache hierfür war die spätrömische Dekadenz. Womit wir bei der FDP wären. Deutschlands Partei mit der längsten Nachkriegs-Regierungszeit scheint zu verschwinden.

Wenn das Ende einer Beziehung naht, wird abgerechnet, wird das Tafelsilber verscherbelt. Beim Ende einer Beziehung von Volk und Partei ist es nicht anders. Und so hat die abgewählte liberale Bundestagsfraktion eine besondere Devotionalie meistbietend zum Verkauf ausgeschrieben: Bis zum 17. Juni kann ein Angebot für eine Bronze-Büste ihres ersten Parteivorsitzenden Theodor Heuss abgegeben werden.

Wenn man die Klientel der FDP berücksichtigt, sollte sich ein Zahnarzt oder Steuerberater finden, der ein ordentliches Sümmchen locker macht. Aber ideell ist es ein Frevel. Ganz so, als würde die CSU ein Bildnis von Franz-Josef-Strauß verscherbeln. Zumal Theodor Heuss in der Tat ein Vorzeige-Liberaler war, der Staatsgewalt immer wieder ironisch kommentierte. Als die Bundeswehr nach der Wiederbewaffnung zu seinen Ehren des Bundespräsidenten Heuss angetreten war, verabschiedete dieser die Soldaten mit dem Satz “Nun siegt mal schön”.

Aber die FDP braucht das Geld. Sie muss sich aber auf der Versteigerungsplattform Vebeg großer Konkurrenz erwehren. Denn das Verwertungsunternehmen des Bundes hat ein ganz ungewöhnliches Angebot. Es gibt dort auch gebrauchte Feuerwehrautos, Kaffeeautomaten, Feldküchen, Turnmatten und Schleppboote Marke “Schottelwerft”. Und wer lieber Klamotten shoppen geht, kann auf 8,65 Tonnen Feld- und Bordhosen oder auf  5,25 Tonnen Oberhemden bieten.

Auch das liest sich, als wäre eine Abwicklung im Gange. Vielleicht waren die Hemden ja von Dirk Niebel bestellt worden. Als Teil seiner marktwirtschaftlich orientierten Entwicklungspolitik. Doch das ist Spekulation. Sicher ist, dass die FDP auf absehbare Zeit keine Büsten mehr in Auftrag geben wird. Rainer Brüderle in Bronze gegossen wäre allerdings wirklich ein seltsames Produkt.

 

 

Nur zu: Fordern macht sympathisch

“Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.” Der alte Dichterfürst und begabte Säufer Johann Wolfgang von Goethe hat uns diesen Floh ins Ohr gesetzt. Also gilt für unsere Karriereplaung: Wer immer Treu und Redlichkeit übt, wer anderen bereitwillig zur Hand geht, der wird im Leben schließlich belohnt. Er wird beliebt, geliebt und berühmt werden – und kommt am Ende in den Himmel. Schöne Theorie. Sie stimmt bloß nicht.

Mancher glaubt, dass er für das Wohlbefinden seiner Umgebung höchstpersönlich verantwortlich sei. Man nennt das auch Co-Abhängigkeit. Wer an dieser Krankheit leidet, legt es darauf an, anderen Menschen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Du möchtest Urlaub in der Zeit, wenn ich wegfliegen möchte? Bitteschön, nimm ihn Dir! Du möchtest Kaffee? Ich koch ihn dir. Du machst diese Arbeit nicht so gerne? Ich erledige sie für dich.

Bestmöglicher Kollege, meint man. Doch wer immer nur hilft, wird auch recht schnell zur Nervensäge. Denn in unserem Kopf läuft etwas anderes ab. Sagen die Psychologen.

Unser Gehirn braucht Harmonie, es braucht das Gleichgewicht. Es folgt dem von Experten so genannten “Benjamin-Franklin-Effekt”. Der frühere US-Präsident hatte erfahren, dass einer seiner Kontrahenten ein seltenes Buch besessen hat. Er gab sich einen Ruck – und bat den anderen, ihm dieses Werk für ein paar Tage auszuleihen. Dieser tat ihm den Gefallen, aus Feindschaft wurde eine lebenslange Freundschaft. Und deshalb gefallen uns auch die nicht Hilfreichen, Menschen, die etwas von uns wollen und das auch aussprechen. Weil unser Hirn nämlich zu wissen glaubt, dass wir nur solchen Menschen einen Gefallen tun, die wir mögen. Fordern oder nachfragen – das macht sympathisch. Es führt zu Anerkennung.

Und somit ist die Frage beantwortet, warum Chefs , die ihre Sekretärinnen Kaffee kochen lassen, deshalb nicht zwingend unten durch sind. Genauso wenig wie die Mitarbeiter/-innen, die mehr Geld fordern. Alsdenn, lasst das Buckeln, seid ruhig mal dreist. Euer Gehirn – und das der anderen auch – wird es euch danken.

Das Rätsel der anderen Zeit

Na, auch so müde? Schon gestern beim Bäcker gab es an den Kaffeetischchen nur diese Fragen: Wird es jetzt früher hell oder später dunkel? Ist die Nacht länger? Was sagt die Katze, die ihr Fressen später bekommt? Oder kriegt sie es früher als sonst? Werden wir diese schwierige Situation gut überstehen? Richtig erkannt, es ging um die Sommerzeit.

