Merkel bettelt, Söder sattelt die Pferde

Man muss unsere Bundeskanzlerin nicht bedauern. Aber zu beneiden ist Angela Merkel in diesen Tagen nicht. Sie muss irgendwie eine  europäische Lösung für die Flüchtlingsfrage zurechtzimmern. Ansonsten läuft das Ultimatum ihres großen Verbündeten aus. Stellt sie ihn nicht zufrieden, und bliebe Horst Seehofer entgegen jeder Erfahrung konsequent, wäre nicht nur eine langweilige Regierung am Ende, sondern vielleicht auch eine verlässlich funktionierende Demokratie.

Merkels Problem: Sie braucht die anderen. Die aber haben reichlich Gründe, Deutschland nicht zu mögen. Wir pflegen ja eifrig unser Selbstbild vom europäischen Musterknaben, der genau auf die Einhaltung von Regeln achtet und Bedrängten immer beisteht. Deshalb haben wir Griechenland ein brutales Sparprogramm verordnet und haben trotz eines vielstimmigen Wehklagens in Fernseh-Talkshows gut daran verdient. Im Großen sind das Zinseinnahmen in Milliardenhöhe, im Kleinen haben sich deutsche Investoren die griechischen Flughäfen einverleibt.

Die Kanzlerin braucht die Unterstützung von Italien. Aber hat Deutschland jemals seinem Nachbarn in der Flüchtlingsfrage geholfen? Ist es nicht vielmehr üblich, auf die Politiker dieses Landes hochnäsig herunterzuschauen? Die enorm hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Staaten am Mittelmeer hat uns nicht wirklich interessiert. Unser Exportüberschuss schon.

Wir nennen uns Umweltvorreiter, aber das gilt nicht, wenn Europa unserer Wirtschaft schaden könnte. Als vor fünf Jahren der Kohlendioxid-Ausstoß von Autos begrenzt werden sollte, waren 27 Regierungen dafür. Die selbst ernannte Klimakanzlerin Angela Merkel jedoch hatte Anrufe der Autobosse bekommen – und verweigerte die Zustimmung. Überhaupt bekommt das angebliche EU-Musterland wegen Regelverstößen deutlich mehr blaue Briefe aus Brüssel als zum Beispiel Italien. 2016 betrug dieses Verhältnis 91 zu 70. Dass sich die Regierung zu wenig um Nitrat im Trinkwasser kümmert, bekam sie jüngst vom Europäischen Gerichtshof bescheinigt.

Es könnte also gut sein, dass Merkels Misere vielerorts mit Schadenfreude betrachtet wird. Was sie an Unterstützung bekommen kann, wird Horst Seehofer nicht reichen. Die Prognose: Er wird noch zwei, drei weitere Ultimaten stellen, bis rechtzeitig zur Landtagswahl die Forderungen der AfD zu 110 Prozent umgesetzt sind. Und sein Parteifreund (Todfeind) Markus Söder? Er wird zum Start der Briefwahl Zurückweisungen höchstpersönlich vornehmen, hoch zu Roß auf einem weiß-blau besprühten Hengst der Polizei-Reiterstaffel.

Sie finden diesen Text gerade allzu absurd? Dann warten Sie’s mal ab.

1 Kommentar in “Merkel bettelt, Söder sattelt die Pferde

  1. Damit haben Sie leider allzu Recht, Herr Schrage. Wenn Sie ein wenig im Archiv graben, finden Sie wahrscheinlich auch mindestens einen Leitartikel von vor 5 Jahren (oder länger), der die Nicht-Unterstützung von – vor allem – Italien und Griechenland bei der Erstaufnahme von Flüchtlingen durch die Immer-noch-Kanzlerin thematisiert.

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