Uns Donald und die zwei Prozent

Zahlen, Quoten, Kennziffern: Statistiken informieren uns, sie lenken uns und sorgen, je nachdem, für Freude oder Frust. Gerade passiert Letzteres bei den versammelten Europäern. Denn US-Präsident Donald J. Trump hat sie kollektiv abgewatscht. Zwei Prozent mehr für den Militärhaushalt hätten sie versprochen. Geschehen sei fast durchwegs nichts.

Mag ja sein, aber der Zorn des großen Egomanen sollte nicht verdecken, dass Zahlenspiele immer relativ sind. So arbeiten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften vorausschauend an den Folgen der Digitalisierung ab. Was bedeutet das für die Arbeitsbedingungen? Wird noch genug Geld verdient? Sind die Renten sicher? Fragen, die diskutiert werden, weil Experten geschätzt haben, dass bis 2030 die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze wegfällt. Sie haben geschätzt, wohlgemerkt. Es kann also auch anders kommen.

Publiziert wurde jüngst das Ergebnis einer Studie zur Prostitution in Deutschland. Demnach nähmen eine Million Männer täglich diese Dienstleistung in Anspruch, 400.000 Frauen stünden zwecks Anbahnung auf der Straße. Wenn man männliche Deutsche im nicht-prositutionsfähigen Alter abzieht, wird klar, dass es sich hier um eine der größten Branchen dieser Republik handeln muss. Männer sähen demnach die Hure ihrer Wahl öfter als ihre Fleischereifachverkäuferin.

Doch zurück zu Donald Trump. Bei diesen ominösen zwei Prozent sollte es nicht nur darum gehen, dass sie geleistet werden, sondern auch wofür. Der Präsident dürfte hier klare Prioritäten haben: Es geht darum, mit schönen Waffen gute Jobs zu schaffen. Frieden entsteht dadurch, dass man jemand ein High-Tech-Mündungsrohr vor die Nase hält. Wer dann nicht spurt, wird weggepustet.

Uns wurde erklärt, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird. Wenn das aber so ist, geht es nicht nur darum, möglichst viele Einheimische zu bedrohen oder zu töten. Auch konkrete Hilfe vor Ort ist Landesverteidigung. Sie wird aber kaum im Verkauf von guten US-Waren bestehen. Ob ein Mister Trump das kapiert? Ungewiss. Sehr Ungewiss.

 

Die verdächtige Unschuld des Wolfgang Schäuble

Unser Finanzminister Wolfgang Schäuble wird Mitte September dieses Jahres 75 Jahre alt. Aktuell spricht wenig dafür, dass er einer künftigen Regierung nicht angehören wird. Zumal man ihm bestätigen muss, dass er offen ist für eine neue Erkenntnis. Zum Beispiel diese: Deutschland Handelsüberschuss ist zu hoch.

Dies hat er über die für besonders wichtige Verlautbarungen genutzte Zeitschrift Der Spiegel bekannt gegeben. Der Finanzminister bestätigt, dass wir es mit dem Exportweltmeistertum übertreiben. Im gleichen Atemzug stellt er aber klar: Mit der Politik habe das nichts zu tun. Die deutsche Wirtschaft sei eben überragend leistungsfähig.

Das sind, mit Verlaub, ziemlich dreiste Fakenews. Und das nicht bloß, weil es prinzipiell verdächtig ist, wenn ein Politiker Erfolge nicht für sich reklamiert.

Selbstverständlich verfügt dieses Land über einige clevere Weltmarktführer. Ihnen wurde aber durch die Politik kräftig auf die Sprünge geholfen. Die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder haben die Bedingungen für neoliberales Handeln der Unternehmer deutlich verbessert. Nehmen wir bloß die befristeten Arbeitsverträge. Sie sind, wie in einem ironischen Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit dargestellt wurde, inzwischen ein wirksameres Verhütungsmittel als die Pille oder Kondome. Was Löhne und Gehälter angeht, leben deutsche Arbeitnehmer im Jahr 1990. Sie sind hinter ihre Nachbarn zurückgefallen, weshalb diese unter Druck geraten, sich den Super-Exporteuren anzupassen. Was sollte man gegen Billig-Konkurrenz sonst auch tun?

