Kein Spiel dauert 90 Minuten

Fußball ist, wie auch die Religion, ein Spiel der großen, ewigen Wahrheiten. Niemand käme etwa auf die Idee, die Herberger’schen Dogmen “Der Ball ist rund” oder “Vor dem Spiel ist nach dem Spiel” anzuzweifeln. In einer Hinsicht jedoch wird der Weltmeister-Trainer von 1954 gerade das Irrtums überführt. Sagte er doch auch: “Ein Spiel dauert 90 Minuten.”

Eben nicht. Bei der derzeitigen Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien haben die jüngsten Begegnungen schwerwiegende Indizien dafür geliefert, dass eineinhalb Stunden in der Regel nicht reichen, um eine Begegnung zu entscheiden. Trotz 120 Prozent Luftfeuchtigkeit, trotz massiven Dauerregens, trotz Wadenkrampf und Lungenkollaps bringen es die Mannschaften nicht fertig, sich auf Sieger und Besiegten zu verständigen. Und das, obwohl Fußballspiele dank Nachspielzeiten sowieso 100 Minuten dauern. Nur Teams, die, wie die Niederlande, leicht fallende Stürmer in ihren Reihen wissen, kommen fahrplangemäß ans Ziel.

Fast möchte man meinen, dass hinter den ständigen Verlängerungen und Elfmeterschießen ein teuflischer Plan steckt. Dass sich nämlich Sepp Blatter aufgemacht hat, endgültig die alleinge Herrschaft über unsere Herzen und Hirne zu erlangen. Denn klar ist doch, dass niemand, der täglich erst weit nach Mitternacht ins Bett kommt, weil er zum Beispiel bis 2 Uhr im Autokorso festgesteckt ist, morgens freudig das Bruttosozialprodukt steigern kann. Uns bleibt viel zu wenig Zeit, um all die finalen Tragödien samt all der klugen Analysen mental zu verarbeiten. Auch das vierte Landbier nach Mitternacht ist früh um 7 noch nicht absorbiert.

Nein, diese WM ist Gift für diese, unsere Dienstleistungsgesellschaft. Bleiche, verschlafene Verkäufer oder grantige Hotline-Mitarbeiter richten langfristig wirkende Schäden an. Von individuellen Folgen wie depressivenVerstimmungen, Herzinfarkt oder der Schlaganfall ganz zu schweigen.

Ein bisschen Trost bleibt uns, immerhin. Jede WM geht vorbei – und manche Weisheit wird in Brasilien untermauert.Man denke nur an Berti Vogts’ Erkenntnis “Es gibt keine Kleinen mehr”. Bleiben wir also gelassen, und hoffen wir darauf, dass verrückte Regeländerungen nicht überhand nehmen. Die Fifa muss den Ball rund lassen. Dann wird alles gut.

 

 

 

 

 

Der Vollbart, das Freiheitssymbol

Hipster kennen wir. Also junge Männer, die sich bewusst von geschniegeltes Modetrends abgrenzen. Die mit Holzfällerhemden in flotten Clubs sitzen und auch im Hochsommer die Stirn durch Wollmützen verdecken. Die, vor allem aber, ihren Vollbart sprießen lassen. Doch eines hätten wir nicht gedacht: Dass ein Mann, der eine Frau spielt und dabei seinen Vollbart stehen lässt, einen europaweiten Gesangswettbewerb gewinnen könnte. Und dabei die Höchstpunktzahl auch aus Georgien und Portugal bekommt.

Genau das aber ist passiert. Ein Künstler namens Conchita Wurst hat beim Eurovision Song Contest abgeräumt und  ist als Österreicher nationaler Nachfolger von Udo Jürgens geworden. Dieser hatte 1966 gesiegt. Im Vergleich zum “Merci, Cherie”-Interpreten ist die Erscheinung verstörend. Das lange Kleid saß deutlich besser als bei der tatsächlichen Frau aus Spanien. Aber da ist eben dieser pechschwarze Vollbart im Gesicht der Kunstfrau.

