Hamsterkäufe? Der wahre Vorrat ist ein anderer

Von unseren Großeltern kennen wir die Geschichten über Vorratskammern voller Konserven und Einmachgläser. Getränke wurden mit dicken Eisblöcken gekühlt. Ein gut gefüllter Kartoffelkeller hat geholfen, um ohne Hunger über den Winter zu kommen. Wer im Herbst fleißig war, erlebte echte Not so gut wie nie.

Heute leben wir anders. Es gibt immer alles. Erdbeeren im Dezember? Spargel an Silvester? Das ist bloß  eine Frage des Preises. Leere Regale in den Geschäften kannten die Deutschen seit den 50-er Jahren nur noch in der DDR. Dank Wirtschaftswunder entwickelte sich die jederzeitige Rundum-Versorgung. Vorratskammern spielen in der heutigen Architektur keine Rolle mehr.

Würde man eine Palette Konservendosen kaufen – man hätte daheim gar keinen Platz. Schon deshalb ist der Aufruf des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz im Katastrophenfall zu vorsorglichen Hamsterkäufen von zweifelhaftem Wert. Hinzu kommt, dass wir das richtige Einlagern von Lebensmitteln verlernt haben. Und schließlich ist unser Vertrauen in die Nachhaltigkeit moderner Speisen und Getränke gering. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist ein Fetisch mit integriertem Wegwerf-Impuls.

Schneller Konsum entspricht eben dem Zeitgeist. Wir leben und produzieren Just-in-Time. Dass das auch leichtsinnig ist, erfahren wir nur manchmal. Etwa dann, wenn bei VW die Bänder still stehen, weil man dort keine Getriebe gehamstert hat. Aber brauchen wir wirklich Gurken, Zwiebeln und Äpfel in der XXL-Kiste? Eigentlich doch nicht.

Dann lieber doch einen guten Vorrat an Optimismus, Humor und Freude am Leben. Bei Katastrophen hilft auch das.

 

 

Was begehrt das Volk? Eine Kartoffel namens Fritz

Was bewegt das Volk? Was ist sein Begehr? Herausfinden lässt sich das zum Beispiel auf der Petitions-Seite des Deutschen Bundestages. Alsdenn, schauen wir, was dort gerade angesagt ist. Und welche großen Themen demnächst kommen.

Auf der Liste der 50 aktuellsten Petitionen führt mit 2237 Unterschriften ein Aufruf zum „Bundesteilhabegesetz“. Sein Ziel klingt sympathisch und zeitgemäß. Behinderten soll ausdrücklich eine unabhängige Lebensführung gewährt werden. Knapp dahinter folgt ein Thema, das es noch nicht auf die Titelseiten geschafft hat: Es geht um das Luftfahrthandbuch AIP ACI VFR 04/16 und um die Rücknahme der darin enthaltenen Beschränkungen für den Kunstflug mit Motorflugzeugen. 1918 Unterzeichner hat diese Initiative, mehr Kunstflieger dürfte es kaum geben.

Respektabel ist die Resonanz auf Petitionen, mit denen ein umfassender Schutz für stillende Mütter, die Einrichtung regionaler Lärm-Umweltzonen und höhere Zuschüsse für den Schulbedarf von Kindern aus finanzschwachen Familien gefordert werden. Dagegen floppt die Forderung, den Führerscheinerwerb auch auf Bulgarisch zu ermöglichen. Sie hat nur sechs Unterstützer.

Leider gescheitert ist auch Petition Nummer 66662. Nur 108 statt der erforderlichen 50.000 Unterzeichner hat sie gefunden. Und das, obwohl es hier um zwei aktuelle Mega-Themen ging: Gesunde Ernährung und Geschlechter-Gerechtigkeit. Demnach sollte der Deutsche Bundestag beschließen, „dass es ab sofort ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen als auch weiblichen Kartoffelnamen bei der Sortenbestimmung gibt.“

Der Initiator der Petition verweist darauf, dass Geschlechter-Ungleichheiten in etlichen Bereichen der Gesellschaft konsequent beseitigt worden seien. Hinsichtlich der Kartoffeln habe dieses Bemühen bislang völlig gefehlt. Und tatsächlich: Unsere Erdäpfel tragen fast durchwegs weibliche Namen. Sie heißen Bellinda, Ditta, Elvira, Selma oder Linda. Ganz egal, ob sie mehlig oder festkochend sind.

