Wenn Klugheit endet, wird gerodet

Achtung, Logik endet hier. So ist das manchmal mit Großprojekten. Es gibt unerklärliche Verzögerungen wie etwa beim Berliner Flughafen. Es gibt Vorhaben, die Quatsch sind, aber wegen irgendwelcher koalitionstechnischer Überlegungen durchgeführt werden sollen. Die Pkw-Maut ist so ein Fall. Und es gibt legalen Mist, der nicht mehr in die Zeit passt, den der Staat aber trotzdem gegen alle Widerstände durchsetzen muss.

Das Paradebeispiel für solche Uralt-Projekt, ist der Main-Donau-Kanal. Kaiser Karl der Große hatte im 8. Jahrhundert die Idee, beide Flüsse miteinander zu verbinden. Franz-Josef Strauß hat dies gegen die Proteste der Naturschützer durchgesetzt. Die Wasserstraße gibt es nun seit 26 Jahren. An der Donau streiten sie noch immer.

Heute stehen wir im Wald, im Hambacher Forst. Das Genehmigungsverfahren für den Tagebau in dieser Gegend wurde im Jahr 1974 eingeleitet. Also zur Zeit der Ölkrise, der autofreien Sonntage, als man sich davor fürchtete, dass die arabischen Scheichs unsere Energieversorgung lahmlegen könnten. Damals war nachvollziehbar, dass Deutschland auf eigenen Füßen stehen müsste. Man nahm selbstverständlich in Kauf, dass die dort geförderte Braunkohle ein extrem dreckiger Brennstoff ist.

Alte Ortschaften mussten bereits weichen, nun warten 350 Jahre alte Bäume auf die Kettensägen. Von einstmals 40 Hektar Wald sind bloß noch acht Hektar übrig. Das Gebiet gilt als ökologisch wertvoll. Aber das Projekt ist legal, weshalb der Staat verpflichtet ist, es zu ermöglichen.

Natürlich, es geht um Arbeitsplätze, es geht um Profit für einen Konzern, der durch den Atomausstieg gebeutelt ist. Aber die Kernfrage bleibt, sie stammt vom Kabarettisten Gerhard Polt: „Braucht’s des?“ Und da kann man nicht Ja sagen. Denn die Stromversorgung ist auch dann sicher, wenn dieser Wald stehen bleibt.

„Sind wir Deutschen eigentlich verrückt geworden?“, fragte RWE vor fünf Jahren in seinen Werbespots. Unterlegt mit Sülz-Musik wurden zwecks totaler Energiewende Menschen gesucht, „die Energie schon heute intelligent nutzen“: https://www.youtube.com/watch?v=YVrs2JxAEy4  Der Name RWE wurde zum Bestandteil des Slogans „Unser Land geht vorweg“. Die damalige Adresse www.vorweggehen.de gibt es nicht mehr, der Konzern hat den Fortschritt auf sein Tochterunternehmen innogy verlagert.

Ein überflüssiges Projekt geht seinen Gang. Aber vielleicht erinnern die Verbraucher den RWE-Konzern an diesen wahren Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Beim Hambacher Forst hieße vorweg gehen einfach weggehen. Vielleicht begreift man es ja noch.