Verachtet mir die Oma nicht

Den Menschen ist nichts mehr heilig. Diesen Eindruck bekommt man, wenn man sich durch die Kommentare in den Sozialen Netzwerken klickt. Aber gibt es so gar nichts, dass die Massen in größter Hochachtung vereint? Ja, das gibt es: Die deutsche Oma.

Ein böser Wicht hatte das Lied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ satirisch umgedichtet. Und statt der Verszeile „Meine Oma ist ’ne ganz patente Frau“ endete der Refrain auf „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.“

Sofort tobte ein Sturm der Entrüstung. Besorgte Bürger fragten, ob es denn gar keinen Respekt mehr vor den Alten gebe. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen protestierte, der WDR-Intendant ließ das Video aus dem Verkehr ziehen und leistete Abbitte am Krankenbett seines Vaters. Rechte Verschwörungstheoretikers sahen sich in ihrer Gewissheit bestätigt, dass die öffentlich-rechtlichen Staatssender die abendländische Kultur zerstören wollen.

Das „Skandal-Lied“ zierte Titelseiten der auf Großbuchstaben spezialisierten Zeitungen aus dem Springer-Verlag. Vor der WDR-Zentrale maschierten Demonstranten auf, ein Neonazis stellte sich vor das Wohnhaus des Autors und hielt ein Schild hoch mit der Frage, warum dieser seine Familien hasse.

Hätten die Empörten doch nur einmal tief durchgeatmet. Dann hätten sie vielleicht erkannt, dass Scherze über Großmütter eine lange Tradition geben. Der Gassenhauer „Wir versaufen unserer Oma ihr klein Häuschen“  stammt aus dem Jahr 1922. Die Motorrad-Oma im Hünhnerstall hatte im Liedtext von 1958 in einer Folge-Strophe einen Petticoat aus Wellblech. In einer Version von 1980 hieß es unter anderem „Meine Oma hat ’nen Bandwurm, der gibt Pfötchen“ oder „Meine Oma guckt die Tagesschau mit’m Fernrohr“.

Aber damals war das Abendland noch nicht bedroht. Und außerdem ist das jetzt von offensichtlich vergnügten Kindern gesungene Schmählied so ungerecht. Denn woher hätten die Omas von heute vom Klimawandel wissen sollen? Der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums stammt aus dem Jahr 1972.

So schnell kann sich niemand ändern. Also haltet ein. Verachtet mir die Oma nicht. Und: Besucht sie mal oder schickt ihr eine nette Message – falls sie gerade auf einer Kreuzfahrt ist.

 

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