Auf dem Schwebebalken der Peinlichkeiten

Der große Präsident ist wieder weg. Recep Tayyip Erdogan hat seinen Staatsbesuch in Deutschland beendet. Es war, wie erwartet, ein Tanz auf dem Schwebebalken der Peinlichkeiten. Jetzt heißt es: Durchatmen, und abwarten, ob es irgend etwas gebracht hat.

Furchtbar irritierend, aus Sicht eines Journalisten, war der Umgang mit meinem türkischen Kollegen, der in der Pressekonferenz von Angela Merkel und Erdogan abgeführt wurde. Sein Vergehen: Er hatte auf seinem T-Shirt Pressefreiheit in der Türkei gefordert.

War das richtig? Der Umstand, dass Präsident Erdogan wohlig registriert haben dürfte, welch große Mühe sich die deutschen Gastgeber geben, um für ihn eine heimelige Atmosphäre zu schaffen, ist nicht der heikelste Aspekt. Regierungssprecher Steffen Seibert vertrat den Standpunkt, dass bei Pressekonferenzen der Bundesregierung keine „politischen Anliegen“ vertreten werden dürften.

Und ja, man kann es als Teil der Etikette betrachten, dass Journalistinnen und Journalisten bei solchen Gelegenheiten äußerlich neutral oder dezent auftreten. Bloß: Sind Grundrechte ein Deutschland ein „politisches Anliegen“. Das doch nicht. Sie sind das Fundament dieses Staates. Pressefreiheit ist eine der Säulen unserer Demokratie. Nur wer sie anzweifelt oder bekämpft, verhält sich falsch. Wer sich dafür einsetzt, tut das Richtige.

Sicher wäre es seltsam, wenn ab sofort jede_r Journalist_in mit einem Grundrecht seiner Wahl oder einer anderen bedeutenden Botschaft auf seiner Brust zur Pressekonferenz käme. Aber ist es nicht anders zu sehen, wenn Befragte jemand ist, der genau dieses elementare Recht mit Füßen tritt und der es verdient hat, dass man ihm diese falsche Politik bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reibt?

Unbedingt. Fazit deshalb: Man hat vor einem Staatspräsidenten gekuscht, der andere Werte vertritt, als sie bei uns gelten.

Und der davon gebrabbelt hat, dass in Deutschland „tausende Terroristen“ unbehelligt lebten. Der schließlich eine Moschee eingeweiht und dabei sehr darauf geachtet hat, dass davon nicht ein kleiner Funke Integrationsbotschaft ausgegangen wäre. Der stattdessen die Rassismus-Debatte um Mesut Özil aufgekocht hat.

Da bleibt nur: Seien wir froh, dass er abgeflogen ist. Filtern wir aus, ob am Erdogan-Besuch etwas gut war. Und denken wir uns leise: Der Mann braucht dringend Geld. Vielleicht wird’s dadurch besser.

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