Doch woher der Sinneswandel? Das hat mit der Wahl in Frankreich zu tun. Einen Donald Trump konnte man gut als unfähig oder durchgeknallt in die Ecke stellen. Man hatte ihn ja nie gewollt. Aber dieser smarte Emmanuel Macron war unser absoluter Wunschkandidat. Weshalb wir helfen müssen, dass unser gallischer Nachbar konkurrenzfähig wird. Der neue Präsident soll ja wenigstens einige Wahlversprechen erfüllen können.

Spannend allerdings wird die Frage, wie das geregelt wird. Werden deutsche Unternehmen aufgefordert, ihre Produkte zu verteuern? Oder bekommen die Beschäftigten wieder einen größeren Teil vom erarbeiteten Wohlstand?

Unsere Präferenz ist klar. Aber es kann auch passieren, dass gar nichts passiert. Dann nämlich, wenn sich unser Minister entschließt, in Reden vor Unternehmern für maßvolles Exportieren zu werben. Er wird das ausreichend engagiert tun, damit es als Talkshow-Thema taugt. Aber am Ende wird er sagen: „Excuse, entschuldige, Emmanuel. Die Politik in Deutschland kann für höhere Löhne nichts tun. Das müssen Unternehmen und Gewerkschaften regeln. Es ist ausschließlich die Sache der Wirtschaft.“

 

 

 

 

Mit Stahlhelm in der Parallelgesellschaft

  • Was ist bloß aus unserer Bundeswehr geworden? Wie kann es sein, dass unsere Soldaten regelrechte Hausaltäre für die Wehrmacht errichten? Warum misshandeln sie ihre Kameraden? Woher kommt dieser offensichtliche Rechtsruck? Fragen wie diese gehen uns gerade durch den Kopf. Begreifen fällt schwer.

Zunächst hatten wir gedacht, dass dieser Bundeswehroffizier, der sich als Flüchtling ausgegeben hat, um in dieser Inkarnationsform einen Anschlag zu begehen, ein verrückter Einzelgänger wäre. Jetzt wurde ein mutmaßlicher Komplize verhaftet. Das Ganze erinnert an die Sache mit den so genannten Reichsbürgern. Auch da mochte man meinen, dass eigentlich kein Mensch so denken kann. Und dann zeigt sich nach und nach, dass es eine ganze Menge solcher Staatsfeinde gibt.

Aber unsere Bundeswehr? Diese Armee, von der wir bisher dachten, dass sie aus demokratisch denkenden „Staatsbürgern in Uniform“ bestehe? Wie konnte sie sich in manchen Kasernen zu einer gefährlichen Parallelgesellschaft entwickeln?

Wahnsinnig viel war dafür nicht nötig. Die Strukturen waren schon vorhanden. Die Bundeswehr hatte immer ihre eigenen Regeln und Rituale. Auch die Sprache war sehr besonders. Offiziere trafen sich zum „Bier-Call“, Rekruten bekamen als Teil seiner Grundausstattung eine „Hose, Bade, blau“.

Stark verändert hat die Armee gewiss die Aussetzung der Wehrpflicht. Es fehlen junge Soldaten, die im Herzen Zivilisten sind. Stattdessen entstehen die typischen Probleme einer Berufsarmee: Soldat wird, wer nichts anderes findet oder zumindest geringe Chancen hat. Er kommt also potenziell aus wirtschaftlich schwachen Gebieten. In einer geschlossenen Gemeinschaft anerkannt zu sein, ist da bestimmt attraktiv.

Die Bundeswehr als Parallelgesellschaft, also. Das mag sein. Aber hat sich die Gesellschaft um ihre Armee bemüht? Wenn ein Soldat in Afghanistan gerade eine wilde Schießerei gerade so überstanden hat und sich dann überlegt, ob das daheim jemand interessiert, würde er wohl zum Resultat kommen, dass es den Menschen, für die er im Einsatz ist, egal ist.

Motiviert unsere Demokratie zur Demokratie? Die Frage ist erlaubt.