Männer kommen im Kartoffel-Universum nur mit unpersönlichen Bezeichnungen wie Blauer Schwede oder Innovator vor. Dabei sind Herren schon frisurentechnisch dem Erdapfel näher als die Damen. Sigmar, Winfried oder Horst wären politisch korrekt. Man könnte aber auch, wie der Erfinder von Petition 66662 meinte, verdiente Streiter für gutes Essen als Namensgeber hernehmen. Etwa den jüngst verstorbenen Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck oder bekannte Köche wie Tim Mälzer und Alexander Herrmann. Oder man beschließe die Sorte „Usain B.“. Schließlich gibt der galaktische Sprinter Erdäpfel als sein legales Dopingmittel an.

Nette Idee. Wir jedoch sehen es anders: Das erste Knollen-Patronat gebührt selbstverständlich jenem Mann, der die Kartoffel durch seinen staatlichen Anbaubefehl von 1756 in unseren Breiten so richtig vorangebracht hat: Preußenkönig Friedrich der Große. Starten wir also mit der Sorte „Alter Fritz“. Das Volk wird sich danach verzehren.

Das lange Warten auf den Renten-Speck

Alsdenn Opa, ran an den Speck. Die deutsche Bundesbank hat gefordert, das Rentenalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Gähnt hier das Sommerloch? Oder wird im Auftrag der großen Politik ein unpopulärer Vorschlag auf sein Empörungspotential hin getestet?

Man sollte wachsam sein und Schlimmes befürchten. Während sich das Soziale in unserer Marktwirtschaft zusehends abnutzt, gewinnt der Wunsch der Wirtschaft nachmöglichst umfassender Nutzung des Humankapitals an Bedeutung. Das beginnt beim achtjährigen Turbo-Gymnasium, das Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen nervt. Und geht hin zu einem immer weiter nach hinten verschobenen Ruhestand. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der menschlichen Existenz muss stimmen.

Andererseits: Wenn ein deutscher Autokonzern aus Steuergeldern subventioniert wird, damit er ein Elektroauto mit mehr als 150 Kilometern Reichweite entwickeln kann, sollen wir das gut finden. Es geht ja um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte, um Arbeitsplätze und damit um die Zukunft überhaupt. Ähnliches wird bei Bankenrettungen erklärt. Der Geldfluss wird hier zwar von einem Grollen begleitet wird, welches für die Versager unter den Spekulanten aber folgenlos bleibt.

Bei den Themen Gesundheit und Soziales wird anders argumentiert: Hier stehen immer die Kosten im Vordergrund. Die Pflege alter Menschen frisst den Staat auf. Die Kranken werden immer teurer. Die  Rente ist selbstverständlich nicht sicher. Lösen lässt sich dieses Problem nur dadurch, dass die Menschen mehr Geld für die Gesundheit ausgeben, Riester-Verträge mit üblen Konditionen abschließen und so lange arbeiten, bis es tatsächlich gar nicht mehr geht.

Warum ist es nicht möglich, dass sich Politiker*innen hinstellen und verkünden, dass sie mit Freude mehr Geld für kranke und alte Menschen ausgeben. Einfach weil es richtig ist, dass die Gesellschaft solidarisch mit den Schwachen ist und nicht nur darauf schaut, ob jemand „den Märkten“ einen Nutzen bringt.

Schön wäre das. Kommen wird es anders. Opa kriegt den Speck, aber bedingungslos erst ganz, ganz spät.

Jeder braucht seinen Feind

Die Sitten im Straßenverkehr verrohen immer mehr. Diese Nachricht rauschte in diesen Tagen durch alle Medien. Vor allem Männer am Steuer strotzten vor Selbstüberschätzung und Aggression. Und es werde immer schlimmer.

