NSA, ZAPF MICH AN!

Zu einem gelingenden Dasein gehört es, sich nicht über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht ändern  kann. Es hat keinen Sinn, das Unabänderliche zu bekämpfen. Besser man spielt damit. Wie mit der Daten-Sammelwut der US-Sicherheitsbehörde NSA.

Asterix und Obelix haben uns gelehrt, was zum Wesen großer Imperien gehört. Sie spinnen, zumindest manchmal. Bei den USA ist dies definitiv der Fall. Hat sich diese Nation doch vorgenommen, alles, aber auch wirklich alles zu wissen, was im Rest der Welt geredet, geschrieben, gefunkt, fotografiert und gesendet wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch irgendwann in tiefer Depression enden muss. Man wird in den USA feststellen, dass man ein irrsinniges Geld ausgegeben hat, um am Ende Eigentümer der größten Daten-Müllhalde aller Zeiten zu sein. Aus all dem Informationswust hilfreiches Wissen herauszufiltern, wird kaum noch möglich sein. Dass die NSA-Server in ein paar Jahren zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verursachen werden, bliebt als Ärgernis am Rande.

Es sei denn, es gelingt uns, den Amerikaner zu verklickern, wie lachhaft ihr wahnhaftes Datensammeln ist. Die Weltmacht holt sich ja oft nicht mehr Neuigkeiten, als sie aus der Zeitung oder bei einem Telefonat erfahren könnte. Unsere Politiker und Bosse sollten bei Anzapfverdacht nicht mehr zetern, sondern ihren Stolz bekunden, dass sie von der wunderbarsten aller Nationen als bedeutend wahrgenommen werden.

Sie und wir alle brauchen ein Bewusstsein, wie es  – besonders den unwichtigen – Promis eigen ist. Selbst bei sinnlosesten Verrichtungen werden sie von Paparazzis abgelichtet. Das nervt – aber es macht interessant. Und istinsofern gut für’s Geschäft.

Für die US-Daten-Halden sollte also gelten: Nur wer drin ist, zählt auch was. Und so verwandelt sich unser Wehklagen in eine klar Botschaft: LOS, NSA. ZAPF MICH AN!

Zum Abendbrot bei Dschihadistens

Niemand sollte behaupten, dass er in seinem Leben niemals richtig blöd gewesen wäre. Die uns Menschen gegebene Spanne von klug und edel bis zu saudumm und böse hat ab einem gewissen Alter jeder irgendwann mal ausgelotet. Wir sollten also tolerant sein. Doch gelegentlich stößt man an Grenzen.

Wie aktuell berichtet wird, steigt die Zahl junger Frauen, die in die Kampfgebiete Syriens fahren, um dort einen Kämpfer des Islamischen Staats zu heiraten. Das wirft Fragen auf: So kommt man ins Grübeln darüber, ob unsere Art zu leben wirklich so sinnentleert und unattraktiv ist, wie es zu sein scheint. Die jungen Frauen können hier shoppen, Eis essen, sich mit Gleichaltrigen treffen oder an einem Weiher in aller Seelenruhe Enten füttern. Sie können einen Beruf lernen und Geld verdienen. Stattdessen wollen sie in die Wüste. Dorthin, wo täglich Bomben fallen.

Gut, auch Spätpubertät verwirrt enorm. Aber stellen diese IS-Bräute das Denken komplett ein? Sie könnten sich doch zum Beispiel fragen, was das für ein Paradies sein soll, wenn die sicherste Eintrittskarte massenhafter Mord ist? Winkt da ein himmlischer Schlachthof, in dem gebenedeite  Ex-Kämpfer im Beisein ihrer Familien Ungläubige von der Wolke schießen dürfen?

Was beglückt junge Frauen an der Vorstellung, dass sie durch das gebärfreudige Ertragen auch der fahrlässigsten Penetration wenigstens zur Erstfrau und somit zum Menschen zweiter Klasse werden können? Wie muss man sich die Abendbrot-Gespräche bei Dschihadistens vorstellen?

