Gönnt dem Papst die Pizza

Ach ja, dieser Papst. Alle lieben Franziskus. Selbst dann, wenn er über würdevolle Ohrfeigen philosophiert. Möchte man also mit ihm tauschen? Also, ich nicht.
Am Ostersonntag wurde auf dem Petersplatz in Rom des Heilands Auferstehung gefeiert. Nun sollte man doch meinen, dass es sich beim Sieg über den Tod um ein freudiges Ereignis handelt. Die Geschichte von Jesus’ Wiederkehr eignet sich als Stoff für eine riesengroße Party. Meint man.
Die Fernsehbilder zeigen etwas anderes. Die Gesichter vieler Menschen sind todernst. Und ein älterer Herr redet von Kriegen, Folter, Kindsmissbrauch und religiöser Verfolgung. Seltsam freudlos, das Ganze.
Doch warum schreibe ich das überhaupt? Seit ich denken kann, kenne ich es nicht anders. Wahrscheinlich ist es zwar die Aufgabe eines Papstes, Hoffnung zu verbreiten. Aber offenbar so, dass den Menschen klar wird, dass es in Urbi und Orbi so viel Mist gibt, dass diese Zuversicht göttlich sein muss. Letztlich muss das alles so dosiert sein, dass die Menschen nicht noch verzweifelter nach Hause gehen, als sie zur Feier auf dem Petersplatz angekommen sind.
Ich möchte das nicht machen müssen. Aber Papst wäre sowieso nichts für mich, wenn ich lese, was er selber so sagt. Liebend gerne, so Franziskus gegenüber einem mexikanischen Fernsehsender, möchte er ab und zu aus dem Vatikan ausbrechen, um irgendwo in Rom eine Pizza zu essen. Da haben wir es doch viel einfacher. Zumal wir unseren mit Salami & Co, belegten Teigfladen nicht im weißen, im konkreten Fall also höchst verräterischen Gewand verzehren müssten.
Man muss den Papst nicht beneiden, aber er verdient unser Mitgefühl. Denn die Ärzte des Vatikans haben missmutig registriert, dass Franziskus seit seiner Wahl im Jahr 2013 ziemlich an Gewicht zugelegt hat. Die Mediziner haben dem Vernehmen nach zum teilweisen Pasta-Verzicht geraten.
So viel Leid weltweit, so wenig Hoffnung – und dann auch noch Diät? Nein, das ist zu viel für einen Menschen. Lieber Franziskus, bei der nächsten Calzone denken wir an Dich und beten, dass Du auch bald eine kriegst. Versprochen! Amen!

Der Franke und sein Herz aus Sandstein

Der Franke gilt als “Gewürfelter”. „Sich wenden, sich drehen, im Leben bestehen”, sehen Heimatforscher als seine typischen Eigenschaften. Der Franke mag langweilig erscheinen. Aber er überrascht immer wieder mit Wendigkeit, Witz und Widersprüchlichkeit. Selbst dann, wenn er singt.

Einem großen Millionenpublikum war die fränkische Neigung zu extremen Hochs und Tiefs bisher aus dem Fußball bekannt. Der 1. FC Nürnberg, auch bekannt als “Der Club”, wurde Deutscher Meister – und stieg bei nächster Gelegenheit ab. Er wurde Pokalsieger – und war ein Jahr später weg vom Fenster. Der Fahrstuhl des Lebens ist des Frankens Stammplatz.

Jetzt ist ein gewisser Andreas Kümmert grandios in die Fußstapfen der ruhmreichen Kicker vertreten. Mit Pilsbar-Outfit, Zauselbart, aber toller Stimme siegte der Unterfranke beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest. Hashtag #USFÖ” (Unser Song für Österreich). So sicherte er sich die Chance, vor noch mehr Zuschauern aufzutreten, als es der Glubb jemals geschafft hat. Sogar Australien schaut diesmal zu. Doch im entscheidenden Moment wurde sein “Heart of Stone” weich wie Sandstein und rutschte ihm tief in die ausgebeulte Jeans.

“Ich bin nur ein kleiner Sänger”, seufzte er nach seinem Sieg ins Mikrofon und gab den Fahrschein nach Wien an eine Kollegin ab, die ein Lied über schwarzen Rauch schreit. Warum – darüber darf gerätselt werden. Vielleicht hat ihn zwecks hohem Fieber die fränkische Bescheidenheit übermannt. Es gab da aber auch das Gerücht, er habe bei einem Konzert Frauen als Schlampen beschimpft und sie zum Oralverkehr aufgefordert.

