Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

Gleich und Gleich: Die Tragödie für dumme Männer

“Gleich und Gleich gesellt sich gern,” Das war wieder mal eine Überschrift zum Drüberstolpern. Sollte damit der Homosexualisierung der Gesellschaft und somit der antiwestlichen Putin-Propaganda neuer Schub verliehen werden? Nein, so war es gar nicht. Es ging vielmehr darum, warum es Frauen bei der Wahl eines männlichen Partners schwerer haben als Männer auf Frauensuche.

Zu ergründen, warum sich Menschen oder nicht finden, gehört zu den klassischen Aufgaben der Psychologen und Soziologen. Es sagt ja einiges über unsere Gesellschaft aus, ob eine Katholikin Probleme mit den Eltern bekommt, wenn sie einen Protestanten anschleppt. Dieses sollte bei uns überwunden sein, während andere Glaubensfragen – Dortmunderin verliebt sich in Schalke-Fan – weniger lässig gesehen werden.

Aber das ist nicht die zentrale Frage. “Gleich und Gleich” bezieht sich auf das Bildungsniveau. Immer häufiger achten Menschen darauf, dass sie die großen Fragen des Daseins mit ihren Liebsten auf Augenhöhe bereden können. Wer “Bauer sucht Frau” spannend findet, kann niemand auf dem Sofa brauchen, der dauernd auf Arte zappt. Wer große Romane liest, braucht ein anderes Bücherregal als jemand, der sich die Welt von bild.de erklären lässt. Da reicht im Zweifelsfall ein Tablet-Ständer.

Spätestens jetzt erkennen wir: Die Partnerwahl wird vor allem für Frauen immer schwieriger. Wissen wir doch, dass gerade junge Frauen den Männern in Sachen Bildung inzwischen deutlich überlegen sind. Gelegentlich verdienen sie sogar mehr Geld. Und sie stehen seitens der Umwelt stärker unter Druck: Der Chefarzt, der seine Ehefrau für eine junge Krankenschwester vom Hof jagt, gilt manchem immer noch als toller Hecht. Die wenigsten Männer schämen sich für eine Hausfrau.

Ist andererseits eine Professorin denkbar, die ihren Bekannten auf dem Opernball stolz ihren sexy Bauarbeiter vorstellt? Nein, die Kombination aus berühmter Frau und dummem  Jüngling ist derzeit nur im Showgeschäft denkbar. Besser ist doch ein Mann, der etwas darstellt. Weil sonst die anderen lästern könnten.

Wir stellen also fest: Die Emanzipation ist weit gekommen. Aber ganz normal ist noch nicht alles…

Wir, die Weltmeister der Welt

Das hätten wir wohl nie gedacht: Deutschland ist international das Land mit dem besten Image. Es hat die USA auf den zweiten Platz verdrängt.

Hä? Der Weltmeister des Fußballs soll gleichzeitig Weltmeister der Herzen sein? Eigentlich erscheint das unmöglich. Aber andererseits: Bestimmt ist die Studie zu diesem Thema hoch wissenschaftlich. Sie kommt zudem von der Gesellschaft von Konsumforschung mit Standort Nürnberg. Also aus Franken, jener Region voller Menschen, die selbst nach dem dritten Landbier noch unbestechlich sind.

Doch gleich nach der Freude folgt die deutsche Spezialdisziplin, der nagende Zweifel. Wie etwa kann es möglich sein, dass die USA auf dem zweiten Platz landen? Eine Nation, die vom unbeliebtesten Friedensnobelpreisträger aller Zeiten regiert wird?  Ein Staat, der in verschiedenen Weltregionen als prägender Teil der Achse des Bösen gilt? Kann ein zuverlässiger Nachschub an gut gemachten Fernsehserien im Welt-Ranking wirklich so viele Pluspunkte bringen?

Zwangsläufig fragt man sich, wie da die Konkurrenz ausschaut. Und die ist nicht wirklich gut. Auf Platz drei folgt Großbritannien, der Staat, dem beinahe die Schotten davon gelaufen wären. Danach kommt das gerade recht verzagte Frankreich vor Kanada, Japan und dem gefürchteten Krisen-Stiefel Italiens.