So etwa? „Schatz, wie war dein Tag?“ „Ach normal. Fünf Ungläubige erschossen, drei enthauptet. Passt schon.“ „Ach, ich bin ja so stolz auf dich!“. „Schön, so lass’ uns dem Kalifen ein Kind zeugen.“ Und wenn der Kleine im Vorschulalter ist, schicken die Freunde ein Bobbycar. Daran kleben die Eltern Spielzeug-Dynamitstangen und Papa sagt: „So, mein Sohn, so wirst du später auf den Marktplatz fahren.“

Wenn man sich diesen Irrsinn zusammendenkt, erkennt man, dass man in eine Situation geraten ist, in der allenfalls eine sofortige Urschrei-Therapie noch hilft. Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht mal das.

Man kann sich ausmalen, wo der Hass herkommt. Aber wie kann er so groß sein? Darf man zugeben, dass man ratlos ist? Ja. Denn es gelingt mir nicht anders.

Unsere Helden: Loddar, Boris und die Ossis

Nein, dies ist kein Land für Helden. Anderswo werden Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den Himmel gehoben, ihnen werden Denkmäler gesetzt. Bei uns jedoch ist das anders: Mag einer noch so berühmt sein – wir nörgeln.

Nehmen wir Cristiano Ronaldo. Dieser Fußballer ist ganz gewiss überragend talentiert. Deshalb ist er auch zurecht Weltfußballer. Auf seiner Heimatinsel Madeira steht er als Bronzestatue vor einem nach ihm benannten Museum als Bronzestatue.

Auch wir hatten einen Weltfußballer. Das war vor 25 Jahren. Und er hieß, richtig: Lothar Matthäus. Wahre Freunde des Sports bekommen feuchte Augen, wenn sie an seine unglaubliche 1990-er WM-Gala gegen Jugoslawien zurückdenken. Aber nicht einmal in Nürnberg, das mit einer Büste einer renitenten Marktfrau gedenkt und seinen Flughafen nach einem Kunstmaler mit Jesus-Frisur namens Dürer benennt, kämen sie auf die Idee, ihrem „Loddar“ ein Monument zu errichten.

Nicht mal den „Glubb“ darf er trainieren. Und das nur wegen ein paar verkorkster Weibergeschichten mit zu jungen Frauen und einer Reihe von oettingeresken Interviews auf Englisch. Er war der Beste und gilt heute als Heini.

Ein Schicksal, das er mit einem anderen famosen Ballkünstler teilt, nämlich Boris Becker. Dieser hat, blutjung,  vor 30 Jahren die Becker-Rolle auf den Rasen von Wimbledon gezaubert. Viele Jahre lang fegte er jeden weg, der da stand und auf seine Bum-Bum-Aufschläge wartete. Und dann: Probleme mit Geld, Weibern und blöden Auftritten in blöden Fernsehshows. Auch er: Held im Ausland – Depp bei uns.

Der Heldenstatus gebührt aber noch einer großen, schwer verkannten Gruppe unserer Bevölkerung: den Ossis. Während wir im Westen nach der Wiedervereinigung vor 25 Jahren ein bisschen Soli bezahlen und ansonsten einfach weitermachen konnten, wurden den Ostdeutschen enorme Veränderungen abverlangt. Eine freie Wirtschaft ist ja nicht für jeden so schön, wie man denkt, wenn man sie nicht hat.

Eigentlich hätten auch sie ein Denkmal verdient. Dass sie uns als Angela Merkel und Joachimg Gauck umfassend regieren und repräsentieren, stimmt natürlich. Unterschätzt sind sie also auch. Einen Helden wie Ronaldo hingegen kann man gar nicht stark genug überschätzen. Vielleicht ist es das.

Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Angela Merkel kann die neue Queen werden

Ist Markus Söder auf einer Briefmarke denkbar? Eher nicht. Wir müssten an dieser Stelle festhalten, dass es unserem bayerischen Finanzminister hierfür (noch) an Bedeutung mangelt. Womit wir bei der englischen Königin wären. Queen Elizabeth ist II. unfassbar berühmt. Sie darf als erfolgreichstes Briefmarken-Model der Weltgeschichte angesehen werden.

Die Regentin prangt seit ihrer Krönung im Jahr 1952 auf Postwertzeichen im gesamten Commonwealth. Ihr Profil wird in Australien genauso auf Briefe geklebt wie in Kanada oder Hongkong. Zu den Legenden der Philatelie zählt die 1-Penny-Marke von Somlialand aus dem Jahr 1996. So groß ist der Vorsprung von Elizabeth, dass sie selbst Diktatoren mit hohem Abstand zum Rentenalter wie Nordkoreas Kim Jong Un kaum erreichen werden.

