Die Wut im Osten hat gute Gründe

Verstehe einer die Ostdeutschen! Dieser Stoßseufzer war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören. Da hat man sie im reichen Westen aufgenommen, hat von Kohlestaub und Chemie verseuchte Landschaften zum Blühen gebracht. Und was machen diese Leute? Sie wählen wie verrückt die AfD. Wie undankbar kann man eigentlich sein?

Wenn es denn so einfach wäre. Für uns im Westen war die deutsche Wiedervereinigung eine vergleichsweise bequeme  Angelegenheit. Es hat einiges Geld gekostet, schon klar. Aber im Osten war der Preis ebenfalls sehr hoch.

Im Westen passiert es bei Firmenpleiten, dass Menschen erfahren, dass ihr Können und Wissen sowie ihre bis dahin erbrachte Lebensleistung ab sofort wertlos sind. Ostdeutsche haben diese Erfahrung nach der Wende massenhaft gemacht. Industriebetriebe, die zuvor Stolz vermittelt hatten, waren von heute auf morgen Schrott.

Zudem wurde die ehemalige DDR zum Spielfeld der neoliberalen Propheten. Die Menschen bekamen vermittelt, dass nur derjenige durchkommt, der sich an die Bedürfnisse des Marktes anpasst. Was im ungebremsten Kaptilismus vor allem bedeutet, dass Arbeitskraft billig zu sein hat.

Ein Land wurde aufgekauft. Was sich noch heute daran ablesen lässt, dass 60 Prozent der privaten Vermieter von Dresdner Wohnungen in Westdeutschland leben. Schließlich: Während Großstädte im Osten wachsen, gibt es in der Provinz reichlich Landschaften, die gar nicht blühen, wo das Leben verdörrt.

Man könnte die – recht schräge – These wagen: Wären die Westdeutschen bereit, ähnlich brutale Veränderungen mitzumachen, wäre die Bewältigung des Klimawandels gar kein Problem.

Die Ostdeutschen haben also gute Gründe zum Protest. Es ist verständlich,  wenn sie zeigen wollen, dass sie nicht bloß angepasst westdeutsch sind. 

Und sei es mit dem Wahlzettel. Wer genauer nachdenkt, wird aber fragen, warum es unbedingt die AfD sein muss. Deren führende Figuren kommen ganz überwiegend aus dem Westen. Politisch aufgekauft: Dafür sollten sich die Ostdeutschen zu schade sein. Hoffentlich merken sie es noch.

 

  

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