Somit sollte klar sein, dass dieser Weltmeistertitel nicht Liebe sein kann, sondern bestenfalls Respekt. Und tatsächlich: Folgt man den Meinungsforschern, wird unser Land anderswo vor allem für seine “ehrliche und kompetente Regierung” bewundert. Der Merkel-Effekt funktioniert demnach inzwischen global. Regiere ohne spürbare Ecken und Kanten, wage den faulen Kompromiss, hätschle den konfliktscheuen Durchschnitt – und du wirst erwählt sein.

Na schön, wir nehmen unseren Hauptpreis gerne mit. Aber die Ergebnisse der GfK-Außenstellen Athen, Kabul und Bagdad wüssten wir doch noch gerne…

 

Mein Mauerfall: Showgirls tanzten zum Trabi-Korso

“Wie hast Du den Mauerfall erlebt?” Die große Frage dieser Tage will auch ich gerne beantworten: Der umjubelte Trabi-Korso von Berlin war in meinem Fall flankiert von schönen Frauen in kurzen Kleidern.

Wegen einer Hochzeitsfeier war ich Anfang November 1989 in Italien. Und dort laufen die Abende eben so: Erst kommt eine Fernseh-Show, die von zwei Frauen auf hohen Schuhen und einem altersgeilen Deppen moderiert wird. Dann laufen die Nachrichten, denen eine Show folgt, bei der Showgirls mit langen Beinen zwischen den Ansagen zweier geiler Deppen tanzen.

So irrsinnig hat mich der Mauerfall damals nicht berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil ein Drei-Minuten-Beitrag in italienischer Hochgeschwindigkeits-Sprache eine deutsche öffentlich-rechtliche Rundum-Informationsbestrahlung in keinster Weise ersetzen kann. Ich habe das für mich mit fränkischer Euphorie kommentiert, also etwa so: “Das ist im Großen und Ganzen eine ziemlich erfreuliche Entwicklung”. Sehr unangemessen, wäre aus heutiger Sicht festzustellen.

Vielleicht lag es auch daran, dass ich die DDR gut gekannt habe. Zwecks Verwandtschaftsbesuchen war ich schon als Kind immer wieder in Dresden. Als Tourist nimmst du eine Diktatur nicht so wahr. Ich kann mich gut an den speziellen DDR-Geruch aus Plaste und Elaste und Öl-Benzin-Gemisch-Abgas erinnern. Ich war fasziniert von den Oberleitungs-Bussen, habe darüber gestaunt, dass man in volkseigenen Straßenbahnen Fahrscheine auch ohne Bezahlung ziehen konnte.

Ich fand den Namen “Immergut” für Kondensmilch lustig, würde aber auch heute noch das Milcheis mit Schoko-Überzug als lecker bezeichnen. Meine ehrliche Bewunderung gilt dem Komponisten der Erkennungsmelodie für das Fernseh-Sandmännchen. Ihm ist ein echter Ohrwurm gelungen. Ich habe den Sportteil der Zeitung meiner Verwandten gelesen, und dabei überlegt, welcher Vereinsname der Witzigste sei. Bei uns um Eck war das kleine Stadion von “FC Tabak”, was schon absurd wirkte. Und würde es die DDR-Straßen heute noch geben, hätte www.schlaglochmelder.de vermutlich mehr Klicks als spiegel-online.

Da ich keine Dissidenten in der Familie hatte, habe ich den Unrechtsstaat nicht so unmittelbar erlebt. Mich hat es eher amüsiert, wie sich die Grenzbeamten bei Ein- und Ausreise aufgeblasen haben. Ich wusste aber auch, dass es besser war, das nicht zu zeigen. Mein Gerechtigkeitssinn wurde mehr durch die Erzählungen meiner Cousine verletzt. Sie hatte die beste Zeit ihres Berufslebens als Verkäuferin im Delikat-Westwaren-Geschäft. Mit Hilfe der dort abgezweigten Dosenananas sicherte sie sich die besseren Schnitzel beim Metzger.