 

 

 

 

 

217 Jahre Arbeit für Gerechtigkeit

Was ist gerecht? Weil gerade 1. Mai war und weil ein paar Wahlen  vor der Tür stehen, wird diese Frage gerade wieder leidenschaftlich diskutiert. Haben alle die gleichen Chancen? Ist der Wohlstand gerecht verteilt? Lohnt sich Leistung immer? Ja, so möchten wir unsere Gesellschaft gerne haben. Doch das ehrliche Fazit lautet: Nette Idee. Aber träumt weiter!

Nehmen wir doch diese Zahl: In Deutschland werden pro Jahr rund 300 Milliarden Euro vererbt. Das Aufkommen an Erbschaftssteuer lag zuletzt bei 6,4 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass sich dieses Land den Luxus gönnt, einen leistungsfrei erworbenen Wohlstand mit 2,1 Prozent zu besteuern. Man erinnert sich an Guido Westerwelles Wort von der „spätrömischen Dekadenz“. Der frühere FDP-Vorsitzende wollte damit die ruinöse Ausbeutung des Staates durch Sozial-Schmarotzer anprangern. Bezogen auf die Erben passt der Begriff besser.

Nun blinken bei den besonderen Gerechten,  zum Beispiel in der CSU, die Warnleuchten. Wer Kapital erbe, lebe nicht automatisch in Saus und Braus.  Er sichere vielmehr als fürsorgerlicher Unternehmen viele Arbeitsplätze. Eine hohe Erbschaftssteuer schade bloß dem Standort. Also Finger weg vom hart Erarbeiteten der Eltern und Großeltern. Keiner wird wollen, dass die Startphase junger Unternehmer mit einer Bruchlandung endet. Aber unsere heutige Staatsräson lautet doch so: Wer reich ist, soll das bleiben.

Nehmen wir Vorstände von DAX-Unternehmen. Ihr durchschnittliches Jahreseinkommen beträgt fünf Millionen Euro. Nun kann jeder kalkulieren, wie lange er bräuchte, diesen Betrag zu erarbeiten. Das Vollzeit-Jahreseinkommen einer Verkäuferin liegt bei 23.000 Euro. Sie bräuchte demnach 217 Jahre, um mit dem Ein-Jahres-Vorstand mithalten zu können.

Ist das gerecht? Die Frage ist allenfalls rhetorisch. Aber sie muss gestellt werden. Ungleichheit zerstört die Gesellschaft. Wer Umverteilung fordert, dient dem Staat. Alsdenn: Trauen wir uns. Bloß keine falsche Scheu.

Amtliche Fake-News stinken extra-übel

Fake-News sind zurzeit das große Thema. Die Welt sei voller populistischer Bösewichte,  die uns mit dem Verbreiten von Lügen manipulieren wollen, heißt es. Zum Glück gibt es Qualitäts-Medien, die Fakten checken und Falsches aussieben. Was aber, wenn angebliche Fakten von Amts wegen gelogen sind? Nennen wir es Diesel.

Es ist noch nicht lange her, da wurde uns dieser Antrieb als umweltfreundlichste Form des Autofahrens präsentiert. Passé waren die dunklen Rußwolken, die uns im Winter rätseln ließen, ob der brave Mann vor uns vielleicht doch Heizöl getankt hat. Dieselmodelle bekamen Namen, die eher nach Ökosiegel als nach Abgas klangen. Und überhaupt: Der Verbrauch sei genial niedrig.

Das galt als nachprüfbare Wahrheit. Es kam ja von oben und zudem von der mutmaßlich besten Autoindustrie der Welt. Die Medien trugen die Botschaft weiter. Im Vertrauen, dass Minister oder Dax-Vorstände keine Gauner seien.

Die Wahrheit ist wohl eine andere. Es darf vermutet werden, dass Experten des Umweltministeriums längst wussten, dass Dieselmotoren keine Umweltengel sein können.  Aber sie saßen am Tisch mit dem Wirtschaftsministerium und Kanzler/-in, der oder die vor der Sitzung den Chef eines Autobauers am Telefon hatte.

Klimawandel  schön und gut. Aber wenn es um Arbeitsplätze und Dividenden. geht, dürfen Mensch und Natur nicht so zimperlich sein. Und die Fakten auch nicht.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Tag ohne News,  wonach der Diesel schlimmer sei als jemals gedacht. Alles auf der Grundlage von Tatsachen, versteht sich.

