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April 18th, 2014

Ehrt den Ohrwurm! Er hat es verdient

Das Äußere zählt nicht. Auf die inneren Werte kommt es an. Wir, die wir uns zum fortschrittlichen Teil dieser Gesellschaft zählen, sind uns da ganz sicher. Niemals würden wir angesichts eines hässlichen Individuums unsere Abscheu zugeben oder gar ausleben. Immer würden wir nach dem Schönen und Guten hinter der Fratze schauen. Gut so, aber es gibt Ausnahmen: zum Beispiel den Ohrwurm. Und das ist ungerecht.

Nein, es geht nicht um den deutschen Schlager, dessen Grad an Schönheit oder Hässlichkeit oft genug höchst umstritten ist. Sondern um den Geradeausflügler, dieses Insekt, das mit seiner chitingepanzerten Greifzange am Hintern aussieht, als hätte jemand Lakritz mit einem Skorpion gekreuzt.

Machen wir uns doch nichts vor: Wir finden diese Viecher widerlich. Und wenn uns fünf Ohrwürmer über den Weg laufen, interessiert uns allenfalls, welcher davon beim Drauftreten am lautesten knacken würde.

Doch halt, Füße weg! Denn der Europäische Ohrwurm (Forficula auricularia) ist ausgesprochen nett. So nett, dass Geschwister ihre Nahrung teilen, wenn ihre Mami gerade auf Tour ist. Herausgefunden haben das gerade Forscher der Gutenberg-Universität Mainz. Sie haben jungen Ohrwürmern gefärbte Blütenpollen hingeworfen – und zu ihrer eigenen Überraschung festgestellt, dass die Tierchen das Futter geteilt haben. Was ganz anders ist, als bei den als entzückend eingeschätzten Singvögeln. Da stirbt, wer den Schnabel nicht weit genug aufreißt. Was ja für menschliche Castingstars genauso gilt.

Ja, unsere Greifzangen-Umherschleifer haben ein geradezu rührendes Familienleben. Weibliche Ohrwürmer legen im Herbst durchschnittlich 40 bis 45 Eier und überwintern mit ihnen. Die Mütter passen auf die Eier auf, halten sie sauber, indem sie zum Beispiel Schimmel ablecken, und tragen sie im Nest hin und her. Die Geschwister wiederum mögen sich. Schließlich dieser Hinweis: Diese Tiere fressen Läuse – im Garten oder auf dem Balkon sind sie Nützlinge.

Seien wir also nett, machen wir uns klar, dass der Ohrwurm unser Freund oder gar Vorbild ist. Ein afrikanisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Wo Charakter ist, da ist Hässlichkeit Schönheit.“ So ist es. Punkt.

 

April 15th, 2014

Der Kunde ist Opfer. Teil 3: Die Stehlampe

Du sitzt also da, schaust irgendeine Fernsehshow und denkst an nichts. Wohnzimmer-Prärie vom Feinsten. Plötzlich aber: Ein lauter Knall, das Licht geht aus, Sicherung futsch. Es ist etwas passiert. Außerplanmäßig.

Aber kein Problem. Einfach zum Sicherungskasten, Hebelchen hoch, Glühbirne suchen und finden. Reinschrauben und – fertig? Schön wär’s, denn es die Schnur zum Ein- und Ausschalten unserer wunderbaren Jugendstillampe löst keinen Klick mehr aus. Und schon gar kein Licht. Mit mäßigem Talent suche ich nach dem Fehler. Ich ringe mit der (Birnen-)Fassung. Und scheitere doch. Ein Experte muss her. 30 Euro hat die Lampe gekostet, teurer sollte es nicht werden.

Den Fachmann meiner Wahl habe ich schnell ausgemacht. Bei uns um Eck hat ein Elektromeister ein Geschäft aufgemacht. Die Urkunde an der Wand verheißt Sachkunde, die wirre Dekoration und die gut bestückten Stahlregale passen zur schwierigen Aufgabe: Finde ein Ersatzteil für eine 90 Jahre alte Stehlampe.

Da stehe ich also und beschreibe dem Herren über Gleich- und Wechselstrom mein Problem. “Ja, ja, su a Kurzschluss gäihd schnell”, sagt er und gluckst grinsend. Habe ich etwas falsch gemacht, frage ich verunsichert. Der Elektromann beruhigt: “Na, obber suwos, su a Fassung, hobb iiech zuledsd in meiner Lehrzeid gsehgn. 1971, wiss’n?” Nein, weiß ich nicht, denn 1971 gehörte der Kauf von Lampen-Ersatzteilen noch nicht zu meinen Kernkompetenzen. Und? Gibt’s Hoffnung? “Naaa, bei mir ned. Su a Deil gibbds wohrscheinlich nimma.” Aha, aber Mokkatassen aus Nymphenburger Porzellan kannst du noch nach 600 Jahren nachbestellen, “Des is wos anders, Schauers, den Fernseher. Der is drei Johr ald, obba wenn där kabudd is, isser hie. Dass es kanne Ersadsdeile gibbd, is voll Absichd vo die Herschdeller. Verstängers?”

Gut, ich habe in meinem Leben schon so viel verstanden. Warum nicht auch dieses? Aber mitten hinein  in meine aufkeimende Fastenzeit-Depression kommt der gute Rat. “Gängers zum Lambnhändler. Där könnd suwos nu hohm.”