In der Tat: Man fragt sich, woher Menschen die Überzeugung beziehen, dass ihnen die linke Fahrbahn mehr gehört als anderen. Vielleicht spielt Politik insofern eine Rolle, als sie nicht akzeptieren mögen, dass sozialistische Gleichmacherei im Stau die für die Wirtschaft so wichtige Mobilität bremst. Aber sonst wohl deshalb, weil sie – aus ihrer Sicht – einfach geborene Chefs sind. Weil sie mehr Steuern hinterziehen als andere oder weil ihr Sportcoupé geleast und nicht bezahlt ist. Jedenfalls gibt es eine Denkstruktur, welche besagt, dass der Rest der Welt den eigenen Interessen zu dienen hat.

Wir dürfen den schnellsten Mitgliedern unserer Gesellschaft aber nicht zu böse sein. Wir alle wechseln mit der Fortbewegungsart unsere Manieren, wenn nicht gar unsere Daseinsform. Würde man eine Umfrage starten, wer wenn auf Wegen und Straßen am meisten hasst, käme wahrscheinlich heraus, dass das jeden trifft, der anders unterwegs ist als man selbst.

Fußgänger sehen sich als schwächste Verkehrsteilnehmer und sehen sich permanent bedroht. Doch auch sie ziehen sich Hass zu, wenn sie auf Wegen  elend langsam in Viererreihen schlurfen oder – neuerdings – tagblind auf der Jagd nach Pókemon in den fließenden Verkehr laufen.

Hundebesitzer sind insbesondere bei Radfahrern verhasst. Entweder, weil sie ihren besten Freund frei herumlaufen lassen. Oder weil sie ihn an einer zu langen Leine führen, die sich gelegentlich quer über den Weg spannt. Radler wiederum gelten allen anderen Verkehrsteilnehmern als rücksichtsloseste und  leichtsinnigste Spezies. Sie erschrecken Kinder, rauschen im Zentimeter-Abstand an alten Leuten vorbei oder fahren über die Kreuzung, egal, was die Ampel anzeigt.

Was aber wiederum nicht heißt, dass sie auch die schlimmsten Autofahrer sind. Der Anarchist im Fahrradsattel, kann am Steuer seines Wagens ein Vorbild sein.

Fazit: Jeder stört irgendwann jeden. Vielleicht braucht der Mensch ab und zu einen Feind, um sich seiner selbst zu vergewissern. Klingt nach Steinzeit. Ist aber so. Alles Weitere regelt – irgendwann – die Evolution.

Es gibt ein Recht auf Faulheit

Spüren Sie, wie schön es ist? Seit Tagen kein Amoklauf, keine wichtigen Spiele der Bundesliga, kein akuter Streit um Erdogan. Es herrscht sommerliche Ruhe. Wir können uns entspannen, unterm Sonnenschirm Espresso oder Bier schlürfen. Unser gestresstes Gehirn hat Pause, es macht Urlaub von den bösen Gedanken.

Diese Situation passt zum internationalen Faulpelztag am 10. August. Dessen Titel klingt zwar negativ, aber er soll der Menschheit die richtige Erkenntnis vermitteln, dass es völlig in Ordnung ist, einfach einmal gar nichts zu tun. Dasitzen, auf die imaginäre Prärie starren oder olympisches Dressurreiten schauen, und das Bruttosizalprodukt nicht zu steigern. Doch wo die Chinesen 28 Stunden am Tag arbeiten: Ist dann nicht unanständig?

Gar nicht. Hilfe bekommen wir von der Wissenschaft. Im Interview mit den Nürnberger Nachrichten hat der Neurologe Frank Erbguth klargestellt, dass das menschliche Gehirn schöpferische Pausen braucht. Wer sich diese gönne, sei hinterher frischer und ausgeruhter als die rastlosen Schaffens-Fanatiker. Wer döst, schafft es auf die Überholspur. Dauerhektik ist widernatürlich, erläutert der Hirnforscher und belegt es mit diesem Satz: „Kein Hund käme auf die Idee, einfach mal durchzumachen.“

Das sitzt. Danke für die Erkenntnis, Herr Professor. Auch wenn sie nicht neu ist. Die Arbeiterbewegung hat schon im 19. Jahrhundert erkannt, dass es nicht gut sein kann, wenn Arbeiter rund um die Uhr schuften. Im Jahr 1900 wurde der 10-Stunden-Tag, 1918/19 der Acht-Stunden-Tag geregelt. Schließlich wurden Verkürzungen der Arbeitszeit bis hinunter zur 35-Stunden-Woche erstreikt.

