SPD und ESC: Am Ende fehlen die Punkte

„Martin, lass‘ das Jodeln sein!“ Haben Parteistrategen der SPD vor ein paar Wochen diese Devise ausgegeben? Es scheint – im übertragenen Sinne – so zu sein. Denn wenn man die bei großen Verlierer des Wochenendes hernimmt, nämlich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die junge ESC-Sängerin Levina, so zeigen sich überraschende Parallelen. Es fehlt am Mut.

Beim selbstverständlich völlig unwichtigen Euro-Gesangswettbewerb kennen wir in den letzten Jahren diesen Ablauf: Es wird eine bis dahin unbekannte Kandidatin aus dem Hut gezaubert, die dann mit einem Lied der Kategorie „ordentliches Handwerk“ losgeschickt wird, um den Kontinent samt asiatischer Randgebiete zu erobern. Sie treffen zuverlässig die Töne und stehen gemäß Show-Handbuch ordentlich auf der Bühne – um schließlich von den seltsamsten Gestalten überholt zu werden.

Dieses Mal sind dem deutschen Beitrag unter anderem meilenweit vorausgeeilt: Eine rumänische Jodlerin, ein kroatischer Jung-Moshammer, ein italienischer Tanz-Gorilla und ein auf einer Haushaltsleiter stehender Mann mit Pferdekopf. Gewonnen hat ein verpeilt wirkender Portugiese, der einfach nur ein ganz anderes, nämlich leises Lied gesungen hat.

Das war nicht alles schön, aber es war durchwegs gewagt. Womit wir bei der SPD sind. Auch sie hat einen Neuen gekürt, welcher zunächst eine gewaltige Euphorie entfacht hat. Es schien möglich, dass die deutsche Politik neu erfunden würde. Mit gerechten Themen, mutigem Denken und überraschenden Bündnissen. Doch dann hat sich die Partei offenbar darauf besonnen, so zu sein, wie man sie immer gekannt hat. Ordentlich, zuverlässig, lösungsorientiert  – eine Regierungspartei im besten Sinne.

Anders gesagt: Es wirkt, als würde die SPD versuchen, die Union zu überflügeln, indem sie wie die Konkurrenz auftritt. Ein staatstragender Martin Schulz gegen Angela Merkel? Da nehmen die Menschen offenbar lieber das Original.

Aber dieser Armin Laschet war doch auch bloß langweilig. Eigentlich gar kein Kandidat, von dem man ein Ideen-Feuerwerk erwarten würde. Eben. Beim ESC hat der leise Sänger so völlig gegen den Strom gewonnen. Für’s Jodeln hat die Union die CSU. Der SPD bleibt erstmal Melancholie im Portugal-Format.

 

 

Der Fußball stirbt an seiner Opulenz

Schon manches Imperium ist an seiner Opulenz zugrunde gegangen. Man denke nur ans römische Reich. Auch beliebte Massenprodukte wurden langweilig und gerieten in Vergessenheit. Das nächste Opfer könnte der Profifußball sein. Ein Sargnagel wäre die Weltmeisterschaft.

Der Fußball-Weltverband Fifa will die Zahl der WM-Teilnehmer erstmals im Jahr 2026 auf 48 erhöhen. Das Fan-Volk wird dann Mannschaften erleben, die es bei diesem Turnier nie zuvor gegeben hat. Zu erwarten sind die Demokratische Republik Kongo (Weltranglistenplatz 48) und Burkina Faso (Platz 50). Bislang chancenlose Teams wie Curacao (Platz 75) oder die Faröer (Platz 83) werden nun Startrainer engagieren, um sich noch ein Stück weit nach vorne zu arbeiten.

Wenngleich die entscheidenden Spiele wie immer von Italien, Frankreich, Argentinien, Brasilien, Spanien oder Deutschland ausgetragen werden dürften, ist das schön für die „kleinen“ Teams. Aber die Fifa spielt mit dem Erfolg ihres Kernproduktes. Es ist ja ohnehin schwer begreiflich, dass viele Menschen ebenso schmerzfrei wie zuverlässig an jedem Tag der Woche ihren überbezahlten Helden zuschauen. Das Geschäft läuft bis heute wie geschmiert.

Wenn aber beim absoluten Höhepunkt, eben einer WM, wochenlang langweiliger Sport  produziert wird, könnte das Publikum entdecken, dass es auf dieser Welt ehrlichere, witzigere und wesentlich spannendere Sportarten gibt – Handball, Basketball, Eishockey oder Darts. Fußball käme aus der Mode, ein bis dahin funktionierendes System aus Vermarktung, Korruption und Steuerhinterziehung würde irgendwann zusammenbrechen. Weil keiner mehr dafür zahlen will.