20 Minuten bis Geschäftsschluss bleiben noch. Wohlan, Geselle. Ich komme tatsächlich rechtzeitig an, will in die Einfahrt zum Kundenparkplatz einbiegen. Aber nix geht, eine Frau blockiert sie mit ihrem lindgrünen  Auto. Sie telefoniert. Also Wendemanöver und Kamikaze-Rückwartseinparkung.

Der Mann hinter dem Tresen empfängt mich freundlichst. “A scheene Lambn hamms do. Nenndmer Bänggerlampn, wissen’s des?” Es folgt die Problemschilderung und die Frage nach dem Ersatzteil. “Ja, suwas häddmer im Haus.” Ich lächle zufrieden. “Oba billich werd des ned.”

Wie? Wegen einer läppischen Birnenfassung mit Schnur? Nun folgt der desillusionierende Wortschwall des Experten: “Des fängd scho middm Schdegger oh. Wos Sie da hamm, is goor nimmer erlaubd. Dann hamm Sie a zweiboliches Kabel und die Medallbladdn is ned geerded. Mir braugn do unbedingd a dreiboliches Kabel. Im Momend is däi Lambn griminell.”

Und was kostet es? “Naja, die Arbeidssschdund lichd bei 43,58 Euro. Ohne Schdeuer. Und däi Lambn is ned einfach zu rebarieren.” Ich kalkuliere selbst und frage, ob 160 Euro herauskommen könnten. “Es könnd billicher werrn, denk iiech. Oder mehr kossdn. Je nachdem.”

Ich resigniere und sage, dass ich mir die Reparatur überlegen werde. Ich drehe mich zum Gehen – und höre die Stimme des Experten: “Wos iiech Sie nu frogn wolld: Is des Ihr Audo, do draussn in der Einfahrd?” Ich atme tief durch. Und denke an ein Fachbuch, das ich gestern beim Buchhändler gesehen habe. “Jeder kann zum Mörder werden”. Manchmal steht die Wahrheit ganz einfach im Regal.

April 13th, 2014

Der Kunde als Opfer (2): Scheibenwischer

Zwei berühmte Schutzpatrone haben mich bei meinem zweiten verkorksten Einkauf begleitet: Peter Ludolf und Bill Gates. Der eine, das Schrottplatz-Superhirn, das uns versprochen hat, in einem komplett chaotischem Lager auch das absurdeste Auto-Ersatzteil auf Anhieb zu finden. Der andere, der uns dank Computer eine schöne, neue, einfachere Welt versprochen hat und darüber zum reichsten Menschen der Welt geworden ist. Wie wir alle wissen, hat einer von beiden gelogen.

Wie alle Autofahrer wissen, gehören Scheibenwischerblätter zu den Verschleißteilen. So ein Gummi kann Wind, Wetter und dem Scheuern über schlampig abgekratzte Eisflächen nicht ewig trotzen. Unsere Fensterputzer sorgen dann nicht mehr für vollen Durchblick, sondern hinterlassen Schlieren. Die wiederum führen dazu, dass bei Gegenlicht die Gefahr von Unfällen steigt, deren Folgen auch der nette Mann von Carglass nicht mehr reparieren könnte. Also muss ausgetauscht werden.

Peter Ludolf hätte ich gefragt: “Scheibenwischerblätter, Honda Civic, Baujahr 2008.” Und er hätte geantwortet: “Reihe zwölf. Links. Ganz oben.” Mein Mechaniker, nennen wir ihn Wassili, ist zwar auch ein einfacher mittelständischer Autoschrauber. Doch er erklärte auf die Frage “Und die Scheibenwischer sind ausgetauscht?” dieses: “Nein, das war nicht möglich.” “Wie? Mechanik kaputt? Wirtschaftlicher Totalschaden an der Gesamt-Glasreinigungsanlage?” “Nein, dazu brauche ich den Fahrzeugschein. Wegen der Schlüsselnummer.”

Wilde Visionen schießen dir durch den Kopf. Wie du früher durch den Wald gestreift bist und mit den dort gesammelten Zweigen Wischerblätterhalter für deinen 2CV geschnitzt hast. Während in der Montessori-Bienengruppe deines Kindergartenkindes die erforderlichen Hartgummistreifen geschnitten wurden. Du fragst dich, wie es sein kann, dass Scheibenwischer gelegentlich auch beim Discounter verkauft werden. Fragt das Kassenpersonal dann nach dem Fahrzeugschein? Muss man zum Kauf von Pferdeabschwitzdecken den Stammbaum eines Ackergauls mitbringen? Gibt es die Sonderangebots-Kettensäge nur, wenn man ein Foto des todgeweihten Baumes vorlegt?

Bill Gates! Ich danke Dir für unseren Fortschritt. Und habe einen Traum: Ich möchte Dir das Gesicht mit Scheibenklar eincremen und es dann mit spröden Wischerblättern reinigen. Aber auf der allerhöchsten Stufe.

 

April 11th, 2014

Der Kunde ist Opfer. Teil 1: Der Toner

Achtung, hier beginnt eine Trilogie. Genauer gesagt, eine Kunden-Tragödie in drei Akten. Ich schreibe sie in der festen Erkenntnis, dass die Menschen in diesem Wirtschaftssystem verarscht werden. Aus Gründen der Authentizität sind fränkische Zitate unvermeidbar. Teil eins: Der Toner.