Lassen wir es bei diesen Erinnerungen. Der Mauerfall war ein wunderbares Ereignis. Aber ich finde auch: Ein bisschen mehr DDR – ohne Unrecht – hätte überleben dürfen. Darauf ein Glas Rotkäppchen-Sekt!

 

 

 

 

Aufgepasst, die Dicken sind eine Macht!

Es gehört zu den großen Lebenslügen dieser Gesellschaft, dass es sich bei dicken Menschen um eine Randgruppe handeln soll. Um bedauernswerte Menschen, die sich für ihren Zustand schämen und die alles tun würden, um wieder so begehrenswert zu sein wie die anderen. Tatsache ist: Die Vollschlanken sind nicht die Außenseiter, sie sind eine Macht.

Wie das Statistische Bundesamt meldet, sind 52 Prozent der Deutschen übergewichtig. Würden sie sich selbstbewusst mit ihren Problemzonen arrangieren und daraufhin eine eigene Partei gründen, die BfD, Bauchfett für Deutschland heißen könnte – nichts in diesem Land ginge mehr ohne sie. Die politische Betrachtung überflüssiger Pfunde würde sich komplett ändern. Die Dicken würden ein “Wir sind wir” entwickeln, wie man es ansonsten nur von der CSU kennt. Zumal sie wüssten, dass sie mit Sicherheit immer mehr werden.

Was aber kann diesen Trend – wenn überhaupt – aufhalten? Dazu müssen wir die Details der Statistik betrachten. So wuchten vor allem übergewichtige Männer die Fülligen in die Mehrheitszone. 62 Prozent der Kerle tragen zu viele Kilos mit sich herum. Dagegen gilt das nur für 43 Prozent der Frauen.

Diese wiederum stehen in ihrem Leben unter diätischem Dauerbeschuss. In jeder der 612 Frauenzeitschriften in Deutschland geht es in jeder Ausgabe um folgende Themen:  Mode, Sex, Psychologie, Horoskop und  Diättipps. Ob “Alles für die Frau”, “Frau aktuell”, “Echo der Frau”, “Bild der Frau”, “Frau im Trend”, “Neue Frau” oder “Journal für die Frau” – sie alle spulen immer und immer wieder dieses Programm ab. Und dies sorgt für ein schlechtes Gewissen. Schließlich ist ein schlanker Körper – mindestens nach den Maßstäben der Werbung – die eigentliche Grundlage für Mode, Sex, und, und, und…

Wie anders ist die Lage bei den Männern. Es gibt zwar 225 Do-it-yourself-Hefte, die Zahl der ausgesprochen Männermagazine kann aber überhaupt nicht mithalten. Zumal deren Reiz stark daraus besteht, Körper zu betrachten, die durch Ratschläge der Frauenzeitschriften wohl geformt wurden.

So kommen wir nicht weiter: Wir brauchen mehr Fachblätter für Männer mit figurbedingtem Verzweilungspotential. Sonst wird für die Mageren die Luft bald dünn. Die Riesen schlafen noch. Jedoch, wie lange noch?

 

Herr Gauck und die bösen Landesfürsten

Prinzipientreue ist gut, Meinungsfreude sowieso. Schwierig wird es, wenn sich zu diesen Eigenschaften Starrsinn mischt. So wie jetzt bei Bundespräsident Joachim Gauck.

Eigentlich mögen wir den ewigen Bürgerrechtler aus Rostock. Schon optisch ein Querschädel erster Güte, beschallt er uns mit dem Stichwort “Freiheit” bis an die Grenze zur Penetranz. Das ist gut so, denn zu viele Menschen sind – bezogen auf den Staat oder ihre Chefs – lieber Kälber als Kämpfer. Gauck sagt, wo Bedrohungen und Unrecht lauern. Und hat jetzt die mögliche künftige Landesregierung von Thüringen und den möglichen ersten Ministerpräsidenten der Linken, Bodo Ramelow, ausgemacht. Noch während die dortigen Parteien verhandeln oder -wie die SPD – ihre Mitglieder befragen, mahnt er: Finger weg!