Eine Welt ohne Profi-Fußball also? Der Gedanke erscheint undenkbar, fürwahr. Aber ein Cäsar hatte sich die Zukunft seines Reiches auch anders vorgestellt…

 

 

Donald Trump – Der Film

Hollywood hat uns gelehrt, dass die US-Präsidentschaft zu den aufregendsten Jobs mit den eigenartigsten Besetzungen zählt. Man ist mächtigster Mann der Welt, man lehrt sogar feindseligen Außerirdischen das Fürchten. Man kann heroisch, aber auch trottelig sein. Die Karriere dieses Donald Trump erscheint uns trotzdem in ihrem Irrsinn unbegreiflich und noch nicht verfilmt. Wer also dreht hier gerade? Quentin Tarantino, Roland Emmerich, George Lucas oder Michael Moore?

Für die Präsidenten-Filme gelten zwei Leitgedanken. Entweder ist der Bewohner des Weißen Hauses ein hoch moralischer Held wie George Harrison in Air Force One. Oder es handelt sich um einen politisch unbedarften Darsteller, der – wie Kevin Kline in Dave – ins Amt hineinstolpert, dann aber einen richtig guten Job macht. Einen Schauspieler im Weißen Haus hatten wir schon. Ronald Reagan hat bis heute viele Fans.

Was aber erwartet uns bei „Donald Trump – Der Film“? Zunächst einige Hinweise zur Besetzung. Der Meister spielt sich selbst, klar. Gattin Melania wird bei Bedarf durch Miley Cyrus, Selena Gomez oder eine bislang unbekannte aserbaidschanische Daily-Soap-Schönheit ersetzt.  Für die Rolle der Clintons kommen nach Lage der Dinge Hellen Mirren und Richard Geere in Frage. Die Nebenrolle von Bernie Sanders übernimmt Woody Allen.

Die Geschichte geht so. Der verrückte neue Präsident nervt schon bald Gott und die Welt. Der CIA-Chef, gespielt von Jack Nicholson, weigert sich jedoch, zum Äußersten zu gehen. Aus Dankbarkeit dafür, dass Trump seinen Mitarbeitern das Waterboarding bei Ladendieben mexikanischer Herkunft oder islamischen Glaubens erlaubt hat. Also wird Trump entführt und auf eine von ihm selbst gebaute, aber unverkäufliche Bungalow-Siedlung in Florida gebracht. Diese wird von militärisch ausgebildeten Kampf-Alligatoren bewacht. Ein vom Establishment geschulter Doppelgänger (gespielt vom famosen Engländer Boris Johnson) führt derweil die Regierungsgeschäfte.

Allerdings gelingt es Donald Trump, eine temporäre WLan-Verbindung zu seinem langjährigen Männerfreund Waldimir Putin aufzubauen. Dieser lässt durch seinen Geheimdienst ein Klein-U-Boot namens „Rosa Oktober“ nach Florida schmuggeln. Und während der Vertretungs-Präsident bei einer Pokerrunde mit Erdogan, Orbàn, Le Pen und Berlusconi in eine Schlägerei verwickelt und K. O. geschlagen wird, taucht Trump mit durchgedrücktem Kreuz und frisch blondiertem Toupet im Oval Office auf.

Aus Rache für sein verletztes Ego will er einen Atomschlag gegen alles Nicht-Amerikanische starten. Weil er jedoch im entscheidenden Moment von Gaststar Lassie verbellt wird, drückt er den falschen Knopf. Dadurch wird das durch Fracking in Nord-Wisconsin gewonnene Friedens-Gas freigesetzt und über die ganz Welt verteilt. Alle Menschen werden Brüder. Trump schreit laut auf, fällt um und bleibt regungslos liegen (Option für Teil zwei).

Sie finden diesen Text albern? Schon, aber es wäre ungemein beruhigend, wenn alles bloß ein Film wäre. Die Kombination aus tumbem Denken und Fanatismus gefährdet hunderttausende Menschenleben. Das wissen wir seit George W. Bush. Hoffentlich erinnert man sich noch daran. Einen Oscar kann Donald T. sehr gerne haben.

 

Müller trifft nicht. Seien wir froh

Die Fußball-Nation jubelt – und ist doch in Sorge: Thomas Müller trifft nicht mehr. Warum, fragen sich viele, haut der Raumdeuter mit den Storchenbeinen zurzeit dauernd daneben? Die Antwort: Es ist egal. Fürchtet Euch nicht.