Ehrlich, ich war stolz auf meinen koreanischen Drucker. Ach was, Drucker. Ein Gerät mit Kopier- und Scanfunktion, eine vervielfältigende Wollmilchsau sozusagen. Und zu einem Preis, der noch vor fünf Jahren für einen Laserdrucker bestenfalls als schüchterne Anzahlung gereicht hätte. Irgendwas knapp unter 200 Euro. Ein allerfeinstes Geiz-Geil-Schnäppchen also. Das Gerät arbeitete gut. Aber dann: Blink, blink, der Toner ist leer. Wir wissen: Der Toner ist dem Drucker sein Akku. Also immer futsch, wenn du ihn dringend brauchst. Auf zur Ersatzbeschaffung.

Erste Station: Eine “Tinten-Tankstelle”. Der Verkäufer mustert den mitgebrachten Toner-Behälter und stellt die gnadenlose Frage: “Welcher Dübb iss’n Ihr Druggär?” Die angemessene Antwort “Meistens netter als ich gleich bin, du Hirni” verkneift man sich. Also Schulterzucken und der Hinweis an den Experten, dass der Firmenname draufstehe und dass es doch eine Seriennummer geben müsse. “Waddens. Ja, doh. Iich gebs amohl in mein Kombjuder ei.” Gefühlte zehn Minuten später die erlösende Botschaft: “Dou hammern. Obä, den mäimer beschdelln. Villeichd wär’s ja besser, wenn Sie dahamm noch amohl wecha dem Dübb nochschauerdn. Wall wissns, ma schdeggd ja ned drinn.”

Na gut, fragen wir die Konkurrenz. Zweites Geschäft, der Verkäufer ist sauber gekämmt, ein Scheitel, wie mit der Streitaxt gezogen. Er spricht hochdeutsch. “Grüß Gott, ich bräuchte einen Toner für einen S……. M 2070. Schwarz-weiß reicht.” Verkäufer: “Moment, ich geb’ das mal in meinen Computer ein. Ja, da ist er.” “Bin ich jetzt froh.” “Ja, aber den haben wir nicht im Sortiment.” “Wie? Jetzt?” “Den kriegen Sie bei uns nicht.” “Sie wollen mir also jetzt sagen, dass ich einen Toner, den ich ohne Problem von daheim aus bestellen könnte, bei Ihnen nicht kriege?” “Exakt.” “Sie verarschen mich.” “Nö.” “Sie wollen mich nicht als Kunden?” ” Na ja, das ist zu hart ausgedrückt.” “Sie meinen es ernst?” “Exakt.”

Die anschließende Google-Suche – zwecks Lieferzeiten-Vermeidung dringend angeraten – führt mich zu “flinken Printware-Profis” in meiner Nachbarschaft. Sensibilisiert durch meine Erfahrungen will ich erst mal wissen, ob der Toner vorrätig ist. Telefon wird abgehoben.  ”Trallitralla, Dings, Dings. Wos konni fiehr Sie duhn?” Kurze Problemschilderung. “Ja, den konn ich besorgn. Bis morgn middoch.” Und was kostet der? “44 Euro – und die Schdeuer  gäihd eggsdra.” “Wie? Hallo? Das ist fast teurer als der Drucker.”

“Ja und, wäi mahner nou Sie, dass unsere Kondserne ihr Geld verdienä? Immä iieber die Ersaddsdeile.Als Kosumend willmer a Schnäbbchen – dofür bezohld mer dann hinterher.” “Ja, aber 44 Euro?” “Des is wecherm Badend. Dou is a Badend-Schudds draaf.” “Aber Toner gibt’s seit Jahrzehnten.” “Dann schauers doch, wos heidzudooch alles baddendierd werd. Sie könna genauso goud die Badroner von Ihr’m Fülla baddendiern. Und wenn der La Rosch am Amaddsonas a Unkraud find, des gecha Durchfall hilfd, nou kummd a Schdembbl draaf midd der Aufschrifd ‘Erfundn von Farmaindschenör Wilhelm Dell’. Des machds hald erschd amohl deirer.” “Gibt’s keine Alternative?” “Ned werggli. Groud däi von Ihrer Firma sinn voll aggressiv, wos Badendverleddsungen ohgäid. Do sogn mir Finger wech.”

“Na gut, ich komme gleich vorbei.” “Na, besser ned. Wall, där Dohner is draußn im Lohcha. Den bringerd unsä Fohrer vorbei. Nou hammsn schneller.”

“Unser Fahrer” arbeitet für die DHL. Die Lieferung kostet 2,90, Endpreis 55,75 Euro. Handelt die Post jetzt auch mit Druckerbedarf? Egal, wenigstens war auf dem Transporter kein “Badend” drauf.


 

 

 

 

 

 

April 6th, 2014

Wenn das Show-Sofa zum Sarg wird

“Wetten, dass…?” ist nicht mehr. Ja, dieser Satz wird wahr. Die größte Show des deutschen Fernsehen wird Ende des Jahres von uns gegangen sein – nach langem Siechtum. Dieser Tod war absehbar.

Ich zitiere mich einfach selbst. Zum Abschieds-Auftritt von Thomas Gottschalk Ende 2012 habe ich geschrieben:

“Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch.