Einem Rockstar, das wissen wir, könnte das nicht schaden. Beim durchgeknallten Glitzer-Contest gehört sich das natürlich nicht. Wien sagt: “Was kümmert uns Andreas?”. Und nach diesem überragenden Absturz gilt. Wer sich so schnell in die vierte Liga schießt, kommt nur ganz, ganz schwer nach oben.

 

 

WM in Katar: Joseph wird kein Messias mehr

Diese Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass Profi-Fußball immer und überall ist. In manchen Wochen wird an jedem Nachmittag oder Abend gekickt. Aber der wahre Belastungstest kommt erst noch: Die Fifa will die Weltmeisterschaft 2022 in die Vorweihnachtszeit legen. Am 23. Dezember soll Finale sein. Unser Advent als Zeit der stillen Besinnungslosigkeit bekommt einen weiteren Stressfaktor.

So ist sie eben, die Fifa. In ihrer unermesslichen Geldgier hat sie die WM versehentlich in ein Emirat vergeben, in dem es zwecks größter Hitze blödsinnig erscheint, überhaupt Fußball zu spielen. Außerdem müssen die ganzen Stadien auf eine Fläche passen, die nur eineinhalb Mal größer als Mittelfranken ist. Was schon fast wie eine Aufforderung zu gemäßigten Eroberungskriegen wirkt.

Wirkliche Sinnkrisen wird aber der Termin auslösen. Nehmen wir bloß den Einzelhandel. Traditionell waren große sommerliche Sportereignisse ein guter Anlass um für neue Fernsehgeräte das Urlaubsgeld zu verpulvern. Wie machen wir das 2022? Im November kaufen, aber das Geschenk erst nach Weihnachten bezahlen? Verschenken wir Fußballtrikots, Kamelschrei-Tröten und schwarz-rot-goldene Bohrturm-Mützen bereits zu Halloween? Startet der Sale schon Anfang Dezember? Und: Wann, bitteschön, sollen Männer Einkaufen gehen? Der 24. Dezember 2022 ist zwar ein Samstag – doch zwecks Restalkohol könnte dieser Weg kein leichter sein.

Ganz grundsätzlich hätte man von einem Menschen, der wie Blatter Joseph heißt, so viel Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Kommerz nicht erwartet.  Doch das halten wir aus. Die Bibel hat den Fußball vorhergesehen. “Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor”, kommentierte das zweite Buch Mose das Elfmeterschießen bei großer Hitze. “Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren”, sagt Psalm 118 über den Widerstand bei Powerplay. Und wer der erste Torwart war, wissen wir auch, denn: “Gott sprach: Noah, geh in den Kasten, ich lass es stürmen.”

Den WM-Gastgebern wiederum müsste ihre Zusammenarbeit mit der Fifa eigentlich peinlich sein. Denn islamische Gelehrte sehen Fußball keineswegs positiv. Sie wünschen sich sportliche Betätigungen, die keine Schäden für Körper und Geist verursachen und weder Neid noch Hass schüren. Das ist in diesem Sport undenkbar.

Aber das ist den islamisten-freundlichen Scheichs an dieser Stelle wurscht. Sie reiben sich die Hände, wenn es im Abendland vor Weihnachten noch mehr Zwist und Streit gibt als ohnehin gewohnt. Und der Blatter Sepp hilft eifrig mit. Er mag im Geld schwimmen, bis er ein U-Boot braucht. Aber Messias wird er keiner mehr.

 

 

Ekel-Essen macht uns nur noch stärker

Also sprach meine ehrenamtliche Medienberatung: “Wenn du Klicks willst, musst du über das Dschungelcamp schreiben.”Ja, stimmt schon. Aber irgendetwas in mir sträubt sich. Ich habe nämlich von der aktuellen Staffel nur 15 Minuten gesehen. Sachkunde vorzutäuschen, hieße demnach Lügenpresse sein.

Die wahrhaftige Dschungelcamp-Presse ist die Bild-Zeitung. In ihr habe ich als vermutlich nicht gelogene Meldung gelesen, dass eine gewisse Maren Gilzer einfach alles runterschluckt. Die somit zur Dschungelköniging Gewordene war in den 80-er Jahren eine ausgesprochende Katalog-Schönheit. Nach dem Start des Privatfernsehens drehte sie in einer Sendung namens “Glücksrad” Buchstaben um. Sie war die Händlerin, bei der man ein “E” kaufen konnte. Auch ich fand sie damals nicht unsexy.

