Armer Franziskus, Du bist ausgegrenzt

Weihnachten, das ist wieder die große Zeit für Pfarrer, Bischöfe und für den Papst. So ein bisschen Beten im Weihrauchduft, am besten garniert mit machtvollem Chorgesang und Segensformeln in lateinischer Sprache, bringt uns dem Herrn wenigstens für zwei, drei Tage näher. Christen-Pflicht erledigt. Wir fühlen uns wohl, weil wir zwischendrin mehr für den Glauben getan haben, als nur am Freitag das Schnitzel durch Fischfilet zu ersetzen.

Priester mögen wir in diesen Tagen. Vor allem fasziniert uns dieser Franziskus aus Rom. Einfach weil er so bescheiden ist. Anders als seine Vorgänger tut er nicht so, als könnte er zum Fest der Liebe in 140 Sprachen grüßen. Statussymbole sind ihm sowieso fremd. Er bekennt sich zur Armut und trägt immer dasselbe weiße Gewand, das komischerweise niemals Flecken bekommt. Bloß: Dieser Mann wird nicht verstanden. Er gehört nicht dazu.

Das hat gerade das Statistische Bundesamt belegt. Nach seinen Erkenntnissen ist rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland “sozial ausgegrenzt”. Und woran liegt das? Weil sie SPD wählen? Keineswegs. Sondern deshalb, so die Behörde, weil sie zu wenig Geld haben. Bei uns ist es eben noch immer so, dass derjenige, der arm ist, als Außenseiter gilt. Wer Konsum vermeiden muss, wird als sozial schwach bedauert. Wer darauf demonstrativ verzichtet, gilt als Kauz, der die Leistungsträger der Gesellschaft bestenfalls verstört.

Dabei würde es sich lohnen, näher hinzusehen. Findet die Integration in die Gesellschaft in Opernhäusern, Sterne-Restaurants oder auf Golfplätzen statt? Oder eher in einem stinknormalen Sportverein oder beim Plausch am Bratwurst-Stand? Spitzenkräfte sind manchmal ziemlich einsam, die Zäune um die Villen der wirklich Reichen sind besonders hoch.

Vielleicht hat der Mann aus Rom ja recht. Wo nicht zu viel Geld im Spiel ist, fallen Freundschaften leichter. Gut. Aber eines denken wir uns schon: Dieses famose Papst-Waschmittel ist ganz bestimmt nicht billig.

 

Pegida: Das Unbekannte nährt die Wut

“Pegida”, was soll das denn bitte? Stimmt, es fiele leicht, den Zulauf zu den Patriotischen Europäern als Ausdruck kollektiver Verwirrung abzutun. Tatsächlich ist es unerklärlich, warum ein mehrfach vorbestrafter Koch, der sich auf der Flucht vor der deutschen Justiz nach Südafrika abgesetzt hatte, nach seiner Rückkehr gegen kriminelle Ausländer hetzt. Er war ja selber einer. Taugt ausgerechnet er als Retter des Abendlandes? Bestimmt nicht.

Freudig stimmen wir allerdings der Analyse zu, dass der Zorn auf Muslime gerade in Dresden oder Sachsen absurd sei. Dort gebe es ja kaum Ausländer. Aber hier hakt es. Denn diese Argumentation würde bedeuten, dass eine Bedrohung durch den Islam dort besonders hoch sei, wo viele seiner Anhänger leben. Tatsächlich erlebt, wer Muslime kennt, dass es sich um ganz normale Menschen handelt. Es gibt Liebenswerte, Fröhliche, Nachdenkliche – aber auch Arschlöcher.

Normalität macht keine Angst. Gerade das Unbekannte ist es, das für dumme Parolen wie  “Keine Sharia in Europa” oder “Alibaba und die 40 Dealer. Ausweisung sofort” benutzt werden kann. Je diffuser die Bedrohung, desto größer sind offenbar die Sorgen.

Woran von interessierter Seite seit vielen Jahren gearbeitet wird. Mit Parolen wie “Das Boot ist voll” traktieren uns Parteien seit den 80-er Jahren. Anfang der 90-er wurde uns suggeriert, eine Flut von Kriegsflüchtlingen vom Balkan würde alle Sozialsysteme sprengen. Und das mutmaßlich nur vernunft- und faktengesteuerte Magazin “Der Spiegel” brachte im Frühjahr 2007 folgende Titelgeschichte: “Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung.”

