Störchin, fahr‘ zum Himmel!

„Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.“ So sah das im 18. Jahrhundert  der französische Philosoph Denis Diderot. Und tatsächlich haben wir allen Anlass, die Auswirkungen der Religionen kritisch zu betrachten. Doch muss der Himmel dafür ausgerechnet Leute wie Beatrix von Storch senden?

Unsere rechte Stimmenfängerin hat – vorgeblich besorgt – dem Islam den Kampf gesagt. Sie hat nichts dagegen, dass Muslime in ihren eigenen vier Wänden die Gebetsteppiche ausrollen. Sie dürfen dafür auch in Moscheen gehen. Allerdings sollten diese keine Minarette aufweisen. Allah im Keller – das ginge mit der AfD.  Aber „politisch“? Nein, das darf der Islam nicht sein.

Man fragt sich, ob die selbst ernannten Retter des christlichen Abendlandes ihre eigene Religion kennen. Wenn der Papst auf Lesbos die vielen ertrunkenen Flüchtlinge beklagt und mehr Barmherzigkeit einfordert, ist das eine ausgesprochen politische Botschaft. Man hört Ähnliches jeden Sonntag in den Kirchen beider großer Konfessionen. Von Storch & Co. scheinen das nicht zu wissen. Lehnen sie also Pfarrer grundsätzlich als naive Gutmenschen ab? Oder meiden sie die Gotteshäuser,  weil diese oft mit mächtigen Herrschaftssymbolen namens Kirchturm versehen sind?

Sie reden viel, sie widersprechen sich, manchmal wird es absurd. Aber es ist eben das Problem, dass Glauben und Vernunft nur schlecht zusammengehen. Also akzeptieren wir, dass in den Kirchen Frieden und Gerechtigkeit gepredigt wird, dass die Realität draußen aber anders aussieht. Weihrauch macht besinnlich, aber offensichtlich auch vergesslich.

Vielleicht sendet der Himmel bewusst unterschiedliche Geschenke. Damit jeder das abbekommt, was er gerne mag. Wir kennen nicht die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Herrns. Doch besonders verkorkste Sendungen sollte er zurücknehmen – und sei es aus göttlicher Kulanz. Wir beten: „Allmächtiger, steh‘ uns bei. Lass‘ von Storch zum Himmel fahren. Für ewig und immerdar. Du als höheres Wesen kannst selbst diese Frau ertragen. Also lobpreisen wir Dich. Amen!“

 

Die neuen Tagelöhner sitzen am PC

Den 1. Mai wird es, als „Tag der Arbeit“ noch sehr lange geben. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns der einzige globale Feiertag genommen würde, welcher nicht von Staaten oder Kirchen ausgerufen worden ist. Was aber wird aus der Arbeit?

Der Druck auf arbeitende Menschen wird gewiss weiter steigen. Unsere Wirtschaft ist an Wachstumsraten, vor allem bei den Gewinnen gewöhnt. Bloß gab es in den vergangenen Jahren stets diese „moderaten“ Tarifabschlüsse. Heute ist die Inflation niedrig. Guthabenzinsen sind minimal, Kredite deutlich teurer. Also kaufen die Menschen zaghaft. Kurzum: Es rührt sich nichts.

Die Arbeitgeber reagieren mit jenen Methoden, die für sie naheliegend sind. Sie quetschen ihre Beschäftigten aus. Wenn der Umsatz stagniert, muss die Produktivität steigen. Stellen werden nicht mehr besetzt, die Arbeitsmenge bleibt mindestens gleich. Der Druck steigt und steigt. Nette Chefs bieten – immerhin – Yoga am Mittag oder bezahlen die Startplätze für Firmenläufe. Ganz so, als gehörte es zu den Pflichten der Beschäftigten, sich für das tägliche Hamsterrad fit zu halten.

Was aber, wenn das alles noch nicht für schöne Zahlen reicht? Auch dafür haben Arbeitgeber eine Lösung: Es gilt, Menschen so einzusetzen, als würden sie nach seriösen Regeln beschäftigt. Ansonsten behandelt man sie anders. Leiharbeit ermöglicht es, Mitarbeiter ohne Kündigungsschutz loszuwerden. Auch mit befristeten Verträgen bringt man jemand bequem in eine Abhängigkeit vom Chef. Wer aufmuckt, bleibt nicht. Werkverträge sind wirksame Werkzeuge, um den Wert von Arbeit nach unten zu definieren. Warum gemäß Tarif 12 Euro bezahlen, wenn es doch den Mindestlohn gibt?

