Herr Gauland, der Feldmarschall der Gartenzwerge

Und wieder hat Alexander Gauland das karierte Sakko felsenfest geknöpft, den ergrauten Schädel gesenkt und sich im Namen von Partei, Volk und islamfreiem Vaterland in den Gegenwind der herrschenden Meinung gestellt. Die Leute, so der stellvertretende AfD-Chef wollten den Fußball-Nationalspieler nicht als Nachbarn haben. Die Empörung ist groß. Ob es ihn juckt?

Ich gestehe, Jerome Boateng als Nachbar würde auch mir Probleme bereiten. Das hat aber ausschließlich mit der aus meiner Sicht verfehlten Wahl seines Arbeitgebers zu tun. Als lebenslanger Anhänger des 1. FC Nürnberg bekäme ich Seelenschmerz, wenn ich jeden Tag am Gartenzaun einem Deutschen, Welt- und Sonstwas-Meister in Diensten von Bayern München zulächeln müsste, während der Club meines Vertrauens eine Liga tiefer herumdümpelt. Aber diese diskriminierenden Gedanken fallen unter die Kategorie Sport. Sie regeln sich sowieso insoweit, als ich schon aus finanziellen Gründen niemals Nachbar von Neuer, Müller oder eben Boateng werden könnte.

Alexander Gauland dagegen ist ein wirklich schlimmer Finger. Dieser Mann ist nicht dumm, aber blöd. Blöd verhält er sich,weil er Parolen in Umlauf setzt, die er wahrscheinlich selber für krank hält. Er macht sich gemein mit Menschen, die er, wenn er nicht ihre Stimmen einsammeln wollte, nicht einmal mit der Kehrseite anschauen würde. Diese Verlogenheit in der Provokation macht den AfD-Vize besonders widerlich.

Erstaunlicherweise hat er mit dem Boateng-Gerede recht leichtfertig offenbart, dass sein Denken auf einem vorgestrigen, plumpen Rassismus beruht. Ein Schwarzer mit afrikanischen Wurzeln muss eine Gefahr sein, er muss mit diesem Propheten zu tun haben, vor dem AfD diese, unsere Gesellschaft unbedingt schützen will. Dumm bloß, dass Jerome Boateng ein gläubiger Christ ist, auf dessen linken Unterarm die Gottesmutter Maria tätowiert ist. Dieser Abwehrspieler schießt vielleicht Kerzen, aber niemals Minarette.

Falscher hätte das Opfer der Diffamierung also gar nicht sein können. Aber ein Gauland weiß, dass das nicht so schlimm ist. Hauptsache, dieses „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in den passenden Kreisen angekommen. Die Affäre bringt die AfD mächtig ins Gespräch. Und wenn es sein muss, zupft Frauke Petry das Röckchen zurecht und spielte die Empörte.

Nein, dieser Mann weiß, was er tut. Also geben wir ihm eine angemessene Aufgabe. Wir ernennen ihn zum Feldmarschall der Gartenzwerge und machen ihn so zu unserem Nachbarn. Als Anführer schmückt ihn die passende Armbinde: Mit der Aufschrift „Ordner“, mit drei schwarzen Punkten oder doch mit dem ……………? Entscheiden Sie selbst.

Fast null ESC-Punkte. Es hätte schlimmer kommen können

Unsere Erwartungen haben eine große Macht über unser Empfinden und über das, was letztlich passiert. Diese These wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Universität Würzburg untermauert. Womit wir beim Eurovision Song Contest wären.

Den fränkischen Forschern haben belegt, dass wir Schmerzen besser aushalten, wenn man uns vorher verspricht, dass wir nicht viel spüren werden. So ist das auch mit dem großen Liederwettbewerb. Wir gehen, ganz egal wer da singt, fest davon aus, dass sich Deutschland vor 200 Millionen Zuschauern einmal mehr blamieren wird. Anders als bei Ballsportarten reden wir nicht vom Sieg, sondern davon, ob es diesmal vielleicht nicht der letzte Platz sein müsste. Diese Bescheidenheit hilft. Die große Niederlage lässt Volk und Regierung ziemlich kalt.

Richtig so, denn Deutschland gilt, trotz Beethoven, Wagner und Bohlen, der Welt als Land der Dichter und Denker, nicht aber als Nation der Komponisten. Wir bauen wunderbare Autos mit ungewissen Abgaswerten, haben die besten Kettensägen konstruiert und sind bei zahllosen Produkten Marktführer.