Chefs sehen die Sache meistens anders. Fürs Ranklotzen gibt es Schulterklopfen, fürs Burnout eher nicht.

Doch: Wir haben es selber in der Hand. Legen wir Pausen, denn ein Recht auf Faulheit gibt es. Sagt das Arbeitszeitgesetz. Ob wir dabei der Gewerkschaft oder einem Hirnforscher folgen, ist letztlich egal. Hauptsache, wir machen es.

 

 

 

 

Donald Trump – Der Film

Hollywood hat uns gelehrt, dass die US-Präsidentschaft zu den aufregendsten Jobs mit den eigenartigsten Besetzungen zählt. Man ist mächtigster Mann der Welt, man lehrt sogar feindseligen Außerirdischen das Fürchten. Man kann heroisch, aber auch trottelig sein. Die Karriere dieses Donald Trump erscheint uns trotzdem in ihrem Irrsinn unbegreiflich und noch nicht verfilmt. Wer also dreht hier gerade? Quentin Tarantino, Roland Emmerich, George Lucas oder Michael Moore?

Für die Präsidenten-Filme gelten zwei Leitgedanken. Entweder ist der Bewohner des Weißen Hauses ein hoch moralischer Held wie George Harrison in Air Force One. Oder es handelt sich um einen politisch unbedarften Darsteller, der – wie Kevin Kline in Dave – ins Amt hineinstolpert, dann aber einen richtig guten Job macht. Einen Schauspieler im Weißen Haus hatten wir schon. Ronald Reagan hat bis heute viele Fans.

Was aber erwartet uns bei „Donald Trump – Der Film“? Zunächst einige Hinweise zur Besetzung. Der Meister spielt sich selbst, klar. Gattin Melania wird bei Bedarf durch Miley Cyrus, Selena Gomez oder eine bislang unbekannte aserbaidschanische Daily-Soap-Schönheit ersetzt.  Für die Rolle der Clintons kommen nach Lage der Dinge Hellen Mirren und Richard Geere in Frage. Die Nebenrolle von Bernie Sanders übernimmt Woody Allen.

Die Geschichte geht so. Der verrückte neue Präsident nervt schon bald Gott und die Welt. Der CIA-Chef, gespielt von Jack Nicholson, weigert sich jedoch, zum Äußersten zu gehen. Aus Dankbarkeit dafür, dass Trump seinen Mitarbeitern das Waterboarding bei Ladendieben mexikanischer Herkunft oder islamischen Glaubens erlaubt hat. Also wird Trump entführt und auf eine von ihm selbst gebaute, aber unverkäufliche Bungalow-Siedlung in Florida gebracht. Diese wird von militärisch ausgebildeten Kampf-Alligatoren bewacht. Ein vom Establishment geschulter Doppelgänger (gespielt vom famosen Engländer Boris Johnson) führt derweil die Regierungsgeschäfte.

Allerdings gelingt es Donald Trump, eine temporäre WLan-Verbindung zu seinem langjährigen Männerfreund Waldimir Putin aufzubauen. Dieser lässt durch seinen Geheimdienst ein Klein-U-Boot namens „Rosa Oktober“ nach Florida schmuggeln. Und während der Vertretungs-Präsident bei einer Pokerrunde mit Erdogan, Orbàn, Le Pen und Berlusconi in eine Schlägerei verwickelt und K. O. geschlagen wird, taucht Trump mit durchgedrücktem Kreuz und frisch blondiertem Toupet im Oval Office auf.