Aber die vorläufige Krönung der Kostenminimierung ist das so genannte „Cloudworking“. Menschen bieten auf Internetplattformen ihre Fähigkeiten und ihre guten Ideen feil. Weil die Konkurrenz groß ist, halten sie die Preise niedrig. Arbeitgeber haben die freie Auswahl. Sie können die Billigsten unter den Besten herausfiltern und zuschlagen. Es gibt ein Honorar, um alle Nebenkosten müssen sich die zumeist gut ausgebildeten Cloudworker selbst kümmern.

Mag sein, dass der eine oder andere auf diese Weise reich und berühmt wird. Aber eigentlich erleben wir Ausbeutung im großen Stil. Das Internet spiegelt die Wirklichkeit, in diesem Fall das Dasein der Tagelöhner, die früher an bestimmten Straßenecken standen. In der Hoffnung, dass sie wenigstens an diesem Tag ein paar Kröten einnehmen.

Dieser brutale Kapitalismus ist widerlich. Wir sollten ihn bekämpfen. Sein Niedergang? Er hat ihn verdient.

Prämie für Elektroautos. Aber die Welt braucht Fahrräder

Wie schön. Unsere Bundesregierung kümmert sich, sie ist großzügig, macht Geschenke und hätschelt – unsere großen Konzerne. Das zeigt sich bei der nun geplanten Prämie für den Kauf von Elektroautos. 4000 Euro bekommt, wer sich auf diese Technologie einlässt. Und so das Gefühl erwirbt, die Welt ein Stück weit vor dem Klimawandel zu retten.

Das Streben nach einem guten Gewissen ist wohl das einzige Kaufargument. Denn ansonsten machen E-Autos wenig Sinn. Sie sind teuer. Die deutschen Hersteller fordern eine Art Einheitspreis. Einen BMW I3 gibt es ab 35.700 Euro, den Opel Ampera ab 38.000 Euro, den Mercedes B 250 E ab 39.600 Euro und den VW E Golf ab 36.730 Euro. Dafür bekommt man ein Fahrzeug, das im laufenden Betrieb genauso viel kostet wie ein Diesel oder Benziner.  Die Reichweite ist lausig. Wer zum Baden an die Adria fahren will, muss wenigstens zwei Stunden für’s mehrfache Auftanken einplanen. Unter einer halben Stunde gibt es kein Aufladen.

Und dann ist das noch die Null-Emissions-Lüge. Wer weiß, dass Strom auch aus Braunkohle gemacht wird und trotzdem klimaneutrales Fahren verspricht, steuert sehenden Auges in den nächsten Abgasskandal.

Kurzum, unseren famosen Autokonzernen ist es nicht gelungen, schlüssige und attraktive Produkte auf den Markt zu bringen. Doch diese werden hoch subventioniert, während an anderer Stelle – Bildung, Gesundheit, Sozialhilfe – die Schwarze Null regiert. Der Steuerzahler will es angeblich so, meinen die Treuhänder seines Geldes. Während die Automanager heimlich grinsen. Sie wissen schon jetzt, dass ihre Preise nach Abschluss des Prämienprogrammes sinken werden. Wetten wir auf zirka 4000 Euro.

Aber was wird aus unserem Planeten? Dem würde es am meisten helfen, wenn statt überteuerter Autos Elektrofahrräder gefördert würden. Auf kurzen Strecken kommt man fast genauso schnell zum Ziel, man spart sich die Parkplatzsuche und muss sich nicht mit anderen um eine Ladestation balgen. Bei 4000 Euro Prämie gäbe es sogar noch Payback für Schäuble.

Der Politik müsste das einleuchten. Aber sie rettet ja nicht die Welt.

