Herr Gauland, der Feldmarschall der Gartenzwerge

Und wieder hat Alexander Gauland das karierte Sakko felsenfest geknöpft, den ergrauten Schädel gesenkt und sich im Namen von Partei, Volk und islamfreiem Vaterland in den Gegenwind der herrschenden Meinung gestellt. Die Leute, so der stellvertretende AfD-Chef wollten den Fußball-Nationalspieler nicht als Nachbarn haben. Die Empörung ist groß. Ob es ihn juckt?

Ich gestehe, Jerome Boateng als Nachbar würde auch mir Probleme bereiten. Das hat aber ausschließlich mit der aus meiner Sicht verfehlten Wahl seines Arbeitgebers zu tun. Als lebenslanger Anhänger des 1. FC Nürnberg bekäme ich Seelenschmerz, wenn ich jeden Tag am Gartenzaun einem Deutschen, Welt- und Sonstwas-Meister in Diensten von Bayern München zulächeln müsste, während der Club meines Vertrauens eine Liga tiefer herumdümpelt. Aber diese diskriminierenden Gedanken fallen unter die Kategorie Sport. Sie regeln sich sowieso insoweit, als ich schon aus finanziellen Gründen niemals Nachbar von Neuer, Müller oder eben Boateng werden könnte.

Alexander Gauland dagegen ist ein wirklich schlimmer Finger. Dieser Mann ist nicht dumm, aber blöd. Blöd verhält er sich,weil er Parolen in Umlauf setzt, die er wahrscheinlich selber für krank hält. Er macht sich gemein mit Menschen, die er, wenn er nicht ihre Stimmen einsammeln wollte, nicht einmal mit der Kehrseite anschauen würde. Diese Verlogenheit in der Provokation macht den AfD-Vize besonders widerlich.

Erstaunlicherweise hat er mit dem Boateng-Gerede recht leichtfertig offenbart, dass sein Denken auf einem vorgestrigen, plumpen Rassismus beruht. Ein Schwarzer mit afrikanischen Wurzeln muss, egal ob hier geboren oder nicht, eine Gefahr sein, er muss mit diesem Propheten zu tun haben, vor dem AfD diese, unsere Gesellschaft unbedingt schützen will. Dumm bloß, dass Jerome Boateng ein gläubiger Christ ist, auf dessen linken Unterarm die Gottesmutter Maria tätowiert ist. Dieser Abwehrspieler schießt vielleicht Kerzen, aber niemals Minarette.

Falscher hätte das Opfer der Diffamierung also gar nicht sein können. Aber ein Gauland weiß, dass das nicht so schlimm ist. Hauptsache, dieses „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist in den passenden Kreisen angekommen. Die Affäre bringt die AfD mächtig ins Gespräch. Und wenn es sein muss, zupft Frauke Petry das Röckchen zurecht und spielte die Empörte.

Nein, dieser Mann weiß, was er tut. Also geben wir ihm eine angemessene Aufgabe. Wir ernennen ihn zum Feldmarschall der Gartenzwerge und machen ihn so zu unserem Nachbarn. Als Anführer schmückt ihn die passende Armbinde: Mit der Aufschrift „Ordner“, mit drei schwarzen Punkten oder doch mit dem ……………? Entscheiden Sie selbst.

Was auch passiert: Die Brust muss schön sein

Sind wir besorgt? Gestresst? Genervt? Macht nichts. Im Zweifel gilt in dieser Gesellschaft die aus Berlin überlieferte Devise: Seien wir arm, aber sexy.

Tatsächlich ist die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland nach Daten der wichtigsten einschlägigen Ärzteverbände 2015 um rund neun Prozent gestiegen. Die Vereinigungen mit den optisch recht hässlichen Abkürzungen  VDÄPC und DGCÄP haben 43.287 ästhetisch-plastische Eingriffe gemeldet, 3500 mehr als ein Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Schönheitsoperationen wird auf etwa das Doppelte geschätzt. Was läuft da ab?

Zunächst folgt das Geschäft mit dem Ästhetik-Schnippeln einem ansonsten überwundenen Geschlechter-Schema. Der Männeranteil bei den Patienten liegt bei zwölf Prozent. Um die Brust geht es dabei sehr oft. Häufigster Eingriff bei den Frauen war die Brustvergößerung, bei Männern die Brustverkleinerung. Würde die Gesellschaft akzeptieren, dass nicht jedes Dirndl ausgefüllt werden muss, dass aber die Östrogene im Bier dafür sorgen, dass Männer die größeren Büstenhalter brauchen – alles wäre in Butter.