Das Feindbild Ausländer wird seit langem gepflegt. Und dies trifft nun auf ein verbreitetes Unbehagen. Arbeitnehmer erleben zum Beispiel, dass sie keine geschätzten Mitarbeiter mehr sind, sondern Teil des Humankapitals. “Wir hatten nichts zu tun und haben ein bisschen geplauscht.” Wer traut sich das noch zu sagen, denken – oder gar zu machen? Zugleich erfahren viele Menschen, dass ihre wirtschaftliche Zukunft ungewisser wird. Auch das speist dieses Gefühl, dass sich die Politik nicht richtig um die große Masse kümmert, während Fremden geholfen wird, sobald sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind.

Und so bringt Pegida selbst mit absurd dummen Parolen auch so genannte Normalbürger auf die Straße. Harmlos macht das die Sache nicht. Denn Zukunftssorgen sind berechtigt. Bloß: Schuld daran sind nicht die Ausländer. Und die Islamisten schon gar nicht.

 

Am Sterbebett von “Wetten, dass…?”

Donnerwetter! Nürnberg schreibt Fernsehgeschichte. Eine der erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten hat sich hier verabschiedet. “Wetten, dass…?” ist nicht mehr.

Die gerne als “Lagerfeuer der Nation” bezeichnete ZDF-Show war auch in diesem Blog etliche Male eine Thema. Besonders heftig Anfang 2011, als Thomas Gottschalk seinen Abschied erklärte. Die Suche nach seinem Nachfolger zog sich wie Kaugummi. Niemand wollte wirklich. Klarer Favorit meiner Leser/-innen war Hape Kerkeling.

Man hatte den Eindruck, hier würde in Job mit garantiertem Scheitern vergeben. Ich habe zur Abschieds-Show von Thomas Gottschalk geschrieben: “Jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

Nicht absehbar war, dass der neue Moderator Markus Lanz derart unbegabt und überfordert sein würde. Das ganze Grauen seines Interviewstils zeigte sich im Gespräch mit dem seinerzeit schwer verunglückten Kandidaten Samuel Koch. Es ist eben nicht notwendig mit einem körperlich gehandicapten Menschen betont langsam zu reden oder sich mit extra-fürsorglicher Körpersprache zu ihm hinzusetzen. Und die Frage, ob sein Unfall eine “Sinnhaftigkeit” gehabt habe: Wahrscheinlich hat sie ein ZDF-Redakteur seinem Moderator aufgeschrieben. Aber wir blöd ist das? Welchen Sinn soll es bitteschön haben, wenn ein junger Mensch zum Krüppel wird?

Immerhin: Unser lokaler Stolz wurde genährt. Der fränkische Parkhauskletterer aus Büchenbach bot eine der spannendsten Fernseh-Wetten seit langer Zeit. Und Hollywood-Star Ben Stiller konnte “Christkindlesmarkt” nahezu akzentfrei aussprechen.

Das salbt unsere Nürnberger Seelen. Wir werden daran denken. An “Wetten, dass…?” bestimmt auch mal wieder. Wir waren ja am Sterbebett ganz nah.

 

ADAC: Wir sind Autopapst!

Bescheidenheit ist das Gebot der Stunde. Seit Papst Franziskus vorlebt, dass man andere Menschen auch dann überzeugen kann, wenn man im Mittelklasse-Autos vorfährt, schwindet der Reiz einstmals gängiger Statussymbole. Wer Erfolg haben will, macht in Demut. Diese Erkenntnis soll jetzt auf den ADAC ausstrahlen. Der reichste Automobilclub aller Zeiten macht sich klein und lieb.

Der Vergleich zur Kirche drängt sich sowieso auf. 19 Millionen Mitglieder sind eine Hausnummer, bei der nur die großen Glaubenskonzerne mithalten können. Selbst der FC Bayern München dürfte diese Zahl erst im nächsten Jahrzehnt erreichen. Zudem war der ADAC lange Zeit hoch ideologisch, indem er den Glauben an die allzeit paradiesisch freie Mobilität freier Bürger propagierte.

Wie einer Sekte gelang es ihm, die Menschen an sich zu binden. Mit Benzingutscheinen, kostenlosen Straßenkarten, Reisekostenrücktrittsversicherungen, Schutzbriefen mit Helikopter-Rückholgarantie, mit Reifentests und vielem mehr. Dieser Automobilclub war glaubwürdiger als der Papst. Seine Zeitschrift erreichte deutschlandweit die größte Auflage – und bot die meisten Inserate für Treppenlifte und Rollatoren.