Ihr Dschungelcamp-Auftritt ist nicht würdevoll, aber lehrreich. Wir erfahren nämlich, dass den essenden Menschen nahezu nichts umbringt. Auch die ekligsten Körperteile ekliger Tiere haben irgend einen Nährwert. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.

Und um das zu wissen, brauchen wir keinen Dschungel. Eine Pute aus einem ostwestfälischen Mega-Stall ist wohl kaum gesünder als eine Kakerlake aus australischer Freilandhaltung. Also haben wir uns doch nicht so. Probieren wir etwas Neues.

Zumindest eines ist sicher: Der Glaube, dass ein hoher Preis für Qualität bürgt, ist zumindest unter Männern nicht so weit verbreitet. Gemäß einer aktuellen Statistik ist das billige Oettinger das beliebteste Bier der Deutschen. Es siegte knapp vor Krombacher. Jenem Bier, dessen Verkauf schon mal der Aufforstung des brasilianischen Dschungels diente.

Fazit: Wir bleiben uns treu. Vielleicht ekeln wir uns manchmal. Aber wenn, dann bitte bodenständig.

 

 

 

 

 

Bassd scho, Markus. Wir schau’n Dich dahoam

„Staatsferne sichern!“ So erschallt der Ruf anlässlich des Auftritts unseres Heimat- und Finanzministers Dr. Markus Söder in der bayerischen Fernseh-Soap „Dahoam is dahoam“. Die TV-Macher hätten sich wie in alten Zeiten an die Mächtigen des Freistaats herangewanzt, schimpfen die Kritiker. Auch wenn es mir nicht leicht fällt: Ich widerspreche.

Wir leben doch in Zeiten, in denen das Wahre, das Authentische, die Menschen am meisten interessiert. Die Einschaltquoten gehen hoch, wenn ein paar nette Leute ein verwanztes Wohnhaus auf Vordermann bringen, wenn Trödeltrupps die Garagen von gehbehinderten Rentnern ausräumen und wenn sich hässliche Entlein mit Hilfe eines stets verzückten Modedesigners in schillernde Shopping-Queens verwandeln.

Auch das berühmt-berüchtigte Dschungelcamp lebt davon, dass da Menschen gequält werden, von denen wir meinen, dass wir sie kennen würden.

Wenn schon Berti Vogts und Helene Fischer in Tatorten auftreten, warum nicht auch Politiker in einer Vorabend-Soap? Wenn diese in Bayern spielt, muss aber die Wahl zwangsläufig auf Markus Söder fallen. Horst Seehofer hat grundsätzlich immer Wichtigeres zu tun. Ilse Aigner wirkt stets ernsthaft, handlungsorientiert und verbissen. Sie ist somit allenfalls für eine Folge geeignet, in der es um verschärfte Kontrollen für Salmonellen, Rauchgasentgiftung, kommunale Streusalzverschwender oder irgendetwas Ähnliches geht.

Der Rest des bayerischen Kabinetts? Kennt keiner. Die Opposition? Auch unbekannt, seitdem Gabriele Pauli auf Sylt Sand-Rathäuser baut.

Also gilt in diesem Fall: Es konnte, es kann nur einen geben. Zumal wir alle wissen, dass sich dieser Mann für gar nichts schämt. Der zweite Freistaats-Bürger mit einem ähnlich starken Ego, Uli Hoeneß, ist gerade nicht für Fernseh-Rollen verfügbar.

Alsdenn: Hören wir auf zu schimpfen. Und schauen den Markus. Bei uns dahoam.

Franziskus und die keuschen Kaninchen

Hoppla, da hat es aber gescheppert. Da schien es so, als hätten sie in Rom endlich einen tatsächlichen unfehlbaren Papst gewählt. Einen Mann, dem man einfach alles glaubt. Doch nun sieht sich Franziskus einem mächtigen Feind gegenüber: Der Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter reibt sich an einem aktuellen Wort des Kirchenoberhauptes.

Der Papst hatte, vermutlich berauscht von der größten Messe aller Zeiten, nach seinem Abflug von den Philippinen betont, dass sich Katholiken nicht unbedingt wie die Karnickel vermehren müssten. Hierzu ist zu sagen, dass das sowieso nicht geht. Die Tragzeit der Katholikinnen ist zu hoch, unbefleckte Empfängnisse sind, nach allem was wir wissen, ein sehr seltenes Ereignis.