 

 

 

Kälte, dicke Tropfen und giftiger Salat

Groß ist unser Leiden am Wetter. Es will und will nicht wärmer werden, das Auto springt schlecht an, auf dem Balkon werden die Blätter der Topfpflanzen braun. Alles ist furchtbar, weshalb wir nach Trost suchen. Und, klar, am schnellsten findet man ihn immer dort, wo alles noch schlimmer war. Zum Beispiel vor 30 Jahren, nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Die Verunsicherung war total. Ich selber war mit kleinen Kindern im Park unterwegs, als es zu regnen begann. Es waren nur einzelne Regentropfen, diese waren aber ganz besonders groß. Wir waren sicher, dass das mit Caesium oder Plutonium zu tun hatte. Frischer Salat galt als giftig und blieb in den Geschäften liegen.

War Jod als Nahrungsmittel-Ergänzung bis dahin nur in der Fernsehwerbung für Wellensittich-Futter propagiert worden, fanden Jod-Tabletten in den Apotheken reißenden Absatz. In den Mutter-Kind-Gruppen ging es nicht um wertvolles Spielzeug, sondern um Hilfen gegen die Angst. Selbst kleine Speckgrütel-Gemeinden schafften sich einen Geigerzähler an. Politiker bissen todesmutig in frische Feldfrüchte.

Wir diskutierten nicht mehr über Kalorien, sondern über Becquerel und Sievert. Der Begriff „Halbwertzeit“ ergänzte unseren Sprachgebrauch. Wir rechneten mit und waren sicher, dass uns diese Strahlung aus dem Osten auch nach unserer zwölften Wiedergeburt noch den Appetit auf frische Pilze verderben würde.

Vorbei. Gottseidank. Und wir können wieder über kleine Sorgen jammern. Heizöl ist gerade billig, und irgendwann muss diese Polarluft weggeweht sein. Die Lage ist schlecht. Aber alles wird gut.

Doch dann kommt da so ein Fernsehbeitrag. Demnach sind die Wildschweine im Bayerischen Wald auch heute noch verstrahlt. Puhhh! Ob Schwarzwild wiedergeboren wird, ist mir nicht bekannt. Aber bitte, lasst es wenigstens heute nicht mehr regnen…

Rente mit 70? Das heißt Schuften oder Schnitzel

„Wohlverdienter Ruhestand.“ In Abschiedsreden für Neu-Rentner hatten diese Worte immer einen freundlichen Klang. Jemand hatte 40 Jahre und mehr seine Arbeitskraft an seine Chefs verkauft. Und durfte sich nun darauf freuen, stinkfaul die Füße hochzulegen. Niemand musste sich für sein neues Dasein rechtfertigen oder gar schämen. Meine Herrschaften: Das ist vorbei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble möchte die Rente an die Lebenserwartung koppeln. Letztere aber steigt, weshalb es in Zukunft vor dem 70. Lebensjahr kaum etwas werden wird mit den ganztägigen Freibad-Besuchen. RoR – Ruhestand ohne Rollator – wird abgeschafft.

Verübeln kann man Schäuble seinen Vorschlag nur bedingt. Er muss die Sozialkassen am Leben halten. Allerdings ist er dabei vollständig im Denken eines Kapitalismus gefangen, welcher in nicht allzu ferner Zeit nur noch Geschichte sein wird. Dieser steht für die Idee, dass die Wirtschaft die Möglichkeit haben  muss, vorhandenes Humankapital umfassend zu nutzen. Also: Fremdsprachen im Kindergarten, Auslese unter Zehnjährigen, frühes Abitur, Turbostudium, ab dann Höchstleistung mit immer späterem Ende.

Aber was können wir dagegen tun? Anders wählen? Schwierig, denn die zurzeit erfolgreichste Protestpartei, die AfD, ist altmodisch bis auf die Knochen. Auch was den Kapitalismus angeht. Anders leben? Das schon eher. Ausdauersport, Nikotinverzicht und bewusste Ernährung bringen uns letztlich nicht mehr Altersfreuden, sondern halten uns nur länger im Beruf. Mehr genießen, aber dafür einen früheren Tod riskieren? Das ginge.