Da fragen wir uns doch: Was wäre, wenn die Auswahl von Länder-Regierungschefs zu den Aufgaben des Bundespräsidenten gehörte? Horst Seehofer bekäme seine Probleme. Er verzichtet auf Prinzipien und wechselt ständig seine Meinung. Weshalb es uns nicht wundern würde, wenn die CSU im Einzelfall mehrheitsfähige Positionen der Linken übernehmen würde. Was ist mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg? Weg, aber schnell. Denn ein grüner Ministerpräsident ist auf lange Sicht der Tod der glorreichen Autoindustrie.

Volker Bouffier in Hessen? Kuschelt zwecks Machterhalt mit einem einstigen Schreckgespenst – einem Grünen mit arabisch klingendem Namen? Und Klaus Wowereit in Berlin? Er geht zwar demnächst in Pension, hat aber in seiner Karriere alle genommen, wenn es ihm geholfen hat. Sogar die ganz Roten.

Eine Leiche im Keller hat eigentlich jeder. Alsdenn: Dieses Land hat schon viel erlebt, überstanden und wird es noch ertragen. Ein Präsident in den Untiefen der Provinz hilft uns nicht. Starrsinn schon gar nicht.

 

 

 

 

König Horst, die Messer sind gewetzt

“Der König ist tot! Es lebe der König! Die Bedeutung dieses aus Frankreich überlieferten Ausrufs ist klar. Wir haben Respekt vor unserem Herrscher. Wenn er es aber nicht mehr bringt, wird er ausgetauscht  – und danach ganz schnell vergessen. Ein heißer Kandidat für solches Schicksal ist Horst Seehofer.

Das Phänomen der kurzen Erinnerung kennt der männliche Teil der Bevölkerung von den Fußballtrainern. Wer weiß heute noch, wo ein Erich Ribbeck wann gearbeitet hat? Auch ein Könige und Fürsten, die einst viele Seiten unserer Klatschmagazine gefüllt haben, sind ratzfatz abgehakt. Nur bei der englischen Queen läuft es anders. Sie befindet sich weit im Rentenalter, erledigt ihren Job jedoch sehr gut – und bleibt noch ein paar Jährchen.

Bei Horst Seehofer sieht das anders aus. Der bayerische Ministerpräsident, als dessen größte Erfolge die Historiker die Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die Herdprämie, und die Pkw-Maut nennen werden, steckt in Problemen. Er hat einige Alphatiere seiner Partei weggeräumt und  hat eh keine so große Lust auf die popelige Landespolitik. Verständlich, er ist ja schon 65 geworden.

Verständlich ist aber auch, dass potentielle Nachfolger ehrgeizig mit den Hufen scharren.  Was der alternde Silberrücken so beantwortet, dass er versucht, sie in ihrer Bedeutung klein zu halten. Um irgendwann selbst zu entscheiden, in wessen Hände er den Freistaat Bayern übergibt.

Bloß: Seehofer ist weder Papst noch Queen. Er ist Chef der CSU, einer sehr erfolgreichen, aber bei Bedarf auch gnadenlosen Partei. Ob Streibl, Stoiber oder Beckstein: Wer nicht mehr getaugt hat, wurde abserviert. Die eigene Nachfolge hat keiner selbst geregelt.

Die Messer sind wohl längst gewetzt. Denn: Ein/e Nachfolger/in muss sich bekannt machen können. Und 2018 ist nicht mehr so fern.

 

 

 

Böse Lokführer? Die Streik-Maut muss her!

Wir alle kennen das Phänomen der Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung.  So glauben viele Menschen, dass nachts in den Straßen ihrer Stadt massenhaft Kriminelle lauern. Fragt man dieselben Leute nach ihrem eigenen Wohnviertel, sagen sie, dass man sich in ihrer Gegend sicher fühlen kann. Die Statistik gibt ihnen recht. Womit wir bei Andrea Nahles wären.

