Kevin auf dem E-Roller

Schön, dass unsere großen Aufreger-Themen immer wieder einmal wechseln. Die Debatte um die Flüchtlinge quält uns immer noch. Der Streit über die Handspielregel bei Elfmetern sollte nach dem DFB-Pokalfinale abflauen. Aber es gibt neuen heißen Stoff: Kevin Kühnert und die Elektro-Tretroller.

Beginnen wir mit dem Juso-Vorsitzenden. Er hat sich in einem Zeitungsinterview zu Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem geäußert. Das war und ist naheliegend, schließlich trägt seine Organisation den Sozialismus im Namen. Eine Umbenennung in Jungkapitalisten ist nicht geplant.

Die roten Nachwuchspolitiker waren – neben dem Seeheimer Kreis – immer die dreiste Gruppe in der SPD. Selbst ein Gerhard Schröder war als Juso-Chef links. In einem damaligen Interview bezeichnete er sich als Marxist. Realpolitisch galt er seiner Nachfolgerin Andrea Nahles allerdings als „Abrissbirne der SPD-Programmatik“. Inzwischen hat er sich auf den Handel mit russischem Erdgas spezialisiert, Nahles steht für Realpolitik mit gelegentlichem Getöse.

Kevin Kühnert macht also bloß seinen Job, wenn er über Veränderungen unseres Wirtschaftssystems redet. Und er erledigte ihn in seinem Interview keineswegs geifernd, sondern in einem nachdenklichen Tonfall.

Die Reaktionen waren heftig und zum Teil erstaunlich. So erregte sich BMW-Betriebsratsvorsitzender Manfred Schoch angesichts des Gedankens an eine Kollektivierung von Autoherstellern über die Maßen. „Für Arbeiter deutscher Unternehmen ist diese SPD nicht mehr wählbar“, teilte er über die Medien mit. Reichen Erben muss eben geholfen werden.

Gar einen „verirrten Phantasten“ nannte Verkehrsminister Andreas Scheuer den frechen Kevin. Wobei er selbst nicht bloß ein flugunfähiges, türenloses Flug-Taxi vorgestellt hat. Er ist auch überzeugt, dass elektrische Tretroller mit 20 km/h über Gehsteige flitzen können, ohne dass das irgendjemand stören könnte.

Selbst CSU-Politiker träumen mal. Aber auch bei diesem Thema erreichte die öffentliche Erregung ganz schnell höchste Stufen. Weil Fußgänger oder Gassigeher rollende Verkehrsmittel nicht mögen, weil Radfahrer sich von Autos gefährdet und von verträumten Schlurfern behindert fühlen. Und weil Autofahrer andere Autofahrer verachten – solange sie vor ihnen fahren.

Eine nationale Schicksalsfrage sind Menschen auf Tretrollern aber ebenso wenig wie einzelne Politiker, die ans Enteignen von Hausbesitzern denken.

Ideen sind dafür da, um diskutiert zu werden. Selbst in mancher abstrusen Idee steckt ein kluger Kern. Also: Bleiben wir gelassen und kühlen wir erstmal runter, wenn der nächste Aufreger kommt. Denn er wird nie der letzte sein.

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