Trotzdem reagierte Europa begeistert. Selbst aus der mutmaßlich unschwulsten Nation des Kontinents, aus Russland, gab es fünf Punkte. Was bedeutet das nun? Entspringt die Sympathie für Frau Wurst der gleichen Regung, die früher die Menschen auf die Jahrmärkte gelockt hat? Als die Dame ohne Unterleib gemeinsam mit dem stärksten Mann der Welt aufgetreten ist? Wo auchFrauen mit extremen “Damenbärten” vorgeführt wurden?

Vielleicht ist es das, möglicherweise wurde auch ein Signal für einen Gegentrend gesetzt. Seit einigen Jahren sind die Menschen ja unter Druck geraten, Körperbehaarung jeder Art zu bekämpfen. Es ist eine globale Wachs- und Epilierindustrie entstanden, die uns die Werbebotschaft vermittelt hat, dass ausschließlich blanke Haut auch schön sein. Das zwang zu zwanghaften Aktionen. Die Rasur wurde zur logischen Begleitaktion zu Botox und Essendiät.

Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich, dass der Vollbart von der täglichen Rasur befreit. Aber vielleicht ist er seit Samstag noch ein ganzes Stück mehr. Wenn der Bart aussagen sollte, dass Vielfalt unter Menschen Spaß macht, dass jeder so sein soll, wie er sein möchte, dann ist er ein Freiheitssymbol erster Güte. Mach es, wie Du willst. Was andere denken, ist Wurst. Eine schöne Botschaft.

 

 

Schland, oh Schland. Bitte nicht so arg!

Ich habe Angst. Große Angst. Die Fußball-Weltmeisterschaft naht – und damit kommen sinnlose Artikel in den Farben Schwarz-Rot-Gold. In den Geschäften ist die Eroberung Brasiliens mittels deutschem Frohsinn voll in Gang. Werden wir wieder zu Schland?

Die berühmte Kette von Angela Merkel ist schnell in Vergessenheit geraten. Sie hatte erfoglreich geholfen, die Aufmerksamkeit von Fernsehzuschauern und Berichterstattern von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wegzulenken. Der Juwelier hat sich eine goldene Nase verdient. Er ist wahrscheinlich längst nach Brasilien gereist, liegt am Strand oder sucht nach Steinen für ein grün-weißes DFB-Collier.

Das wäre auch eleganter als ein “Schland”-Produkt. Die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold ist doch tendenziell unschick. Bei Brasiliens Farben denkt man an Strand und Samba, an ungebremste Fröhlichkeit. Aber unsere Zusammenstellung? Jenseits von WM-Zeiten käme niemand auf die Idee ein teures Sakko oder ein Kleid in diesen Farben zu tragen. Niemand würde sein Auto dauerhaft so lackieren oder die Haustüre seines Reihenhauses so einsprühen.

Das deutsche National-Farbenspiel taugt also am ehesten für temporäre Ramschware vom Billig-Discounter. Also gibt es  lächerliche Mützen, Fußball-Sonnenbrillen, Blech-Sambatrommeln, aufblasbare Jubelfinger, Plastiktröten, Zottelperücken, Radkappenüberzieher oder einen elend schlechten WM-Song der RTL-Dschungelkönigin Melanie Müller, welcher nur nach dem Genuss von wahlweise sechs Halben Landbier oder von drei gegrillten Koala-Beuteln zu ertragen ist.

Schön wär’s doch, wenn es ohne zu viel Schwachsinn ginge. Lieber mit einer Überdosis ehrlicher Begeisterung. Ein bisschen Brasilianer sind wir doch alle…

Ein Gürteltier, das kein Arsch ist

Ach, es hätte so gut gepasst. Der übermächtige Welt-Fußballverband Fifa als übergroßér Trottel. Weil nämlich das Maskottchen der Weltmeisterschaft “Fuleco” genannt wurde. Und dieses Wort bedeute in Brasilien umgangssprachlich “Arsch”. Welcher Fehltritt!

Reden wir nicht davon, dass Fifa-Maskottchen meistens beschissen ausschauen, Man erinnere sich nur an den völlig verkorksten Zottel-”Goleo”, der 2006 für die WM in Deutschland geworben hat. Diesmal handelt es sich um ein Gürteltier in den brasilianischen Landesfarben, das wie ein Gummi-Schwimmtier vom Discounter erinnert. Bestimmt kein Fan-Produkt, das man sich freiwillig in die Wohnung holen würde.

