Wer laut ist, wird der Chef

Großbritannien hat einen neuen Regierungschef. Und wie schon beim Brexit sitzen wir da und sind verstört. Denn mit Boris Johnson kommt ein Mann an die Macht, der so gar nicht unseren Idealen entspricht. Er ist machtbesessen, laut, schrullig, schlecht frisiert, unberechenbar und stets für blödsinnige PR-Aktionen zu haben.

Das ganze Wahlverfahren ist erstaunlich. Es gibt den Mitgliedern der ziemlich überalterten konservativen Partei eine unerhörte Machtfülle. Diese bestimmen nicht nur ihren eigenen Anführer, sondern auch den Regierungschef für das ganze Land. Dabei machen sie gerade 0,2 Prozent der Bevölkerung aus. Bei britischen Verhältnissen wäre Annegret Kramp-Karrenbauer schon jetzt die neue Bundeskanzlerin.

Und wenn man sich einmal vorstellt, wegen welcher harmlosen Karnevalwitze die CDU-Chefin in die Schlagzeilen gekommen ist, dann müsste ein Boris Johnson drei Mal pro Woche zurücktreten. So sagte er über Hillary Clinto: „Sie hat gebleichtes Blondhaar und Schmolllippen sowie einen stahlblauen Blick, wie eine Krankenschwester in der Nervenheilanstalt.“  Aussprüche ähnlicher Güte gibt es reichlich.

Sogar über seinen Männerfreund hat er gelästert. „Der einzige Grund, warum ich einige Teile New Yorks nicht besichtigen würde, ist das ernsthafte Risiko, Donald Trump zu treffen“, sagte Boris Johnson vor vier Jahren. Aber das ist vergessen. Der US-Präsident ließ ganz aktuell verlauten, dass der neue britische Premier „großartig“ sein werde.

Unsere Parteien setzen bisher auf seriöse, gerne auch langweilige Chefinnen und Chefs. Aber man fragt sich, ob das Modell durchgeknallter weißer Mann auch bei uns funktionieren würde.

Thilo Sarrazin ist für den SPD-Vorsitz wohl doch zu alt. Das ist immerhin ein Trost, in diesen Tagen.