Bei Züchterpräsident Erwin Leowsky kam die flapsige Bemerkung des Papstes gleichwohl als Rufmord an. Gegenüber den Medien stellte er klar, dass nicht allen Kaninchen ein stark erhöhter Sexualtrieb zu unterstellen sei. Wahrhaftige Ausschweifungen gebe es nur in freier Wildbahn. Die Fortpflanzungstätigkeit der Zuchtkaninchen verlaufe hingegen in geordneten Bahnen.

Man fragt sich: Was treibt den Mann? Stünde es einem Züchterpräsident nicht besser zu Gesicht, unentwegt die Kraft der Lenden von Meißner Widdern, Großchincillas, Schwarzgrannen und Englischen Schecken zu rühmen? Kann es Sex und Vermehrung in einer reineren und unschuldigeren Form geben, als in den mit Stroh ausgepolsterten Ställen der Rassezüchter?

Vielleicht hat ihn einfach die Sorge um seine Mitglieder getrieben. Wenn schon ein katholischen Papst auf die Sexsucht der Kaninchen verweist,  müsste dies nicht zur Folge haben, dass die Halter der gierigen Rammler einem wachsenden Argwohn ihrer Nachbarn ausgesetzt wären, Lärmschutzklagen inklusive? Swingerclubs sind eben lauter als Friedhöfe.

Vielleicht ist es aber so. dass Deutsche Großsilber in der Nähe des Züchters dem Menschen ähnlicher werden. Geordnete Verhältnisse dämpfen die Libido. Verfügt Erwin Leowsky über empirische Erkenntnisse, wonach die Fortpflanzungsrate der Kaninchen rückläufig ist? Wir Freunde der Zucht würden dies nachhaltig bedauern. Der Papst, indes, hätte eine Sorge weniger. Was ihm absolut zu gönnen wäre.

Freigänger Uli und die pränatale Kopfballstärke

Auf tragische Weise haben wir gerade Zweierlei erfahren. Der Irrsinn in der Welt ist, erstens, immer ein Stück größer, als wir glauben wollen. Was uns, zweitens, tatsächlich beschäftigt, ist eher banal als wirklich wichtig. Nehmen wir: Das neue Leben von Uli Hoeneß.

Deutschlands führendes Fachblatt für sinnlose Nachrichten, die Bild-Zeitung, hatte sich so schön auf den berühmten Freigänger eingestellt. Zum Jahresende erschien eine Titelseite mit einem Foto, das so unscharf war, als wäre es von der Kamera einer Raumsonde mit allerletzter Akku-Kraft geschossen worden. Elend schlechte Qualität, aber so ist das in diesen Zeiten: Je übler etwas aussieht, umso authentischer wirkt es.

Die Bild-Redaktion hatte  gut geplant: Mit täglichen Hoeneß-Titelseiten sollte die nachrichtenarme Zeit überbrückt werden, bis “Deutschland sucht den Superstar” und “Dschungelcamp” richtig ins Laufen gekommen wären.

Die Ereignisse von Paris haben diesen Plan durchkreuzt. Die Hauptfrage in Sachen Hoeneß bleibt: Wird er bevorzugt? Einerseits Ja. Es gibt vermutlich keinen notorischen Schwarzfahrer, der von einem Fahrer namens Bruno abgeholt wird, damit er beim Freigang kein schädliches Verkehrsdelikt begeht. Es dürfte auch jenseits von Mafia-Jobs seltenst vorkommen, dass ein Häftling sofort 20.000 Euro im Monat verdient. Diesen Betrag hat “Sport-Bild” gemeldet.

Andererseits Nein. Wenn es das Ziel des offenen Strafvollzugs ist, dass Häftlinge in die Gesellschaft eingegliedert werden, ist die dosierte Freiheit für Hoeneß korrekt. Als Anhänger des 1. FC Nürnberg halte ich das Umfeld beim FC Bayern zwar für dubios, aber der Freigänger wird hier herzlichst aufgenommen und gefördert. Also kann man der Justiz nicht vorwerfen, dass da einer übermäßig gehätschelt würde.

Aber vielleicht bevorzugt sie den FC Bayern. Uli Hoeneß soll in der Jugendabteilung des Vereins arbeiten. Und das entspricht einem großen Trend dieser Zeit. Immer häufiger hört man davon, dass sich Profivereine um 14- oder 15-Jährige balgen. Die bislang letzten großen Schlagzeilen hat ein junger Norweger geschrieben, der wohl bei Real Madrid landen wird.