Wir sind erleichtert.  Doch irgendetwas stört: unsere Lebenserfahrung.  Wir wissen ja, dass Industrie und Regierung mit wachsender Verzweiflung versuchen, Elektromobilität populär zu machen. Kann es sein, dass es hilft, wenn Konkurrenztechnik kaputt geredet wird?

 Lassen wir die Frage stehen. Stellen wir aber auch fest: Elektroautos sind nicht emissionsfrei. Wer das behauptet, lügt. Fake-News, nächste Runde?

Markus hätte mögen wollen. Doch Horst hat Spaß

Es ist doch schön, wenn in diesen bewegten Krisen auch einmal das Erwartete passiert. Jetzt war es soweit: Horst Seehofer hat verkündet. dass er auch über das Jahr 2018 hinaus CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident bleiben möchte. Das war so klar, dass es eigentlich gar keine Nachricht ist.

Aber halt: War da nicht was? Hatte nicht Seehofer selbst im Oktober 2016 erklärt, dass er im Laufe des Jahres 2017 eines der beiden Ämter abgeben würde? Was durchaus vernünftig erschien, schließlich wäre Horst Seehofer am Ende der nächsten Wahlperiode 74 Jahre alt. Der Gesündeste ist er wohl schon heute nicht.

Doch das ist zu rational gedacht. Schließlich ist ein bayerischer Ministerpräsident laut Seehofers Bekundungen damit beschäftigt, die Vorstufe zum  Paradies zu gestalten. Wenn jemand mit diesem Auftrag mit einen zurückgetretenen Papst zu dessen 90. Geburtstag das Bierglas erhebt, streift ihn der weiße Mantel der jahrtausendealten Kirchengeschichte. Und ein politisches Amt bekommt spirituelle Aspekte. Da geht man nicht kurz nach Erreichen des Rentenalters.

Hinzu kommt, dass Horst Seehofer die Kunst der Komplett-Wendung beherrscht. Was er als Träger des Karl-Valentin-Ordens auch darf. So hat der begnadete  Münchner Komiker einst darüber sinniert, dass sich bei jeder Wissenschaft am Schluss oft herausstelle, dass alles ganz anders war. Das kennt man vom CSU-Chef, der zudem keine Nachfolger sieht, mit denen er sich selbst abfinden könnte: Alexander Dobrindt ist trotz seines heldenhaften Einsatzes für die Pkw-Maut ein politisches Leichtgewicht. Ilse Aigner, ist, nun ja, eine Frau und im Amt der Wirtschaftsministerin aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Karl-Theodor zu Guttenberg ist noch nicht ausreichend rehablitiert. Joachim Herrmann muss erst einmal Berlin überleben.

Ja und Markus Söder? Er hätte mindestens den Ehrgeiz, Seehofer zu beerben. Aber er wird vom Übervater nicht gemocht. Zudem ist er evangelischer Mittelfranke und somit im oberbayerischen Mini-Paradies nicht recht zu vermitteln.

Für ihn gilt somit unverändert das Karl-Valentin-Zitat: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“ Er muss das ertragen und sich ansonsten darauf einstellen, dass die Frage des letztendlichen Alpha-Tieres der Freistaats auf die chinesische Art entschieden wird: „Setze dich an einen Fluss und warte bis die Leiche deines Feindes vorübertreibt.“

Wer immer das dann ist. Markus Söder hat bei der Einweihung der Badebucht am Wöhrder See in Nürnberg bewiesen, dass er beim Schwimmen den Kopf über Wasser halten kann. Doch auch Horst Seehofer hat seinen Konfuzius gelesen:  „Vergiss niemals, dass du nur auf die Welt gekommen bist, um verehrt und geliebt zu werden.“ Ganz sicher, genau das wird nicht passieren.

Radfahren ist das neue Abnehmen

Na, wenn das kein hoffnungsvolles Zeichen ist: 71 Prozent der Deutschen sind bereit, in Zukunft häufiger mit dem Fahrrad zu fahren. Massenhafte Fortbewegung ohne Kohlendioxid und Feinstaub also. Unser Planet kann gerettet werden.

