Die Verspätungs-Bahn ist ganz normal

Das Schimpfen auf Staatsunternehmen hat in Deutschland eine lange Tradition. Post, Einwohnermeldeamt oder Müllabfuhr waren beliebte Objekte des medialen Zorns. Wer behauptete, dass Beamte garantiert keine zuverlässige Dienstleistung hinbekommen, erntete allgemeine Zustimmung. Heute weiden wir uns an Großprojekten, die doppelt so teuer und trotzdem unpünktlich fertig werden. Jetzt haben wir wieder Stoff: Der superschnelle ICE von München nach Berlin ist mit diversen Pannen gestartet.

Die Erwartungen in die Bahn sind aus Tradition hoch. Speziell die nicht so junge Bevölkerung erinnert sich an die Werbespots der 70-er Jahre  unter dem Motto „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“https://www.youtube.com/watch?v=mGhJW5TvIuQ  Die Botschaft war eindeutig: Was immer passiert, wie sehr es stürmt oder schneit – wir fahren pünktlich.

Und jetzt dieses Desaster. Züge fahren vielleicht planmäßig los, aber es gibt sinnlose Zwangsbremsungen oder Aufenthalte in der freien Landschaft. Am Ende ist die Fahrtzeit genauso wie früher.

Typisch Staatsunternehmen, raunt es da. Aber das stimmt nicht. Im Gegenteil, die Bahn agiert wie ein ganz normales, modernes Dienstleistungsunternehmen. Man muss nur den Telefonanbieter wechseln, um zu wissen, wie es läuft. Man kann auch mit irgend einer Service-Hotline telefonieren, um nach zehn Minuten in der vollgedudelten Warteschleife endlich eine sinnvolle Auskunft zu bekommen. Und wer neue Software kauft, erfährt, dass deren Hersteller nicht mehr, wie früher, ihre Ware testen, ehe sie sie verkaufen. Der Kunde wird zum Tester.

Und so ist es wohl auch bei unserer Bahn. Sie schickt Züge los, die nicht bis ins Letzte getestet sind. Diese müssen sich im laufenden Betrieb an den Idealzustand annähern. Bis dahin geht manches schief. Die Häme ist eingepreist.

Am Ende funktioniert der Superzug doch.  Der Anfangsärger ist dann schnell vergessen. Denn die nächste Großbaustelle kommt bestimmt.