Aber der Name? Dass es sich um eine Umschreibung für “Anus” handeln soll, meldete in Deutschland zuerst die “Welt”. Ein renommiertes, glaubwürdiges Blatt also. Und so machte die vermeintliche Enthüllung schnell worldwidewebweit die Runde. Witze wie “Leckt’s mich am Fuleco”, “Fuleco auf Eimer” oder “Fifa zieht Fuleco-Karte” wurden getwittert,

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, zugunsten der Fifa. Diese wollte ein Kunstwort aus Kurzformen von Fußball und Ökologie bilden. Weil die Brasilien-WM so umweltfreundlich sein wird. Das ist zwar vermutlich gelogen, immerhin hört man von Säuberungen von Kriminalitätsnestern. Aber das Wort “Fuleco” ist in Brasilien tatsächlich unbekannt. Es bedeutet nichts.

Fazit: Das Maskottchen sieht blöd aus, ist aber kein Arsch, Die Fifa als solche auch nicht. Aber ganz weg ist das Thema nicht, Es soll ja Freunde des Fußball-Weltverbandes geben, die noch nie einen Sklaven in Katar gesehen haben. Und was kommt raus, wenn man am Becken herumbaut? Unter Umständen ein A….

Aber das ist jetzt ein anderer Kontinent.

PS.: Wie sagt man in Brasilien zum Arsch. Laut www.leo.org “Bunda”. Ich geb’s so wieder. Mit aller Vorsicht.

 

Hoeneß-Prozess: Es lebe die "tätige Reue"

Erster Tag im Prozess gegen Uli Hoeneß. Es lebe die “tätige Reue”. Auf diese hatte sein großer Bewunderer Edmund Stoiber in Günther Jauchs Talkshow immer wieder hingewiesen. Tatsächlich hat der Präsident von Bayern München vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt. Aber Reue? Das nehme ich ihm nicht ab.

Zumindest keine Reue in dem Sinn, dass er es bedauert, der Gesellschaft einen zweistelligen Millionenbetrag vorenthalten zu haben. Steuersünder wie er geben zwar zu, einen Fehler gemacht zu haben. Sie beklagen aber in Wahrheit die negativen Auswirkungen auf sich selbst. Ob mit ihren Steuergeldern ein Kindergarten hätte gebaut werden können, ist ihnen egal. Die persönliche Schande ist ihre Tragödie, Auch eine Alice Schwarzer denkt sehr wahrscheinlich so.

Steuersünder/-innen dieses Kalibers denken an ihre Verdienste. Haben sie nicht diesem Land den Champions-League-Sieg beschert? Haben sie nicht den Guardiola nach Deutschland geholt? Haben sie nicht hunderttausenden Frauen zu Equal Pay verholfen? Haben Sie nicht die Deutsche Post zum Global Player umgebaut. Und haben sie nicht irrsinnige Geldbeträge einfach so – beziehungsweise steuerabzugsfähig – gespendet? Hat jemand, der so massiv seinem Land gedient hat, nicht auf Anspruch auf einen Steuerbonus?

Und so läuft im Fall Hoeneß die Rechtfertigungsmaschinerie. Er sei eben, unter dem immensen Druck seines Amtes, eine gespaltene Persönlichkeit gewesen, salbaderte Ex-Ministerpräsident und FC-Bayern-Spezi Edmund Stoiber in der Jauch-Talkshow. Schon gut. Gespaltene Persönlichkeit heißt Schizophrenie.

Ich habe vergangene Woche als ehrenamtlicher Richter mit entschieden, dass ein Mann mit einer schizophrenen Störungen zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen wird. Er hat kein Geld veruntreut, sondern im Wahn einen anderen Mann mit einem Messer verletzt. Das Urteil war nach meiner Überzeugung richtig. Aber es hat mir weh getan.