Auch das Oberlid ist so ein Reiz-Thema. Würden wir ertragen lernen, dass wir – ganz altersgemäß – immer ein bisschen müde, dafür aber listig aussehen, wären wir ein paar Sorgen und die Chirurgen ihr zweitbeste Einnahmequelle los. Aber stattdessen wird gestrafft, was die Haut hergibt.

Tja, Schönheit, oder das, was manche dafür halten, befördert die Karriere. Sie lässt uns hoffen, dass Tod und Verderben besiegt werden können, weil uns der Sensenmann als viel zu jung anschaut.

Deshalb werden die Skalpelle der Chirurgen in Zukunft noch mehr glühen. Aber vielleicht denken wir bei alldem zu kurz. Ohne die Reparaturkosten für unser Äußeres hätten wir uns viele andere schöne Dinge leisten können. So aber schieben wir unsere Rollatoren mit vollen Lippen, straffen Brüsten und angelegten Ohren. Die Erotik der Gehilfe wird neu definiert. Aber sexy ist das eher nicht.

Zigaretten-Ekel: Nehmt Spinnen und Minarette

Die Hand wird gierig ausgestreckt. Doch plötzlich bildet sich eine Gänsehaut, Schweiß bricht aus und der Finger verkrampft sich rettungslos. Denn auf dem Objekt der Begierde prangt Ekelhaftes. Mit Schockfotos möchte die EU-Kommission Raucher/-innen von ihrer Tabaksucht wegbekommen. Die Aktion ist gut gemeint, aber viel zu phantasielos.

Geschwüre, verfaulende Gliedmaßen oder schwarzbraune Zähne sind bestimmt nicht appetitlich. Aber im Grunde weiß jeder Raucher, was ihm irgendwann blüht. Er wird beim Einkauf die Augen schließen und die Zigaretten ganz schnell in das schicke Lederetui stecken, das ihm andere Stammgäste seiner Qualmer-Ecke zum Geburtstag geschenkt haben. Wahre Zyniker werden sogar gerne zugreifen und sich darüber freuen, dass diese Sammelfotos eine Gratis-Dreingabe zum Produkt sind. Panini-Bildchen kosten ja.

Trotzdem: Die Sache ist zu kurz gedacht. Wenn es wirklich darum ginge, die Menschen vom Glimmstängel wegzubringen, müsste man die häufigsten Phobien ansprechen. Spinnenbilder etwa wären mit Sicherheit ein Umsatzkiller erster Ordnung. Auch Fliegen stoßen ab. Und wenn schon der Hinweis auf Zahnfäule, dann sollte man nicht die hässlichen Beißer, sondern einen sadistisch grinsenden Zahnarzt mit funkelndem Großbohrer zeigen.

Auch gezieltes Vorgehen lohnt sich. Würden der Inhalt der Zigarettenautomaten am Nürnberger Stadion mit Fotos von Franck Ribery oder Uli Hoeneß bestückt, wäre das mindestens so wirkungsvoll wie die Tofuwürfel-Marlboro neben dem fränkischen Brauereigasthof. Neben Bioläden wiederum müssten Schweinskopfsülzen-Fluppen, neben CSU-Geschäftsstellen Merkel-Ziggis und neben AfD-Büros Minarett-Sargnägel offeriert werden.

Die Abscheu wäre groß. Aber lassen wir das. Sonst kommt die EU noch auf die Idee, Porträts von Alexander Dobrindt auf die Motorhauben neuer Autos sprühen zu lassen. Und das wäre wirklich zuviel des Grauens. Wir bitten um Milde.

 

 

 

Fast null ESC-Punkte. Es hätte schlimmer kommen können

Unsere Erwartungen haben eine große Macht über unser Empfinden und über das, was letztlich passiert. Diese These wurde jetzt durch eine aktuelle Studie der Universität Würzburg untermauert. Womit wir beim Eurovision Song Contest wären.

Den fränkischen Forschern haben belegt, dass wir Schmerzen besser aushalten, wenn man uns vorher verspricht, dass wir nicht viel spüren werden. So ist das auch mit dem großen Liederwettbewerb. Wir gehen, ganz egal wer da singt, fest davon aus, dass sich Deutschland vor 200 Millionen Zuschauern einmal mehr blamieren wird. Anders als bei Ballsportarten reden wir nicht vom Sieg, sondern davon, ob es diesmal vielleicht nicht der letzte Platz sein müsste. Diese Bescheidenheit hilft. Die große Niederlage lässt Volk und Regierung ziemlich kalt.