So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

So ist es gekommen. Der bedauernswerte Markus Lanz  erlebte seitdem von Show zu Show eine Echo, das von “einigermaßen vernichtende Kritik” über “ziemlich vernichtende Kritik” bis “völlig vernichtende Kritik” reichte. Noch ein paar Sendungen, und der Schrecken hat zumindest für ihn ein Ende.

Wir werden das Ende von “Wetten, dass…?” überleben. Ein Volk, das ohne Peter Frankenfeld und Rudi Carrell auskommt, wird auch ein Dasein ohne Samstags-Lanz durchstehen.

Wirklich Grund zum Heulen haben jedoch die Mitglieder eines eingetragenen Vereins, nämlich des VdDP mit Sitz in Herford/Nordrhein-Westfalen. Die Abkürzung steht für “Verband der Deutschen Polstermöbelindustrie”, einer Vereinigung, die vom ZDF-Showjuwel mehr profitiert haben dürfte, als die allermeisten Gaststars. Ging doch von “Wetten, dass…?” immer die Botschaft aus, dass unterhaltsame Gespräche immer dann entstehen, wenn Menschen nebeneinander auf einem Sofa sitzen. Nun wird die Couch aus dem Fernsehgeschehen verschwinden, das Volk blickt lieber auf unbequeme Holzpritschen in australischen Dschungelgebieten.

Das zauberhafte Sitzmöbel wird zum Grab, es taugt bestenfalls noch für’s Museum. Und unser VdDP muss mit seltsamen Botschaften dagegen halten. Seine neueste Pressemitteilung lautet so: “Die widersinnige Grenzwert-Ziehung bei Formaldehyd in Höhe von 0,01 ppm durch russische Gesundheitsbehörden lässt die Branchenverbände der Möbelindustrie in Deutschland und Russland zusammenrücken. Ein Ergebnis ist der geplante Aufbau einer gemeinsamen Zertifizierungsstelle für Möbel in Russland.” Wie traurig, dass wir das jetzt brauchen,

 

April 4th, 2014

Die lustigen Rentner sind unser Ruin

Ach, diese Rentner. Sie werden uns ruinieren. Sie sind unser Verderben. Wollen bezahltes Nichtstun schon mit 63. Obwohl der Zusammenbruch der Ökonomie droht. Widerliche Egoisten!

Erstmal: Die Debatte ist aufgeblasen. Wer mit 63 ohne Abschläge gehen will, muss ja 45 Jahre als Beitragszahler/-in gearbeitet haben. Daran dürfte der schnelle Abgang öfters scheitern. Aber das ist eine Randbemerkung.

Erstaunlicher ist die Verlogenheit unserer Wirtschaftsbosse. Vor ein paar Jahren wurde das Thema noch ganz anders gehandhabt. Ältere Beschäftigte wurden als Problem gesehen. Sie seien unflexibel, könnten dem technologischen Fortschritt nicht mehr folgen. Außerdem seien sie ständig wochenlang krank oder auf Reha. Und teurer seien die Alten sowieso.

„Jung und dynamisch“ war angesagt. Also wurde in vielen Firmen aufgeräumt. Die Generation Ü50 wurde weggschickt, bevorzugt mit hoch subventionierten Altersteilzeitverträgen.

Inzwischen fehlen die jungen Kräfte – und schon entdeckt unsere Wirtschaft neue Werte. Ältere Beschäftigte verfügten über unersetzliche Erfahrungswerte. Sie seien genauso lernwillig wie ihre jungen Kollegen. Und meldeten sich auch nicht häufiger krank. Was übrigens stimmt.

Vielleicht sind die Alten aber auch selber schuld daran, dass sie neu entdeckt werden. Würden sie sich, wie es sich für Rentner gehört, auf eine Parkbank setzen und mit ihrem Altersgenossen über ihre neuesten Wehwehchen reden, würde man voll des Mitleids an ihnen vorbeigehen. Stattdessen sitzen sie zur besten Arbeitszeit beim Latte Macchiato im Café, schwimmen, fahren Rad, klettern und kleben sich für’s Rockfestival eine Rolling-Stones-Zunge an den Rollator.

Diejenigen, die von den Controllern in computergestützte Vollstress-Jobs gepresst worden sind, können so viel gute Laune natürlich nicht ertragen. Also, liebe Rentner, zeigt endlich Demut! Dann lassen wir euch gerne gehen. Wenn’s sein muss, auch schon mit 63.

 

April 2nd, 2014

Die neue Show: Zu Gast bei Uli Hoeneß

Ja, es ist so: Uli Hoeneß erweitert unseren Horizont. Im Zuge seiner Steueraffäre haben wir nicht nur erfahren, was einen 62-Jährigen Metzger zum Weinen bringt. Wir entdecken ein für uns bis dahin völlig unwichtiges Thema: Das Leben im Gefängnis.