Warum aber sollte nicht auch jemand, der der Gesellschaft als sonstiger Ehrenmann zwecks vorübergehender Persönlichkeitsspaltung Millionen Euro vorenthalten hat, nicht auch hinter Gittern büßen? Ich weiß es nicht. Den Münchner Richtern wünsche ich alles Gute…

 

 

 

Auch schwul ist die Wahrheit auf'm Platz

Und jetzt auch das große ZDF-Interview…  Ich finde, dieser Thomas Hitzlsperger macht einen bewundernswerten Job. Allerdings ist mir das mediale Ausmaß der Geschichte verdächtig. Entwickelt sich die Diskussion über Homophobie, die der Mensch Hitzlsperger anstoßen will, zu einer Kampagne, die nach einem wohl bekannten Muster abläuft? Mords-Getöse, das Thema wird auf allen Kanälen rauf und runter gespielt – und nach spätestens drei Wochen im Aktenordner “Gerechtigkeit, erledigt” abgeheftet.

Mich hat Hitzlspergers Bekenntnis nicht so übermäßig aufgewühlt. Einfach, weil es egal ist, wen ein Fußballer liebt. Entscheidend sind verhinderte und erzielte Tore. Die Wahrheit ist auf’m Platz und nicht im Bett. Warum also rein Privates diskutieren? Aber wahrscheinlich wird diese wurschtige Haltung dem Problem nicht gerecht. Denn tatsächlich werden Fußballer, speziell solche, die damit vor großem Publikum Geld verdienen wollen, wegen ihrer Homosexualität diskriminiert. Sofern sie offen damit umgehen.

Das zu ändern, ist notwendig. Es wird aber dauern. Denn die Hoffnung, dass sich Fußballstadien ab sofort nur noch mit aufgeklärten und toleranten Menschen füllen werden, ist trügerisch. Zumal gerade beim Fußball Feindschaften zwischen Vereinen gepflegt werden, die zum Teil noch aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen. Wenn Fans eigentlich nicht wissen, warum man die anderen verachten muss, greifen sie zu Schmähungen, die den Gegner vielleicht verletzen könnten. “Schwule Sau” ist so eine, die Hautfarbe von Spielern gibt es auch noch.

Homophobie steckt noch immer tief in vielen Köpfen. Wenn ein namhafter baden-württembergischer CDU-Politiker gerade mit dem Satz zitiert wird, seine Partei sei tolerant gegenüber “anderen Lebensformen”, dann erklärt er Schwule und Lesben geradezu zu Aliens. Und Klischees gibt’s reichlich. Mit Blick auf den Fußball wird man Innenverteidiger nicht als homosexuell ansehen, bei Torhütern und Linksaußen sind wir nicht so sicher. Oder andere Sportler: Kugelstoßer, Hammerwerfer und Rubgby-Spieler betrachtet man als heterosexuell, bei Eiskunstläufern, Turmspringern oder Doppelsitzer-Rodlern sieht man die Sache anders.

Diese und andere Schwul- und Nicht-Schwul-Listen müssen aus den Köpfen verschwinden, Erst dann ist es gut. Denn niemand ist genau so, wie die anderen meinen, dass er sein sollte. Sondern im besten Fall er/sie selbst.

Der Trend der Jahres: Macht ist unsexy

Frau Merkel, geben Sie Acht. Es mag ja sein, dass die Koalition mit dem Sozi-Siggi klappt, aber die Gesellschaft treibt in eine andere Richtung. Geliebt wird nicht, wer regiert. Die Idole unserer Zeit sind die sanften Querköpfe. Wie der neue Papst oder der Enthüller Edward Snowden.

Aufgezeigt hat das das US-Magazin “Time”. Dieses ernennt seit 1927 den “Menschen des Jahres”. Also sozusagen den Helden der Welt. Und früher waren das die großen Männer. Die Ahnenreihe beginnt mit dem fliegenden Atlantiküberquerer Charles Lindbergh und wird fortgesetzt mit dem Automobilpionier Walter Percy Chrysler. US-Präsident Franklin D. Roosevelt ist dabei, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie, Adolf Hitler (upps!), Josef Stalin (doppel-upps), George W. Bush (Allmächd) und Barack Obama. Von den 20 letzten Top-Personen waren 19 Männer.

Eigentlich eine depperte Liste, aber sie sagt etwas über die Stimmung der Menschen aus. Früher war es wohl tatsächlich so, dass man zu den Weltenlenkern aufgeschaut hat. In meiner Anfangszeit bei einer Lokalzeitung war die Rede eines einfachen Bundestagsabgeordneten ein Ereignis. Bei Staatssekretär-Visiten wurde die Redaktionsleitung nervös. Beim Besuch von Franz-Josef Strauß streiften selbst die hartgesottenen Investigativ-Schlurfer ein Sakko über.

