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Mai 20th, 2013

Eurovision Song Content: Der Zeitgeist ist barfuß

Ist es denn die Möglichkeit? Der deutsche Beitrag belegt beim “Eurovision Song Contest” wieder mal einen richtig schlechten Platz. Und schon heißt es wieder “Bääääähhh, keiner mag uns.” Oder es wird gemutmaßt, die Sängerin von “Cascada” sei als Angela Merkels Stellvertreterin auf Showbühnen bewertet und mit “zero points” von fast überall abgestraft worden. Ach bitte: Jetzt tut das doch nicht hochsterilisieren, wie ein großer Fußballer mal gesagt hat.

Man muss Folgendes anerkennen: Das Lied “Glorious” war Mist. Es wurde letztlich ausgewählt von einer öffentlich-rechtlich bestellten Fachjury, wie sie schon manches Desaster bewirkt hat. Hinzu kommt, dass das Thema “Blondinen in superkurzen Kleidchen” bei Weißrussland erheblich besser aufgehoben war. Zumal es rätselhaft bleibt, warum sich eine Frau für einen Auftritt vor einem hundertfachen Millionenpublikum ein Stück vom Küchenvorhang an den Po tackert. Sah nicht gut aus, wirklich nicht.

Der früher gerne beschworene Ostblockeffekt war es aber nicht. Zwar schnitt ein Schnulzensänger aus einer Diktatur mit Platz zwei ab, obwohl er sich singend auf ein Gefängnis aus Plexiglas stellte. Aber Dänemark ist nicht Aserbaidschan. Sein Sieg zeigt vielmehr, dass der Zeitgeist nicht glitzert, sondern barfuß und ungekämmt daherkommt. Das zeigte sich auch beim Lied der Niederlande. Da fielen im Text Vögel von den Dächern. Was man sich normalerweise nur wünscht, wenn Tauben mit Dünnpfiff am eigenen Haus nisten. Das zweite große Thema war, der Krise die Stirn zu bieten. Wenn Griechen in Hockeydamen-Röcken “Alkohol ist kostenlos” singen, dann ist das genial trotzig. Seht her, uns geht’s beschissen. Aber wir haben mehr Spaß als Ihr mit Eurer Mutti Merkel.

Warum ein rumänischer Dracula mit Kastratenstimme vier Mal so viele Punkte wie “Cascada” bekommen hat, muss man nicht verstehen. Vielleicht wegen der indirekten, marktwirtschaftlichen Botschaft: Zubeißen ist besser als jaulen. Und dieser seltsame Kinderarzt aus Malta…

Was soll’s: Nehmen wir den 21. Platz doch als gutes Signal für den gesamten Kontinent. Deutschland ist doch nicht unbesiegbar, es kann auch mal richtig eine aufs Dach kriegen. Lassen wir den anderen doch die Freude. Und wem dazu die innere Größe fehlt, weiß immerhin noch eines: Die Wahrheit ist auf’m Platz. Demnächst in Wembley.

Mai 19th, 2013

Lasst Euch hängen, aber baumelt nicht

Stürmisch war es, am Nachmittag des Pfingstsonntags 2013. Ganz so, wie in der Bibel prophezeit. “Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.”

Es kann also schon sein, dass uns, sofern wir nicht den ganzen Tag hinter Isolierglas verbracht haben, zwischen zwei Regenschauern und/oder Böen der Heilige Geist erreicht hat. Haben Sie`s gespürt? Ist er wie der Blitz hineingefahren, in Ihr Innerstes?

Wer, bitteschön, soll das wissen? Denn um es beurteilen zu können, müssten wir eine klare Ahnung davon haben, wo unsere Seele sitzt. Gleich neben dem Herzen, in Sichtweite der Milz, im Bauchnabel oder im rechten Fuß? Feministinnen vermuten, dass bei Männer im Kopf Platz sein müsste, da deren Gehirn ein ganzes Stück tiefer angesiedelt sei. Aber das ist übelste Polemik. Was die Seele angeht, steht nur eines fest. Wir wissen es nicht.

Zumal wir es unterschiedlich erleben. Nicht jedem und jeder ist es gegeben, auf einem Nagelbrett den Lotossitz einzunehmen, drei Minuten ruhig zu atmen und dann ein tiefgründiges Gespräch mit sich selbst zu führen. Viele andere sind super-gestresst und haben das Gefühl, dass die eigene Seele die Schnauze voll hatte und oben an der Decke schwirrt. Darauf wartend, dass sich ihr Wirtsleib wieder beruhigt.

Wichtig soll es jedenfalls sein, dass die Seele gelegentlich baumelt. Das behaupten die Experten. Für mich ein seltsames Bild. Baumeln verbinde ich nicht mit Wohlbefinden. Ich denke da eher an jemand, der an einem Baum hängt. Nicht schön, wenngleich dieser Baumler von allem weltlichen Leiden erlöst sein sollte.

Gefährlich ist diese Entspannungstechnik allemal. Denn was blüht uns, wenn uns der Heilige Geist wegen eines Windstoßes verfehlt und ungebremst am Jägerzaun hinter unserem mentalen Apfelbaum zerschellt? Wahrscheinlich sowas: “Bald aber nach der Trübsal derselben Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und Sterne werden vom Himmel fallen.”

Das wäre fatal. Für den Rest des Feiertags-Wochenende sollte für uns und unsere Seelen also Folgendes gelten: Lasst Euch hängen, aber baumelt nicht!