Die Arbeitsministerin, erfolgreiche Vollstreckerin des epochalen, aber leider zu niedrigen Mindestlohns, hat sich des Themas  Streik angenommen. Mit einem Gesetz zur “Tarifeinheit” will sie insbesondere dafür sorgen, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften keine Arbeitskämpfe mehr anzetteln können, welche das halbe Land lahmlegen. Und weil jüngst viele Pendler und Geschäftsreisende wegen dieser GdL frierend auf Bahnsteigen herumgestanden sind, findet das ziemlich große Zustimmung.

Ziel der Ministerin ist es, “Tarifkollisionen” zu vermeiden, um “den Koalitions- und Tarifpluralismus in geordnete Bahnen zu lenken.” Ordnung als anzustrebende Eigenschaft wiederum ist zutiefst sozialdemokratisch.

Bloß: Braucht es ein neues Gesetz? Eben nicht. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Bedrohung der Gesellschaft durch Streiks vor allem eine gefühlte ist. Deutschland ist – trotz Piloten und Lokführern – in Sachen Streiktage ein ähnlich ruhiges Pflaster wie die Schweiz. Selbst die von uns als lieb und nett eingeschätzten Dänen legen deutlich häufiger die Arbeit nieder.

Die Politik folgt also der Stimmung im Land und will ein Problem lösen, das in Wahrheit keines ist. Aber das kennen wir.

Vielleicht wäre es ja ein guter Schritt, sinnlose Gesetzesvorhaben miteinander zu knüpfen, um deren Zahl zu senken. Etwa durch Einführung einer Streik-Maut. Renitente Arbeitnehmer müssten dann auf dem Weg zu ihrem Streik-Treffpunkt Wegezoll an die Industrie- und Handelskammern zahlen. Das würde überall gelten, außer bei Kundgebungen auf Autobahnen, vierspurigen Bundesstraßen und im Grenzgebiet zu Dänemark.

Jawohl, ein Gesetz zur Gesetzgebungsbündelung muss her. Denn sonst würden wir bemerken: Überflüssige Regelungswut ist keine gefühlte, sondern eine tatsächliche Bedrohung.

 

 

 

Vorsicht, Smartphones machen traurig

Es ist rätselhaft: Wenn wir uns die Krisen dieser Welt vor Augen führen, sollte es uns hier blendend gehen. Wir müssten beschwingt durch unser Leben laufen, andere dürften uns ausschließlich lächelnd erleben. Doch stattdessen wirken immer mehr Menschen, als wären sie mit ihrem Leben überfordert. Depression ist die Krankheit unserer Zeit.

Gut, da sind Lebenslügen, die man uns von interessierter Seite gerne unter die Nase reibt. Wir hätten Freizeit und Urlaub wie nie zuvor, die Flugzeuge, Züge und Kreuzfahrtschiffe seien übervoll. Da müssten wir doch glücklich sein. Fragt man bestimmte Unternehmer, werden sie sagen, dass unser Bruttosozialprodukt ein Wunder sei. Wo sich ihre Mitarbeiter doch nur widerwillig zwischen zwei Ferienreisen ein bisschen Zeit für die Firma nähmen. All die Faulenzer sollten doch mal an das Wirtschaftswunder denken. Mit den heutigen kraftlosen Arbeitnehmern wäre unser Aufstieg zum Exportweltmeister nie gelungen.

Vergessen wird dabei zum Beispiel: Der 50er-Jahre-Spruch “Samstags gehört Papi mir” war kein Slogan einer erfolglosen Nachkriegs-AfD. Darin spiegelte sich das damals übliche Leben. Papi war Ernährer der Familie, Mami war zuhause und kümmerte sich um Heim und Herd. Für die Firma gearbeitet wurde maximal 48 Stunden von einer Person, statt 55 bis 80 Stunden von zwei Personen. Sofern das Geld ohne Zusatzjob reicht.

