Langsam tut gut. Man muss nur wollen…

Frankreich hat es, Spanien hat es, Österreich, Dänemark, Italien auch. Schweden hat es, Slowenien, Polen und die Niederlande auch. Auf den Autobahnen fast aller Staaten gilt ein Tempolimit. In Deutschland hingegen darf gerast werden. Und wenn es nach Verkehrsminister Andreas Scheuer geht, bleibt es auch so.

Mit dem Tempolimit kehrt ein bekanntes Thema auf die politische Bühne zurück. Zuletzt in den 80-er Jahren wurde es ein Jahr lang auf mehreren Autobahnen erprobt. Auslöser war eine heftige öffentliche Diskussion über das damals beobachtete beziehungsweise befürchtete Waldsterben (dazu ein Radiobetrag mit dem gerade verstorbenen Journalisten Horst Stern). Es sollte erforscht werden, ob die Luft bei einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 100 km/h erkennbar profitieren würde.

Eine der Teststrecken war die A9 zwischen dem Autobahnkreuz Feucht und Greding. Vor allem profitierten vom Tempolimit die Fahrer von Kleinwagen, die damals ähnlich populär waren wie heute die SUV’s. Wer etwa mit einer Ente von Citroen unterwegs war, konnt ungewohnt entspannt im Verkehrsstrom mitschwimmen und war tatsächlich in der Lage, mit Höchstgeschwindigkeit 110 anarchisch zu rasen.

Am Ende der Testphase hatte sich herausgestellt, dass es deutlich weniger Unfälle gegeben hatte. Dies wurde allerdings von Verantwortlichen der Polizei nur unter vorgehaltener Hand erwähnt. Die Erkenntnis war politisch unerwünscht – der Arbeitsauftrag war ein anderer.

Damaliger Verkehrsminister war der Mittelfranke Werner Dollinger, wie Andreas Scheuer ein CSU-Politiker mit großem Verständnis für die Belange der Autoindustrie. Im November 1985 erklärte er das Experiment für sinnlos. Und zwar auf der Grundlage eines windigen dreiseitigen TÜV-Gutachtens. Die damalige schwarz-gelbe Regierung griff diesen Hinweis sofort auf. Bereits am folgenden Vormittag war das Tempolimit auf Autobahnen Geschichte.

Bundeskanzler Helmut Kohl gab sich bei der Begründung seiner Entscheidung als nachdenklicher Umweltpolitiker. Er habe größtes Verständnis für die Sorgen der Waldbauern, aber: „Was nützen drastische Maßnahmen, wenn sie nichts bringen?“ Tatsächlich hatte der TÜV nur eine geringe Reduzierung der Schadstoffe ermittelt. Wobei ein Grund war, dass die Studie auf der Annahme basierte, dass 70 Prozent der freien Bürger auf einer freien Fahrt bestehen würden. Ein Tempolimit werde eben nicht akzeptiert, lautete die Diagnose.

Fazit der Bestatter des Tempolimits: Gegen Schadstoffe helfe nur modernste Motoren-Technik. Und die liefere die deutsche Autoindustrie mit ihren großartigen Ingenieuren mit Sicherheit wie keine andere im Rest der Welt. Sehr viele haben das geglaubt, viele glauben es bis heute. Selig sind wir darüber nicht geworden. Die Natur gewiss nicht.

Ein paar tausend Unfallopfer, die noch leben könnten, auch nicht. Langsam kann gut tun.