Mai 17th, 2013

Balanceakt mit dem vierten Grad

Glückwunsch: Der Bayerische Landtag hat die Neuzeit erreicht. In einer Epoche, in der Familienbeziehungen auseinander brechen, in der Patchwork-Familien mit letztlich völlig unübersichtlichen Beziehungen auf dem Vormarsch sind, hat das Landesparlament mit den Regeln der Beschäftigungsmöglichkeiten für seine Abgeordneten einen hoch modernen Pflock in den Boden gerammt. Vetternwirtschaft ist ab sofort verboten. Uns aber beschäftigt die Frage: Was in aller Welt ist ein Verwandter vierten Grades?

Im Normalfall hatten wir beim vierten Grad spontan an Verbrennungen gedacht. Aber man kann auch als Parlamentsabgeordneter verbrannt werden. Was zu vermeiden ist. Informieren wir uns also der Reihe nach. Verwandte ersten Grades sind die ganz direkten. Also Eltern und Kinder. Bruder und Schwester gelten als Verwandte zweiten Grades.

Das ist einfach. Doch Verwandtschaftsbeziehungen sind kompliziert. So sind die Geschwister der Eltern Verwandte dritten Grades. Der Onkel zweiten Grades ist der Cousin ersten Grades des Vaters oder der Mutter. Ehe- und Lebenspartner der Geschwister der Eltern sind im dritten Grad verschwägert. Ein Cousin oder Vetter ersten Grades ist das männliche, eine Cousine oder Base ersten Grades das weibliche Kind eines verwandten – also nicht nur angeheirateten – Onkels oder einer ebensolchen Tante. Mit Cousins und Cousinen ersten Grades ist man laut Bürgerlichem Gesetzbuch im vierten Grad verwandt. Und immer gilt es, aufzupassen: Verschwägert bleibt man mit anderen Menschen auch dann, wenn die Ehe, die die Verschwägerung ausgelöst hat, geschieden ist.

All dies müssen die bayerischen Abgeordneten erst einmal verstehen und dann auch noch beachten. Bedauernswerte Geschöpfe, die, wie bei komplizierten Gesetzen und Verordnungen gerne geseufzt wird, “mit einem Bein im Gefängnis stehen”. Aber wie ist es nun mit der Sorge, die neuen Regeln würden einem Berufsverbot gleichkommen? Jawohl, das stimmt.

Denn zu den Auffälligkeiten entlegener ländlicher Gebiete, etwa der Gebirgsregionen Oberbayerns oder der zahlreichen Gegenden mit Glaubensdaispora, gehört die weitgehende Namensgleichheit ihrer Bewohner. Hier ist es schwer bis unmöglich, eine(n) Nichtverwandte(n) oder einen Verwandten jenseits des fünften Grades zu finden, der nicht mit den eigenen Verwandten dritten Grades verschwägert ist.

Kann die ganze Aktion also wirklich gut gehen? Wir wissen es nicht. Aber wir sind froh, dass die strengen Verwandtschaftsregeln in anderen Branchen nicht gelten. Ein geschwächtes Parlament halten wir aus. Aber ein Wirtshaussterben wäre wirklich eine Katastrophe.

Mai 15th, 2013

Horst Seehofer und seine CSU 21

Eines muss man Horst Seehofer lassen: Wenn es um Machterhalt geht, arbeitet er ohne Rücksicht auf Verluste. Die berühmte Steigerungsformel Feind, Todfeind, Parteifreund stimmt bei ihm. Wer nichts mehr bringt, wird abserviert. Bis aus seiner Sicht alles wieder im Lot ist, werden noch einige Opfer Donau, Inn oder Main hinabschwimmen.

Oder auch die Pegnitz? Die Nürnberger Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl hat zurzeit ziemliche Probleme. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass sie mit einem Beratervertrag für die Schweizer Sarasin-Privatbank ähnlich viel Geld verdient wie für ihr Bundestagsmandat. Das ist schädlich, weil man in diesen schweren Zeiten für Steuersünder die Nähe zu Geldinstituten der Alpenrepublik meiden sollte. Da muss jemand die nächste Zeit höllisch aufpassen.

Wie dem auch sei: Dem CSU-Chef ist zu bestätigen, dass er aus der jüngeren Geschichte gelernt hat. Nämlich von Stuttgart 21. Wenn die Probleme zu groß werden, wenn sich gar zwei bis drei Prozent der Wähler/-innen abzuwenden drohen, holt man eine Persönlichkeit von früher, die als moralisch sauber gilt. Beim berüchtigten Bahnhof war es Heiner Geißler, bei der CSU ist es Theo Waigel. Ein Mann, dem man zutraut, jene Verhaltensregeln zu formulieren, die für anständige Politiker/-innen selbstverständlich sein sollten. Ich denke, das schafft er. Mich hätten sie aber genauso fragen können.

Oder Günther Beckstein. Man kann ihm vorwerfen, dass er in Sachen Innere Sicherheit eine mitunter extreme Nervensäge war. Andererseits konnte man ihn nicht einmal in seiner Zeit als bayerischer Kurzzeit-Sonnenkönig mit Raffgier-Vorwürfen in Verbindung bringen. Seine Ehefrau hat ihr Geld immer selbst verdient – und sogar das Oktoberfest-Dirndl verweigert.

Somit wäre er nicht der schlechteste Anstands-Sanierer für die CSU. Aber: Seine Leiche ist die Pegnitz schon hinabgeschwommen. Letztlich mit den Zielen Regnitz, Main, Rhein und Nordsee. Dort wird er wohl verschollen bleiben. Bayern ist nicht die hohe See. Hier meucheln sich die poilitischen Binnenschiffer. Wer am Ende übrig bleiben wird – außer dem Horst – wird sich noch zeigen…

Mai 12th, 2013

Das Unrecht lauert im Kaufhaus

Nein, diese Welt ist nicht gerecht. Diskriminierung ist überall! Diese Erfahrung machst du als Man spätestens dann, wenn die Haare ausfallen, der Bart grau und der Bauch größer wird. Wo? Zum Beispiel in jedem gut geführten Kaufhaus.

