Wahrheit kann auch Alternativen haben

Wir sehnen uns nach der Wahrheit Wir wollen wissen, was wirklich ist. Aber manchmal ist die Lüge einfach schöner. Und dann sind wir beim „Unwort des Jahres“, den „Alternativen Fakten“.

Wir Deutschen gelten als Fundamentalisten in Sachen Wahrheitsliebe. Unser Wille, auch kleinste Fragen des Daseins rechtssicher zu regeln, verstört und beeindruckt Menschen aus anderen Ländern gleichermaßen.

Das beste Beispiel für unseren schonungslosen Kampf um Redlichkeit ist der Videobeweis im Fußball. Schiedsrichter treffen gemäß Regelbuch Tatsachen-Entscheidungen. Wird ein Elfmeter zu Unrecht nicht gegeben, ist die Entscheidung falsch, es werden alternative Fakten geschaffen. Aufseher an Bildschirmen überwachen das Ganze. Und korrigieren, was zu korrigieren ist. Oder täuschen sich ebenfalls.

Nie jedoch würde uns in den Sinn kommen, so zu arbeiten, wie der Dämon im Weißen Haus zu Washington. Wir sind verstört und beeindruckt von der Dreistigkeit, mit der dieser Donald Trump bei Bedarf die Wahrheit ignoriert und ins Gegenteil verkehrt. Würden wir nie tun.

Wirklich nicht? Wurden nicht ein paar deutsche Autos auf der Grundlage alternativer Fakten verkauft? Wissen wir, wenn unsere Qualitätsmedien in mutmaßlich klarer Faktenkenntnis über politische Entscheidungen kommentieren, tatsächlich immer, welche Wirtschaftslobby am neuen Gesetz mitgewirkt hat. Wenn wir uns als Konsument darüber freuen, dass modische T-Shirts billig sind, stimmt der Preis. Ist aber nicht auch die ekelhafte Ausbeutung der Näherinnen genauso faktisch korrekt?

Erfahrene Richter wissen, dass sie selbst nach der 30. Zeugenaussage nicht zwingend die Wahrheit kennen. Sie entscheiden anhand dessen, wie sich ein Fall nach sorgfältiger Betrachtung darstellt.

Den US-Präsident für seine Lügen zu verhöhnen, ist leicht. Schwieriger ist die Demut, sich  einzugestehen, dass die Dinge immer auch anders sein können. Diese sollten wir haben und sie bewahren. Dann ist Wahrheit zumindest greifbar.