Da hat also die Justizvollzugsanstalt Landsberg/Lech gut 150 Journalistinnen und Journalisten durch ihre Wohnräume geführt. Es war zu erfahren, dass die Zellentüren mit 20 Quadratzentimetern großen “Kostklappen” versehen sind, dass die Häftlinge im rund 1000 Quadratmeter großen Hof Tischtennis und Schach spielen können und dass der “Generaleinschluss” täglich um 19 Uhr ist. Die Zellen verfügen über ein Waschbecken mit Kaltwasserhahn und über ein Fernsehgerät ohne Pay-TV. Der einzige Luxus für den prominenten Gefangenen könnte eine Zelle in Südlage sein. Diese wäre einfach heller und freundlicher.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer fand den Presserundgang geschmacklos und hat ähnliche Aktionen für die Zukunft verboten. Aber warum bloß? Im Knast gibt es viele gute Geschichten. “Schöner wohnen” könnte über das Thema “Schrankvariationen aus Sperrholz” schreiben. “Men’s Health” brächte den Ratgeber-Artikel “Gesund durch kaltes Wasser”. Der dem FC Bayern München schwerstmöglich gewogene Burda-Verlag könnte die neue Fernsehzeitschrift “Alles außer Sky – Das Beste bei ARD und ZDF” auf den Markt bringen. “natur” könnte uns mit einem Artikel zum Thema “Eidechsen im Gefängnishof. Freie unter Unfreien” beglücken. “Ein Herz für Tiere” brächte “Lustige Freunde: Uli und die Kakerlaken”.

Adidas wirft das erste Sporttrikot in kompletter Gitteroptik auf den Markt. Und Audi rollt den Markt mit seinem neuen Offroad-Modell “Alcatraz” auf.

Überhaupt das Thema Entertainment. Man darf doch davon ausgehen, dass die famose TV-Produktionsfirma Endemol am rapide abflauenden Interesse an ihrem “Big Brother” verzweifelt. Warum also nicht Hoeneß-Totalüberwachung mit Livestream ins Internet? Und wenn sich noch ein paar Gauner mit Fußball-Sachverstand finden sollten, wovon schwer auszugehen ist, gibt es nach jedem Bundesliga-Spieltag die Talkrunde “Zu Gast bei Uli Hoeneß”. Erdinger Weißbier darf natürlich nicht serviert werden. Aber da helfen wir Franken gerne mit Früchtetee aus dem Greuther Teeladen. Ja, so wird das was. Fast wie in Freiheit.

 

März 31st, 2014

Ein Gürteltier, das kein Arsch ist

Ach, es hätte so gut gepasst. Der übermächtige Welt-Fußballverband Fifa als übergroßér Trottel. Weil nämlich das Maskottchen der Weltmeisterschaft “Fuleco” genannt wurde. Und dieses Wort bedeute in Brasilien umgangssprachlich “Arsch”. Welcher Fehltritt!

Reden wir nicht davon, dass Fifa-Maskottchen meistens beschissen ausschauen, Man erinnere sich nur an den völlig verkorksten Zottel-”Goleo”, der 2006 für die WM in Deutschland geworben hat. Diesmal handelt es sich um ein Gürteltier in den brasilianischen Landesfarben, das wie ein Gummi-Schwimmtier vom Discounter erinnert. Bestimmt kein Fan-Produkt, das man sich freiwillig in die Wohnung holen würde.

Aber der Name? Dass es sich um eine Umschreibung für “Anus” handeln soll, meldete in Deutschland zuerst die “Welt”. Ein renommiertes, glaubwürdiges Blatt also. Und so machte die vermeintliche Enthüllung schnell worldwidewebweit die Runde. Witze wie “Leckt’s mich am Fuleco”, “Fuleco auf Eimer” oder “Fifa zieht Fuleco-Karte” wurden getwittert,

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, zugunsten der Fifa. Diese wollte ein Kunstwort aus Kurzformen von Fußball und Ökologie bilden. Weil die Brasilien-WM so umweltfreundlich sein wird. Das ist zwar vermutlich gelogen, immerhin hört man von Säuberungen von Kriminalitätsnestern. Aber das Wort “Fuleco” ist in Brasilien tatsächlich unbekannt. Es bedeutet nichts.

Fazit: Das Maskottchen sieht blöd aus, ist aber kein Arsch, Die Fifa als solche auch nicht. Aber ganz weg ist das Thema nicht, Es soll ja Freunde des Fußball-Weltverbandes geben, die noch nie einen Sklaven in Katar gesehen haben. Und was kommt raus, wenn man am Becken herumbaut? Unter Umständen ein A….

Aber das ist jetzt ein anderer Kontinent.

PS.: Wie sagt man in Brasilien zum Arsch. Laut www.leo.org “Bunda”. Ich geb’s so wieder. Mit aller Vorsicht.

 

März 30th, 2014

Das Rätsel der anderen Zeit

Na, auch so müde? Schon gestern beim Bäcker gab es an den Kaffeetischchen nur diese Fragen: Wird es jetzt früher hell oder später dunkel? Ist die Nacht länger? Was sagt die Katze, die ihr Fressen später bekommt? Oder kriegt sie es früher als sonst? Werden wir diese schwierige Situation gut überstehen? Richtig erkannt, es ging um die Sommerzeit.

Die alljährliche Zeitumstellung ist ein Rätsel. Wir haben uns mit so Vielem abgefunden: Damit, dass uns Angela Merkel bis 2025 regieren, dass nur noch Bayern München deutscher Meister werden und dass zwecks Klimawandel irgendwann die Welt untergehen wird. Aber bei der Sommerzeit ist das anders. Wir hadern und fragen, was in aller Welt das Ganze bringen soll.

Vielleicht ja, weil es bei diesem Thema Gewinner und Verlierer gibt. Wer im Frühtau zur Arbeit muss, grummelt darüber, dass es morgens wieder dunkel ist. Wer gerne nach Feierabend durch die Wälder joggt, freut sich darüber, dass er dabei die Wurzeln besser sieht. Eventuell wurmt es uns leistungsbereite Menschen nur, dass wir in einer Nacht Zeit verloren haben. Wenngleich nur eine Stunde.