Du musst ja nur mal mit Karohemd und abgetragener Jeans in die Marken-Mode-Anzugs-Abteilung der entsprechenden Filialen gehen. Wenn du Glück hast, wirst du vom Verkäufer überhaupt bemerkt. Oder Mr. Schniegelmann gibt dir durch ein leichtes Naserümpfen zu verstehen, dass er Besseres zu tun hat, als ausgerechnet dich zu bedienen. So wird dir klar: Der taillierte Armani-Blazer ist nichts mehr für dich. Und du fragst gleich, wo es die Hawaii-Hemden gibt.

Plagt den Verfasser, also mich, gerade eine Midlife-Eisheiligen-Depression? Nein, gar nicht. Denn Konsumenten-Diskrimierung ist ein weit verbreitetes Phänomen. Wie Wissenschaftler des Lehrstuhls für “Valued Based Management” der Universität Augsburg herausgefunden haben, wird nahezu jede(r) dritte Konsument(in) in Deutschland beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen diskriminiert.

Die Forscher haben in ihrer Studie verschiedener Merkmale berücksichtigt, die Grundlage von Diskriminierung sein können. Nämlich Alter, Behinderung, Geschlecht, ethnische Herkunft, physisches Aussehen, ein ungepflegtes Äußeres, Religion, sexuelle Orientierung/Identität sowie den sozioökonomischen Status. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind die am häufigsten auftretenden Diskriminierungsmerkmale das Geschlecht (11,5 Prozent), das Alter (11,0 Prozent) sowie der sozioökonomische Status (9,2 Prozent). Und: Wenn du Deutscher bist, kommst du noch gut weg. Türkische Konsumenten/-innen klagten ganz überwiegend über Diskriminierung. 81 Prozent gaben dies in der Befragung zu Protokoll.

Wahrscheinlich ist es bei den Verkäufern im Einzelhandel so, wie früher bei den Schalterbeamten. Sie werden schlecht bezahlt und lassen das der Kundschaft auf ihre Weise spüren. Im Top-Fashion-Store eben durch ihren Stolz darauf, dass nur sie perfekt ins schöne Umfeld passen.

Man muss das entwender ertragen – oder ein anderes Geschäft besuchen. Wohin aber mit Haarausfall, grauem Bart und Bauch? Nein, das mittelständische Sanitätshaus muss es nicht gleich sein. Ich empfehle die nächstgelegene Filiale von Harley Davidson. Dort sehen alle Kunden so aus. Heavy Riders, wir sehen uns!

Mai 9th, 2013

Der kleine Luca und der böse Süden

Es ist schon richtig, dass sich in den Namen der Kinder die Sehnsüchte ihrer Eltern ausdrücken. Bei uns in Deutschland schien der Fluchtreflex zuletzt groß zu sein. Denn bei den neugeborenen Jungen lag der Name Luca vorne.

Klingt italienisch, zum Beispiel nach dem Fußballer Toni. Und das hatten wir ja schon einmal. In der DDR. Damals protestierten Menschen gegen das Eingemauertsein, indem sie Aufkleber der Zigarettenmarke “West” auf Trabi und Wartburg klebten. Aber ebenso dadurch, dass sie ihren Kindern südländische Vornamen geben. Auch heute noch weiß man einiges über die Herkunft, wenn man mit einem Silvio Schulze oder einem Rocco Neumann kennenlernt.

Allerdings: Ist das Land, in dem die Zitronen blühen, noch immer eine Verheißung? Das doch eher nicht. Man muss doch bloß daran denken, dass eine Partei namens AfD innerhalb kürzester Zeit 13.000 Mitglieder gewonnen hat. Nur, weil ihr Talkshow-Professor auf sämtlichen Fernsehsofas verkündet, dass es untragbar sei, den “Südstaaten” den Euro in die Hand zu geben. Am Mittelmeer lauert die Gefahr. Und es ist nicht der weiße Hai.

Nein, es sind die jungen Langzeitarbeitslosen und die schamlosen Reichen, die ihre Steuern nicht anständig bezahlen wollen. Ein Verhalten, das bei uns bekanntlich völlig unbekannt ist.

So fällt es schwer, den Siegeszug des kleinen Luca zu verstehen. Zumal es ein neues Sehnsuchtsland gibt, nämlich Deutschland. Nicht, weil der Wein so gut, das Essen so lecker, die Bademeister so latin und die Signoras so erotisch sind. Nein, weil Angela Merkel da ist und für Arbeit sorgt.

Deshalb kommen die Menschen zu uns, im Jahr 2012 alleine 184.000 aus Polen und 117.000 aus Rumänien. Und wie lauten dort inzwischen die beliebtesten Baby-Vornamen? Karl-Heinz, Gerhard oder Dietmar? Nichts von alledem: Die polnische Namensliste wird angeführt von Kamil, Jakub und Patryk, die rumänische von Kimi, Arian und Sam.

Verstehe einer die Osteuropäer.

Mai 7th, 2013

Was macht die Gsell, wie geht’s der Pauli?

Zu den allseits beliebten journalistischen Produkten zählt die Rubrik “Was macht eigentlich…..?”. Man erinnert damit an berühmte Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Man schreibt zum Beispiel darüber, dass der große Kriegstreiber Georg W. Bush heute Bilder von Hundebabys malt. Aber bleiben wir in Franken, und fragen: Was machen zwei große Heldinnen dieses Blogs, nämlich Tatjana Gsell und Gabriele Pauli?