Wirklich gut wäre allerdings, wenn wir uns der alltäglichen Tretmühle verweigern würden. Wir könnten als – leichte Anfangsübung – damit beginnen, die für unseren Schutz gemachten Gesetze einzuhalten. Also Überstunden vermeiden, Ruhezeiten einhalten und Freizeit Freizeit sein lassen. Haben wir das geschafft, zünden wir Stufe zwei: Wir tun das, was uns gefällt. Wir einigen uns darauf, dass es in einer guten Gesellschaft nicht auf den größtmöglichen Profit, sondern auf das Wohlbefinden der Menschen ankommt. Seien wir vergnügt. Lassen wir Roboter schuften.

Schöne Vision. Indes: Bis dahin dauert es noch. SoS – Schuften oder Schnitzel? – lautet die Frage aktuell. So schwer ist die Antwort auch nicht…

Ein Hoch auf die Queen – aber erspart uns Helmut

Groß ist unsere Sehnsucht nach Weisheit. Wir verehren Menschen, die selbst im größten Chaos schmunzelnd auf die Welt schauen. Die ihr Ding durchziehen, als käme niemand jemals nach ihnen. Bestes Beispiel: Die Königin von England. Heute wird sie 90.

Queen Elizabeth II. ist die großartigste Handwerkerin des Regierens. So wie Klempner oder Fliesenleger dann am besten sind, wenn sie mit Bedacht Schritt für Schritt ihrer Arbeit ausführen und uns die Gewissheit geben, dass am Ende alles passt. Das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs regiert seit Februar 1952. Was immer seitdem die Welt bewegt hat, wie etwa Elvis Presley, der Mauerbau, das Tor von Wembley, der Flug zum Mond, das Ozonloch bis hin zur alles in allem unseligen Erfindung des Smartphones: Sie war da.

Diese Frau braucht keine Briefkastenfirmen in der Karibik. Sie ist Königin von Jamaika und Barbados. Nur missratene oder allzu eigenwillige Kinder oder Schwiegertöchter konnten sie in Krisen stürzen. Ansonsten ist sie außerordentlich beliebt. Sie läuft und läuft – so sympathisch wie ein Volkswagen vor dem Abgasskandal.

Wie schlimm steht es dagegen um uns! Der Verlust weiser Männer war zuletzt dramatisch. Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt oder Egon Bahr haben uns verlassen. Heiner Geißler oder Rita Süssmuth sind ruhig geworden, bei Altkanzler Gerhard Schröder wird man Weisheit nie vermuten.

Und nun droht Schlimmes: Helmut Kohl ist wieder da. Sein Treffen mit dem ungarischen Balkanabriegler Viktor Orbán hat ein unerklärlich großes Medienecho gefunden. Es gab ein Foto, wie es in jedem gut geführten Altenheim gemacht werden kann. Opa und Bub saßen nett zusammen, sie stellten sich hinter Angela Merkel, die sie zuvor kritisiert hatten. Schließlich gab es ein paar persönliche Weisheiten zu Europa, Flüchtlingen und zum Rest der Welt. Tatsächliche politische Relevanz? Nicht vorhanden.

Wir bitten und betteln: Bitte lasst Besuche beim alten Helmut nicht zur Mode nicht zu werden. Lieber ernennen wir Joachim Gauck zum Präsidenten auf Lebenzeit und setzen ihm eine Krone auf. Doch nichts übertrifft das Original. Deshalb: Happy Birthday, Majesty!

 

Der Fußball und die grenzenlose Gier

Aus der Geschichte kennt man den Begriff „Imperiale Überdehnung“. Dieser besagt, dass ein mächtiges Reich an seiner grenzenlosen Gier zugrunde gehen kann. Die alten Römer haben sich mit Eroberungen im Orient übernommen. Ein ähnliches Schicksal könnte dem Fußball drohen. Es wäre, wie Sportreporter gerne sagen, nicht unverdient.

Auf der Suche nach vermarktungsfähigen Spieltagen hat die Bundesliga den Montag entdeckt. Auch zum Wochenstart sollen die Fans und ihre bedauernswerten Angehörigen keine Ruhe finden. Ein Montagsspiel würde die unerhörte Lücke zwischen Champions League oder DFB-Pokal (dienstags/mittwochs), Europa League (donnerstags) sowie Bundesliga, Bundesliga und Bundesliga (Wochenende) schließen und weitere TV-Gelder in die Kassen spülen. Der Aspekt, dass auch Vormittage langweilig sein können, wir nicht näher verfolgt. Noch nicht.