Null Tore sind Müller bei der Europameisterschaft bisher gelungen. Auch im Viertelfinale gegen Italien schoss er zu schwach oder am Tor vorbei. Die Folge: „Die Mannschaft“, die sich sonst auf seine genialen Momente verlassen konnte, musste sich dem finalen Drama stellen.

Das Elfmeterschießen ist eine Lotterie. Das Können am Ball alleine entscheidet nicht, sonst hätten nicht ausgerechnet Müller, Özil und Schweinsteiger ihre Strafstöße versemmelt. Doch dieser Modus hat Vorteile: Er ist hoch spannend und er lässt dem Unterlegenen seinen Stolz. Dieser kann sagen, dass er erst ganz am Ende niedergerungen wurde. Und dass es genauso gut anders hätte kommen können. Die Ungerechtigkeit des Zufalls kann trösten.

So war es nach diesem EM-Viertelfinale. Und es war gut so. Italien war an diesem Abend gebeutelt vom Schock über den Tod mehrerer Landleute bei einem Terrorangriff in Bangladesch gebeutelt. Es war die große Nachricht neben dem Fußball-Spiel gegen den ewigen Rivalen Deutschland.

Hätte Thomas Müller das bei wichtigen Turnieren Übliche getan, Italien wäre wohl schon nach 90 Minuten vom Platz gegangen. So aber war die Niederlage keine Katastrophe. Der Dank an die eigene, große Mannschaft beherrschte alle Stellungnahmen italienischer Experten nach dem Spiel.

Auf dem Fußballplatz hätte es also gar nicht besser laufen können. Deutschland im Halbfinale, Italien ein aufrechter Verlierer. Manchmal ist es ohne Müllern besser.

Herr Gauland, der Feldmarschall der Gartenzwerge

Und wieder hat Alexander Gauland das karierte Sakko felsenfest geknöpft, den ergrauten Schädel gesenkt und sich im Namen von Partei, Volk und islamfreiem Vaterland in den Gegenwind der herrschenden Meinung gestellt. Die Leute, so der stellvertretende AfD-Chef wollten den Fußball-Nationalspieler nicht als Nachbarn haben. Die Empörung ist groß. Ob es ihn juckt?

Ich gestehe, Jerome Boateng als Nachbar würde auch mir Probleme bereiten. Das hat aber ausschließlich mit der aus meiner Sicht verfehlten Wahl seines Arbeitgebers zu tun. Als lebenslanger Anhänger des 1. FC Nürnberg bekäme ich Seelenschmerz, wenn ich jeden Tag am Gartenzaun einem Deutschen, Welt- und Sonstwas-Meister in Diensten von Bayern München zulächeln müsste, während der Club meines Vertrauens eine Liga tiefer herumdümpelt. Aber diese diskriminierenden Gedanken fallen unter die Kategorie Sport. Sie regeln sich sowieso insoweit, als ich schon aus finanziellen Gründen niemals Nachbar von Neuer, Müller oder eben Boateng werden könnte.

Alexander Gauland dagegen ist ein wirklich schlimmer Finger. Dieser Mann ist nicht dumm, aber blöd. Blöd verhält er sich,weil er Parolen in Umlauf setzt, die er wahrscheinlich selber für krank hält. Er macht sich gemein mit Menschen, die er, wenn er nicht ihre Stimmen einsammeln wollte, nicht einmal mit der Kehrseite anschauen würde. Diese Verlogenheit in der Provokation macht den AfD-Vize besonders widerlich.

Erstaunlicherweise hat er mit dem Boateng-Gerede recht leichtfertig offenbart, dass sein Denken auf einem vorgestrigen, plumpen Rassismus beruht. Ein Schwarzer mit afrikanischen Wurzeln muss, egal ob hier geboren oder nicht, eine Gefahr sein, er muss mit diesem Propheten zu tun haben, vor dem AfD diese, unsere Gesellschaft unbedingt schützen will. Dumm bloß, dass Jerome Boateng ein gläubiger Christ ist, auf dessen linken Unterarm die Gottesmutter Maria tätowiert ist. Dieser Abwehrspieler schießt vielleicht Kerzen, aber niemals Minarette.

Falscher hätte das Opfer der Diffamierung also gar nicht sein können. Aber ein Gauland weiß, dass das nicht so schlimm ist. Hauptsache, dieses „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in den passenden Kreisen angekommen. Die Affäre bringt die AfD mächtig ins Gespräch. Und wenn es sein muss, zupft Frauke Petry das Röckchen zurecht und spielte die Empörte.