Als ich kürzlich an Tatjana Gsell gedacht habe, war das vermutlich eine Vorahnung. Denn tatsächlich: Sie ist wieder da. Die einstmals teuerste Frau der Welt hat eine Hauptrolle in der quotenstarken RTL2-Serie “Promi-Frauentausch” bekommen. Sie präsentiert sich dort, wie es heißt, dank einer konsequenten Champagner-Botox-Diät völlig faltenfrei und mit einer Oberweite, die nach den Gesetzen der Schwerkraft den aufrechten Gang unmöglich macht. Aber gut, auch Hummeln können fliegen. Wie das Fernsehpublikum mittlerweile erfahren hat, lebt die berühmte Witwe heute mit zwei Männern in London. Wobei einer von beiden deutlich jünger ist und in der Wohnung Waschbären und Leguane hält. Das alles klingt nach ganz großem Drama.

Bei Gabriele Pauli ist die Sache anders gelagert. Sie hat, erstens, gerade den Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, erfolgreich auf eine persönliche Wahlkampfkostenerstattung von 4600 € verklagt. Sie hat, zweitens, ein Buch geschrieben. Es soll im Sommer 2013 erscheinen und neben autobiographischen Inhalten auch Vorschläge für eine moderne Politik enthalten.

Wir sollten es lesen. Klar, es stimmt, dass Gabriele Pauli nach ihrer nahezu im Alleingang betriebenen Demontage des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zeitweise allzu stark in die Welt der Modestrecken und der spirituellen Grenzerfahrungen abgedriftet ist. Die vormals schöne Landrätin wurde deshalb irgendwann als absurde Politikerin wahrgenommen.

Aber kann man es ihr verdenken? Sie hat sich ja mit dem am besten funktionierenden politischen Beziehungssystem überhaupt angelegt. Wenn man bloß überlegt, wie erfolglos sich die komplette Opposition in Bayern an der CSU abarbeitet, war doch klar, dass die Rache der Staatspartei fürchterlich sein würde. Zumal sich die feigeren (oder klügeren?) Mitstreiter nach dem Putsch eiligst in die Büsche geschlagen hatten. Der alte Edmund Stoiber wurde parteiintern rehablitiert. Er ist sogar als künftiger Präsident des FC Bayern München im Gespräch. Eine Funktion, die im Lederhosen-und-Laptop-System als papstgleich gelten darf.

Fassen wir zusammen, kommen wir zum Fazit. Wie in der “Zeit” zu lesen war, ist in unserer Gesellschaft der Platz von Uli Hoeneß für eine frühere Heldin frei geworden. Klare Wahl: Vergeben wir ihn an Gabriele Pauli. Vielleicht hilft es irgendwann doch noch was.

Mai 2nd, 2013

Die Gesellschaft der feinen Asozialen

Was sind Steuersünder wirklich? Fehlgeleitete Schafe, die man mit ausgebreiteten Armen liebevoll wieder in die Gemeinschaft aufnehmen sollte? Oder strunznormale Kriminelle, die den großen Vorteil haben, dass ihnen bei offiziell bekundeter Reue Straffreiheit winkt? Der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß zählt sich selbst ganz klar zur ersten Kategorie. Und klagt deshalb von der Titelseite der “Zeit”: “Ich gehöre nicht mehr dazu.”

Er sieht sich also als Ausgestoßener. Da aber täuscht er sich radikal. Hoeneß wurde durch seinen Steuerbetrug eben nicht aus der Gesellschaft hinauskatapultiert. Er war gar nicht drin.

Reiche, mächtige und berühmte Menschen kreieren sich ihre eigene Gesellschaft. Sie basteln sich ihr persönliches Umfeld, in dem die Regeln der großen Masse nicht gelten. Der Golfplatz ist kein Wirtshaus, die Schweizer Privatbank keine Kleinstadt-Sparkasse. Und der FC Bayern München ist, nun ja, sowieso von Lichtgestalten bevölkert und mithin nicht mehr erdgebunden, sondern Zentralgestirn einer von allen Zwängen befreiten Lederhosen-Galaxie.

Einer wie Uli Hoeneß macht keine Fehler. Sie werden mit ihm gemacht. Wenn er jetzt im Interview darauf hinweist, dass er zum krankhaften Zocker geworden war, dann hat nicht er Mist gebaut. Er wurde durch die Sucht, durch die äußeren Umstände dazu getrieben. Diese Problembeschreibung kennt jede betrogene Ehefrau.

Aber ist dieser Fußball- und Bratwurstpräsident mehr als die Spitze des Eisbergs? Das wiederum nicht. Dazu gibt es zu viele Abzocker. Nehmen wir nur die vielen Unternehmen, die Dumpinglöhne bezahlen. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in Europa. Mehr als jede/r Fünfte wird auf geringem Niveau entlohnt.

Wenn es für diese Menschen aber doch zum Leben reicht, dann durch das Aufstocken über Hartz IV. Das Geld hierfür kommt aus den Steuern und Sozialbeiträgen der Masse der Beschäftigten. Auch ein Uli Hoeneß lässt (selbstredend ausschließlich durch seinen Sohn) in seinem Familienbetrieb Niedriglöhne zahlen. Eine Bananenflanke von Ribéry ist zehntausend Mal mehr wert als eine sauber geschlachtete Sau.

Und so kommt es, dass feine bis feinste beziehungsweise wichtige bis wichtigste Persönlichkeiten unserer Wirtschaft in Wirklichkeit nichts anders als elende Schmarotzer sind, die sich ihren Profit über die Gemeinschaft sichern lassen. Der Bundespräsident liegt richtig, wenn er für die Abzocker das Wort “Asozial” verwendet. Gut für sie, dass es so viele fromme Schafe gibt.