Und gerade an den Briefmarken sieht man, was eine Frau wirklich bedeutend macht: Eine zeitlose Frisur, die in jedem Alter gut aussieht. Der vor 63 Jahren amtierenden Palast-Stylist von Buckingham war in diesem Sinne kein Haarkünstler, sondern ein Seher. Seine Welle war und ist perfekt.

Deutsche sind in Sachen Briefmarken-Präsenz bescheiden. Nur Bundespräsident haben das Recht, ihr Konterfei in den Postverkehr einbringen zu lassen. Ansonsten gilt der vorherige Tod als Grundbedingung. Tatsächlich gab es im Jahr 1982 einen Block mit den Köpfen der bis dorthin amtierenden Staatsoberhäupter von Heuss bis Scheel. Dann endete diese Mode, was gerade heute schade ist, wo wir doch einen formatfüllenden Quadratschädel im Amt haben.

Welche deutschen Persönlichkeiten haben ihre Briefmarke zu Lebzeiten bekommen? Papst Benedikt musste sein. Schließlich hat er es als Deutscher zum Oberhaupt eines anderen Staates gebracht. Helmut Kohl durfte, nach anfänglichem Widerstand von CDU-Chefin Merkel – im Jahr 2012 als Ehrenbürger Europas auf die Briefe dieses Landes. Freigänger Uli Hoeneß stürmt auf einer Sonderbriefmarke von 1974 der Fußball-Weltmeisterschaft entgegen, die Weltstars Mario Basler, Mehmet Scholl und Thomas Strunz jubeln auf einer Bayern-München-Meisterschaftsmarke von 1997. Ein wichtiger Prominenter mit Briefmarke war schließlich Eisbär Knut aus dem Berliner Zoo.

Aber haben wir eine Frau mit einer ewigen Frisur? Ja, es gibt sie. Angela Merkel, liebevoll gestylt von Udo Walz. Unsere Bundeskanzlerin wäre für eine dauerhafte Briefmarken-Präsenz geeignet. Sie könnte die neue Queen werden, zumindest in der Eurozone. Bloß beeilen müsste sie sich, denn 63 weitere Jahre Amtszeit sind ein überaus ambitioniertes Ziel.

Ob Markus Söder doch den Anfang machen sollte…

 

 

Die CSU hat Muskeln – doch die sind puddingweich

Die CSU ist die erfolgreichste aller demokratischen Parteien. Zwischendrin brauchte man die FDP zum Regieren, aber gemessen an der Gesamt-Herrschaft in Bayern seit dem Zweiten Weltkrieg war das nur eine Frühstückspause. Fehler macht die CSU nicht. Und wenn, dann werden sie verziehen. Warum also ist man bei schwierigen Themen so zaghaft?

Schließlich hat man die Dinge normalerweise im Griff. Bei G7-Gipfel deeskalierte sogar das Wetter, indem es Demonstranten durchnässte. Statt  Wasserwerfer-Chaos bot man dem Rest der Welt eine zünftige Trachten-Show. Jeden hauptberuflichen Unterdrücker hätte diese Inszenierung begeistert. Auch weil sie so wirksam war. Hatten Oppositionspolitiker und Medien vor dem Treffen der Staatenlenker vorgerechnet, dass dieses einen dreistelligen Millionenbetrag kosten würde, war nach dem Weißbier-Lachen des US-Präsidenten davon überhaupt keine Rede mehr. Journalistinnen und Journalisten bejubelten lieber die Entscheidung, das Verfeuern von Kohle und Gas dann einzustellen, wenn es sie aus heutiger Sicht eh nicht mehr gibt.

Man sieht, es geht doch. Also müsste sich die CSU gar nicht auf halbseidene Themen verlegen. Tut sie aber: Das Betreuungsgeld wird höchstrichterlich überprüft. Und diese Maut? Jedem einigermaßen vernunftbegabten Menschen war klar, dass dieses Projekt ein Rohrkrepierer werden könnte. Doch im Wahlkampf ist es eben nie verkehrt, dass man denen da draußen (scheinbar) zeigt, das mia mia sind.

