Die Briten: Wir sollten sie verstehen

Je näher der Brexit-Termin rückt, desto mehr überschlagen sich die fassungslosen Kommentare. Wir auf dem Festland können nicht verstehen, wie ein Parlament selbst wenige Tage vor dem Tag X noch so zerstritten sein kann. Möchte nicht mal jemand vorbeischauen und den Spuk beenden?

Aber ehrlich gesagt: Es ist billig, auf den Briten herumzuklopfen. Wir alle kennen, was auf der Insel abgeht. Nehmen wir eine durchschnittliche Beziehungskrise. Ein Paar hat sich auseinander gelebt, die heiße Liebe ist erkaltet. Neue Herausforderungen locken. Man ist sich einig, dass man sich in aller Freunschaft trennen möchte.

Aber dann kommen die Details. Wer darf in der Wohnung bleiben, die noch nicht abbezahlt ist? Wer kriegt das Auto? Wer darf weiterhin zum Stammtisch mit den besten Freunden? Zu wem zieht die Katze?

Die Probleme wachsen zum unbezwingbaren Berg. Im günstigen Fall bleibt die Sache friedlich. Und oft genug kommt man zum Ergebnis, dass die neue Verlockung doch nicht so wichtig ist. Im Großen und Ganzen laufe es doch ordentlich. Also bleibt man zusammen. Unglücklich zwar, aber es ist bequem.

Trennen ist schwierig. Das kennen wir auch aus dem Berufsleben. Unser Job ist uns langweilig geworden, wir gehen mit wenig Lust in die Arbeit, leisten immer weniger und sind trotzdem beim Feierabend müde. Aber würden wir ihn aufgeben? Mit dem Risiko, danach arbeitslos zu sein? Die allermeisten haben ihr Ausstiegsdatum beschlossen? Und verschieben es dennoch immer wieder.

Entscheidungen treffen? Auch da sind wir Nicht-Briten schwach. Was wir schon daran sehen, dass wir die meisten Online-Bestellungen gleich wieder zurückschicken. Sie finden, dieses Beispiel sei zu banal? Dann sagen Sie doch mal, wieviel Plastik Sie im letzten Jahr engespart haben.

Seien wir also gnädig mit den Briten. Und vor allem: Seien wir froh, dass die „Dexit“-Geier von der AfD bis jetzt nicht wirklich gefährlich sind. Das möge so bleiben. Wir sollten hoffen – und richtig wählen.