SPD: Schließlich entscheidet Hirn statt Herz

So, wir atmen jetzt tief durch, entspannen und bleiben ein paar Tage völlig unaufgeregt. Die SPD-Mitglieder haben ihre große Entscheidung getroffen. Zwei Drittel sind für eine gemeinsame Regierung mit CDU und CSU. Erst das Überleben sichern, dann (vielleicht) erneuern – so lautet die Devise klaren Mehrheit.

Doch schon wird nach der Spaltung der Partei geforscht. Ob die tiefen Gräben zwischen den Lagern überwunden werden könnten, wird am Tag der Entscheidung immer wieder gefragt. Für eine Antwort darauf ist es viel zu früh. Das Pro-GroKo-Votum kam nicht nur mit einer stolzen Teilnahme-Quote von 78 Prozent zustande, es ist mit 66 Prozent der Stimmen auch sehr klar ausgefallen. Das bedeutet, nach den gängigen Regeln der Demokratie, dass die Sieger der Abstimmung nun zeigen dürfen, ob ihr Weg gut ist.

Das werden auch jene respektieren, die mit Herz und Bauch entscheiden wollten. Das wäre vielleicht genau richtig gewesen. Aber eine Abstimmung wird eben je mehr zur Kopfsache, je länger die Bedenkzeit dauert. Für die GroKo-Gegner ist die Wirklichkeit nicht schön, aber hinnehmbar.

Doch werden sie bekommen, was sie wollen? Diese Erneuerung ihrer Partei, von der so viel geredet wird? Zweifel sind angebracht. Man regiert mit der großen Rautenformerin Angela Merkel, die nur dann Reformen zulässt, wenn es sich gerade mal ergibt. Und dann ist da dieser Koalitionsvertrag. Mit allen seinen Themen wirkt er nicht wie ein Programm für dreieinhalb, sondern eher für zwölf Jahre.

Und ist die GroKo überhaupt der große Sonderfall? Hinter der neuen Bundesregierung stehen 53,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler. Die sozialliberale Koalition 1972 hatte 54,2 Prozent im Kreuz, bei Schwarz-Gelb im Jahr 1990 waren es 53,8 Prozent.

Das Bündnis aus Union und SPD könnte also zum alternativlosen Normalfall werden. Es ginge nur darum, wer den oder die Kanzler/-in stellt. Schöne Aussicht? Kaum, sagt das Herz. Sieht aber ganz so aus, sagt das Hirn.