Dann aber kamen die Skandale. Und jetzt? Wir rechnen damit, dass in der “Motorwelt” nur noch schadstoffarme Kleinwagen getestet werden. Gelbe Engel werden jede Reparatur mit einem Gebet beginnen. Stauberater werden nicht mehr auf Motorrädern, sondern auf windgetriebenen Bambus-Fahrrädern daherkommen.  Die Piloten am Norisring werden in Kettcars herumdüsen.

Fazit: Was Jorge Mario Bergoglio für den Vatikan, ist für den ADAC der neue Präsident August Markl. Und: Klingt sein  Name nicht wie dieses Städtchen am Inn? Ja, es stimmt: Großmannssucht und Geldgier waren gestern. Wir sind Autopapst!

Am Tag der Schande reden Ausländer deutsch

Generalsekretäre von Parteien geben uns immer wieder Rätsel auf. Äußerlich seriös, produzieren sie am laufenden Band Sätze, für die sich andere Menschen schämen würden. Vielleicht nehmen sie selbst keine Drogen, sicher aber dealen sie berufsmäßig mit üblem Sprachgift. Vor allem die CSU hat immer wieder solche Spezialbegabungen hervorgebracht. Markus Söder und Alexander Dobrindt waren welche. Und jetzt ist Andreas Scheuer am Ruder.

Der Mann aus Passau steht vor einer besonderen Herausforderung: Er muss seine Partei als Bewahrerin des Schönen, Guten, Gerechten sowie als Kriegerin gegen das Böse und Andere ins Rampenlicht stellen. Das aber fällt schwer, wo so unübersehbar ist, dass es in der CSU obskure Gestalten gibt. Ob das nun – im Kleinen – der Bürgermeister ist, der sich aus der Kasse der fränkischen Gemeinde Zapfendorf bedient. Oder – im Großen – die ehemalige Sozialministerin Christine Haderthauer, welche Sozialkompetenz vor allem in eigener Sache bewiesen hat.

Diese Figuren zuzudecken ist schwierig. Also haut Andreas Scheuer so richtig rein. Er nennt den neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow einen Top-Agenten der alten SED-Netzwerke und ruft anlässlich dessen freier und geheimer Wahl einen “Tag der Schande im wiedervereinigten Deutschland” aus. Doch damit nicht genug: Noch an diesem schlimmen Datum, wird bekannt, dass seine CSU fordern will, dass sich hier lebende Ausländer grundsätzlich auf Deutsch unterhalten sollen. In der Öffentlichkeit, aber auch zu Hause in der eigenen Familie. „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den Parteitag in Nürnberg Ende kommender Woche.

Tja, das bringt uns voran und bringt uns alle miteinander näher. Würde diese Idee nämlich zum Gesetz, müsste es auch überwacht werden. Es müsste hineingehorcht werden in die migrantischen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer.

Wer aber könnte das besser, als die Nachfahren der Stasi? Man wird sie vielleicht noch brauchen können. Ansonsten zeigt sich am “Tag der Schande”: Wer die CSU und Andreas Scheuer kennt, wird sich vor Bodo Ramelow kaum mehr richtig fürchten.

 

 

 

 

 

 

Das Wunder der schadstofflosen Autos

Die Zunft der Alchemisten galt den Menschen früherer Zeiten als reichlich dubios. Sagte man ihnen doch nach, dass sie unter Einsatz fragwürdiger Kräfte minderwertiges Metall in Gold verwandeln würden. Wunderbares aus dem Nichts zu zaubern, soll es in diesem Jahrtausend wieder geben. Nennen wir es Elektromobilität.

Die Selbstverständlichkeit, mit der ein Elektroauto in die Kategorie “Null Emissionen” eingestuft wird, ist so groß, dass die öffentliche Meinung wie ein Teil eines Hexenwerkes wirkt. Denn würde stimmen, was die Kanzlerin sagt, wäre ein uralter Menschentraum real in Erfüllung gegangen: Fortbewegung ohne Anstrengung und ohne Folgen für die Umwelt wären möglich geworden. Nicht, dass dieser Gedanke völlig neu wäre. Das Auffahren gen Himmel nach dem Tod gehört allerdings in die Abteilung “Glauben und Zweifeln”, das Beamen von Raumschiff zu Planet ist Science-Fiction.