Das alles ist erstmal vorbei. Aktuell haben die Menschen die Zampanos satt. Sie lieben Personen, die Macht freiwillig hergeben. Oder die den Mächtigen Probleme machen, Da ist Papst Franziskus, der sein brokatbehängten Amtsbrüder derart mit seinen Armutsparolen nervt, dass sie in Rom inzwischen schon darüber spekulieren, wie sich Tee rückstandsfrei vergiften lässt, Möge es Gott verhüten. Und Snowden? Der US-Staat hasst ihn, unsere Regierenden würden seine Existenz am liebsten  ignorieren. Trotzdem landete er auf Platz zwei.

Die Time-Liste ist an dieser Stelle ausgesprochen  sympathisch. Man möchte hoffen, dass sie nicht nur einen kurzlebigen Zeitgeist widerspiegelt. Wer den Mächtigen das Leben schwer macht, tut ein gutes Werk. Und verdient es, ein Idol zu sein.

Allerdings: Auch Gandhi war “Person des Jahres”. Das war 1930. Später kam Hitler…

Ganz menschlich: Nach dem Triple kommt der Frust

Welch Glück! Bayern München hat das Unfassbare geschafft, das Triple! Ein 68-jähriger Trainer und seine Fußballer sind zu so genannten Legenden geworden. Man surft jubelnd mit der Erfolgs-Flatrate. Ich, als Nicht-Fan dieses Vereins, sage ganz gelassen: Lasst sie ruhig feiern. Sie werden sich noch umschauen.

Gäbe es ein Individual-Triple aus beruflichem Erfolg, Liebesglück und konstantem Fettabbau – ich möchte es gar nicht haben. Denn das Glück rächt sich, wenn es zu perfekt geworden ist. Unser Menschen-Dasein ist ja so angelegt, dass wir zumindest auf dieser Welt nie ganz zum Ziel kommen. Wir streben etwas an und kommen dem Idealzustand im besten Fall ganz nahe. Den Rest regelt das Paradies.

Wenn es allzu gut läuft, wird es gefährlich. Wer kennt sie nicht, die Geschichten von abgestürzten Lotto-Hauptgewinnern? Wem fallen nicht Sängerinnen ein, die sich kurz nach dem lange erträumten Platin-Album mit Kokain oder Alkohol zugedröhnt haben? Sind alle Oscar-Gewinner/-innen glückliche Menschen? Man kennt es anders.

Glück macht unglücklich, wenn es nicht mehr gesteigert werden kann. Wenn es fast sicher nur schlechter werden kann. Welche Freude sollte ein Golfspieler noch an seinem Sport haben, wenn er in einem Turnier alle Löcher mit nur einem Schlag getroffen hat? Ich meine, keines mehr.

Auch für die reichen Münchner Kicker gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder es wird schlechter, und der Frust ist groß. Oder man bleibt ganz oben und beginnt, sich und andere zu langweilen. Fußball vom anderen Stern? Nein, den will auf Dauer keiner sehen. Also feiert. So ein wunderschöner Tag, der dürfte nie vergeh’n. Aber er tut’s. Ganz bestimmt.

Das große Finale für Angela Merkel

Am 1. Juni rollt es nochmal so richtig, das runde Leder. Auf zahllosen Sofas werden die Menschen verfolgen, ob der FC Bayern München Geschichte schreibt, indem er das Gleiche schafft wie die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg: In einer Saison Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal zu gewinnen. Doch nach dem Abpfiff ist definitiv Schluss mit lustig. Dann wird es ernst für Angela Merkel. Denn dann schlägt die Stunde der Politik.

Schon unpraktisch, wenn in einem unrunden Jahr wie 2013 gewählt wird. Keine glanzvolle Fußball-WM oder -EM, kein deutscher Dreifach-Triumph beim olympischen Kanufahren, kein Dressurreiten zu “Glorious”. Neue Superstars und Top-Models sind schon gefunden, nur ein paar Bauern suchen noch eine Frau. Die Menschen, die sich zuletzt vor lauter Fußball so gar nicht über versemmelte Drohnen-Millionen, über die schleichende Enteignung durch Mini-Zinsen oder über das ungebremste Morden in Syrien aufregen konnten, sind jetzt nicht mehr abgelenkt. Sie können sich voll auf die Leistungen der Politik konzentrieren. Und werden vielleicht feststellen: Ähem, da ist ja gar nichts.