Wie aber ist es möglich, dass die Nachfrage nach Fußball von Marketing-Experten als unendlich eingeschätzt werden kann? Weshalb gibt es massenhafte Verehrung so genannter Helden, die ihren Reichtum in Briefkastenfirmen in Panama verschieben oder bei einer nächtlichen Tour im Taxi ganz nebenbei 75.000 Euro verlieren? Warum stören uns Millionen-Gagen von Dax-Vorständen, nicht aber jene von gut trainierten jungen Leuten in kurzen Hosen?

Wahrscheinlich ist Fußball auch deshalb so populär, weil er die optimale Sportart für Bier und Chips ist. Bei einem durchschnittlichen Spiel sind 70 von 90 Minuten weitgehend ereignislos. Der Ball wird mehr oder weniger gezielt über den Platz getreten. Ab und zu fällt ein Kicker mit schmerzverzerrtem Gesicht um, wird sahneartiger Schaum auf den Rasen gesprüht oder beschimpft ein aufgeregter Typ einen anderen Mann, den sie „Vierter Offizieller“ nennen. Höhepunkt sind selten, man kann sie auch ruhig verpassen. Es gibt ja Zeitlupe, Superzeitlupe, Interviews, Analyse sowie Analyse der Analyse. Dazwischen kommt Bierwerbung, um an den eigentlichen Zweck des Geschehens zu erinnern.

Damit können andere Sportarten nicht mithalten. Handball ist zu aufregend für ruhige Sofasitzer, Eishockey und Bastketball sind zu schnell. Rugby ist als Männersport zu ehrlich. Beim Dressurreiten muss man auf die Feinheiten achten. Eigentlich bietet nur Skispringen ein vergleichbare Mischung aus Monotonie und Jubelstürmen.

Also, wird es noch ein bisschen dauern, bis die Fußball-Euphorie ihr Ende findet. Die nun geplanten Ausdehnung könnte allerdings der Beginn der Überdehnung werden. Wobei diese, bei näherem Hinsehen auch einen Vorteil hat: Die Zahl der Teilnehmer an Montags-Demos wird sinken. Na denn, dann spielt mal schön.

Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Es gibt ein Pack. Es kann auch reich sein.

Wie sind wir doch müde. Da ist diese Geschichte mit den Briefkastenfirmen in Panama bekannt geworden. Und? Wir haben ein zweites Talk-Show-Thema neben der Flüchtlingsfrage. Aber Empörung? Konsequenzen gar? Die überlassen wir den Isländern. Wir sagen: Das alles ist nicht schön. Aber wir haben es doch sowieso gewusst.

Richtig ist, dass wir uns nicht wundern müssen. Die Frage ist jedoch, ob uns durchwegs bewusst ist, wie sehr die große Masse der ehrlichen Menschen verarscht wird. Diese Gesellschaft entwickelt sich immer stärker nach dem Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“. Wer etwa ein Unternehmen erbt, zahlt – wenn überhaupt – prozentual deutlich weniger Steuern als ein abhängig Beschäftiger. Der junge Herr Schaeffler zählt so zu den reichsten, milliardenschweren Deutschen. Was kaum das Ergebnis seiner Lebensleistung sein kann.

Die konkreten Verhältnisse begegnen einem auch anders. Ich habe zwei Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht miterlebt. In einem Fall wurde ein Personalchef geschasst. Er klagte gegen diese Maßnahme, war dann aber zu einer gütlichen Einigung bereit. Die Gerichtssitzung bestand hauptsächlich darin, dass dessen Anwältin den Streitwert und damit ihre Gebühren nach oben getrieben hat.

Der Vertreter der Firma saß feixend dabei, widersprach in keinem Punkt, bedauerte allerdings, dass er als Angestellter nicht auch so schön abrechnen könne. Der Entlassene wiederum bekam knapp 14.000 Euro Lohnfortzahlung. Und für den Fall, dass er vor Ende seines Arbeitsvertrages auf eine neue Stelle wechseln würde, wurde ihm eine monatliche Abfindung von 10.000 Euro zugesagt – nach zweieinhalb Jahren im Unternehmen.

