Leiten ist gut, aber Kulturen gibt es viele

Das Wirken des Gesetzgebers erfreut uns dann am meisten, wenn es klare Verhältnisse schafft. Wir wollen schließlich woran wir sind. Doch so einfach geht Politik nicht. Jüngstes Beispiel: Die CSU möchte den Begriff „Leitkultur“ in der Bayerischen Verfassung verankern.

Bayerische Verfasung, gibt es die überhaupt? Jawohl, und sie ist nicht das schlechteste derartige Regelwerk. Darin heißt es zum Beispiel: „Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung.“ Oder auch: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ Oder: „Ausbeutung, die gesundheitliche Schäden nach sich zieht, ist als Körperverletzung strafbar.“

Aber Leitkultur, was soll das sein? Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt zwar, dass „unsere Hausordnung“ nicht verhandelbar sei. Wer dann aber welche Treppe kehrt oder wer zu was intergriert werden soll – da bleibt es sehr im Allgemeinen, indem er sagt:„Bayern soll Bayern bleiben. Deshalb streben wir an, dass der Begriff der Leitkultur als Voraussetzung für Solidarität und Miteinander in die Bayerische Verfassung aufgenommen wird.“

Gegen „Leit“ ist nichts zu sagen. Hier wird eine Richtung vorgegeben. Wir kennen den Leitwolf, der uns den Weg zeigt, den zumeist besonders intelligenten Leitartikel als Grundlage für politische Meinungsbildung, den Leitfaden, der uns durch jedes Labyrinth unserer Gedanken lenkt. Wir wissen, dass Leitzinsen auch gegen Null gehen können und dass uns Leitplanken davor bewahren, in tiefe Schluchten zu stürzen.

Doch Kultur? Davon gibt es so unendlich viel. Wir können uns zwar denken, dass für die CSU der Islam nicht zu Deutschland gehört. Aber ist uns der Döner nicht genauso nahe wie die Bratwurst? Sind Tore eines polnischen Mittelstürmers, die von einem Franzosen muslimischen Glaubens vorbereitet wurden, etwas nicht mit unserer Leitkultur vereinbar? Ist Leitkultur eine Form von Hochkultur? Oder ist sie Alternativkultur im Sinne eines Bollwerks gegen das allgemeine Multikulti?

Was wollen wir unseren neuen Mitbürgern lehren, womit wollen wir sie vertraut machen?  Unternehmenskultur, Sprachkultur, Popkultur, Monokultur, Wohnkultur, Pilzkultur, Tischkultur, Müllkultur oder Hydrokultur? Ist die Integration des Flüchtlings gar erst dann vollendet, wenn er Freikörperkultur gut findet?

All das müssten wir wissen, um die bayerische Leitkultur-Initiative zu verstehen. Bis dahin sei festgestellt: Dieser Freistaat mag seine ganz eigenen Kulturbringer haben. Die Lederhose ist es nicht.