Die Zeitumstellung überfordert uns aber auch ganz einfach. Nur wenige, vermutlich logisch Hochbegabte, können spontan erklären, wie sie sich auswirkt. Und das ist verständlich, denn Sommerzeit ist unlogisch. So hat Portugal die gleiche Uhrzeit wie England oder die Faröer-Inseln, obwohl in letzteren Gegenden die Sonne eine Stunde früher aufgeht. In Spanien wiederum ist die Zeit erst recht nach hinten verschoben. Daran sollten vor allem die bleichen deutschen Touristen denken, wenn sie in den Schatten flüchten. Nicht um 12 Uhr Ortszeit entgehen sie der stärksten Sonneneinstrahlung, sondern gegen 14 Uhr. Oder ist das eine Verschiebung nach vorne?

Geben wir auf. Sehen ir es positiv. Schön ist doch: Es ist gleich Mittag und wir haben nicht mal richtig Hunger. Nutzen wir die Chance. Starten wir eine Diät. Die neue Zeit macht es möglich.

 

 

 

März 28th, 2014

Lebenskraft muss billig sein

Wieder ist es da, das ultimative Sonderangebot: Drei Rinder-Minutensteaks für 3,49 Euro, drei Schweine-Riesenschnitzel für 4,49. Nein, in diesem Land muss niemand hungern. Irgendein fettiges Brett kriegt jeder zwischen die Zähne.

Fleisch ist eben ein Stück Lebenskraft. Daran glauben wir seit der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Hungern nach dem großen Krieg war vorbei. In jeder Küche durfte nun täglich gebrutzelt werden. Und wenn nicht, gab es ja immer noch Wurst für das Abendbrot. Sicher, viele Menschen haben dieses Muster überwunden. Auf unseren Italienreisen lernten wir, dass man Nudeln nicht nur für die Buchstabensuppe brauchen kann. Wir mögen auch das Besondere. Wir rollen unser Sushi selbst und kratzen kleine Köstlichkeiten aus Tapas-Schüsselchen.

Essen und Trinken in Deutschland haben sich gewandelt. Davon kündet gerade auch eine große Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn. Curry- und Bratwurst sind unsere Favoriten geblieben, aber den Toast Hawaii mit Ananas-Ring und Deko-Kirsche bestellt kaum noch jemand. Pizza geht immer, vietnamesische Gerichte sollen unbedingt gesund sein.

Man könnte also sogar auf vegetarische Gedanken. Doch davor bewahren uns die Discounter. Bei ihnen herrscht immer Preiskampf. Und gerade geht es nicht um Duschgel, Zahnpasta oder Pferdeabschwitzdecken, sondern um Fleisch. Aldi hat jüngst entdeckt, dass es seine Lieferanten noch ein bisschen mehr melken kann. Die Konkurrenz heult kurz auf, zieht aber nach. Ob die Viecher vor der Fahrt zum Schlachthof Müll gefressen haben, interessiert keinen mehr.

Es gibt richtig leckere Fleischgerichte, die sich immer lohnen. Aber zu viele Menschen belegen ihre Teller nach dem Motto “Billiges muss nicht gut sein”. Und tragischerweise stimmt auch dieses: Viereckiges Essen macht kugelrunde Menschen. Erst recht als Sonderangebot.

März 27th, 2014

Gib mir Sicherheit…

Wir brauchen Sicherheit, wenigstens ein kleines bisschen. Genauso wie das Zootier, das für regelmäßiges Fressen bereitwillig seine Wildheit einbüsst, akzteptieren auch wir seltsame Dinge, wenn uns denn nichts passiert. Zum Beispiel im Flugverkehr.

Nehmen wir einen durchschnittlichen Flug mit Chickenwings (Name von der Redaktion geändert). Hier wird der Passagier zunächst bewusst verunsichert. Er kommt mit einem Gepäckstück, welches nur unwesentlich größer ist als der Schminkkoffer einer in Würde gealterten Film-Diva. Weil er Flüssigkeiten mitführt, möchte unser Flugfreund sein Köfferchen aufgeben. 25 Euro würde der Transport kosten. Mehr, als es im Nebensaison-Sale gekostet hat. Keine Alternative also.

Fortgesetzt wird die Konditionierung des Fluggastes an der Sicherheitskontrolle. Auf Höhe des Schildes „Diskretion“ ist quer über den Boden eine gelbe Linie gezogen. Diese darf auf gar keinen Fall überschritten werden. Sonst folgt, so unsere Befürchtung, wie beim olympischen Dreisprung die Disqualifikation durch Ungültigmachung der Bordkarte. Vor allem ältere Ehepaare diskutieren Verstöße schonungslos.

Dann die Sicherheitskontrolle: Man hat also noch Shampoo. Bis zu 100 Milliliter sind erlaubt, sofern sie „sicher“ in einer mit einem Reißverschluss versehenen – und bestimmt explosionssicheren – Plastiktasche verpackt sind. Unser Passagier hat eine 150-Milliliter-Flasche. Also rein damit in den Flüssigkeiten-Sammelkorb.