Im anderen Verfahren ging es darum, dass einem Bewachungsunternehmen ein Großauftrag entzogen wurde, was zu Entlassungen führte. Hier ging es um Menschen, die ein Dutzend oder mehr Jahre für die Firma gearbeitet hatten. Die Anwälte beider Seiten saßen zähnefletschend nebeneinander und feilschten darum ob nun 250 oder doch 2000 Euro Abfindung zu zahlen wären. Es blieb dreistellig.

Wir lernen also: Wer die Gnade der richtigen Geburt hatte oder zur rechten Zeit am rechten Ort war, schert sich einen Dreck um die Gesellschaft, in der er lebt. Ist er Unternehmer, verlangt er brauchbares Humankapital. Das Geld für gute Schulen oder Universitäten sollen andere auftreiben.

Das heißt: Es gibt ein Pack in dieser Gesellschaft. Es ist größer als man denkt. Und es kann auch reich sein…

 

 

 

Die Welt wird fett. Und wo ist das Problem?

Zu Hilfe: Die Welt wird fett. Wie eine aktuelle Studie ergeben hat, tragen 13 Prozent der erwachsenen Menschen deutlich zu viel Fett mit sich herum. Und dieser Anteil werde weiter steigen. Bis 2025 auf 20 Prozent. Fragt sich bloß: Ist das so ein großes Problem?

Die von internationalen Forscher mittels Daten von 19 Millionen Menschen aus 186 Ländern getroffenen Erkenntnisse haben schließlich eine sehr erfreuliche Kehrseite. Trotz eines stetigen Bevölkerungswachstum ist der Hunger in der Welt zurückgegangen. Vor 40 Jahren gab es noch zwei Mal so viele Untergewichtige wie Fettleibige. Die Not damals war, so darf man annehmen, insgesamt größer.

Natürlich: Es geht auch um Ausbeutung und um die Macht der Konzerne. Industriell erzeugte Lebens- und Genussmittel können in größeren Mengen zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. So landet reichlich geschmackloser Schrott auf den Tellern. Die westliche Industrie verfügt jedoch über ein großes Repertoire an Zusatzstoffen, die zumindest den Schein des Besonderen zu vermitteln mögen. Und die im Idealfall ein bisschen süchtig machen. Zudem darf davon ausgegangen werden, dass sich das Wissen um die Sinnlosigkeit des Rauchens weltweit verbreiten wird. Gut, wenn dann Ersatz-Genüsse da sind.

Zumal dicke Menschen viele Vorteile haben. Wer die Humorlosigkeit von Menschen an Fitnessgeräten die üblichen Atmosphäre bei Wein- oder Landbierverkostungen gegenüberstellt, wird seine bessere Wahl leicht treffen. Fettleibige Menschen schaffen mehr Werte. Vom Verkauf von Laufschuhen kann unsere Wirtschaft nicht leben. Frauenzeitschriften sind ohne Übergewicht schlicht undenkbar. Schließlich: Dicke sind friedlicher. Wer nicht durch die Luke passt, fährt keinen Panzer.

Aber die Lebenserwartung! Hier nähert sich unsere Betrachtung endgültig der Philosophie. Muss es zwingendes Ziel eines sterblichen Wesens sein, so alt wie möglich zu werden? Sterben wahre Helden nicht immer früher? So trauen wir der früh gestorbenen Rock-Legende Lenny Kilmister von Motörhead ohne Weiteres zu, dass er islamistischen Selbstmordattentätern sämtliche paradiesischen Jungfrauen wegschnappt. Welchen himmlischen Job stellen wir uns für Johannes Heesters vor?

Aus alldem ergibt sich ein Punktsieg für die Fettleibigkeit. Bei dem nur die Sorge einer apokalyptischen Katastrophe bleibt, bei der die vielen Milliarden Menschen so schwer geworden sind, dass die Erde so weit aus ihrer Umlaufbahn gedrückt wird, so dass uns ein ewiger Winter kollektiv erfrieren lässt. Aber solche Theorien existieren nur im unmittelbaren Umfeld vegan-marathonischer Sekten. Muss man nicht ernster nehmen als Weisheiten von Donald Trump. Alsdenn: Guten Appetit.