Besoffene Geselligkeit ist eines unserer weiteren Haupt-Kompetenzfelder. Weshalb der aktuelle Beitrag wohl auch verwirrend war. Das Kleid der Sängerin Jamie Lee würde bei  Trinkfesten und Trachtenpartys als Polyester-Designer-Dirndl durchgehen. Aber ein Titel wie „Ghost“ und der abgedrehte Kopfschmuck hätten besser zu Island gepasst. Oder zu anderen mystischen Gegenden. Was den einzigen Jury-Punkt aus Georgien erklären kann.

Doch was mit der Politik? Damit, dass sich Europa und sogar Australien gegen Russland verschworen haben? Traf uns nicht ein viel schlimmeres Komplott? Sagen wir so: Wir müssten uns nicht wundern. Wir exportieren neben famosen Produkten auch Arbeitslosigkeit, indem wir uns durch jahrelange Mini-Lohnerhöhungen und Hartz-IV-Gesetze mit weitaus ärmeren Ländern konkurrenzfähig gemacht haben.

Ja, die Rache ist gelungen. Wenn auch nicht perfekt. Der ESC muss in Europa ausgetragen werden. Hätte nun Australien gewonnen, hätten die anderen gewiss auf uns brave Gebührenzahler gezeigt. Dem Vernehmen nach war München als Austragungsort schon ausgehandelt. Dann aber wäre der Song-Wettbewerb mit der 27. Meisterfeier des FC Bayern zusammengefallen.

Sicherheitstechnisch ein unlösbares Problem. Wir hatten somit Glück im Unglück. Ein Hoch auf die Krim-Tartaren.

 

 

Ein Hoch auf die Queen – aber erspart uns Helmut

Groß ist unsere Sehnsucht nach Weisheit. Wir verehren Menschen, die selbst im größten Chaos schmunzelnd auf die Welt schauen. Die ihr Ding durchziehen, als käme niemand jemals nach ihnen. Bestes Beispiel: Die Königin von England. Heute wird sie 90.

Queen Elizabeth II. ist die großartigste Handwerkerin des Regierens. So wie Klempner oder Fliesenleger dann am besten sind, wenn sie mit Bedacht Schritt für Schritt ihrer Arbeit ausführen und uns die Gewissheit geben, dass am Ende alles passt. Das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs regiert seit Februar 1952. Was immer seitdem die Welt bewegt hat, wie etwa Elvis Presley, der Mauerbau, das Tor von Wembley, der Flug zum Mond, das Ozonloch bis hin zur alles in allem unseligen Erfindung des Smartphones: Sie war da.

Diese Frau braucht keine Briefkastenfirmen in der Karibik. Sie ist Königin von Jamaika und Barbados. Nur missratene oder allzu eigenwillige Kinder oder Schwiegertöchter konnten sie in Krisen stürzen. Ansonsten ist sie außerordentlich beliebt. Sie läuft und läuft – so sympathisch wie ein Volkswagen vor dem Abgasskandal.

Wie schlimm steht es dagegen um uns! Der Verlust weiser Männer war zuletzt dramatisch. Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt oder Egon Bahr haben uns verlassen. Heiner Geißler oder Rita Süssmuth sind ruhig geworden, bei Altkanzler Gerhard Schröder wird man Weisheit nie vermuten.

Und nun droht Schlimmes: Helmut Kohl ist wieder da. Sein Treffen mit dem ungarischen Balkanabriegler Viktor Orbán hat ein unerklärlich großes Medienecho gefunden. Es gab ein Foto, wie es in jedem gut geführten Altenheim gemacht werden kann. Opa und Bub saßen nett zusammen, sie stellten sich hinter Angela Merkel, die sie zuvor kritisiert hatten. Schließlich gab es ein paar persönliche Weisheiten zu Europa, Flüchtlingen und zum Rest der Welt. Tatsächliche politische Relevanz? Nicht vorhanden.

Wir bitten und betteln: Bitte lasst Besuche beim alten Helmut nicht zur Mode nicht zu werden. Lieber ernennen wir Joachim Gauck zum Präsidenten auf Lebenzeit und setzen ihm eine Krone auf. Doch nichts übertrifft das Original. Deshalb: Happy Birthday, Majesty!

 

Der Fußball und die grenzenlose Gier

Aus der Geschichte kennt man den Begriff „Imperiale Überdehnung“. Dieser besagt, dass ein mächtiges Reich an seiner grenzenlosen Gier zugrunde gehen kann. Die alten Römer haben sich mit Eroberungen im Orient übernommen. Ein ähnliches Schicksal könnte dem Fußball drohen. Es wäre, wie Sportreporter gerne sagen, nicht unverdient.