Aber zurück zum Elektro-Auto. Um zuverlässig fahren zu können, benötigt es keinen Zapfhahn, wohl aber einen Stecker. Mit dessen Hilfe wird Strom übertragen, der, weil er unsichtbar, geruch- und geschmacklos ist, nach allgemeiner Einschätzung aus dem Nichts kommt. Tut er aber nicht. Manchmal wird er von einem stinkigen ostdeutschen Kohlekraftwerk geliefert, weshalb unser Ministerpräsident Horst Seehofer neue Stromleitungen aus seinem Bayernland heraushalten möchte.

An dieser Stelle erhebt der Elektroauto-Produzent entschieden Einspruch. Heutzutage werde doch der Strom nahezu komplett aus Wind und Sonne produziert. Aber: Entstehen beim Herstellen von Windrädern und Solarzellen keine Schadstoffe? Und ist die Rechnung so falsch, dass beim Produzieren eines Autos mit Metallkarosserie so viel klimaschädlicher Dreck erzeugt wird, dass es selbst Benzinern kaum möglich ist, beim Herumfahren während ihres Autolenens eine vergleichbare Schadstoffmenge zu erzeugen?

Es ist kompliziert. Weshalb wir alsbald verschärft eine ganz andere Botschaft bekommen dürften: Kohlendioxidfreien Strom gibt es nur aus dem Kernkraftwerk. Die Alchemisten der Atomindustrie gelten als besiegt. Ganz weg vom Fenster sind sie aber nicht.

 

Das vorgetäuschte Quötleins-Weinen

Oha, unsere Wirtschaft jault wieder auf. Denn die Frauenquote kommt. Die Politik will, dass die trauten Männerrunden in den Aufsichtsräten von etwas mehr als 100 börsennotierten Großunternehmender durch Frauen gesprengt werden. Das ist nicht nur ein Frontalangriff auf die letzten Refugien des Herrenwitzes. Nein, es drohe übelste Zwangswirtschaft, purer Geschlechtersozialismus, sozusagen.

Warum bloß diese Weinerlichkeit? Es geht gerade mal um 200 Jobs. Und an der Qualifikation kann es nicht scheitern. In Krisenzeiten sehen Aufsichtsräte sehr oft schlecht aus und entscheiden falsch. Warum sollte das nicht auch jeder Frau gelingen? Wenn der Begriff “Nieten in Nadelstreifen” zwecks Emanzipation um “Nieten in Nylonstrümpfen” ergänzt wird – bitteschön.

Die Frauen wiederum sollten daran denken: Wo das Licht noch nicht so hell ist, wo also die Sonne tief steht, werfen auch kleine Dinge lange Schatten. Darauf hofft die Wirtschaft insgeheim. Dass nämlich diese Quote, die in Wahrheit ein Quötlein ist, die weiblichen Beschäftigten beruhigt. Indem sie ihnen das Gefühl gibt, dass ihnen beim Verwirklichen ihrer Karrierewünsche auch dann geholfen wird, wenn sie ihre Eizellen nicht einfrieren wollen.

Man will ablenken vom allgemeinen Versagen der Wirtschaft. Bis hinunter in kleinste Unternehmen sind Chefs mit der biologischen Tatsache überfordert, dass Frauen Kinder bekommen können. Erst recht wirft es sie aus der Bahn, wenn diese auch noch frei entscheiden, wann das passieren soll.

Es gibt also kein echtes Problem, weshalb wir jetzt im Advent das Lied singen sollten: “Sah ein Chef ein Quötlein steh’n, Quötlein auf der Heid’n. War so zart und wunderschön. Bracht ihn nicht zum Leiden…”

 

 

Kontrolle macht das Leben unsüß

Egal, was da kommen mag: Wir haben alles unter Kontrolle. Vor allem uns selbst.

Der moderne Mensch ist ein Gefangener des so genannten Benchmarkings, also des Vergleichens mit ähnlichen Menschen oder Konkurrenten. Begonnen hat diese Zeiterscheinung in der Arbeitswelt. In manchen Unternehmen sind Controller, die Zahlen lesen und/oder interpretieren, inzwischen zahlreicher und mächtiger als jene Beschäftigten, die tatsächlich etwas produzieren. Die Frage, ob Tätigkeiten auf die richtigen Kostenstellen geschrieben sind, ist heute von überragender Bedeutung.