Aber: Der Mammon macht sowieso nicht froh. Also muss es da noch etwas anderes geben, was uns die Seele eintrübt. Die heiße Spur liefert uns Professor Dr. Johannes Michalak. Der Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke hat gemeinsam mit einigen Kollegen in Kanada erforscht, wie sich unsere Art zu Gehen auf unser Denken auswirkt. Und tatsächlich: Wer mit hängenden Schultern herumschlurft, erinnert sich eher an negative Dinge. Wer fröhlich läuft, kann sich eher positive Dinge merken.

Sofern das stimmt, wundert uns nichts mehr. Denn das Herumschlurfen mit gesenktem Kopf ist die typische Fortbewegungsart des frühen 21. Jahrhunderts. Der moderne Mensch ist ja nicht einfach so unterwegs ist, sondern schaut immer wieder in sein Smartphone. In unserer Zeitnot dürfen wir ja nichts verpassen.Der aufrechte Gang wird zum Auslaufmodell, wir gucken nach unten, die schlechten Gedanken bleiben hängen.

Wir danken dem Professor, wir wissen um die Therapie. Das Handy ausschalten, Kopf nach oben, Brust raus, Pobacken zusammen. Und schon erkennen wir: Es gibt zwar Krisen. Aber noch mehr Spannendes und Schönes. Einen Test ist es wert.

 

 

Die Buß-Fahrt der Bayern zum Papst

Ach wunderbar! Welch Ehre! Der FC Bayern München wird am Mittwochvormittag von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. Die Vereins-PR und alle gierigen Abnehmer ihrer Produkte vermitteln uns das Bild einer harmonischen Begegnung, nach deren Ende man sich mit Handkuss und La-Ola-Welle verabschieden wird. Die Wahrheit jedoch ist eine andere. Beim Abstecher in den Vatikan handelt es sich um eine Buß-Fahrt mit kollektiver Beichte. Gründe gibt’s genug.

Die ehrliche Begeisterung des Heiligen Vaters für den mehrfachen argentinischen Meisters Atletico San Lorenzo de Almagro vermag nur schwer zu kaschieren, dass es an diesem Mittwoch zuvörderst um Seelenreinigung gehen wird. So ist der FC Bayern die zurzeit wohl härteste Inkarnation des vom Papst so heftig kritisierten Kapitalismus. Eine Geldmaschine in gestreiften Trikots, die es sich zum Prinzip gemacht hat, Konkurrenten kaputtzukaufen. “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Trainer, falsche Neun, Doppelsechs, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat” – das zehnte Gebot interessiert diese Bayern nicht.

Das Wirken ausgewählter Persönlichkeiten kommt hinzu. Ex-Präsident Uli Hoeneß hat der Gesellschaft viele Millionen Euro an Steuergeldern vorenthalten. Karl-Heinz Rummenige ist wegen einer nicht verzollten Uhr vorbestraft, Franck Ribery ist wegen, na ja, irgendwas mit einer Minderjährigen mit Schuld beladen. Und es gibt diese Lichtgestalt, die zwecks Steuerflucht ins Ausland gezogen ist und noch nie einen Sklaven in Katar gesehen hat.

Genug Stoff für eine tagfüllende Beichte. Doch all dies ist nichts gegen die Sache mit der falschen Neun. Es kann den argentinischen Papst nicht ruhen lassen, dass ein Götze die Siegesträume seiner Nation ausgelöscht hat. Er kann nicht hinnehmen, wie sehr Götzenverehrung in Deutschland normal geworden ist.

Wenn also nach der Audienz ein bislang unentdeckter Kreuzbandriss beim jungen Mario gemeldet wird, glauben wir es nicht: Er ist an die Abteilung Inquisition, Exorzismus und verwandte Randgebiete des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller überwiesen worden.

Dort wird man ihn reinigen und läutern, bis er ein Fräulein Engel heiratet, deren Namen annimmt und sich fortan beim Torjubel bekreuzigt. Ja, diese Papst-Audienz ist wichtig. Amen!