Richtig so, denn Deutschland gilt, trotz Beethoven, Wagner und Bohlen, der Welt als Land der Dichter und Denker, nicht aber als Nation der Komponisten. Wir bauen wunderbare Autos mit ungewissen Abgaswerten, haben die besten Kettensägen konstruiert und sind bei zahllosen Produkten Marktführer.

Besoffene Geselligkeit ist eines unserer weiteren Haupt-Kompetenzfelder. Weshalb der aktuelle Beitrag wohl auch verwirrend war. Das Kleid der Sängerin Jamie Lee würde bei  Trinkfesten und Trachtenpartys als Polyester-Designer-Dirndl durchgehen. Aber ein Titel wie „Ghost“ und der abgedrehte Kopfschmuck hätten besser zu Island gepasst. Oder zu anderen mystischen Gegenden. Was den einzigen Jury-Punkt aus Georgien erklären kann.

Doch was mit der Politik? Damit, dass sich Europa und sogar Australien gegen Russland verschworen haben? Traf uns nicht ein viel schlimmeres Komplott? Sagen wir so: Wir müssten uns nicht wundern. Wir exportieren neben famosen Produkten auch Arbeitslosigkeit, indem wir uns durch jahrelange Mini-Lohnerhöhungen und Hartz-IV-Gesetze mit weitaus ärmeren Ländern konkurrenzfähig gemacht haben.

Ja, die Rache ist gelungen. Wenn auch nicht perfekt. Der ESC muss in Europa ausgetragen werden. Hätte nun Australien gewonnen, hätten die anderen gewiss auf uns brave Gebührenzahler gezeigt. Dem Vernehmen nach war München als Austragungsort schon ausgehandelt. Dann aber wäre der Song-Wettbewerb mit der 27. Meisterfeier des FC Bayern zusammengefallen.

Sicherheitstechnisch ein unlösbares Problem. Wir hatten somit Glück im Unglück. Ein Hoch auf die Krim-Tartaren.

 

 

Im Atem steckt Begeisterung

Schön und pur ist die hohe Wissenschaft immer dann, wenn sie sich daran macht, scheinbar zweckfrei die letzten Geheimnisse unseres Daseins zu entschlüsseln. Genau so, wie dies gerade Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes-Gutenberg-Universi­tät in Mainz tun: Sie behaupten, an der Zusammensetzung der Abluft von Kinos feststellen zu können, wie das Publikum einen Film findet.

Zunächst fragt man sich: Was soll das, woran erinnert uns das? Um den ersten Teil der Frage zu beantworten, sollte man am besten Wissenschaftler sein. Dann weiß man, dass das Forschen auch dann Sinn hat, wenn es ohne Ziel geschieht. Es gibt viele Erfindungen, deren Nutzen sich erst dann gezeigt hat, als sie bereits gemacht waren. Teflon wurde für die Raumfahrt erforscht. In den daraus gemachten Pfannen brutzeln heute die schönsten Schnitzel dieser Welt.

Teil zwei der Frage führt uns direkt zu einer inzwischen weithin vergessenen Fernsehshow: Willkommen bei „Wetten, dass…?“.  Wir denken an zahllose abstruse Prüfungen.  Emotionsnachweis via Abluft ist kaum anders als das Erkennen von Buntstift-Farben am Geschmack.

Unsere Kino-Forscher jedenfalls betrachten die mit Hilfe eines Massenspektrometers gemessenen Werte als eindeutig. Man könne sicher darauf schließen, ob Komik, Dialog oder Kampf gezeigt wurden. Besonders klar sei, so die Mundgeruchs-Analytiker, die chemische Signatur der „Tribute von Panem“ gewesen. Menschen atmeten mehr als 800 chemische Verbindungen in winzigen Mengen aus. Diese könnten sichtbar gemacht wer­den. Der­zeit werden die Daten von „Star Wars“ ausgewertet.

Die Werbeindustrie nimmt diese Chance, die Menschen auszuforschen, gewiss dankbar entgegen. Wir fragen allerdings, wie es zu werten ist, wenn Zuschauer aus Langeweile wegdösen. Etwa während eines Beitrages aus der Reihe „Bayern München kämpft um die Deutsche Meisterschaft.“

Und uns fehlt Klarheit hinsichtlich der Frage, ob die Art der Gastronomie an den Zugängen zum Kino Einfluss auf die Abluft-Analyse hat. Vielleicht war es kein Vampir-Film. Es war der Döner-Stand.