Die Wirkungen des Radelns sind uns wohlbekannt. Es stärkt die Waden und pumpt Sauerstoff ins Gehirn. Andererseits verwandeln sich auch brävste Autofahrer in Verkehrsrowdys, die die Existenz roter Ampeln negieren und alte Leute oder Hunde erschrecken.

Jedenfalls darf diese Fortbewegungsart als abgasfrei gelten. Was uns zur Frage bringt, was sich im Zuge unserer famosen, atomfreien Energiewende verändert hat.

Die Antwort: Wenig bis nichts. Wir produzieren weniger Atommüll, verbrennen aber eifrig Kohle. Wir rauchen weniger, fahren aber dickere Autos. Unser Fleisch kommt aus der Massentierhaltung, wir fliegen weiter in den Urlaub.

Und deshalb ist da zumindest der Verdacht,  dass es sich bei unserer neuen Bewegungsfreude um eine Absichtserklärung aus dem Reich der guten Vorsätze handelt.  Würden diese eingehalten, die Deutschen wären 500 Millionen Kilogramm leichter.

Sind sie aber nicht. Radfahren ist das neue Abnehmen. Es wird viel darüber geredet, aber dem Planeten hilft es nicht. Manchmal sehen wir eben die falschen roten Ampeln.

Der Sultan braucht Kontrolle

Wir leben in einer Epoche der knappen Entscheidungen. Erst der Brexit, dann ein neuer US-Präsident mit weniger Stimmen, aber mehr Wahlmännern. Und nun ein zweifelhafter Erfolg des nunmehr schier allmächtigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch mit einigem Abstand zum Referendum fragen wir uns: Was in aller Welt fangen wir damit an?

Wir hoffen auf Klarheit. Aber die gibt es hier nicht. Denn was kann ein Votum bewirken, das – wenn überhaupt – bloß ein bisschen mehr als die Hälfte der Wähler/-innen getroffen haben? Wahrscheinlich lässt es sich nur durch eine Politik der Unterdrückung der Opposition untermauern und umsetzen. Wir haben keine Zweifel, dass Erdogan so handeln könnte.

Für uns allerdings jagt ein Dilemma das andere. Wir können nicht verstehen, dass sich die Mehrheit eines Volkes von der Demokratie abwendet. Andererseits ist es deren Recht. Zeigen wir also der Türkei die kalte Schulter und boykottieren sie als Urlaubsland? Erscheint naheliegend, andererseits haben die Menschen in jenen Küstenregionen, in denen wir gerne Urlaub machen, beim Referendum überwiegend mit „Nein“ gestimmt. Müssten wir sie nicht unterstützen?

Ein anderes Thema sind die in Deutschland lebenden Türken. Sie haben das Referendum maßgeblich mitentschieden, zugunsten Erdogans. Man rätselt, wie es sein kann, dass etliche dieser Mitbürger/-innen den absurden Nazi-Vergleichen auf den Leim gegangen sind. Wir müssen wohl einräumen, dass unser Gesellschaftssystem nicht so attraktiv ist, wie wir das selber gerne hätten. Ist Integration vielfach fehlgeschlagen, weil  die Zuwanderer diese ablehnen? Oder weil keine Chancengleichheit herrscht?

Ansonsten: Erdogan bekämpfen, ist nicht unser Auftrag. Aber wenn man sieht, dass er noch vor der amtlichen Bestätigung seiner Erfolgs von der Todesstrafe schwandroniert hat, ist klar, dass dieser Mann vor allem eines braucht: Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Wer diese Arbeit erledigt, verdient unsere Unterstützung. Mehr können wir nicht tun. Besser als wegschauen ist es allemal.

 

Air Schulz fliegt tiefer

„Schulz-Effekt verblasst. Merkel vorne“. Wieeine Rakete ist „Air Schulz“ vor einigen Wochengestartet. Jetzt stellen erste Beobachter die Begleitmelodie seines Wahlkampfes von Dur auf Moll um. Muss in Deutschland alles bleiben  wie es ist?

Schulz hat eine harte Gegnerin. Angela Merkels beruflicher Weg ist mit den Leichen begabter Männer gepflastert.  Konkurrenten in der eigenen Partei hat sie mehr oder weniger lässig abserviert. Redet heute noch jemand von Roland Koch?