Fußballvereine sind Wirtschaftsunternehmen geworden. Sie denken strategisch langfristig. Bei ihnen geht es schon heute um die Top-Stars des Jahres 2020. Bald werden auf den Anlagen der Großvereine Fußball-Kindergärten und -krippen entstehen. Und irgendwann wird die voraussichtliche Kopfballstärke durch pränatale Diagnose ermittelt.

All das bedeutet: Uli Hoeneß fängt nicht von vorne an. Er ist nicht ganz unten. Er sitzt in seinem Verein an der neuen, eigentlichen Schaltstelle der Macht. Das muss man wissen. Wenn die Bild-Zeitung das kapiert hat, sieht es für die Einschaltquoten von DSDS gar nicht gut aus.

 

 

 

Fußball: Die Parallelwelt der Selbstgerechten

Ja, ich bin Fußballfan. Ein Leben ohne dieses spannende Spiel wäre für mich ziemlich sinnlos. Es hat mir überragende und – weil ich Anhänger des 1. FC Nürnberg bin – noch mehr niederschmetternde Erlebnisse beschert. Ich habe Star-Kicker verehrt und hingebungsvoll Panini-Sammelbilder gesammelt. Was mich aber nervt: Die Macher des Fußballs missachten Ethik und Recht.

Nehmen wir Uli Hoeneß. Als Steuerbetrüger würde es ihm gut anstehen, sich für seinen Freigang zu bedanken und ansonsten den Mund zu halten. Stattdessen lässt er durch seine Ehefrau seinen Bayerischen Verdienstorden zurückgeben, welcher ihm vor zwölf Jahren für “hervorragende Verdienste” um Freistaat und Volk verliehen worden war. Und zwar, weil er sich ungerecht behandelt fühlt und deshalb auf Distanz zur Politik gehen will.

Geht’s noch? Sicher, es ist klug, sich von Horst Seehofer fern zu halten. Menschen, die dem CSU-Chef allzu nahe sind, leben erfahrungsgemäß gefährlich. Aber ist es Hoeneß wirklich nicht bewusst, dass sein Urteil keineswegs hart war und  dass es von einem Richter und nicht vom Landtag gesprochen wurde? Denkt er nicht daran, wie seine trotzige Aktion auf die Jugendlichen wirken muss, die er demnächst betreuen darf?

Aber die Sache passt ins System. Der Fußball ist zu einem Geschäft geworden, in dem unfassbar viel Geld bewegt wird. Nur deshalb ist es möglich, dass Weltmeisterschaften an Putins Russland und an Katar, den Staat, in dem man die Sklaven nicht sieht, vergeben werden. Ethik ist egal. Man darf vielmehr vermuten, dass Fifa-Präsident Sepp Blatter einer WM in Nordkorea zustimmen würde, wenn dessen Diktator dafür die Staatskonten leerräumen würde.

Da ist aber auch Marco Reus. Genial am Ball ist er, im Kopf sicher nicht. Wie jetzt belegt ist, ist er jahrelang mit einem Sportwagen ohne Führerschein durch die Gegend gegondelt.

Jetzt nehmen wir doch mal an, es würde bekannt, dass ein 20-jähriger Araber mit seinem Porsche durch die Nürnberger Südstadt gedüst und trotz Polizeikontrollen und Bußgeldern unbehelligt geblieben wäre. Es würde sich auf der Stelle ein paar Dutzend Leute finden, die sich als „Pegemas“ – Patriotische Europäer gegen Migranten am Steuer“ – als Mahnwache an die Hauptstraße stellen würden. Es sei denn, dieser 20-Jährige wäre als torgefährlich bekannt.

Früher waren wir sicher, dass Fußballer doof sind und fanden es gut. Die Geschichte des 60er-Jahre-Stürmers Timo Konietzka etwa, der bei seinem Wechsel zu 1860 München ein Monatsgehalt von 5000 Mark verweigerte, weil er es keinesfalls unter 50.000 im Jahr machen wollte, ist ganz wunderbar. Aber heute sind die Kicker und ihre Chefs nur noch dreist. Zeigen wir den Selbstgerechten die Gelbe Karte. Mindestens.

Am Sterbebett von “Wetten, dass…?”

Donnerwetter! Nürnberg schreibt Fernsehgeschichte. Eine der erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten hat sich hier verabschiedet. “Wetten, dass…?” ist nicht mehr.