April 30th, 2013

Brigitte und die “Teutsche Frau”

“Sie trägt ihr glattes Haar nach hinten gekämmt, die Wangenknochen sind mit Rouge betont, die Fingernägel braun lackiert. Das Sommerkleid hat sie mit olivgrünen Gummistiefeln kombiniert. Wir sehen die Angeklagte und fragen uns: Sieht so eine Mörderin aus? Alle im Gerichtssaal sind verstört über diese Frau. Hat sie deshalb so viel Böses getan, weil ihr Schrei nach Liebe nie gehört wurde?”

So könnte sie zu lesen sein, die Berichterstattung vom Prozess gegen die Nazi-Braut Beate Zschäpe. Denn unter den Medien, denen das Los einen Platz im NSU-Prozess beschert hat, ist die Frauenzeitschrift “Brigitte”. Klar, auch dieses Blatt bringt gute Texte, aber Mord und Terror ist dort nicht gerade nahe liegend. Wir sind also gespannt, wie das Geschehen verarbeitet wird. Wir rechnen mit psychologischem Tiefgang und mit einem Sonderheft, in dem das Thema “Frauen, Vorurteile und Gewalt” von verschiedenen Seiten beleuchtet werden wird.

Es hätte schlimmer kommen können. Nehmen wir bloß einmal an, dass das Los auf das Magazin “Die Teutsche Frau” gefallen wäre. Diese böte uns eine wunderbare Liebesgeschichte mit dem Titel “Die Glatze in meinem Bett”. Mit dem Psychotest “Finden mich Nazis sexy?”. Mit Kochrezepten zum Thema “Deutsches Essen für jede Gelegenheit”, mit der verzweifelten Schilderung einer Bulimiekranken “Wenn ich Weißkraut sehe, muss ich kotzen” und mit dem Diätplan “Rank und schlank mit Königsberger Klopsen”. Zur Abrundung gibt es die Tiergeschichte “Der Hunde-Führer: Bei mir macht Dackel Adolf Männchen”, die Fotostrecke “Stil-Ikone Eva Braun” und die Reisereportage “In Uniform auf dem Reichsparteitagsgelände”.

Dieser Kelch geht an uns vorüber. Gottseidank. Vielfältiger Ärger aber bleibt. Auch deshalb, weil man sich fragt, warum ausgerechnet die Bild-Zeitung Glück haben musste. Und nicht Zeit, Süddeutsche oder taz. Wie das bloß wieder geklappt hat. Zufall? Echt?

Wirklich glauben mögen wir das nicht. Also bitten wir: Das Oberlandesgericht möge gnädig sein und eine Simultan-Übertragung des Prozesses in einen Extra-Raum zulassen. Nur dann wird der Ärger vorbei sein. Dann ist uns sogar die Landlust willkommen.

April 28th, 2013

Wenn zwei das Gleiche tun…

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Ja, dieses Sprichwort ist abgedroschen. Aber es stimmt. Das erleben wir gerade am Beispiel der Affäre Hoeneß.

Zwar gibt es viele Stimmen, die nach Rücktritt rufen. Doch alles in allem ist die Reaktion auf seinen Steuerbetrug moderat. Weil Uli Hoeneß eine Reizfigur ist, die man trotz alledem nicht missen möchte. Er zählt zu den Oberhäuptern der einzigen weltumspannenden Religion, des Fußballs. Also ist mancher willens, dem kaiserlichen Steueroptimierer Franz Beckenbauer zu glauben, wenn dieser, wie auf Sky geschehen, dreist erklärt: “Na ja, der Uli. Der macht immer zehn Sachen gleichzeitig. Da hat er halt was vergessen.” Und so lernen Menschen, die in einem kompletten Arbeitsleben einen Bruchteil von dem verdienen, was der Bayern-Präsident an Zinsgewinnen einsackt, ein großes Wort aus der Welt der Justiz fehlerlos auszusprechen: UNSCHULDSVERMUTUNG!

Nehmen wir doch einmal an, Uli Hoeneß wäre ein unbeliebter Politiker. Bei der Klage gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geht es noch um ein paar hundert Euro. Aber weil die Bild-Zeitung die Jagd mit allem Nachdruck betrieben hat, wurde der blutleere Nicht-Kämpfer radikal zum Abschuss freigegeben. Was hätte ihm geblüht, wenn er einen Millionenbetrug begangen hätte. Lebenslänglich? Oder Vierteilung durch mit Ecstasy aufgeputschte Heidschnucken?

Andere Beispiele: Der zurecht vergessene Ex-Bundesverkehrsminister der Nachwendezeit, Günther Krause, stolperte darüber, dass seine Ehefrau eine Putzhilfe zu 70 Prozent aus Fördermitteln des Arbeitsamtes bezahlt hatte. Die Menschen fanden es gut. Dem FDP-Politiker Jürgen Möllemann machte im Jahr 1992 die so genannte “Briefbogen-Affäre” den Garaus. Mit dem Briefkopf des Bundesministeriums für Wirtschaft hatte er deutschen Handelsketten einen Chip empfohlen, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte. Ein solcher Chip wurde von der Firma eines seiner Verwandten vertrieben. Der Rücktritt wurde bejubelt.

Das war auch immer so, wenn gierige Manager in die Wüste geschickt wurden. Für den Ex-Vorstandschef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, hatte nach dessen Abgang wegen Steuerhinterziehung niemand mehr ein gutes Wort.

Volkes Sympathie macht jedenfalls den Unterschied. Als Bundesbildungsministerin Annette Schavan wegen einer teilweise abgeschriebenen Doktorarbeit den Hut nehmen musste, heulten nur einige Parteifreunde und das Volk nahm es eher gleichgültig auf. Dagegen wären dem dreisten CSU-Lügenbaron Karl Theodor zu Guttenberg vermutlich Hunderttausende gefolgt, wenn er dazu augerufen hätte, ihn per blutiger Revolution zurück ins Amt zu bringen.