Man könnte den Kosmetik-Artikel leicht identifizieren. Einfach mal dran riechen, denn es ist doch unwahrscheinlich, dass es einem Terroristen gelingen könnte, das von einem Weltkonzern komponierte Pfirsich-Aroma originalgetreu zu fälschen. Was aber soll ein Bösewicht mit Haarshampoo machen? Landeklappen verkleben, es dem Piloten in die Augen schmieren und ihn auf diese Weise blind machen? Am Sitzplatz Panik-Schaum erzeugen? Pfirsich-Allergiker zu Geiseln machen?

Gut, all das kann nicht mehr passieren. Aber anderseits gibt es viel schlimmere, völlig legale Bedrohungen. Der dem Shampoo-Fläschchen beraubte Fluggast kann nämlich im Airport-Shop einkaufen. Dort gibt es massive Spirituosen-Flaschen oder Monster-Toblerone-Riegel, die man dem Piloten über die Rübe ziehen könnte. Gekauft werden können auch die wunderbaren Produkte der Parfüm-Industrie, die entweder das Cockpit-Personal benebeln oder in einen todbringenden Hormonrausch versetzen könnten.

Im Flugzeug selbst gibt es Ledergürtel und Schals zum Erdrosseln und massive Kugelschreiber, die sich gut als Behelfs-Dolche eignen. Man könnte Terrorist sein, wenn man Terrorist sein wollte. Auch ohne unser Shampoo.

Zum Abschluss folgende Mitteilung: Der Chickenwings-Flug A799 ist sicher gelandet. Immerhin.

 

März 23rd, 2014

Der Eiserne Vorhang wirkt noch

Man hätte es im Europa des 21. Jahrhunderts nicht für möglich gehalten: Da kommt ein “lupenreiner Demokrat” und lässt seine Soldaten ein Stück Land, so groß wie Mittelfranken und Oberbayern zusammen, erobern. Die Krim hat den Besitzer gewechselt. Präsident Wladimir Putin ist der unumstrittene Held des russischen Riesenreiches.

Er wird jetzt schonungslos analysiert. Sein Großvater war ein Koch von Stalin. Sein Vater soll ihn mit dem Gürtel geschlagen haben. Andere Kinder sollen ihn gehänselt haben, weil er dünn und schmächtig gewesen sei. Als KGB-Agent in Dresden musste er sächsisch sprechende Menschen ausspionieren. Demnach wäre da einiges abzuarbeiten gewesen.

Was aber hilft uns das? Keine Ahnung. Sicher, es darf nicht sein, einem souveränen Staat eines seiner Teile einfach wegzunehmen. Andererseits wäre ich heilfroh, wenn aus dieser Geschichte kein militärischer Konflikt wird, in den am Ende auch die Nato hineingezogen werden.

Mir wird in diesen Tagen etwas ganz anderes bewusst: Der Eiserne Vorhang wirkt – zumindest bei mir – noch heute. Jahrzehntelang hat uns Osteuropa nicht interessiert. Wir haben einem in den USA geprägten Lebensstil nachgeeifert, haben uns Italien und Spanien als liebste Urlaubsziele auserkoren. Das, wo früher Kommunismus war, ist uns fremd geblieben. Oder wer kann behaupten, dass er die geographische Lage von Staaten wie Polen, Ukraine oder Bugarien auf einer blanken Landkarte korrekt eintragen könnte?

In der Gedankenwelt zu vieler Menschen sind Polen Diebe und Betrüger, kommen Rumänen und Bulgaren in Wohnwagen-Kolonnen nach Deutschland, um die Sozialsystems zu plündern. Ukrainische Frauen werden als heiratswillige Blondinen eingeschätzt. Und die Russen gelten als dem Wesen nach brutal. Sie häufen rücksichtslos Milliardenvermögen an, saufen Wodka, singen laut und tanzen Kasatschok. Bei dieser Lage wundert es uns nicht, dass ein Boxer mit regelmäßiger “Bild”-Kolumne aufbrechen muss, um in dieser vertrackten Gegend die Demokratie durchzusetzen.

Dem steht eine lange Geschichte enger Beziehungen gegenüber. Also wirkt es absolut logisch, die Ukraine enger an die EU zu binden. Aber so, dass die Distanz zu Russland nicht zu sehr wächst.

Man sieht: Hier äußert sich ein Ahnungsloser. Aber er kann schreiben, wie Steinmeier redet. Ist ja auch schon was.

 

 

März 18th, 2014

Energie gibt’s. Aber die Wende?

Da ich erstens fleißig und zweitens der Zukunft zugewandt bin, habe ich mich diese Woche in die Fortbildung gestürzt. Thema heute: Der Klimawandel als journalistische Herausforderung. Das ist er ohne jeden Zweifel. Schon deshalb, weil wir unsere weltberühmte Energiewende kaum hinbekommen dürften.

Man hofft ja, dass man sich nach einer Tagung anders fühlt als nach dem Konsum einer öffentlich-rechtlichen Talk-Show. Das ist nicht wirklich so. Zwar sind die Informationen fundierter, klüger, inhaltsschwerer. Man ist auch nicht durch Chips und Nüsschen abgelenkt. Aber am Ende bleibt – hier wie dort – dieses unbestimmte Gefühl, dass es vergebene Liebesmüh sein könnte, die Menschen im Detail zu informieren.