Das färbt ab. Deshalb wächst auch in jedem von uns die Angst, etwas Unvernünftiges oder zu wenig Vernüpftiges zu tun. Wir wollen gut, wir wollen besser sein als andere. Was wiederum nie so einfach wie heute war, haben wir doch Smartphones, die uns kontrollieren und uns zu Spitzenleistungen antreiben. Da gibt es eine Jogging-App, die es uns erlaubt, noch vor dem Duschen allen Freundinnen und Freunden mitzuteilen, dass wir gerade 6,8 Kilometer durch den Wald getrabt sind. Schrittzähler teilen uns jeden Abend mit, ob wir die von der Weltgesundheitsorganisation ermpfohlene Zahl von Schritten gegangen sind. Mit Hilfe der beliebten Sixpack-App verwandeln wir Bauchfett in Muskelstränge.

Bei alldem werden Daten über uns gesammelt. Und dafür gibt es Interessenten. So hat die Generali Lebensversicherung bekannt gegeben, dass sie Fitnessdaten ihrer Kunden abgreifen möchte. Der Konzern wolle, so die für die Masse der Naiven formulierte Begründung, seine Beitragszahler dabei unterstützen, sich selbst und aktiv um ihre Gesundheit zu kümmern. Wer eifrig rennt, springt und sich dehnt, soll mit Gutscheinen für Rei­sen und fürs Fitnessstudio belohnt werden. Im nächs­ten Schritt seien Rabatte bei den Versicherungsprämien möglich.

Oder auch nicht. Wir müssten doch bescheuert sein, unsere Daten ausgerechnet denen zu geben, die uns für möglichst viel Geld eine möglichst geringe Leistung bieten wollen. Lassen wir das – und vergessen wir nicht: Sinnloses, lustvoll getan, kann ungemein gesund sein. Einfach, weil Kontrollverlust auch mal Freude macht. Also, liebe Generali, sei leise und teste Dich selber. Deine Controller sind bereit.

Der Kapitalismus enteignet seine Jünger

Wir haben unsere Banken falsch verstanden. Dachten wir doch, die Geldinstitute würden arme Schlucker mit schwindsüchtigen Girokonten verhungern lassen, wenn sie bloß die vermögende Elite gut versorgen würden. Aber in Wahrheit ist es anders: Reichen Sparern droht der “Negativzins”.

Die Vorreiterin spielt die Skatbank im thüringischen Altenburg. Wer dort mehr als 500.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto angelegt hat, muss ab sofort ein Viertelprozent Strafzins zahlen. Branchenriesen wie Commerzbank oder Deutsche Bank wollen bald folgen.

Was ist da los? Wahrscheinlich erleben wir den Beginn einer verrückten Enteignungswelle. Man muss sich doch nur einmal überlegen, was passiert wäre, wenn der designierte linke thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow vor dieser Skatbank einen Negativzins gefordert hätte. Er wäre längst weg vom Fenster. Und wie viele Talk-Shows hat dieses Land schon über das Thema Vermögenssteuer erlebt? Nichts ist daraus geworden, eine von oben verordnete Verringerung von Reichtum wurde als ausgesprochen schädlich für Wachstum, Konsum, Export und was es sonst noch gibt entlarvt.

Scheinbar. Was nicht mal Rot-Grün geschafft hat, erledigen die Chef-Butler der Kapitalisten jetzt selber. Und mit welch schönem Begriff: Negativzins. Das klingt zwar nicht positiv, aber immerhin so, als gäbe es zum Geldverlust wenigstens einen Schnaps. Es liest sich, als würde Ursula von der Leyen das für sie ungehörige Wort “Rückzug” durch “Vorstoß in den rückwärtigen Sektor” ersetzen. Es gab ja auch schon Müllkippen, an deren Zaun das Schild “Entsorgungspark” geschraubt wurde. “Talentfrei” klingt auch netter als “untalentiert”.

Genießen wir also die Schönheit der Sprache – und nutzen wir sie bei Bedarf. Wenn uns die Bank den Kredit für’s neue Auto wegen unserer hohen Schulden ablehnt, weisen wir das zurück. Schließlich verfügen wir über ein nicht unerhebliches Negativvermögen – und sind allenfalls ein bisschen “unreich”.

Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.