Aus Rache für sein verletztes Ego will er einen Atomschlag gegen alles Nicht-Amerikanische starten. Weil er jedoch im entscheidenden Moment von Gaststar Lassie verbellt wird, drückt er den falschen Knopf. Dadurch wird das durch Fracking in Nord-Wisconsin gewonnene Friedens-Gas freigesetzt und über die ganz Welt verteilt. Alle Menschen werden Brüder. Trump schreit laut auf, fällt um und bleibt regungslos liegen (Option für Teil zwei).

Sie finden diesen Text albern? Schon, aber es wäre ungemein beruhigend, wenn alles bloß ein Film wäre. Die Kombination aus tumbem Denken und Fanatismus gefährdet hunderttausende Menschenleben. Das wissen wir seit George W. Bush. Hoffentlich erinnert man sich noch daran. Einen Oscar kann Donald T. sehr gerne haben.

 

Der Staat als Klamottenpolizei

„Weg mit der Burka!“ Diese lautsprecherisch vorgetragene Forderung gehört zum Standard-Repertoire vor allem konservativer Politiker*innen. Jüngst hat sich das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn damit aus dem Fenster gelehnt. Aber hülfe uns das? Denken wir nach.

Warum gibt es das Recht? Warum mischt sich der Staat in unser Leben ein? Weil es ohne Gesetze und ohne Regeln keine Freiheit gäbe. Die Willkür der Mächtigen würde herrschen, die Chance auf Gerechtigkeit gäbe es nicht. Es handelt sich also um ein edles Ziel, weshalb Regierungen auf fanatische Gesetzgebungswut verzichten sollten. Man kann Freiheit auch zu Tode regeln.

Jetzt aber konkret gefragt: Sollen sich Politik, Staat und Justiz in Fragen der Bekleidung ihrer Bürger*innen einmischen? Sicher, die Burka ist nach unserem Verständnis ein abstoßendes Kleidungsstück. Wir sind sicher, dass Frauen diese Ganzkörperverhüllung keinesfalls freiwillig tragen. Wir sagen: Wer die Burka überwirft, wird unterdrückt. Und das darf nicht sein. Weil hinter jeder geknechteten Muslima ein Gesinnungs-Taliban steht.

Andererseits gibt es Bekenntnis-Kleidung auch anderswo. Christliche Nonnen haben zwar ein größeres Sichtfeld. Ihre Tracht ist der Burka ansonsten recht ähnlich. Mitarbeiter von Banken müssen schwarze Anzüge, Burgerbrater lustige Mützen tragen. Selbst unsere größten Idole, die Fußballer, können das viele Geld nur verdienen, wenn sie albern in kurzen Hosen und Kniestrümpfen über blumenlose Wiesen rennen.

Von bösen Modesünden, die sensible Mitmenschen belästigen, wollen wir gar nicht reden. Interessant wäre allerdings zu erforschen, ob sich unsere politischen Frauenrechttler*innen häufiger und energischer gegen die Burka als gegen die Dienstkleidung von minderjährigen Huren auf dem Straßenstrich positioniert haben. Wir ahnen die Antwort.

Jedenfalls: Wenn es um die Burka geht, wird durchgegriffen, wenigstens verbal.  Dumm bloß, dass es unseren Frauen auch nicht so rundum prima geht. Dann etwa, wenn sie nach einer Familienphase von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren wollen, um Karriere machen zu können. Das scheitert häufig an den Chefs. Da schauen die Politiker gerne weg.

Genau das sollten sie bei der Burka tun. Um mehr Energie für die wahren Probleme zu haben.

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Faulheit kostet nichts – allenfalls das Leben

Statistiken sind gefährlich. Oft genug werden sie in Auftrag gegeben, weil jemand eine Botschaft in die Welt setzen möchte. Gemäß dem Motto: Nur wer gut fälscht, kommt voran. Und: Schlechte Gewissen erzeugen Umsatz.

Gerade wurde in einer US-Fachzeitschrift namens „The Lancet“ eine medizinische Studie verbreitet, wonach Bewegungsmuffel ganze Staaten ruinieren können. Weltweit, so haben es nicht näher benannte Wissenschaftler ermittelt, verursachen Faule und Behäbige Kosten von mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Daten aus 142 Ländern hätten dies ergeben.