Gut, die Bild-Zeitung wird sich alle Mühe geben, damit Angela Merkel weiterhin weitgehend verdeckt operieren kann. Es werden sich schon ein paar unglückliche Promis für eine Schmerzensgeschichte finden lassen. Mit dem heutigen Aufmacher über einen “Malerfürsten”, der bei Rot über die Ampel gegangen und der Polizei in die Arme gelaufen ist, wurde der Doofheits-Level schon mal nach unten ausgelotet. Weiterer Krampf wird folgen. Wenn es sein muss, täglich.

Wenn all das nichts hilft, wenn sich kein Promi-Paar in Scheidung und Rosenkrieg stürzt, heißt es: Ring frei! Zu einem bislang ungleichen Kampf, bei dem – um im Fußball zu bleiben – Angela Merkel wie Jogi Löw und Peer Steinbrück wie Werner Lorant gewirkt hat.

Aber das kann sich ändern. Denn Geschichte wird immer wieder neu geschrieben. Warum eigentlich bloß durch Bayern München?

Eurovision Song Contest: Der Zeitgeist ist barfuß

Ist es denn die Möglichkeit? Der deutsche Beitrag belegt beim “Eurovision Song Contest” wieder mal einen richtig schlechten Platz. Und schon heißt es wieder “Bääääähhh, keiner mag uns.” Oder es wird gemutmaßt, die Sängerin von “Cascada” sei als Angela Merkels Stellvertreterin auf Showbühnen bewertet und mit “zero points” von fast überall abgestraft worden. Ach bitte: Jetzt tut das doch nicht hochsterilisieren, wie ein großer Fußballer mal gesagt hat.

Man muss Folgendes anerkennen: Das Lied “Glorious” war Mist. Es wurde letztlich ausgewählt von einer öffentlich-rechtlich bestellten Fachjury, wie sie schon manches Desaster bewirkt hat. Hinzu kommt, dass das Thema “Blondinen in superkurzen Kleidchen” bei Weißrussland erheblich besser aufgehoben war. Zumal es rätselhaft bleibt, warum sich eine Frau für einen Auftritt vor einem hundertfachen Millionenpublikum ein Stück vom Küchenvorhang an den Po tackert. Sah nicht gut aus, wirklich nicht.

Der früher gerne beschworene Ostblockeffekt war es aber nicht. Zwar schnitt ein Schnulzensänger aus einer Diktatur mit Platz zwei ab, obwohl er sich singend auf ein Gefängnis aus Plexiglas stellte. Aber Dänemark ist nicht Aserbaidschan. Sein Sieg zeigt vielmehr, dass der Zeitgeist nicht glitzert, sondern barfuß und ungekämmt daherkommt. Das zeigte sich auch beim Lied der Niederlande. Da fielen im Text Vögel von den Dächern. Was man sich normalerweise nur wünscht, wenn Tauben mit Dünnpfiff am eigenen Haus nisten. Das zweite große Thema war, der Krise die Stirn zu bieten. Wenn Griechen in Hockeydamen-Röcken “Alkohol ist kostenlos” singen, dann ist das genial trotzig. Seht her, uns geht’s beschissen. Aber wir haben mehr Spaß als Ihr mit Eurer Mutti Merkel.

Warum ein rumänischer Dracula mit Kastratenstimme vier Mal so viele Punkte wie “Cascada” bekommen hat, muss man nicht verstehen. Vielleicht wegen der indirekten, marktwirtschaftlichen Botschaft: Zubeißen ist besser als jaulen. Und dieser seltsame Kinderarzt aus Malta…

Was soll’s: Nehmen wir den 21. Platz doch als gutes Signal für den gesamten Kontinent. Deutschland ist doch nicht unbesiegbar, es kann auch mal richtig eine aufs Dach kriegen. Lassen wir den anderen doch die Freude. Und wem dazu die innere Größe fehlt, weiß immerhin noch eines: Die Wahrheit ist auf’m Platz. Demnächst in Wembley.