Die gerne als “Lagerfeuer der Nation” bezeichnete ZDF-Show war auch in diesem Blog etliche Male eine Thema. Besonders heftig Anfang 2011, als Thomas Gottschalk seinen Abschied erklärte. Die Suche nach seinem Nachfolger zog sich wie Kaugummi. Niemand wollte wirklich. Klarer Favorit meiner Leser/-innen war Hape Kerkeling.

Man hatte den Eindruck, hier würde in Job mit garantiertem Scheitern vergeben. Ich habe zur Abschieds-Show von Thomas Gottschalk geschrieben: “Jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

Nicht absehbar war, dass der neue Moderator Markus Lanz derart unbegabt und überfordert sein würde. Das ganze Grauen seines Interviewstils zeigte sich im Gespräch mit dem seinerzeit schwer verunglückten Kandidaten Samuel Koch. Es ist eben nicht notwendig mit einem körperlich gehandicapten Menschen betont langsam zu reden oder sich mit extra-fürsorglicher Körpersprache zu ihm hinzusetzen. Und die Frage, ob sein Unfall eine “Sinnhaftigkeit” gehabt habe: Wahrscheinlich hat sie ein ZDF-Redakteur seinem Moderator aufgeschrieben. Aber wir blöd ist das? Welchen Sinn soll es bitteschön haben, wenn ein junger Mensch zum Krüppel wird?

Immerhin: Unser lokaler Stolz wurde genährt. Der fränkische Parkhauskletterer aus Büchenbach bot eine der spannendsten Fernseh-Wetten seit langer Zeit. Und Hollywood-Star Ben Stiller konnte “Christkindlesmarkt” nahezu akzentfrei aussprechen.

Das salbt unsere Nürnberger Seelen. Wir werden daran denken. An “Wetten, dass…?” bestimmt auch mal wieder. Wir waren ja am Sterbebett ganz nah.

 

Die Buß-Fahrt der Bayern zum Papst

Ach wunderbar! Welch Ehre! Der FC Bayern München wird am Mittwochvormittag von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. Die Vereins-PR und alle gierigen Abnehmer ihrer Produkte vermitteln uns das Bild einer harmonischen Begegnung, nach deren Ende man sich mit Handkuss und La-Ola-Welle verabschieden wird. Die Wahrheit jedoch ist eine andere. Beim Abstecher in den Vatikan handelt es sich um eine Buß-Fahrt mit kollektiver Beichte. Gründe gibt’s genug.

Die ehrliche Begeisterung des Heiligen Vaters für den mehrfachen argentinischen Meisters Atletico San Lorenzo de Almagro vermag nur schwer zu kaschieren, dass es an diesem Mittwoch zuvörderst um Seelenreinigung gehen wird. So ist der FC Bayern die zurzeit wohl härteste Inkarnation des vom Papst so heftig kritisierten Kapitalismus. Eine Geldmaschine in gestreiften Trikots, die es sich zum Prinzip gemacht hat, Konkurrenten kaputtzukaufen. “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Trainer, falsche Neun, Doppelsechs, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat” – das zehnte Gebot interessiert diese Bayern nicht.

Das Wirken ausgewählter Persönlichkeiten kommt hinzu. Ex-Präsident Uli Hoeneß hat der Gesellschaft viele Millionen Euro an Steuergeldern vorenthalten. Karl-Heinz Rummenige ist wegen einer nicht verzollten Uhr vorbestraft, Franck Ribery ist wegen, na ja, irgendwas mit einer Minderjährigen mit Schuld beladen. Und es gibt diese Lichtgestalt, die zwecks Steuerflucht ins Ausland gezogen ist und noch nie einen Sklaven in Katar gesehen hat.

Genug Stoff für eine tagfüllende Beichte. Doch all dies ist nichts gegen die Sache mit der falschen Neun. Es kann den argentinischen Papst nicht ruhen lassen, dass ein Götze die Siegesträume seiner Nation ausgelöscht hat. Er kann nicht hinnehmen, wie sehr Götzenverehrung in Deutschland normal geworden ist.

Wenn also nach der Audienz ein bislang unentdeckter Kreuzbandriss beim jungen Mario gemeldet wird, glauben wir es nicht: Er ist an die Abteilung Inquisition, Exorzismus und verwandte Randgebiete des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller überwiesen worden.

Dort wird man ihn reinigen und läutern, bis er ein Fräulein Engel heiratet, deren Namen annimmt und sich fortan beim Torjubel bekreuzigt. Ja, diese Papst-Audienz ist wichtig. Amen!