Auf der Suche nach vermarktungsfähigen Spieltagen hat die Bundesliga den Montag entdeckt. Auch zum Wochenstart sollen die Fans und ihre bedauernswerten Angehörigen keine Ruhe finden. Ein Montagsspiel würde die unerhörte Lücke zwischen Champions League oder DFB-Pokal (dienstags/mittwochs), Europa League (donnerstags) sowie Bundesliga, Bundesliga und Bundesliga (Wochenende) schließen und weitere TV-Gelder in die Kassen spülen. Der Aspekt, dass auch Vormittage langweilig sein können, wir nicht näher verfolgt. Noch nicht.

Wie aber ist es möglich, dass die Nachfrage nach Fußball von Marketing-Experten als unendlich eingeschätzt werden kann? Weshalb gibt es massenhafte Verehrung so genannter Helden, die ihren Reichtum in Briefkastenfirmen in Panama verschieben oder bei einer nächtlichen Tour im Taxi ganz nebenbei 75.000 Euro verlieren? Warum stören uns Millionen-Gagen von Dax-Vorständen, nicht aber jene von gut trainierten jungen Leuten in kurzen Hosen?

Wahrscheinlich ist Fußball auch deshalb so populär, weil er die optimale Sportart für Bier und Chips ist. Bei einem durchschnittlichen Spiel sind 70 von 90 Minuten weitgehend ereignislos. Der Ball wird mehr oder weniger gezielt über den Platz getreten. Ab und zu fällt ein Kicker mit schmerzverzerrtem Gesicht um, wird sahneartiger Schaum auf den Rasen gesprüht oder beschimpft ein aufgeregter Typ einen anderen Mann, den sie „Vierter Offizieller“ nennen. Höhepunkt sind selten, man kann sie auch ruhig verpassen. Es gibt ja Zeitlupe, Superzeitlupe, Interviews, Analyse sowie Analyse der Analyse. Dazwischen kommt Bierwerbung, um an den eigentlichen Zweck des Geschehens zu erinnern.

Damit können andere Sportarten nicht mithalten. Handball ist zu aufregend für ruhige Sofasitzer, Eishockey und Bastketball sind zu schnell. Rugby ist als Männersport zu ehrlich. Beim Dressurreiten muss man auf die Feinheiten achten. Eigentlich bietet nur Skispringen ein vergleichbare Mischung aus Monotonie und Jubelstürmen.

Also, wird es noch ein bisschen dauern, bis die Fußball-Euphorie ihr Ende findet. Die nun geplanten Ausdehnung könnte allerdings der Beginn der Überdehnung werden. Wobei diese, bei näherem Hinsehen auch einen Vorteil hat: Die Zahl der Teilnehmer an Montags-Demos wird sinken. Na denn, dann spielt mal schön.

Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.

„Seine Exzellenz“ Seehofer: Gemach, der Frankenkönig lauert

Seine Exzellenz! Ministerpräsident Horst Seehofer darf sich zwar in überragenden Zustimmungsquoten seiner Bayern, noch mehr aber der AfD-Anhänger sämtlicher Bundesländer sonnen. Aber um wirklich angemessen verehrt zu werden, muss er immer noch ins Ausland. Sein ungarischer Männerfreund Viktor Orbàn tat ihm jetzt den Gefallen. Anlässlich der jüngsten Begegnung in Budapest umschmeichelte er den CSU-Vorsitzenden mit dem wahrhaft edlen Titel.

Wichtig: Die Initiative kam von den Ungarn. Wäre es anders gewesen, müsste sich Horst Seehofer den Vorwurf der Hochstapelei gefallen lassen. Als „Exzellenz“ werden nämlich nach dem heutigen Protokoll die Staatsoberhäupter beziehungsweise Regierungschefs fremder Staaten angesprochen. Dies gilt nicht für Teilstaaten, wenngleich zu konstatieren ist, dass Bayern weiten Teilen Deutschlands fremd geworden ist. Weitere Exzellenzen sind der Apostolische Nuntius, katholische Bischöfe und orthodoxe Vikariatsbischöfe.

Auch Persönlichkeiten mit dem Rang Großkreuz oder Großkomtur eines Ritterorden werden mit diesem Titel untertänigst begrüßt. Das kommt der Sache nahe, schließlich haben sich in Budapest zwei veritable Ritter des Abendlandes die Pranken gereicht.