Stimmentechnisch hat das Ganze seinen Zweck erfüllt. Das Volk hat vertraut. Und doch beginnt hier die Enttäuschung über die CSU. Sie könnte doch, wie keine andere Partei, die Energiewende durchsetzen. Doch ihre Devise lautet: Strom Ja, Stromtrassen Nein. Wie kraftlos ist das?

Zumal der Verdacht, dass man Strom aus Nord- und Ostdeutschland ablehnt, weil man gemeinsam mit e.on die Atomkraftwerke wiederbeleben möchte, vom Tisch ist. Sonst hätte die CSU ein Atommüll-Zwischenlager an der Isar mit Freuden akzeptieren müssen. Stattdessen ertönen Wehklagen und Schimpfen.

Gerade nach dem G7-Gipfel war es naheliegend, der bayerischen Staatsregierung eine besonders knifflige Aufgabe zu übertragen. Die strotzte  vor Selbstvertrauen und Kraft. Tja, es stimmt: Die CSU zeigt gerne Muskeln. Bei der Trachten-Party sehen diese auch gut aus. Ihr Nachteil ist bloß: Wenn jemand dagegen drückt, vorzugsweise Wähler vom Land, werden sie schnell weich wie Pudding. Wenn das nicht mal die Wähler merken…

 

 

Der GrAusgang ist furchtbar. Ich mag die Griechen

Es ist ein Kreuz, mit diesem Grausgang, wie der Grexit auf Deutsch heißen müsste. Die großen Lenker der Euro-Währungsunion arbeiten offenbar darauf hin, die Griechen aus ihrem Club auszuschließen. Sie waren nicht brav, also müssen sie weg. Dann werden sie schon sehen, wie es ist, wenn die Rente in Drachmen ausgezahlt wird.

Ich finde das alles ganz schrecklich. Denn diese Misere zeigt, wie schöne Dinge wegen der durch die Ökonomie vorgegebenen Gleichmacherei kaputt gemacht werden. Als wir in den späten 70-er Jahren Griechenland entdeckt haben, hat uns doch gerade fasziniert, dass die Menschen auf den vielen Inseln so anders waren. War es in Italien üblich, dass Sonnenschirme gemietet werden mussten und dass zum Abendessen ein Gedeck mit einem Körbchen Brot zu bezahlen war, begegneten uns die Hellenen mit einer geradezu rührenden Gastfreundschaft. Keiner von uns hat sich dabei schlecht gefühlt. Obwohl wir aufgrund unserer Geschichte dazu allen Grund gehabt hätten.

Begeistert hat uns auch, dass diese Griechen Mut zur Langsamkeit hatten und sowieso anders und individueller waren als wir. Aber so war das wohl immer. Man muss nur daran denken, dass die Mythologie voller seltsamer Typen ist, gegen die unser legendäres weißes Einhorn wie ein niedlicher Stallhase wirkt.

Und dann diese Philosophen: Lagen besoffen in Tonnen herum, haben sich mit Knaben vergnügt und haben trotzdem in großen Reden die Welt erklärt. Wobei manche Aussagen gegen “die Institution” gerichtet gewesen wären. So sagte Aristoteles den reizvollen Satz: “Arbeit und Tugend schließen sich aus.” Demokrit ergänzte: “Das Glück wohnt nicht im Besitze und nicht im Golde, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.” Aristoteles wiederum wusste:” Denn überall nach dem Nutzen fragen, ziemt sich am wenigsten für hochsinnige und freie Männer.” “Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf”, ergänzte Sokrates.

Diogenes hätte wohl geraunzt: “Geh’ mir aus der Sonne, Merkel!”. Er hat in Herrn V. einen Nachfolger gefunden, während wir feststellen, dass uns zwar reichlich antike Weisheit gelehrt wurde, dass man unserer effektiven Arbeitsweise zuliebe wichtige Geistesblitze weggelassen. Also sage und verspreche ich feierlich: Liebe Griechen, ich mag Euch. Auch mit Drachmen. Und manchmal wäre ich gerne wie Ihr.