Wie sehr ein entlarvter Gauner tatsächlich verachtet wird, hat also mehr mit dem persönlichen Image als mit dem Ausmaß seiner Tat zu tun. Verlassen kann man sich in dieser Situation wohl nur auf den Volksmund. Alsdenn, Sprichwort Nummer 2: “Bei großem Gewinn ist großer Betrug.” Stimmt.

April 22nd, 2013

Rettet die CSU-Politikerfrauen!

Angesichts der Steuerhinterziehung durch Uli Hoeneß, Fußballgott, ist für die Öffentlichkeit ein anderer großer bayerischer Skandal in den Hintergrund gedrängt worden: Es geht um das Schicksal von Frauen. Genauer gesagt, um das weitere Überleben der Frauen bedeutender CSU-Politiker.

Politischen Beobachtern ist seit langem klar, dass die CSU den Freistaat Bayern als ihr Eigentum betrachtet. Die meisten Wahlergebnisse der Vergangenheit haben – das sei der Partei zugestanden – diese Vermutung durchaus gestützt.
Was aber ist gerade los?

Alle Landtagsabgeordneten erhalten eine Pauschale, mit der sie Bürokräfte bezahlen können. Aber brauchen das Volksvertreter einer Partei, der aus Tradition sowieso sämtliche Ministerien treu und ergeben zuarbeiten? Also dachten sich alte Recken wie der Staatsminister für Unterricht und Kultus, Ludwig Spaenle und Fraktionsschef Georg Schmid, dass man dieses Geld doch auch in der Familien lassen könne. Man beschäftigt also, so wie das Oktoberfest-Wirte und Dönerbuden-Besitzer tun, die eigene Frau. Und entschädigt sie so nebenbei für die Entbehrungen an der Seite eines hauptberuflichen Weltenlenkers.

Jetzt ist diese besondere Form der Arbeitsbeschaffung herausgekommen. Und sofort gab CSU-Chef Horst Seehofer die Büro-Gattinnen zum Abschuss frei. Spaenle kündigte seiner Frau zum 1. Mai, Schmid schickte seine Angetraute mit sofortiger Wirkung zur Arbeitsagentur.

Als überzeugter Gewerkschafter finde ich das unerhört. Wo bleibt der Aufschrei meiner Organisation? Sind nicht sechs Wochen zum Quartalsende die Mindest-Kündigungsfrist? Ist die Politik ein rechtsfreier Raum, in der langjährige Mitarbeiterinnen einfach auf der Straße gesetzt werden, weil irgendein Oberboss den Daumen senkt? Wo bleibt die Vorbildfunktion für andere Arbeitgeber?

Nach allem, was ich weiß, gibt es betriebsbedingte Kündigungen. Was bedeutet, dass ein Arbeitgeber jemand auif die Straße setzt, weil er sich die Beschäftigung dieses/dieser Mitarbeiter/-in nicht mehr leisten kann. Diese Stelle muss nach der Entlassung frei bleiben.

Ein Abgeordneter ohne Büro ist aber undenkbar. Somit bleibt nur die außerordentliche, sprich fristlose Kündigung. Hier muss sofort auf ein eklatantes Fehlverhalten reagiert werden.

Aber was könnten diese Frauen getan haben? Haben sie Horst Seehofer beleidigt? Haben sie beharrlich die Arbeit verweigert oder haben sie eine Krankheit vorab angekündigt? (Und heut’ Abend hab’ ich Kopfweh?) Haben sie Menschen für blöd erklärt, weil diese immer noch CSU wählen? Haben Sie die Rede für das Kaninchenzüchter-Jubiläum geklaut? Waren sie pampig zu Lobbyisten?

Diese und viele andere Fragen stehen im Raum. Mindestens ein Grund muss zutreffen. Ansonsten werde ich mich auf allen Ebenen meiner Gewerkschaft für eine massivst-mögliche Kündigungsschutzklage einsetzen. Wie? Was? Frau S. wurde in einem Bayern-Trikot in der Schweiz gesehen? Na gut, dann hat er recht, der Horst. So etwas geht wirklich nicht mehr…

April 20th, 2013

Uli Hoeneß, der Dagobert vom anderen Stern

Es geht um ein “unvorstellbares Vermögen”. Die Nachricht ist aber sehr wohl vorstellbar. Uli Hoeneß, größter deutscher Fußballpräsident aller Zeiten, soll mehrere hundert Millionen Euro am Finanzamt vorbei in die Schweiz geschafft haben. Nun ist von Rücktritt die Rede. Was wiederum ziemlich unvorstellbar ist.

Man kann doch verstehen, dass dieser Mann im Geld nur so schwimmt. Schließlich steht er für zwei Produkte von Weltrang. Seine Mannschaft, der FC Bayern München, spielt gerade “Fußball vom anderen Stern”. Der Verein gilt als wirtschaftlich unvorstellbar gut gestellt. Wo sich andere Clubs wegen 20-jähriger Kurzpass-Götter in irrwitzige Schulden stürzen, zahlt ein Uli Hoeneß vom Festgeldkonto. 40 Millionen im Geldkoffer, mit einem kurzen Handschlag in einer VIP-Lounge überreicht? Kein Problem.

Auch sein zweites Projekt ist ein Welterfolg: die Rostbratwurst. Millionenfach verlässt sie die Hoeneß-Fabrik am Nürnberger Kanalhafen. Dank Bayern-Uli darf dieses in Schafsdarm gepresste Produkt als “Fast Food vom anderen Stern” bezeichnet werden. Eine ganze Stadt, ja eine Region profitiert von seiner Geschäftstüchtigkeit.