Horst Seehofer war der Titel „Seine Exzellenz“ gewiss nicht peinlich. Bereits 2007 war als „Botschafter des Bieres“ so geehrt worden. Jenes Bieres, dessen Reinheitsgebot vor 500 Jahren in seiner Heimatstadt Ingolstadt ausgerufen worden ist. Als CSU-Ministerpräsident sieht er sich zudem sowieso  in direkter Linie mit dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, welches über Jahrhunderte hinweg das schöne Bayern regiert hat. Haltung und Selbstbewusststein entscheiden, weshalb die mögliche Unterbrechung der Erbfolge durch demokratische Wahlen vernachlässigt werden darf.

Gerade in diesen Tagen bezieht sich der CSU-Chef auf die Wurzeln der Wittelsbacher. Einer ihrer Urväter, Arnulf der Böse, wurde im Jahr 919 zum deutschen Gegenkönig gewählt, unterwarf sich aber in letzter Konsequenz Heinrich von Sachsen. Die Bayern und die Ossis – man kennt das.

Wirklich unschön für den Landesvater ist allerdings der Ursprung von „Seine Exzellenz“. Zuerst führten diesen Titel unter anderem die Franken-Könige. Horst Seehofer kann die Grenzen noch so mutig schützen – diesen Markus Söder kriegt er nicht mehr richtig von der Backe.

Danke, Mark Zuckerberg. Aber die wahren Helden sind wir

45 Milliarden Dollar! Und das als Spende! Als unsereins jung war, hätten wir dies nur einer Person zugetraut: Dagobert Duck. Heute jedoch gibt es diesen Mark Zuckerberg. Der Facebook-Chef hat angekündigt, nahezu sein komplettes Vermögen für Gutes und Schönes herzugeben. Will er Steuern sparen? Ist er süchtig nach Ruhm? Ich sage: Loben wir ihn. Denn er macht uns alle zu Wohltätern.

In den USA gehört es zum guten Ton, dass reiche Menschen enorme Geldmengen spenden, um so die Welt wirksam mitzugestalten. Unter anderem kommt das von einer anderen Einstellung zum Vererben. Bei uns gehen Kinder sicher davon aus, dass ihnen das von ihren Eltern oder gar Großeltern erarbeitete Vermögen beziehungsweise deren Unternehmen irgendwann gehören. In Nordamerika gilt als normal , dass sich jeder selbst um sein Lebensglück kümmert.

Und so kann ein Mark Zuckerberg das Verteilen seines Vermögens ankündigen, just nachdem er Vater geworden ist. Dieser Mann ist ein Engel.

Allerdings ist er auch ein Schnorrer. Fragen wir uns doch, wem Facebook eigentlich gehört. Den Aktionären des Konzerns, stimmt schon. Aber stellen wir uns vor, Facebook wäre ein Auto. Das sähe dann so aus: MarkHerr Zuckerberg stellt uns das Fahrgestell und die Straßen zur Verfügung. Wie der Wagen letztlich ausschaut, chic, rassig oder hässlich, liegt an unseren kostenlosen Beiträge. Ohne diese Einzelteile wäre zudem jedes Stückchen Datenautobahn sinnlos. Denn wir sind ja nur deshalb auf Facebook unterwegs, weil wir uns mit anderen Menschen austauschen oder einfach nur sehen wollen, was diese so von sich geben.

Für all diese Inhalte bekommen wir keinen Cent. Facebook allerdings wertet diese aus und vermarktet sie offenbar so geschickt, dass riesige Gewinne auflaufen. Fazit: Es ehrt Mark Zuckerberg, dass er Geld spendet. Aber die eigentlichen Wohltäter, die wahren Helden sind wir.

Eine Spendenquittung gibt’s wahrscheinlich nicht. Aber: Das zu wissen, ist doch auch mal schön.

 

 

 

 

Angela Merkel ist die Supermacht

Der Zusammenbruch der großen deutschen Institutionen erschien in letzter Zeit unaufhaltsam, ja geradezu alternativlos. Unsere famose Autoindustrie, unsere Ingenieurskunst überhaupt, unser wunderbarer DFB – alles schien vom Niedergang bedroht. Jedoch, wir sind wer. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel ist so mächtig wie kaum jemand anderer auf diesem Planeten. So behauptet es die US-Zeitschrift „Forbes“.

Demnach gibt es neben Gott, Allah und den anderen höheren Wesen nur einen, der ihr das Wasser reichen kann: Wladimir Putin, der vielseitig tätige Kriegsherr aus Moskau. Nun gut, er hat ein Riesenreich im Rücken und hat Olympische Spiele und Fußball-WM gleichermaßen eingekauft. Dieser Mann geht seinen Weg. Wenn es sind muss, auch brutal.