 

Kommunikation 4.0: Die vorgehaltene Hand

Was ist bloß los? Sind die alle krank? Haben sie Mundgeruch? Immer häufiger sehen wir Menschen, die beim Reden die Lippen abschirmen. Die vorgehaltene Hand ist der große Trend der nicht-virtuellen Kommunikation. Das muss auch sein. Denn es wird zugeguckt und abgehört wie nie zuvor.

Unser aller Bundestrainer Jogi Löw kann davon ein Lied singen. Während des Spiels gegen Gibraltar wurde er beobachtet, wie er sich die Fingernägel feilte. Was ihm als übelste Arroganz ausgelegt wurde – während er es später mit einem abgebrochenen Nagel begründete. Noch mehr jedoch  interessiert, was er während einer Begegnung so sagt. Dies wiederum erforschen Lippenleser, die vor Monitoren sitzend nach Hinweisen auf taktische Finessen spähen. Um sie dann auf die eigene Ersatzbank oder via Twitter dem Rest der Welt zu melden. Löw etwa wurde nachgewiesen, dass er nach einer verpasssten Großchance “Verdammte Scheiße” geflucht hat. Das muss man wissen.

Was hilft? Richtig, die vorgehaltene Hand. Vor allem in den Stadien der erfolgreichsten Fußball-Ligen ist sie zum Kommunikations-Standard geworden. Die dortigen besonders wichtigen Persönlichkeiten tuscheln fast ausschließlich. Denn es könnte ja ein Spiel komplett verändern, es könnte Millionen kosten, wenn bekannt würde, dass der spanische Star-Trainer zum Star-Spieler sagt: “Ramos, hau mal den Messi um”. Oder es drohten  wochenlange Schlagzeilen über Team-Konflikte, wenn herauskäme, dass der Stürmer zum Mitspieler sagt: “Gib doch mal ab, du Depp.”

Nun sind sich Fußballer bewusst, dass sie genauestens beobachtet werden. Bei uns galt das bis vor einiger Zeit nur für frühere DDR-Bürger. Da war klar, dass bestimmte Themen nicht zu laut und schon gar nicht am Telefon besprochen werden sollten. Aber bei uns, im freien Westen? Hier gilt  inzwischen: Man darf zwar sagen, was man will, aber im Zweifelsfall bekommt es irgendeiner mit. Und wenn wir vor dem PC sitzen, sollte klar sein, dass die Kamera laufen könnte, während wir in der Nase bohren.

Heute ist es Luxus, Geheimnisse zu haben. Um die zu bewahren, trifft man sich am besten zum Tuscheln auf einer Lichtung im Wald, während das Handy daheim im datentechnisch abgeschirmten Kühlschrank liegt. Dann ist man sicher. Oder? Die Tücken der menschlichen Kommunikation hat der römische Kaiser Marc Aurel so beschrieben: “Manche Leute verstehen unter Verschwiegenheit, dass sie die ihnen anvertrauten Geheimnisse nur hinter vorgehaltener Hand weitererzählen.”

Fazit also: Nur die Gedanken sind frei. Noch.

 

Alles neu, oder: Die Liebe der Veganer zur Wurst

Kennen Sie Ferran Adriá? Es handelt sich um den spanischen Koch, der vor gut 20 Jahren damit begonnen hat, Lebensmittel in ungewohnten bis verrückten Erscheinungsformen zu präsentieren. Seine so genannte Molekularküche hat Köche weltweit beeinflusst. Inzwischen hat die Kunst  des kulinarischen Sphärisierens die Luxuszone verlassen und den Markt der Normalsterblichen erreicht.

Zurzeit kommen zwei Zeiterscheinungen zusammen. Im Sommer wird gegrillt. Doch wir leben auch in einer Epoche des gewachsenen Ernährungsbewusstseins sowie der christlich-buddhistischen Sanftheit. Töten ist böse. Also werden wir Vegetarier. Oder noch mehr.

Wo es bisher den Aufruf zur vergnügten Nackensteak- und Sparerib-Party gegeben hat, kommt jetzt die Einladung zum “veganen Weißwurstfrühstück”. Das macht stutzig. Bedeutet das, dass man in dieser Runde die Würste nur anschauen, aber nicht essen darf. Oder sind diese Würste ohne tierisches Eiweiß gemacht? Und tatsächlich: Pflanzliche Grillwurst ist im Kommen, das entsprechende Soja-Produkt eines niedersächsischen Großschlächters hat gerade bei einem Geschmackstest gut abgeschnitten.