Der Türke. Der Syrer. Der Nordafrikaner.

Also zitierte der Innenminister sein Flüchtlings-Einmaleins: „Türken sind leichter zu integrieren als Syrer. Syrer sind leichter zu integrieren als Nordafrikaner.“ Diese Sätze klingen harmlos. Sie könnten, wie es so schön heißt, an jedem Stammtisch so gesagt werden. In diesem Fall saß Thomas de Mazière auf einem Talk-Show-Sofa. Er fühlte sich mit seiner Aussage richtig wohl. Ich finde, zu Unrecht.

Seine Worte spiegeln unsere Vorurteile wider. Wenn wir auf Muslime schauen, erkennen wir keine Vielfalt. Wir meinen, dass es „den Türken“ gibt, der eben so ist, weil er irgendwo zwischen Istanbul, Ankara und Diyarbarkir lebt. Zwischen dem Mitarbeiter einer großstädtischen Werbeagentur und einem ostanatolischen Kleinbauern sehen wir im Grunde keinen Unterschied. Ja, man kann sie in unsere Gesellschaft eingliedern. Aber nur, wenn man ihnen die rotzige Frechheit und das verrückte Macho-Gehabe ihres Staatspräsidenten austreibt.

Nach schwieriger wird es, wenn man unserem Minister folgt, mit „den Arabern“. Wir haben uns seit langem darauf geeinigt, dass es sich hier um ein rückständigen Teil der Menschheit handelt. Arrogante, ungebildete Faulpelze, die ihren Ölreichtum beim Kamelrennen verwetten und entrechtete, zwangsverhüllte Frauen, die ausschließlich Haus, Hof und mindestens ein halbes Dutzend Kinder hüten. Menschen, die ihren Kopf nicht selbst benutzen, weil sie ja Allah haben.

Und „die Nordafrikaner“? Sie sind, zurzeit jedenfalls, die allergrößte Bedrohung unserer abendländischen Kultur. Wobei nicht so recht geklärt ist, wer sie eigentlich sind. Sind es die netten Ägypter, die am Nil den Touristenschiffen zuwinken, die chaotischen Libyer, die ziemlich demokratischen Tunesier oder die listigen Marokkaner? Oder handelt es sich um die komplett undurchschaubaren Bewohner von Mauretanien, Sudan, Eritrea, Niger oder Mali?

Spätestens an dieser Stelle springt uns eine ungeheure Vielfalt entgegen. Uns darauf einzulassen, würde uns aber bloß verwirren. Da folgen wir lieber dem Minister und stempeln „die Nordafrikaner“ mit dem Vermerk „schwerst integrierbar“ ab.

Ich habe fünf Menschen aus schwierigen Regionen kennengelernt – aus Iran, Palästina, Mali, Bangladesch und Gambia. Diese sind, weil Journalisten wie ich, gewiss nicht repräsentativ. Aber alle streben nach Demokratie und Pressefreiheit und sind bereit, dafür größte persönliche Opfer zu bringen. Während bei uns viele Talkshow-Seher schon schockiert wären, wenn man ihnen Bier und Chips wegnehmen würde.

Doch nie würde ich einem Innenminister so ganz widersprechen. Deshalb stelle ich fest: Der Sachse ist in Brandenburg leichter zu integrieren, als der Oberpfälzer im Saarland. Und der Mittelfranke in Ostfriesland? Das geht nun wirklich gar nicht.

 

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Störchin, fahr‘ zum Himmel!

„Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.“ So sah das im 18. Jahrhundert  der französische Philosoph Denis Diderot. Und tatsächlich haben wir allen Anlass, die Auswirkungen der Religionen kritisch zu betrachten. Doch muss der Himmel dafür ausgerechnet Leute wie Beatrix von Storch senden?

Unsere rechte Stimmenfängerin hat – vorgeblich besorgt – dem Islam den Kampf gesagt. Sie hat nichts dagegen, dass Muslime in ihren eigenen vier Wänden die Gebetsteppiche ausrollen. Sie dürfen dafür auch in Moscheen gehen. Allerdings sollten diese keine Minarette aufweisen. Allah im Keller – das ginge mit der AfD.  Aber „politisch“? Nein, das darf der Islam nicht sein.