Die Kanzlerin wiederum ist schon seit Jahren hoch gelistet. Das macht uns stolz, schließlich würde für unsere 80 Millionen Einwohner im Weltmaßstab des globalen Dorfes eine untergeordnete Seitenstraße reichen. Aber diese Frau hat erkannt, womit auch Unternehmer heutzutage am erfolgreichsten sind. Es kommt nicht darauf an, klare Positionen zu beziehen und entsprechende Anweisungen zu geben. Sondern darauf, irgendwie da zu sein und einen Satz wie „Wir schaffen das“ zu sagen. Dann krempeln die Untergebenen die Ärmel hoch und strengen sich an, um die Herausforderung zu bewältigen. Geht es schief, lag es nicht an der Chefin. So läuft das. Da mögen die Seehofers noch so bellen.

Aber Merkel mächtiger als der auf Platz 3 abgerutschte Barack Obama? Mag sein, dass mancher diese Einschätzung für verschroben hält. Andererseits ist es so: Die Amtszeit des US-Präsidenten ist absehbar endlich, für die Kanzlerin ist noch lange nicht Schluss.

Romantisch ist die „Forbes“-Liste allerdings auch. Platz 4 von Papst Franziskus ist bei vernünftiger Betrachtung nicht zu belegen. Dieser Mann ist großartig. Er sagt wunderbare Dinge, die allerdings in seinem eigenen Laden zumindest bisher nicht sonderlich interessieren. Und auch sonst liegen die Analytiker wohl falsch. Unter den mächtigsten Zehn der Welt werden sieben Staatschefs aufgeführt, die Lenker weltweit operierender Konzerne kommen erst auf hinteren Plätzen.

Wir wissen, dass das eher umgekehrt ist. Aber das Ganze stammt ja auch von einem Magazin. Darin steht nie bloß, was ist. Sondern auch, was die Leute gerne lesen wollen. Wir jedenfalls nutzen die Chance, vergessen Winterkorn und Niersbach für den Moment und sagen: Danke, Forbes. Danke, danke, danke!

 

Die Fifa ist sauber – aber nur für 90 Tage?

Da geht er hin, der kleine, große Diktator. Sepp Blatter als Präsident des Weltfußballverbandes Fifa ist nicht mehr. So sehen und so glauben wir es gerne. Aber Vorsicht: Dieser Drops ist nicht gelutscht.

Man mag sich sowieso fragen, warum es uns so sehr interessiert, wer einen internationalen Sportverband führt. Der Radball-Weltvorsitzende war noch nie berühmt. Aber gerade die Fifa greift ins Leben vieler Menschen ein. Sie macht zweifelhafte Regierungen international hoffähig, sie lässt Schwellenländer teure Stadien bauen, die nach dem Turnier keiner mehr braucht. Wie aktuell in Russland sorgt sie dafür, dass auf den WM-Baustellen Arbeitsgesetze und Schutzvorschriften nicht beachtet werden. Und ihre Mitgliedsverbände schröpfen zusehends diejenigen, die deren Personal bei der Arbeit zusehen wollen.

Aber es ist auch so ein schönes Spiel. Mit guten und schlechten Seiten, welche sich mitunter gar nicht so klar definieren lassen. Stellen wir uns nur folgende Frage: Zerstört es Ehen, weil Papa zwecks Fußball nie Zeit hat? Oder rettet es Ehen, weil der Alte zuverlässig ruhig gestellt ist?

Doch zurück zu Blatter. Zum zentralen Wesen des Fußballs gehört es, dass man nie weiß, wie es ausgeht. Das ist eine Weisheit von Wundertrainer Herberger, sie hat somit den Rang der Unfehlbarkeit. Und nun sind der Fifa-Sepp und sein Sportsfreund Platini für 90 Tage suspendiert. Also weg vom Fenster, meinen da unbedarfte Zeitgenossen.

Jedoch: Zum Wesen des Fußballs, von der Weltmeisterschaft bis in die unterste Liga, gehört die Überzeugung, dass nichts einen Kicker, Trainer oder Funktionär mehr läutert, als wenn man ihm den Ball oder seinen Platz im Stadion wegnimmt. Foul, Tätlichkeit, Beleidigung – ein paar Wochen Sperre, und der Bösewicht ist einer neuer Mensch.

Unvorstellbar, dass einer wie Blatter das anders sieht. Es sollte auch genügend seiner Jünger geben, die ihn darin unterstützen. Der nächste Akt der Fifa-Geschichte könnte also lauten: „Er ist wieder da.“ Dann allerdings in Originalbesetzung.