Bloß: Wozu die Mühe. Warum ist es für Veganer, die ja tierische Produkte ablehnend, eine Wurst verlockend? Weil unbearbeitetes Tofu wie Quallenrotz aussieht?

Man rätselt, und fragt sich, was passieren würde, wenn querdenkende Veganer und Vegetarier entdecken sollten, dass Fleischgenuss das Non-Plus-Ultra ist. Wird es dann das Wiener Schnitzel als Nachbildung einer Aubergine serviert, wird die Schweinshaxe vor dem Verkauf in einen Blumenkohl verwandelt? Glättet und färbt Ikea seine Kötbullar und legt sie als Tomaten an die Theke?

Niemand weiß das. Sicher ist bloß, dass wir, was das Essen angeht, noch viele Überraschungen erleben werden. Wissen heute die Kinder, dass Kühe lila sind, werden sie in zehn Jahren sehnsuchtsvoll in die Baumkronen schauen, weil sie dort Fischstäbchen vermuten. Wie Essen aussieht – das wird wurst. Ferran Adriá wäre glücklich. Ganz bestimmt.

 

G7: Die Welt dankt den Gebirgsindianern

Na gut. Vielleicht waren wir in Sachen G7-Gipfel allzu kritisch. Das Ganze kostet wahnsinnig viel Geld. Aber es lohnt sich. Denn es gibt prima Bilder.

Oberbayern musste sein. Denn wo sonst findet sich in Deutschland ein Landstrich, wo Menschen seltsame Gewänder anziehen und dabei auch noch stolz und vergnügt aussehen? Man nehme nur die kräftigen Mannsbilder, der im Angesicht des US-Präsidenten Obama ihren Gamsbart stramm nach oben recken. Winnetou ist tot – aber der Gebirgsindianer lebt. Komme wer wolle, it’s always Oktoberfest.

Die Mega-Super-Joker-Karte hat indes die Brauerei Karg gezogen. Ihr Wappen prangte auf dem Glas, mit dem der strahlende Allermächtigste den Fotografen zuproteste. Zwar war, wie man hörte, alkoholfreies Bier beziehungsweise garantiert unvergiftetes Gebräu eines amerikanischen Unternehmens in Obamas Trinkgefäß. Doch das wird das Management der Brauerei aus Murnau am Staffelsee leidlich egal sein, wenn es seine groß angelegte Werbekampagne durchzieht.

“Wir setzen uns für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol ein”, steht auf der Karg’schen Homepage. Womit wir definitiv beim Gipfel sind. Denn natürlich geht es hier um die Verantwortung für Renditen, Zinsen, Aktienkurse und um den Weltfrieden im Besonderen und im Allgemeinen. Ein Aspekt dabei ist der Klimawandel. Und auch in dieser Hinsicht ist Elmau gut gewählt. Denn unsere Staatenlenker werden später ihren Enkeln Fotos zeigen und sagen können: “Schaut mal, da war Schnee im Juni. Wenn wir energischer gehandelt hätten, gäb’s das heute noch.”

Überschätzen sollten wir die Gipfel-Akteure aber sowieso nicht. Diese geben ja vor, in Sachen Weltwirtschaft alles im Griff zu haben. Was natürlich kompletter Unsinn ist. China ist ja ökonomisch ziemlich erfolgreich, ist aber nicht vor Ort. Ein Kontinent wie Afrika fehlt komplett. Auch Südamerika ist außen vor. Vom russischen Bösewicht Wladimir P. aus M. ganz zu schweigen.

Und noch einen haben sie vergessen. Den Mann, der gerade die meisten Wolkenkratzer, die längsten Brücken und die größten Flughäfen der Welt bauen lässt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ja, er hätte den anderen erklärt, wie man im 21. Jahrhundert auch als unmittelbarer Nachbar von Griechenland den totalen Boom erzeugt. Aber gut, er konnte nicht, weil bei ihm zuhause gerade Wahl ist. So wichtig ist der Elmauer  Güpfel eben auch nicht…

PS/Nachtrag: Angesichts seines Wahlergebnisses hätte Erdogan auch wegfahren können