Helmut Kohl galt als Meister des Aussitzens von Krisen  Seine Nachfolgerin ist es. Diese Kanzlerin bekämpft nicht.  Sie wartet, bis dem vermeintlichen Alpha-Männchen die Luft ausgeht.

Martin Schulz ist aber auch selber schuld. Die hart arbeitenden Menschen von Würselen haben wir in seiner Gerechtigkeits-Kampagne inzwischen gut kennengelernt. Aber wo ist das zweite Thema?

Und seine Vision war doch der Politikwandel. Der wäre mit Rot-Rot-Grün möglich. Doch das kleine Saarland hat der SPD den Mut genommen, darüber auch nur noch zu flüstern.  Stattdessen flirtet man mit der FDP. Jener Partei,  für die Gerechtigkeit herrscht, wenn alle Bürger mit über 300.000 Euro Brutto ungestört Kohle scheffeln können.

Also doch wieder GroKo? Danach sieht es tatsächlich aus. Aber Vorsicht: Sankt Martin ist nicht weg. Mit ihm hat seine Partei mächtig zugelegt und sein chancenloser Vorgänger Sigmar Gabriel wird von Woche zu Woche beliebter.

Der Schulz-Effekt, es gibt ihn also doch. Seine Partei und er müssten sich allerdings schon trauen.

 

Ein Text für Franziskus: „Ihr könnt mich mal!“

Am Ostersonntag kommt es, das schöne Ritual: Der Papst tritt auf die Empore des Petersdoms, schaut auf die ergriffene Menge, die seinen Segen erwartet. Was aber wäre die derzeit treffendste Botschaft von Franziskus an die Menschheit? Vier Worte: „Ihr könnt mich mal!“.

So zwischendurch, nach einem guten Glas Wein, möchte man glauben, dass menschliche Evolution und Fortschritt dasselbe Ding seien. Tatsächlich könnten wir diese Welt zu einem richtig schönen Ort machen. Was damit begänne, dass wir andere Artgenossen respektvoll und mit Zuneigung behandeln. Stattdessen wird gemordet und gemordet und gemordet.

Die für uns schlimmsten Verbrecher sind, ganz klar, die Terroristen. Man fragt sich, was Menschen stolz macht, wenn sie unschuldige Zufallsopfer in den Tod reißen, um am Ende nichts zu erreichen, als dass Angst und Misstrauen wachsen? Was macht so ein famoser Kalif, wenn er hört, dass wieder erfolgreich Körper zerfetzt wurden? Beten? Onanieren?

Es gibt aber auch die Auftragskiller in Uniform, die immer nur ihre Pflicht tun. Wie lebt es sich als Kampfpilot, der zuerst ein Wohnviertel verwüstet hat, um nach dem Duschen seinen kleinen Kindern die Raupe Nimmersatt vorzulesen? Wie fühlt sich der Drohnen-Lenker, der am Joystick seiner Vernichtungs-Playstation abrutscht und deshalb statt einer Mörderbande eine Hochzeitsgesellschaft auslöscht?

Und wie geht es Richtern, die das Leben von Menschen für demnächst beendet erklären? Amnesty international hat gerade vorgerechnet, dass Todesurteile wieder in Mode kommen. In China, dem riesigen Reich mit den vielen schönen Lifestyle-Produkten, wurden im vergangenen Jahr weit über  tausend, vielleicht tausende Delinquenten ganz legal gemeuchelt. Im Iran, einem eigentlich wunderbaren Land, sind 567 Hinrichtungen amtlich verbürgt. In Saudi-Arabien, dem besten Stammkunden unserer Waffenfabriken, stirbt alle zweieinhalb Tage ein Mensch durch den Henker. In den USA herrscht aktuell Zurückhaltung, weil „humane Chemikalien“ für Todesspritzen schwer zu beschaffen sind.

Fraziskus redet über Auferstehung und Bergpredigt, während an vielen Ecken der Welt der Marsch zurück ins Alte Testament läuft.

Er sollte ruhig sagen, was er von dem Ganzen hält. Und falls er richtig sauer ist, würden auch zwei Worte genügen. Aber das wäre dem feierlichen Anlass gegenüber wohl doch zu unangemessen.