Die alljährliche Zeitumstellung ist ein Rätsel. Wir haben uns mit so Vielem abgefunden: Damit, dass uns Angela Merkel bis 2025 regieren, dass nur noch Bayern München deutscher Meister werden und dass zwecks Klimawandel irgendwann die Welt untergehen wird. Aber bei der Sommerzeit ist das anders. Wir hadern und fragen, was in aller Welt das Ganze bringen soll.

Vielleicht ja, weil es bei diesem Thema Gewinner und Verlierer gibt. Wer im Frühtau zur Arbeit muss, grummelt darüber, dass es morgens wieder dunkel ist. Wer gerne nach Feierabend durch die Wälder joggt, freut sich darüber, dass er dabei die Wurzeln besser sieht. Eventuell wurmt es uns leistungsbereite Menschen nur, dass wir in einer Nacht Zeit verloren haben. Wenngleich nur eine Stunde.

Die Zeitumstellung überfordert uns aber auch ganz einfach. Nur wenige, vermutlich logisch Hochbegabte, können spontan erklären, wie sie sich auswirkt. Und das ist verständlich, denn Sommerzeit ist unlogisch. So hat Portugal die gleiche Uhrzeit wie England oder die Faröer-Inseln, obwohl in letzteren Gegenden die Sonne eine Stunde früher aufgeht. In Spanien wiederum ist die Zeit erst recht nach hinten verschoben. Daran sollten vor allem die bleichen deutschen Touristen denken, wenn sie in den Schatten flüchten. Nicht um 12 Uhr Ortszeit entgehen sie der stärksten Sonneneinstrahlung, sondern gegen 14 Uhr. Oder ist das eine Verschiebung nach vorne?

Geben wir auf. Sehen ir es positiv. Schön ist doch: Es ist gleich Mittag und wir haben nicht mal richtig Hunger. Nutzen wir die Chance. Starten wir eine Diät. Die neue Zeit macht es möglich.

 

 

 

Energie gibt's. Aber die Wende?

Da ich erstens fleißig und zweitens der Zukunft zugewandt bin, habe ich mich diese Woche in die Fortbildung gestürzt. Thema heute: Der Klimawandel als journalistische Herausforderung. Das ist er ohne jeden Zweifel. Schon deshalb, weil wir unsere weltberühmte Energiewende kaum hinbekommen dürften.

Man hofft ja, dass man sich nach einer Tagung anders fühlt als nach dem Konsum einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show. Das ist nicht wirklich so. Zwar sind die Informationen fundierter, klüger, inhaltsschwerer. Man ist auch nicht durch Chips und Nüsschen abgelenkt. Aber am Ende bleibt – hier wie dort – dieses unbestimmte Gefühl, dass es vergebene Liebesmüh sein könnte, die Menschen im Detail zu informieren.

Ich habe gerlernt, dass sich Kohlendioxid-Moleküle in der Atmosphäre bewegen und deshalb Wärme auf die Erde zurückstrahlen. Das sei ein Hauptgrund für den Klimawandel. Dieses Wissen hilft mir kaum. Denn den meisten Leserinnen und Lesern wird das Thema an dieser Stelle zu kompliziert. Erst recht, wenn noch erklärt würde, ob ein Molkül-Hüpfen von links nach rechts schlechter ist als ein Molekül-Sprung von oben nach unten. Würde ich wiederum schreiben, dass der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre aktuell bei 0,04 Prozent liegt, würden viele Leute sagen: “Und wegen diesem bisschen Dreck machen die so einen Aufstand. Deswegen schmilzt doch kein Nordpol.”

Weitere Auszüge aus meiner heutigen diffusen Informationswolke: Man wird sich in der EU nicht einig, weil die Polen auf Atomkraft setzen und die Briten für Fracking sind. Die Chinesen bauen die riesigsten Solaranlagen, kaufen aber immer mehr unserer Autos und verpesten damit die Atmosphäre. Wenn ein Wüstenbewohner einen Europäer auffordern würde, lediglich zehn Mal so viel Wasser zu verbrauchen wie er, würde der Europäer bestenfalls lachen. Die Weltklimakonferenz 2015 in Paris soll unbedingt ein Erfolg werden. Vertreter/-innen von 193 Staaten sehen aber die Dinge naturgemäß sehr unterschiedlich. Schwer zu beantworten ist die Frage, warum wir so fest daran glauben, dass ein Elektroauto Nullkommanull Abgas erzeugt. Und warum wir bei der Verzückung über den sauberen Energieträger Gas völlig ausblenden, dass auch dessen Förderung eine ziemliche Umwelt-Sauerei sein kann. Schließlich sind Parteien wie SPD und Linke eigentlich dem Fortschritt verpflichtet. Aber der Kohleabbau sichert die Arbeitsplätze der eigenen Klientel.

Was sagt uns das? Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Das Einzige, was wir zur Rettung der Welt beitragen können, ist Energiesparen. Das aber bedeutet Veränderung, das Investieren von oftmals nicht vorhandenem Geld und obendrein Verzicht. Vor drei Jahrzehnten hat man die Menschen dazu gebracht, es toll zu finden, wenn sie ihre Fischgräten und Milchtüten in der jeweils richtigen Tonne entsorgen. Wenn es um klimafreundliches Verhalten geht, werden die Glückshormone nicht ausgeschüttet. Irgendwie macht Energiesparen keinen Spaß. Den gilt es zu wecken. Sonst wird das nichts mehr mit einer lebenswerten Zukunft. Wahrscheinlich.

 

 

 

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.