Nein, dieser Mann weiß, was er tut. Also geben wir ihm eine angemessene Aufgabe. Wir ernennen ihn zum Feldmarschall der Gartenzwerge und machen ihn so zu unserem Nachbarn. Als Anführer schmückt ihn die passende Armbinde: Mit der Aufschrift „Ordner“, mit drei schwarzen Punkten oder doch mit dem ……………? Entscheiden Sie selbst.

Fast null ESC-Punkte. Es hätte schlimmer kommen können

Unsere Erwartungen haben eine große Macht über unser Empfinden und über das, was letztlich passiert. Diese These wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Universität Würzburg untermauert. Womit wir beim Eurovision Song Contest wären.

Den fränkischen Forschern haben belegt, dass wir Schmerzen besser aushalten, wenn man uns vorher verspricht, dass wir nicht viel spüren werden. So ist das auch mit dem großen Liederwettbewerb. Wir gehen, ganz egal wer da singt, fest davon aus, dass sich Deutschland vor 200 Millionen Zuschauern einmal mehr blamieren wird. Anders als bei Ballsportarten reden wir nicht vom Sieg, sondern davon, ob es diesmal vielleicht nicht der letzte Platz sein müsste. Diese Bescheidenheit hilft. Die große Niederlage lässt Volk und Regierung ziemlich kalt.

Richtig so, denn Deutschland gilt, trotz Beethoven, Wagner und Bohlen, der Welt als Land der Dichter und Denker, nicht aber als Nation der Komponisten. Wir bauen wunderbare Autos mit ungewissen Abgaswerten, haben die besten Kettensägen konstruiert und sind bei zahllosen Produkten Marktführer.

Besoffene Geselligkeit ist eines unserer weiteren Haupt-Kompetenzfelder. Weshalb der aktuelle Beitrag wohl auch verwirrend war. Das Kleid der Sängerin Jamie Lee würde bei  Trinkfesten und Trachtenpartys als Polyester-Designer-Dirndl durchgehen. Aber ein Titel wie „Ghost“ und der abgedrehte Kopfschmuck hätten besser zu Island gepasst. Oder zu anderen mystischen Gegenden. Was den einzigen Jury-Punkt aus Georgien erklären kann.

Doch was mit der Politik? Damit, dass sich Europa und sogar Australien gegen Russland verschworen haben? Traf uns nicht ein viel schlimmeres Komplott? Sagen wir so: Wir müssten uns nicht wundern. Wir exportieren neben famosen Produkten auch Arbeitslosigkeit, indem wir uns durch jahrelange Mini-Lohnerhöhungen und Hartz-IV-Gesetze mit weitaus ärmeren Ländern konkurrenzfähig gemacht haben.

Ja, die Rache ist gelungen. Wenn auch nicht perfekt. Der ESC muss in Europa ausgetragen werden. Hätte nun Australien gewonnen, hätten die anderen gewiss auf uns brave Gebührenzahler gezeigt. Dem Vernehmen nach war München als Austragungsort schon ausgehandelt. Dann aber wäre der Song-Wettbewerb mit der 27. Meisterfeier des FC Bayern zusammengefallen.

Sicherheitstechnisch ein unlösbares Problem. Wir hatten somit Glück im Unglück. Ein Hoch auf die Krim-Tartaren.

 

 

Ein Hoch auf die Queen – aber erspart uns Helmut

Groß ist unsere Sehnsucht nach Weisheit. Wir verehren Menschen, die selbst im größten Chaos schmunzelnd auf die Welt schauen. Die ihr Ding durchziehen, als käme niemand jemals nach ihnen. Bestes Beispiel: Die Königin von England. Heute wird sie 90.

Queen Elizabeth II. ist die großartigste Handwerkerin des Regierens. So wie Klempner oder Fliesenleger dann am besten sind, wenn sie mit Bedacht Schritt für Schritt ihrer Arbeit ausführen und uns die Gewissheit geben, dass am Ende alles passt. Das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs regiert seit Februar 1952. Was immer seitdem die Welt bewegt hat, wie etwa Elvis Presley, der Mauerbau, das Tor von Wembley, der Flug zum Mond, das Ozonloch bis hin zur alles in allem unseligen Erfindung des Smartphones: Sie war da.

Diese Frau braucht keine Briefkastenfirmen in der Karibik. Sie ist Königin von Jamaika und Barbados. Nur missratene oder allzu eigenwillige Kinder oder Schwiegertöchter konnten sie in Krisen stürzen. Ansonsten ist sie außerordentlich beliebt. Sie läuft und läuft – so sympathisch wie ein Volkswagen vor dem Abgasskandal.