Zugleich monieren die Forscher den Schaden für die Weltwirtschaft durch Einbußen in der Produktivität.

Spätestens an dieser Stelle rufen wir: Stopp! Wir sind es zwar gewohnt, dass wir aufgerufen sind, unser  Dasein „den Märkten“ unterzuordnen. Doch abgesehen davon, dass ein konsequenter Sofasitzer sparsam lebt, macht es eine Studie doch verdächtig, wenn sich Mediziner Sorgen über die Probleme der Wirtschaft durch eine träge Lebensweise machen.

Das Gegenteil ist doch der Fall. Wo bliebe die Medizin, und mit ihr die Pharmaindustrie, wenn alle Menschen gesund wären? Jeder entzündete Blinddarm bringt mehr für das Bruttosozialprodukt als eine vom Joggen gereinigte Lunge.

Und stellen wir uns bloß das Gegenteil vor: Volkswirtschaftler und Banker würden sich um die Gesundheit der Menschen kümmern. Die durchschnittliche Lebenserwartung würde sich alsbald dem Leitzins annähern.

Unsere Studie wiederum, welche übrigens anlässlich der Olympischen Spiele entstanden ist, dem bekanntlicherweise saubersten Gesundheits-Event dieses Planete, bringt Bewegungsmangel mit fünf Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung.
Wer’s glaubt fühlt sich schlecht und kauft sich vielleicht ein Fahrrad. Echte Realisten hingegen verweisen auf die Kostenneutralität des faulen Daseins. Und sie wissen: Die Ursache jedes Todes ist die Geburt. Davonrennen kann man davor nicht.

Gegen die Gewissheit der Angst hilft nicht nur Vernunft

Und jetzt wieder Frankreich. Islamistische Mörder haben eine Kirche nahe Rouen gestürmt und deren Pfarrer hingerichtet. Dabei stecken uns die jüngsten Anschläge von Würzburg, München und Ansbach, aber auch von Kabul, noch tief in den Knochen. Wird es ein Ende des Terrors geben? Es fällt uns immer schwerer, daran zu glauben. Bloß: Eine Alternative haben wir nicht.

Es wirkt unbegreiflich, wie sich Hirne von jungen, am Leben verzweifelten Männern bei passender Gelegenheit in Luft auflösen. Niemand kann erklären, warum sich dieses Phänomen in diesen Tagen derart ballt. Und man mag sich nicht vorstellen, wie leer es in diesen Tätern sein muss, damit genug Platz ist für ungezügelten, sinnlosen Hass gegen andere Menschen. Sie riskieren ihre eigene Existenz, nur um töten zu können. Irgend etwas läuft gewaltig schief.

Vernunft, ein kühler Kopf, könnten uns helfen. Trotz aller Horrornachrichten ist das Risiko, bei einem Amoklauf oder einer Terror-Attacke zu sterben, äußerst gering. Im Straßenverkehr, ja sogar im Haushalt, kommen mehr Menschen ums Leben. Aber die jetzige Bedrohung ist anders. Wenn man beginnt, beim Einkaufsbummel nach bärtigen Burschen mit Rucksäcken Ausschau zu halten, verfestigt sich die Angst, dass man jederzeit und überall attackiert werden könnte, zur Gewissheit. Wer Auto oder Rad fährt, rechnet – trotz objektiv größerer Gefahr – nicht mit einem Unfall. Hier ist es anders.

Was aber hilft uns dann? Gottvertrauen wäre eine Lösung, aber wer hat das noch? Also brauchen wir wohl eine Mischung aus Vertrauen und Fatalismus. Eine Gewissheit, dass nichts passieren wird, dass es aber im Leben manchmal kommt, wie es kommt. Auch Humor kann helfen. Humor, gemischt mit Trotz. Lasst sie toben, lasst sie ihrem pseudo-religiösen Schwachsinn frönen. Wir stecken ihnen die Zunge raus.

Yalla, Ihr Wichser! Lachen ist erlaubt! Fangen wir an!