Olaf S., der weiße Ritter

Man muss die SPD nicht mögen. Aber eines darf festgestellt werden: Wenn sie Demokratie wagt, dann aber mehr und so richtig. Das zeigt das Rennen um den Parteivorsitz.

Zunächst schien es, als wollte sich niemand der schwächelnden Partei erbarmen. Wer immer gefragt wurd, konnte gerade nicht, hatte schönere Ämter oder keine Zeit. Es schien, also würden die Kandidaturen frühestens in der dritten Reihe beginnen. Die älteste der demokratischen Parteien geführt von einer und einem jeweils Unbekannten? Niemals nicht!

Doch es geht ja gut. Je näher der Stichtag rückt, desto mehr potenzielle Chefs und Chefinnen meldet sich. Wenn die Bewerbungsfrist demnächst für beendet erklärt wird, wird die Frage sein, ob das Kandidatenfeld zahlenmäßig eher dem Eurovision Song Contest oder der ersten Hauptrunde im DFB-Pokal entsprechen wird.

Aber wer immer am Ende obsiegt, die Kandidatensuche hat schon jetzt historische Ereignisse hervorgebracht. So hat Parteivize Ralf Stegner auf einem Foto herzhaft gelacht.  Und Olaf Scholz hat bewiesen, dass er trotz seiner enormen zeitlichen Belastung als deutscher Finanzminister in der Lage ist, erfolgreich um eine Frau zu werben.

Überhaupt Olaf Scholz: Er wirkt höchst seriös und emotionsfrei, ist aber ein Politiker, dem alles zuzutrauen ist. Seit er aus der Deckung gesprungen ist, ist er der Favorit. Obwohl niemand mehr Hartz IV oder GroKo ist als alle anderen. Seine bislang erfolgreichste Idee war stets, konservative Politik zu kopieren. Dafür steht er – und erscheint damit besonders wählbar.

Allerdings: Hatte man uns nicht eine Erneuerung der SPD versprochen? Hat das in der Regierung geklappt? Wäre es nicht an der Zeit für jemand der sagt, was er denkt und macht was er sagt? Jemand, der auch einmal überrascht und schon deshalb frischen Wind bringt.

Olaf S., der weiße Ritter, ist das sicher nicht. Andererseits ist Pragmatismus in der Politik seit vielen Jahren das real existierende SPD-Programm. Vielleicht schwant es längst auch schon Gesine.