Ein Mann schenkt der Welt Tore und Wurst auf höchstem Niveau. Kann ein solcher Held tatsächlich in eine biedere Neid-Debatte verwickelt werden? Nein. Gerade die Fußballbranche kennt das nicht. Es ist das Spiel, für das auch arme Schlucker viel Geld übrig haben. Und dessen Hauptdarsteller bejubelt werden, selbst wenn sie noch mehr Geld verdienen als viele der für ihre Gier gescholtenen Manager.

Uli Hoeneß wird seinen Steuerskandal also überstehen. Wobei es zwei Möglichkeiten gibt. Entweder er bleibt Präsident des FC Bayern München, äußert in zahllosen Talkshows seine Reue und wird allenfalls von Franz Beckenbauer wegen seiner Selbstanzeige verhöhnt. Oder er kehrt Deutschland verbittert den Rücken und folgt seinem Geld in die Schweiz. Wo er den noch größeren Gauner, Fifa-Boss Sepp Blatter beerbt und dafür sorgt, dass die Fußball-WM 2028 auf den Cayman-Inseln stattfindet.

Stolz kann er schon jetzt sein. Er ist wieder mal ganz oben angekommen. Diesmal in der Champions League der Steuersünder.

April 15th, 2013

WIR ist nett – aber SIE gewinnt

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Wahlkampf wird’s. Also beginnt wieder das große Leiden der Parteien. Sie müssen plakattaugliche Sprüche erfinden, die zu ihrer Identität und zum Wahlprogramm passen. Slogans, mit denen eine massentaugliche Balance zwischen klug, blöd und nichtssagend gelingt. Die SPD probiert es mit “Das WIR entscheidet!”.

Es ist das Schicksal der großen sozialen Volkspartei, dass sie immerzu Gemeinschaft muss gebären. Nun wird gesagt, dass der neue Spruch bereits von einer bayerischen Zeitarbeitsfirma verwendet werde. Dumm gelaufen. Andererseits gelingt den Sozialdemokraten mit diesen Worten wieder eine engere Verbindung zu den Gewerkschaften. Ver.di zum Beispiel ehrt erfolgreiche Mitgliederwerber unter dem Motto “Mehr wir. Dank dir”. Der neue Slogan folgt zudem einer langen Tradition. 1949 warb die SPD mit “In der Eintracht liegt die Macht”, 1961 mit “Hand in Hand – gemeinsam geht es besser”. Peer Steinbrück und seine Helfer folgen also dem üblichen Repertoire.

Dabei schlummern in den Parteien ungeahnt kreative Kräfte. Vor allem an der Basis. So feuert die Junge Union Nürnberg gerade mit folgenden Worten auf den dortigen SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly: “Genug von MiniMalystischer Politik”. Das ist famose Sprachkunst, die freilich nur der Name des Rathauschefs möglich macht. Ein Name, der seinen Gegnern auch Ausbrüche von Pazifismus ermöglicht: “Keine Bratwürste für Maly-Einsatz”. Es ginge auch “SPD? MalyFitz” oder “Für eine Stadt ohne KaMalytäten”.

Doch die SPD könnte kontern. Der CSU-Kandidat heißt Sebastian Brehm und somit wie der Namenspatron von Nürnbergs traditionsreichstem Altenheim, dem Sebastiansspital. Warum also nicht den Slogan wagen: “Unser Rathaus ist kein Wastl”? Oder man holt zum Schlag gegen Finanzminister Markus Söder aus, welcher ja gerade dabei ist, den Wöhrder See in ein Bade- und Surfparadies verwandeln zu lassen. Man nehme ein Foto der dortigen grün-schleimigen Algenpest und verkünde: “Brehms Tierleben. Nicht mit uns!”. Und wenn es ganz hart kommt, zeigt man auf die Zukunft. “Wir lassen uns den Fortschritt nicht brehmsen. SPD”. Das haut rein.

Wozu diese Qualen, fragt man vielleicht bei den kleineren Parteien. Sie dürfen, was Peer Steinbrück nicht darf. Frech sein. Von den Grünen darf man durchaus einen neuen witzigen Slogan wie “Brüder durch Sonne zur Arbeit” erwarten. Und bei der FDP sind, seitdem sich Guido Westerwelle sein Wunschwahlergebnis an die Schuhsohlen genagelt hat, die Spaßvögel sowieso von der Leine. Die Linken dagegen stecken bei aller Suche nach Originalität ebenfalls in der linken Solidaritätsfalle.

Was aber macht die CDU im Bund? Sie, die Partei der unantastbaren, unschlagbaren, unverzichtbaren, unübertrefflichen Eurobewahrerin Angela Merkel? Sie wird Plakate weglassen, sie wird auf Sprüche und Versprechen ganz verzichten. Denn es gibt SIE. Und SIE weiß, dass jede klare Aussage ein falsches Wort zuviel sein kann. Deshalb wird man am Brandenburger Tor eine der Tschenstochauer Papststatue nachempfundene Merkel-Plexiglasskulptur aufstellen. Mit zirka 15 Metern Höhe.

Diese wird dann unter dem Motto “Macht Angie” von den örtlichen Laubsäge-Arbeitsgemeinschaften der Jungen Union in kaum geringerer Größe nachgebaut und sodann durch Städte und Dörfer gerollt. Und die Bild-Zeitung, allzeit treu auf der Schleimspur der Unbeschreiblichen, wird in großen Buchstaben vermelden: “Deutschland liegt Merkel zu Füßen”. So wird es sein. SIE gewinnt. WIR ist wurscht.

April 12th, 2013

Der Porsche als Glatzentröster

Er hat ein Ziel: Gib mich den Porsche!