Ich habe gerlernt, dass sich Kohlendioxid-Moleküle in der Atmosphäre bewegen und deshalb Wärme auf die Erde zurückstrahlen. Das sei ein Hauptgrund für den Klimawandel. Dieses Wissen hilft mir kaum. Denn den meisten Leserinnen und Lesern wird das Thema an dieser Stelle zu kompliziert. Erst recht, wenn noch erklärt würde, ob ein Molkül-Hüpfen von links nach rechts schlechter ist als ein Molekül-Sprung von oben nach unten. Würde ich wiederum schreiben, dass der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre aktuell bei 0,04 Prozent liegt, würden viele Leute sagen: “Und wegen diesem bisschen Dreck machen die so einen Aufstand. Deswegen schmilzt doch kein Nordpol.”

Weitere Auszüge aus meiner heutigen diffusen Informationswolke: Man wird sich in der EU nicht einig, weil die Polen auf Atomkraft setzen und die Briten für Fracking sind. Die Chinesen bauen die riesigsten Solaranlagen, kaufen aber immer mehr unserer Autos und verpesten damit die Atmosphäre. Wenn ein Wüstenbewohner einen Europäer auffordern würde, lediglich zehn Mal so viel Wasser zu verbrauchen wie er, würde der Europäer bestenfalls lachen. Die Weltklimakonferenz 2015 in Paris soll unbedingt ein Erfolg werden. Vertreter/-innen von 193 Staaten sehen aber die Dinge naturgemäß sehr unterschiedlich. Schwer zu beantworten ist die Frage, warum wir so fest daran glauben, dass ein Elektroauto Nullkommanull Abgas erzeugt. Und warum wir bei der Verzückung über den sauberen Energieträger Gas völlig ausblenden, dass auch dessen Förderung eine ziemliche Umwelt-Sauerei sein kann. Schließlich sind Parteien wie SPD und Linke eigentlich dem Fortschritt verpflichtet. Aber der Kohleabbau sichert die Arbeitsplätze der eigenen Klientel.

Was sagt uns das? Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Das Einzige, was wir zur Rettung der Welt beitragen können, ist Energiesparen. Das aber bedeutet Veränderung, das Investieren von oftmals nicht vorhandenem Geld und obendrein Verzicht. Vor drei Jahrzehnten hat man die Menschen dazu gebracht, es toll zu finden, wenn sie ihre Fischgräten und Milchtüten in der jeweils richtigen Tonne entsorgen. Wenn es um klimafreundliches Verhalten geht, werden die Glückshormone nicht ausgeschüttet. Irgendwie macht Energiesparen keinen Spaß. Den gilt es zu wecken. Sonst wird das nichts mehr mit einer lebenswerten Zukunft. Wahrscheinlich.

 

 

 

März 17th, 2014

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

März 10th, 2014

Hoeneß-Prozess: Es lebe die “tätige Reue”

Erster Tag im Prozess gegen Uli Hoeneß. Es lebe die “tätige Reue”. Auf diese hatte sein großer Bewunderer Edmund Stoiber in Günther Jauchs Talkshow immer wieder hingewiesen. Tatsächlich hat der Präsident von Bayern München vor Gericht ein umfassendes Geständnis abgelegt. Aber Reue? Das nehme ich ihm nicht ab.

Zumindest keine Reue in dem Sinn, dass er es bedauert, der Gesellschaft einen zweistelligen Millionenbetrag vorenthalten zu haben. Steuersünder wie er geben zwar zu, einen Fehler gemacht zu haben. Sie beklagen aber in Wahrheit die negativen Auswirkungen auf sich selbst. Ob mit ihren Steuergeldern ein Kindergarten hätte gebaut werden können, ist ihnen egal. Die persönliche Schande ist ihre Tragödie, Auch eine Alice Schwarzer denkt sehr wahrscheinlich so.

Steuersünder/-innen dieses Kalibers denken an ihre Verdienste. Haben sie nicht diesem Land den Champions-League-Sieg beschert? Haben sie nicht den Guardiola nach Deutschland geholt? Haben sie nicht hunderttausenden Frauen zu Equal Pay verholfen? Haben Sie nicht die Deutsche Post zum Global Player umgebaut. Und haben sie nicht irrsinnige Geldbeträge einfach so – beziehungsweise steuerabzugsfähig – gespendet? Hat jemand, der so massiv seinem Land gedient hat, nicht auf Anspruch auf einen Steuerbonus?

Und so läuft im Fall Hoeneß die Rechtfertigungsmaschinerie. Er sei eben, unter dem immensen Druck seines Amtes, eine gespaltene Persönlichkeit gewesen, salbaderte Ex-Ministerpräsident und FC-Bayern-Spezi Edmund Stoiber in der Jauch-Talkshow. Schon gut. Gespaltene Persönlichkeit heißt Schizophrenie.

Ich habe vergangene Woche als ehrenamtlicher Richter mit entschieden, dass ein Mann mit einer schizophrenen Störungen zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen wird. Er hat kein Geld veruntreut, sondern im Wahn einen anderen Mann mit einem Messer verletzt. Das Urteil war nach meiner Überzeugung richtig. Aber es hat mir weh getan.

Warum aber sollte nicht auch jemand, der der Gesellschaft als sonstiger Ehrenmann zwecks vorübergehender Persönlichkeitsspaltung Millionen Euro vorenthalten hat, nicht auch hinter Gittern büßen? Ich weiß es nicht. Den Münchner Richtern wünsche ich alles Gute…