Wie schlimm steht es dagegen um uns! Der Verlust weiser Männer war zuletzt dramatisch. Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt oder Egon Bahr haben uns verlassen. Heiner Geißler oder Rita Süssmuth sind ruhig geworden, bei Altkanzler Gerhard Schröder wird man Weisheit nie vermuten.

Und nun droht Schlimmes: Helmut Kohl ist wieder da. Sein Treffen mit dem ungarischen Balkanabriegler Viktor Orbán hat ein unerklärlich großes Medienecho gefunden. Es gab ein Foto, wie es in jedem gut geführten Altenheim gemacht werden kann. Opa und Bub saßen nett zusammen, sie stellten sich hinter Angela Merkel, die sie zuvor kritisiert hatten. Schließlich gab es ein paar persönliche Weisheiten zu Europa, Flüchtlingen und zum Rest der Welt. Tatsächliche politische Relevanz? Nicht vorhanden.

Wir bitten und betteln: Bitte lasst Besuche beim alten Helmut nicht zur Mode nicht zu werden. Lieber ernennen wir Joachim Gauck zum Präsidenten auf Lebenzeit und setzen ihm eine Krone auf. Doch nichts übertrifft das Original. Deshalb: Happy Birthday, Majesty!

 

Der Fußball und die grenzenlose Gier

Aus der Geschichte kennt man den Begriff „Imperiale Überdehnung“. Dieser besagt, dass ein mächtiges Reich an seiner grenzenlosen Gier zugrunde gehen kann. Die alten Römer haben sich mit Eroberungen im Orient übernommen. Ein ähnliches Schicksal könnte dem Fußball drohen. Es wäre, wie Sportreporter gerne sagen, nicht unverdient.

Auf der Suche nach vermarktungsfähigen Spieltagen hat die Bundesliga den Montag entdeckt. Auch zum Wochenstart sollen die Fans und ihre bedauernswerten Angehörigen keine Ruhe finden. Ein Montagsspiel würde die unerhörte Lücke zwischen Champions League oder DFB-Pokal (dienstags/mittwochs), Europa League (donnerstags) sowie Bundesliga, Bundesliga und Bundesliga (Wochenende) schließen und weitere TV-Gelder in die Kassen spülen. Der Aspekt, dass auch Vormittage langweilig sein können, wir nicht näher verfolgt. Noch nicht.

Wie aber ist es möglich, dass die Nachfrage nach Fußball von Marketing-Experten als unendlich eingeschätzt werden kann? Weshalb gibt es massenhafte Verehrung so genannter Helden, die ihren Reichtum in Briefkastenfirmen in Panama verschieben oder bei einer nächtlichen Tour im Taxi ganz nebenbei 75.000 Euro verlieren? Warum stören uns Millionen-Gagen von Dax-Vorständen, nicht aber jene von gut trainierten jungen Leuten in kurzen Hosen?

Wahrscheinlich ist Fußball auch deshalb so populär, weil er die optimale Sportart für Bier und Chips ist. Bei einem durchschnittlichen Spiel sind 70 von 90 Minuten weitgehend ereignislos. Der Ball wird mehr oder weniger gezielt über den Platz getreten. Ab und zu fällt ein Kicker mit schmerzverzerrtem Gesicht um, wird sahneartiger Schaum auf den Rasen gesprüht oder beschimpft ein aufgeregter Typ einen anderen Mann, den sie „Vierter Offizieller“ nennen. Höhepunkt sind selten, man kann sie auch ruhig verpassen. Es gibt ja Zeitlupe, Superzeitlupe, Interviews, Analyse sowie Analyse der Analyse. Dazwischen kommt Bierwerbung, um an den eigentlichen Zweck des Geschehens zu erinnern.

Damit können andere Sportarten nicht mithalten. Handball ist zu aufregend für ruhige Sofasitzer, Eishockey und Bastketball sind zu schnell. Rugby ist als Männersport zu ehrlich. Beim Dressurreiten muss man auf die Feinheiten achten. Eigentlich bietet nur Skispringen ein vergleichbare Mischung aus Monotonie und Jubelstürmen.

Also, wird es noch ein bisschen dauern, bis die Fußball-Euphorie ihr Ende findet. Die nun geplanten Ausdehnung könnte allerdings der Beginn der Überdehnung werden. Wobei diese, bei näherem Hinsehen auch einen Vorteil hat: Die Zahl der Teilnehmer an Montags-Demos wird sinken. Na denn, dann spielt mal schön.

Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.