Helmut Kohl: Überhöhung ist gelogen

Der Tod ist der große Gleichmacher. Niemand entkommt ihm, ob er nun reich, mächtig oder berühmt sei. Aber auch im Tod sind nicht alle gleich.  Wie sich gerade am Ableben von Helmut Kohl zeigt.

Es ist richtig, dass die Medien umfangreich an das Leben und die Leistungen des früheren Bundeskanzlers erinnern. Helmut Kohl war eine herausragende politische Persönlichkeit der deutschen Geschichte, er hat bedeutende Ereignisse mitgestaltet. Es ist auch gut, einem Verstorbenen versöhnlich zu begegnen und ihm eher das Gute nachzusagen. Überhöhung jedoch ist gelogen.

Hätte ein Fremder in diesen Tagen bestimmte Zeitungen gelesen, er hätte den Eindruck bekommen, dass hier nicht ein früherer Regierungschef, sondern der Übervater der Republik gestorben sei. Ein Mann, ohne den dieses Land in die Orientierungslosigkeit abdriftet. Einer, ohne den es nicht weitergegangen ist und schon gar nicht weitergehen wird.

Das wissen wir besser. Weshalb die Diskussion um Staatsakte und private Trauerfeiern nervtötend ist. Wenn ein Leitender Angestellter stirbt, hat sein früherer Arbeitgeber, in diesem Fall das Volk, einen ideellen Anspruch darauf, dass es würdig in den Abschied eingebunden ist. Wenn aber seine Familie das nicht möchte, ist es eben so. Es ist zu respektieren, erst recht, wenn es auf Demut und Bescheidenheit beruht.

Bei Helmut Kohl ist das anders. Er selber hat entschieden, dass Deutschland für ihn zu klein und unbedeutend ist. Wenn schon Staatsakt, dann europäisch. Der Sarg wird nach Straßburg gebracht, im Europaparlament aufgestellt. Spitzenpolitiker befreundeter Staaten reden. Dann wird der Leichnam mit einem Hubschrauber der Bundespolizei nach Ludwigshafen geflogen. Ein Schiff bringt den Sarg auf dem Rhein nach Speyer, in dessen Dom eine Trauerfeier zelebriert wird. Der Aufwand für die Sicherheit wird erheblich sein.

Ist es pietätlos, zu fragen, wer das alles bezahlt? Normalerweise ja. Aber auch bei einem, der Steuerhinterzieher gedeckt hat?

Bei Trauerfeiern heißt es gerne: „Was einer ist, was einer war. Im Sterben wird es offenbar.“ So gesehen mag Helmut Kohl vieles gewesen sein. Aber ein Mann des Volkes? Das war er nicht.