Nicht ist spannender als das Andere

Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, glaubt man gerne, dass man recht gut über Gott und die Welt Bescheid weiß. Überraschende Erlebnisse sind dann besonders schön.

Bei einem Diskussionsabend sollten gehörlose Menschen schildern, wie sie sich Deutschland im Jahr 2026 vorstellen. Als einziger Gast hatte ich bis dahin nichts mit Hörgeschädigten zu tun gehabt. Umso größer war mein Erkenntnisgewinn.

Überrascht war ich darüber, dass es in Bayern rund 8000 Gehörlose gibt. Keine kleine Zahl. Mit der vom Grundgesetz eigentlich garantierten Chancengleichheit ist dennoch nicht weit her. Um in der Welt der Hörenden mitzuhalten, sind Gehörlose auf Dolmetscher angewiesen. Wie ist das bei einem Studium? Dann muss diese Unterstützung Semester für Semester aufs Neue beantragt werden.

Wie ist es mit der Politik? Es dürfte keinen Partei-Ortsverein geben, in dem Gehörlose dank Übersetzer mitreden können oder der es gar wagen würde, Nicht-Hörende als Kandidaten zu nominieren. Eine Diskussion über Quoten bei der Vergabe von Mandaten wäre nicht verkehrt.

Apropos: Eine andere Anwesende hatte einen Ausbildungsplatz deshalb bekommen, weil ihre Firma die Schwerbehindertenquote nicht erfüllt hatte. Allerdings wurde ihr vom Chef erklärt, dass man lieber eine andere Behinderung genommen hätte. Bei Gehörlosen müssten viel mehr Formulare ausgefüllt werden. Sicher nett, das so zu hören.

Eine Lehrerin fasste es so zusammen: „Ich könnte viel, aber ich komme aus meiner kleinen Gehörlosen-Welt nicht heraus.“ Anders gesagt, leistet es sich diese Gesellschaft, Fähigkeiten und Potenziale ungenutzt zu lassen, weil sie bei sozialen Fragen immer zuerst auf die Kosten schaut.

Was lernt man noch bei einer solchen Begegnung? Hörende sollten mit Gehörlosen gestenreich reden, auch wenn sie in der Gebärdensprache möglicherweise Unsinn erzählen. Man soll beim Reden den Gegenüber anschauen, damit die Lippen gelesen werden können. Ein Bart stört nicht, sofern er nicht über die Oberlippe wuchert. Man sollte deutlich, aber nicht zu langsam reden, denn dann fühlt sich der Andere doof.

Es gibt Dialekte: Die Gebärde für „Sonntag“ ist in Norddeutschland anders als im Süden. Wer mit Gehörlosen zusammenleben möchte, sollte wissen: Beim Kochen scheppern die Töpfe gewaltig. Die Geräusche stören ja nicht.

Wie aber war der Wunsch für 2026? Deutschland soll bunt sein, mit gleichen Möglichkeiten für alle Menschen. Unterschreibe ich sofort, denn ich habe erlebt: Nichts ist spannender als das Andere.