Der Orgasmus der Marktwirtschaft

Schenken macht Freude. Geschenke bekommen aber auch. Es wäre doch ganz wunderbar, wenn wir an Heiligabend nach der Bescherung mit einem richtig guten Gefühl ins Bett fallen könnten. Einfach genießen. Ganz ohne Stress.

Das geht natürlich nicht, denn dieses Weihnachten 2017 ist ein Fest mit größtmöglichem Planungsbedarf. Weil Heiligabend auf einen Sonntag fällt, müssen wir drei (!) Tage ohne offene Supermärkte überstehen. Nicht einfach, denn Tiefkühltruhen funktionieren nicht, wenn die Tür wegen Überfüllung nicht mehr zugeht. Jedoch: Hunger kommt schnell – und die „Schicksalsjahre einer Kaiserin“ sind ohne Kartoffelchips nur halb so rührend.

Aber das schaffen wir. Schließlich sind wir reich beschenkt. An Weihnachten ganz konkret mit Freizeit. Wenn man überlegt, wie viele Menschen die Feiertage genießen, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind oder niemals einer christlichen Gemeinschaft angehört haben, kommt man auf ein gewaltiges Ausmaß an nicht geleisteter Arbeit. Müsste man nicht wenigstens diese Tage im Wege einer Atheisten-Angabe zugunsten der Bedürftigen besteuern?

Man könnte, man sollte. Denn es wäre bloß gerecht, gegenüber den Kirchensteuer-Zahlern.

Andererseits: Es wäre unsinnig, jemand die Weihnachtsfeiertage abzuerkennen. Denn es brächte nur Ärger. Wir sind ja eine hoch produktive Exportnation. Was etwa machte man mit tausenden zusätzlich gebauter Autos, die keiner kaufen will. Verschenken?

Es wäre naheliegend. Denn Weihnachten ist eben auch ein Orgasmus unserer Marktwirtschaft. Es ist der Tsunami der Müllentsorgung, der Laufsteg der Scheinheiligen, die Vorhölle zur nächsten Diät.

Aber schön ist es trotzdem. Alsdenn: Jauchzet! Frohlocket! Bedenket: Euer Discounter öffnet bald…

 

1 Kommentar in “Der Orgasmus der Marktwirtschaft

1 Comment
  1. Tja, und genau darum, um Familien mit Kindern einen ruhigen Feiertag zu bescheren, arbeite ich traditionell seit Jahren an besagten Tagen. Damals als Zivi im Behindertenfahrdienst, weil gerade da viele Menschen fahren, aber niemand arbeiten möchte, danach dort ehrenamtlich, bis der „Gelbe Führerschein“ wegen zu wenig Einsätzen verfallen ist.
    Freilich, mit frischem Obst oder Gemüse für verhungernde, skelletierte und dem Tode nahen Mitbürger, die wegen der Tatsache, daß der Lidl im Hauptbahnhof geschlossen hat, kann ich leider nicht aufwarten, diese (für mich absolut dumme oder maßlos egoistische ) Klientel überlasse ich mit purer Absicht dem selbst ausgewählten Untergang!
    Bisher entlaste ich dann eben Kollegen, die gerne frei haben möchten; aber, für die vor Hunger dahinsiechenden (Mit)Bürger, deren Freiheitsrechte und Nahrungsquellen wegen der Beschränkung in Gefahr sind, habe ich leider keinerlei Verständnis. Weil, im Gegenzug könnten wir als Elementarversorger dann auch freie Tage fordern, damit diese Egoisten mal wissen, was wirklich elend ist: Über die Feiertage kein Wasser, keinen Strom, kein Gas, keinen öffentlichen Nahverkehr, keine Taxen, keinen Notarzt, kein Krankenhaus usw. Das wäre weitaus belastender, als ein geschlossener Discounter; und, kleiner Nachsatz: Das Obst oder Gemüse, welches heute verkauft worden wäre, wurde garantiert nicht heute früh frisch geerntet! Das Geheimnis der vermeintlichen Frische verdanken wir einem Herrn Linde, und, dessen Erfindung steht in fast jedem Haushalt!
    Und, wenn ich just am Heilig Abend von einer Reise heimkehre, in diesem Fall ist eine Dose Gemüse (ja, das gibt es wirklich!) auch mal ein Notbehelf, der vor dem Hungertod bewahren kann!
    Und, gesteigerte Todesraten an Feiertagen sind eher ursächlich einem übermäßigen Lebensmittelkonsum zuzuordnen, als dem Verhungern!
    In diesem Sinne, Frohe Festtage.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Um zu überprüfen, dass Sie eine reale Person und kein Spam-Roboter sind, lösen Sie bitte vor dem EINTRAGEN die nachfolgende kleine Rechenaufgabe, das sogenannte CAPTCHA *