Man fragt sich, ob die selbst ernannten Retter des christlichen Abendlandes ihre eigene Religion kennen. Wenn der Papst auf Lesbos die vielen ertrunkenen Flüchtlinge beklagt und mehr Barmherzigkeit einfordert, ist das eine ausgesprochen politische Botschaft. Man hört Ähnliches jeden Sonntag in den Kirchen beider großer Konfessionen. Von Storch & Co. scheinen das nicht zu wissen. Lehnen sie also Pfarrer grundsätzlich als naive Gutmenschen ab? Oder meiden sie die Gotteshäuser,  weil diese oft mit mächtigen Herrschaftssymbolen namens Kirchturm versehen sind?

Sie reden viel, sie widersprechen sich, manchmal wird es absurd. Aber es ist eben das Problem, dass Glauben und Vernunft nur schlecht zusammengehen. Also akzeptieren wir, dass in den Kirchen Frieden und Gerechtigkeit gepredigt wird, dass die Realität draußen aber anders aussieht. Weihrauch macht besinnlich, aber offensichtlich auch vergesslich.

Vielleicht sendet der Himmel bewusst unterschiedliche Geschenke. Damit jeder das abbekommt, was er gerne mag. Wir kennen nicht die allgemeinen Geschäftsbedingungen des Herrns. Doch besonders verkorkste Sendungen sollte er zurücknehmen – und sei es aus göttlicher Kulanz. Wir beten: „Allmächtiger, steh‘ uns bei. Lass‘ von Storch zum Himmel fahren. Für ewig und immerdar. Du als höheres Wesen kannst selbst diese Frau ertragen. Also lobpreisen wir Dich. Amen!“

 

Die neuen Tagelöhner sitzen am PC

Den 1. Mai wird es, als „Tag der Arbeit“ noch sehr lange geben. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns der einzige globale Feiertag genommen würde, welcher nicht von Staaten oder Kirchen ausgerufen worden ist. Was aber wird aus der Arbeit?

Der Druck auf arbeitende Menschen wird gewiss weiter steigen. Unsere Wirtschaft ist an Wachstumsraten, vor allem bei den Gewinnen gewöhnt. Bloß gab es in den vergangenen Jahren stets diese „moderaten“ Tarifabschlüsse. Heute ist die Inflation niedrig. Guthabenzinsen sind minimal, Kredite deutlich teurer. Also kaufen die Menschen zaghaft. Kurzum: Es rührt sich nichts.

Die Arbeitgeber reagieren mit jenen Methoden, die für sie naheliegend sind. Sie quetschen ihre Beschäftigten aus. Wenn der Umsatz stagniert, muss die Produktivität steigen. Stellen werden nicht mehr besetzt, die Arbeitsmenge bleibt mindestens gleich. Der Druck steigt und steigt. Nette Chefs bieten – immerhin – Yoga am Mittag oder bezahlen die Startplätze für Firmenläufe. Ganz so, als gehörte es zu den Pflichten der Beschäftigten, sich für das tägliche Hamsterrad fit zu halten.

Was aber, wenn das alles noch nicht für schöne Zahlen reicht? Auch dafür haben Arbeitgeber eine Lösung: Es gilt, Menschen so einzusetzen, als würden sie nach seriösen Regeln beschäftigt. Ansonsten behandelt man sie anders. Leiharbeit ermöglicht es, Mitarbeiter ohne Kündigungsschutz loszuwerden. Auch mit befristeten Verträgen bringt man jemand bequem in eine Abhängigkeit vom Chef. Wer aufmuckt, bleibt nicht. Werkverträge sind wirksame Werkzeuge, um den Wert von Arbeit nach unten zu definieren. Warum gemäß Tarif 12 Euro bezahlen, wenn es doch den Mindestlohn gibt?

Aber die vorläufige Krönung der Kostenminimierung ist das so genannte „Cloudworking“. Menschen bieten auf Internetplattformen ihre Fähigkeiten und ihre guten Ideen feil. Weil die Konkurrenz groß ist, halten sie die Preise niedrig. Arbeitgeber haben die freie Auswahl. Sie können die Billigsten unter den Besten herausfiltern und zuschlagen. Es gibt ein Honorar, um alle Nebenkosten müssen sich die zumeist gut ausgebildeten Cloudworker selbst kümmern.

Mag sein, dass der eine oder andere auf diese Weise reich und berühmt wird. Aber eigentlich erleben wir Ausbeutung im großen Stil. Das Internet spiegelt die Wirklichkeit, in diesem Fall das Dasein der Tagelöhner, die früher an bestimmten Straßenecken standen. In der Hoffnung, dass sie wenigstens an diesem Tag ein paar Kröten einnehmen.

Dieser brutale Kapitalismus ist widerlich. Wir sollten ihn bekämpfen. Sein Niedergang? Er hat ihn verdient.