Er hat ein Ziel: Gib mich den Porsche!

Ich bin geschockt. Eine Welt ist eingestürzt. Noch vor kurzer Zeit war Borussia Dortmund für mich der ehrlichste, erdigste, kernigste Verein der Fußball-Bundesliga. Nach Nürnberg und Schalke. Und nun dies: BVB-Trainer Jürgen Klopp hat sich per Eigenhaarverpflanzung aufhübschen lassen.

Vor, sagen wir, drei Jahrzehnten wäre das undenkbar gewesen. Männer mittleren Alters haben unter ihrem Haarverlust gelitten. Aber sie hatten gelernt, ihn zu ertragen. Vielleicht, weil sie in ihrer Jugend eine haarextreme Phase hinter sich hatten. Und weil bekannt war, dass Haarwasser dieser Zeit außer Gestank wenig bewirkt hat. Birken-Extrat machte ähnlich einsam wie sonst nur Mundgeruch. Zahnpasta half der Kopfhaut noch nie. Es gab kein Entrinnen.

Und der Kerl, erst recht der Verantwortliche für echten Männersport, hat sein heimliches Leiden irgendwann beendet. Geheimratsecken und Glatze waren eben da.

Aber heute? In einer Zeit, in der alles immer gegen Geld verfügbar ist und wo jede Alterserscheinung korrigiert werden kann, wird gegen die Wahrheit gearbeitet, wird kompensiert. Da fehlen einem Arien Robben die Haare für eine Eigentransplantation. Er holt sich die Jugend zurück, indem er Trikots in Kindergrößen trägt und wie damals bei Mami noch bei sechs Grad plus in roten Strumpfhosen spielt. Aber das ist Schicki-Micki-München.

Und wenn dieser Cristiano Ronaldo aussieht, als wäre sein Ermüdungsbecken ausschließlich mit warmer Eselsmilch gefüllt, dann ist das eben Luxus-Real Madrid. Die Mannschaft, in der der “Sechser” Khedira mit einem Germany’s Next Top Model um die Häuser zieht.

Aber Dortmund? Revier, Kohlenstaub, Arbeitslosigkeit, kürzlich eine ganze Zeitung zugesperrt. Da zählt Ehrlichkeit. Will dieser Jürgen Klopp am Ende so werden wie Silvio Berlusconi? Ein alter Mann mit faltenfreiem Wachspuppengesicht, dessen Frisur so aussieht, als wäre sie festgetackert und an jedem Morgen von zwei minderjährigen Sklavinnen zurechtgebügelt? Nein, das kann, das darf nicht sein.

Fragt sich bloß, was dieser Mann bei all seinen Erfolgen kompensieren muss. Für mich liegt das auf der Hand. Er leidet darunter, dass er immer noch Werbung für Opel machen muss.Ich fordere: Gebt dem wilden Jürgen einen Werbevertrag bei Porsche. Die Rallyestreifen gibt’s als Haarteile obendrauf. Dann wird alles gut. Und ehrlich.

April 9th, 2013

Unruhen? Wundern muss sich niemand

Revolution, Umsturz, Chaos: Böse Worte machen zurzeit in Europa die Runde. Vor allem in den südlichen Ländern der Eurozone steige die Gefahr von Unruhen, heißt es. Tja, warum eigentlich nicht?

Schließlich zeigt sich, dass für die Zukunft Europas ein wichtiges “Geschäftsmodell” fehlt. Nämlich für die Frage, wie die junge Generation sinnvoll beschäftigt werden kann. In Frankreich ist jede(r) Vierte zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos. In Italien jede(r) Dritte, in Spanien und Griechenland inzwischen mehr als jede(r) Zweite. “Null Bock” war im letzten Jahrtausend die Chiffre für eine Generation, die keine Lust hatte, die Zukunft nach Art ihrer Eltern und Großeltern zu gestalten. Heute steht dieser Begriff für das verkorkste Verhältnis von Staaten und Wirtschaft gegenüber jungen Leuten.

Warum eigentlich sollten die Betroffenen die derzeitige Lage akzeptieren? Warum sollten sich Menschen mit Hochschulabschluss damit abfinden, dass sie auf Arbeitssuche in ein anderes Land gehen, um dort eine lustige Pappmütze aufzusetzen und Hamburger in die Mikrowelle zu schieben? Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass man für die freie Stelle an einer Discounter-Kasse 800 Mitbewerber(innen) hat? Kann es wirklich trösten, dass zumindest das Wetter gut ist, wenn man sich bei Billigwein aus der Zwei-Liter-Flasche mit Freunden auf dem Marktplatz trifft? Weil das Geld für höherwertiges Vergnügen fehlt? Und wie ist das Wohngefühl eines Menschen, der mit 40 ein Jugendzimmer voller Spanplattenmöbel sein kleines Reich nennen darf?

In Deutschland ist die Jugendarbeitslosigkeit relativ gering. Aber auch hier ist eine “Generation Altersarmut” auf dem Weg. Eine schleichende Enteignung durch Mini-Lohnabschlüsse und winzige Habenzinsen finden seit Jahren statt.

Dafür sind die Banken und das ihnen anvertraute Kapital – bei uns wie anderswo – immer noch der überragende Maßstab. Aber: Für wen wollen diese Geldinstitute in Zukunft arbeiten? Erwarten sie 20 Prozent Umsatzrendite dank des Ersparten aus leeren Taschen?

Es wäre gut, wenn die Wirtschaft begriffe, dass sie sich selbst schadet, wenn sie die Jugend ignoriert. Und die Politik? Sie ist zum Wandel fähig. Aber erst dann, wenn akut der Machtverlust droht. Nun denn…